Heimkino-Tipp: „Nawalny“ (2022)

Gift hinterlässt immer eine Spur

Wer nicht daran glaubt, dass Menschen sich im Laufe ihres Lebens charakterlich, politisch und intellektuell verändern können, verschließt die Augen vor Geschichte und Realität. So gibt es u.a. viele Beispiele aus der Zeit des „Dritten Reichs“, in der Mitläufer zu Widerstandskämpfern wurden. Diverse gegenwärtige Aussteigerprogramme für Rechts- und Linksextremismus beweisen dies ebenso. Oder ehemalige Oligarchen wie Michail Chodorkowski, einst sehr reicher und einflussreicher Unternehmer Russlands, der sich gegen den Machthaber auflehnte und in die Opposition (und schließlich ins Exil) ging. Natürlich ist es leicht, solche Personen stets auf ihre unrühmliche Vergangenheit und Aussagen zu reduzieren. Man kann jedoch auch versuchen, dies als das anzusehen, was es (meist) ist: Eine (im besten Fall) abgeschlossene frühere Episode im Leben eines Menschen, der sein Denken und Umfeld verändert hat.

Dies soll deshalb nicht unerwähnt bleiben, da dem Protagonisten in dem hier besprochenen Dokumentarfilm, Alexei Nawalny, ebenso eine frühere Nähe zum Nationalismus nachgesagt wird. Kritiker werden nicht müde zu betonen, dass „westliche Medien“ dies angeblich gerne ignorieren, wenn sie ihn als wichtigsten Oppositionellen in der Russischen Föderation betitelten. Der kanadische Regisseur Daniel Roher geht dieses Problem gleich zu Beginn seines Films offensiv an und befragt Nawalny hierzu. Dessen Replik ist die eines Medienprofis, die vielseitig interpretierbar bleibt. Warum dieser Mann trotzdem (auch im Westen) eine so schillernde Figur ist? Weil er sich offen gegen einen Despoten stellt, der nachweislich Auftragsmorde begehen lässt, innenpolitisch alles gewaltsam unterdrückt, was nicht seinem überholten Weltbild entspricht, und – als traurige Fußnote – nach Fertigstellung des Films einen Angriffskrieg vom Zaun gebrochen hat, dessen Folgen weltweit verheerend sind. Insofern ist „Nawalny“ auch ein filmisches Dokument aus einer Zeit, die noch eine andere war – in der sich jedoch bereits abzeichnete, was da womöglich noch kommen sollte.

Roher begleitete Nawalny von Mitte 2020 bis zu seiner erneuten Verhaftung und langjährigen Verurteilung 2022 und erhielt dabei detaillierte Einblicke in die Arbeit von dessen Team. Kernstück des Films ist dabei die Aufarbeitung jenes Giftanschlags, der Nawalny töten sollte – und nur durch eine Verkettung glücklicher Umstände misslang. Hinzu kommen einige Aufnahmen, die ihm im Kreise seiner Familie zeigen, die unweigerlich Teil seines politischen Kampfes wird/ist sowie erhellende Episoden über die Recherchearbeit, mit denen Nawalnys Mitstreiter die weitreichenden Verbindungen seiner Verfolger offenlegen. Es sind vor allem diese Szenen, die verdeutlichen, wie wichtig inzwischen soziale Medien und das Internet als Datenquelle für Oppositionelle geworden sind, um sich gegenüber ihren Widersachern zu behaupten und öffentlich überhaupt wahrgenommen zu werden.

„Nawalny“ gleicht damit mehr einem Spionagekrimi als einem persönlichen Porträt, zumal der Politiker selbst seine politischen Ziele – abseits der Abwahl des aktuellen Präsidenten – nur sehr rudimentär beschreibt. Mit Blick auf die derzeitige weltpolitische Lage bin ich persönlich jedoch überzeugt, dass Nawalny die bessere Alternative wäre.

Daniel Roher ist eine spannende, bedrückende und gleichsam Mut machende Momentaufnahme eines unerschrockenen, charismatischen Menschen gelungen, deren Ausgang leider ungewiss ist. Ich für meinen Teil hoffe sehr, dass es nicht – wie im Film kurz scherzhaft angedeutet – Nawalnys letzter Film wird.

Die DVD bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung, bei der – wie für Dokumentationen üblich – der englische Off-Kommentar übersetzt wurde. Optionale deutsche Untertitel sind ebenso vorhanden. Als Bonus gibt es Trailer. „Nawalny – Gift hinterlässt immer eine Spur“ erscheint bei DCM Film Distribution GmbH im Vertrieb von Leonine und ist seit 1. Juli 2022 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © DCM / Cabel News Network Inc.)

Heimkino-Tipp: „Lamb“ (2021)

Familienbande

In scheinbar völliger Einsamkeit bewirtschaftet das Paar Maria (Noomi Rapace) und Ingvar (Hilmir Snær Guðnason) einen Bauernhof in der majestätisch-schönen isländischen Berglandschaft. Die Arbeit mit ihren Schafen und auf den Feldern ist ebenso wie ihr Miteinander von Routine geprägt, ihre Gespräche dabei ebenso karg wie die Natur, die ihre Gesichter bereits gezeichnet hat.

Mit dem stillen Alltag ist’s vorbei, als eines ihrer Schafe ein besonderes Kalb gebiert. Etwas ist anders mit dem Tier, das Maria sogleich in ihre Arme schließt und in eine Wolldecke gepackt mit ins Haus nimmt. Auch für Ingvar scheint es selbstverständlich, das Neugeborene – welches für die Zuschauer lange nicht sichtbar wird – fortan in Schlafzimmer, Küche und Wohnzimmer um sich zu haben und wie ein Menschenkind zu behandeln. Eine perfekte kleine Familie? Nicht, solange noch das Muttertier vor einem der Hausfenster täglich und unüberhörbar flehend nach seinem Nachwuchs blökt. Und nur so lange, bis Ingvars Bruder Pétur (Björn Hlynur Haraldsson) unangekündigt auf dem Gut auftaucht und sich für mehrere Wochen einnistet.

„Lamb“ ist einer jener Filme, die mit wenig hörbaren Dialogen, langen Kameraeinstellungen und einer bedächtigen Erzählweise viel Raum und Zeit für Interpretationen beim Publikum lassen. Ähnlich einer märchenhaften Fabel, mit Bildern und Konturen, die der Nebel regelrecht verschluckt, entspinnt sich eine faszinierende Geschichte über Eltern(un)glück, Egoismus und die Rolle des Menschen, der sich die Natur und seinen Lebensraum Untertan gemacht hat – was niemals folgenlos bleiben kann.

Regisseur Valdimar Jóhannsson verbindet in seinem Werk religiöse Motive (siehe Namen und zeitliche Umstände der Geschichte, die an Heiligabend beginnt) mit isländischer Folklore, was auch an der Drehbuch-Beteiligung des Dichters Sjón deutlich wird. Der gebürtige Isländer arbeitete u.a. bereits mit Björk und Lars von Trier zusammen und war zusammen mit beiden für einen Song aus dem Film „Dancer in the Dark“ 2001 für einen Oscar nominiert. Ein künstlerisches Schwergewicht sozusagen, was die nicht ganz einfache Zugänglichkeit von „Lamb“ ein wenig erklären mag.

Persönlich habe ich stets sehr viel Freude an solcherlei Filmen, die interessante Prämissen präsentieren und viel Platz für eigene Deutungen lassen. Ein Film wie ein Buch, das bei jedem Lesen eine andere Wirkung entfaltet und neue Interpretationsmöglichkeiten anbietet. Zusammen mit dem erhabenen Setting inmitten der isländischen Natur, der stets beobachtenden jedoch nie wertenden Kameraführung sowie den tollen Darstellerleistungen ist dadurch wahrlich etwas Beeindruckendes entstanden.

Die DVD/Blu-ray/4K UHD bietet den Film in isländischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional verfügbar. Als Extras gibt es ein Interview und zwei Kurzfilme des Regisseurs, Behind-the-Scenes-Clips, ein Making of zu den Special Effects, gelöschte Szenen, Bildergalerien, Teaser und Trailer. „Lamb“ erscheint bei Koch Films als Einzel-DVD, Einzel-Blu-ray und in zwei verschiedenen Mediabook-Varianten (inkl. 4K UHD-Disc) und ist seit 28. April 2022 (digital bereits ab 14. April) erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films).

Heimkino-Tipp: „Curveball“ (2021)

Wir machen die Wahrheit

These: Film ist immer Manipulation. Die Zuschauer sehen, hören und bezeugen stets nur das, was die Filmemacher ihnen bereit sind zu zeigen. Vor allem das Dokumentarfilm-Genre ist hierfür prädestiniert und hat mit Mockumentarys inzwischen sogar eine ganz eigene Bezeichnung für Dokus geschaffen, die ihre realen Bilder mit inszenierten Szenen vermischen – ohne, dass es sofort ersichtlich ist. „Fiktionaler Dokumentarfilm“ ist ein anderer Begriff dafür.

Dies kann bei Spielfilmen ähnlich sein. Zwar weiß das Publikum von vornherein, dass das Gezeigte einer (Autoren-)Fantasie entsprungen ist. Eine realistische, lebensnahe Darstellung dieser Fiktion kann dies jedoch schnell vergessen machen. Kommt dann noch das Attribut „basierend auf wahren Begebenheiten“ hinzu, können Spielfilme mitunter zu (gefährlichen) Propagandawaffen werden. Beispiele liefert die Filmgeschichte etliche, von „Panzerkreuzer Potemkin“ über „Jud Süß“ bis hin zu „Zero Dark Thirty“ – wie mensch all diese Geschichten aufnimmt, interpretiert und weiterdenkt, kann ganz unterschiedliche Folgen haben.

Auch ich hatte nun dank „Curveball“ einen solchen ‚Moment der Erleuchtung‘. Als politisch interessierter Mensch glaubte ich u.a. zu wissen, warum damals das Kabinett Schröder II (2002-2005) der Teilnahme am Irakkrieg der Amerikaner eine Absage erteilte. Nach der Sichtung von Johannes Nabers bitterbösem Streifen ist die Faktengrundlage eine andere. Ohne an dieser Stelle weiter ins Detail zu gehen, ist Naber damit ebenso das gelungen, was oben angedeutet wurde: Sein Film legt schlüssig, clever und obendrein noch sehr unterhaltsam eine (ausgewählte) Faktensammlung vor, die bei mir als Zuschauer etwas auslöst, mich zum Umdenken animiert und auch mein Bild von bestimmten Personen/Politikern nachhaltig verändert. Nun will ich Naber gar keine bösen Absichten unterstellen. Vielmehr nutzt er seine Fähigkeiten als Filmemacher, um auf einen Missstand hinzuweisen, der die Weltpolitik und die Weltgeschichte beeinflusste und für immer veränderte. Klingt übertrieben? Ist aber so.

Konkret erzählt (oder berichtet?) „Curveball“ eine Geschichte über den Bundesnachrichtendienst, kurz BND. Dessen Mitarbeiter Wolf (Sebastian Blomberg) ist Biowaffenexperte und wird von seinem karrieregeilen Chef Schatz (Thorsten Merten) auf einen Informanten (Dar Salim) angesetzt, der angeblich in einer von Saddam Husseins geheimen Waffenfabriken tätig war. Zwar sind seine Beweise dafür ziemlich dünn, Wolf, Schatz und den BND hält dies jedoch nicht davon ab, an der These, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen, festzuhalten. Als es im September 2001 zu den verheerenden Terroranschlägen in New York kommt, wird der BND dank seines Informanten plötzlich ein ‚Global Player‘ auf Augenhöhe mit der CIA. Denn deren Regierung will nur Eines: Irgendeinen Grund für einen Angriffskrieg gegen den Irak finden. Ob dieser der Wahrheit entspricht, ist erstmal zweitrangig.

Getragen von fantastischen Darstellern, ist „Curveball“ eine feinsinnige Geheimdienstfarce, die von peinlichem Männerstolz, Erfolgsgier, Überheblichkeit und Paranoia erzählt - dummerweise in einem Berufsfeld, dessen Aktionen und Behauptungen weltweite Folgen haben können. Dass Vieles davon nahe an der Wahrheit ist, macht es umso witziger/bedrückender/beschämender.

Aber das scheint Regisseur Naber generell zu liegen: Die satirische Bloßstellung der menschlichen Arroganz und Dummheit. Siehe dazu auch „Zeit der Kannibalen“ (2014, Rezi HIER). Ein Filmemacher/Künstler der dorthin geht, wo es (moralisch) wehtut. Gerne mehr davon!

Die DVD bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung und als Hörfilmfassung für Blinde und Sehbehinderte (sehr lobenswert!). Deutsche Untertitel sind optional verfügbar. Als Extra gibt es Interviews, gelöschte Szenen und Trailer. „Curveball – Wir machen die Wahrheit“ erscheint bei Filmwelt Verleihagentur / EuroVideo Medien GmbH und ist seit 17. März 2022 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Sten Mende/Filmwelt/EuroVideo)

Heimkino-Tipp: „Benedetta“ (2021)

Flesh + Blood

Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welch Virtuosität und Energie Regisseure jenseits der 60, 70 und, wie hier bei Paul Verhoeven, jenseits der 80 Filme raushauen, die weit von sogenannter Altersmilde entfernt sind. So knurrt immer noch keiner so wunderbar wie Clint Eastwood (91 Jahre alt, „Cry Macho“, 2021), inszeniert niemand Ritterspektakel so derbe wie Ridley Scott (84 Jahre alt, „The Last Duel“, 2021), und wenn es um sexuell aufgeladene Provokationen geht, ist der gebürtige Niederländer Verhoeven (83 Jahre alt) immer noch der beste Mann, um es filmisch umzusetzen.

Nachdem er 2016 mit dem gefeierten und gleichsam umstrittenen „Elle“ (Rezension HIER) einmal mehr für Furore sorgte, widmet er sich in „Benedetta“ nun einer (realen) historischen Figur, die zu Lebzeiten offenbar auf vielerlei Weise für Aufsehen sorgte. Benedetta Carlini (1590 - 1661) wurde seit ihrer Kindheit auf ein Leben im Kloster vorbereitet. Sie behauptete später, Visionen von Jesus zu haben, trug Wundmale an Händen, Füßen und Stirn und soll zudem eine lesbische Beziehung mit einer anderen Nonne geführt haben. In einer Zeit, in der Männer der Kirche das alleinige Sagen hatten (oder zumindest viel Einfluss auf Regierende), waren Enthüllungen und Frauen wie diese etwas, das viel Misstrauen hervorrief – sowohl bei den Herrschenden als auch bei der Bevölkerung.

Der Lebensgeschichte von Carlini, im Film mit beeindruckender Präsenz und nuanciertem Spiel dargestellt von Virginie Efira, folgt Verhoeven in seinem Film chronologisch und verdeutlicht dabei nicht nur das religiöse, sondern ebenso das sexuelle Erwachen einer Nonne, die sich einerseits berufen fühlt, die Menschen in ihrer Umgebung vor Unheil zu warnen und zu schützen, andererseits zunehmend offensiv mit ihrer Macht hantiert – sei es gegenüber ihrer Liebhaberin (Daphne Patakia) oder der ihr unterwiesenen Schwestern (u.a. Charlotte Rampling). Dass ein Regisseur wie Verhoeven dabei in punkto Zeigefreudigkeit und Gewaltspitzen keine Gefangenen macht, sollte jeder/m klar sein, der andere Werke aus dessen Œuvre kennt.

Ähnlich wie sein Kollege Scott in „The Last Duel“, der ebenso vom Kampf einer Frau um Selbstbestimmung (im Frankreich des 14. Jahrhunderts) handelt, stilisiert Verhoeven seine Protagonistin jedoch nicht zu einer modernen Feministin, sondern legt vielmehr rigoros und wenig schmeichelhaft Machtstrukturen offen, in der Frauen jedwede Individualität abgesprochen und jeder Regelbruch hart bestraft wird.

Wie der geneigte Zuschauer (ja, hier ist vornehmlich der männliche gemeint) damit umgeht und es auf heutige Zustände überträgt, bleibt ihm selbst überlassen. Doch einmal mehr wird zumindest mir klar, wie aktuell selbst über 400 Jahre alte Geschichten und Ereignisse auch heute noch sind. Und wie wenig sich bisher geändert hat. Leider.

Der Film erscheint in mehreren verschiedenen Varianten auf DVD/Blu-ray/4K Ultra HD. Neben Einzeldiscs gibt es zwei optisch unterschiedliche Mediabook-Versionen, die diverse Extras (Interviews, Trailer, Booklet) enthalten. Der Film liegt bei allen Veröffentlichungen im französischen Originalton und deutsch synchronisiert vor. Untertitel sind optional einblendbar. „Benedetta“ erscheint bei Koch Media/Capelight und ist seit 18. Januar digital und ab 24. Februar 2022 physisch erhältlich. (Packshot + stills: © capelight pictures / Koch Films)

Heimkino-Tipp: „Saw: Spiral“ (2021)

Game Over.

Die „Saw“-Filmreihe als künstlerisch wertvoll zu bezeichnen wäre – bei aller Hochachtung vor jeder Person, die an deren Entstehung beteiligt ist, egal ob vor oder hinter der Kamera – ein wenig zu viel des Guten. Die Horrorstreifen mit einer Vorliebe für die explizite Darstellung von Opferleiden mittels fieser Tötungsvor-richtungen sind vielmehr ein, nun ja, ‚guilty pleasure‘, so zynisch dies auch klingen mag. Von 2004 bis 2010 gab es jährlich einen neuen Teil, 2017 mit „Jigsaw“ (Rezi HIER) dann den Versuch einer – Achtung: Wortwitz! – Wiederbelebung der Reihe, der jedoch hinter den Erwartungen zurückblieb.

Auftritt Chris Rock, Schauspieler mit Hauptfach Komödie. Er outete sich als Fan der Reihe und überzeugte die Produzenten von einer Storyidee, die dem Franchise den erhofften erfolgreichen Neustart bescheren sollte. Das Ergebnis dieses Brainstormings ist „Saw: Spiral“, der offiziell nicht zum eigentlichen Kanon zählen soll, sich jedoch stark daran orientiert.

Detective Banks (Rock) hat nicht viele Freunde unter seinen Kollegen. Vor Jahren hatte er einen korrupten Cop angezeigt, was ihm seither böse Blicke und häufige Provokationen anderer Polizisten auf dem Revier beschert. Da Banks aber auch ‚kein Tag am Strand‘ ist und gerne risikoreiche Alleingänge wagt, bekommt er mit Detective Schenk (Max Minghella) einen neuen Partner zugeteilt. Ihr erster Fall: Der Tod eines Gesetzeshüters, von dessen Körper nur noch einzelne Fetzen übrig sind. Mysteriöse Nachrichten, die Banks fortan erhält, sowie weitere brutale Morde an Kollegen bestärken das Ermittler-Duo in ihrem Verdacht, dass ein Serientäter sein Unwesen treibt, der sich am blutigen Handwerk des inzwischen verstorbenen, legendären Jigsaw-Killers John Kramer orientiert.

An dieser Stelle nun ein frei erfundener Dialog, wie er sich möglicherweise zwischen Chris Rock und einem der „Saw“-Produzenten zugetragen hat, als Ersterer seine Vision von „Spiral“ präsentierte:

Rock: „Sagt mal, was haltet ihr von einem düsteren Cop-Thriller à la „Sieben“, der nicht nur kreative Morde zeigt, sondern ebenso aktuelle Themen wie Korruption, Polizeigewalt und schwierige Familienverhältnisse anspricht? Ach und: Lasst uns Samuel L. Jackson als meinen Papa dazu holen. Der ist mir noch ‘nen Gefallen schuldig und wird unserem Projekt ordentlich Aufmerksamkeit bescheren.“

Produzent: „Das klingt ja fantastisch! Lass es uns genau so machen. Anspruchsvoller Splatter – sowas gab’s bisher noch nie und wir werden damit nicht nur an den Kinokassen Rekorde einfahren, sondern auch bei den Kritikern Lobhudeleien ernten. Und die Marvel-Fans haben wir dank Sam gleich mit am Haken.“

Einige Wochen später, zehn Minuten vor Drehbeginn:

Rock: „Danke für die üppige Gage und die geilen Wohntrailer, die ihr mir und Sam hingestellt habt.“

Produzent: „Ja gerne, Chris! Allerdings muss ich Dir sagen, dass wir dadurch nicht mehr so viel Knete für den Film übrig haben. Wir haben uns daher dazu entschlossen, auf Nummer sicher zu gehen und mit Darren Lynn Bousman einen Regisseur zurückzuholen, der schon die Teile 2-4 gemacht hat. Waren zwar alle nicht so prall, aber was soll’s. Bei dem wissen wir wenigstens, dass er uns ‘nen zumindest mittelmäßigen „Saw“-Film liefern kann.

Das mit der Korruption, Polizeigewalt und dem Vater-Sohn-Konflikt haben wir auf’s Nötigste zusammengekürzt. Also nicht wundern, wenn die Dialoge oberflächlich, klischeehaft und unoriginell klingen, aber unser Publikum is eh dumm wie drei Meter Feldweg, die würden das ohnehin nicht kapieren. Für die Fallen sind uns irgendwie auch die Ideen ausgegangen, daher wird es diesbezüglich ein wenig dürftig diesmal. Damit wir trotzdem sowas wie Spannung suggerieren können, schreist Du bitte alle Deine Sätze und machst in Deiner Performance einen auf Nicolas Cage. Das lenkt die Idioten im Kinosaal zusätzlich noch von den Logiklöchern ab, die wir aufgrund der nun rausgeschmissenen Skriptseiten überdecken müssen.

Ein befriedigendes Finale lassen wir ebenso weg, verschieben wir einfach auf den nächsten Teil. Sam kriegt am Ende nochmal ‘ne große Szene, den Rest sparen wir uns.“

Rock: „Ähh, wie bitte?“

Produzent: „So läuft das bei uns im Horrorfilmgeschäft, Chris. Vergiss das Publikum, die sind uns scheiß-egal. Denn wer sowas mit Erwartungen guckt, ist selbst schuld.“

Rock: „Cool, gefällt mir. Alles klar, bis später bei der Party. Ich geh dann jetzt erstmal, ähh, ‚schauspielern‘, hahaha.“

Der Film erscheint auf 4K UHD/Blu-ray/DVD in deutsch synchronisierter Sprachfassung sowie in englischer Originalversion. Untertitel in deutsch sind vorhanden. Als Extras gibt es Audiokommentare und diverse Dokumentation, die sich der Entstehung des Films widmen. „Saw: Spiral“ erscheint bei Studiocanal und ist seit 27. Januar 2022 auch digital und in einer limitierten Collector‘s Edition mit Buchteil erhältlich. (Packshot + stills: © Studiocanal)

Heimkino-Tipp: „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ (2021)

Ein Besuch in Sodom und Gomorra

Deutschen Filmen wird oft nachgesagt, sie seien verkopft, plakativ, verkünstelt oder auch betont theatralisch. Zwar stimme ich diesem Urteil nicht zu, aber wer aus eben solchen Befürchtungen selten Produktionen aus den hiesigen Landen schaut, wird sich bei „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ möglicherweise bestätigt fühlen. Denn nichts in Dominik Grafs Drei-Stunden-Epos scheint seinen gewohnten Gang zu gehen, die Kamera schlägt konstant Purzelbäume, während eine Vielzahl von Dialogfetzen auf die Zuschauer niederprasseln und Filmphantasie mit Dokumentarfilmschnipseln ein Tänzchen wagen. Anstrengend? Ja! Empfehlenswert? Auf jeden Fall!

Denn der Wahnsinn hat Methode – ganz besonders, wenn der Regisseur Dominik Graf heißt. Der inzwischen 69-Jährige zählt seit Dekaden zu den Ausnahmekünstlern der deutschen TV- und Kinolandschaft und hat schon häufiger künstlerische Grenzen überschritten. Sei es im Serienformat („Im Angesicht des Verbrechens“, 2010), auf der großen Leinwand („Der Rote Kakadu“, 2005; „Die geliebten Schwestern“, 2014) oder bei Fernsehproduktionen („Tatort“-Reihe). Zehn(!) Grimme-Preise sowie diverse weitere Auszeichnungen sind ein eindrucksvolles Zeugnis seines Wirkens.

Nun nahm er sich eines Werks von Erich Kästner (1899 – 1974) an, das dieser unter dem Titel „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ in veränderter Form 1931 veröffentlicht hatte. Ursprünglich trug der autobiografisch geprägte Roman den Untertitel „Der Gang vor die Hunde“ und war in einigen Aspekten ausführlicher, provozierender. Trotz der freiwilligen(?) Kürzung betrachteten die zwei Jahre später an die Macht gekommenen Nationalsozialisten den erschienenen „Fabian“ als sogenannte entartete Kunst und das Werk fiel den Bücherverbrennungen zum Opfer.

Warum das widerliche Nazipack „Fabian“ und Kästner nicht mochten, wird sehr schnell deutlich: Die Direktheit, mit der Freude, Exzess, Tanz, freie Liebe, Alkoholkonsum, Missstände, Wut und Armut, kurz: das Leben beschrieben und dargestellt werden, passten so gar nicht in das propagierte Weltbild der neuen Machthaber. Besonders die Zwischentöne, mit denen Kästner bereits ’31 auf die drohende politische und gesellschaftliche Gefahr hinwies, beeindrucken aus heutiger Sicht. Graf weiß dies – manchmal sehr offensichtlich, manchmal dezent – in seinen Film einzubauen und unterstreicht damit bewusst die wiederkehrenden Anzeichen darauf, was uns anno 2022ff. bevorstehen könnte, wenn sich die heutige Gesellschaft noch weiter nach rechts verschiebt, als es derzeit leider ohnehin schon geschieht.

Zur Story an sich möchte ich an dieser Stelle eigentlich gar nicht so viel ausformulieren. Im Mittelpunkt steht der Mittdreißiger Fabian (Tom Schilling), der 1931 zusammen mit seinem Freund Labude (Albrecht Schuch) durch das nächtliche Berlin zieht und tagsüber eher unfreiwillig als Werbetexter tätig ist. Als er sich in die angehende Schauspielerin Cornelia (Saskia Rosendahl) verliebt, nimmt sein Leben eine erste von vielen weiteren Wendungen.

Wie anfangs bereits angedeutet, inszeniert Graf diesen Blick zurück auf den Großstadttrubel kurz vor dem Ende der demokratischen Zeit der Weimarer Republik nicht auf herkömmlichen Wege. Dies beginnt schon mit einer grandiosen Eröffnungsszene: Darin schreitet die Kamera durch den U-Bahnhof Heidelberger Platz von heute und verlässt ihn am anderen Ende im Jahr 1931. Kurze s/w-Schnipsel aus jener Zeit werden immer wieder zwischengeschnitten, das verwendete Filmmaterial (Super-8, HD, farblos, ...) wechselt ebenso wie der „Krach“ auf der Tonspur. Zudem wird der Film komplett im für damals üblichen Format 1,33:1 (rechteckig) präsentiert. All das sind künstlerische Entscheidungen, die zweifellos als Huldigung Grafs vor der Filmgeschichte interpretiert werden können. Denn u.a. war es Fritz Langs ebenfalls 1931 erschienener erster Tonfilm „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, der überlappende Dialoge nutze, um ein ganz neues Film- und Seherlebnis zu schaffen.

Wer sich auf dieses filmische Abenteuer einlässt, bekommt somit nicht nur eine von Grafs vielleicht besten Arbeiten zu sehen, sondern gleichsam eine Art „Greatest Hits“ der technischen Seite des Weimarer Kinos, das damals weltweit für Begeisterung sorgte, bevor auch dies durch die Abwanderung unzähliger Filmschaffender von den Nazis zu Grabe getragen wurde. Nur einer von vielen weiteren Gründen, diese Minusgehirne und all ihre dämlichen Mitläufer von heute zu bekämpfen, wo immer es möglich ist.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung, optionale deutsche Untertitel sowie eine Hörfilmfassung (sehr gut!). Im Bonusmaterial gibt es einen Audiokommentar von Regisseur Dominik Graf, ein informatives Making of und Trailer. „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ erscheint bei DCM Film Distribution GmbH im Vertrieb von Leonine und ist seit 14.Januar 2022 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Lupa Film, Hanno Lentz, DCM)

Heimkino-Tipp: „New Order – Die neue Weltordnung“ (2020)

Living Hell

Im Oktober 2021 feierte auf dem Filmfest Hamburg das Drama „La Civil“ von Teodora Mihai seine deutsche Uraufführung. Der Film erzählt die wahre Geschichte einer Mutter in Mexiko, deren Teenagertochter wie so viele andere ebenso entführt wurde, und die sich – aller Gefahren zum Trotz – selbst auf die Suche nach ihrem Kind begab. Ein erschütternd-spannendes Werk, das die derzeitige Situation in dem Land ohne Beschönigungen zeigt – und hoffentlich bald seinen offiziellen Kinostart bei uns haben wird. Denn wer Nachrichten aufmerksam verfolgt wird wissen, dass Mexiko bereits seit vielen Jahren neben Gewalt und Korruption vor allem unter unzähligen Entführungen zu leiden hat. Dies hat u.a. auch zur Folge, dass jene, die es sich leisten können, ihre Anwesen abschotten und in z.T. festungsähnlichen Anlagen wohnen, während sich Menschen in ärmeren Gegenden hier und da in Bürgerwehren organisieren. Diese gesellschaftliche Kluft nutzt Regisseur Michel Franco als Ausgangspunkt für sein Thriller-Drama „New Order – Die neue Weltordnung“, in dem er die Folgen einer solchen Ungleichbehandlung rigoros weiterdenkt.

Auf der Hochzeit von Marianne (Naián González Norvind) kommen Wohlhabende zum Feiern, Tanzen und Koksen zusammen, während ihre Bediensteten eifrig in der Küche hantieren oder vor den Türen die übergroßen Wagen ihrer Chefs und Chefinnen bewachen. Alle sind happy und unbeschwert, bis plötzlich mehrere Fremde das Grundstück betreten und mit unbändiger Gewalt auf die Feiernden losgehen. Es ist ein Aufstand der Armen gegen die Reichen, der jedoch schnell vom Militär niedergeschlagen wird. Was darauf folgt, ist allerdings noch viel viel schlimmer.

Vorweg: Mensch sollte einen starken Magen haben, um „New Order“ bis zum Ende durchzuhalten. Denn was Regisseur und Autor Franco an Bildern wählt, überschreitet meiner Meinung nach mehr als einmal die Grenzen des Darstellbaren. Das explizite Zeigen von Folter, Vergewaltigung und Mord wirkt dabei umso abstoßender, da der Film in seiner Umsetzung sehr wirklichkeitsnah wirkt und scheinbar ohne Empathie für irgendeine Figur teilnahmslos deren Handeln und/oder Schicksal zeigt. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Begründung der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, Link). Dort heißt es u.a.: „Der meist nüchterne Inszenierungsstil erleichtert die Distanzierung zusätzlich. Da der Film zudem eine klare moralische Haltung zum Geschehen vermittelt, ist auch eine sozialethische Desorientierung von 16-Jährigen auszuschließen.“ Nun ja.

Soziale Ungleichheit anzuprangern und deren (mögliche) Folgen aufzuzeigen, ist zweifellos Aufgabe von Kunst. Das dies nicht immer auf unterhaltsamen Wegen geschieht, sollte Filmschauenden bewusst sein. Bei „New Order“ jedoch fällt es – zumindest mir – schwer, das Ziel des Regisseurs auszumachen. Denn das Gewalt, ganz gleich von wem sie ausgeht, über kurz oder lang immer auch Unschuldige trifft, ist keine neue Erkenntnis. Dass sie zudem auf die zurückfallen kann, die sie ausgelöst haben, überrascht ebenso wenig. Insofern ist Franco zumindest ehrlich: Jede/n kann es treffen, ganz gleich, an welcher Stelle im System sich die Person befindet.

Verstörend an „New Order“ ist allerdings, dass der Film absolut keine Erlösung für sein Publikum bietet. Jeder Hoffnungsschimmer wird wenige Sekunden später gewaltsam zunichte gemacht, jeder Anflug von Menschlichkeit in Blut ertränkt. Das mag konsequent und beabsichtigt sein. Jedoch macht es sich Franco zu leicht, wenn er lediglich Folgen und nie Ursachen zeigt oder zumindest andeutet. Konstruktive Lösungsvorschläge bleibt er schuldig und suhlt sich stattdessen in einem Gewaltexzess, der – auch das sicherlich gewollt – zunächst abstoßend, im weiteren Verlauf nur noch verrohend auf sein Publikum wirkt.

Offenbar scheint das vielen anderen Zuschauern nicht aufgestoßen zu sein. Der Film gewann u.a. den Silbernen Löwen und den Preis der Jugendjury in Venedig, den Publikumspreis des San Sebastian International Film Festival und war zudem in der Vorauswahl für den „Besten fremdsprachigen Film“ der Academy Awards. Aber auch das ist Aufgabe von Kunst: Unterschiedliche Reaktionen hervorzurufen und auf jede/n Betrachtin/er anders zu wirken. So oder so: „New Order“ wird lang nachwirken.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und spanischer Originalversion mit optionalen deutschen Untertiteln. Als Extras gibt es Trailer. „New Order – Die neue Weltordnung“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite Entertainment) und ist seit 19. November 2021 auch digital erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Ascot Elite)