Heimkino-Tipp: „Vier minus drei“ (2026)

Mein Leben ohne euch

Es geschieht ohne Vorwarnung: Barbara (Valerie Pachner) steht mit dem Auto gerade im Stau, als sie einen beunruhigenden Anruf von ihrer Freundin erhält. Ein gelber Kleinbus sei an einem unbeschränkten Bahnübergang von einem Zug erfasst worden – ein Kleinbus, der dem ihrer Familie ähnelt. Und schon beginnt das Kopfkino: Wieso geht ihr Mann Heli (Robert Stadlober) nicht ans Telefon? Wo befinden sich ihre gemeinsamen Kinder? Und warum wird sie plötzlich von einer zweiten Freundin gebeten, zu ihr zu kommen?

Was der österreichischen Autorin Barbara Pachl-Eberhart widerfahren ist, wünscht man keinem Menschen: Sie verlor 2008 ihren Gatten und ihre beiden (sieben und zwei Jahre alten) Kinder infolge eines Unfalls. Um ihre Trauer zu verarbeiten, verfasste sie ihre Autobiografie mit dem Titel „Vier minus drei“, die 2012 erschien und auf der dieser Film basiert.

Unter der Regie von Adrian Goiginger („Der Fuchs“) ist dieses künstlerische Wagnis glücklicherweise in guten Händen: Sensibel, nicht überzuckert und schon gar nicht sich im Leid der Hauptfigur suhlend, ist seine filmische Adaption tragisch und hoffnungsvoll zugleich. Dabei hilft es sicherlich, dass die Geschichte – ebenso wie in der literarischen Vorlage – in zwei verschiedenen Zeitebenen erzählt wird. Auch wenn dies der Autorin im echten Leben nicht vergönnt war, gibt es der Erzählung (und den ZuschauerInnen) immer wieder Luft zum Durchatmen und sogar Schmunzeln. Denn – welch bittere Ironie – Barbara und ihr Mann arbeite(te)n als professionelle Clowns. Ihr Kennenlernen, ihre ersten gemeinsamen Proben sowie ihr oftmals unbeschwerter Blick auf die Dinge geben dem Film eine leichte Note, ohne die die ganze Tragik wohl kaum zu ertragen wäre.

Regisseur Goiginger tappt dabei erfreulicherweise nicht in die Falle, alles Vorherige zu verklären. Denn wie jedes andere Paar auch, haben Barbara und Heli ihre Kämpfe ausgetragen, ihrem Gegenüber Böses an den Kopf geworfen und mit so mancher Entscheidung des Partners gehadert. Dass dies nach dem Schicksalsschlag nicht einfacher wird, zeigen all jene Szenen, in denen die Witwe mit den (Beerdigungs-)Wünschen ihrer Schwiegereltern konfrontiert wird, die den Verlust ihres Sohnes auf ganz andere Weise zu verarbeiten versuchen. „Vier minus drei“ stellt somit zwar eine Person in den Mittelpunkt, verdeutlicht jedoch eindrücklich, dass ein Verlust dieser Art niemals singulär ist, sondern stets mehrere ‚Opfer‘ hinterlässt, die jeder für sich einen Abschluss finden und einen Neuanfang wagen müssen: Während Barbara sich hinter ihrer Clownsfigur verstecken möchte und wirklichkeitsfern darauf hofft, zumindest ihre Tochter wiederzusehen, suchen andere Trost im Glauben und Ritualen.

Hauptdarstellerin Valerie Pachner („Ein verborgenes Leben“, „Phantastische Tierwesen 3“) trägt diesen Film mit einer phänomenalen Performance, die eigentlich drei Rollen in einer beinhaltet: Verliebte Mama, verzweifelte Überlebende und überzeugte Optimistin im Clownsoutfit. Stadlober ist ohnehin immer eine Bank (und hier ganz besonders als charmanter Tagträumer), während Ronald ‚das Bärchen‘ Zehrfeld als Arzt einmal mehr kurz erfreut Aufseufzen lässt. Und dann ist da noch der wunderbare Hanno Koffler, der seinen Kollegen Stadlober anno 2004 in „Sommersturm“ noch herrlich direkt anbaggerte, als er einen schwulen Ruderer verkörperte. In „Vier minus drei“ nun hadert seine Figur Friedrich damit, wie er der tief verwundeten Barbara gegenübertreten soll. Er will ihr helfen, doch wie schafft man(n) dies, ohne Grenzen zu übertreten? Ein überaus interessanter, gegen die Erwartungen gestalteter Charakter, der von Koffler facettenreich präsentiert wird.

 

Ob „Vier minus drei“ hilft, wenn mensch selbst von Trauer gebeutelt ist? Möglicherweise ja. Unabhängig davon ist das Werk jedoch ebenso ein einfühlsames, hervorragend gespieltes und angenehm inszeniertes Filmerlebnis über Menschen und das, was sie ertragen und leisten können.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel für Hörgeschädigte sind optional vorhanden, ebenso wie eine Hörfilmfassung (sehr lobenswert!). Als Bonus gibt es Interviews, gelöschte Szenen und Trailer. „Vier minus drei“ erscheint bei Alamode Filmdistribution im Vertrieb von AL!VE und ist seit 20. August 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Alamode Film / Polyfilm)

Heimkino-Tipp: „Shelter“ (2026)

 
Kein Mann der großen Worte

Schon mal den Verdacht gehabt, den Drehort eines Films aus einem anderen Streifen wiederzuerkennen? Dass Kulissen mehrfach verwendet werden, dürfte niemanden überraschen. Doch dass ganze Sets – in diesem Fall u.a. ein Leuchtturm – eines Actionfilms plötzlich in einem Historiendrama auftauchen, ist dann doch eher ungewöhnlich. Aber solche Dinge geschehen halt, wenn das Produktionsteam vom Ballerfilm „Shelter“ auch für die Dreharbeiten zur Literaturverfilmung „Hamnet“ engagiert wird, die sich des Lebens von William Shakespeares einzigem Sohne annimmt. Fun fact Nummer zwo: Die 14-Jährige weibliche Hauptdarstellerin aus „Shelter“, Bodhi Rae Breathnach, ist in „Hamnet“ ebenfalls zu sehen.

Dass es zwischen beiden Produktionen ein inhaltliches und intellektuelles Gefälle gibt, dürfte wenig überraschen. Allein aufgrund des unterschiedlichen Anspruchs, was beide Filme erzählen und präsentieren wollen, wäre ein direkter Vergleich ohnehin müßig. Was beide jedoch gemeinsam haben, ist eine talentierte Jungdarstellerin, die sich neben den zahlreichen bekannten Gesichtern zu behaupten weiß. Ihr Mitspieler in „Shelter“: Actionfilm-Profi Jason „The Stath“ Statham.

Der Brite mag weder für sein differenziertes Schauspiel noch eine abwechslungsreiche Filmografie bekannt sein. Doch er besitzt etwas, was vielen anderen seiner Kollegen, die sich ‚Actionstar‘ nennen, abgeht: Charisma. Und dieses setzt er auch in „Shelter“ wieder gewinnbringend ein, was dem 100-Minüter trotz seines erwartbaren Verlaufs unterhaltsam macht.

Statham gibt darin einen Einsiedler, der sich auf eine kleine Insel an der Westküste Schottlands zurückgezogen hat und seine Tage mit Grübeln, Trinken und Schach-gegen-sich-selbst-Spielen verbringt. Wer er ist und weshalb er diese selbst gewählte Isolation erträgt, bleibt vorerst ungesagt. Auch Jessie (Bodhi Rae Breathnach), die mit ihrem Onkel wöchentlich etwas Proviant vorbeibringt, erfährt es nicht. Bis ein Sturm und eine Verletzung sie zwingen, auf der Insel zu verharren. Nach langem Zögern sieht ihr Gastgeber ein, dass er zurück in die Zivilisation muss, um für ihren nicht heilen wollenden Knöchel Medizin zu besorgen. Das bleibt nicht folgenlos: Denn dank omnipräsenter Überwachungskameras wird sein alter Arbeitgeber, der britische Geheimdienst, auf ihn aufmerksam – und hetzt ihm fortan unentwegt Manpower auf den Hals, um ihn, den einstigen Befehlsverweigerer, auszuschalten.

Regisseur Ric Roman Waugh, der uns bereits mit Werken wie „Greenland“, ähh, beglückte und in seinem früheren Leben als Stuntman für einige der bekanntesten Actionflicks der 1980er- und 1990er tätig war, nimmt sich zunächst viel Zeit, um die (erzwungene) Annäherung zwischen dem Eigenbrötler und seiner Besucherin zu etablieren. Gerade hierbei ist das oben erwähnte Charisma Stathams Gold wert, schafft er es doch trotz gleichbleibend finsterem Blick, so etwas wie Verständnis für seine Figur aufzubauen, die ganz offenbar viel seelische Last mit sich trägt. Was dann ab der Mitte des Films geschieht, mag Genre-typische Kost sein. Allerdings wirkt „Shelter“ im Gegensatz zu Stathams vorangegangenen Projekten (u.a. „A Working Man“, „The Expendables 4“, „Meg 2“, „Fast and Furious“, Teil 26) sehr viel geerdeter und weniger überladen. Der Ton ist durchweg seriös, die Actionszenen hervorragend inszeniert und die Mano-a-mano-Konfrontationen übersichtlich und mit ordentlicher Härte. Ja, so stelle ich mir einen guten Statham-Streifen vor! Dass dieser Mann zudem mit 59 noch viele seiner Stunts selbst absolviert, ist da nur das Sahnehäubchen.

Genießen kann mensch das natürlich nur so lange, wie das Gezeigte nicht hinterfragt wird: Sowohl Gejagter als auch Jagende scheren sich nicht um Gesetze und handeln einzig ihrem Ziel verpflichtet, ohne Rücksicht auf Kollateralschäden. Mag ein wenig Kritik an der sich immer weiter ausbreitenden permanenten Überwachung auch durchschimmern – wirklich zur Diskussion steht sie nicht. Sei’s drum: „Shelter“ ist gute Ware!

Die 4K-UHD/Blu-ray/DVD bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche und englische Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es ein Mini-Promo-Making of, Interviews und Trailer. „Shelter“ erscheint bei Tobis im Vertrieb von Leonine Studios und ist seit 7. August 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Tobis/LEONINE Studios)



Heimkino-Tipp: „Cruising“ (1980)

 

Call me by your Name

Homosexualität wurde (nicht nur) in Hollywood-Produktionen lange Zeit entweder als etwas Abnormales dargestellt oder als Vorlage für billige Witzchen genutzt (Stichwort „Blue Oyster“-Bar in „Police Academy“, 1984). Inzwischen ist queeres Kino erfreulicherweise Normalität (Wortspiel beabsichtigt!), doch gab es natürlich auch Filme, die ‚irgendwo dazwischen‘ lagen und die Thematik zwar seriös angingen, sie letztendlich aber ebenso für ihre (inhaltlichen) Zwecke ausnutzten. Zum Beispiel William Friedkins „Cruising“ von 1980.

Friedkin war zu diesem Zeitpunkt bereits ein etablierter Regisseur, hatte er doch mit „Brennpunkt Brooklyn – The French Connection“ (1971) und „Der Exorzist“ (1973) zwei mehrfach ausgezeichnete Werke erschaffen, die noch heute als Meilensteine der ‚New Hollywood‘-Epoche bezeichnet werden. Nach seinem furiosen, jedoch leider erfolglosen „Atemlos vor Angst“ (1977, ein Remake des 1953 entstandenen „Lohn der Angst“), wagte er sich mit „Cruising“ abermals an eine Geschichte, die Kontroversen schon im Vorfeld provozierte. Immerhin handelt der Film von einem Undercover-Cop, der einen Killer im SM-Milieu New Yorks auffinden soll.

Der junge Polizist Steve (Al Pacino) erhält die Chance, auf der Karriereleiter einen großen Schritt voranzukommen – wenn er sich auf eine verdeckte Ermittlung einlässt, die wohl nicht jeder so ohne Weiteres angenommen hätte: Ein Killer meuchelt schwule Männer während des Liebesspiels. Verdächtige gibt es keine und seinem Vorgesetzten (Paul Sorvino) wird ‚von oben‘ ordentlich Druck gemacht, den Fall endlich zu lösen. Das Einschleusen von Steve in die Szene soll endlich den gewünschten Erfolg bringen. Beinah schon naiv lässt er sich darauf ein: Aus Neugier wird Faszination, aus Faszination mehr und mehr Besessenheit – und vielleicht sogar Leidenschaft?

Vieles, was „Cruising“ zeigt, wirkt 46 Jahre später eher wie eine Satire auf die Homosexuellen-Klubs und -Codes: Muskulöse Männer in Leder, meist sehr offenherzig unterwegs und ständig auf der Suche nach einem sexuellen Abenteuer. War dies Ende der 1970er, Anfang der 1980er tatsächlich so? Oder bedient Friedkin hier das Klischee über alle Maßen, so, wie es sich die heterosexuelle Gesellschaft vorstellt? Beurteilen kann ich dies als Teil der ‚Generation Y‘ nicht, wohl aber die Direktheit wertschätzen. Denn was hier sehr explizit – auch von Pacino – gezeigt wird, ist für damalige Verhältnisse wirklich bemerkenswert. Hier großes Lob an das Label Plaion Pictures, das diese Veröffentlichung verantwortet und im Bonusmaterial u.a. einen Vergleich zwischen zensierter und unzensierter Fassung beigefügt hat, um zu verdeutlichen, wie der Film zum Teil verändert werden musste, um ihn weniger anstößig zu machen.

Zugegeben, der spannendste Streifen aus Friedkins Œuvre ist „Cruising“ sicher nicht. Vielmehr ist er an seinem provokanten Milieu interessiert, in welches die Krimigeschichte eingebettet ist, und badet förmlich in Szenen, in denen sich Männer auf welche Weise auch immer näherkommen. Mittendrin Pacino, der die Ambivalenz seiner Figur sicht- und fühlbar macht. Das alles macht „Cruising“ zu einem interessanten Zeitdokument, was das opulente Bonusmaterial der Veröffentlichung unterstreicht: Neben zwei Dokumentationen über die Entstehung und Fortwirkung des Films enthält die Mediabook-Edition u.a. mehrere informative Audiokommentare, unzählige alte und retrospektive Interviews, geschnittene und alternative Szenen sowie diverse Trailer und TV-Spots (einige davon nur in einer Vorab-Testversion, was weitere spannende Einblicke ins Marketing zum Film ermöglicht). Kurzum: Ein großartiges Paket, vor allem für Cinephile!

Die Blu-ray bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind ebenso optional vorhanden. Zudem gibt es mehrere unterschiedliche Tonformate. „Cruising“ erscheint am 09. Juli 2026 bei Plaion Pictures und ist auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Plaion Pictures)

Heimkino-Tipp: „Der Magier im Kreml“ (2025)

Machtmenschen

Das Timing ist wirklich schlecht: Erst vor wenigen Monaten äußerte sich ein gewisser Quentin Tarantino sehr abfällig und beleidigend über den (in meinen Augen überaus talentierten) Schauspieler Paul Dano und bezeichnete ihn als „schwach“ und „uninteressant“. Dabei hob er besonders dessen Mitwirkung in „There will be Blood“ (Regie: Paul Thomas Anderson, 2007, LINK) hervor, in dem Dano die zweite Hauptrolle neben Daniel Day-Lewis spielte, der hierfür seinen zweiten (von drei) Oscars erhielt. Dass Tarantino damit ziemlich falsch lag, bewiesen die heftigen Reaktionen auf seine Ausführungen – zu Recht, wie ein Blick auf Danos Filmografie zeigt, die gespickt ist mit Werken von Steven Spielberg, Ryan Johnson, Jon Favreau, James Mangold und Denis Villeneuve. Merkste selbst, Quentin, oder?

Warum diese Einleitung? Weil es Mr. Tarantino beim Schauen von „There will be Blood“ offenbar so erging, wie dem Autor dieser Zeilen bei „Der Magier im Kreml“: Danos Performance ist ein Mysterium. Vielleicht aber auch nur eine Weiterführung dessen, was der große Philip Seymour Hoffman einst in „A Most Wanted Man“ (2014, LINK) präsentierte. Eine Figur, die scheinbar völlig gelangweilt, emotionslos und kühl das Geschehen begleitet und kommentiert, dabei seine Stimme kaum erhebt und äußerlich den immer gleichen Gesichtsausdruck zeigt. Auch da brauchte es (für mich) lange, dieses ‚Schauspiel‘ zu durchschauen und die ganze Raffinesse dahinter zu erkennen – den inneren Kampf, die inneren Zweifel oder schlicht die Eiseskälte, wie sie nur die skrupellosesten Menschen besitzen, die keinerlei Scham oder Gewissen kennen.

 

Dies ist es (möglicherweise), was Dano zu seiner Figur in „Der Magier des Kreml“ beiträgt: Vadim Baranov steigt in den 1990ern vom TV-Produzenten zum Königsmacher auf, in dem er all seine Fähigkeiten, Mittel und Kontakte nutzt, um einen KGB-Agenten namens Wladimir Putin (Jude Law) an die Macht in Russland zu bringen. Baranov selbst erzählt seine Geschichte einem Journalisten (Jeffrey Wright), der ihn einige Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Politikzirkus besucht. Schnell zeigt sich, dass sowohl Baranov als auch Putin, von allen nur „Zar“ genannt, der ‚verwestlichten‘ Russischen Föderation, wie sie sich nach dem Ende der Sowjetunion entwickelte, nicht viel abgewinnen können und diese zu ihren Gunsten umbauen wollen.

Die Zeitspanne, die Regisseur Olivier Assayas und sein Co-Autor Emmanuel Carrère in ihrem Film abdecken, ist immens: Von Anfang der 1990er-Jahre bis zu den Vorläufern des von Putin vom Zaun gebrochenen Angriffskriegs auf die Ukraine reicht die Geschichte, die in 145 Minuten aufgeblättert und im Schnelldurchlauf beschrieben wird. Per se eine spannende Prämisse. Nur wo bleibt die künstlerische Auseinandersetzung damit? Unendlich trocken, spannungsarm und immer darauf bedacht, in den steifen Dialogen alles wie in einem Lexikon stichpunktartig zu erklären, hetzt der Film durch seine Szenen, in denen Dano stoisch und ruhig seine Texte aufsagt, während um ihn herum alles wuselt. Okay, sein Charakter ist der Beobachtende, der Alleswisser und Strippenzieher. Trotzdem wirkt er wie ein Avatar, der in seinen eigenen Erinnerungen schlafwandelt und den anderen beim (Schau-)Spielen gelangweilt zuschaut.

Immerhin kann Law alias Putin dafür glänzen: Seine (Ver-)Wandlung zum russischen Despoten ist nicht nur optisch beeindruckend, sondern begeistert ebenso mit kleinen Gesten, Blicken und einer Art zu gehen, die ihn vom echten Vorbild kaum unterscheiden. Es verwundert daher nicht, dass die eingestreuten realen Szenen Putins überhaupt nicht auffallen, da Law ihn bis in die letzte Haarspitze perfekt trifft.

 

„Der Magier im Kreml“ wirkt bisweilen wie ein zum Leben erwecktes Geschichtsbuch, das informieren aber nur bedingt unterhalten will. Große ‚Aha‘-Erlebnisse bleiben aus, eine neue Sichtweise auf historische Ereignisse, deren Auswüchse bis heute zu spüren sind, ergibt sich nicht. Lediglich die bereits bekannte Erkenntnis, dass es meist nur wenige machtbewusste Menschen braucht, um sehr vielen weiteren Menschen Leid zuzufügen.

Und Paul Dano? Ist und bleibt ein sehr guter Schauspieler, selbst wenn er in weniger gelungenen Streifen wie diesen hier sein Talent verschwendet.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche (auch für Hörgeschädigte) und englische Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt Interviews, Szenen vom Dreh und Trailer. „Der Magier im Kreml“ erscheint bei Leonine und ist seit 3. Juli 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)

Heimkino-Tipp: „Dead of Winter“ (2025)

Eisige Stille

Wird im Vorspann eines Films die Hauptdarstellerin als Mitproduzentin genannt, könnte mensch vermuten, dass ihr dieses Projekt am Herzen liegt. Warum sonst sollte eigenes Geld in die Entstehung investiert werden? Im Falle von „Dead of Winter“ ist es die zweifache Oscar-Preisträgerin Emma Thompson (‚Beste Darstellerin‘ 1992, ‚Bestes adaptiertes Drehbuch‘ 1996), die darin nicht nur die Protagonistin Barb gibt, sondern auch hinter den Kulissen mitwirkte. Umso mehr verwundert es, nun einen Thriller zu sehen, der insbesondere auf inhaltlicher Ebene ziemlich dünn daherkommt und ein Drehbuch präsentiert, das jegliche Finesse und Überraschung vermissen lässt.


Nach dem Tod ihres Mannes möchte die Fischerin Barb die Asche ihres verstorbenen Gatten in einem See verstreuen, den beide mit einer besonderen Erinnerung verbanden. Etwas orientierungslos auf dem Trip durch die weiße Winterlandschaft Minnesotas, fährt sie ein Haus abseits der Straße an, um dort nach dem Weg zu fragen – und entdeckt dabei eine Blutspur im Schnee. Stammt es von einem erlegten Wild, wie ihr versichert wird? Angekommen am Ziel, wird sie kurze Zeit später Zeugin, wie der schmallippige Mann (Marc Menchaca), der ihr eben noch die Richtung wies, eine flüchtende, an den Armen gefesselte Frau (Laurel Marsden) mit Waffengewalt am Fortkommen hindert. Ohne Handyempfang und auf sich allein gestellt beschließt Barb, der Entführten zu helfen. Doch der vermeintliche Bösewicht handelt nicht allein, wie Barb schon bald schmerzhaft feststellen muss.

Abgelegene Wildnis, skrupellose Gegenspieler und eine gebrochene, weil verwitwete Heldin, die über sich hinauswachsen muss: „Dead of Winter“ präsentiert altbekannte Zutaten und versucht diese mit einer ungewöhnlichen Besetzung (Thompson) sowie beeindruckenden Landschaftsaufnahmen – die übrigens alle in Finnland entstanden – halbwegs neu und frisch zu verpacken. Allein, es gelingt nicht.

Denn Obacht! Charakterliche Tiefe entwickelt nicht ausschließlich daraus, Rückblenden an frühere, schönere und wärmere Lebensabschnitte einzufügen, die Barbs Vergangenheit näher beleuchten sollen. Auch handelt die Retterin in spe oftmals derart unvorsichtig, unüberlegt und naiv, dass es fast schon wie eine Satire auf das Thriller-Genre wirkt. Dem steht die sich sukzessive entblößende Motivation ihrer Gegenspieler in nichts nach, angeführt von einer schießwütigen Furie – im Abspann nur „Purple Lady“ genannt –, die Judy Greer als dauerhaft an Fentanyl-Stäben lutschende weibliche Version von Stallones Zahnstocherkauender „City-Cobra“ erscheinen lässt. Grundgütiger!

Schade eigentlich, denn B-Movies dieser Art sind gewöhnlich trotzdem ganz unterhaltsam. Doch weder ist Charakterdarstellerin Emma Thompson in Actionflicks so überzeugend wie ihr (sogar älterer) Kollege Liam Neeson, noch kann Regisseur Brian Kirk an die inszenatorische Qualität seines grandiosen „21 Bridges“ (2019) anknüpfen, der einst ohne Schnickschnack, geradlinig und mit glaubhafter Härte als Großstadtkrimi überzeugte – all das, was „Dead of Winter“ leider vermissen lässt.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Auch eine Hörfilmfassung ist mit an Bord (bravo!). Deutsche Untertitel (+ für Hörgeschädigte) sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es ein ausführliches Making of und Trailer. „Dead of Winter – Eisige Stille“ erscheint bei Leonine und ist seit 3. Juli 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)

Heimkino-Tipp: „Der Hochstapler“ (2025)

 

 

Roofman

Vielleicht kennt das der eine oder die andere Leser/in ja aus dem eigenen Umfeld: Es gibt Menschen, in denen schlummert derart viel Potenzial, dass es verwundert zu sehen, wie sie dieses nicht ausschöpfen. Nicht immer aus eigener Antriebslosigkeit, sondern meist aufgrund von beruflichen oder privaten Umständen, die dies verhindern. Der neue Film von Derek Cianfrance („The Place Beyond the Pines“, 2012) widmet sich einer solchen Person – auf ganz wunderbare, melancholisch-amüsante Weise.

Der ehemalige Army Ranger Jeffrey (Channing Tatum) besitzt eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und hat ein sehr gutes Auge für Dinge, die andere meist nicht wahrnehmen – perfekte Voraussetzungen, um auf Beutezüge zu gehen. Mit großem Erfolg, wie sich schnell zeigt: Denn Jeffrey steigt bevorzugt über Dächer in Fast-Food-Filialen ein, um auf diesem Weg als „Roofman“ seine Privatkasse ordentlich aufzubessern. Bis ihn die Polizei auf die Schliche kommt und er zu 40 Jahren Knast verurteilt wird. Sein Talent kommt ihm jedoch auch hier zugute: Er kann fliehen und versteckt sich fortan in einer riesigen Spielzeugfiliale, in der Hoffnung, dass sowohl Polizei als auch Öffentlichkeit irgendwann andere Prioritäten verfolgen als ihn, den geflüchteten Einbrecherkünstler.

 

Um sich seinen Aufenthalt in dem Einkaufstempel etwas interessanter zu gestalten, deaktiviert er nachts die dortigen Überwachungskameras, deckt sich mit nützlichen Dingen wie einer Matratze, Süßigkeiten und einem Babyfon-Set ein und kann so tagsüber, wenn der Laden voll ist und er hinter einer Bretterwand versteckt rumlungert, die Bediensteten beobachten und belauschen. Besonders zwei Personen wecken dabei sein Interesse: Der ziemlich fiese Chef Mitch (Peter Dinklage) und die Single-Mama Leigh (Kirsten Dunst). Mit beiden nimmt er schon bald auf unterschiedliche Weise ‚Kontakt‘ auf.

 

Kaum zu glauben, aber die hier erzählte Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. Regisseur und Co-Autor Cianfrance hat den echten Jeffrey sowie andere in den Ereignissen involvierte Personen im Rahmen der Drehbuchrecherche mehrmals getroffen (teilweise sind sie sogar im Film zu sehen). Dass er sich dabei nicht nur hat inspirieren lassen, sondern ebenso ein Gefühl für die Tragik hinter der Story erkannt hat, ist der großes Verdienst des Filmemachers. Denn so amüsant die ganze Chose wirken mag: Dass ein ehemaliger Elitesoldat nach seiner Entlassung aus dem aktiven Dienst nicht Fuß fassen kann, kriminell wird und in seiner Gutmütigkeit aus seinem Versteck heraus auch noch anderen hilft, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren, sagt ziemlich viel über eine dysfunktionale Gesellschaft aus, wie sie (nicht nur) die USA momentan charakterisiert.

 

Anders als in Form einer Tragikomödie hätte Cianfrance dies deshalb gar nicht aufziehen können. Witzige Szenen wechseln sich mit traurig-nachdenklichen Momenten ab, Doppeldeutigkeiten treten zutage und scheinbar harmlose Gespräche entwickeln eine unerwartete Tiefe. Beispielhaft soll hier die unbeschwerte Unterhaltung mehrerer Personen während einer kirchlichen Feier genannt sein, die sehr schnell eine ernste Note erhält. Präsentiert wird das alles von tollen Darstellern (u.a. auch LaKeith Stanfield, Ben Mendelsohn, Juno Temple), die zumindest mich immer wieder dazu gebracht haben, einzelne Szenen mehrmals anzuschauen, da ihr Schauspiel so natürlich, so unerwartet, so ehrlich wirkt. Und siehe da: Das auf der Blu-ray enthaltene Making of verrät, dass der Regisseur mehrmals Dinge beim Szenendreh verändert oder verstellt hat, die bei der Probe zuvor noch anders abgesprochen oder platziert waren. Großartig!

 

„Der Hochstapler“ hat die seltene Qualität, dass er sowohl als leichtfüßiger Unterhaltungsfilm ‚für zwischendurch‘ als auch anspruchsvolles Drama funktioniert. Hier ist quasi für jede/n etwas im Angebot – wie in einem Spielzeugladen eben.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es ein ausführliches Making of, geschnittene Szenen und Trailer. „Der Hochstapler – Roofman“ erscheint bei Leonine und ist seit 13. März 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)

Heimkino-Tipp: „Der Mann, der immer kleiner wurde“ (2025)


Downsizing

Die Geschichte von meist wohlhabenden Menschen, die sukzessive alles verlieren und damit verbunden aus ihrem sicheren sozialen Gefüge fallen, ist ein beliebtes Thema sowohl in der Literatur als auch Filmkunst. Bereits 1957 verfilmte Jack Arnold („Tarantula“, 1955) mit „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C.“ („The Incredible Shrinking Man“) eine solche Story in Form eines Horrordramas, in dem ein Mann plötzlich aus unerklärlichen Gründen immer kleiner wird, bis er schließlich als Winzling u.a. gegen die eigene Hauskatze fliehen muss, die in gern als Beute schnappen möchte. Der französische Oscar-Preisträger Jean Dujardin („The Artist“, 2011) wollte diesen Klassiker neu auflegen – und fand in Regisseur Jan Kounen („Doberman“, 1997) der perfekten Partner für das Projekt.


Paul (Dujardin) hat eine eigene Firma als Bootsbauer und lebt mit Frau und Kind in einer komfortablen Villa mit Blick auf den Atlantik. Das Familienleben ist harmonisch und bis auf einen säumigen Kunden und einer sich andeutenden allgemeinen Auftragsflaute scheint kein Wölkchen sein privates und berufliches Glück zu trüben. Da wundert es ihn zunächst wenig, als er feststellt, dass eines seiner Hemden beim Anziehen plötzlich etwas zu groß wirkt. Als sich dies jedoch fortsetzt und er in Alltagssituationen immer wieder seltsame Größenunterschiede festzustellen glaubt, begibt er sich doch zum Arzt. Und tatsächlich: Paul schrumpft. Immer weiter. Sein ganzer Körper, sämtliche Organe, nur die Kleidung nicht. Nach wenigen Monaten ist er kaum noch zu sehen – außer für die Katze, Insekten, dem Hausfisch und eine Kellerspinne, die ihn nur zu gerne in ihrem Netz auffinden würde.
 

Griff Regisseur Arnold in den 1950er-Jahren noch auf übergroße Setbauten und einfache optische Effekte zurück, um die Verkleinerung seiner Hauptfigur zu simulieren, so kann sein Kollege Kounen für sein Remake inzwischen natürlich mittels moderner Technik aus dem Vollen schöpfen. Doch tut er dies behutsam und nie des Effekts wegen. Ihn interessiert mehr die Psychologie seiner Figuren, allen voran natürlich Paul, und was diese nur körperliche, äußere Veränderung mit dem Familiengefüge sowie Pauls Selbstbild macht. Damit folgt Kounen seinem Kollegen von vor 70 Jahren – und erschafft so ein weitaus wirkungsvolleres Werk als ‚nur‘ einen amüsanten Gruselstreifen.
 

Amüsant ist auch das Stichwort: „Der Mann, der immer kleiner wurde“ ist keine Komödie. Vielmehr setzt sich der Film ernsthaft und ohne Hatz mit seiner Geschichte auseinander, die sehr schön versinnbildlicht, wie schnell sicher geglaubte Lebensentwürfe zerbrechen können, wie es sich anfühlt, wenn einem auch im übertragenen Sinne alles über den Kopf wächst, und wie limitiert letztendlich unser Einfluss darauf ist. Die Hauptfigur Paul ist zudem kein Unsympath, Ausbeuter oder Gewaltmensch, den das Karma heimsucht, was eine Identifikation des Publikums mit ihm – zumindest in den meisten Fällen – nur verstärkt. Das Dujardin dies darstellerisch zu 80 Prozent überzeugend alleine wuppen kann, steht außer Frage.


Die Effekte sind, wie oben bereits erwähnt, zurückhaltend eingesetzt und lassen selten erkennen, ob es ein altmodisch umgesetzter (also beispielsweise mittels Bauten oder sogenannten Matte Paintings, gezeichneten Hintergründen mit veränderter Perspektive) oder am Computer entstandener Trick ist. Diese ‚Fusion‘ verschiedener Tricks gibt dem Film etwas Lebendiges, was ausschließlich digital erstellte Welten meiner Ansicht nach nie erreichen werden (ja, Du bist gemeint „Avatar“!).
 

„Der Mann, der immer kleiner wurde“ ist ein gelungenes, technisch versiert inszeniertes und mitreißendes Werk, das inhaltlich und schauspielerisch ebenso punktet wie optisch. Toll!

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in französischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel auch für Hörgeschädigte sind optional zuschaltbar. Als Bonus gibt es ein ausführliches Making of und Trailer. „Der Mann, der immer kleiner wurde – Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ erscheint bei Leonine Studios und ist seit 6. März 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)