Ungläubiges Kopfschütteln und das hässliche Wort „Lügner“ sind die gängigen Reaktionen, wenn ich in geselliger Runde vom wohl prägendsten Kinobesuch meiner Kindheit berichte: Gerade mal sechs oder sieben Jahre hatte ich verlebt, als ich in Ungarn zu einem Arnold-Schwarzenegger-Film mitgeschleift wurde. „Phantom-Commando“ hieß der Streifen, der in seiner ungekürzten Form in Deutschland noch heute nur von Personen „ab 18“ geschaut werden darf und ein Musterbeispiel für jene sinnentleerten, aber dennoch wunderbar unterhaltenden Actionstreifen darstellt, die in den 1980er Jahren mit Arnie, Stallone & Co. in den Hauptrollen produziert wurden.
Prägend insofern, da ich seit dieser Zeit ein Fan von Sylvester Stallone bin, den ich nun beim Zurich Film Festival zum ersten Mal „live“ sehen durfte. Zugegeben, es gibt tatsächlich sinnvollere Möglichkeiten, Zeit und Fahrgeld zu verprassen. Doch wenn es mir zudem ermöglicht, zwei sehr liebe Freunde in der Schweiz zu besuchen (an dieser Stelle noch einmal ein herzliches und großes Dankeschön an „Arnika“), ist der Aufwand in jedem Falle gerechtfertigt.
In etwas mehr als einer Woche zeigen die Macher (darunter Schauspieler Antoine Monet, Jr.) mehr als 70 Schweizer-, Europa-, internationale oder Weltpremieren, begrüßen Prominenz aus dem In- und Ausland und ehr(t)en Sylvester Stallone mit dem „Golden Icon Award“ für sein Lebenswerk. Als Jurypräsident für die Wettbewerbsfilme fungiert Peter Fonda, Regisseure wie Andreas Dresen oder Bent Hamer stellen sich in sogenannten „Master Class“-Seminaren den Fragen des Nachwuchses oder präsentieren mit anderen Kollegen wie Kathryn Bigelow, Fernando Meirelles, Joel & Ethan Coen und D.J. Caruso ihre neuesten Werke. Für ein so junges Festival ein Menge Berühmtheiten, für Filmliebhaber gleichzeitig ein sehr abwechslungsreiches und spannendes Programm.
Stallone selbst traf bereits am zweiten Wettbewerbstag ein, um seinen Preis persönlich in Empfang zu nehmen. Eines der beiden Festivalkinos, das „corso“ – übrigens ein sehr eigenwilliges, wunderbar gestaltetes Lichtspielhaus -, widmete seinem Stargast dazu eine kleine Retrospektive, für jüngere Fans die perfekte Gelegenheit, Klassiker wie „Rocky“ oder „First Blood“, Teil eins der Ramboserie, auf großer Leinwand zu bewundern.
Das Benehmen der Journalisten am Roten Teppich gestaltete sich überraschend friedfertig, auch wenn einzelne Personen mit Presseausweis dann doch die Beherrschung verloren und einigen Kollegen der schreibenden Zunft (mich eingeschlossen) somit die Chance auf ein zuvor zugesichertes Interview nahmen. Bei der anschließenden Begrüßung des Hollywood-Heroen im Saal gehörte Stallone dann ganz dem Publikum, Presse war nur zu Beginn für wenige Minuten zugelassen. Und auch hier zeigte sich wieder ein Phänomen, das gleichzeitig beängstigend als auch anerkennend wirkte: Wo immer Sylvester Stallone auftritt, hört man das Publikum entweder „Rocky“ oder „Rambo“ aus vollster Kehle schreien. Kaum ein anderer Schauspieler wird so mit seinen Rollen identifiziert wie Stallone, kaum ein anderer hat andererseits so erfolgreich alles getan, um eben jene Rollen für immer im zeitgeschichtlichen Filmgedächtnis zu platzieren. So sind es dann auch vor allem die Charaktere „Rocky Balboa“ und „John Rambo“, die der Laudator in seiner leider etwas schlampig recherchierten Rede immer wieder nennt.
Nach fünf Minuten ist alles vorbei, Stallone bedankt sich artig, gibt ein paar Anekdoten preis und verschwindet noch vor dem Hauptfilm, „Rocky Balboa“, aus dem Saal. Etwa 30 Prozent des Publikums tun es ihm gleich, was angesichts der Qualität des Filmes etwas traurig stimmt. Immerhin ist der eine Stunde später startende „First Blood“ sehr gut gefüllt, für einen 27 Jahre alten Streifen ein beachtenswerter Erfolg.
Am folgenden Tag gönne ich mir noch zwei weitere Filme: „Tulpan“ (Regie: Sergey Dvortsevoy), eine internationale Koproduktion um einen kasachischen Schafhirt, der von seiner Angebeteten verschmäht wird, da er „abstehende Ohren“ habe, sowie die deutsche Komödie „Hardcover“ (Regie: Christian Zübert), die beweist, dass die Macher von „Lammbock“ (2001) ihr Handwerk immer noch verstehen und wissen, wie man Komik und Tragik kongenial in einem unterhaltsamen 90Minüter packt. Ganz großes Kino!
Nach Oliver Stone im vergangenen und Sylvester Stallone in diesem, bin ich sehr gespannt, wen das Zurich Film Festival im kommenden Jahr als Stargast präsentieren will. Unabhängig davon darf den Organisatoren aber schon jetzt viel Potential und Können attestiert werden. Ihnen ist inhaltlich tatsächlich ein Filmfest gelungen, das sehr viele Genres abdeckt und sowohl Programmkino-, als auch Blockbusterfans begeistern kann.
www.zurichfilmfestival.org