Heimkino-Tipp: „Heretic“ (2024)

Der Ketzer

Als Cineast mit halbwegs konsensfähigem Filmgeschmack lässt ein Filmtitel wie „Heretic“ leicht erschaudern. War dies doch ebenso der Untertitel eines der umstrittensten und nach allgemeiner Auffassung misslungensten Sequels aller Zeiten, dem 1977 erschienenen „The Exorcist II“. Insofern hat dieses nun hier zu besprechende Werk des Regie- und Autorenduos Scott Beck und Bryan Woods unfairerweise einiges wiedergutzumachen, besonders im Horrorgenre.

Der Beginn ist schon mal vielversprechend: Die zwei mormonische Missionarinnen Schwester Barnes (Sophie Thatcher, „Companion“) und Schwester Paxton (Chloe East, „The Fabelmans“) erhalten den Auftrag, dem an ihrer Kirche interessierten Nachbarn Mr. Reed (Hugh Grant, „Notting Hill“, „The Gentlemen“) einen Besuch in seinem Haus abzustatten. Der höfliche Mann mit der Gießkanne in der Hand bittet die beiden jungen, vom Regen durchnässten Frauen prompt in sein Haus und bietet ihnen Kuchen an, während sie ins Gespräch kommen. Dies nimmt thematisch jedoch schnell einige sonderbare Abzweigungen, sodass seine zwei Gäste beschließen zu gehen. Nur wie? Denn ihr unscheinbarer Gastgeber in der karierten Strickjacke kann ihnen aus Gründen lediglich den Hinterausgang des Hauses anbieten, verstrickt sie dabei allerdings in ein seltsames Frage-Antwort-Spiel über Religionen, Glauben und Brettspiele. Ein Verlassen des labyrinthisch anmutenden Anwesens scheint fortan unmöglich.

Ein Blick auf das gelungene Poster-Artwork lässt erahnen, in welche Richtung sich die Handlung ab diesem Zeitpunkt entwickelt. Grant als undurchsichtiger Strippen- und Puppenspieler, der seine Hausgäste einem Gott gleich von oben beobachtet (und manipuliert?), während sie um ihr Leben und ihren Glauben kämpfen müssen? Hell, yeah! Die beiden Regisseure nutzen fortan sämtliche Stilmittel der Gruselfilmpalette, sowohl auf der Tonspur als auch auf der Bildebene, während ihr charismatischer Bösewicht(?) seine Thesen über Macht, Sinn und Unsinn sowie Plagiate in den Weltreligionen äußerst überzeugend darlegt.

Allein: Die Spannung geht dabei sukzessive verloren. Zwar ist es eine sprichwörtlich diabolische Freude, Grant in seiner Schurkenrolle zu beobachten, doch ein wirklich tiefgründiges Streitgespräch über Gott & Co. findet dabei nicht statt. Da helfen knarzende Laminatböden ebenso wenig wie dunkle Gänge, in denen die Fliehenden ständig irgendwelche Türen öffnen müssen, die nur zu einer weiteren führen. Wenn zudem an späterer Stelle jeder zuvor dezent gesetzte Hinweis auf die wahren Absichten des Antagonisten nochmals bebildert und ausinterpretiert wird, fühlt mensch sich als ZuschauerIn schon ein wenig bevormundet.

Dass „Heretic“ lauter und expliziter enden muss als er begonnen hat, liegt in der Natur des Genres. Ob dieser Verlauf glaubhaft ist, hängt sicherlich auch von der Bereitschaft des Publikums ab, bestimmten Twists der Handlung zu folgen. Immerhin ist der Film qualitativ weit entfernt vom eingangs erwähnten Namensvetter aus den 1970ern und allein dank Hugh Grants Auftritt einen Blick wert.

Und damit viel Spaß bei der nächsten Runde „Tatsächlich... Liebe“ – sie wird fortan anders schmecken ...

Die 4K-UHD/Blu-ray/DVD-Disc bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es einen Audiokommentar, Interviews sowie Trailer. „Heretic“ erscheint am 27. März 2025 auch als Mediabook bei Plaion Pictures und ist ebenso digital erhältlich. (Packshot + stills: © Plaion Pictures)

Heimkino-Tipp: „Alter weißer Mann“ (2024)

Der Alltag, ein Kampf

„Unsicherheit macht sich breit“ prophezeiten Die Prinzen bereits 2004. Ähnliches scheint etlichen männlichen Zeitgenossen seit ein paar Jahren das Leben zu erschweren, hadern sie doch zunehmend damit, die ‚richtigen‘ Umgangsformen im Alltag zu finden. Ob Wortwahl, körperlicher Kontakt oder Gesten: Das ‚Minenfeld Political Correctness‘ kann schnell zu Überforderung führen, selbst wenn der Handelnde nach bestem Wissen und Gewissen agiert.

So zumindest lautet die Prämisse von Simon Verhoevens („Girl You Know It’s True“) Komödie „Alter weißer Mann“. Schon der Titel nimmt Bezug auf eine Formulierung, die – vereinfacht zusammengefasst – seit einigen Jahren abwertend für Männer genutzt wird, die oftmals der sogenannten guten alten Zeit nachtrauern, in der man(n) angeblich noch alles sagen durfte und nicht ständig Gefahr lief, jemanden durch falsche Anrede oder Bezeichnung zu diskriminieren (was nach Meinung des Autors dieser Zeilen völliger Humbug ist und durch Achtsamkeit sowie Offenheit leicht vermieden werden kann).

Aber ganz so leicht macht es sich Regisseur und Drehbuchautor Verhoeven nicht: Seine Hauptfigur Heinz (Jan Josef Liefers) ist kein ewig-Gestriger, der ständig früheren Zeiten hinterher weint (diesen Part übernimmt sein Vater, gespielt von Friedrich von Thun), sondern ein dauergestresster, hart arbeitender Angestellter, der schon darauf achtet, alle zu inkludieren. Zudem sind seine Kinder zu weltoffenen Jugendlichen herangewachsen und seine selbstständige Frau Carla (Nadja Uhl) gerade dabei, ein eigenes Café zu eröffnen. Eine Unachtsamkeit hier, eine Übersprungshandlung dort, und plötzlich befindet sich Heinz in einem Dilemma: Das Ersparte ist weg, der Ruf unter den KollegInnen beinahe ruiniert, die Familie am Zerbröseln und zu allem Übel verdonnert ihn sein Chef gerade jetzt zu einem Abendessen in den eigenen vier Wänden, bei dem sich Heinz von seiner „wokesten“ Seite präsentieren soll, um die Firma gut dastehen zu lassen.

Überforderung, Zeitmangel, Karrieredruck, Familienkrisen, Selbstoptimierungswahn und überall Befindlichkeiten: „Alter weißer Mann“ macht tatsächlich das ganz große Fass auf und arbeitet sich mit amüsanter Situationskomik an (fast) Allem ab, was derzeit (nicht nur) die deutsche Gesellschaft stresst. Das mag teilweise wie eine Nummernrevue wirken, die der bemitleidenswerte Heinz durchlaufen muss, funktioniert jedoch erstaunlich gut. Zwar werden dabei viele Klischees bedient und bleiben die Figuren oberflächlich gezeichnet, doch nutzt dies Verhoeven gekonnt, um jede/n seiner ZuschauerInnen abzuholen und – im wahrsten Sinne der Filmhandlung – im letzten Drittel an einen großen Tisch zur Aussprache einzuladen. Dass es ihm dabei mehr um Kommunikation und Verständnis denn um Konfrontation geht, ist der große Verdienst seines witzigen filmischen Rundumschlags.

„Alter weißer Mann“ taugt weder als kritischer Kommentar noch Lösungsansatz für all die Themen, die unsere Gesellschaft momentan beschäftigen. Aber als Momentaufnahme mit der Aufforderung an alle Seiten, sich mal etwas lockerer zu machen, ist Verhoevens Komödie durchaus gelungen.

Die Blu-ray/DVD bietet den Film in deutscher Originalfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Zudem ist eine Hörfilmfassung mit an Bord (sehr löblich!). Als Bonus gibt es einen Audiokommentar des Regisseurs, Interviews, ein Making of, ein Musikvideo der Fantastischen Vier sowie diverse Trailer. „Alter weißer Mann“ erscheint bei Leonine Studios und ist seit 14. März 2025 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine Studios / Wiedemann & Berg Film)

Heimkino-Tipp: „Spiders“ (2023)

Arac Attack at the Block

Man könnte meinen, wahre architektonische Ideenvielfalt findet sich vor allem im sozialen Wohnungsbau. Also immer dort, wo Kommunen dazu gezwungen werden, möglichst schnell, günstig und funktional Wohnraum für möglichst viele Menschen zu errichten. Waren es in der DDR beispielsweise die Betonbauten vom Typ Wohnungsbauserie 70 („WBS 70“, u.a. zu sehen im Dresdner Stadtteil Gorbitz) oder in Großbritannien das „Alexandra Road Estate“ in London (nur einen Katzensprung von der legendären Abbey Road entfernt), so sind es in Frankreich die sogenannten Banlieus, die Vororte der Großstädte, die überaus beeindruckende Bauten vorweisen können. Wie zum Beispiel die ‚Arènes de Picasso‘, ein Gebäudekomplex des Pariser Vorortes Noisy-le-Grand (Link).

Abseits ihrer besonderen Gestaltung gelten Vororte wie diese meist jedoch als soziale Hotspots, in denen viel Konfliktpotenzial schlummert. Diesem Vorurteil wollte der Filmemacher Sébastian Vaniček entgegenwirken, indem er sein Erstlingswerk „Vermines“ (für den deutschen Markt auf „Spiders – Ihr Biss ist der Tod“ umgetauft) genau dort inszeniert – und um den Zusammenhalt der dort Lebenden zu würdigen.

Der Jugendliche Kaleb (Théo Christine) lebt mit seiner Schwester Manon (Lisa Nyarko) in eben jener Siedlung und hält sich mit dem Verkauf von geklauten(?) Sneakers über Wasser. Seine Leidenschaft gehört jedoch seinen ‚Haustieren‘, die er in seinem Zimmer in unzähligen Terrarien hortet: Skorpione, Würmer und allerhand anderes exotisches Getier, zu dem sich nun auch eine Spinne gesellt. Dass diese nicht ganz ungefährlich ist, ahnt Kaleb zwar. Wo genau sie herkommt und was ihre ‚Features‘ sind, wird er aber erst im Laufe der nächsten Tage herausfinden. Denn die kleine Schönheit mit den vielen Beinen entkommt – und nutzt das labyrinthische und feuchte Hochhaus, um sich ein neues Zuhause einzurichten. Genug Futterquellen gibt es ja – vor allem auf zwei Beinen.

Ein klaustrophobisch anmutender Gebäudekomplex, ein flinker, intelligenter Gegner und fehlende Fluchtmöglichkeiten: Regisseur Vaniček hat die Klassiker des Creature-Feature-Genres offenbar gut studiert, denn er weiß, wie er sein Publikum effektiv zum Zittern bringen kann. Dazu zählt ebenso, keine reine Spinnen-Horror-Story zu erzählen, sondern auf einer zweiten Ebene inhaltlich auch etwas anderes einfließen zu lassen: Den Umgang von Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander beispielsweise, nicht nur im Angesicht einer Bedrohung.

Denn die ist in diesem Falle vielfältig: Einerseits durch die Spinnen, andererseits durch die Reaktion der Außenwelt auf die Ereignisse innerhalb der Banlieu, die sogleich abgeschirmt und isoliert wird, um das tödliche Problem lokal zu halten. Und spätestens beim Anrücken und dem Agieren der Polizei den BewohnerInnen gegenüber wird deutlich, dass „Spiders“ ebenso als gesellschaftlicher Kommentar taugt. Wie wird den Betroffenen geholfen? Wie wird ihnen gegenübergetreten? Schert sich überhaupt jemand um ihr Schicksal?

So wandelt sich der anfangs kompromisslose Horrorfilm sukzessive zum Drama, in dem die handelnden Personen nicht nur lernen müssen, miteinander zu kommunizieren, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten und einander zu vertrauen. Gewürzt mit einem mitreißendem Soundtrack und von talentierten Jungdarstellern getragen, ist „Spiders“ somit tatsächlich mehr als bloßer Spinnen-Horror – nämlich ein gelungener, anspruchsvoll-unterhaltsamer Streifen.

Die Blu-ray/DVD-Disc bietet den Film in französischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es eine Bildergalerie und Trailer zu anderen Filmen. „Spiders – Ihr Biss ist der Tod“ erscheint am 27. Februar 2025 bei Plaion Pictures und ist auch digital erhältlich. Am 20. März 2025 erscheint der Film zudem in 4K-UHD als Mediabook mit weiteren Extras. (Packshot + stills: © Plaion Pictures)