
Was heißt es eigentlich, ein Naturtalent zu sein? Gewöhnlich ist das eine Person, die, ohne eine entsprechende Ausbildung absolviert zu haben, eine Tätigkeit bravourös, ausgezeichnet, erinnerungswürdig ausführen kann. Auf Aktrice Jessica Schwarz trifft dies zweifellos zu. Nach Model-Arbeit und TV-Moderation scheint sie in der Schauspielerei nun ihre Berufung gefunden zu haben. Wer nach den vielen guten Filmen der vergangenen Jahre („Nichts bereuen“, „Der Rote Kakadu“, „Die Tür“), Kritikerpreisen und meiner Schwärmerei immer noch zweifelt, dem sei „Das Lied in mir“ ans Herz gelegt, in dem sie zwar wenig spricht, aber doch viel zu sagen hat, wie es ein Journalisten-Kollege zum Kinostart treffend formulierte. Eine nuancierte Performance, die Schwarz schlicht brillant gibt und für die sie in der Tat kaum Worte benötigt.
Das Regiedebüt von Florian Cossen beginnt mit einem Zufall: Auf dem Flughafen in Buenos Aires nimmt Maria (Schwarz) eine Frau wahr, die ihrem Baby ein spanisches Kinderlied vorsummt. Ohne das Lied zu kennen, singt Maria den Text mit und bricht kurz darauf völlig aufgelöst zusammen. Der Flug ist pfutsch, aber Maria will die Zeit bis zur Weiterreise nutzen, um diesem seltsamen Vorfall auf den Grund zu gehen. Kurz darauf steht ihr überraschend ihr Vater Anton (nicht minder großartig: Michael Gwisdek) im Hotel gegenüber, in das sich Maria vorübergehend eingemietet hat. Er gesteht ihr, dass er lediglich ihr Ziehvater sei und ihre wahre Familie aus Argentinien stamme. Eine Wahrheit, die er ihr nahezu 30 Jahre verschwiegen hat. Verstört und neugierig will sie nun ihre Verwandten wiederfinden.
Was als Identitätssuche einer jungen Frau beginnt, entwickelt sich mit zunehmender Laufzeit zu einer bewegenden Bestandsaufnahme eines Landes, in dem die Folgen einer jahrelangen Diktatur noch immer präsent sind. Für ein Erstlingswerk eines deutschen Filmemachers ein beachtliches Thema, das leicht in den Untiefen einer schmalzigen TV-Produktion hätte enden können. Cossen und seine Co-Autorin Elena von Saucken haben in ihrem klugen Drehbuch allerdings Figuren erschaffen, die Brüche haben, Geheimnisse in sich tragen und alles andere als eindimensional sind. So hadert Maria nach der erschütternden Enthüllung ihres ‚Vaters’ Anton am Frühstückstisch, ob sie ihn verdammen oder dankbar gegenüber treten soll. Fakt ist, er hat sie ihrer Wurzeln beraubt, sie nach Deutschland entführt und ist nicht bereit, seine Tat als verwerflich zu bereuen. Fakt ist aber ebenso, dass Maria als Kind von Regierungskritikern ohne Antons Hilfe in Argentinien wohl nicht überlebt hätte. Marias wiederentdeckte Tante (Beatriz Spelzini) fordert zwar vehement eine Bestrafung des Entführers. Aber kann und will Maria den Mann, bei dem sie glücklich aufgewachsen ist, von einem Augenblick auf den anderen aus ihrem Leben verbannen?
Nicht anders verhält es sich mit Alejandro (Rafael Ferro), einem Polizisten, der Maria als Übersetzer zur Seite steht. Er weiß, dass sein Vater Teil des Unterdrückungsapparates war, wagt es aber aus Angst vor schmerzhaften Wahrheiten nicht, ihn danach zu fragen. Quasi als Absolution für dessen Taten, hilft er Maria und ihrer neugewonnenen, wiedergefundenen Familie beim Kennenlernen.
Bei dieser Anzahl von Charakteren, die jeder ihr eigenes Päckchen zu tragen haben, ist eine für alle Seiten befriedigende Auflösung kaum möglich. Dass Regisseur Cossen seinen Film schlussendlich auf eine Weise enden lässt, bei der einige Fragen unbeantwortet bleiben, wird nicht jedem Zuschauer schmecken. Cossen deshalb jedoch Feigheit vor einer klaren Aussage vorzuwerfen, wäre nicht gerechtfertigt. Seine Entscheidung resultiert wohl eher aus dem Wissen, dass ein Prozess der Selbstfindung, das Zusammenwachsen einer Familie, das Akzeptieren von menschlichen Schwächen und das Nachwirken historischer Ereignisse nicht in 90 Spielfilmminuten abgehandelt werden können. Warum dann aber all das in einen einzigen Film packen? Vielleicht weil es nicht voneinander trennbar ist. Und weil es „Das Lied in mir“ zu einem bemerkenswert mutigen Film macht.
Die DVD bietet den Film in deutscher Fassung mit spanischen und englischen Textpassagen (untertitelt). Als Extras gibt gestrichene Szenen, kurze, aber schön anzusehende Fotosammlungen (Bilder vom Set und von den Drehorten), ein kurzes Stadtporträt von Buenos Aires, sowie einen Audiokommentar und Trailer. „Das Lied in mir“ ist erschienen bei Schwarz Weiss Filmverleih / Indigo und seit 11. November 2011 erhältlich.

