Mein Leben ohne euch
Es geschieht ohne Vorwarnung: Barbara (Valerie Pachner) steht mit dem Auto gerade im Stau, als sie einen beunruhigenden Anruf von ihrer Freundin erhält. Ein gelber Kleinbus sei an einem unbeschränkten Bahnübergang von einem Zug erfasst worden – ein Kleinbus, der dem ihrer Familie ähnelt. Und schon beginnt das Kopfkino: Wieso geht ihr Mann Heli (Robert Stadlober) nicht ans Telefon? Wo befinden sich ihre gemeinsamen Kinder? Und warum wird sie plötzlich von einer zweiten Freundin gebeten, zu ihr zu kommen?
Was der österreichischen Autorin Barbara Pachl-Eberhart widerfahren ist, wünscht man keinem Menschen: Sie verlor 2008 ihren Gatten und ihre beiden (sieben und zwei Jahre alten) Kinder infolge eines Unfalls. Um ihre Trauer zu verarbeiten, verfasste sie ihre Autobiografie mit dem Titel „Vier minus drei“, die 2012 erschien und auf der dieser Film basiert.
Unter der Regie von Adrian Goiginger („Der Fuchs“) ist dieses künstlerische Wagnis glücklicherweise in guten Händen: Sensibel, nicht überzuckert und schon gar nicht sich im Leid der Hauptfigur suhlend, ist seine filmische Adaption tragisch und hoffnungsvoll zugleich. Dabei hilft es sicherlich, dass die Geschichte – ebenso wie in der literarischen Vorlage – in zwei verschiedenen Zeitebenen erzählt wird. Auch wenn dies der Autorin im echten Leben nicht vergönnt war, gibt es der Erzählung (und den ZuschauerInnen) immer wieder Luft zum Durchatmen und sogar Schmunzeln. Denn – welch bittere Ironie – Barbara und ihr Mann arbeite(te)n als professionelle Clowns. Ihr Kennenlernen, ihre ersten gemeinsamen Proben sowie ihr oftmals unbeschwerter Blick auf die Dinge geben dem Film eine leichte Note, ohne die die ganze Tragik wohl kaum zu ertragen wäre.
Regisseur Goiginger tappt dabei erfreulicherweise nicht in die Falle, alles Vorherige zu verklären. Denn wie jedes andere Paar auch, haben Barbara und Heli ihre Kämpfe ausgetragen, ihrem Gegenüber Böses an den Kopf geworfen und mit so mancher Entscheidung des Partners gehadert. Dass dies nach dem Schicksalsschlag nicht einfacher wird, zeigen all jene Szenen, in denen die Witwe mit den (Beerdigungs-)Wünschen ihrer Schwiegereltern konfrontiert wird, die den Verlust ihres Sohnes auf ganz andere Weise zu verarbeiten versuchen. „Vier minus drei“ stellt somit zwar eine Person in den Mittelpunkt, verdeutlicht jedoch eindrücklich, dass ein Verlust dieser Art niemals singulär ist, sondern stets mehrere ‚Opfer‘ hinterlässt, die jeder für sich einen Abschluss finden und einen Neuanfang wagen müssen: Während Barbara sich hinter ihrer Clownsfigur verstecken möchte und wirklichkeitsfern darauf hofft, zumindest ihre Tochter wiederzusehen, suchen andere Trost im Glauben und Ritualen.
Hauptdarstellerin Valerie Pachner („Ein verborgenes Leben“, „Phantastische Tierwesen 3“) trägt diesen Film mit einer phänomenalen Performance, die eigentlich drei Rollen in einer beinhaltet: Verliebte Mama, verzweifelte Überlebende und überzeugte Optimistin im Clownsoutfit. Stadlober ist ohnehin immer eine Bank (und hier ganz besonders als charmanter Tagträumer), während Ronald ‚das Bärchen‘ Zehrfeld als Arzt einmal mehr kurz erfreut Aufseufzen lässt. Und dann ist da noch der wunderbare Hanno Koffler, der seinen Kollegen Stadlober anno 2004 in „Sommersturm“ noch herrlich direkt anbaggerte, als er einen schwulen Ruderer verkörperte. In „Vier minus drei“ nun hadert seine Figur Friedrich damit, wie er der tief verwundeten Barbara gegenübertreten soll. Er will ihr helfen, doch wie schafft man(n) dies, ohne Grenzen zu übertreten? Ein überaus interessanter, gegen die Erwartungen gestalteter Charakter, der von Koffler facettenreich präsentiert wird.
Ob „Vier minus drei“ hilft, wenn mensch selbst von Trauer gebeutelt ist? Möglicherweise ja. Unabhängig davon ist das Werk jedoch ebenso ein einfühlsames, hervorragend gespieltes und angenehm inszeniertes Filmerlebnis über Menschen und das, was sie ertragen und leisten können.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel für Hörgeschädigte sind optional vorhanden, ebenso wie eine Hörfilmfassung (sehr lobenswert!). Als Bonus gibt es Interviews, gelöschte Szenen und Trailer. „Vier minus drei“ erscheint bei Alamode Filmdistribution im Vertrieb von AL!VE und ist seit 20. August 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Alamode Film / Polyfilm)
































