Heimkino-Tipp: „Emmanuelle“ (2024)

One for the Ladies

Wer alt genug ist, um sich noch an das Wochenend-Programm der privaten TV-Sender Mitte der 1990er zu erinnern, wird sicherlich etwas mit dem Titel „Emmanuelle“ anfangen können. Denn Fernsehsender wie ‚RTL plus‘ oder ‚Sat.1‘ füllten ihre Samstagabend-Nächte gern mit diversen Softcore-Erotikfilmen dieser Art, was den damals noch jungen Autor dieser Zeilen, der eigentlich nur das Comedy-Format „RTL Samstag Nacht“ schauen wollte, regelmäßig erröten ließ. Aus heutiger Sicht relativ harmlos, sorgten die diversen Verfilmungen und Plagiate der französischen „Emmanuelle“-Buchreihe einst für großes Aufsehen, was sich u.a. in einer jahrelangen Indizierung niederschlug (die letzte wurde erst 2019 aufgehoben).

Nun also ein Remake des Originalfilms von 1974 (der eigentlich bereits die zweite Adaption darstellte), der damals international ein sehr großer Erfolg war. Diesmal inszeniert von einer Frau (Audrey Diwan, „Das Ereignis“, der 2021 den Goldenen Löwen in Venedig gewann), wurden zwar einzelne Teile der Handlung und der -ort verändert, die Grundidee jedoch blieb erhalten: Eine (relativ) junge Französin begibt sich auf erotische Entdeckungsreise in Asien.

Emmanuelle (Noémie Merlant) hat einen vermeintlichen Traumjob: Sie jettet um den Globus, um verschiedene Ableger einer Luxushotelkette auf ihre Qualitäten zu testen. Service, Komfort, Küche, Sauberkeit, Problemlösestrategien sind nur einige der Punkte, die sie bewerten muss, während sie sich vor Ort verwöhnen lässt. Doch sucht die offen bisexuelle Emmanuelle auch regelmäßig Verwöhnung körperlicher Art, was ihr diverse erotische Abenteuer beschert – oder sind es doch nur Fantasien?

Erfreulicherweise verzichtet die Neuverfilmung darauf, aktuellen Trends zu folgen und sich in Explizitem zu ergötzen. „Emmanuelle“ im Jahre 2024 verfolgt weiterhin das Ziel, Sinnlichkeit und Erotik über Andeutungen, Atmosphäre und nur teilweiser Zeigefreudigkeit zu transportieren. Das gelingt mal mehr (Eröffnungsszene), oftmals jedoch weniger gut. Ohne es konkret benennen zu können, fehlt dem Film hier und da das gewisse Etwas. Vieles wirkt zu glatt, zu schön, zu sauber, kurz: zu berechnend. Im Vergleich dazu ist beispielsweise die Thrillerkomödie „Out of Sight“ (1998) mit Jennifer Lopez und George Clooney in den Hauptrollen ein glühend heißer Streifen – und das, obwohl der die Erotik quasi nur nebenbei dank seiner beiden Stars vermittelt.

Vielleicht liegt es auch an der charakterlichen Verschlossenheit der Figuren in „Emmanuelle“? Während die Protagonistin noch relativ offenherzig (sowohl verbal als auch körperlich) agiert, bleibt ein Großteil der Nebenfiguren undurchsichtig und rätselhaft. Sie wirken, ebenso wie der schön anzusehende Hauptschauplatz (ein Luxushotel in Hong Kong), wie Staffage.

Hervorzuheben ist jedoch der eindeutig ‚weibliche‘ Blick der Inszenierung: Regisseurin Diwan war ganz offensichtlich daran gelegen, keinen weiteren ‚Male gaze‘-Film zu drehen, auch wenn die Schönheit von Hauptdarstellerin Merlant sehr prominent ins Bild gerückt wird. Es bleiben stets ihre Szenen, ihr Blickwinkel wird genauso gezeigt wie der ihrer Liebespartner. Das gelingt zwar nicht durchgehend, aber das Ansinnen der Macherin ist erkennbar.

Ob dies ausreichend Argumente für diese Neuinterpretation sind? „Emmanuelle“ 2024 ist zweifellos kein schlechtes Werk, bietet jedoch zu wenig Höhepunkte (haha!), um nachhaltig in Erinnerung zu bleiben. Schöne Locations und Menschen zum Trotz.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer/französischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Bonus gibt es Trailer. „Emmanuelle“ erscheint bei Leonine und ist seit 14. Februar 2025 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)

Heimkino-Tipp: „Armor“ (2024)

Die Brille rutscht!

Mr. Stallone macht es dem Verfasser dieser Zeilen momentan echt schwer, ihn noch zu mögen: Trägt sein eigenes Comeback-Franchise „The Expendables“ mit einem desaströsen, die eigentliche Prämisse der Reihe – einstige Actionstars im hohen Alter wollen’s nochmal wissen – negierenden vierten Teil lustlos zu Grabe, lässt sich privat vom neu gewählten US-Präsidenten Trump zu einer beschämenden Lobhudelei überreden, in der er den verurteilten Verbrecher mit Jesus(!) gleichsetzt, und zwingt nun seine (bald einstigen?) Fans, sich durch langweilige Grütze wie „Armor“ zu quälen.

Es ist zweifellos leicht verdientes Geld für Stallone, muss er doch in ca. 90 Minuten Laufzeit lediglich an einem Handlungsort rumstehen, dabei sinnfreie Sätze von sich geben und zwei, drei Mal mit einem Gewehr in der Gegend rumballern. Die größte Überraschung dieses Schnarchfilms ist die Tatsache, dass Sly alias Bandenchef Rook hier nach langer Zeit mal wieder einen Antagonisten gibt. Wobei: Derart handzahm, unentschlossen und einsilbig wirkt seine Figur als Boss ziemlich unglaubhaft. Ihm gegenüber steht der Alkoholiker James (Jason Patric), der zusammen mit seinem Sohnemann (Josh Wiggins) mitten im Nirgendwo einen Geldtransporter durch die Gegend kutschiert und auf einer Brücke von Rooks tumben Haufen zum Anhalten gezwungen wird. Sie wollen rein in den Wagen, Papa und sein Kind aber nicht raus. Was folgt, sind stümperhafte Versuche, den Transporter zu knacken, umrahmt von unzähligen inhaltsleeren Dialogen, nicht nachvollziehbaren Verhaltensweisen, vielen Drohnenaufnahmen der Umgebung – und einer rutschenden Brille auf Jason Patrics Nase.

Und nein, das ist offenbar kein Stilmittel, ein Charakter-Tick oder irgendein Gimmick, welches im weiteren Verlauf noch an Bedeutung gewinnen wird. Es ist schlicht und einfach eine übergroße, schlecht sitzende Sehhilfe, die Patric im 10-Sekunden-Takt nach oben schieben muss, damit sie nicht runterfällt. Warum dies beim Schauen des Films auffällt? Weil abseits dessen nichts passiert. Insofern eignet sich ‚die wandernde Brille‘ ganz hervorragend für ein Trinkspiel, bei dem immer dann angestoßen werden muss, sobald der Schauspieler seine Finger Richtung Nase bewegt. Positiver Nebeneffekt: Im Rausch erträgt mensch diese Schlaftablette von Film sehr viel besser.

Wie brachte es ein befreundeter Mitgucker treffend auf den Punkt: An „Armor“ könnten angehende Filmstudenten wunderbar üben, welche Bedeutung und Wirkung professioneller Filmschnitt hat – einfach alles Überflüssige entfernen, Szenen verkürzen und anders anordnen, Tempo reinbringen. Problem: „Armor“ hätte dann eine neue Laufzeit von ca. 2 Minuten. Aufgerundet.

P.S.: Dass es hinter den Kulissen hingegen sehr viel aufregender zuging, enthüllt dieser Artikel der Los Angeles Times: https://www.latimes.com/entertainment-arts/business/story/2024-04-26/randall-emmett-ives-sylvester-stallone

Die Blu-ray/DVD bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional verfügbar. Als Bonus gibt es Trailer. „Armor“ erscheint bei Leonine Studios und ist seit 7. Februar 2025 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)