„Away we go – Auf nach irgendwo“ (Kinostart: 15. Oktober 2009)

Das Leben, eine Reise

Kinder kriegen ist nicht schwer – Eltern sein dagegen sehr. Sam Mendes weiß Abhilfe und schickt ein Paar auf einen witzig-charmanten Trip durch Amerika.

Gigantischer Bauchumfang, wenig Geld, viel Muffensausen. Schwanger zu sein und Verantwortung übernehmen zu müssen, versetzt dem jungen Paar Verona (Maya Rudolph) und Burt (John Krasinski), beide um die 30, einen gehörigen Schreck. Zwar ist die Liebe stark, das gemeinsame Miteinander routiniert und fernab von Langeweile. Gleichwohl: So richtig bereit für ein familiäres Dreiergespann „Mama-Papa-Kind“ fühlen sie sich kaum, ist der eigene Platz, das passende Zuhause noch nicht gefunden. Ebenso wenig hilfreich ist da der zweijährige Urlaub von Burts Eltern im belgischen Antwerpen, der einen Monat vor Veronas Niederkunft beginnen soll und beide allein zurücklässt. Was bleibt, ist die Flucht nach vorn. Ein Trip zu Veronas Geburtshaus soll Erleuchtung, Besuche bei Kollegen, Verwandten und Freunden erste Ideen zum perfekten Familienglück bringen.

Der an die Innentasche einer Jacke getackerte Reiseplan lässt es bereits erahnen: Was folgt, ist ein munteres Roadmovie, das dem planlosen jungen Paar ein Kaleidoskop an Lebensentwürfen präsentiert, von denen etliche furchterregend, einige passabel und nur einer der perfekte sein wird. Witzig ist dies allemal, wirklich neu hingegen nicht. Denn neben einer frustrierten und sich im Sarkasmus wälzenden Ex-Arbeitskollegin, Ehefrau und Mutter (Alison Janney), begegnen sie dabei auch einer Karrierefrau, Veronas Schwester (Carmen Ejogo), einer inzwischen zur New-Age-Prophetin mutierten Freundin aus Kindertagen (Maggie Gyllenhaal) mit einer Abneigung gegen Buggys, sowie zwei Kommilitonen, die ihr Glück mit Adoptivkindern gefunden haben. Das ist schön, unterhaltsam – und doch ein wenig vorhersehbar.

Schön, unterhaltsam, ein wenig vorhersehbar

Regisseur Sam Mendes („Zeiten des Aufruhrs“) und seine beiden Autoren wagen es erst gar nicht, der bunten familiären Vielfalt auf der Leinwand auch ein paar verbale Spitzen in Bezug auf die gesellschaftlichen Zustände im eigenen Land beizugeben. Mendes verweilt viel lieber beim Abbilden von seltsamen Verhaltensweisen oder schlichter Provokation auf „American-Pie“-Niveau. Spätestens beim finalen Besuch von Burts Bruder, dessen Frau ihn soeben mit seiner Tochter zurück gelassen hat, wirken auch die ständigen, auf ewig geltenden Liebesbekundungen beider Protagonisten etwas naiv.

Doch vielleicht braucht man diesen Blick auf die Welt, den „Away we go“ in aller Konsequenz erzählt. Denn rational und mit System ist weder eine Familie noch eine Liebe zu erhalten. Gleich, wie viele gute oder schlechte Beispiele im eigenen Umfeld ihr Dasein fristen, der tägliche Kampf ist der eigene. Keine essenziell neue Erkenntnis, was den Film schlussendlich auch ein wenig ins Leere laufen lässt.

Kein Œuvre ohne Reise

Ähnlich einem Musiker, der scheinbar von Geburt aus verpflichtet ist, irgendwann in seiner Karriere ein Album mit traditionellen Weihnachtsliedern aufzunehmen, siehe aktuell Bob Dylan, kommen Regisseure offenbar nicht umhin, ihrem Œuvre stets ein Roadmovie hinzuzufügen. Nach Jim Jarmusch („Broken Flowers“) und Alexander Payne („About Schmidt“) nun also Sam Mendes. Wobei dessen Werk in vielerlei Hinsicht an die herrlich brachiale Komödie „Ein Ticket für zwei – Planes, Trains & Automobiles“ aus dem Jahr 1987 erinnert. Die beiden Komiker Steve Martin und John Candy gaben hier ein Reiseduo wider Willen, das sich – ebenso wie in „Away we go“ – via Flugzeug, Zug und PKW Richtung Heimat begibt und dabei allerlei Hürden zu überwinden hat. Nur waren es da die Tücken eines viel zu kleinen Hotelzimmers, die Nasenhöhlenentzündung des Partners oder übergroße Unterhosen als Handtuchersatz.

Mag sein, dass auch Sam Mendes ähnliche Erlebnisse während der Schwangerschaft seiner Gattin Kate Winslet durchleben musste und sein Wissen nun an alle Eltern in spe weitergeben will. Ein amüsanter Ratgeber für das erste Kind sozusagen. Ein Film, den man daher nur einmal zu schauen braucht – dann aber aufmerksam, gut gelaunt und nicht zu verkrampft.

Eine gekürzte Fassung des Textes erschien am 15. Oktober in der „Sächsischen Zeitung“.

„Männerherzen“ (Kinostart: 8. Oktober 2009)

Til Schweiger in einer Liebeskomödie. Til Schweiger als charmanter Womanizer, dem keine Frau widerstehen kann. Til Schweiger als Til Schweiger. Doch diesmal heißt das Endprodukt weder „Keinohrhasen“, noch „Barfuss“, entspringt das Drehbuch nicht dem Schweigerkosmos und ist der Regieposten ebenso anderweitig vergeben. In Bezug auf Komik, Umsetzung und Darstellerrekrutierung steht „Männerherzen“ jenen Vorbildern allerdings in nichts nach.

Sechs Kerle zwischen 25 und 45 (darunter Christian Ulmen, Wotan Wilke Möhring, Justus von Dohnányi und Schweiger) stehen im Mittelpunkt dieser betont leichtfüßigen Komödie um das ewige Mysterium „Mann“ und dessen manchmal platte, oftmals seltsame Art und Weise, sich dem weiblichen Geschlecht zu nähern. Vom schüchternen Single über den Macho bis hin zum überforderten Ehegatten in spe ist jede Variante präsent und kämpft, liebt, scheitert.

Einzig der geschiedene U-Bahn-Führer Roland hat nicht nur mit seinem Eheaus, sondern auch mit den Folgen eines verheerenden Unfalls zu hadern, was dem Film zwar etwas Tiefe gibt, zu den anderen, weitaus oberflächlicher angelegten Charakteren aber nicht so recht passen will. Überhaupt begnügt sich Regisseur Simon Verhoeven leider viel zu oft damit, lediglich schon bekannte Vorurteile, Macken und Eigenarten der porträtierten Spezies aneinanderzureihen, ohne daraus einen hintergründigen, oder zumindest satirischen Film zu entwickeln.

Vielleicht war dies auch gar nicht sein Anliegen, was bei der Vielzahl an Gags und „Kenn-ich“-Momenten nicht weiter ins Gewicht fällt und vielmehr den puren Unterhaltungswert fördert. Eben ganz so, wie es sich die Fans von Schweiger wünschen, dessen eigener Beitrag zum alltäglichen Beziehungswahnsinn, „Zweiohrküken“, schon im Dezember folgt. Seine Rolle darin: Til Schweiger.

Aus dem „Meißner Tageblatt“ vom 7. Oktober 2009.

„Es kommt der Tag“ (Kinostart: 01. Oktober 2009)

Nicht jedem Film tut es gut, tragende Rollen mit Theaterschauspielern zu besetzen. Auch das Drama „Es kommt der Tag“ von Susanne Schneider wird sich dieses Vorwurfs sicherlich mehr als einmal erwehren müssen. Im schlechtesten Fall spielen Bühnen- und Leinwandakteure, deren Präsenz, Artikulation und vor allem textliche Betonung oftmals variieren, aneinander vorbei. Im besten Fall hingegen - so wie in diesem Film - erlebt der Zuschauer eine schauspielerische Performance der Extraklasse, die keinen Zweifel daran lässt, dass sich hier zwei Künstler nichts schenken, sich seelisch entblößen und genau fühlen, was sie äußern. Für manche mag es übertrieben wirken, für das momentan im darstellerischen Mittelmaß ertrinkende Cineastenauge ist es eine willkommene Abwechslung.

Katharina Schüttler, mehrfach ausgezeichnete Theaterschauspielerin (aufsehenerregend ihre Darstellung von „Hedda Gabler“ 2005 in Berlin) und seit 2000 auch im Kino unterwegs („Sophiiiie!“, „Wahrheit oder Pflicht“) verkörpert Alice, eine zornige junge Frau, die es ins Elsass nahe der deutschen Grenze treibt. Durch einen absichtlich herbeigeführten Unfall kommt sie bei dem Franzosen Jean Marc und dessen Familie unter – nicht zufällig, wie seine distanzierte, deutsche Frau Judith (Iris Berben) bald erkennt. Denn Alice ist ihre eigene Tochter, die sie vor fast 30 Jahren zur Adoption freigegeben hat, als sie vor der Polizei flüchtete, untertauchte und eine neue Identität annahm.

Iris Berben, inzwischen 59 Jahre alt und im TV immer noch omnipräsent, zeigt hier endlich auch auf Großformat, was sie kann. Ähnlich erging es schon Elmar Wepper in „Kirschblüten -Hanami“, Kritikerlob und der Deutsche Filmpreis waren da der gerechte Lohn. Nun also die Berben. Und ja, es ist ein Fest! Sie und Schüttler spielen ehrlich, verletzlich, verletzend, herausfordernd, punktgenau. Regisseurin Schneider steuert dazu messerscharfe Dialoge und Szenenkompositionen bei, welche beispielsweise ein an sich harmloses Mittagessen im Hausgarten zu einem verbal brutalen Katz- und Mausspiel werden lässt, das noch lange nachwirkt.

„Es kommt der Tag“ ist ein herausragend gespieltes und inszeniertes Familiendrama, das die Themen Verantwortung, Schuld und Vergebung im Kontext historischer Ereignisse rund um die „68er“ aufwirft und hinterfragt. Mitreißend, streitbar, sehenswert.

„Pandorum“ (Kinostart: 1. Oktober 2009)

Da ist er wieder, dieser - Verzeihung - Dilettant. Paul W.S. Anderson steht schon seit einigen Filmen auf meiner imaginären „Liste der zu vermeidenden Regisseure“. Ob „Event Horizon“ (1997), „Resident Evil“ (2002), oder „Alien vs. Predator“ (2004), dieser Mann ist ein einziges Ärgernis in Bezug auf Qualität und Halbwertszeit seiner Werke. Ausnahmen bestätigen die Regel, sein letztes B-Movie „Death Race“ (2008) hatte sogar so etwas wie Charme (siehe Rezension vom November 2008).

Doch zurück zur Hasstriade: Auch wenn er „Pandorum“ nur als Produzent beiwohnte, ist sein Einfluss unübersehbar. Christian Alvart, Regisseur dieses SciFi-Actioners, biedert sich hier dermaßen an die Sehgewohnheiten eines gerade von Anderson propagierten Stils an, man mag es nicht für möglich halten. Dies ist umso trauriger, da Alvart vor vier Jahren mit „Antikörper“ einen finsteren, tiefgründigen Thriller vorgelegt hat, der sich zwar auch an amerikanischen Vorbildern orientierte (vor allem „Das Schweigen der Lämmer“), diese aber respektvoll zitierte und sinnvoll mit eigenen, guten Ideen ergänzte.

Anleihen an Klassiker des Genres, wie beispielsweise „Alien“ oder „Blade Runner“, sind auch hier im Übermaß zu entdecken, deren Level erreicht „Pandorum“ jedoch zu keinem Zeitpunkt. Kaum Variation, keinerlei Innovation. Stattdessen das immer gleiche Prinzip des Abzählreims, wonach jede Figur früher oder später das Zeitliche segnet. Dabei klingt die Grundidee gar nicht so blöde: Zwei Besatzungsmitglieder eines Raumschiffs (Dennis Quaid und Ben Foster) wachen nach einer langen Schlafphase auf, können sich allerdings an nichts erinnern. Sie beschließen, sich bis zur Kommandobrücke durchzuschlagen, finden auf dem Weg dorthin weitere Überlebende, müssen sich dabei jedoch auch einigen schauerlichen Gestalten im Blutrausch erwehren.

Womit ein weiteres Problem genannt wäre: Stand das „Stan Winston Studio“ zu Lebzeiten des Masken- und Special-Effects-Meisters* noch für angsteinflößende, unverwechselbare und überaus erinnerungswürdige Monsterkreationen, verkommt die Effekteschmiede zunehmend zum auswechselbaren Wunderladen. Weder die Kreaturen, noch deren Verhalten beeindrucken den vorbelasteten Genrefreund. Wohl auch deshalb entschied sich Alvart - offenbar ganz im Sinne Andersons - viel zu hektische Schnitte, armselig ausgeleuchtete Sets und langweilige Kampfszenen mit einem überaus störenden Score zu unterlegen um zumindest etwas Atmosphäre zu transportieren. Ergebnis: Mission definitiv gescheitert. Schon ein Nichtzeigen der missgebildeten Gegenspieler hätte genügt, dem Film zumindest bis zur Hälfte ein wenig Spannung zu gönnen. Hätte genügt.

Alibifiguren, ein zwar nett anzusehendes, aber von den Dialogen immens ablenkendes Dekolleté der unvermeidlichen weiblichen Kampfamazone (Ellen Ripley ich hör die trapsen), das schlichte inhaltliche und optische Nachäffen amerikanischer Vorbilder, die große Verwunderung über Alvart und die Negierung seiner eigentlichen Fähigkeiten. Alles Faktoren, die „Pandorum“ zu einer der größten Enttäuschungen des laufenden Kinojahres machen.

*Stan Winston (1946-2008) galt als einer der führenden Make-up-Designer und Effektspezialisten der Welt und wurde für seine Arbeit vier Mal mit dem Oscar ausgezeichnet. Zu seinen bekanntesten Kreationen zählen die Effekte in „Terminator“, „Aliens“, „Predator“, „Edward mit den Scherenhänden“, „Jurassic Park“ und „Iron Man“. Als Vorreiter und Revolutionär hat er als Experte für Spezialeffekte das Kino des 20. Jahrhunderts maßgeblich mitgestaltet.

im nachgang: „Sturm“ von Hans-Christian Schmid

Zwar liegt der Bundesstart nun schon einige Wochen zurück (10. September 2009), doch ist es mir ein großes Anliegen, diesem wunderbaren Film ein paar Zeilen zu widmen.

Es gibt bisher nur wenige Filme, die sich mit den Verbrechen und Folgen des sogenannten „Jugoslawienkonflikts“ befasst haben. Besonders außereuropäische Filmemacher wagen es selten bis nie, sich dieses komplexen Themas anzunehmen, was passenderweise dem gesellschaftlichen Bewusstsein diesbezüglich entgegen zu kommen scheint. Zwei sehenswerte Ausnahmen boten Richard Shepards Poltisatire „Hunting Party“ von 2007 mit Richard Gere und Terrence Howard in den Hauptrollen, eine spannend-ironische Abrechnung mit der UN, CIA und deren „Engagement“ in Mitteleuropa, sowie Michael Winterbottoms radikal-authentisches „Welcome to Sarajevo“ (1997), unter anderem mit Kerry Fox.

Sie ist es auch, die uns nun in „Sturm“ von Hans-Christian Schmid wieder zurück in das vom Krieg Mitte der 1990er Jahre immer noch gezeichnete Sarajevo nimmt. Spuren an den Häuserwänden, jedoch vor allem in den Erinnerungen der Menschen sind überall präsent, Misstrauen, Skepsis und Angst ebenso. „Sturm“ weiß diese Atmosphäre in all ihrer Bedrohlichkeit und Verzweiflung fabelhaft einzufangen, dank kluger Dramaturgie, interessanten Figuren und wertungsfreier Abbildung politischer Gegebenheiten. Letzteres vor allem im niederländischen Den Haag, einem Ort, wo Gerechtigkeit zur Verhandlungssache werden kann.

Denn Hannah Maynard (Kerry Fox) arbeitet hier am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien. Als Juristin und Anklägerin ist es ihre Aufgabe, einen mutmaßlichen Kriegsverbrecher hinter Gitter zu bringen. Zu Recherchezwecken reist sie nach Sarajevo und findet in Mira (Anamaria Marinca, bekannt aus „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“) eine Zeugin, die möglicherweise zu einer Aussage bereit wäre. Dass bosnisch-serbische Nationalisten, die eine Verurteilung verhindern wollen, daraufhin mit ihren Säbeln rasseln, überrascht Hannah zunächst kaum. Doch auch in Den Haag bauen sich plötzlich neue Hürden auf, werden Absprachen mit Anwälten getroffen, Maulkörbe verteilt und internationale Interessen über das Schicksal von Mira gestellt, deren persönliche Geschichte beispielhaft für so viele andere Opfer steht. Gerechtigkeit ist halt Verhandlungssache.

Oftmals verwundert das scheinbar langsame und nur in seltenen Fällen fruchtbare Arbeiten der ICTY (International Criminal Tribunal For The Former Yugoslavia) in Den Haag. Doch Schmid gelingt das Kunststück, genau hier präzise und verständlich die Komplexität jedes einzelnen Falles zu verdeutlichen. Auch wenn seine Hauptfigur Hannah überzeugt, engagiert und moralisch gerecht vorgeht, weiß sie von den Hindernissen und Gräben, die es zu überwinden gilt, bevor ein zweifelsfrei schuldiger Kriegsverbrecher in einem fairen und trotzdem von eindeutigen Indizien getragenen Prozess angeklagt werden kann. Denn, so Michael Karnavas, ein in Den Haag tätiger Verteidiger: „Alle Urteilssprüche wären ohne eine gute Verteidigung wertlos. Und der bloße Umstand, dass wir Menschen vertreten, die vielleicht etwas Schlimmes getan haben könnten, heißt nicht, dass wir gutheißen, was sie getan haben.“ Das bringt die Crux der Chose treffend auf den Punkt: Werde Täter und nutze die Rechte eines Angeklagten. Werde Opfer und fürchte die Rechte eines Angeklagten. Denn Gerechtigkeit bleibt Verhandlungssache.

In einem Interview gab Schmid an, einen Stoff gesucht zu haben, mit dem er einen Film im Sinne des „New Hollywood“ hätte machen können. Eine Eigenschaft dieses Genres war es immer, reale Geschichten der Gegenwart kritisch und spannend zu präsentieren. Dies ist ihm mit „Sturm“ auf großartige Weise gelungen. Ein wichtiger, wütender und zutiefst menschlicher Film.

P.S.: Interessante Einblicke, historische Fakten zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien, sowie aktuelle Prozessberichte und Internet-Liveübertragungen zu laufenden Verhandlungen bietet die offizielle Webseite des ICTY: www.icty.org.

Aus dem „Kinokalender Dresden“, Ausgabe Oktober 2009.

„Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“ (Kinostart: 24. September 2009)

„Ein bewegendes Porträt der faszinierendsten Frauenfigur des Mittelalters“ soll es sein, jener neue Film von Margarethe von Trotta, den die vielfach ausgezeichnete Regisseurin, Autorin und Fassbinder-Aktrice drei Jahre nach „Ich bin die Andere“ nun präsentiert. Da sind große Erwartungen tatsächlich gerechtfertigt, zumal die Biographie der Bingen (1098-1179) genug Potenzial für interessante Einblicke zur Rolle der Frau im Mittelalter hergibt.

Mit acht zur religiösen Erziehung in ein Kloster gegeben, entscheidet sie sich für ein Leben als Nonne, wird Äbtissin eines Frauenklosters, entdeckt die Heilkraft von Kräutern, komponiert eigene Musikstücke und bringt göttliche Visionen zu Papier. Ein Novum im 12. Jahrhundert, was heftige Widerstände innerhalb der Klostermauern bedingt. Nach päpstlicher Anerkennung ihrer Gabe gründet sie ein Frauenkloster bei Bingen, das fortan als Wallfahrtsort landesweit Aufmerksamkeit erlangt.

Was womöglich als Rebellenstück gegen kirchliche Engstirnigkeit gedacht war, entpuppt sich im Fall von „Vision“ als spannungsarmes Kammerspiel, dessen kühle, eindimensional aufspielende Hauptdarstellerin (Barbara Sukowa) enttäuscht, während das Drehbuch von Bingens soziale und gesellschaftliche Bedeutung völlig außer Acht lässt. Formal verärgern fehlende Untertitel für lateinische Phrasen, inhaltlich bleibt die naive Ergebenheit ihrer Schülerin (Hannah Herzsprung) wie so vieles unerklärt. „Vision“ hat kein Interesse, diese historische Figur einem Publikum abseits ihrer Verehrer nahezubringen und gleicht eher einer filmischen Heiligsprechung. Verschenkt.

Aus der „Sächsischen Zeitung“ (PluSZ) vom 24. September 2009.

„Oben“ (Kinostart: 17. September 2009)

Schon wieder ein Jahr vergangen? Stets Mitte September schenkt uns die Animationsschmiede Pixar einen neuen Leinwandspaß, oder treffender: einen abendfüllenden Trick- („Oben“) mitsamt amüsantem Vorfilm („Teilweise wolkig“).

Auch „Oben“-Hauptfigur Carl, ein grantiger alter Mann, der sein Haus tapfer und beinahe hoffnungslos gegen fiese Bauunternehmer verteidigt, wundert sich über den Verbleib seiner Lebenszeit. Schon immer hatte er den Traum, zusammen mit seiner großen Jugendliebe Elli einmal nach Südamerika zu reisen. Nun ist Elli fort, Carl verwitwet und sogar ein Treppenlift zur Etagenbezwingung nötig. Irgendwann hat Carl genug und wagt ein letztes großes Abenteuer: Er befestigt tausende Luftballons an seinem Dach und fliegt der Langeweile einfach davon. Mit an Bord: Pfadfinder Russell, der soeben die Veranda betrat.

Die Erfolgsbilanz von Pixar ist erstaunlich: neun Oscars, unzählige Nominierungen und weltweiter Erfolg bei Jung und Alt. Das kalifornische Unternehmen zählt zweifellos zu den Wegbereitern animierter Filmkunst und schafft es auch mit seinem zehnten Abenteuer wieder zu begeistern. Wobei der Einfluss des ehemaligen Konkurrenten und neuen Kooperationspartners Disney jedoch diesmal stärker hervortritt, als noch in früheren, frecheren Werken („Monster AG“, „Wall•E“): Nach einer sehr emotionalen und ernsten Einleitung, die Carls Leben und Verluste beleuchtet, wandelt sich „Oben“ mit zunehmender Laufzeit in ein actionreiches, vor allem Kinder ansprechendes Feuerwerk, das zwar gewohnt fabelhafte Animationen und gelungene Seitenhiebe auf’s Älterwerden bietet, mit sprechenden Hunden, die Flugzeuge steuern können allerdings auch ein wenig inhaltliches Potenzial verschenkt.

Doch Kritik beiseite, „Oben“ macht Spaß, unterhält prächtig und hat mit dem Duo Carl/Russell ein unschlagbares Team zu bieten!