... im Nachgang: „The Avengers“ (Kinostart: 26.04.2012)

Mein lieber Scholli, was für ein Erfolg! Das neueste Werk aus dem Hause Marvel zählte dank Unmengen an Ticket-Vorbestellungen schon vor dem Kinostart zu einem der erfolgreichsten Filme, die Hollywood je produziert hat. Was ich dazu zu sagen habe, findet sich unter "Contra" HIER.

„The Grey“ (Kinostart: 12. April 2012)

Einer der Überraschungserfolge des jungen Kinojahres – zumindest in Amerika – ist Joe Carnahans „The Grey“. Alaska, Flugzeugabsturz, eine kleine Gruppe Überlebender, eine sehr viel größere Gruppe Wölfe: Dies sind die wenigen Zutaten, mit denen dieser Survival-Thriller 120 Minuten sein Publikum mit Bravour zu fesseln vermag.

John Ottway (Liam Neeson) ist für ein Ölunternehmen im eisigen Norden tätig, wo er für die Sicherheit der Arbeiter sorgen soll. Mit Präzisionsgewehr, viel Erfahrung und gutem Auge hält er Wölfe und anderes wildes Getier von ihnen fern, dank der Abgeschiedenheit aber auch seine Vergangenheit und den Verlust seiner Frau. Am Ende seiner Schicht steigt er wie gewohnt zusammen mit seinen Kollegen in einen Flieger, der sie ins warme Nachhause bringen soll – diesmal jedoch abstürzt. Ein paar Wenige überleben das Unglück, nur um sich kurz darauf in einer nicht minder lebensgefährlichen Situation wiederzufinden: Mitten im Nirgendwo der arktischen Wildnis, ohne Kommunikationsmittel, ohne Aussicht auf Rettung. Notgedrungen begeben sich die Männer im hüfthohen Schnee zu Fuß auf den Weg, müssen dabei allerdings schnell und schmerzhaft feststellen, dass sie sich im Hoheitsgebiet eines Wolfsrudels befinden. So wird der Marsch durch die Eiswüste nicht nur zu einem Kampf der Egos gegeneinander, sondern ebenso gegen die Natur: den eigenen, erschöpften Körpern, den Temperaturen, den Tieren.

Basierend auf einer Kurzgeschichte von Ian Mackenzie Jeffers reduziert Regisseur Carnahan („Narc“, „Smokin‘ Aces“) das optisch beeindruckende Überlebenstraining erfreulicherweise nicht auf eine blutige Schlachterplatte. Stattdessen präsentiert er ein psychologisch ausgefeiltes, von Neeson mit ungeheurer Präsenz und Menschlichkeit belebtes Drama, welches viel mehr zu bieten hat, als es die Rahmenhandlung vermuten lässt. Klar, auch hier setzt sich die Truppe der (zunächst) Überlebenden aus verschiedenen Extremen zusammen, ist der Schwätzer ebenso Teil der Runde wie der schweigsame Einzelgänger oder der erwartungsgemäß konditionell schwache Übergewichtige. Natürlich stellt sich auch die Frage, wie ein solches Abenteuer in Zeiten von Radar, Mobiltelefonen und Flugschreibern in dieser Weise überhaupt geschehen kann. Andererseits: Warum nicht? Was wäre wenn? Wir real ist es denn, dass immer und überall ein iPhone mit Rat und Tat zur Seite steht?

Akzeptiert man diese Prämisse des Möglichen, erwartet den Zuschauer erstklassiges Spannungskino mit optischen Schauwerten, die gleichzeitig staunen und frösteln lassen. „The Grey“ interessiert sich nämlich nur bedingt für den Kampf Mensch gegen Wolf, als vielmehr dessen Konfrontation mit der gnadenlosen (eigenen) Natur. Wie handelt der Mensch, wenn er auf seine puren Überlebensinstinkte reduziert wird? Was bleibt in so einer Situation von seinem ursprünglichen Charakter, seiner Seelenlast, seiner Empathie für andere? Und was unterscheidet ihn dann noch vom Tier, das ebenso nur seinen Instinkten folgt, wenn es seinen Lebensraum verteidigt?

Fragen, die „The Grey“ zwar nur ungenügend beantworten kann, aber seinen Protagonisten konsequent nüchtern und direkt ins Gesicht wirft. Manchmal mit absehbarem Verlauf, fast immer jedoch zum Nägelkauen spannend aufbereitet. Top!

… und während man auf die Szene nach dem Abspann wartet, am besten gleich den Akkustand des eigenen Smartphones überprüfen!

„Iron Sky“ (Kinostart: 5. April 2012)

Was für ein Spaß: Als der finnische Regisseur Timo Vuorensola erfuhr, dass sein Werk „Iron Sky“ seine Weltpremiere auf der Berlinale 2012 feiern würde, war er nicht mehr zu halten. Strahlend vor Stolz verkündete er die frohe Botschaft via Internet und fieberte dem Ereignis offensichtlich auch ein wenig nervös entgegen.

Was für ein Spaß: Die Einladung zur Berlinale war gleichzeitig ein Geschenk an die Fans des Streifens, die über Jahre hinweg mit finanziellen Spenden die Entstehung des Films erst ermöglicht haben. Sollte „Iron Sky“ erfolgreich sein, könnte das sogenannte „Crowd Funding“ den Filmmarkt radikal verändern.

Was für ein Spaß: Noch nie gab es einen Film, der es mit einer – Verzeihung – derart lustig-bescheuerten Geschichte auf die Berlinale geschafft hat. Denn „Iron Sky“ behauptet, dass es einigen Nazis kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs gelang, mit „Reichsflugscheiben“ heimlich auf den Mond zu fliegen. Dort nutzten sie Zeit und Abgeschiedenheit, um sich auf eine Invasion der Erde vorzubereiten. Die Weltherrschaft fest im Blick, wollen sie nun einen Angriff starten.

Was für ein Spaß: Wer sich auf diese Prämisse einlässt, bekommt nicht nur den obligatorischen, herrlich selbstironischen Udo Kier als Hitler-Nachfolger namens Kortzfleisch geboten, sondern einen wilden Ritt durch Filmzitate, dumm-dämliche Nazi-Weltanschauungs-Logik sowie reichlich politische Seitenhiebe. Vom blonden Mädel mit Gretchenfrisur bis zum Raumschiff in Zeppelinform fährt „Iron Sky“ zudem sämtliche Arier-Klischees auf, nur um sie anschließend zu dekonstruieren und ad absurdum zu führen. Mit – trotz des geringen Budgets – beeindruckenden Effekten gespickt, zeigt der Film darüber hinaus wunderbar, was alles mit Kreativität und Herzblut auf eine Leinwand gezaubert werden kann. Als Zugabe gibt es zum Schluss ein mutig-satirisches Ende spendiert, das dem ganzen Irrsinn noch eine ernste und nachdenkliche Note verleiht. Was für ein Film!

Aus dem „Meißner Tageblatt“ vom 4. April 2012.

... im Nachgang: „The Artist“ (Kinostart: 26.01.2012)

Der Oscar-Abräumer 2012 bekommt natürlich auch noch einen Nachschlag spendiert. Ein Pro und Contra zu „The Artist“ findet sich HIER.

Heimkino-Tipp: „Elite Squad“ (2010)


Erinnere mich noch gut an den Kinobesuch von „City of God“ vor nunmehr neun Jahren: Die Energie, die Virtuosität und die ungeschönte Härte, mit der darin über das (Über-)Leben in einer brasilianischen Favela berichtet wurde, hinterließ offenbar nicht nur bei mir bleibenden Eindruck und zog zahlreiche Filme mit ähnlicher Thematik nach sich. „Tropa de Elite“ aus dem Jahr 2007 zählt mit zu den gelungensten Vertretern und holte 2008 den „Goldenen Bären“ auf der Berlinale. Nun präsentiert Regisseur José Padilha zusammen mit seinem Hauptdarsteller Wagner Moura die Fortsetzung „Elite Squad“ – und setzt qualitativ sogar noch einen drauf.

Anknüpfend an das Ende des Vorgängers, ist der Polizist Nascimento (Moura) inzwischen zum Leiter des umstrittenen Sondereinsatzkommandos BOPE in Rio de Janeiro aufgestiegen und bietet der Drogenmafia weiterhin mutig die Stirn. Trotz vereinzelter Erfolge bleibt das große Ziel, das organisierte Verbrechen endgültig zum Erliegen zu bringen, allerdings unerreicht. Es dauert nicht lang, bis Nascimento die Ursache hierfür entdeckt: Hochrangige Politiker und korrupte Kollegen versorgen die Gangsterbosse mit Informationen oder sind zum Teil selbst derart tief in deren Machenschaften verwickelt, dass jeder Versuch, dem ein Ende zu bereiten, ins Leere läuft. Erst die Kandidatur eines linken Senators (Irandhir Santos), der trotz aller Drohungen und Mordversuche an seinen Idealen eines unbestechlichen Volksvertreters festhält, beschert Nascimento die nötigen Mittel und Handlungsspielräume, das Übel bei der Wurzel zu packen – zumindest glaubt er (und das Publikum) das.

Auch ohne den Vorgänger zu kennen, kann man „Elite Squad“ problemlos folgen. Zwar wirkt das Handeln der Hauptfigur stellenweise etwas sprunghaft, für eine Fortsetzung ist dies allerdings akzeptierbar, zumal der Charakter in Teil eins ausreichend vorgestellt wurde. Ohnehin konzentriert sich Teil zwei viel mehr für politische Zusammenhänge und kriminelle Seilschaften, die zwischen den einflussreichen Gesetzeshütern und deren ‚Geschäftspartnern‘ gesponnen werden bzw. existieren. Das Drehbuch ist dabei derart detailliert und genau in seinen Ausführungen, dass schnell der Eindruck entsteht, die Autoren hätten persönliche Audienzen bei den bösen Buben gehalten. Will sagen: Realismus wird in „Elite Squad“ sowohl bei den Dialogen als auch den zahlreichen Gewaltausbrüchen groß geschrieben.

Daher fällt es mir schwer, „Elite Squad“ lediglich das Siegel „Actionfilm“ aufzudrücken. Zu komplex, zu ernst und zu bitter in seiner Aussage kommt dieses hervorragend umgesetzte Werk daher, als ‚nur’ Unterhaltung zu sein. Nein, vielmehr handelt es sich um einen anklagenden Politthriller, verpackt in handwerklich solide umgesetzte, brutale Bilderwelten, die Wut und Frust eines Regisseurs/Autors erkennen lassen, der ebenso wie sein Protagonist ohne Rücksicht auf Verluste Tacheles redet. Kein Film für schwache Mägen, empfehlenswert jedoch für jeden, der die Kombination Anspruch, Tempo und Action nicht scheut. Hut ab vor diesem mutigen Glanzstück!

Die DVD/BluRay bietet den Film in deutsch synchronisierter und portugiesischer Sprachfassung, deutsche Untertitel, ein 60minütiges Making of sowie Trailer. „Elite Squad – Im Sumpf der Korruption“ erscheint bei universum film und ist ab 16. März erhältlich. (Packshot: © Universum Film)

„Barbara“ (Kinostart: 8. März 2012)

Christian Petzolds neues Werk ist bereits die fünfte Zusammenarbeit des Regisseurs mit der Darstellerin Nina Hoss. Ein Team, das mir persönlich u.a. mit „Yella“ und „Jerichow“ außergewöhnliche Filmerlebnisse beschert hat, die stets lange nachwirkten. Auch „Barbara“ macht da keine Ausnahme.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine Ärztin, die im Jahr 1980 in die ostdeutsche Provinz strafversetzt wird. Barbaras (Nina Hoss) „Vergehen“: Sie hatte einen Ausreiseantrag gestellt, wurde inhaftiert und steht seitdem unter ständiger Beobachtung der Staatssicherheit. Im kleinen Krankenhaus, weit weg von der innerdeutschen Grenze, soll sie „dem Land, das sie ausgebildet hat, etwas von ihrem Können und Wissen zurückgeben“, wie es ihr Kollege Andre (Ronald Zehrfeld) später formuliert. Andre ist gleichzeitig ihr neuer Chef und leitet die Kinderchirurgie des örtlichen Krankenhauses. Er ist dankbar für die neue Teamhilfe aus der angesehenen Berliner Charité, andererseits auch entzückt von der verschlossenen, schönen Kollegin.

Barbara allerdings kennt nur einen Gedanken: Flucht. Raus aus diesem Land, dieser Enge, diesem System. Sie trifft Vorbereitungen, verhält sich unauffällig und wartet. Trifft ihren Freund aus dem Westen heimlich im Wald, im Inter-Hotel, und meidet nähere Kontakte zu ihren Nachbarn und Kollegen. Besonders gegenüber Andre, der charmant um sie wirbt, zarte Bande knüpfen will und jede ihrer kühlen Zurückweisungen geduldig erträgt. Von ihren Plänen indes ahnt er nichts.

„Barbara“ reiht sich weder in Form noch Inhalt in die bereits schon oft gesehenen DDR-Kinogeschichten ein. Petzolds Film folgt weder dem umstrittenen Oscar-Gewinner „Das Leben der Anderen“, noch den Albernheiten à la „Sonnenallee“ und Co.. Fast ausschließlich den Blickwinkel der Hauptfigur folgend, beobachtet die Kamera kühl und wertungsfrei den Alltag einer Frau, die von tiefem Misstrauen geprägt ist und jegliche emotionale Nähe zu ihrem Heimatland und den Menschen in ihrer Umgebung weit hinter sich gelassen hat. Die ständigen, unangekündigten Wohnungsdurchsuchungen verbunden mit entwürdigenden Leibesvisitationen, die neugierige Hausmeisterin oder die (gespielten?) Annäherungsversuche ihres Chefs: Barbara findet tausend Gründe, der DDR den Rücken zu kehren.

Aber: Mag diese Aufzählung negativer Erfahrungen ihre Beweggründe auch rechtfertigen, so sind sie doch nicht das Hauptthema des Films. Denn Petzold geht es nach eigenen Angaben darum, das zu filmen, „was zwischen den Menschen ist, sich aufgetürmt hat, was sie misstrauen lässt oder vertrauen, abwehren und annehmen.“ Oder anders formuliert: Wie begegnet ein Mensch, für den nichts in seinem Umfeld mehr von Bedeutung ist, seiner Umgebung? Wie handelt ein Mensch in dem Wissen, alle anderen belügen zu müssen und nie mehr wiederzusehen?

Wie so oft bei Petzold spielen Blicke und Gesten eine wichtige Rolle beim Erzählen. Mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld als Hauptdarsteller gelingen ihm dabei beeindruckende Szenen, die zusammen mit der bemerkenswerten Ausstattung und Bildkomposition immer wieder für Gänsehaut sorgen. Da haben bestimmte Bildausschnitte eine ebensolche Bedeutung wie Wohnungseinrichtungen und Kleidungsstücke. Stets dezent und unaufdringlich ergänzen sie Handlungen und Worte der einzelnen Figuren kongenial und erschaffen damit eine Atmosphäre, wie ich sie bisher selten in Filmen über diese Zeit erleben durfte. Dazu passt auch die Anmerkung von Darsteller Zehrfeld, der, selbst ein Kind des Ostens, während der Dreharbeiten reale Krankenakten aus einem Klinikum in Dresden am Set vorfand, die eben nicht nachgebildet wurden, sondern tatsächlich in Umlauf waren. Natürlich ist dies nicht auf der Leinwand zu erkennen. Doch zweifellos an der Intensität und Glaubhaftigkeit, mit der die Schauspieler vor der Kamera agieren.

Ein herausragender Film, der viel mehr erzählt, als auf den ersten Blick ersichtlich ist.

... im Nachgang: „Ziemlich beste Freunde“ (Kinostart: 05.01.2012)

Gibt es noch jemanden, der diesen Film nicht gesehen hat? Möglicherweise noch unsicher ist, ob der Gang ins Filmtheater lohnt? Hilfe zur Entscheidungsfindung gibt es HIER: ein Pro-Contra-Gespräch zum französischen Komödienhit.