Heimkino-Tipp: „Cruising“ (1980)

 

Call me by your Name

Homosexualität wurde (nicht nur) in Hollywood-Produktionen lange Zeit entweder als etwas Abnormales dargestellt oder als Vorlage für billige Witzchen genutzt (Stichwort „Blue Oyster“-Bar in „Police Academy“, 1984). Inzwischen ist queeres Kino erfreulicherweise Normalität (Wortspiel beabsichtigt!), doch gab es natürlich auch Filme, die ‚irgendwo dazwischen‘ lagen und die Thematik zwar seriös angingen, sie letztendlich aber ebenso für ihre (inhaltlichen) Zwecke ausnutzten. Zum Beispiel William Friedkins „Cruising“ von 1980.

Friedkin war zu diesem Zeitpunkt bereits ein etablierter Regisseur, hatte er doch mit „Brennpunkt Brooklyn – The French Connection“ (1971) und „Der Exorzist“ (1973) zwei mehrfach ausgezeichnete Werke erschaffen, die noch heute als Meilensteine der ‚New Hollywood‘-Epoche bezeichnet werden. Nach seinem furiosen, jedoch leider erfolglosen „Atemlos vor Angst“ (1977, ein Remake des 1953 entstandenen „Lohn der Angst“), wagte er sich mit „Cruising“ abermals an eine Geschichte, die Kontroversen schon im Vorfeld provozierte. Immerhin handelt der Film von einem Undercover-Cop, der einen Killer im SM-Milieu New Yorks auffinden soll.

Der junge Polizist Steve (Al Pacino) erhält die Chance, auf der Karriereleiter einen großen Schritt voranzukommen – wenn er sich auf eine verdeckte Ermittlung einlässt, die wohl nicht jeder so ohne Weiteres angenommen hätte: Ein Killer meuchelt schwule Männer während des Liebesspiels. Verdächtige gibt es keine und seinem Vorgesetzten (Paul Sorvino) wird ‚von oben‘ ordentlich Druck gemacht, den Fall endlich zu lösen. Das Einschleusen von Steve in die Szene soll endlich den gewünschten Erfolg bringen. Beinah schon naiv lässt er sich darauf ein: Aus Neugier wird Faszination, aus Faszination mehr und mehr Besessenheit – und vielleicht sogar Leidenschaft?

Vieles, was „Cruising“ zeigt, wirkt 46 Jahre später eher wie eine Satire auf die Homosexuellen-Klubs und -Codes: Muskulöse Männer in Leder, meist sehr offenherzig unterwegs und ständig auf der Suche nach einem sexuellen Abenteuer. War dies Ende der 1970er, Anfang der 1980er tatsächlich so? Oder bedient Friedkin hier das Klischee über alle Maßen, so, wie es sich die heterosexuelle Gesellschaft vorstellt? Beurteilen kann ich dies als Teil der ‚Generation Y‘ nicht, wohl aber die Direktheit wertschätzen. Denn was hier sehr explizit – auch von Pacino – gezeigt wird, ist für damalige Verhältnisse wirklich bemerkenswert. Hier großes Lob an das Label Plaion Pictures, das diese Veröffentlichung verantwortet und im Bonusmaterial u.a. einen Vergleich zwischen zensierter und unzensierter Fassung beigefügt hat, um zu verdeutlichen, wie der Film zum Teil verändert werden musste, um ihn weniger anstößig zu machen.

Zugegeben, der spannendste Streifen aus Friedkins Œuvre ist „Cruising“ sicher nicht. Vielmehr ist er an seinem provokanten Milieu interessiert, in welches die Krimigeschichte eingebettet ist, und badet förmlich in Szenen, in denen sich Männer auf welche Weise auch immer näherkommen. Mittendrin Pacino, der die Ambivalenz seiner Figur sicht- und fühlbar macht. Das alles macht „Cruising“ zu einem interessanten Zeitdokument, was das opulente Bonusmaterial der Veröffentlichung unterstreicht: Neben zwei Dokumentationen über die Entstehung und Fortwirkung des Films enthält die Mediabook-Edition u.a. mehrere informative Audiokommentare, unzählige alte und retrospektive Interviews, geschnittene und alternative Szenen sowie diverse Trailer und TV-Spots (einige davon nur in einer Vorab-Testversion, was weitere spannende Einblicke ins Marketing zum Film ermöglicht). Kurzum: Ein großartiges Paket, vor allem für Cinephile!

Die Blu-ray bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind ebenso optional vorhanden. Zudem gibt es mehrere unterschiedliche Tonformate. „Cruising“ erscheint am 09. Juli 2026 bei Plaion Pictures und ist auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Plaion Pictures)

Heimkino-Tipp: „Der Magier im Kreml“ (2025)

Machtmenschen

Das Timing ist wirklich schlecht: Erst vor wenigen Monaten äußerte sich ein gewisser Quentin Tarantino sehr abfällig und beleidigend über den (in meinen Augen überaus talentierten) Schauspieler Paul Dano und bezeichnete ihn als „schwach“ und „uninteressant“. Dabei hob er besonders dessen Mitwirkung in „There will be Blood“ (Regie: Paul Thomas Anderson, 2007, LINK) hervor, in dem Dano die zweite Hauptrolle neben Daniel Day-Lewis spielte, der hierfür seinen zweiten (von drei) Oscars erhielt. Dass Tarantino damit ziemlich falsch lag, bewiesen die heftigen Reaktionen auf seine Ausführungen – zu Recht, wie ein Blick auf Danos Filmografie zeigt, die gespickt ist mit Werken von Steven Spielberg, Ryan Johnson, Jon Favreau, James Mangold und Denis Villeneuve. Merkste selbst, Quentin, oder?

Warum diese Einleitung? Weil es Mr. Tarantino beim Schauen von „There will be Blood“ offenbar so erging, wie dem Autor dieser Zeilen bei „Der Magier im Kreml“: Danos Performance ist ein Mysterium. Vielleicht aber auch nur eine Weiterführung dessen, was der große Philip Seymour Hoffman einst in „A Most Wanted Man“ (2014, LINK) präsentierte. Eine Figur, die scheinbar völlig gelangweilt, emotionslos und kühl das Geschehen begleitet und kommentiert, dabei seine Stimme kaum erhebt und äußerlich den immer gleichen Gesichtsausdruck zeigt. Auch da brauchte es (für mich) lange, dieses ‚Schauspiel‘ zu durchschauen und die ganze Raffinesse dahinter zu erkennen – den inneren Kampf, die inneren Zweifel oder schlicht die Eiseskälte, wie sie nur die skrupellosesten Menschen besitzen, die keinerlei Scham oder Gewissen kennen.

 

Dies ist es (möglicherweise), was Dano zu seiner Figur in „Der Magier des Kreml“ beiträgt: Vadim Baranov steigt in den 1990ern vom TV-Produzenten zum Königsmacher auf, in dem er all seine Fähigkeiten, Mittel und Kontakte nutzt, um einen KGB-Agenten namens Wladimir Putin (Jude Law) an die Macht in Russland zu bringen. Baranov selbst erzählt seine Geschichte einem Journalisten (Jeffrey Wright), der ihn einige Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Politikzirkus besucht. Schnell zeigt sich, dass sowohl Baranov als auch Putin, von allen nur „Zar“ genannt, der ‚verwestlichten‘ Russischen Föderation, wie sie sich nach dem Ende der Sowjetunion entwickelte, nicht viel abgewinnen können und diese zu ihren Gunsten umbauen wollen.

Die Zeitspanne, die Regisseur Olivier Assayas und sein Co-Autor Emmanuel Carrère in ihrem Film abdecken, ist immens: Von Anfang der 1990er-Jahre bis zu den Vorläufern des von Putin vom Zaun gebrochenen Angriffskriegs auf die Ukraine reicht die Geschichte, die in 145 Minuten aufgeblättert und im Schnelldurchlauf beschrieben wird. Per se eine spannende Prämisse. Nur wo bleibt die künstlerische Auseinandersetzung damit? Unendlich trocken, spannungsarm und immer darauf bedacht, in den steifen Dialogen alles wie in einem Lexikon stichpunktartig zu erklären, hetzt der Film durch seine Szenen, in denen Dano stoisch und ruhig seine Texte aufsagt, während um ihn herum alles wuselt. Okay, sein Charakter ist der Beobachtende, der Alleswisser und Strippenzieher. Trotzdem wirkt er wie ein Avatar, der in seinen eigenen Erinnerungen schlafwandelt und den anderen beim (Schau-)Spielen gelangweilt zuschaut.

Immerhin kann Law alias Putin dafür glänzen: Seine (Ver-)Wandlung zum russischen Despoten ist nicht nur optisch beeindruckend, sondern begeistert ebenso mit kleinen Gesten, Blicken und einer Art zu gehen, die ihn vom echten Vorbild kaum unterscheiden. Es verwundert daher nicht, dass die eingestreuten realen Szenen Putins überhaupt nicht auffallen, da Law ihn bis in die letzte Haarspitze perfekt trifft.

 

„Der Magier im Kreml“ wirkt bisweilen wie ein zum Leben erwecktes Geschichtsbuch, das informieren aber nur bedingt unterhalten will. Große ‚Aha‘-Erlebnisse bleiben aus, eine neue Sichtweise auf historische Ereignisse, deren Auswüchse bis heute zu spüren sind, ergibt sich nicht. Lediglich die bereits bekannte Erkenntnis, dass es meist nur wenige machtbewusste Menschen braucht, um sehr vielen weiteren Menschen Leid zuzufügen.

Und Paul Dano? Ist und bleibt ein sehr guter Schauspieler, selbst wenn er in weniger gelungenen Streifen wie diesen hier sein Talent verschwendet.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche (auch für Hörgeschädigte) und englische Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt Interviews, Szenen vom Dreh und Trailer. „Der Magier im Kreml“ erscheint bei Leonine und ist seit 3. Juli 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)

Heimkino-Tipp: „Dead of Winter“ (2025)

Eisige Stille

Wird im Vorspann eines Films die Hauptdarstellerin als Mitproduzentin genannt, könnte mensch vermuten, dass ihr dieses Projekt am Herzen liegt. Warum sonst sollte eigenes Geld in die Entstehung investiert werden? Im Falle von „Dead of Winter“ ist es die zweifache Oscar-Preisträgerin Emma Thompson (‚Beste Darstellerin‘ 1992, ‚Bestes adaptiertes Drehbuch‘ 1996), die darin nicht nur die Protagonistin Barb gibt, sondern auch hinter den Kulissen mitwirkte. Umso mehr verwundert es, nun einen Thriller zu sehen, der insbesondere auf inhaltlicher Ebene ziemlich dünn daherkommt und ein Drehbuch präsentiert, das jegliche Finesse und Überraschung vermissen lässt.


Nach dem Tod ihres Mannes möchte die Fischerin Barb die Asche ihres verstorbenen Gatten in einem See verstreuen, den beide mit einer besonderen Erinnerung verbanden. Etwas orientierungslos auf dem Trip durch die weiße Winterlandschaft Minnesotas, fährt sie ein Haus abseits der Straße an, um dort nach dem Weg zu fragen – und entdeckt dabei eine Blutspur im Schnee. Stammt es von einem erlegten Wild, wie ihr versichert wird? Angekommen am Ziel, wird sie kurze Zeit später Zeugin, wie der schmallippige Mann (Marc Menchaca), der ihr eben noch die Richtung wies, eine flüchtende, an den Armen gefesselte Frau (Laurel Marsden) mit Waffengewalt am Fortkommen hindert. Ohne Handyempfang und auf sich allein gestellt beschließt Barb, der Entführten zu helfen. Doch der vermeintliche Bösewicht handelt nicht allein, wie Barb schon bald schmerzhaft feststellen muss.

Abgelegene Wildnis, skrupellose Gegenspieler und eine gebrochene, weil verwitwete Heldin, die über sich hinauswachsen muss: „Dead of Winter“ präsentiert altbekannte Zutaten und versucht diese mit einer ungewöhnlichen Besetzung (Thompson) sowie beeindruckenden Landschaftsaufnahmen – die übrigens alle in Finnland entstanden – halbwegs neu und frisch zu verpacken. Allein, es gelingt nicht.

Denn Obacht! Charakterliche Tiefe entwickelt nicht ausschließlich daraus, Rückblenden an frühere, schönere und wärmere Lebensabschnitte einzufügen, die Barbs Vergangenheit näher beleuchten sollen. Auch handelt die Retterin in spe oftmals derart unvorsichtig, unüberlegt und naiv, dass es fast schon wie eine Satire auf das Thriller-Genre wirkt. Dem steht die sich sukzessive entblößende Motivation ihrer Gegenspieler in nichts nach, angeführt von einer schießwütigen Furie – im Abspann nur „Purple Lady“ genannt –, die Judy Greer als dauerhaft an Fentanyl-Stäben lutschende weibliche Version von Stallones Zahnstocherkauender „City-Cobra“ erscheinen lässt. Grundgütiger!

Schade eigentlich, denn B-Movies dieser Art sind gewöhnlich trotzdem ganz unterhaltsam. Doch weder ist Charakterdarstellerin Emma Thompson in Actionflicks so überzeugend wie ihr (sogar älterer) Kollege Liam Neeson, noch kann Regisseur Brian Kirk an die inszenatorische Qualität seines grandiosen „21 Bridges“ (2019) anknüpfen, der einst ohne Schnickschnack, geradlinig und mit glaubhafter Härte als Großstadtkrimi überzeugte – all das, was „Dead of Winter“ leider vermissen lässt.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Auch eine Hörfilmfassung ist mit an Bord (bravo!). Deutsche Untertitel (+ für Hörgeschädigte) sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es ein ausführliches Making of und Trailer. „Dead of Winter – Eisige Stille“ erscheint bei Leonine und ist seit 3. Juli 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)

Heimkino-Tipp: „Der Hochstapler“ (2025)

 

 

Roofman

Vielleicht kennt das der eine oder die andere Leser/in ja aus dem eigenen Umfeld: Es gibt Menschen, in denen schlummert derart viel Potenzial, dass es verwundert zu sehen, wie sie dieses nicht ausschöpfen. Nicht immer aus eigener Antriebslosigkeit, sondern meist aufgrund von beruflichen oder privaten Umständen, die dies verhindern. Der neue Film von Derek Cianfrance („The Place Beyond the Pines“, 2012) widmet sich einer solchen Person – auf ganz wunderbare, melancholisch-amüsante Weise.

Der ehemalige Army Ranger Jeffrey (Channing Tatum) besitzt eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und hat ein sehr gutes Auge für Dinge, die andere meist nicht wahrnehmen – perfekte Voraussetzungen, um auf Beutezüge zu gehen. Mit großem Erfolg, wie sich schnell zeigt: Denn Jeffrey steigt bevorzugt über Dächer in Fast-Food-Filialen ein, um auf diesem Weg als „Roofman“ seine Privatkasse ordentlich aufzubessern. Bis ihn die Polizei auf die Schliche kommt und er zu 40 Jahren Knast verurteilt wird. Sein Talent kommt ihm jedoch auch hier zugute: Er kann fliehen und versteckt sich fortan in einer riesigen Spielzeugfiliale, in der Hoffnung, dass sowohl Polizei als auch Öffentlichkeit irgendwann andere Prioritäten verfolgen als ihn, den geflüchteten Einbrecherkünstler.

 

Um sich seinen Aufenthalt in dem Einkaufstempel etwas interessanter zu gestalten, deaktiviert er nachts die dortigen Überwachungskameras, deckt sich mit nützlichen Dingen wie einer Matratze, Süßigkeiten und einem Babyfon-Set ein und kann so tagsüber, wenn der Laden voll ist und er hinter einer Bretterwand versteckt rumlungert, die Bediensteten beobachten und belauschen. Besonders zwei Personen wecken dabei sein Interesse: Der ziemlich fiese Chef Mitch (Peter Dinklage) und die Single-Mama Leigh (Kirsten Dunst). Mit beiden nimmt er schon bald auf unterschiedliche Weise ‚Kontakt‘ auf.

 

Kaum zu glauben, aber die hier erzählte Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. Regisseur und Co-Autor Cianfrance hat den echten Jeffrey sowie andere in den Ereignissen involvierte Personen im Rahmen der Drehbuchrecherche mehrmals getroffen (teilweise sind sie sogar im Film zu sehen). Dass er sich dabei nicht nur hat inspirieren lassen, sondern ebenso ein Gefühl für die Tragik hinter der Story erkannt hat, ist der großes Verdienst des Filmemachers. Denn so amüsant die ganze Chose wirken mag: Dass ein ehemaliger Elitesoldat nach seiner Entlassung aus dem aktiven Dienst nicht Fuß fassen kann, kriminell wird und in seiner Gutmütigkeit aus seinem Versteck heraus auch noch anderen hilft, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren, sagt ziemlich viel über eine dysfunktionale Gesellschaft aus, wie sie (nicht nur) die USA momentan charakterisiert.

 

Anders als in Form einer Tragikomödie hätte Cianfrance dies deshalb gar nicht aufziehen können. Witzige Szenen wechseln sich mit traurig-nachdenklichen Momenten ab, Doppeldeutigkeiten treten zutage und scheinbar harmlose Gespräche entwickeln eine unerwartete Tiefe. Beispielhaft soll hier die unbeschwerte Unterhaltung mehrerer Personen während einer kirchlichen Feier genannt sein, die sehr schnell eine ernste Note erhält. Präsentiert wird das alles von tollen Darstellern (u.a. auch LaKeith Stanfield, Ben Mendelsohn, Juno Temple), die zumindest mich immer wieder dazu gebracht haben, einzelne Szenen mehrmals anzuschauen, da ihr Schauspiel so natürlich, so unerwartet, so ehrlich wirkt. Und siehe da: Das auf der Blu-ray enthaltene Making of verrät, dass der Regisseur mehrmals Dinge beim Szenendreh verändert oder verstellt hat, die bei der Probe zuvor noch anders abgesprochen oder platziert waren. Großartig!

 

„Der Hochstapler“ hat die seltene Qualität, dass er sowohl als leichtfüßiger Unterhaltungsfilm ‚für zwischendurch‘ als auch anspruchsvolles Drama funktioniert. Hier ist quasi für jede/n etwas im Angebot – wie in einem Spielzeugladen eben.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es ein ausführliches Making of, geschnittene Szenen und Trailer. „Der Hochstapler – Roofman“ erscheint bei Leonine und ist seit 13. März 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)

Heimkino-Tipp: „Der Mann, der immer kleiner wurde“ (2025)


Downsizing

Die Geschichte von meist wohlhabenden Menschen, die sukzessive alles verlieren und damit verbunden aus ihrem sicheren sozialen Gefüge fallen, ist ein beliebtes Thema sowohl in der Literatur als auch Filmkunst. Bereits 1957 verfilmte Jack Arnold („Tarantula“, 1955) mit „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C.“ („The Incredible Shrinking Man“) eine solche Story in Form eines Horrordramas, in dem ein Mann plötzlich aus unerklärlichen Gründen immer kleiner wird, bis er schließlich als Winzling u.a. gegen die eigene Hauskatze fliehen muss, die in gern als Beute schnappen möchte. Der französische Oscar-Preisträger Jean Dujardin („The Artist“, 2011) wollte diesen Klassiker neu auflegen – und fand in Regisseur Jan Kounen („Doberman“, 1997) der perfekten Partner für das Projekt.


Paul (Dujardin) hat eine eigene Firma als Bootsbauer und lebt mit Frau und Kind in einer komfortablen Villa mit Blick auf den Atlantik. Das Familienleben ist harmonisch und bis auf einen säumigen Kunden und einer sich andeutenden allgemeinen Auftragsflaute scheint kein Wölkchen sein privates und berufliches Glück zu trüben. Da wundert es ihn zunächst wenig, als er feststellt, dass eines seiner Hemden beim Anziehen plötzlich etwas zu groß wirkt. Als sich dies jedoch fortsetzt und er in Alltagssituationen immer wieder seltsame Größenunterschiede festzustellen glaubt, begibt er sich doch zum Arzt. Und tatsächlich: Paul schrumpft. Immer weiter. Sein ganzer Körper, sämtliche Organe, nur die Kleidung nicht. Nach wenigen Monaten ist er kaum noch zu sehen – außer für die Katze, Insekten, dem Hausfisch und eine Kellerspinne, die ihn nur zu gerne in ihrem Netz auffinden würde.
 

Griff Regisseur Arnold in den 1950er-Jahren noch auf übergroße Setbauten und einfache optische Effekte zurück, um die Verkleinerung seiner Hauptfigur zu simulieren, so kann sein Kollege Kounen für sein Remake inzwischen natürlich mittels moderner Technik aus dem Vollen schöpfen. Doch tut er dies behutsam und nie des Effekts wegen. Ihn interessiert mehr die Psychologie seiner Figuren, allen voran natürlich Paul, und was diese nur körperliche, äußere Veränderung mit dem Familiengefüge sowie Pauls Selbstbild macht. Damit folgt Kounen seinem Kollegen von vor 70 Jahren – und erschafft so ein weitaus wirkungsvolleres Werk als ‚nur‘ einen amüsanten Gruselstreifen.
 

Amüsant ist auch das Stichwort: „Der Mann, der immer kleiner wurde“ ist keine Komödie. Vielmehr setzt sich der Film ernsthaft und ohne Hatz mit seiner Geschichte auseinander, die sehr schön versinnbildlicht, wie schnell sicher geglaubte Lebensentwürfe zerbrechen können, wie es sich anfühlt, wenn einem auch im übertragenen Sinne alles über den Kopf wächst, und wie limitiert letztendlich unser Einfluss darauf ist. Die Hauptfigur Paul ist zudem kein Unsympath, Ausbeuter oder Gewaltmensch, den das Karma heimsucht, was eine Identifikation des Publikums mit ihm – zumindest in den meisten Fällen – nur verstärkt. Das Dujardin dies darstellerisch zu 80 Prozent überzeugend alleine wuppen kann, steht außer Frage.


Die Effekte sind, wie oben bereits erwähnt, zurückhaltend eingesetzt und lassen selten erkennen, ob es ein altmodisch umgesetzter (also beispielsweise mittels Bauten oder sogenannten Matte Paintings, gezeichneten Hintergründen mit veränderter Perspektive) oder am Computer entstandener Trick ist. Diese ‚Fusion‘ verschiedener Tricks gibt dem Film etwas Lebendiges, was ausschließlich digital erstellte Welten meiner Ansicht nach nie erreichen werden (ja, Du bist gemeint „Avatar“!).
 

„Der Mann, der immer kleiner wurde“ ist ein gelungenes, technisch versiert inszeniertes und mitreißendes Werk, das inhaltlich und schauspielerisch ebenso punktet wie optisch. Toll!

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in französischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel auch für Hörgeschädigte sind optional zuschaltbar. Als Bonus gibt es ein ausführliches Making of und Trailer. „Der Mann, der immer kleiner wurde – Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ erscheint bei Leonine Studios und ist seit 6. März 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)

Heimkino-Tipp: „Die Unfassbaren 3“ (2025)

 

Now You See Me: Now You Don't

Ganze neun Jahre sind vergangenen, seit das Magier-Team um Daniel (Jesse Eisenberg) mit seinen zauberhaften Künsten die Welt vor einem Bösewicht bewahrte (Rezension zu „Die Unfassbaren 2“ HIER). Nun kommen sie ungewollt noch einmal zusammen, nachdem sie unabhängig voneinander eine mysteriöse Tarot-Karte erhalten haben, die sie ins belgische Antwerpen locken sollte. Schnell wird klar, dass der Absender ganz bewusst die „Reiter“ ausgewählt hat, um die skrupellos agierende Diamanten-Händlerin Veronika Vanderberg (Rosamund Pike) zu Fall zu bringen. Zwar gelingt es zunächst, ihr wertvollstes Glitzersteinchen zu entwenden. Doch Vanderberg weiß sich zu wehren und verstrickt ihre Gegner in ein Katz-und-Maus-Spiel, das sie alle schließlich bis nach Abu Dhabi führt.

 
Als 2013 der erste Teil der „Die Unfassbaren“-Reihe erschien, beeindruckte der amüsante Thriller um clevere Zauberkünstler weniger aufgrund seiner Handlung als vielmehr wegen seiner bemerkenswerten Besetzung: Neben Eisenberg waren da u.a. Woody Harrelson, Mark Ruffalo, Isla Fisher, Dave Franco, Melanie Laurent, Morgan Freeman sowie Michael Caine zu sehen. Die Fortsetzung 2016 ergänzte dann noch Daniel Radcliffe als Gegenspieler, was aufgrund von dessen schauspielerischer Vergangenheit als Harry Potter eine zusätzliche witzige Note bekam. Erfolgreich waren beide Teile, im cineastischen Gedächtnis jedoch blieben sie kaum.
 

Nun also eine dritte Episode und wieder sind (fast) alle mit am Start. Dass die Darsteller große Freude am Wiedersehen hatten, ist unübersehbar. Es wird viel gelächelt, hier und da ein kleiner witziger Seitenhieb verteilt und überhaupt sehen alle sehr erholt und frisch aus. Das ändert sich auch im weiteren Verlauf der Handlung kaum, selbst wenn es einmal brenzlich wird. Was das Grundproblem des Films bereits andeutet: Spannung, Suspense oder ein Gefühl der Bedrohung für die Protagonisten entwickeln sich kaum. Stattdessen muss auf der Tonspur mehrmals daran erinnert werden, dass die Gegnerin ‚böse‘ ist und ‚über Leichen geht‘ (was sie tatsächlich tut), doch dies auch inszenatorisch oder inhaltlich zu spiegeln, verpassen Regie (Ruben Fleischer) und Skript (immerhin vier(!) Autoren) leider völlig. Überhaupt stehen die Figuren vornehmlich irgendwo zusammen rum und erklären sich die Szenerie ständig. Bewegung wird suggeriert und doch sind es nur Setpieces, die aneinandergefügt werden, jeweils mit einem neuen Rätsel versehen, das es zu lösen gilt. Oder böse(r) formuliert: Schöne, lächelnde Menschen springen einem überlangen Youtube-Video gleich von einem Ort zum nächsten, sprechen affektiert ihre Dialogfetzen runter und warten anschließend auf den nächsten Szenenwechsel. Das ist alles professionell umgesetzt, keine Frage, nur gleicht es eher dem Besuch eines Fast-Food-Restaurants, das für den Moment beglückt, zehn Minuten nach Verlassen der Lokalität (= des Kinosaals) jedoch wieder vergessen ist.

Das Einzige, über das eventuell anschließend noch gesprochen wird, ist womöglich die zu sehende Rennstrecke in Abu Dhabi („Yas Marina Circuit“), die bekannterweise direkt durch ein Hotel führt. Beeindruckend? Ja. Und doch mit einem Geschmäckle versehen, zumal „Die Unfassbaren 3“, ebenso wie inzwischen sehr sehr viele Hollywood-Produktionen, auch im ungarischen Budapest gedreht wurde. Beide Länder, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ungarn, sind autoritär geführte Staaten, schränken – in unterschiedlichem Ausmaß – Meinungsfreiheit ein und gehen repressiv gegen Kritiker vor. Es wäre zu wünschen, dass dies bei der Auswahl von Produktionsstandorten mehr Beachtung finden würde und – wenn möglich – Konsequenzen hätte.

„Die Unfassbaren 3“ ist ein im besten Sinne „okay-er“ Streifen, der leichte Unterhaltung präsentiert, weder inhaltlich noch darstellerisch fordert und in seiner unbekümmerten Art schön anzusehenden Eskapismus bietet. Gibt Schlimmeres.

Die DVD/Blu-ray/Ultra HD Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel (auch für Hörgeschädigte) sind optional zuschaltbar. Als Bonus gibt es diverse Featurettes zur Entstehung, gelöschte Szenen, einen Audiokommentar und Trailer. „Die Unfassbaren 3“ erscheint bei Leonine Studios und ist seit 6. März 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)

Heimkino-Tipp: „HIM“ (2025)


Football. Family. God.

Vielleicht muss mensch diesen Sport mit der Muttermilch aufgesogen haben, um ihn zu verstehen. Oder um zumindest die Begeisterung dafür teilen zu können. Doch wer, wie der Autor dieser Zeilen, mit American Football keinerlei Berührungspunkte hat, wird möglicherweise auch mit dem Film „Him“ von Justin Tipping ein wenig hadern. Denn dies ist eine Parabel – auf die Sportart selbst, die Mechanismen der Branche und die Ausbeutung der Spieler. Und eine ziemlich verkopfte dazu.
 

Das Jungtalent Cameron Cade (Tyriq Withers) steht vor einer großen Football-Karriere, als er bei einem Angriff verletzt wird. Um wieder in Form zu kommen – und auch, da er ein großer Fan ist –, nimmt er das verlockende Angebot des früheren Mehrfach-Champions Isaiah White (Marlon Wayans) an, auf dessen abgelegenem Anwesen ein paar Trainingswochen zu absolvieren. Diese sind von Isolation, physischer und psychischer Gewalt sowie einem sehr seltsamen Benehmen aller dort Anwesenden gekennzeichnet. Schon bald stellt sich für Cameron die Frage, ob er dies seiner Karriere willen mitträgt – oder aufbegehrt.
 

Die Prämisse ist zweifellos reizvoll: Ein Blick hinter die Kulissen der Sport- und Managementbranche, auf den Leistungsdruck, dem die Sportler permanent ausgesetzt sind, und auf die Verlockungen des frühen Wohlstands dank der Unsummen, die die Stars inzwischen erhalten. Womöglich ist es auch genau das, was Regisseur Tipping seinem Publikum in „Him“ präsentiert – nur leider ohne es dabei an die Hand zu nehmen. So sind religiöse Bezüge ebenso zu entdecken wie Seitenhiebe auf Medienrummel und übertriebenen Fankult. Nur wirken diese selbst beim aufmerksamen Schauen des Films eher wie Zufallsfunde denn wie intendiert hinterlassene Anspielungen. Dies alles kulminiert in zunehmend der Realität entfliehenden Szenen, deren Deutung sukzessive anstrengt.
 

Doch möglicherweise entstehen diese Fragezeichen nur bei all jenen, denen die Regeln in und um die Football-Welt fremd sind. Fans und Kenner hingegen erkennen vielleicht Codes, Zitate und ‚inside jokes‘, die einem Rezensenten wie mir ob meiner Unkenntnis verborgen bleiben. Einig sind wir uns auf jeden Fall bei der Bewertung der Darsteller: Vor allem Wayans, bisher vornehmlich in derb-doofen Komödien unterwegs („Scary Movie“, „White Chicks“), weiß als unantastbarer, selbstbewusster Star der Football-Liga zu beeindrucken.
 

Ein bisschen fühlt sich „Him“ an wie der lang erwartete Besuch im Stadion, wenn das eigene Lieblingsteam spielt: Die Erwartung ist hoch, das Match ist passabel, doch am Ende geht mensch trotzdem unzufrieden nach Hause, da die große Überraschung auf dem Spielfeld/der Leinwand ausgeblieben ist.  


Die Blu-ray/DVD-Disc bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind ebenso optional vorhanden. Als Bonus gibt es u.a. einen Audiokommentar, geschnittene Szenen und diverse Making of-Featurettes. „Him – Der Größte aller Zeiten“ erscheint am 26. Februar 2026 bei Universal im Vertrieb von Plaion Pictures und ist auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Universal/Plaion Pictures)