„Machtlos“ (Kinostart: 22.11.2007)

Wer noch nicht weiß, weshalb die Amerikanerin Meryl Streep („Kramer vs. Kramer“, „The Hours“) zu den besten Filmschauspielerinnen dieser Zeit zählt, kann sich dessen momentan gleich zweimal im Kino versichern. Während sie in Robert Redfords Politdrama „Von Löwen und Lämmern“ als Journalistin einem kriegslüsternen US-Senator mutig die Stirn bietet, präsentiert sie sich in Gavin Hoods Polit-Thriller „Machtlos“ als eine skrupellose CIA-Agentin, die mit zweifelhaften Methoden Terrorverdächtige entführen, foltern und töten läßt - also als genaues Gegenteil.

Das US-Debüt des Oscarpreisträgers von 2006 (Bester fremdsprachiger Film: „Tsotsi“) erzählt eine fiktive (?) Geschichte um einen Ingenieur (Omar Metwally) ägyptischer Abstammung, der bei seiner Rückkehr in seine Heimat, den Vereinigten Staaten von Amerika, scheinbar grundlos verhaftet und in die Mühlen der so genannten „extraordinary rendition“-Politik, zu deutsch „außerordentliche Auslieferung“, d.h. Überstellung in die Rechtlosigkeit, seines Landes gerät. Während er in einer geheimen Haftanstalt eines Dritten-Welt-Landes vom örtlichen Polizeichef (Igal Naor) und dessen amerikanischen Assistenten und CIA-Analytiker (Jake Gyllenhaal, „Zodiac“) brutal verhört wird, versucht seine ahnungslose Frau (Reese Witherspoon, „Walk The Line“) mit einem alten Schulfreund (Peter Sarsgaard, „Flightplan“) den Aufenthaltsort ihres Gatten zu erfahren.

Es ist bemerkenswert, wie wenig sich Hollywood im Jahre 2007 scheinbar um „political correctness“ schert: Die Anzahl regierungskritischer Filme nimmt stetig zu und dürfte vor allem im Ausland viel Zustimmung finden. Auch wenn das Engagement der vielen Künstler lobenswert ist, manchmal wird einfach kein passender Schuh draus – „Machtlos“ ist so ein Fall.

Zu überambitioniert und mit (zu) vielen kleinen Nebenhandlungen versehen, stochert das Drehbuch unentschlossen in einem Brei aus Kritik, Anklage, Fanatismus, Verschwörungstheorien und Familiendrama herum, ohne wirklich konkret einen Täter, eine Ursache, eine Lösung zu liefern oder zumindest eine überzeugende politische Position einzunehmen. Ich erwarte keine Allwissenheit des Drehbuchautors oder eine jener berüchtigten „Das-ist-der-richtige-Weg“-Ansprache der Protagonisten, allerdings etwas mehr Mut zu einer klaren Aussage, wenn man schon solch ein brisantes Thema zum Kernstück eines (scheinbar) anspruchsvollen Filmes macht. „Machtlos“ reiht jedoch lediglich Klischees und bereits bekannte Thesen über Täter und Opfer aneinander, stellt einer braven Durchschnittsfamilie einen undurchsichtigen Machtapparat mit unbegrenzten Mitteln und ohne Moral gegenüber und hofft, durch einen Zeitsprung am Ende dem ganzen einen intelligenten Rahmen zu geben.

Die Schauspieler (wie gesagt: Meryl Streep) mühen sich redlich, doch weder sie noch die überraschungsarme Inszenierung können es wirklich rausreißen. Mag sein, daß „Machtlos“ noch vor ein paar Jahren für Aufsehen und Diskussion gesorgt hätte. Heute, nach inhaltlich und formal großartigen Beiträgen wie „Syriana“ oder zuletzt „Operation Kingdom“, ist dieses Werk schlicht enttäuschend und banal.

„Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ (Kinostart: 22.11.2007)

Einen Film das Prädikat „erschütternd“ zu attestieren, spricht nicht immer für dessen Qualität. Allerdings meint es hier tatsächlich nur den Inhalt.
Die beiden Studentinnen Otilia (Anamaria Marinca) und Gabita (Laura Vasiliu) leben unter fast schon ärmlichen Verhältnissen in einem Wohnheim in einer kleinen rumänischen Stadt. Ceausescus kommunistisches Regime ist überholt, und doch ist das Leben noch bestimmt von Restriktionen, alltäglichen bürokratischen Hürden und einer Gesetzgebung, die Abtreibungen untersagt. Gabita ist schwanger und entschließt sich trotz der juristischen und gesundheitlichen Gefahren, den Fötus entfernen zu lassen. Mr. Bebe (Vlad Ivanov) hat dies schon bei einigen ihrer Freundinnen gemacht und trifft sich nun mit beiden in einem Hotelzimmer.
Mag der Starttermin für dieses sehr bedrückende Drama ob der schwierigen und wenig besinnlichen Thematik auch etwas ungeschickt gewählt sein, so ragt „Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ nicht nur deswegen aus dem aktuellen Kinoprogramm heraus. Der diesjährige Cannes-Gewinner von Christian Mungiu ist zugleich Bestandsaufnahme, Anklage und längst überfälliger Beitrag zu einer Zeit, die bis heute ihre Spuren hinterlassen hat. Dies zeigt auch die Umsetzung: Lange verweilt die Kamera regungslos auf den Protagonisten, fängt damit deren innere Hilflosigkeit ebenso ein wie das trostlose Leben auf den Straßen. Selten ist die Unmenschlichkeit einer Diktatur so drastisch an einem alltäglichen (?) Beispiel zweier jungen Menschen bebildert worden. Erschütternd gewiß, filmisch einzigartig.

„Meine schöne Bescherung“ (Kinostart: 22.11.2007)

Liebe ist… Sex im Schrank. Und Kinder! Ein gemeinsames Weihnachtsfest? Vielleicht sogar Zeit für Aussprachen?
Sara (Martina Gedeck) will alles. Jetzt und sofort. Jan (Heino Ferch), Ehemann Nummer vier und am Weihnachtsmorgen mit ihr beim Spielen im hölzernen Möbelstück, hat eigentlich nichts dagegen, findet vier Kinder allerdings ausreichend, selbst wenn nicht alle von ihm sind. Doch Familie ist Familie und für das kurze Glück im Schrank läßt sich Jan ein „Ich will auch noch ein Baby!“ entlocken.
Womit er perfekt in die Reihe seiner drei Vorgänger passen würde, die nach Sex am gleichen Ort, Geburt eines Kindes und schließlich Trennung von Sara nun zum großen Weihnachtsessen vorbeischauen – im Gepäck die eigene Brut und neue Partnerinnen. Nach erstem Schock arrangiert sich Jan mit der Situation, muß allerdings im Laufe des Abends feststellen, daß Sara noch einige weitere Überraschungen parat hat: Eine Schwangerschaft zum Beispiel. Seltsam für Jan, hat er sich doch neulich erst sterilisieren lassen.
„Im Krieg und in der Liebe sind alle Mittel erlaubt“, besagt ein bekanntes Sprichwort. Kommt beides zusammen, heißt das „Meine schöne Bescherung“, macht Spaß und ist ein wohltuend fieser Gegenentwurf zu den „Heile-Welt-Filmen“, die gewöhnlich diese Jahreszeit begleiten. Es ist ein Spiel mit Klischees, Albernheiten und alltäglichem Beziehungskram, die Vanessa Jopp („Komm näher“) in spitze Dialoge und Situationskomik packt, mit einem Dutzend gut aufgelegter Akteure zum Leben erweckt und mal eben zeigt, daß es - Hallo Bully! - auch lustige deutsche Komödien gibt.

"King of California" (Kinostart: 15.11.2007)

Seinen ersten Oscar gewann Michael Douglas als Produzent für den Streifen „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975), ein Film über einen Mann in einer Irrenanstalt. Nun macht er es seinem damaligen Hauptdarsteller Jack Nicholson gleich und liefert in „King of California“ als wunderlicher Schatzsucher mit Vollbart und Namen Charlie eine Glanzvorstellung ab.

Überzeugt von der Existenz eines verborgenen Schatzes aus dem 17. Jahrhundert, macht sich der frisch aus ärztlicher Behandlung entlassene, spleenige Charlie auf, eben jenen Schatz zu heben. Seine 17jährige Tochter Miranda (hinreißend: Evan Rachel Wood, „Dreizehn“, „The Missing“) soll ihm dabei behilflich sein, denn neben vielen Hürden auf dem Weg zum Reichtum muß vor allem ein Problem überwunden werden: Die Golddublonen liegen unter einem riesigen Supermarkt!

Schmunzelnd verfolgt man Douglas´ herrliches Auftreten inmitten einer ganz auf ihn zugeschnittenen Geschichte, die ruhig und gelassen, ganz so wie Charlie, dem Lauf der Dinge folgt. Dies ist größtenteils unspektakulär und - leider auch - mit zunehmender Laufzeit ermüdend. Es reicht eben nicht aus, einen Knallkopf 90 Minuten zu filmen und sich an seinen „seltsamen“ Handlungen zu erfreuen. Etwas mehr Inhalt hätte es schon sein dürfen, gerade dann, wenn man (in diesem Fall Mike Cahill: Drehbuch & Regie) diese Tragikomödie mit Andeutungen über zerrüttete Familienbanden, verantwortungslose Mütter und realitätsferne Väter spickt.

„King of California“ ist weit davon entfernt, ein schlechter Film zu sein. Ein grandioser Michael Douglas und eine charmante Inszenierung können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß Mike Cahills Erstling schlicht an Stoffarmut leidet und ohne seinen Hauptdarsteller vermutlich keinen Kinogänger locken würde.

„Free Rainer - Dein Fernseher lügt“ (Kinostart: 15.11.2007)

Stell dir vor, es ist Revolution und keiner geht hin! So empfand es jedenfalls der 19jährige Hans Weingartner, der aus Frust über mangelnde Beteiligung schließlich Filmemacher wurde.
Konsequent führt er 18 Jahre später seinen künstlerischen Feldzug, den er mit „Das weiße Rauschen“ (2001) und vor allem mit „Die fetten Jahre sind vorbei“ (2003) begann, gegen das System fort.
Rainer (Moritz Bleibtreu) ist erfolgreicher Fernsehproduzent und ein koksendes Arschloch vor dem Herrn. Er ist ein Macher des „Unterschichtenfernsehens“, fabriziert Nonsens wie „Hol´ Dir das Superbaby“ und zeigt allen und jedem, daß er ein Alphamännchen ist. Für Pegah (Elsa Sophie Gambard) jedoch ist er am Tod ihres Großvaters schuld, den eine Falschmeldung im TV zum Selbstmord trieb. Einen Autounfall später entdeckt Rainer plötzlich sein Gewissen und macht sich auf, die Fernsehwelt vom Schund zu befreien. Doch dazu müßten zunächst die Sehgewohnheiten einer ganzen Nation verändert werden - warum also nicht die Quoten manipulieren?
War es im Vorgängerfilm noch die blanke Wut gegen den Zustand der Gesellschaft, die Weingartner und Co-Autorin Katharina Held antrieb, so packen sie das Übel nun bei der Wurzel: das dominierende Medium Fernsehen. Der Blödsinn des TV-Alltags wird dabei zwar dramaturgisch gerafft, verfehlt seine Wirkung jedoch nicht. Es ist nichts weiter als Abfall, Dünnschiss, unterste Schublade. Doch zu stören scheint das niemanden. Glücklicherweise kommt „Free Rainer“ nicht mit Zeigefinger, sondern einer dicken Packung Humor, Selbstironie (Stichwort: Philipp) und einem Derwisch als Hauptdarsteller. Was Moritz Bleibtreu allein in der Anfangssequenz liefert, ist phänomenal! Seine Kollegen stehen dem dank zahlreicher doppeldeutiger Szenen in nichts nach. Da huscht auch schon mal eine (natürlich nicht echte) Angela Merkel durchs Bild und wird mit nur einer Geste so treffsicher charakterisiert, daß man vor Lachen kaum zum Luftholen kommt. Auch gängige Klischees über arbeitsuchende Mitmenschen werden thematisiert, ebenso liefert der Film den wohl grandiosesten Abgang eines Topmanagers nach dessen Kündigung.
Weingartner hat sich mit „Free Rainer“ inhaltlich vom noch etwas diffusen Revoluzzertum des Vorgängers wegbewegt und mit Ironie sowie präziseren Beobachtungen ersetzt. Mehr noch als „Die fetten Jahre“ hat dieser ambitionierte Film Potential zum Aufrütteln. Für ein Stück Zelluloid eine beachtliche Leistung.

„American Gangster“ (Kinostart: 15.11.2007)

Masse UND Klasse: (Fast) Alles, was Ridley Scott seit den 70ern fabriziert, ist heute Filmgeschichte. „American Gangster“ führt diese Reihe fort.
Es ist ein Œuvre zum Niederknien: „Alien“, „Blade Runner“, „Black Rain“, „Thelma & Louise“, „Gladiator“. Die Liste ließe sich mühelos um einige weitere Klassiker ergänzen, doch des Engländers neustes Werk ist schlicht zu genial, um nicht etwas ausführlicher kommentiert zu werden.
Obwohl schon seit mehreren Jahren in Vorbereitung und von etlichen Regisseuren (Antoine Fuqua, Brian De Palma) in Angriff genommen, empfiehlt sich Scotts Epos´ trotz langer Wartezeit als gleichberechtigte Ergänzung zu Genreperlen wie „Scarface“, „Goodfellas“ und „Casino“. Hart, atmosphärisch, glaubhaft und mitreißend schildert „American Gangster“ die (wahre) Karriere des ersten schwarzen Drogenkönigs der USA, Frank Lucas (Denzel Washington). Im Alleingang und ohne Unterstützung „üblicher“ Geschäftspartner (Mafia, korrupte Beamte) gelang es ihm, ein Imperium aufzubauen das seinesgleichen sucht. Ihm dicht auf den Fersen kämpfte Saubermann Richie Roberts (Russell Crowe) bei der Polizei gegen bestechliche Kollegen und die schier unendliche Menge an illegalen Substanzen, die New York Anfang der 70er überschwemmte.
„American Gangster“ ist ein Gesamtkunstwerk, das weder bei der Charakterzeichnung, noch dem Soundtrack, der Optik oder Ausstattung patzt. Schon gar nicht bei der Besetzung, die - abgesehen von den wie immer atemberaubend aufspielenden Protagonisten - etliche verschollene Gesichter aufbietet (Cuba Gooding, Jr., Armand Assante).
Mit einem Wort: Meisterhaft!

„Vitus“ (ab 09.11.2007 auf DVD)

Gleich zwei DVDs widmet der SchwarzWeiss Filmverleih dem Werk „Vitus“ von Fredi M. Murer, einer kleinen schweizerischen Filmperle des vergangenen Jahres, die sich fast unbemerkt in den hiesigen Programmkinos eine Fangemeinde erspielt hat.
Der Film erzählt die Geschichte des Jungen Vitus, dessen Eltern schon früh seine künstlerische Begabung entdecken und zu fördern beginnen. Doch nicht nur das Klavierspielen scheint ihm in die Wiege gelegt, auch in der Schule verblüfft der dickköpfige Außenseiter Lehrer und Mitschüler mit seinem Wissen. Freunde macht er sich damit keine, weshalb sein gutmütiger Großvater (Bruno Ganz) zu seiner wichtigsten Bezugsperson wird, behandelt er ihn doch als einziger wie ein „normales“ Kind.
In der zweiten Hälfte wandelt sich der Film plötzlich vom warmherzigen Drama in ein hintergründiges Märchen, in dem der clevere Vitus nicht nur seine Eltern, sondern gleich die ganze Erwachsenenwelt hinters Licht führt und sein Leben in die eigene Hand nimmt.
Fabrizio Borsani (6 Jahre) und Teo Gheorghiu (12) spielen dieses liebenswerte Wunderkind und tragen trotz prominenter Partner den Film über die gesamte Spielzeit fast von allein. Verblüffend, wie treffsicher sie trotz fehlender Erfahrung vor der Kamera ihre schlitzohrige und gleichzeitig von der Umwelt ständig instruierte Figur wiedergeben und die ganze Tragik des Außenseiterdaseins verkörpern.
Neben einer deutsch synchronisierten Fassung bietet die DVD auch die ursprüngliche - sehr zu empfehlende - Schweizerdeutsche Sprachversion (mit Untertiteln) und auf dem zweiten Silberling ein 50minütiges Making Of, sowie entfallene Szenen, Interviews und ein beeindruckendes Castingvideo des 12jährigen Hauptdarstellers.
Fazit: Mit dieser gelungenen DVD wird sich die Fangemeinde von „Vitus“ weiter vergrößern.