Machtmenschen
Das Timing ist wirklich schlecht: Erst vor wenigen Monaten äußerte sich ein gewisser Quentin Tarantino sehr abfällig und beleidigend über den (in meinen Augen überaus talentierten) Schauspieler Paul Dano und bezeichnete ihn als „schwach“ und „uninteressant“. Dabei hob er besonders dessen Mitwirkung in „There will be Blood“ (Regie: Paul Thomas Anderson, 2007, LINK) hervor, in dem Dano die zweite Hauptrolle neben Daniel Day-Lewis spielte, der hierfür seinen zweiten (von drei) Oscars erhielt. Dass Tarantino damit ziemlich falsch lag, bewiesen die heftigen Reaktionen auf seine Ausführungen – zu Recht, wie ein Blick auf Danos Filmografie zeigt, die gespickt ist mit Werken von Steven Spielberg, Ryan Johnson, Jon Favreau, James Mangold und Denis Villeneuve. Merkste selbst, Quentin, oder?
Warum diese Einleitung? Weil es Mr. Tarantino beim Schauen von „There will be Blood“ offenbar so erging, wie dem Autor dieser Zeilen bei „Der Magier im Kreml“: Danos Performance ist ein Mysterium. Vielleicht aber auch nur eine Weiterführung dessen, was der große Philip Seymour Hoffman einst in „A Most Wanted Man“ (2014, LINK) präsentierte. Eine Figur, die scheinbar völlig gelangweilt, emotionslos und kühl das Geschehen begleitet und kommentiert, dabei seine Stimme kaum erhebt und äußerlich den immer gleichen Gesichtsausdruck zeigt. Auch da brauchte es (für mich) lange, dieses ‚Schauspiel‘ zu durchschauen und die ganze Raffinesse dahinter zu erkennen – den inneren Kampf, die inneren Zweifel oder schlicht die Eiseskälte, wie sie nur die skrupellosesten Menschen besitzen, die keinerlei Scham oder Gewissen kennen.
Dies ist es (möglicherweise), was Dano zu seiner Figur in „Der Magier des Kreml“ beiträgt: Vadim Baranov steigt in den 1990ern vom TV-Produzenten zum Königsmacher auf, in dem er all seine Fähigkeiten, Mittel und Kontakte nutzt, um einen KGB-Agenten namens Wladimir Putin (Jude Law) an die Macht in Russland zu bringen. Baranov selbst erzählt seine Geschichte einem Journalisten (Jeffrey Wright), der ihn einige Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Politikzirkus besucht. Schnell zeigt sich, dass sowohl Baranov als auch Putin, von allen nur „Zar“ genannt, der ‚verwestlichten‘ Russischen Föderation, wie sie sich nach dem Ende der Sowjetunion entwickelte, nicht viel abgewinnen können und diese zu ihren Gunsten umbauen wollen.
Die Zeitspanne, die Regisseur Olivier Assayas und sein Co-Autor Emmanuel Carrère in ihrem Film abdecken, ist immens: Von Anfang der 1990er-Jahre bis zu den Vorläufern des von Putin vom Zaun gebrochenen Angriffskriegs auf die Ukraine reicht die Geschichte, die in 145 Minuten aufgeblättert und im Schnelldurchlauf beschrieben wird. Per se eine spannende Prämisse. Nur wo bleibt die künstlerische Auseinandersetzung damit? Unendlich trocken, spannungsarm und immer darauf bedacht, in den steifen Dialogen alles wie in einem Lexikon stichpunktartig zu erklären, hetzt der Film durch seine Szenen, in denen Dano stoisch und ruhig seine Texte aufsagt, während um ihn herum alles wuselt. Okay, sein Charakter ist der Beobachtende, der Alleswisser und Strippenzieher. Trotzdem wirkt er wie ein Avatar, der in seinen eigenen Erinnerungen schlafwandelt und den anderen beim (Schau-)Spielen gelangweilt zuschaut.
Immerhin kann Law alias Putin dafür glänzen: Seine (Ver-)Wandlung zum russischen Despoten ist nicht nur optisch beeindruckend, sondern begeistert ebenso mit kleinen Gesten, Blicken und einer Art zu gehen, die ihn vom echten Vorbild kaum unterscheiden. Es verwundert daher nicht, dass die eingestreuten realen Szenen Putins überhaupt nicht auffallen, da Law ihn bis in die letzte Haarspitze perfekt trifft.
„Der Magier im Kreml“ wirkt bisweilen wie ein zum Leben erwecktes Geschichtsbuch, das informieren aber nur bedingt unterhalten will. Große ‚Aha‘-Erlebnisse bleiben aus, eine neue Sichtweise auf historische Ereignisse, deren Auswüchse bis heute zu spüren sind, ergibt sich nicht. Lediglich die bereits bekannte Erkenntnis, dass es meist nur wenige machtbewusste Menschen braucht, um sehr vielen weiteren Menschen Leid zuzufügen.
Und Paul Dano? Ist und bleibt ein sehr guter Schauspieler, selbst wenn er in weniger gelungenen Streifen wie diesen hier sein Talent verschwendet.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche (auch für Hörgeschädigte) und englische Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt Interviews, Szenen vom Dreh und Trailer. „Der Magier im Kreml“ erscheint bei Leonine und ist seit 3. Juli 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)








