Roofman
Vielleicht kennt das der eine oder die andere Leser/in ja aus dem eigenen Umfeld: Es gibt Menschen, in denen schlummert derart viel Potenzial, dass es verwundert zu sehen, wie sie dieses nicht ausschöpfen. Nicht immer aus eigener Antriebslosigkeit, sondern meist aufgrund von beruflichen oder privaten Umständen, die dies verhindern. Der neue Film von Derek Cianfrance („The Place Beyond the Pines“, 2012) widmet sich einer solchen Person – auf ganz wunderbare, melancholisch-amüsante Weise.
Der ehemalige Army Ranger Jeffrey (Channing Tatum) besitzt eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und hat ein sehr gutes Auge für Dinge, die andere meist nicht wahrnehmen – perfekte Voraussetzungen, um auf Beutezüge zu gehen. Mit großem Erfolg, wie sich schnell zeigt: Denn Jeffrey steigt bevorzugt über Dächer in Fast-Food-Filialen ein, um auf diesem Weg als „Roofman“ seine Privatkasse ordentlich aufzubessern. Bis ihn die Polizei auf die Schliche kommt und er zu 40 Jahren Knast verurteilt wird. Sein Talent kommt ihm jedoch auch hier zugute: Er kann fliehen und versteckt sich fortan in einer riesigen Spielzeugfiliale, in der Hoffnung, dass sowohl Polizei als auch Öffentlichkeit irgendwann andere Prioritäten verfolgen als ihn, den geflüchteten Einbrecherkünstler.
Um sich seinen Aufenthalt in dem Einkaufstempel etwas interessanter zu gestalten, deaktiviert er nachts die dortigen Überwachungskameras, deckt sich mit nützlichen Dingen wie einer Matratze, Süßigkeiten und einem Babyfon-Set ein und kann so tagsüber, wenn der Laden voll ist und er hinter einer Bretterwand versteckt rumlungert, die Bediensteten beobachten und belauschen. Besonders zwei Personen wecken dabei sein Interesse: Der ziemlich fiese Chef Mitch (Peter Dinklage) und die Single-Mama Leigh (Kirsten Dunst). Mit beiden nimmt er schon bald auf unterschiedliche Weise ‚Kontakt‘ auf.
Kaum zu glauben, aber die hier erzählte Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. Regisseur und Co-Autor Cianfrance hat den echten Jeffrey sowie andere in den Ereignissen involvierte Personen im Rahmen der Drehbuchrecherche mehrmals getroffen (teilweise sind sie sogar im Film zu sehen). Dass er sich dabei nicht nur hat inspirieren lassen, sondern ebenso ein Gefühl für die Tragik hinter der Story erkannt hat, ist der großes Verdienst des Filmemachers. Denn so amüsant die ganze Chose wirken mag: Dass ein ehemaliger Elitesoldat nach seiner Entlassung aus dem aktiven Dienst nicht Fuß fassen kann, kriminell wird und in seiner Gutmütigkeit aus seinem Versteck heraus auch noch anderen hilft, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren, sagt ziemlich viel über eine dysfunktionale Gesellschaft aus, wie sie (nicht nur) die USA momentan charakterisiert.
Anders als in Form einer Tragikomödie hätte Cianfrance dies deshalb gar nicht aufziehen können. Witzige Szenen wechseln sich mit traurig-nachdenklichen Momenten ab, Doppeldeutigkeiten treten zutage und scheinbar harmlose Gespräche entwickeln eine unerwartete Tiefe. Beispielhaft soll hier die unbeschwerte Unterhaltung mehrerer Personen während einer kirchlichen Feier genannt sein, die sehr schnell eine ernste Note erhält. Präsentiert wird das alles von tollen Darstellern (u.a. auch LaKeith Stanfield, Ben Mendelsohn, Juno Temple), die zumindest mich immer wieder dazu gebracht haben, einzelne Szenen mehrmals anzuschauen, da ihr Schauspiel so natürlich, so unerwartet, so ehrlich wirkt. Und siehe da: Das auf der Blu-ray enthaltene Making of verrät, dass der Regisseur mehrmals Dinge beim Szenendreh verändert oder verstellt hat, die bei der Probe zuvor noch anders abgesprochen oder platziert waren. Großartig!
„Der Hochstapler“ hat die seltene Qualität, dass er sowohl als leichtfüßiger Unterhaltungsfilm ‚für zwischendurch‘ als auch anspruchsvolles Drama funktioniert. Hier ist quasi für jede/n etwas im Angebot – wie in einem Spielzeugladen eben.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es ein ausführliches Making of, geschnittene Szenen und Trailer. „Der Hochstapler – Roofman“ erscheint bei Leonine und ist seit 13. März 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)



























