Ein Tag im September
Es gibt Filme, denen unabhängig von ihrer formalen und künstlerischen Qualität der Vorwurf anhaftet, aus einer realen Tragik Profit schöpfen zu wollen. Als Gegenargument der beteiligten Filmemacher ist dann oftmals zu hören, ihr Werk wolle lediglich die Opfer ehren und dem Publikum einen ungeschönten Blick auf die menschlichen Schicksale hinter der Tragödie ermöglichen. Dieses Widerspruchs sollte mensch sich bewusst sein, bevor ein Blick auf „Flug 93“ gewagt wird.
Inszeniert von dem Briten Paul Greengrass, dokumentiert das Werk minutiös die Ereignisse an Bord des Linienflugs „United Airlines 93“ am 11. September 2001, nachdem er von Terroristen entführt wurde mit dem (wahrscheinlichen) Ziel, das Flugzeug inmitten der us-amerikanischen Hauptstadt Washington, D.C. zum Absturz zu bringen. Der Begriff dokumentieren ist hierbei bewusst gewählt, denn wenn „Flug 93“ etwas nicht ist, dann ein romantisiertes, klassisch umgesetztes Melodram zu einem wahren Ereignis. Nein, Greengrass wählt die Form, die er zuvor u.a. mit „Die Bourne Verschwörung“ (2004) erfolgreich getestet und später mit „Captain Phillips“ (2013) perfektioniert hat: Eine vorwiegend mit Handkamera gefilmte, mit schnellen Schnitten zusammengesetzte und mit viel Improvisation angereicherte Momentaufnahme, welche die (vor allem westliche) Welt wohl für immer verändert hat.
Ohne einzelne Figuren, die allesamt auf realen Vorbildern basieren, hervorzuheben oder ihnen eine Vorgeschichte anzudichten, fokussiert die Handlung nur jene Ereignisse, die sich in direktem Zusammenhang mit diesem Flug abspielten – von der Ankunft der Besatzung über das Boarding der Passagiere bis hin zum wuseligen Alltag in der Flugsicherung. Das normale Chaos also, bis plötzlich der erste Turm der Twin Towers in New York in Flammen steht. Fortan beginnt auf verschiedenen Ebenen und vor allem auch im Flugzeug selbst das bloße Reagieren auf etwas, was in seinem ganzen Ausmaß erst sukzessive fassbar wird.
Nahezu perfekt fängt der Film die Ratlosigkeit und Panik, aber ebenso das (erst späte) professionelle Funktionieren der Bodencrew und schließlich die Entschlossenheit der Passagiere ein, die sich nicht ohnmächtig ihrem Schicksal ergeben wollen, sondern versuchen, die Flugzeugentführer zu überwältigen, um Schlimmeres zu verhindern – wohlwissend, dass die Terroristen diesen Flug ebenso auf ein Gebäude stürzen lassen wollen, wie deren Komplizen zuvor.
Lässt mensch sich als Zuschauer darauf ein, fühlt es sich mitunter wie eine Live-Reportage an – aus der Flughafenzentrale, dem Schaltzentrum der Sicherheitskräfte und dem Flugzeug. Technisch ist dies schlicht brillant umgesetzt, ohne Atempause, ohne Ausschmückung, dafür mit viel Adrenalin. Aber rechtfertigt es tatsächlich diesen Film und ehrt die Ermordeten sowie die Helden am Boden? Setzt er ihnen ein filmisches Denkmal oder schlachtet er es lediglich für einen (hervorragend umgesetzten) Thriller aus? Vielleicht ist es ein bisschen von beidem.
Mir persönlich bleiben inhaltlich vor allem zwei Dinge in Erinnerung: Die Tatsache, dass sowohl Täter als auch Opfer zu Gott beteten. Und dass die Abschiedsworte nahezu aller Opfer an ihre Angehörigen „Ich liebe dich!“ waren.
Der Film erscheint erstmals auf 4K Ultra HD Blu-ray (+Blu-ray) und bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es u.a. einen Audiokommentar, Dokumentationen zum historischen Hintergrund sowie ein Feature zur Gedenkstätte, welche zu Ehren der Opfer von United 93 geschaffen wurde. „Flug 93“ erscheint am 22. Oktober 2026 bei Universal im Vertrieb von Plaion Pictures und ist auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Universal/Plaion Pictures)



































