Somebody’s watching me
Steven Soderbergh macht mich fertig: Seit er mit seinem gefeierten Spielfilmdebüt „Sex, Lügen und Video“ (1991) als Regisseur auf der Bildfläche erschien, haut er nahezu jährlich einen neuen Film / eine neue Serie raus und schafft es dabei selten bis nie, sich zu wiederholen (okay, die „Ocean’s 11/12/13“-Trilogie mal ausgenommen). Ansonsten probiert sich der inzwischen 63-jährige Amerikaner beständig in sämtlichen Genres aus, überrascht stets mit Form und Umsetzung und langweilt wirklich nie. Mit „Presence“ erscheint nun sein bereits 2024 fertiggestellter Grusel-Thriller auch in Deutschland.
Die Prämisse liest sich zunächst vertraut: Eine Familie zieht in ein neues Haus und merkt schon bald, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht. Ein Poltergeist? Ein Dämon? Womöglich der Beelzebub persönlich? Nein, vielmehr eine Idee Soderberghs, in Skript gegossen von Drehbuch-Veteran David Koepp („Jurassic Park“, „Mission: Impossible“). Der Kniff: In ihrem Streifen wird die gesamte Geschichte wortwörtlich aus der Sicht des unsichtbaren, geisterhaften Hausbewohners erzählt.
Zusammen mit ihren Eltern (Lucy Liu, Chris Sullivan) ziehen die beiden Teenager-Kids Chloe (Callina Liang) und Tyler (Eddy Maday) in ein neues, zweistöckiges Haus in der Stadt. Geräumig, lichtdurchflutet und geschmackvoll eingerichtet, soll es allen einen Neustart ermöglichen. Vor allem Chloe leidet noch immer unter dem Verlust ihrer besten Freundin, die kurz zuvor wohl an einer Überdosis verstarb. Und es ist auch Chloe, die als erste ein mulmiges Gefühl des Beobachten-Werdens empfindet. Hier ein verlegtes Buch, dort ein umfallendes Glas – schon bald ist sie sich sicher, dass noch jemand im Haus ‚wohnt‘. Während ihr Papa besorgt ist, schiebt der Rest der Familie Chloes Verhalten ihrem traumatischen Verlusterlebnis zu – noch.
Allein die Eröffnungssequenz von „Presence“ ist eine Soderbergh’sche Glanzleistung in Sachen Effizienz: Scheinbar schwerelos schwebt die Kamera durch das gesamte, noch leere Haus und gibt dem Publikum damit nicht nur einen Vorgeschmack auf die optische Perspektive der kommenden 84 Minuten, sondern ebenso einen umfassenden Überblick über den Handlungsort, in dem sich die gesamte Geschichte abspielen wird. Das Vorwissen ist somit vermittelt, nun wird die Bühne mit der Ankunft der ersten Figur mit Leben gefüllt. Schnell wird dabei klar, wer welche ‚Funktion‘ innerhalb der Familie spielt, die zwar miteinander auskommt, jedoch nur zurückhaltend wirklich miteinander kommuniziert. Das punktgenau geschriebene, reduziert gestaltete Drehbuch steht der oben erwähnten Umsetzung somit in nichts nach.
Dadurch, dass er sein Publikum mit der rein subjektiven Kamera der Geistergestalt quasi zum Komplizen und Spion im Haus macht, erschafft Soderbergh (der unter anderem Namen einmal mehr ebenso sowohl Kamera als auch Schnitt übernahm) eine gruselig-spannende Atmosphäre, da zu keinem Zeitpunkt klar ist, welches Ziel die Präsenz verfolgt. Sie beobachtet, lauscht und greift hin und wieder in das Geschehen ein, lässt die dysfunktionale Familie darüber hinaus aber von alleine am Abgrund entlanghangeln, was der Geschichte eine wunderbare zweite inhaltliche Ebene beschert.
Getragen von einem kleinen, aber hervorragend besetzten und agierenden Cast, gelingt Soderbergh und Koepp ganz ohne inzwischen oftmals inflationär verwendeter ‚Jumpscares‘, bedrohlich anschwellender Hintergrundmusik oder Monsterfiguren somit ein großartiges Werk, das dem Genre des Geisterhaus-Films eine neue, frische Perspektive abgewinnt und zudem prächtig unterhält.
Die 4K Ultra HD (im Mediabook)/Blu-ray/DVD-Disc bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche und englische Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es den Trailer zum Film. „Presence“ erscheint bei capelight pictures im Vertrieb von Alive AG und ist seit 8. Oktober 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © The Spectral Spirit Company / capelight pictures)




