Heimkino-Tipp: „Was will ich mehr“ (2010)


Es war im Jahr 2008, als ein kleiner, unscheinbarer Film aus Italien mit dem Titel „Tage und Wolken“ mich in seinen Bann zog. Das Drama erzählte von den Schwierigkeiten eines ‚alltäglichen‘ Paares jenseits der 40, nach Arbeitsplatzverlust und finanziell unbefriedigenden Aushilfsjobs wieder Fuß zu fassen. Dass dabei auch persönliche Konflikte und Enttäuschungen die Beziehung belasteten, machte die Geschichte spannend und vor allem glaubhaft.

Der Regisseur dieser Perle heißt Silvio Soldini. Kein unbeschriebenes Blatt in der Filmwelt, hatte er doch zuvor bereits mit „Brot & Tulpen“ (2000), sowie „Agata und der Sturm“ (2004) für zufriedene Kinobesucher gesorgt. Entsprechend hoch dürfen die Erwartungen an sein aktuelles Werk „Was will ich mehr“ auch sein.

Wieder widmet er sich einem Paar, wieder verankert er seine Geschichte im Hier und Jetzt und gibt sich als stiller Beobachter von Ereignissen, die in dieser Weise tatsächlich jedem liebenden Menschen widerfahren könnten: Anna (Alba Rohrwacher) ist verheiratet und hat dem äußeren Anschein nach alles, was es zum Glücklichsein braucht. Einen angenehmen Job, nette Kollegen, keine finanziellen Probleme und einen Mann, den Domenico (Pierfrancesco Favino) später als ‚Heiligen‘ bezeichnen wird, ist er doch der geduldigste, verständnisvollste und liebenswürdigste Gatte, den sich eine Frau nur wünschen kann.
Domenico trägt ebenfalls einen Ehering, ist Vater zweier Kinder und u.a. als Caterer tätig. Dabei trifft er eines Tages auf Anna – ein flüchtiger Blick, ein kleines Missverständnis, doch nichts was auf ihre gemeinsame Zukunft hinweisen könnte. Erst als er ein paar Tage später ein vergessenes Messer in ihrem Büro abholen will, nehmen sie sich wirklich wahr. Einen gemeinsamen Kaffee später ist beiden klar, dass da mehr ist.

Was sich zunächst wie eine italienische Variante von Patrice Chéreaus gefeierten Skandalfilm „Intimacy“ anlässt, ist sinnlich, romantisch und wunderbar natürlich dargestellt. Jedoch setzt „Was will ich mehr“ den Focus mit zunehmender Laufzeit immer mehr auf die Folgen, die die Affäre der beiden gebundenen Liebenden nach sich zieht. Will sie ihren Mann tatsächlich verlassen? Kann er ohne seine Kinder leben? Möchte sie ihrem ‚heiligen‘ Gatten eine Trennung wirklich antun? Wagt er es, seine kleine Familie, die kurz vor dem sozialen Abstieg steht, im Stich zu lassen?
Regisseur Soldini gelingt es, diese Dilemmata immer wieder in den Mittelpunkt zu rücken, ohne die geheime Beziehung von Anna und Domenico als etwas ausnahmslos Rücksichtsloses oder Egoistisches darzustellen. So sieht sich der Zuschauer eben jenen Konflikten und Problemen gegenübergestellt, die auch die Protagonisten zu lösen haben.

Diese dem Publikum nahezubringen, gelingt Soldini mit einem einfachen, aber sehr effektiven Kniff zu Beginn seines Films: Bis es – nach mehreren gescheiterten Versuchen – tatsächlich zum Sex zwischen Anna und Domenico kommt, wird „Was will ich mehr“ ausschließlich aus der Perspektive der Frau erzählt. Anschließend wechselt der Standpunkt der Geschichte und die Kamera klebt förmlich an Domenico und ermöglicht somit einen Einblick in seinen Alltag. Was bleibt, sind zwei komplett entblößte Leben und die Herausforderung für das Publikum, ein eigenes Urteil über ‚richtig‘ und ‚falsch‘, ‚nachvollziehbar‘ und ‚verwerflich‘ zu fällen. Das ist unterhaltsames, gefühlsbetontes und anspruchsvolles Kino wie ich es mag. Was will ich mehr?

P.S.: Die DVD/BluRay bietet den Film in deutscher und italienischer Sprachversion (Original), optionale deutsche Untertitel, gelöschte Szenen, ein informatives Making of, sowie diverse Trailer. Anbieter: Alamode Film/AL!VE AG

Heimkino-Tipp: „Is Anybody There?“ (2008)


Beweisen muss er eigentlich nichts mehr. Und trotzdem verwöhnt der inzwischen 78jährige Sir Michael Caine die Filmwelt immer noch ohne Unterlass mit seiner Schauspielkunst. Sei es in sogenannten ‚Blockbustern‘ („Inception“, 2010, „The Dark Knight“, 2008, „Children of Men“, 2006) oder kleineren Perlen, die aufgrund ihres Independent-Charakters („Harry Brown“, 2009, „1 Mord für 2“, 2007) oder schlicht schlechter Promotion („The Statement“, 2003) vom Publikum ignoriert werden. Richtig ärgerlich ist das besonders im Fall von John Crowleys „Is Anybody There?“, ein Film, der es in Deutschland weder ins Kino und auch drei Jahre nach Erscheinen noch nicht einmal auf DVD geschafft hat.*

Erzählt wird „Is Anybody There?“ aus der Perspektive des 10jährigen Edward (Bill Milner, bekannt aus dem frisch-frechen „Son of Rambow“, 2007). Der lebt zusammen mit seinen Eltern in einem großen, zum Altenheim umfunktionierten Haus, was ihn zwangsläufig häufiger mit dem Tod in Berührung bringt, als es für Kinder seines Alters üblicherweise der Fall ist. Der neueste ‚Gast‘ des Hauses ist der grummelige Clarence (Caine), der noch immer schwer am Verlust seiner Frau zu knabbern hat und sowieso viel lieber in seinem kleinen Transporter / Wohnwagen rumhandwerkt, als sich mit seinen Altersgenossen bei improvisierten, kindlich-schrecklichen Musikabenden abzugeben. Ein Einzelgänger, den die neugierigen Blicke und ständigen Fragen des Jungen eher nerven als erfreuen. Mit den Wochen lernen sich die beiden Dickköpfe jedoch besser kennen und Clarence beginnt, seinen neuen Freund in die Geheimnisse seines Könnens einzuweihen. Denn in seiner Jugend zog er mit seiner Gattin als Zauberer durch die Lande – und ist nun froh, sein Wissen an jemanden weitergeben zu können. Zumal seine Vergesslichkeit immer häufiger zutage tritt.

„The love you take is equal to the love you make“ sangen einst die Beatles schon. Nichts anderes widerfährt Edward und Clarence in „Is Anybody There?“. Schimpft der eine, brüllt der andere zurück. Öffnet der alte Mann sein Herz, gibt sein junger Kumpel im Gegenzug Privates aus seinem Leben preis. Es macht wirklich Spaß, diese beiden Figuren dabei zu beobachten, wie sie, ohne es bewusst zu wollen, zueinander finden. Während Nachwuchstalent Milner mit Selbstvertrauen und Ungezwungenheit beeindruckt, rührt Caine mit seiner Performance zu Tränen. Keine Überraschung, wenn man einem Interview zum Film glauben darf: Da enthüllte er nämlich, dass er seine Rolle einem engen Freund widmete, der ein ähnliches Alzheimer-Schicksal erleiden musste wie seine Figur. Weiter verriet er, dass seine Frau nach der ersten Vorführung sehr erbost gewesen sei – schlicht aufgrund seiner (zu) glaubhaften Art und Weise, das Altwerden und die zugehörigen Folgen darzustellen.

Dem habe ich eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Außer, dass ich Michael Caine natürlich nicht böse bin für seinen tollen Auftritt – sondern sehr dankbar.

*P.S.: Die britische DVD bietet den O-Ton mit/ohne englische/n Untertitel/n, sowie einige Interviewschnipsel und den Filmtrailer.

Heimkino-Tipp: „Rogue“ (2007)


Der Australier Greg McLean zählt dank seines Œuvres zu einem erlauchten Kreis von Jungregisseuren, denen ein Filmhistoriker vor wenigen Jahren in Anlehnung an das legendäre „Rat Pack“ (u.a. Frank Sinatra, Sammy Davis, Jr. und Dean Martin) den Titel „Splat Pack“ zuwies. Hierzu gehören neben einigen weiteren auch Alexandre Aja („The Hills Have Eyes“), James Wan („Saw“), Eli Roth („Hostel“) und Neil Marshall („The Descent“). Allen gemein ist die Vorliebe für deftigen Horror und wenig Zurückhaltung bei der Darstellung blutiger Details.

Leider wird das Genre des Horrorfilms viel zu oft und viel zu gern als anspruchslose Gewaltverherrlichung abgetan. Zweifellos gibt es einige Filmemacher, die Unterhaltung mit Tabubrüchen verwechseln (siehe Eli Roths „Hostel II“). Andererseits sollten solche Machwerke nicht verdecken, dass ‚Horror‘ weit mehr kann, als Geschmacklosigkeiten in Großaufnahme zu präsentieren.

Ein solches kleines Juwel ist McLeans „Rogue“ aus dem Jahre 2007. Zugegeben, die Gesetze des Genres sprengt auch er nicht, doch variiert er sie gekonnt und veredelt sie mit einer atemberaubenden Kulisse, die jeder Naturdokumentation im Vorabendprogramm locker den Rang ablaufen könnte.
Inmitten des australischen Outbacks schippert Kate (Radha Mitchell) Touristen durch wunderschöne Fels- und Flusslandschaften. Besonderer Augenschmaus ist dabei die Krokodilfütterung in freier Natur. Dabei entdeckt einer ihrer Mitfahrer ein entferntes Lichtsignal, was auf einen Hilferuf schließen lässt. Kate verlässt daraufhin ihre gewohnte Route und betritt dabei unwissenderweise das Territorium eines jener Krokodile. Das rammt sich seinen Frust zunächst am Boot ab und schubst die Eindringlinge anschließend auf eine Insel. Die verschwindet dank Flut zunehmend im Wasser und das Ungetüm hat somit gleich einen kleinen Nahrungsvorrat parat, den es sich nun nach und nach zu holen gedenkt.

Entgegen der Erwartungen eines dämlich-belanglosen ‚Schrei-und-ich-freß-dich‘-Szenarios, lehnt sich McLean nach einer guten ersten Hälfte, die von unzähligen, schlicht wunderschönen Schauwerten geprägt ist, nun zurück und lässt Zuschauer und potentielle Opfer zittern. Ganz in der Tradition des immer noch großartigen „Der weiße Hai“ zeigt er das Biest zunächst nicht und lässt offen, wie groß die Bedrohung tatsächlich ist. Auch stilisiert er den hungrigen Revierverteidiger nicht zu einem übernatürlichen Monster, sondern bleibt bei den Fakten. Tatsächlich existieren in Australien nämlich weit größere Tiere als dieses hier, das sich „lediglich“ einer Bedrohung erwehren will. Die Touristen verhalten sich panisch, aber überlegt und so ist es fast ein Kampf auf gleicher Augenhöhe: kräftige Kauleiste gegen menschliche Intelligenz.

„Rogue“ macht nicht den Fehler, seine Spannung und seine Atmosphäre in billigen und vor allem blutigen Schockszenen zu verschwenden. Erst im finalen Viertel zieht McLean das Tempo ordentlich an und zeigt in Nahaufnahme, was seine Kollegen von der Effektabteilung da gebastelt haben. Wiederum orientiert am realen Vorbild, gibt es so am Ende nochmal beeindruckenden Biologieunterricht zum Thema Lebensweise und Körperbeherrschung der gepanzerten Freßmaschinen. Natürlich alles sehr unterhaltsam und in bester Kissenkrall-Manier inszeniert.

Leider ist dieser fesselnde 90-Minüter bisher das letzte Werk von Greg McLean. Wem’s gefällt, darf mit ebenso hohen Erwartungen gern zu seinem Vorwerk „Wolf Creek“ (siehe Blogeintrag vom Januar 2008) greifen. Der ist zwar etwas weniger subtil, aber ebenso wie „Rogue“ für starke Nerven genau das richtige Training.

... im Nachgang: „Black Swan“ (Kinostart: 20.01.2011)

Kurz vor der großen Sause in L.A., der Oscar-Verleihung, hab ich mich mit einem Kollegen (er 'pro', ich 'contra') der Kinokalender-Redaktion über einen der nominierten Filme ausgetauscht - und zwar HIER.

... im Nachgang: „Drei“ (Kinostart: 23.12.2010)

Im Dezember beglückte(?) Regisseur Tom Tykwer die Filmwelt mit seinem neuen Werk „Drei“. Ein kleines Streitgespräch darüber ist nun online und HIER zu finden.

Friseusen, Köche und ein Mann aus Dynamit

Mit ein wenig Verspätung (weil bereits seit einiger Zeit im Handel) gibt es an dieser Stelle drei Empfehlungen für den nächsten DVD-Einkauf:

Neues auf DVD von Patrice Leconte, Fatih Akin und Scott Sanders

Scott wer? Neben etablierten Regisseuren wie dem Franzosen Leconte und dem aus Hamburg stammenden Cannes-Preisträger Akin ist Scott Sanders bisher kaum in Erscheinung getreten. Auch sein aktuelles Werk wird daran leider wenig ändern – was jedoch nicht der Qualität, sondern lediglich dem gewählten Genre geschuldet ist. Somit sei ebenso in der folgenden Besprechung zunächst seinen berühmten Kollegen der Vortritt gelassen.

„Der Mann der Friseuse“ (Vertrieb: Pierrot Le Fou/AL!VE AG)

Es war der internationale Durchbruch für den damals 43jährigen Patrice Leconte und zählt noch heute zu den sinnlichsten Liebeserklärungen an die Friseusen-Zunft: „Der Mann der Friseuse“ erzählt vom Traum des kleinen Antoine, einmal der Gatte einer Coiffeuse zu werden. Im Laden der schweigsamen Mathilde findet er schließlich als erwachsener Mann sein Liebesglück, nur um es wenig später wieder zu verlieren. Doch bis es dazu kommt, erlebt er Leidenschaft, Begehren und unzählige Tage der Erfüllung.
Leconte inszenierte sein Drama zurückhaltend, poetisch und mit einem Jean Rochefort in der Hauptrolle, dessen verquere Eigenheiten, wie das „Tanzen“ zu orientalischer Musik, immer wieder für ironische Zwischentöne in einem ansonsten tiefmelancholischen Drama sorgen. Die DVD enthält neben einem ausführlichen Interview des Regisseurs noch dessen Kurzfilm „Die glückliche Familie“ aus dem Jahr 1973. Ein schönes Gesamtpaket.

„Soul Kitchen“ (Vertrieb: Pandora Film)


Im Mittelpunkt dieser Hamburger Geschichte(-nsammlung) steht Kneipenbesitzer Zinos (Adam Bousdoukos, gleichzeitig Co-Autor und Ideengeber). Der hat „Bandscheibe“, eine Freundin, die ihn für einen Job in Shanghai zurücklässt, und seit neuestem auch noch Ärger mit dem Finanzamt. Bruder Illias indessen hat Freigang und leider immer noch eine leicht kriminelle Ader, während sein neuer Chefkoch Shayn seine seltsamen Ansichten zur Esskultur gern messerwetzend unterstreicht. Kurz: viel zu viele machen viel zu viel Stress. Bis die ausgefallenen Kreationen seines exzentrischen Küchenmeisters zunehmend Beachtung finden: Plötzlich ist sein Haus „Soul Kitchen“ der Szeneladen, sind die Gaumen vom Essen verwöhnt, die Ohren von funky music gestreichelt und die Herzen dank neuer Liebschaften erfreut. Bis zum Happy End jedoch muss Zinos noch einiges über sich ergehen lassen – schmerzhafte Rückenbehandlungen inklusive.
Nach den ersten beiden Teilen seiner „Liebe, Tod und Teufel“-Trilogie („Gegen die Wand“, „Auf der anderen Seite“), hat sich Fatih Akin mit „Soul Kitchen“ eine kurze Auszeit von den schweren Themen geschenkt. Im Gegensatz zu früheren Werken geht er hier unverkrampfter, leichtfüßiger und weniger `verkopft´ zu Werke und spickt seine Komödie mit einem tollen Soundtrack voller Soulklassiker. Alles wirkt ehrlich, charmant, lebensnah, etwas schmuddelig, doch immer unterhaltsam. Ein Schmankerl, das dank umfangreichem Bonusmaterial noch mehr Spaß macht.

„Black Dynamite“ (Universum Film)

Nun also zu Scott Sanders und seinem zwischen Hommage, Persiflage und blankem Unsinn pendelndem „Black Dynamite“. Ein Nischenfilm, zweifellos, doch für Kenner und Fans des sogenannten Blaxploitation-Genres – jene Billigfilme aus den 1970er-Jahren, in denen schwarze Helden wie „Shaft“ böse Buben jagten und nebenbei jede Frau im Vorbeigehen beglückten – die lang ersehnte Huldigung ihrer Lieblinge.
So spielt der Inhalt hier auch kaum eine Rolle. Vielmehr ist es die zitatenreiche Umsetzung, der coole Titelheld und die konsequente Missachtung filmischer Grundregeln, die für Unterhaltung sorgen. Allerdings nur, wenn der Zuschauer die englische Tonspur wählt und sich am Slang der Darsteller genauso begeistern kann wie der witzigen musikalischen Untermalung und dem gewollt übertriebenen Posen des Protagonisten.
Als Verbeugung vor den filmhistorischen Originalen ist „Black Dynamite“ über jeden Zweifel erhaben. Besser hätte es selbst einem Tarantino nicht gelingen können. Das gilt auch für das Bonusmaterial (Gestrichene Szenen, Interviews, persiflierte Werbespots).