Heimkino-Tipp: „Dream Scenario“ (2023)

Triff den Mann deiner Träume

Zu Beginn dieser Rezension eine Verneigung vor Kristoffer Borgli: Der gebürtige Norweger, Jahrgang 1985, hat mit „Dream Scenario“ zweifellos einen der kreativsten und unterhaltsamsten Filme der vergangenen Jahre vorgelegt. Die Prämisse ungewöhnlich, die Umsetzung ideenreich, die Besetzung fantastisch. Klingt übertrieben? Von wegen!

Der College-Professor Paul (Nicolas Cage) könnte durchschnittlicher nicht sein. Unauffälliges Äußeres, peinlicher Humor, semi-interessante Vorlesungen. Das ändert sich, als mehr und mehr fremde Menschen ihn erschrocken anschauen und behaupten, ihn in ihren Träumen gesehen zu haben. Angeblich bewege er sich darin stets still durch die Szenerie, obwohl ihn viele der Betroffenen zuvor im realen Leben nie begegnet sind. Die Folge: Paul ist plötzlich kein Niemand mehr, das Interesse an ihm wächst und er wird so etwas wie ein Medienstar. Sogar seine beiden Teenager-Töchter freuen sich über ihren neuen, ‚coolen‘ Daddy.

Das geht so lange gut, bis eines Nachts ein Fremder mit einem Messer im Haus von Paul und seiner Familie steht. Zwar geht der Vorfall glimpflich aus, doch die anfängliche Begeisterung für den ‚Traumwandler‘ schlägt nun sukzessive in Hass um. Kein Wunder, ist Paul in den Träumen der Menschen nun nicht mehr der passive Beobachter, sondern ein gewaltsamer Eindringling, der wirklich böse Dinge tut.

Sind sie nicht herrlich? Jene Filme, bei denen mensch selbst während des Schauens keinen Schimmer hat, in welche Richtung sie als nächstes abbiegen? Die gleichzeitig aber nicht nur eine ‚verrückte‘ Geschichte erzählen, sondern quasi nebenbei menschliche Features und Bugs entlarven, auf die Schippe nehmen und kommentieren? Hauptdarsteller Nicolas Cage hatte vor vielen Jahren schon einmal in einer ähnlichen Rolle begeistert: „Adaption“ hieß das Wunderwerk von 2002, in dem er das Alter ego des Drehbuchautors Charlie Kaufman („Being John Malkovich“, 1999) spielte (und das von dessen fiktiven Zwillingsbruder) und ebenso sein Äußeres so stark veränderte, dass er kaum noch als der Hollywoodstar Cage zu erkennen war. Nicht, dass er in anderen Rollen weniger toll agiert, aber hier wie dort tritt sein Können erst richtig zutage.

Wie bereits angedeutet, funktioniert „Dream Scanario“ einerseits als verrückte Tragikomödie über einen zunächst vom Pech verfolgten Niemand, der zum Star wird, andererseits auch als bitterböse Abrechnung mit der Schnelllebigkeit des Ruhms in Zeiten von Social Media und wie wenig es braucht, um diesen Ruhm wieder zu zerstören - ohne Rücksicht auf Verluste. Es ist diese selten zu findende perfekte Mischung aus erheiterndem Eskapismus und trauriger Realität, die „Dream Scenario“ auf eine Qualitätsstufe mit den oben genannten „Being John Malkovich“, „Adaption“ und „Vergiss mein nicht!“ (übrigens alles drei Kaufman-Drehbücher), oder auch „Der Schaum der Tage“ und „Her“ hebt und somit hiermit all jenen empfohlen sei, die auch diese Perlen mögen.

Am Ende dieser Rezension noch eine weitere Verneigung vor Autor und Regisseur Kristoffer Borgli: Sein Film enthält eine Liebesszene, die brüllend komisch und tief traurig zugleich ist – und in diesem kurzen Moment die ganze Tragik der Hauptfigur einfängt. Applaus (nicht nur) dafür!

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es einen Audiokommentar, geschnittene Szenen, ein interessantes quasi-Making of und Trailer. „Dream Scenario“ erscheint bei DCM Film Distribution GmbH im Vertrieb von Leonine und ist seit 28. Juni 2024 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © DCM/A24)

Heimkino-Tipp: „Ghostbusters: Frozen Empire“ (2024)

Eine Truppe zum Gernhaben

‚For Ivan‘ lautet die Widmung, die am Ende von „Ghostbusters: Frozen Empire“ erscheint und nur einer von vielen Schmunzel-Momenten ist, der diesen inzwischen fünften Teil der Reihe beschließt. Gemeint ist natürlich Ivan Reitman, Regisseur des Originals (1984) und von dessen Sequel (1989) sowie Papa von Jason Reitman, der das beliebte Franchise 2021 mit „Ghostbusters: Legacy“ erfolgreich wiederbelebte (und damit den durchwachsenen Versuch eines anderen Regisseurs von 2016 schnell vergessen machte). Nun also ein „Frozen Empire“, die (Erfolgs-)Formel bleibt jedoch dieselbe: Nimm’ sympathische Helden, lass sie temporeich Dialoge abfeuern, während ständig irgendein Verweis an die 80er-Jahre-Vorlage durchs Bild huscht, und binde den Original-Cast für mehr als nur einen Kurzauftritt in die neue Geschichte mit ein. Voilà, fertig ist dein unterhaltsamer Blockbuster.

Der Vorteil einer Fortsetzung so kurz nach dem vergangenen Teil: Eine ausführliche Etablierung der neuen Charaktere (u.a. gespielt von Mckenna Grace, Finn Wolfhard, Carrie Coon) ist nicht mehr nötig, der Spaß kann also sofort losgehen. Nun ist es nicht so, dass die Story von „Frozen Empire“ viel Erklärungszeit benötigt. Deshalb nutzt Regisseur Gil Kenan seine Szenen vornehmlich dafür, amüsante Gimmicks zu präsentieren, die teilweise neu, teilweise aus den früheren Streifen bekannt sind und nun – ebenso wie die Ghostbusters a.D. (dargestellt von Dan Aykroyd, Ernie Hudson, Bill Murray, Annie Potts, Ecto-1) – nochmal ran dürfen. Wer zynisch drauf ist, könnte das als billige Anbiederung an die Fans bezeichnen, doch seien wir ehrlich: Es ist das 1x1 der gelungenen Film-Reboots, die Bekanntes mit Neuem vermischen, doppelbödige Gags einstreuen (so zitiert Paul Rudd alias Gary mit einem Augenzwinkern den Theme-Song von Ray Parker, Jr.), die Originalgeschichte inhaltlich nur minimal variieren, während die Effekte (und wiederkehrende Geister) von einst ein angemessenes Update erhalten. Unterschwelliger Kommentar der Filmemacher ans Publikum: Wir sind selbst Fans und wollen eigentlich dasselbe von einst nochmal – nur in modern. Und ja, auch bei „Frozen Empire“ funktioniert dies wieder ganz formidabel.

Mag sein, dass „Frozen Empire“ – bis auf ein wenig Familienbonding zwischendrin – hauptsächlich als Nummernrevue daherkommt, aber das war bei „Ghostbusters II“ damals nicht anders. Die Figuren tragen den Film über zwei Stunden, der Bombast aus der Trickkiste begeistert und der Spaß all jener, die vor der Kamera agieren, ist spürbar.

Die 4K/Blu-ray/DVD-Disc bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind ebenso optional vorhanden. Als Bonus gibt es (zumindest auf der Blu-ray) eine Menge Extras, u.a. einen Audiokommentar, geschnittene Szenen und ein Feature über die zahlreichen Anspielungen auf frühere Filme der Reihe. „Ghostbusters: Frozen Empire“ erscheint am 27. Juni 2024 bei Sony Pictures Entertainment im Vertrieb von Plaion Pictures und ist auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Sony/Plaion Pictures)

Heimkino-Tipp: „Schock“ (2023)

Nachtschicht

Wer sich häufiger ein Werk aus dem Genre des Gangsterfilms gönnt, wird sie kennen: jene Ärzte, die nach blutigen Auseinandersetzungen für einen Batzen Geld verletzte Kriminelle wieder zusammenflicken (und manchmal auch noch ihr sprichwörtlich letztes Hemd spenden müssen, siehe „Heat“), welche aus offensichtlichen Gründen nicht in ein Krankenhaus gehen können. Bruno (Denis Moschitto) ist einer von ihnen – und steht im Mittelpunkt des düsteren Thrillers „Schock“, den Moschitto zusammen mit Daniel Rakete Siegel nicht nur inszenierte, sondern für den sie auch gemeinsam das Drehbuch verfassten.

Bruno hat seine Approbation verloren und darf daher momentan eigentlich nicht als Arzt tätig sein. Was ihn jedoch nicht davon abhält, dies im Verborgenen trotzdem zu tun – für all jene Gestalten, die lieber ebenso im Verborgenen bleiben wollen und müssen, seien es illegal Beschäftigte, Clanchefs oder deren Handlanger. Die Anwältin Kreber (Anke Engelke) macht ihm eines Tages ein verlockendes Angebot: Bruno soll die Behandlung eines leukämiekranken Gangsters übernehmen und dafür im Gegenzug fürstlich entlohnt werden. Einziger (großer) Haken an der Sache, der Bruno erst nach seiner Zusage bewusst wird: Jener Gangsterboss ist der Nummer-eins-Feind von Giuli (Fahri Yardim), ebenso ein Mann der Gewalt und außerdem noch der Gatte von Laura (Aenne Schwarz) – seiner Schwester. Das bleibt nicht lange unbemerkt.

Wer auf einsame ‚Helden‘ steht, die, ohne viele Worte zu verlieren, bevorzugt nachts durch die Großstadt ziehen, um moralisch widersprüchliche Taten zu vollbringen, wird an „Schock“ große Freude haben. Mit viel Sinn für eine atmosphärische Inszenierung, die sowohl die Einsamkeit des Protagonisten als auch die ständige Bedrohlichkeit der Situationen, in denen er sich befindet, eindrucksvoll vermittelt, gelingt Siegel und Moschitto hier ein echtes Thriller-Glanzstück. Die Hauptfigur bleibt ambivalent, deren Handlungen trotzdem nachvollziehbar und auch in den dialoglosen Momenten lässt Moschitto dank großer Schauspielkunst die innere Zerrissenheit seiner Figur sichtbar werden. Die (absichtliche?) zeitliche Einordnung in die Corona-Pandemie wirkt hier wie ein zusätzlicher Trumpf, da Bruno sein Gesicht häufig hinter einer Maske verstecken muss/kann und sich viel nur über seine Augen (bzw. deren Unruhe) vermittelt. Gleichzeitig ist er immer in Bewegung (sei es auf einem Laufband oder in der Stadt) und kommt gefühlt nie zur Ruhe, hat stets einen vollen Benzinkanister im Kofferraum (für eine spontane Fluchtmöglichkeit?) und lässt sich nur sehr widerwillig davon überzeugen, zumindest kurz für ein gemeinsames Abendessen bei seiner Schwester zu verweilen.

Bisher sind mir persönlich nicht viele ‚Gangsterfilme‘ aus Deutschland untergekommen, die so konsequent und mit dieser (erfreulichen!) Ernsthaftigkeit ihre Geschichte erzählen. Den beiden Regisseuren geht es nicht um coole Posen, fetzige Actionszenen oder die Verführung der Unterwelt. Sie konzentrieren sich vielmehr auf das Schicksal einer Person, deren Leben durch einen früheren Fehler in eine Abwärtsspirale gerät, ausgelöst durch nur ein fehlerhaftes Puzzleteil in einem eigentlich sicheren, leicht umzusetzenden Plan. Eine ähnliche Prämisse wie in „Nur Gott kann mich richten“ (2017), einer der wenigen anderen (deutschen) Genrevertreter, die mich ebenso begeistert haben wie nun „Schock“.

Ein harter Thriller mit Substanz, einer tollen Optik und klasse Darstellern durch die Bank weg. Note 1!

Die Blu-ray bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung sowie als Hörfilmfassung (top!). Untertitel sind ebenso vorhanden (nochmal top!). Als Bonus gibt es den Trailer zum Film. „Schock“ erscheint bei Filmwelt Verleihagentur im Vertrieb von EuroVideo und ist seit 20. Juni 2024 auch digital erhältlich (eine DVD-Veröffentlichung ist bislang nicht geplant). (Packshot + stills: © Bon Voyage Films GmbH/Paul Pieck)

Heimkino-Tipp: „Das unsichtbare Auge“ (1978)

Somebody’s Watching Me!

Schon Joni Mitchell und auch Janet Jackson wussten: „You don’t know what you got ‘til it’s gone“. Wie recht sie haben! Denn obgleich sein musikalischer Output vor allem der vergangenen zehn Jahre spannend, cool und sehr sehr hörenswert ist (erst im Mai veröffentlichte er sein neuestes Album „Lost Themes IV: Noir“), so wäre die Freude ungleich größer, wenn es nochmal einen neuen Film mit John Carpenter (76) auf dem Regiestuhl geben würde. Immerhin ist sein Œuvre vollgespickt mit Klassikern wie beispielsweise „Halloween“, „Die Klapperschlange“ oder „The Thing“, von denen es einzelne bei der damaligen Kritik schwer hatten, inzwischen jedoch als cineastische Meilensteine gelten. Zwar drehte er 2010 mit „The Ward“ noch einen passablen Streifen, doch seither konzentriert sich der gebürtige New Yorker voll und ganz auf seine Tätigkeit als Musiker, die ihm mit Mitte 70 nochmal einen ordentlichen Karriereschub bescherte. Und doch wäre es sicherlich etwas Besonderes, wenn Carpenter sich noch einmal hinter eine Kamera stellen würde.

Bis es soweit ist, können wir uns zumindest über die Neuveröffentlichung eines seiner Frühwerke freuen, das bisher nur sehr schwer erhältlich bzw. sichtbar war: „Das unsichtbare Auge“ entstand nach „Assault – Anschlag bei Nacht“ (1976) und wenige Wochen bevor er mit den Dreharbeiten zu „Halloween“ (1978) begann. Eine TV-Produktion, die zwar ursprünglich für ein Kinorelease angedacht war, dann aber doch ‚nur‘ auf dem kleinen Bildschirm seinen Premiere feierte.

Basierend auf einer wahren Begebenheit, erzählt „Das unsichtbare Auge“ von der jungen TV-Produzentin Leigh (Lauren Hutton), die für ihren neuen Job nach L.A. und dort in ein Hochhaus zieht, das ein nahezu baugleiches Gebäude direkt gegenüber hat. Dort scheint sie jemandem aufgefallen zu sein, der fortan nicht nur obskure Anrufe bei ihr tätigt, sondern ihr ebenso seltsame Schreiben und Geschenke zukommen lässt. Zunehmend eingeschüchtert von diesem Stalker, kontaktiert Leigh – erfolglos – die Polizei. So beginnt sie schließlich selbst nachzuforschen. Doch das scheint den Fremden nur noch mehr anzustacheln.

In einem auf der Blu-ray beigefügten Interview gibt Carpenter zu, dass er diese Arbeit nutzte, um einige seiner späteren Inszenierungsstandards zu üben: die subjektive Kameraführung zum Beispiel, die er hier bereits sehr effektiv einsetzt und damit seinem Publikum einige spannende Momente beschert. Dies ist insofern sehr erfreulich, da – und auch das gibt Carpenter selbst zu – die Story an sich nicht allzu viele überraschende Wendungen bereithält. Es sind vielmehr ‚die kleinen Dinge‘, die diesen Film von einem ‚gewöhnlichen‘ TV-Krimi der damaligen Zeit abheben: Neben besagter sehr innovativer Kameraführung u.a. die kesse Lippe der Protagonistin oder auch die Tatsache, dass deren Kollegin Sophie (Adrienne Barbeau) lesbisch ist – und dies erfreulicherweise nichts mit dem Krimiplot zu tun hat. Es spielt einfach keine Rolle und wirkt somit genau so normal und nebensächlich, wie es sein sollte. Hinzu kommt die Besetzung etlicher bekannter Carpenter-Kollaborateure wie eben Barbeau oder auch Charles Cyphers, der nicht nur hier, sondern ebenso noch in vielen weiteren von Carpenters Filmen einen Polizisten geben sollte.

Möchte mensch einen inhaltlichen Vergleich wagen, so liegt natürlich Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ (1954) auf der Hand. Auf visueller Ebene hingegen ist es Spielbergs „Duell“ (1971), an den Erinnerungen geweckt werden. Nicht unbedingt wegen einer ähnlichen Inszenierung, sondern aufgrund der handwerklichen Finesse, mit der Carpenter aus sehr wenig sehr viel macht. Auch „Duell“ war bekanntlich nur als TV-Film angedacht, wurde dann dank seiner Qualität jedoch noch nachträglich fürs Kino verlängert.

Schön, dass dieses Kleinod nach so langer Zeit dank dieser Veröffentlichung noch einmal etwas mehr Aufmerksamkeit erfährt. Besonderes Schmankerl dieser Edition: Sie beinhaltet zusätzlich eine Vollbild-Fassung des Films sowie eine Episode aus der Reportage-Reihe „Horror’s Hallowed Grounds“. Darin besucht der Moderator Sean Clark einstige Drehorte legendärer (Horror-)Filme und kommentiert ihr heutiges Aussehen auf witzige und informative Weise. Immer einen Blick wert!

Die Blu-ray/DVD-Disc bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche und englische Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es einen Audiokommentar, Interviews, eine Location-Tour zu den Drehorten, Teaser, ein Booklet und die Vollbild-Fassung. „Das unsichtbare Auge“ erscheint als Mediabook bei Plaion Pictures und ist seit 13. Juni 2024 erhältlich. (Packshot + stills: © Plaion Pictures GmbH)

Heimkino-Tipp: „Girl You Know It’s True“ (2023)

Dance With The Devil

Während des Verfassens dieser Rezension liegt, quasi zur ‚Inspiration‘, eine CD mit dem Titel „Milli Vanilli: Greatest Hits“ neben der Tastatur. Veröffentlicht 2007, also lange nach Bekanntwerden des Skandals, den der Film „Girl You Know It’s True“ thematisiert, sind auf dem Cover lediglich Rob & Fab abgebildet, jene Jungs also, die das Gesicht der Band darstellten, jedoch nie auf einem der Songs gesungen hatten. Die wahren Musiker, obwohl längst bekannt, werden weder im Booklet benannt noch mit einem Foto belohnt. Die schön anzusehende Illusion bleibt somit erhalten. Die Wahrheit ist zweitrangig.

Was heutzutage (leider) normal scheint und nicht nur im Entertainment-Bereich, sondern inzwischen sogar in Politik und Gesellschaft hingenommen wird, war Anfang der 1990er-Jahre einer der größten Aufreger der Musikgeschichte. Obwohl schon damals nichts Außergewöhnliches – mensch denke an das italienische Dance-Projekt Black Box mit seinem Überhit „Ride On Time“ –, hatte die Playback-Enthüllung bei Milli Vanilli eine andere Dimension. Immerhin hatten sie aus dem Stand heraus drei(!) Nummer-Eins-Hits in Amerika – ein Novum für eine deutsche Band – sowie für ihr Debüt-Album sogleich einen Grammy, eine der bedeutendsten Auszeichnungen für Musiker, gewonnen. In weniger als zwei Jahren waren sie zu weltweiten Superstars avanciert. Wirklich Fuß fassen als Künstler konnten Rob & Fab trotz etlicher Versuche anschließend nie mehr. Rob Pilatus verstarb wenig später im Alter von 33 Jahren an einer Überdosis.

Mehrmals schon gab es – auch in Hollywood – Versuche, diese Geschichte filmisch aufzuarbeiten. Der deutsche Regisseur Simon Verhoeven („Männerherzen“), Sohn des kürzlich verstorbenen Filmemachers Michael Verhoeven („Die weiße Rose“, „Das schreckliche Mädchen“, „Der unbekannte Soldat“), nahm sich schließlich des Projekts an und hat mit „Girl You Know It’s True“, angelehnt an einen von Milli Vanillis bekanntesten Songs, einen sowohl unterhaltsamen wie auch angemessen seriösen Streifen geschaffen.

Konsequent aus der Sicht der beiden Jungs erzählt, die dabei hin und wieder die sogenannte Vierte Wand durchbrechen und die Zuschauer direkt ansprechen, zeigt der Film ihren Lebens- und Karriereweg von Kindesalter an, über das Kennenlernen bei einem Vorsprechen, bis hin zur schicksalhaften Begegnung mit Frank Farian. Der gebürtige Deutsche war zu jener Zeit auf der Suche nach einem Aushängeschild für von ihm produzierte und komponierte Songs, die er bereits mit Studiomusikern angefangen hatte einzuspielen. Da diese in seinen Augen jedoch nicht annähernd so attraktiv auftraten wie die beiden Tänzer Rob & Fab, engagierte er sie als neue Frontmänner. Vom Erfolg der ersten Single, einem aufgepeppten Track einer amerikanischen Rap-Formation, selbst überrascht, wurde eilig ein Album nachgeschoben – und das Unheil nahm seinen Lauf.

Es ist Regisseur und Autor Verhoeven hoch anzurechnen, dass er nicht der Versuchung erliegt, überheblich und lediglich kichernd auf den Aufstieg und Fall aller Beteiligten zurückzublicken. Vielmehr versucht er den Spagat zwischen amüsantem Zeitdokument (die Kleidung! die Tanzmoves! die Frisuren!) und ernsthafter Aufarbeitung und widmet ich dabei ebenso den inneren Zweifeln und Kämpfen, die Rob, Fab und Produzent Farian auszutragen hatten. Das mag nur oberflächlich und wenig tiefsinnig geschehen, zu sehen ist es dennoch. Großen Anteil daran haben zweifellos die drei Hauptdarsteller Tijan Njie (Rob), Elan Ben Ali (Fab) und Matthias Schweighöfer (Farian), der mit seiner Performance irgendwo zwischen Persiflage und seriöser Charakterstudie agiert, damit aber die Widersprüchlichkeit des im Januar 2024 verstorbenen realen Vorbilds (Talent vs. Wunsch nach Anerkennung vs. schlechtes Gewissen) treffend einfängt. Es wäre ein Leichtes, allen Beteiligten Ruhmsucht von Geldgeilheit vorzuwerfen. Wie verführerisch allerdings Erfolg, ein schicker Lebensstil und hübsche Fans sein können, macht Verhoeven immer wieder deutlich. Sehenswert!

P.S.: Obwohl es sich um eine deutsche Produktion handelt, empfiehlt es sich, die Original-Sprachfassung (Deutsch, Englisch, Französisch) anzuschauen, da das „Sprachtalent“ von Rob & Fab ein wichtiger Bestandteil der Handlung ist.

Die Blu-ray/DVD bietet den Film in englisch/französisch/deutscher Original- sowie durchweg deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Zudem ist eine deutsche Hörfilmfassung mit an Bord (sehr löblich!). Als Bonus gibt es Standard-Presskit-Interviews mit der Filmcrew, Musikvideo-Zusammenschnitte und Trailer. „Girl You Know It’s True“ erscheint bei Leonine Studios und ist seit 3. Mai 2024 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine Studios / Wiedemann & Berg Film / Gordon Timpen)

Heimkino-Tipp: „The Beekeeper“ (2024)

One Man Army

Wie an anderer Stelle auf diesem Rezensions-Blog bereits angesprochen, steht und fällt ein gelungener Actionfilm, in dem ein Einzelgänger gegen Bösewichte in den Kampf zieht, seit jeher nicht nur mit seinem Hauptdarsteller, sondern ebenso mit seiner ‚Tarntätigkeit‘, die er abseits des Schlachtfelds ausübt. So hatten wir u.a. schon Bauarbeiter (Schwarzenegger), Feuerwehrmänner (Steven Seagal) und Melonenzüchter (Charles Bronson). Erst neulich kam mit „The Bricklayer“ noch der Beruf des Maurers dazu. Jason Statham hingegen gibt nun den Bienenzüchter. Herrlich!

Natürlich im Kontext der Handlung kein Zufall, vergleicht sein Charakter Adam Clay sein Handeln doch immer wieder mit den Verhaltensweisen dieser wunderbaren Geschöpfe, die – und das ist keine Erfindung des Drehbuchs – ja tatsächlich eine der elementarsten Grundlagen allen Lebens auf unserem Planeten darstellen. Problematisch wird’s, wenn innerhalb des Bienenstocks jemand aus der Reihe tanzt. Dies zu beheben, ist die Aufgabe des ‚Beekeepers‘ alias Clay. Die Krux hierbei: Seine inoffizielle offizielle Tätigkeit für die Regierung endete bereits vor einigen Jahren, eine Nachfolgerin ist längst im Amt. Als jedoch seine mütterliche Freundin Eloise (Phylicia Rashad) von einer Hackertruppe um ihr Erspartes gebracht wird und daraufhin Suizid begeht, reaktiviert sich Clay quasi selbst, nimmt die Verantwortlichen ins Visier und startet einen gnadenlosen Rachefeldzug.

Beim Blick auf die bisherige Filmografie von Regisseur David Ayer fallen sowohl Kracher („End of Watch“, „Fury – Herz aus Stahl“, „Sabotage“) als auch Rohrkrepierer („Suicide Squad“, „The Tax Collector“) ins Auge. „The Beekeeper“ platziert sich irgendwo dazwischen, hat der Streifen doch einerseits ordentlich inszenierte Actionszenen zu bieten, andererseits aber auch derart viele Logiklöcher, dass selbst das Overacting von Josh Hutcherson als Stathams Gegenspieler nicht weiter stört. Letztendlich passt beides jedoch gut zum Verlauf der Handlung, die sich mehr und mehr in absurden Wendungen/Enthüllungen verliert, wie es die Actionklassiker der 1980er nicht besser hätten machen können. Dazu noch völlig verschenkte Gastauftritte von ‚seriöseren‘ DarstellerInnen wie Jeremy Irons und Minnie Driver, und fertig ist der Lack. Einzig die überflüssige und peinlich unlustige Nebenhandlung über zwei FBI-Agenten, die Clay auf den Fersen sind, stört und bremst den Film immer wieder aus.

Aber so schlimm, wie die oberen Zeilen klingen mögen, ist „The Beekeeper“ keinesfalls! Ayers Wille zur optischen Gestaltung dieses No-Brainers ist bemerkbar (beispielsweise im konstant gelb-orangenen Farbton), das geringe Budget versucht er zudem so gut es geht zu überspielen. Den Rest erledigt sein cooler Hauptdarsteller, der sein unbewegliches Gesicht diesmal durchweg so anspannt wie seine Muskeln, dabei keinerlei Figurenentwicklung stemmen muss und gleichzeitig keinen (harten) Zweikampf scheut.

Es bleibt dabei: Statham ist der einzig wahre Erbe von Sly + Arnie, wenn es um ordentliche Actionkost geht. Simple Story, überdrehte Bösewichter, mäßige Effekte, voller Körpereinsatz. Passt!

Die DVD/Blu-ray/4K UHD bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Bonus gibt es Standard-Presskit-Interviews und Trailer. „The Beekeeper“ erscheint bei Leonine Studios und ist seit 26. April 2024 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine/Miramax)

Heimkino-Tipp: „Reality“ (2023)

Das Verhör

Nicht nur Prominente scheinen hin und wieder ihr Faible für wunderliche Kindernamen auszuleben: Apple, Paris oder North bzw. Psalm West sind nur einige, die – zumindest in meinen Augen – etwas gewöhnungsbedürftig sind. Dass es auch eine Amerikanerin gibt, die den Namen Reality Leigh Winner trägt, wollte ich zunächst ebenso nicht so recht glauben. Zwar wurde sie nicht in einen Celebrity-Haushalt hineingeboren, bekannt geworden ist sie jedoch 2017 trotzdem – als vermeintliche Whistleblowerin. Was war ihr Vergehen? Das stellt der Film „Reality“ von Tina Satter in einer Art Reenactment der Ereignisse des 3. Juni 2017 dar.

Als Grundlage für den 80-Minüter, der fast ausschließlich in einem Raum von Winners Haus spielt, dient dabei das Transkript ihres Verhörs durch das FBI, das sie (im Film dargestellt von Sydney Sweeney) an jenem Tag Zuhause aufsuchte. Wort für Wort lässt Regisseurin/Autorin Satter die Geschehnisse nachspielen und verwischt damit die Grenzen zwischen Wirklichkeit und filmischer Nachbildung absichtlich. Das Setting ist simpel, die Inszenierung unaufgeregt. Und doch entsteht sukzessive eine bedrückende Stimmung und eine gefühlte Enge, die sich auf die Zuschauer übertragen.

Die Mittel, die Satter hierfür benutzt, sind einfach aber effektiv: Häufige Nahaufnahmen, verunsicherte Blicke, ein gequältes Lächeln hier, ein zu langes Schweigen dort. Den Rest erledigen die Dialoge, die – obwohl der Realität entsprechend – seltsam gestelzt klingen und vor allem die FBI-Agenten (Josh Hamilton, Marchánt Davis) zunächst wenig professionell erscheinen lassen. Es drängt sich der Eindruck auf, hier seien Anfänger am Werk, die penibel einem (Gesprächs-)Protokoll folgen, um ihr Gegenüber in Sicherheit zu wiegen. Gleichzeitig wird Satter nicht müde, Winner als einzige Frau inmitten einer Männerschar zu zeigen, die allein durch ihre körperliche Präsenz eine Bedrohung ausstrahlen.

Was der Handlung und somit dem Film jedoch letztendlich fehlt, ist eine konkrete Richtung. Warum diese genaue, fast schon dokumentarische Nachbildung von nur diesem Verhör? Weshalb eine nur schemenhafte Einordnung in die politischen Ereignisse des Jahres 2017? Wozu Zwischenschnitte auf Instagram-Beiträge der echten Winner? „Reality“ kann sich nicht recht entscheiden, ob es staatliche Institutionen und ihre ‚Erfüllungsgehilfen‘ vorführen, kritisieren oder lediglich neutral abbilden will. Genauso unklar bleibt, ob das Handeln der Whistleblowerin aus politischer Überzeugung oder beruflichem Frust heraus geschah. Hierzu hätte es einen inhaltlich etwas größeren Rahmen gebraucht als nur jenes Verhör, dessen Verschriftlichung weiterhin im Internet frei abrufbar ist. „Reality“ hat es lediglich bebildert. Zum Leben erweckt allerdings nicht.

Die Blu-ray/DVD-Disc bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche und englische Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es eine kurze Featurette über die echte Reality Leigh Winner und Trailer. „Reality – Wahrheit hat ihren Preis“ erscheint bei Plaion Pictures und ist seit 25. April 2024 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Plaion Pictures)