Heimkino-Tipp: „Cruising“ (1980)

 

Call me by your Name

Homosexualität wurde (nicht nur) in Hollywood-Produktionen lange Zeit entweder als etwas Abnormales dargestellt oder als Vorlage für billige Witzchen genutzt (Stichwort „Blue Oyster“-Bar in „Police Academy“, 1984). Inzwischen ist queeres Kino erfreulicherweise Normalität (Wortspiel beabsichtigt!), doch gab es natürlich auch Filme, die ‚irgendwo dazwischen‘ lagen und die Thematik zwar seriös angingen, sie letztendlich aber ebenso für ihre (inhaltlichen) Zwecke ausnutzten. Zum Beispiel William Friedkins „Cruising“ von 1980.

Friedkin war zu diesem Zeitpunkt bereits ein etablierter Regisseur, hatte er doch mit „Brennpunkt Brooklyn – The French Connection“ (1971) und „Der Exorzist“ (1973) zwei mehrfach ausgezeichnete Werke erschaffen, die noch heute als Meilensteine der ‚New Hollywood‘-Epoche bezeichnet werden. Nach seinem furiosen, jedoch leider erfolglosen „Atemlos vor Angst“ (1977, ein Remake des 1953 entstandenen „Lohn der Angst“), wagte er sich mit „Cruising“ abermals an eine Geschichte, die Kontroversen schon im Vorfeld provozierte. Immerhin handelt der Film von einem Undercover-Cop, der einen Killer im SM-Milieu New Yorks auffinden soll.

Der junge Polizist Steve (Al Pacino) erhält die Chance, auf der Karriereleiter einen großen Schritt voranzukommen – wenn er sich auf eine verdeckte Ermittlung einlässt, die wohl nicht jeder so ohne Weiteres angenommen hätte: Ein Killer meuchelt schwule Männer während des Liebesspiels. Verdächtige gibt es keine und seinem Vorgesetzten (Paul Sorvino) wird ‚von oben‘ ordentlich Druck gemacht, den Fall endlich zu lösen. Das Einschleusen von Steve in die Szene soll endlich den gewünschten Erfolg bringen. Beinah schon naiv lässt er sich darauf ein: Aus Neugier wird Faszination, aus Faszination mehr und mehr Besessenheit – und vielleicht sogar Leidenschaft?

Vieles, was „Cruising“ zeigt, wirkt 46 Jahre später eher wie eine Satire auf die Homosexuellen-Klubs und -Codes: Muskulöse Männer in Leder, meist sehr offenherzig unterwegs und ständig auf der Suche nach einem sexuellen Abenteuer. War dies Ende der 1970er, Anfang der 1980er tatsächlich so? Oder bedient Friedkin hier das Klischee über alle Maßen, so, wie es sich die heterosexuelle Gesellschaft vorstellt? Beurteilen kann ich dies als Teil der ‚Generation Y‘ nicht, wohl aber die Direktheit wertschätzen. Denn was hier sehr explizit – auch von Pacino – gezeigt wird, ist für damalige Verhältnisse wirklich bemerkenswert. Hier großes Lob an das Label Plaion Pictures, das diese Veröffentlichung verantwortet und im Bonusmaterial u.a. einen Vergleich zwischen zensierter und unzensierter Fassung beigefügt hat, um zu verdeutlichen, wie der Film zum Teil verändert werden musste, um ihn weniger anstößig zu machen.

Zugegeben, der spannendste Streifen aus Friedkins Œuvre ist „Cruising“ sicher nicht. Vielmehr ist er an seinem provokanten Milieu interessiert, in welches die Krimigeschichte eingebettet ist, und badet förmlich in Szenen, in denen sich Männer auf welche Weise auch immer näherkommen. Mittendrin Pacino, der die Ambivalenz seiner Figur sicht- und fühlbar macht. Das alles macht „Cruising“ zu einem interessanten Zeitdokument, was das opulente Bonusmaterial der Veröffentlichung unterstreicht: Neben zwei Dokumentationen über die Entstehung und Fortwirkung des Films enthält die Mediabook-Edition u.a. mehrere informative Audiokommentare, unzählige alte und retrospektive Interviews, geschnittene und alternative Szenen sowie diverse Trailer und TV-Spots (einige davon nur in einer Vorab-Testversion, was weitere spannende Einblicke ins Marketing zum Film ermöglicht). Kurzum: Ein großartiges Paket, vor allem für Cinephile!

Die Blu-ray bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind ebenso optional vorhanden. Zudem gibt es mehrere unterschiedliche Tonformate. „Cruising“ erscheint am 09. Juli 2026 bei Plaion Pictures und ist auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Plaion Pictures)

Heimkino-Tipp: „Der Magier im Kreml“ (2025)

Machtmenschen

Das Timing ist wirklich schlecht: Erst vor wenigen Monaten äußerte sich ein gewisser Quentin Tarantino sehr abfällig und beleidigend über den (in meinen Augen überaus talentierten) Schauspieler Paul Dano und bezeichnete ihn als „schwach“ und „uninteressant“. Dabei hob er besonders dessen Mitwirkung in „There will be Blood“ (Regie: Paul Thomas Anderson, 2007, LINK) hervor, in dem Dano die zweite Hauptrolle neben Daniel Day-Lewis spielte, der hierfür seinen zweiten (von drei) Oscars erhielt. Dass Tarantino damit ziemlich falsch lag, bewiesen die heftigen Reaktionen auf seine Ausführungen – zu Recht, wie ein Blick auf Danos Filmografie zeigt, die gespickt ist mit Werken von Steven Spielberg, Ryan Johnson, Jon Favreau, James Mangold und Denis Villeneuve. Merkste selbst, Quentin, oder?

Warum diese Einleitung? Weil es Mr. Tarantino beim Schauen von „There will be Blood“ offenbar so erging, wie dem Autor dieser Zeilen bei „Der Magier im Kreml“: Danos Performance ist ein Mysterium. Vielleicht aber auch nur eine Weiterführung dessen, was der große Philip Seymour Hoffman einst in „A Most Wanted Man“ (2014, LINK) präsentierte. Eine Figur, die scheinbar völlig gelangweilt, emotionslos und kühl das Geschehen begleitet und kommentiert, dabei seine Stimme kaum erhebt und äußerlich den immer gleichen Gesichtsausdruck zeigt. Auch da brauchte es (für mich) lange, dieses ‚Schauspiel‘ zu durchschauen und die ganze Raffinesse dahinter zu erkennen – den inneren Kampf, die inneren Zweifel oder schlicht die Eiseskälte, wie sie nur die skrupellosesten Menschen besitzen, die keinerlei Scham oder Gewissen kennen.

 

Dies ist es (möglicherweise), was Dano zu seiner Figur in „Der Magier des Kreml“ beiträgt: Vadim Baranov steigt in den 1990ern vom TV-Produzenten zum Königsmacher auf, in dem er all seine Fähigkeiten, Mittel und Kontakte nutzt, um einen KGB-Agenten namens Wladimir Putin (Jude Law) an die Macht in Russland zu bringen. Baranov selbst erzählt seine Geschichte einem Journalisten (Jeffrey Wright), der ihn einige Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Politikzirkus besucht. Schnell zeigt sich, dass sowohl Baranov als auch Putin, von allen nur „Zar“ genannt, der ‚verwestlichten‘ Russischen Föderation, wie sie sich nach dem Ende der Sowjetunion entwickelte, nicht viel abgewinnen können und diese zu ihren Gunsten umbauen wollen.

Die Zeitspanne, die Regisseur Olivier Assayas und sein Co-Autor Emmanuel Carrère in ihrem Film abdecken, ist immens: Von Anfang der 1990er-Jahre bis zu den Vorläufern des von Putin vom Zaun gebrochenen Angriffskriegs auf die Ukraine reicht die Geschichte, die in 145 Minuten aufgeblättert und im Schnelldurchlauf beschrieben wird. Per se eine spannende Prämisse. Nur wo bleibt die künstlerische Auseinandersetzung damit? Unendlich trocken, spannungsarm und immer darauf bedacht, in den steifen Dialogen alles wie in einem Lexikon stichpunktartig zu erklären, hetzt der Film durch seine Szenen, in denen Dano stoisch und ruhig seine Texte aufsagt, während um ihn herum alles wuselt. Okay, sein Charakter ist der Beobachtende, der Alleswisser und Strippenzieher. Trotzdem wirkt er wie ein Avatar, der in seinen eigenen Erinnerungen schlafwandelt und den anderen beim (Schau-)Spielen gelangweilt zuschaut.

Immerhin kann Law alias Putin dafür glänzen: Seine (Ver-)Wandlung zum russischen Despoten ist nicht nur optisch beeindruckend, sondern begeistert ebenso mit kleinen Gesten, Blicken und einer Art zu gehen, die ihn vom echten Vorbild kaum unterscheiden. Es verwundert daher nicht, dass die eingestreuten realen Szenen Putins überhaupt nicht auffallen, da Law ihn bis in die letzte Haarspitze perfekt trifft.

 

„Der Magier im Kreml“ wirkt bisweilen wie ein zum Leben erwecktes Geschichtsbuch, das informieren aber nur bedingt unterhalten will. Große ‚Aha‘-Erlebnisse bleiben aus, eine neue Sichtweise auf historische Ereignisse, deren Auswüchse bis heute zu spüren sind, ergibt sich nicht. Lediglich die bereits bekannte Erkenntnis, dass es meist nur wenige machtbewusste Menschen braucht, um sehr vielen weiteren Menschen Leid zuzufügen.

Und Paul Dano? Ist und bleibt ein sehr guter Schauspieler, selbst wenn er in weniger gelungenen Streifen wie diesen hier sein Talent verschwendet.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche (auch für Hörgeschädigte) und englische Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt Interviews, Szenen vom Dreh und Trailer. „Der Magier im Kreml“ erscheint bei Leonine und ist seit 3. Juli 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)

Heimkino-Tipp: „Dead of Winter“ (2025)

Eisige Stille

Wird im Vorspann eines Films die Hauptdarstellerin als Mitproduzentin genannt, könnte mensch vermuten, dass ihr dieses Projekt am Herzen liegt. Warum sonst sollte eigenes Geld in die Entstehung investiert werden? Im Falle von „Dead of Winter“ ist es die zweifache Oscar-Preisträgerin Emma Thompson (‚Beste Darstellerin‘ 1992, ‚Bestes adaptiertes Drehbuch‘ 1996), die darin nicht nur die Protagonistin Barb gibt, sondern auch hinter den Kulissen mitwirkte. Umso mehr verwundert es, nun einen Thriller zu sehen, der insbesondere auf inhaltlicher Ebene ziemlich dünn daherkommt und ein Drehbuch präsentiert, das jegliche Finesse und Überraschung vermissen lässt.


Nach dem Tod ihres Mannes möchte die Fischerin Barb die Asche ihres verstorbenen Gatten in einem See verstreuen, den beide mit einer besonderen Erinnerung verbanden. Etwas orientierungslos auf dem Trip durch die weiße Winterlandschaft Minnesotas, fährt sie ein Haus abseits der Straße an, um dort nach dem Weg zu fragen – und entdeckt dabei eine Blutspur im Schnee. Stammt es von einem erlegten Wild, wie ihr versichert wird? Angekommen am Ziel, wird sie kurze Zeit später Zeugin, wie der schmallippige Mann (Marc Menchaca), der ihr eben noch die Richtung wies, eine flüchtende, an den Armen gefesselte Frau (Laurel Marsden) mit Waffengewalt am Fortkommen hindert. Ohne Handyempfang und auf sich allein gestellt beschließt Barb, der Entführten zu helfen. Doch der vermeintliche Bösewicht handelt nicht allein, wie Barb schon bald schmerzhaft feststellen muss.

Abgelegene Wildnis, skrupellose Gegenspieler und eine gebrochene, weil verwitwete Heldin, die über sich hinauswachsen muss: „Dead of Winter“ präsentiert altbekannte Zutaten und versucht diese mit einer ungewöhnlichen Besetzung (Thompson) sowie beeindruckenden Landschaftsaufnahmen – die übrigens alle in Finnland entstanden – halbwegs neu und frisch zu verpacken. Allein, es gelingt nicht.

Denn Obacht! Charakterliche Tiefe entwickelt nicht ausschließlich daraus, Rückblenden an frühere, schönere und wärmere Lebensabschnitte einzufügen, die Barbs Vergangenheit näher beleuchten sollen. Auch handelt die Retterin in spe oftmals derart unvorsichtig, unüberlegt und naiv, dass es fast schon wie eine Satire auf das Thriller-Genre wirkt. Dem steht die sich sukzessive entblößende Motivation ihrer Gegenspieler in nichts nach, angeführt von einer schießwütigen Furie – im Abspann nur „Purple Lady“ genannt –, die Judy Greer als dauerhaft an Fentanyl-Stäben lutschende weibliche Version von Stallones Zahnstocherkauender „City-Cobra“ erscheinen lässt. Grundgütiger!

Schade eigentlich, denn B-Movies dieser Art sind gewöhnlich trotzdem ganz unterhaltsam. Doch weder ist Charakterdarstellerin Emma Thompson in Actionflicks so überzeugend wie ihr (sogar älterer) Kollege Liam Neeson, noch kann Regisseur Brian Kirk an die inszenatorische Qualität seines grandiosen „21 Bridges“ (2019) anknüpfen, der einst ohne Schnickschnack, geradlinig und mit glaubhafter Härte als Großstadtkrimi überzeugte – all das, was „Dead of Winter“ leider vermissen lässt.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Auch eine Hörfilmfassung ist mit an Bord (bravo!). Deutsche Untertitel (+ für Hörgeschädigte) sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es ein ausführliches Making of und Trailer. „Dead of Winter – Eisige Stille“ erscheint bei Leonine und ist seit 3. Juli 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)