„Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ (Kinostart: 12. November 2009)

Seit vergangener Woche braucht diesen Film in Deutschland wohl keiner mehr. Dank des wenig subtilen Gebarens amerikanischer Unternehmensführer wissen nun nicht nur Mitarbeiter hiesiger Automobilmanufakturen, was Kapitalismus bedeutet. Bewohner von Flint, dem Geburtsort von Dokumentarfilmer Michael Moore, durften diese Erfahrung bereits vor 20 Jahren machen, als deren Fabrik geschlossen wurde - ebenfalls Eigentum von General Motors (GM), filmisch verewigt in Moores Erstling „Roger & Me“.

Doch der streitbare Regisseur hat dazugelernt: Nach zahlreichen Kämpfen im Kleinen, gegen Waffenwahn („Bowling for Columbine“), verhasste Politiker („Fahrenheit 9/11“) und Irrsinn im Gesundheitswesen („Sicko“), versucht er in „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ den scheinbaren Ursprung aller gesellschaftlichen Missstände zu entschlüsseln. Seriös, selbstreferenziell und weniger polemisch als zuvor.

Nun ist Moore professionell genug, um den Zuschauer, vornehmlich das amerikanische Publikum, nicht sogleich mit trockenen Statistiken und unverständlichem Gebrabbel aus der Finanzwelt zu erdrücken. Diese kommen zwar später noch hinzu, allerdings nicht ohne vom Reiseführer selbst hinterfragt und verständlicher formuliert zu werden. Nein, Moore versucht es einmal mehr über die emotionale Ebene und beginnt seine Liebesgeschichte mit der Zwangsräumung eines Hauses. Hilflosigkeit, Verärgerung und Unverständnis nicht nur bei den Betroffenen, die trotz Arbeitsplatz, freiwilligem finanziellen Verzicht und Systemvertrauen plötzlich vor dem Nichts stehen. So ereilt es Menschen wie Leute, am Ende der Nahrungskette passt ein ganzes Leben in einen Möbelwagen.

Mit den positiven Verheißungen des Kapitalismus, wie sie den Amerikanern in den Nachkriegsjahren in herrlich naiven Werbeclips versprochen wurden, hat dies nicht mehr viel zu tun. Ihn deswegen zu verdammen, liegt Moore fern. Stattdessen ist er bemüht, historische Fehlentscheidungen vergangener Regierungen zu entlarven und stellt seinen Landsleuten am Ende gar die Gretchenfrage: Ist Kapitalismus mit der Heiligen Schrift vereinbar?

Oft wurde Moore vorgeworfen, seine offene Sympathie für die politische Linke zu Ungunsten seiner Gegner ausgeschmückt zu haben. Da kommt es schon einer kleinen Sensation gleich, im Moore-Universum plötzlich kritische Töne in beide Richtungen wahrnehmen zu können. Fehler, Verlogenheiten und Profitstreben auf Kosten des „kleinen Mannes“ werden entlarvt, Unverständnis über mühelose Wiederaufnahme all jener Verhaltensweisen, die zur weltweiten Finanzkrise nicht unerheblich beitrugen, verdeutlicht.

„Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ zeigt unabhängig vom Inhalt einen gemäßigteren, offeneren Moore, der verständlicherweise kein Allheilmittel präsentieren kann, eigene journalistische Unzulänglichkeiten früherer Werke jedoch weitgehend zurückgefahren hat. Ein Lernprozess mit erfolgreichem Abschluss sozusagen. Schade, dass GM bezüglich angemessener Mitarbeiterführung so etwas in zwanzig Jahren nicht gelungen ist.

Aus der „Sächsischen Zeitung / PluSZ“ vom 12. November 2009.

„Hachiko – Eine wunderbare Freundschaft“ (Kinostart: 12. November 2009)

Hunde gelten als treue Seelen. Da haben sie vor allem uns Menschen etwas voraus, die sich trotz endloser Rückschläge immer wieder neu auf die Suche nach ewiger Liebe begeben. Die Lösung: einen Hund kaufen! Denn schenkt man Lasse Hallströms („Chocolat“) neuem Film Glauben, ist eine Hundeliebe endlos, selbstlos und weder durch eifersüchtige Ehepartner noch Sturm und Regen zerstörbar.

Auch wenn dies alles nach einer zugegebenermaßen sehr verkitschten Hollywoodgeschichte klingen mag, so basiert „Hachiko“ doch auf einer wahren Begebenheit, die sich in den 1920er Jahren in Japan zutrug: Uniprofessor Parker Wilson (Richard Gere) findet eines abends einen Hundewelpen, den er spontan „nur für eine Nacht“ mit nach Hause nimmt. Schnell jedoch gewinnt der niedliche Vierbeiner das Herz seines neuen Herrchens und gehört fortan zur Familie. Völlig vernarrt in seinen kleinen Freund, nimmt Parker auf dem Weg zur Arbeit Hachiko mit bis zum Bahnhof. Als er zurückkehrt, sitzt Hachiko bereits am Ausgang des Gebäudes, um zusammen mit ihm den Heimweg anzutreten. Ein alltägliches Ritual ist geboren – bis Parker eines Tages nicht im Zug sitzt.

Warmherzig, romantisch und mit ganz viel Zucker versetzt: das ist „Hachiko“, das ist die Welt von Hallström. Perfekte Familienverhältnisse, beruflicher Erfolg, kein Schmutz, kein lautes Bellen. Der Film umschifft jeden noch so bedeutungslosen Konflikt zugunsten der Freundschaft zwischen Hund und Geres´ Charakter. Eine schnurgerade Einbahnstraße Richtung Tränen, Schluchzen und Seufzen, ein „Wohlfühlfilm“ á la Hollywood in Reinkultur. Natürlich kann man Hallström hierfür verurteilen. Man kann ihn jedoch ebenso für seine inhaltliche Konsequenz loben.

Wer zu Letzterem neigt, erlebt zweifellos einen wunderbaren Filmabend.

Aus dem „Meißner Tageblatt“ vom 5. November 2009.

„Ganz nah bei dir“ (Kinostart: 12. November 2009)

„Gibt’s nicht! Niemals! Viel zu übertrieben!“ So in etwa lässt sich meine Reaktion auf die männliche Hauptfigur in Almut Gettos („Fickende Fische“, 2002) neuer Komödie „Ganz nah bei dir“ zusammenfassen. Zu meinem Erstaunen wurde ich jedoch gleich nach der Vorstellung von den anwesenden Kollegen eines besseren belehrt. Sonderlinge wie Phillip (Bastian Trost) scheint es wie Sand am Meer zu geben. Eigenheiten, Schrulligkeiten und, ja, ein derartig artikuliertes misanthropisches Verhalten gehören offenbar zum Alltag unserer Gesellschaft.

Zusammen mit seiner Schildkröte Paul, die wie er schön gemächlich und nicht zu hektisch, einsam und doch irgendwie selbstzufrieden durch ihr Dasein schleicht, lebt der Bankangestellte zurückgezogen in seiner eigenen Welt. Als er eines Abends auf die blinde Cellistin Lina (*seufz* Katharina Schüttler *seufz*) trifft, oder besser: sie aus einem Versehen heraus seinen Tisch anrempelt, poltert er zunächst wenig charmant verbal zurück. Zu seiner Überraschung bittet sie ihn jedoch als Begleitung für den Nachhauseweg zu dienen, worauf sich in den folgenden Wochen eine mehr als seltsame Beziehung entwickelt.

Der Film lebt ausschließlich von seinen beiden Protagonisten, die so ziemlich jede Erwartungshaltung auf den Kopf stellen. Hier der Sehende mit dem Unwillen, menschliche Nähe aufzubauen oder sich anzupassen, dort die Blinde mit einer unbändigen Lebenslust und der Fähigkeit, das Leben viel intensiver und aufmerksamer wahrzunehmen als jeder Sehende. Hieraus zieht die Komödie ihr Potenzial, ihre Unberechenbarkeit und Spannung. Zwar verwundert einmal mehr die Tatsache, dass ekelhaftes Benehmen scheinbar immer wieder zum (Liebes-)Glück führen kann, doch begeistert neben reichlich Amüsement auch diesmal wieder die wunderbare Schauspielkunst jener Dame, welche vor kurzem erst Iris Berben in „Es kommt der Tag“ darstellerisch anständig Paroli bot.

Katharina Schüttler bleibt – neben Hannah Herzsprung und Jessica Schwarz – weiterhin die aufregendste und talentierteste Jungschaupielerin, die dieses Land momentan zu bieten hat. Es mag naiv und schwärmerisch klingen, die Nuancen ihres Spiels sind jedoch einfach phänomenal. Und wie in „Es kommt der Tag“ allein das Kinoticket wert.

„Looking for Eric“ (Kinostart: 5. November 2009)

Was haben Kung-Fu-Einlagen und Faustschläge mit Fußball zu tun? Nichts! Es sei denn, Eric Cantona, englischer Rasengott französischer Herkunft und laut Manchester-United-Fans gar „Fußballer des Jahrhunderts“, hat mal wieder einen Blackout. Wie 1995, als er einen Zuschauer am Spielfeldrand schlicht wegkickte, indem er seine Zauberfüße über die Absperrung hob. Seinen Anhängern ist´s immer noch egal, das der inzwischen 43jährige Rüpel auch über sich selbst lachen kann, zeigt nun „Looking for Eric“ von Ken Loach.

Eric (Steve Evets) ist Briefträger, Fußballnarr und überforderter Vater in Personalunion. Seine zweite Frau hat ihn verlassen, nun fristet er sein Dasein inmitten eines Hauses im inneren Verfallszustand, resigniert vor seinen beiden Teenagersöhnen – und philosophiert über Fußball. Manchmal scheint es, als ob ihn nur dieses Thema und seine Kollegen/Freunde vor dem Wahnsinn beschützen können. Trotzdem ist Eric am Ende. Kann nicht mehr. Will nicht mehr.
Bis sein Namensvetter plötzlich einem Poster in seinem Schlafzimmer entsteigt: Eric Cantona, sein Held, sein einziger wahrer Zuhörer, steht plötzlich vor ihm und präsentiert sich als ultimativer Aufmunterungs-Coach. Eric & Eric machen sich auf, ein neues Kapitel im Leben des Briefträgers zu beginnen, die Vergangenheit zu entrümpeln und Mittels der „Operation Cantona“ gleich noch Erics erste Frau, Lily (Stephanie Bishop), zurückzugewinnen.

Ganz nah am Leben, dem „kleinen Menschen“, der oftmals unschönen, harten Realität, siedelt Ken Loach seine Werke an. „Just a kiss“ (2003) und „It´s a free world“ (2007) gehören mit ihrer schonungslosen Darstellung des Alltags zu den absoluten Höhepunkten des britischen Kinos seit der Jahrtausendwende. Dabei entwirft Loach niemals irgendwelche halsbrecherischen Szenarien, die nur einem Filmhelden zustoßen können, sondern erzählt stets eine Geschichte echter Figuren, die sich schlicht im Hier und Jetzt bewähren müssen. Das ist in „Looking for Eric“ nicht anders. Hier dient der Kniff des „lebendigen Cantonas“ lediglich der Verbildlichung eines autogenen Trainings, das den psychisch und physisch erschöpften Briefträger wieder auf Vordermann bringt.

So sind die Höhepunkte dieses großartigen Sozialdramas vielmehr jene Szenen, in denen Eric von seinen Kollegen mit dummen Witzen, Therapiesitzungen oder Ratschlägen aus Lebenshilfebüchern aufgemuntert werden soll. Das ist menschlich, herrlich naiv und geht ob seiner Ehrlichkeit zu Herzen. Es ist ein Genuss, den Kerl bei seiner Wiederauferstehung ins gesellschaftliche Leben dank profaner Fußballweisheiten zu beobachten. In der Tat ist dies wohl der erste Film, bei dem ich zwischendrin immer wieder aus dem Kinosessel aufspringen und den Hauptdarsteller laut anfeuern wollte.

Mitreißend, spannend, gespickt mit allerlei Rückschlägen und Erfolgen. Ein Film wie ein Fußballmatch. Ein Film so bitter und schön wie das wahre Leben.

„Weltstadt“ (Kinostart: 5. November 2009)

Ein Film, aktueller denn je. Wenn Jugendliche Passanten auf offener Straße zusammenschlagen, Gewalt zum Verschaffen von Respekt benutzt wird und Handyvideos von Misshandlungen wie Trophäen im Internet präsentiert werden, befindet sich die Gesellschaft in einer Schieflage. Es mag der Eindruck entstehen, erst die vergangenen Monate hätten dieses Problem auf ein neues Level gehoben, doch existiert dieser Zustand schon lang. Viel zu lang. Ein Film zu dieser Thematik wird nichts verändern, doch manchmal genügt schon die Wahrnehmung und schlichte Schilderung solch schlimmer Ereignisse um ein Umdenken zumindest anzustoßen.

„Weltstadt“ von Christian Klandt, Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ Potsdam-Babelsberg, sollte eigentlich gar nicht den Weg ins Kino finden. So äußerte sich zumindest der erst 31jährige Regisseur in einem Gespräch, in dem er auch seine Motivation für das Drehbuch, den Titel und den Film verriet: Zwar seien viele von der Tat geschockt gewesen, doch schon wenige Tage später mochte niemand mehr über das Geschehe sprechen. Auch sei die Tat verharmlost worden, da „lediglich“ ein Obdachloser Opfer des Gewaltverbrechens geworden sei. „Ich wollte einen Film über die Stadt (Beeskow, Brandenburg) drehen, aber auch verhindern, dass die Zuschauer denken `Das ist Brandenburg, das ist Osten.´ Denn eigentlich könnte der Film überall spielen, solche Verbrechen passierten und passieren leider überall in Deutschland, im Westen wie im Osten.“

Doch worum geht es in „Weltstadt“? Es ist die Momentaufnahme einer Stadt, von deren Bewohnern und einem erschütternden Ereignis, bei dem zwei Jugendliche einen Obdachlosen überfallen, geschlagen und schließlich angezündet haben. Es ist jedoch ebenso ein Abbild unserer Gesellschaft, in der Arbeitslosigkeit, Wut, Frustration, Perspektivlosigkeit und Langeweile einen seltsam-bedrohlichen Pakt geschlossen haben, der sich in solcherlei Gewaltexzessen entlädt. Klandt, der selbst in Beeskow aufgewachsen ist und beide Täter persönlich kennt, konstruiert dabei kein Lehrstück mit erhobenem Zeigefinger, sondern nutzt einen nahezu dokumentarischen Stil, sowohl bei der Umsetzung als auch den Dialogen, welche die Darstellern teilweise improvisieren. Vorurteile, platte Attitüden und naive Denkweisen sind da zu hören, nichts Unbekanntes, wenn man nur einmal aufmerksam einem Gespräch in den Öffentlichen Verkehrsmitteln lauscht, Zeitung liest, im Wartezimmer einer Behörde sitzt. Es sind Gespräche zwischen Menschen, die lebenslang geschuftet haben und scheitern, Gespräche zwischen Kids, die noch nie etwas zu Stande gebracht haben, Gespräche innerhalb von Familien, die das Kommunikationsproblem in unserer Gesellschaft punktgenau widerspiegeln.

Somit ist das eigentlich Erschreckende der Wiedererkennungseffekt, Situationen, Konflikte und Dialoge, die nicht zum ersten Mal erlebt, gesehen oder gehört werden. Immerhin ereignete sich das hier gezeigte Verbrechen bereits vor fünf Jahren. Inwieweit dieser bedrohlichen Entwicklung seitdem entgegengewirkt wurde, bezeugen die jüngsten Ereignisse in München. Auch dies eine Weltstadt.

„Der Informant!“ (Kinostart: 5. November 2009)

„Unfassbar“ schreit das Plakat zum Film dem Betrachter entgegen. Nicht nur Matt Damons Aussehen als Möchtegern-Geheimagent Mark Whitacre ist damit gemeint, obwohl er damit George Clooneys scheußlichem Oberlippenbart aus „Confessions of a dangerous mind“ ernste Konkurrenz macht (Herr C. fungierte hier übrigens als Produzent). Nein, unfassbar ist vielmehr die – mal wieder – auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte, die präsentiert wird.

Nun gebe ich gern zu, dass es eine ganze Stunde brauchte, um zumindest halbwegs den Sinn dieser Farce zu begreifen. Deshalb an dieser Stelle schon den Inhalt wiederzugeben, werde ich tunlichst vermeiden, schließlich sollen auch andere Zuschauer leiden, rätseln und knobeln. Allein die Prämisse sei kurz skizziert: Whitacre vermutet inoffizielle, illegale Preisabsprachen seines Konzerns mit anderen Unternehmen und wendet sich als aufrechter Bürger an das FBI. Zur Beweisbeschaffung erklärt er sich umgehend bereit, indem er interne Gespräche aufzeichnet, Akten beschafft und dabei seinen normalen Arbeitsalltag weiterführt. Allerdings kommt ihm bei seiner Undercover-Tätigkeit sein Ego etwas in die Quere.

Steven Soderbergh und Matt Damon machen nach den „Ocean´s“-Filmen und „Che-Guerilla“ bereits zum fünften Mal gemeinsame Sache und liefern gewohnt souveränes Handwerk ab. Souverän, jedoch nicht herausragend. Behäbig, wenig lebendig, schlicht und konservativ gestaltet sich die Umsetzung des Stoffes, der zu Beginn konfus und ohne erkennbaren roten Faden auf den Zuschauer einprasselt. Mit Blick auf die Auflösung am Ende des Films sicherlich beabsichtigt, doch fällt es mitunter schwer, all die Informationen und Handlungsorte auseinanderzuhalten, einzuordnen, zu speichern. Hilfreich, dass zumindest hier und da ein Off-Kommentar die Szenerie kommentiert. Blöd nur, wenn diesem nicht wirklich zu trauen ist.

„Der Informant!“ verlangt Geduld, Aufmerksamkeit und Schmerzunempfindlichkeit (nochmal: der Bart ist scheußlich!), entfaltet erst in der zweiten Hälfte seine Stärken und macht in seiner amüsanten Unbekümmertheit deutlich, wie leicht der Mensch (auch wenn er nur vom Kinosessel aus zusieht) manipulierbar ist.

„Endstation der Sehnsüchte“ (Kinostart: 29. Oktober 2009)

Irgendwie passen sie nicht in dieses Dorf: Jene 60.000 Heavy-Metal-Fans, die Regisseurin Sung-Hyung Cho in ihrer Dokumentation „Full Metal Village“ (2007) durch das beschauliche Wacken in Schleswig-Holstein begleitete. Nicht weniger Kurioses präsentiert ihr neuer Heimatfilm „Endstation der Sehnsüchte“, ein Porträt über Menschen, die ihr deutsches Zuhause einfach mitgenommen haben in ihre Heimat, nach Südkorea.

Seit Mitte der 1960er Jahre entsandte das damals von Armut gezeichnete Ostasiatische Land mehrere tausend Arbeiter gen Westen, dort, wo Krankenschwestern und Bergarbeiter dringend benötigt wurden. „Nachts weinen, morgens arbeiten gehen. So war das.“, berichtet Chun-Ja Engelfried, die sich wie viele andere auch in einen Deutschen verliebte, eine Familie gründete und hier ihr zu Hause fand. Dreißig Jahre später kehrt sie zurück und lebt nun zusammen mit ihrem Mann in Dogil Maeul, dem „Deutschen Dorf“, das eigens für Leute wie sie errichtet wurde. Zwischen Gartenzwergen, deutschen Würstchen und neugierigen Blicken vorbeifahrender Touristen beginnt hier ihr neues, fremdes Leben. Denn irgendwie passen sie nicht in dieses Land.

Regisseurin Sung-Hyung Cho, selbst gebürtige Koreanerin, gelingt in ihrer zweiten Kinodokumentation Erstaunliches: Amüsant und melancholisch zugleich entlockt sie ihren drei Rentnerpaaren ehrliche Befindlichkeiten über (un)erfüllte Träume, sprachliche Barrieren, schmerzhafte Rituale. Da entbehrt es nicht einer gewissen Komik, wenn der 82jährige Ludwig auf allen Vieren in eine Sauna klettern muss oder sich mittels Handzeichen über das Angeln mit seinem Schwiegersohn unterhält. Einzig sein Nachbar Willi scheint nahezu vollständig assimiliert zu sein, besucht Tanzwettbewerbe, trinkt abends mit Koreanern, lernt die Sprache. Nur der schiefhängende Briefkasten nebenan entlarvt seinen deutschen Ordnungssinn. Nicht weniger erstaunen die Geständnisse der Ehefrauen, deren Sehnsucht nach Deutschland sich ebenfalls in für den Zuschauer sehr vertrauten Verhaltensweisen äußert, manchmal gar zum Leidwesen ihrer Gatten.

Umfassend, ehrlich und witzig wirft „Endstation der Sehnsüchte“ somit auch einen entlarvenden Blick auf unser Land, unsere Eigenheiten, unser Denken. Und schafft somit vielleicht auch etwas Verständnis für all jene Ausländer in Deutschland, denen trotz Bereitschaft und Anpassungswillen die Integration nach wie vor schwer fällt.

Aus der „Sächsischen Zeitung / PluSZ“ vom 29. Oktober 2009.