Heimkino-Tipp: „Flug 93“ (2006)

 

Ein Tag im September

Es gibt Filme, denen unabhängig von ihrer formalen und künstlerischen Qualität der Vorwurf anhaftet, aus einer realen Tragik Profit schöpfen zu wollen. Als Gegenargument der beteiligten Filmemacher ist dann oftmals zu hören, ihr Werk wolle lediglich die Opfer ehren und dem Publikum einen ungeschönten Blick auf die menschlichen Schicksale hinter der Tragödie ermöglichen. Dieses Widerspruchs sollte mensch sich bewusst sein, bevor ein Blick auf „Flug 93“ gewagt wird.

Inszeniert von dem Briten Paul Greengrass, dokumentiert das Werk minutiös die Ereignisse an Bord des Linienflugs „United Airlines 93“ am 11. September 2001, nachdem er von Terroristen entführt wurde mit dem (wahrscheinlichen) Ziel, das Flugzeug inmitten der us-amerikanischen Hauptstadt Washington, D.C. zum Absturz zu bringen. Der Begriff dokumentieren ist hierbei bewusst gewählt, denn wenn „Flug 93“ etwas nicht ist, dann ein romantisiertes, klassisch umgesetztes Melodram zu einem wahren Ereignis. Nein, Greengrass wählt die Form, die er zuvor u.a. mit „Die Bourne Verschwörung“ (2004) erfolgreich getestet und später mit „Captain Phillips“ (2013) perfektioniert hat: Eine vorwiegend mit Handkamera gefilmte, mit schnellen Schnitten zusammengesetzte und mit viel Improvisation angereicherte Momentaufnahme, welche die (vor allem westliche) Welt wohl für immer verändert hat.

Ohne einzelne Figuren, die allesamt auf realen Vorbildern basieren, hervorzuheben oder ihnen eine Vorgeschichte anzudichten, fokussiert die Handlung nur jene Ereignisse, die sich in direktem Zusammenhang mit diesem Flug abspielten – von der Ankunft der Besatzung über das Boarding der Passagiere bis hin zum wuseligen Alltag in der Flugsicherung. Das normale Chaos also, bis plötzlich der erste Turm der Twin Towers in New York in Flammen steht. Fortan beginnt auf verschiedenen Ebenen und vor allem auch im Flugzeug selbst das bloße Reagieren auf etwas, was in seinem ganzen Ausmaß erst sukzessive fassbar wird.

Nahezu perfekt fängt der Film die Ratlosigkeit und Panik, aber ebenso das (erst späte) professionelle Funktionieren der Bodencrew und schließlich die Entschlossenheit der Passagiere ein, die sich nicht ohnmächtig ihrem Schicksal ergeben wollen, sondern versuchen, die Flugzeugentführer zu überwältigen, um Schlimmeres zu verhindern – wohlwissend, dass die Terroristen diesen Flug ebenso auf ein Gebäude stürzen lassen wollen, wie deren Komplizen zuvor.

Lässt mensch sich als Zuschauer darauf ein, fühlt es sich mitunter wie eine Live-Reportage an – aus der Flughafenzentrale, dem Schaltzentrum der Sicherheitskräfte und dem Flugzeug. Technisch ist dies schlicht brillant umgesetzt, ohne Atempause, ohne Ausschmückung, dafür mit viel Adrenalin. Aber rechtfertigt es tatsächlich diesen Film und ehrt die Ermordeten sowie die Helden am Boden? Setzt er ihnen ein filmisches Denkmal oder schlachtet er es lediglich für einen (hervorragend umgesetzten) Thriller aus? Vielleicht ist es ein bisschen von beidem.

Mir persönlich bleiben inhaltlich vor allem zwei Dinge in Erinnerung: Die Tatsache, dass sowohl Täter als auch Opfer zu Gott beteten. Und dass die Abschiedsworte nahezu aller Opfer an ihre Angehörigen „Ich liebe dich!“ waren.

Der Film erscheint erstmals auf 4K Ultra HD Blu-ray (+Blu-ray) und bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es u.a. einen Audiokommentar, Dokumentationen zum historischen Hintergrund sowie ein Feature zur Gedenkstätte, welche zu Ehren der Opfer von United 93 geschaffen wurde. „Flug 93“ erscheint am 22. Oktober 2026 bei Universal im Vertrieb von Plaion Pictures und ist auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Universal/Plaion Pictures)

Heimkino-Tipp: „So klingt das Leben“ (2025)

Mit Pauken und Trompeten

Vielleicht hat der eine oder die andere es schon einmal selbst live erlebt: Auf spanischen Dorffesten, beispielsweise in Galicien, in Aragón oder um Valencia, gibt es eine schön anzusehende und -hörende Tradition namens „Rondalla“. Dabei handelt es sich um eine Art Straßenkonzert, vorgetragen von Laienmusikern jeder Altersgruppe, die auf verschiedenen Instrumenten – hauptsächlich Saiten- sowie Percussioninstrumente – miteinander musizieren und dabei mitunter sehr farbenfrohe Kleidung präsentieren. Gespielt werden dabei nicht nur traditionelle Lieder, sondern ebenso Adaptionen populärer, moderner Stücke. Ein Video, bei dem AC/DCs Song „Thunderstruck“ auf diese Weise interpretiert wird, wurde Daniel Sánchez Arévalo, Regisseur und Autor von „So klingt das Leben“, vor einigen Jahren zugespielt. Und schwupps war die Idee für einen Film geboren.

 

Seit einem tragischen Bootsunglück vor zwei Jahren, bei dem mehrere Dorfbewohner ihr Leben verloren, ist im kleinen Ort A Guarda die Unbeschwertheit verschwunden. Vor allem auch deshalb, da einer der Verstorbenen die treibende Kraft hinter der regelmäßigen „Rondalla“-Aufführung war, bei der man sich mit den benachbarten Dörfern regelmäßig in einem liebevollen Wettbewerb duellierte. Der beste Freund des Verstorbenen, Luis (Javier Gutiérrez), will die eingeschlafene Tradition wieder zum Leben erwecken – trotz erheblicher Zweifel seiner Nachbarn und Mitmenschen. Mithilfe der Familie des Verstorbenen sowie Freunden gelingt es jedoch, mehr und mehr Dorfbewohner dafür zu begeistern, auch wenn es dabei zunächst etliche persönliche und schmerzhafte Hindernisse zu überwinden gilt.

 

Ein bisschen Dramatik, ein bisschen Lovestory und ganz viel Musik: „So klingt das Leben“ macht keinen Hehl daraus, dass es ein ‚Wohlfühlfilm‘ sein will, der durchweg sympathische Charaktere dabei begleitet, nach einem schlimmen Schicksalsschlag mit einem gemeinsamen Ziel vor Augen neuen Lebensmut zu finden – Identifikationsmöglichkeiten inklusive. Prinzipiell ein ehrenwertes Anliegen, zumal mit der Einbindung der „Rondalla“-Tradition gleich noch etwas farbenfroh-Mitreißendes mit einfließt.

Das kann für einen Teil der ZuschauerInnen funktionieren. Wer jedoch etwas mehr charakterliche Tiefe und erzählerische Raffinesse erwartet, wird diese hier nicht finden. Autor/Regisseur Arévalo stellt zwar einige Dorfbewohner in den Mittelpunkt. Mehr als ein paar schon oft gehörte Allgemeinplätze steht er ihnen jedoch nicht zu. Die Mini-Konflikte gestalten sich erwartbar, Gags kündigen sich oftmals im Voraus bereits an und etliche Szenen enden im Nichts. Der Aufbau ist dabei stets derselbe: Locationshot – zwei Personen – kurzer Dialog mit Problembenennung – Szenenwechsel. Kommt dann noch hier und da ein unbeholfen gesetzter Schnitt dazu, der intime Momente eher unterbricht statt sie zu kreieren, ist’s mit dem ‚Feel-Good‘ des Autors dieser Rezension irgendwann vorbei.

 

Das mag alles ein wenig harsch klingen, soll aber die Grundambition von Arévalo und seinem „So klingt das Leben“ nicht schmälern. In einem Interview zum Film beschreibt er es so: „Diese Energie [der Rondallas, C.L.], dieses Gemeinschaftsgefühl, dieses Zusammenkommen, Teilen, Dazugehören … Genau das wollte ich in meinem Film einfangen. Ich möchte denselben ansteckenden Geist spürbar machen. Einen populären Film, offen und inklusiv, erwachsen, aber für alle zugänglich.“ Vielleicht ist es das, was dem Werk ein wenig die Einzigartigkeit nimmt: Der Versuch, einen Film für alle zu machen, der schlicht unterhalten und bei niemandem anecken will. Wenn dies sein Ziel war, hat es Arévalo erreicht.

Die DVD bietet den Film in spanischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es Trailer. „So klingt das Leben“ erscheint bei Alamode Filmdistribution im Vertrieb von AL!VE und ist seit 15. Oktober 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Alamode Film / Mr. Fields and Friends Cinema S.L , Bambu Producciones S.L y Rondallas Movie A.I.E)

Heimkino-Tipp: „Presence“ (2024)

Somebody’s watching me

Steven Soderbergh macht mich fertig: Seit er mit seinem gefeierten Spielfilmdebüt „Sex, Lügen und Video“ (1991) als Regisseur auf der Bildfläche erschien, haut er nahezu jährlich einen neuen Film / eine neue Serie raus und schafft es dabei selten bis nie, sich zu wiederholen (okay, die „Ocean’s 11/12/13“-Trilogie mal ausgenommen). Ansonsten probiert sich der inzwischen 63-jährige Amerikaner beständig in sämtlichen Genres aus, überrascht stets mit Form und Umsetzung und langweilt wirklich nie. Mit „Presence“ erscheint nun sein bereits 2024 fertiggestellter Grusel-Thriller auch in Deutschland.

Die Prämisse liest sich zunächst vertraut: Eine Familie zieht in ein neues Haus und merkt schon bald, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht. Ein Poltergeist? Ein Dämon? Womöglich der Beelzebub persönlich? Nein, vielmehr eine Idee Soderberghs, in Skript gegossen von Drehbuch-Veteran David Koepp („Jurassic Park“, „Mission: Impossible“). Der Kniff: In ihrem Streifen wird die gesamte Geschichte wortwörtlich aus der Sicht des unsichtbaren, geisterhaften Hausbewohners erzählt.

Zusammen mit ihren Eltern (Lucy Liu, Chris Sullivan) ziehen die beiden Teenager-Kids Chloe (Callina Liang) und Tyler (Eddy Maday) in ein neues, zweistöckiges Haus in der Stadt. Geräumig, lichtdurchflutet und geschmackvoll eingerichtet, soll es allen einen Neustart ermöglichen. Vor allem Chloe leidet noch immer unter dem Verlust ihrer besten Freundin, die kurz zuvor wohl an einer Überdosis verstarb. Und es ist auch Chloe, die als erste ein mulmiges Gefühl des Beobachten-Werdens empfindet. Hier ein verlegtes Buch, dort ein umfallendes Glas – schon bald ist sie sich sicher, dass noch jemand im Haus ‚wohnt‘. Während ihr Papa besorgt ist, schiebt der Rest der Familie Chloes Verhalten ihrem traumatischen Verlusterlebnis zu – noch.

Allein die Eröffnungssequenz von „Presence“ ist eine Soderbergh’sche Glanzleistung in Sachen Effizienz: Scheinbar schwerelos schwebt die Kamera durch das gesamte, noch leere Haus und gibt dem Publikum damit nicht nur einen Vorgeschmack auf die optische Perspektive der kommenden 84 Minuten, sondern ebenso einen umfassenden Überblick über den Handlungsort, in dem sich die gesamte Geschichte abspielen wird. Das Vorwissen ist somit vermittelt, nun wird die Bühne mit der Ankunft der ersten Figur mit Leben gefüllt. Schnell wird dabei klar, wer welche ‚Funktion‘ innerhalb der Familie spielt, die zwar miteinander auskommt, jedoch nur zurückhaltend wirklich miteinander kommuniziert. Das punktgenau geschriebene, reduziert gestaltete Drehbuch steht der oben erwähnten Umsetzung somit in nichts nach.

 

Dadurch, dass er sein Publikum mit der rein subjektiven Kamera der Geistergestalt quasi zum Komplizen und Spion im Haus macht, erschafft Soderbergh (der unter anderem Namen einmal mehr ebenso sowohl Kamera als auch Schnitt übernahm) eine gruselig-spannende Atmosphäre, da zu keinem Zeitpunkt klar ist, welches Ziel die Präsenz verfolgt. Sie beobachtet, lauscht und greift hin und wieder in das Geschehen ein, lässt die dysfunktionale Familie darüber hinaus aber von alleine am Abgrund entlanghangeln, was der Geschichte eine wunderbare zweite inhaltliche Ebene beschert.

Getragen von einem kleinen, aber hervorragend besetzten und agierenden Cast, gelingt Soderbergh und Koepp ganz ohne inzwischen oftmals inflationär verwendeter ‚Jumpscares‘, bedrohlich anschwellender Hintergrundmusik oder Monsterfiguren somit ein großartiges Werk, das dem Genre des Geisterhaus-Films eine neue, frische Perspektive abgewinnt und zudem prächtig unterhält.

Die 4K Ultra HD (im Mediabook)/Blu-ray/DVD-Disc bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche und englische Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es den Trailer zum Film. „Presence“ erscheint bei capelight pictures im Vertrieb von Alive AG und ist seit 8. Oktober 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © The Spectral Spirit Company / capelight pictures)

Heimkino-Tipp: „Backrooms“ (2026)

Hidden Places

Das isser also: Einer der erfolgreichsten (Kino-)Filme des Jahres, inszeniert von einem 19-jährigen Regiedebütanten namens Kane Parsons, basierend auf einer Idee, die er zuvor selbst zu einer YouTube-Serie ausbaute und damit das Interesse des Independent-Filmstudios A24 weckte. Mit Chiwetel Ejiofer („12 Years a Slave“, „The Life of Chuck“) und Renate Reinsve („Der schlimmste Mensch der Welt“, „Sentimental Value“) prominent besetzt, gab es inzwischen zudem auch Lobhudeleien von den ganz Großen des Fachs, Steven Spielberg und Christopher Nolan. Die Erwartungen an „Backrooms“ sind dementsprechend hoch – und werden allesamt erfüllt.

Der studierte Architekt Clark (Ejiofer) arbeitet als Filialleiter in einem Möbelhaus, das trotz selbst produzierter und mit vollem Körpereinsatz entstandener Werbespots kaum jemanden anzieht. Die Rechnungen stapeln sich, privat hat ihn seine (Ex-)Frau vor die Tür gesetzt und so übernachtet Clark inzwischen häufiger in seinen eigenen Verkaufsräumen. Dort entdeckt er eines Nachts im Untergeschoss einen schmalen Lichtspalt, der sich als ‚Tür‘ zu einem riesigen weiteren Gebäudekomplex erweist: gelbe, menschenleere Räume, in denen lediglich Büromöbel seltsam aufgetürmt sind, ein paar Pappfiguren herumstehen und über einen kleinen Bildschirm seltsame, mehrsprachige Clips in Endlosschleife ablaufen.

Fasziniert und neugierig zugleich, beginnt Clark fortan diese Räume zu erkunden. Seine Therapeutin Mary (Reinsve), selbst emotional angeschlagen, hält dessen Erzählungen zunächst für Hirngespinste – bis sie selbst jenes Portal durchschreitet, von dem ihr Clark berichtet hat. Aber wer hat dies alles erschaffen? Woher stammen die Kleidungsreste, die beide finden? Und wer zum Teufel verursacht diese zunehmend bedrohlich klingenden Geräusche, die sich ihnen nähern?

Es ist nicht viel, was ein guter Grusel- bzw. Horrorfilm benötigt, um Wirkung zu erzielen: Eine spannende Prämisse, ein gutes Sounddesign und Figuren, die glaubhaft und rational agieren. Kombiniert mit einer Bildsprache, die stets nur das Nötigste preisgibt und das Publikum die präsentierte Welt selbst entdecken lässt, statt alles zu (v)erklären, wird daraus ein mit relativ moderaten Mitteln entstandenes Meisterstück. Denn aus rein produktionstechnischer Sicht brauchte es für „Backrooms“ nur wenige (dafür große) Sets, eine Handvoll guter Darsteller und cleveres Marketing, das den Internethype richtig zu nutzen verstand. Mission accomplished!

Voraussetzung hierfür ist einmal mehr jedoch die Bereitschaft der ZuschauerInnen, sich darauf einzulassen und konzentriert ‚mitzureisen‘. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, doch ist die Aufmerksamkeitsspanne vieler (nicht nur jüngerer) Menschen scheinbar inzwischen derart kurz, dass Dialogszenen ohne Explosion im Hintergrund kaum mehr ein Hochschauen vom Handy im Kinosaal und/oder auf dem heimischen Sofa rechtfertigen. Für Filme wie „Backrooms“, die mittels Atmosphäre, Andeutungen und emotionalem Schauspiel ihre Wirkung erzielen, ein nicht zu unterschätzender Faktor. 

Wie die hier erzählte Geschichte letztendlich zusammenkommt, ob womöglich eine zweite inhaltliche Ebene eine Rolle spielt und warum ausgerechnet Greg diese „Backrooms“ entdeckt, soll nicht Thema dieser Rezension sein, da eine Interpretation zwangsläufig zu Spoilern führen würde. Doch auch dies zeigt, welche Qualität dieser Streifen hat – denn wer beispielsweise immer noch glaubt, dass „Der weiße Hai“ lediglich von einem gefräßigen Ungetüm handelt, hat noch einige Ebenen bzw. Hinterzimmer zu entdecken.

P.S.: Der Film erscheint parallel ebenfalls in der „Everything Must Go – Extended Edition“. Diese beinhaltet eine längere Post-Credit-Scene, die Regisseur Kane Parsons auch auf seinem YouTube-Kanal veröffentlicht hat. Diese längere Filmversion ist in Deutschland jedoch nur auf der ‚Collector’s Edition‘ zu erwerben.

Die 4K-UHD/Blu-ray/DVD bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel für Hörgeschädigte sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es einen Audiokommentar, ein Interview, ein ausführliches Making of, einen Premierenclip sowie Trailer. „Backrooms““ erscheint bei Constantin Film im Vertrieb von Leonine Studios und ist seit 25. September 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Constantin Film/LEONINE Studios)

Heimkino-Tipp: „Vier minus drei“ (2026)

Mein Leben ohne euch

Es geschieht ohne Vorwarnung: Barbara (Valerie Pachner) steht mit dem Auto gerade im Stau, als sie einen beunruhigenden Anruf von ihrer Freundin erhält. Ein gelber Kleinbus sei an einem unbeschränkten Bahnübergang von einem Zug erfasst worden – ein Kleinbus, der dem ihrer Familie ähnelt. Und schon beginnt das Kopfkino: Wieso geht ihr Mann Heli (Robert Stadlober) nicht ans Telefon? Wo befinden sich ihre gemeinsamen Kinder? Und warum wird sie plötzlich von einer zweiten Freundin gebeten, zu ihr zu kommen?

Was der österreichischen Autorin Barbara Pachl-Eberhart widerfahren ist, wünscht man keinem Menschen: Sie verlor 2008 ihren Gatten und ihre beiden (sieben und zwei Jahre alten) Kinder infolge eines Unfalls. Um ihre Trauer zu verarbeiten, verfasste sie ihre Autobiografie mit dem Titel „Vier minus drei“, die 2012 erschien und auf der dieser Film basiert.

Unter der Regie von Adrian Goiginger („Der Fuchs“) ist dieses künstlerische Wagnis glücklicherweise in guten Händen: Sensibel, nicht überzuckert und schon gar nicht sich im Leid der Hauptfigur suhlend, ist seine filmische Adaption tragisch und hoffnungsvoll zugleich. Dabei hilft es sicherlich, dass die Geschichte – ebenso wie in der literarischen Vorlage – in zwei verschiedenen Zeitebenen erzählt wird. Auch wenn dies der Autorin im echten Leben nicht vergönnt war, gibt es der Erzählung (und den ZuschauerInnen) immer wieder Luft zum Durchatmen und sogar Schmunzeln. Denn – welch bittere Ironie – Barbara und ihr Mann arbeite(te)n als professionelle Clowns. Ihr Kennenlernen, ihre ersten gemeinsamen Proben sowie ihr oftmals unbeschwerter Blick auf die Dinge geben dem Film eine leichte Note, ohne die die ganze Tragik wohl kaum zu ertragen wäre.

Regisseur Goiginger tappt dabei erfreulicherweise nicht in die Falle, alles Vorherige zu verklären. Denn wie jedes andere Paar auch, haben Barbara und Heli ihre Kämpfe ausgetragen, ihrem Gegenüber Böses an den Kopf geworfen und mit so mancher Entscheidung des Partners gehadert. Dass dies nach dem Schicksalsschlag nicht einfacher wird, zeigen all jene Szenen, in denen die Witwe mit den (Beerdigungs-)Wünschen ihrer Schwiegereltern konfrontiert wird, die den Verlust ihres Sohnes auf ganz andere Weise zu verarbeiten versuchen. „Vier minus drei“ stellt somit zwar eine Person in den Mittelpunkt, verdeutlicht jedoch eindrücklich, dass ein Verlust dieser Art niemals singulär ist, sondern stets mehrere ‚Opfer‘ hinterlässt, die jeder für sich einen Abschluss finden und einen Neuanfang wagen müssen: Während Barbara sich hinter ihrer Clownsfigur verstecken möchte und wirklichkeitsfern darauf hofft, zumindest ihre Tochter wiederzusehen, suchen andere Trost im Glauben und Ritualen.

Hauptdarstellerin Valerie Pachner („Ein verborgenes Leben“, „Phantastische Tierwesen 3“) trägt diesen Film mit einer phänomenalen Performance, die eigentlich drei Rollen in einer beinhaltet: Verliebte Mama, verzweifelte Überlebende und überzeugte Optimistin im Clownsoutfit. Stadlober ist ohnehin immer eine Bank (und hier ganz besonders als charmanter Tagträumer), während Ronald ‚das Bärchen‘ Zehrfeld als Arzt einmal mehr kurz erfreut Aufseufzen lässt. Und dann ist da noch der wunderbare Hanno Koffler, der seinen Kollegen Stadlober anno 2004 in „Sommersturm“ noch herrlich direkt anbaggerte, als er einen schwulen Ruderer verkörperte. In „Vier minus drei“ nun hadert seine Figur Friedrich damit, wie er der tief verwundeten Barbara gegenübertreten soll. Er will ihr helfen, doch wie schafft man(n) dies, ohne Grenzen zu übertreten? Ein überaus interessanter, gegen die Erwartungen gestalteter Charakter, der von Koffler facettenreich präsentiert wird.

 

Ob „Vier minus drei“ hilft, wenn mensch selbst von Trauer gebeutelt ist? Möglicherweise ja. Unabhängig davon ist das Werk jedoch ebenso ein einfühlsames, hervorragend gespieltes und angenehm inszeniertes Filmerlebnis über Menschen und das, was sie ertragen und leisten können.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel für Hörgeschädigte sind optional vorhanden, ebenso wie eine Hörfilmfassung (sehr lobenswert!). Als Bonus gibt es Interviews, gelöschte Szenen und Trailer. „Vier minus drei“ erscheint bei Alamode Filmdistribution im Vertrieb von AL!VE und ist seit 20. August 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Alamode Film / Polyfilm)

Heimkino-Tipp: „Shelter“ (2026)

 
Kein Mann der großen Worte

Schon mal den Verdacht gehabt, den Drehort eines Films aus einem anderen Streifen wiederzuerkennen? Dass Kulissen mehrfach verwendet werden, dürfte niemanden überraschen. Doch dass ganze Sets – in diesem Fall u.a. ein Leuchtturm – eines Actionfilms plötzlich in einem Historiendrama auftauchen, ist dann doch eher ungewöhnlich. Aber solche Dinge geschehen halt, wenn das Produktionsteam vom Ballerfilm „Shelter“ auch für die Dreharbeiten zur Literaturverfilmung „Hamnet“ engagiert wird, die sich des Lebens von William Shakespeares einzigem Sohne annimmt. Fun fact Nummer zwo: Die 14-Jährige weibliche Hauptdarstellerin aus „Shelter“, Bodhi Rae Breathnach, ist in „Hamnet“ ebenfalls zu sehen.

Dass es zwischen beiden Produktionen ein inhaltliches und intellektuelles Gefälle gibt, dürfte wenig überraschen. Allein aufgrund des unterschiedlichen Anspruchs, was beide Filme erzählen und präsentieren wollen, wäre ein direkter Vergleich ohnehin müßig. Was beide jedoch gemeinsam haben, ist eine talentierte Jungdarstellerin, die sich neben den zahlreichen bekannten Gesichtern zu behaupten weiß. Ihr Mitspieler in „Shelter“: Actionfilm-Profi Jason „The Stath“ Statham.

Der Brite mag weder für sein differenziertes Schauspiel noch eine abwechslungsreiche Filmografie bekannt sein. Doch er besitzt etwas, was vielen anderen seiner Kollegen, die sich ‚Actionstar‘ nennen, abgeht: Charisma. Und dieses setzt er auch in „Shelter“ wieder gewinnbringend ein, was dem 100-Minüter trotz seines erwartbaren Verlaufs unterhaltsam macht.

Statham gibt darin einen Einsiedler, der sich auf eine kleine Insel an der Westküste Schottlands zurückgezogen hat und seine Tage mit Grübeln, Trinken und Schach-gegen-sich-selbst-Spielen verbringt. Wer er ist und weshalb er diese selbst gewählte Isolation erträgt, bleibt vorerst ungesagt. Auch Jessie (Bodhi Rae Breathnach), die mit ihrem Onkel wöchentlich etwas Proviant vorbeibringt, erfährt es nicht. Bis ein Sturm und eine Verletzung sie zwingen, auf der Insel zu verharren. Nach langem Zögern sieht ihr Gastgeber ein, dass er zurück in die Zivilisation muss, um für ihren nicht heilen wollenden Knöchel Medizin zu besorgen. Das bleibt nicht folgenlos: Denn dank omnipräsenter Überwachungskameras wird sein alter Arbeitgeber, der britische Geheimdienst, auf ihn aufmerksam – und hetzt ihm fortan unentwegt Manpower auf den Hals, um ihn, den einstigen Befehlsverweigerer, auszuschalten.

Regisseur Ric Roman Waugh, der uns bereits mit Werken wie „Greenland“, ähh, beglückte und in seinem früheren Leben als Stuntman für einige der bekanntesten Actionflicks der 1980er- und 1990er tätig war, nimmt sich zunächst viel Zeit, um die (erzwungene) Annäherung zwischen dem Eigenbrötler und seiner Besucherin zu etablieren. Gerade hierbei ist das oben erwähnte Charisma Stathams Gold wert, schafft er es doch trotz gleichbleibend finsterem Blick, so etwas wie Verständnis für seine Figur aufzubauen, die ganz offenbar viel seelische Last mit sich trägt. Was dann ab der Mitte des Films geschieht, mag Genre-typische Kost sein. Allerdings wirkt „Shelter“ im Gegensatz zu Stathams vorangegangenen Projekten (u.a. „A Working Man“, „The Expendables 4“, „Meg 2“, „Fast and Furious“, Teil 26) sehr viel geerdeter und weniger überladen. Der Ton ist durchweg seriös, die Actionszenen hervorragend inszeniert und die Mano-a-mano-Konfrontationen übersichtlich und mit ordentlicher Härte. Ja, so stelle ich mir einen guten Statham-Streifen vor! Dass dieser Mann zudem mit 59 noch viele seiner Stunts selbst absolviert, ist da nur das Sahnehäubchen.

Genießen kann mensch das natürlich nur so lange, wie das Gezeigte nicht hinterfragt wird: Sowohl Gejagter als auch Jagende scheren sich nicht um Gesetze und handeln einzig ihrem Ziel verpflichtet, ohne Rücksicht auf Kollateralschäden. Mag ein wenig Kritik an der sich immer weiter ausbreitenden permanenten Überwachung auch durchschimmern – wirklich zur Diskussion steht sie nicht. Sei’s drum: „Shelter“ ist gute Ware!

Die 4K-UHD/Blu-ray/DVD bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche und englische Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es ein Mini-Promo-Making of, Interviews und Trailer. „Shelter“ erscheint bei Tobis im Vertrieb von Leonine Studios und ist seit 7. August 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Tobis/LEONINE Studios)



Heimkino-Tipp: „Cruising“ (1980)

 

Call me by your Name

Homosexualität wurde (nicht nur) in Hollywood-Produktionen lange Zeit entweder als etwas Abnormales dargestellt oder als Vorlage für billige Witzchen genutzt (Stichwort „Blue Oyster“-Bar in „Police Academy“, 1984). Inzwischen ist queeres Kino erfreulicherweise Normalität (Wortspiel beabsichtigt!), doch gab es natürlich auch Filme, die ‚irgendwo dazwischen‘ lagen und die Thematik zwar seriös angingen, sie letztendlich aber ebenso für ihre (inhaltlichen) Zwecke ausnutzten. Zum Beispiel William Friedkins „Cruising“ von 1980.

Friedkin war zu diesem Zeitpunkt bereits ein etablierter Regisseur, hatte er doch mit „Brennpunkt Brooklyn – The French Connection“ (1971) und „Der Exorzist“ (1973) zwei mehrfach ausgezeichnete Werke erschaffen, die noch heute als Meilensteine der ‚New Hollywood‘-Epoche bezeichnet werden. Nach seinem furiosen, jedoch leider erfolglosen „Atemlos vor Angst“ (1977, ein Remake des 1953 entstandenen „Lohn der Angst“), wagte er sich mit „Cruising“ abermals an eine Geschichte, die Kontroversen schon im Vorfeld provozierte. Immerhin handelt der Film von einem Undercover-Cop, der einen Killer im SM-Milieu New Yorks auffinden soll.

Der junge Polizist Steve (Al Pacino) erhält die Chance, auf der Karriereleiter einen großen Schritt voranzukommen – wenn er sich auf eine verdeckte Ermittlung einlässt, die wohl nicht jeder so ohne Weiteres angenommen hätte: Ein Killer meuchelt schwule Männer während des Liebesspiels. Verdächtige gibt es keine und seinem Vorgesetzten (Paul Sorvino) wird ‚von oben‘ ordentlich Druck gemacht, den Fall endlich zu lösen. Das Einschleusen von Steve in die Szene soll endlich den gewünschten Erfolg bringen. Beinah schon naiv lässt er sich darauf ein: Aus Neugier wird Faszination, aus Faszination mehr und mehr Besessenheit – und vielleicht sogar Leidenschaft?

Vieles, was „Cruising“ zeigt, wirkt 46 Jahre später eher wie eine Satire auf die Homosexuellen-Klubs und -Codes: Muskulöse Männer in Leder, meist sehr offenherzig unterwegs und ständig auf der Suche nach einem sexuellen Abenteuer. War dies Ende der 1970er, Anfang der 1980er tatsächlich so? Oder bedient Friedkin hier das Klischee über alle Maßen, so, wie es sich die heterosexuelle Gesellschaft vorstellt? Beurteilen kann ich dies als Teil der ‚Generation Y‘ nicht, wohl aber die Direktheit wertschätzen. Denn was hier sehr explizit – auch von Pacino – gezeigt wird, ist für damalige Verhältnisse wirklich bemerkenswert. Hier großes Lob an das Label Plaion Pictures, das diese Veröffentlichung verantwortet und im Bonusmaterial u.a. einen Vergleich zwischen zensierter und unzensierter Fassung beigefügt hat, um zu verdeutlichen, wie der Film zum Teil verändert werden musste, um ihn weniger anstößig zu machen.

Zugegeben, der spannendste Streifen aus Friedkins Œuvre ist „Cruising“ sicher nicht. Vielmehr ist er an seinem provokanten Milieu interessiert, in welches die Krimigeschichte eingebettet ist, und badet förmlich in Szenen, in denen sich Männer auf welche Weise auch immer näherkommen. Mittendrin Pacino, der die Ambivalenz seiner Figur sicht- und fühlbar macht. Das alles macht „Cruising“ zu einem interessanten Zeitdokument, was das opulente Bonusmaterial der Veröffentlichung unterstreicht: Neben zwei Dokumentationen über die Entstehung und Fortwirkung des Films enthält die Mediabook-Edition u.a. mehrere informative Audiokommentare, unzählige alte und retrospektive Interviews, geschnittene und alternative Szenen sowie diverse Trailer und TV-Spots (einige davon nur in einer Vorab-Testversion, was weitere spannende Einblicke ins Marketing zum Film ermöglicht). Kurzum: Ein großartiges Paket, vor allem für Cinephile!

Die Blu-ray bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind ebenso optional vorhanden. Zudem gibt es mehrere unterschiedliche Tonformate. „Cruising“ erscheint am 09. Juli 2026 bei Plaion Pictures und ist auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Plaion Pictures)