Heimkino-Tipp: „Jimmy P.“ (2013)

Manche Werke tragen ihre Besonderheit bereits im Namen: „Jimmy P. – Psychotherapie eines Indianers“ dürfte einer der wohl sonderbarsten Titel sein, den ein Spielfilm je erhalten hat. Ein Film, der mit Benicio Del Toro und Mathieu Amalric zudem gleich zwei Schauspieler von Weltrang in den Hauptrollen vorweisen kann, die sowohl im Blockbuster- als auch Programmkino zu Hause sind.

„Jimmy P.“ ist, es liegt auf der Hand, der letztgenannten Kategorie zuzuordnen und basiert auf dem gleichnamigen Buch des Psychoanalytikers Georges Devereux, der den hier geschilderten Fall kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs selbst erlebte. Devereux, von Amalric als ein hippeliger, stets gutgelaunter Charakter dargestellt, wird Anfang der 1950er-Jahre als Berater in eine amerikanische Klinik gebeten, die sich auf vom Krieg traumatisierte Soldaten spezialisiert hat. Ein neuer Patient namens Jimmy Picard (Del Toro) klagt über Kopfschmerzen, partielle Erblindung und andere Beschwerden, offenbar ausgelöst durch eine Kopfwunde, die er sich im Krieg zugezogen hat. Allerdings blieben die Untersuchungen der Ärzte bisher erfolglos. Nun soll Devereux es richten und der stürzt sich gleich voller Begeisterung in diese Aufgabe.

Hauptsächlich um die Gespräche von Picard/Devereux kreisend, enthüllt der Film von Arnaud Desplechin mit zunehmender Laufzeit sukzessive verschiedene Traumata, die für die Erkrankung des Indianers verantwortlich sein könnten. Während Amalrics Figur dem Zuschauer mit seiner hyperaktiven Art viel Geduld abverlangt, setzt Del Toro mit seinem zurückhaltenden aber intensiven Spiel viele Akzente. Ein Gegensatz, der zweifellos für Kurzweil sorgen könnte – wenn denn das Drehbuch eine interessante Geschichte zu erzählen hätte. An diesem Punkt jedoch scheitert der Film auf beinahe ganzer Länge.

Denn die „Entdeckungen“, die beide Männer in Jimmys Vergangenheit machen, sind relativ profaner Natur. Das mag Anfang der 1950er-Jahre noch anders gewesen sein. Da Regisseur Desplechin, der auch am Drehbuch mitwirkte, es allerdings versäumt, aktuelle Bezüge einzubauen, bleibt das zu Sehende bzw. zu Hörende seltsam spannungsarm – zumindest für Zuschauer, die wenig bis gar keinen Bezug zur Psychoanalyse haben.

Viel eklatanter als der Unwille, fachfremdes Publikum mit einzubeziehen, sind jedoch zwei andere Punkte, die Nachlässigkeiten der Regie verdeutlichen: Erstens schafft es Desplechin, Dialoge der beiden Protagonisten stets genau dann mit Szenenwechseln zu unterbrechen, wenn sie interessantere Eigenschaften der Figuren freigeben würden. Zweitens verwundert das gewählte Breitwandformat: „Jimmy P.“ ist ein beinahe reiner Dialogfilm, der erwartungsgemäß viele Nahaufnahmen von Gesichtern präsentiert und keine Verwendung für Panoramabilder hat. Ein Breitwandformat schafft bei Unterhaltungen eher eine Distanz – und erschwert somit auch optisch eine Annäherung an die beiden Charaktere.

„Jimmy P.“ ist ein Film, der inhaltlich völlig aus der Zeit gefallen scheint. Leider gelingt es nicht, der an Höhepunkten armen Handlung zumindest inszenatorisch ein paar Glanzpunkte zu bescheren. Von den Hauptdarstellern mit Herzblut und Können präsentiert, ist „Jimmy P.“ lediglich für Psychologie-Studenten und -Erfahrene interessant. Die aber, und da bin ich mir sicher, werden an dieser knapp zweistündigen Therapiesitzung viel Spaß haben.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalfassung. Untertitel sind leider keine vorhanden. Als Extra gibt es den Filmtrailer. „Jimmy P.“ erscheint bei Capitol Film / Edel Company und ist seit 10. Oktober erhältlich. (Packshot: Capitol Film / Edel Company)

Heimkino-Tipp: „Nurse 3D“ (2013)

Hoppla! Da war das Budget für die Kostümabteilung wohl etwas knapp bemessen? Anders lässt sich die Zeigefreudigkeit in Douglas Aarniokoskis „Nurse 3D“ kaum begründen. Es sei denn, sie ist tatsächlich einzig und allein dem Willen der Hauptdarstellerin geschuldet, wie es der Regisseur im Audiokommentar andeutet. Paz de la Huerta („Boardwalk Empire“, „Enter the Void“), so der klangvolle Name der Dame, soll nämlich darauf bestanden haben, etliche Szenen ohne verhüllende Stoffe spielen zu dürfen. Es entspräche dem Charakter der Filmfigur. Na wenn das so ist...

Bezeichnen wir es daher als Schauspielkunst, was Huerta alias Abby da bereitwillig in die Kamera hält. Ihr Alter Ego in „Nurse 3D“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, untreue Männer für ihr außereheliches Handeln zu bestrafen. Ihr angeeignetes Wissen als Krankenschwester ist ihr dabei sehr zuträglich, kann sie doch so kurz aber schmerzvoll ihr Werk verrichten. Ihre neue Kollegin Danni (Katrina Bowden) weckt ihr Interesse allerdings aus ganz anderen Gründen: Jung, blond, etwas naiv und mit einem aus Abbys Sicht einfältigen Freund bestraft, braucht dringend eine neue beste Freundin. Jemanden der zuhören kann, sie in den Arm nimmt und vielleicht auch mal mehr zulässt. Nach einer alkoholgetränkten Nacht verflüchtigt sich dieser Traum von Abby jedoch gleich wieder. Da der männermordende Vamp mit Zurückweisung gar nicht gut umgehen kann, wird Danni alsbald vom Objekt der Begierde zum Objekt, dessen Leben es zu zerstören gilt.

Mag das oben zu sehende Filmplakat und der bereits angedeutete Blutzoll einen billigen Splatterfilm mit viel nackter Haut vermuten lassen: „Nurse 3D“ ist sehr viel besser als viele B-Movie-Kollegen – und bedient trotzdem sein (wahrscheinlich bevorzugt) männliches Publikum mit allen Frontcover-Versprechungen. Die Kamera ist vornehmlich in Bauchhöhe unterwegs, die knappen Schwesternuniformen sind eng, und an deftigen Gewalteinlagen getränkt in literweise rotem Lebenssaft mangelt es nicht. Selten aber sah ein Nischenfilm derart gut aus. Und dies ist nicht nur den hübschen Protagonistinnen zu verdanken: Regisseur Aarniokoski ist sein Können bezüglich Optik, Schnitt und Szenenaufbau anzumerken, die jahrelange Assistenz auf Sets von Kollege Robert Rodriguez scheint sich also ausgezahlt zu haben.

Einzig die Hauptdarstellerin verwirrt in dem ansonsten geradlinig erzählten Slasher etwas: Huertas Art zu sprechen (zumindest im O-Ton), ihr Gang, ihr gesamtes Erscheinungsbild im Film heben sich derart von ihrer Umgebung ab, dass es eigentlich nur zwei Erklärungsmöglichkeiten hierfür gibt. Erstens: Huerta ist im Privatleben eine Kunstfigur à la Lady Gaga, die sogar für eine Rolle wie diese nie ihre Fassade fallen lassen würde oder gar nicht erst versucht, jemand anderes zu sein. Dann hat sie in „Nurse 3D“ schlicht sich selbst gespielt und wurde formidabel besetzt. Oder, Möglichkeit zwei: Keiner am Set wagte Huerta darauf hinzuweisen, dass ihr Schauspiel keines ist – gestelzter Vortrag, emotionsloses Äußeres, eine unnahbare Diva auf zwei Beinen, die auch in intimen Szenen keinerlei Emotionen zeigt. Sollte Letzteres zutreffen, wird es für Huerta höchste Zeit, einen Acting-Coach zu konsultieren.

Unabhängig davon ist „Nurse 3D“ aber ebenso in zweidimensionaler Form eine gute Wahl für einen unterhaltsamen Horrorfilmabend: „knackige“ 85 Minuten mit viel nackter Haut, Blut in rauen Mengen und Amüsement ohne Pardon. Ein bisschen Spaß muss ja ab und an auch mal sein…

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Ein kurzes Making of, eine sinnfreie Hinter-den-Kulissen-Doku von zwei der Darsteller, und Trailer sind im Bonusteil zu finden. Während die DVD lediglich die 2D-Fassung beinhaltet, kommt die Blu-ray mit 2- und 3D-Fassung daher und kann auch im limitierten Steelbook erworben werden. „Nurse 3D“ erscheint bei Square One/Universum Film und ist seit 10. Oktober erhältlich (Packshot: © Universum Film).

Heimkino-Tipp: „Lauf Junge Lauf“ (2013)

Nicht erst die aktuellen politischen Konflikte weltweit haben erneut verdeutlicht, wozu die „Bestie Mensch“ fähig ist. Dem gegenüber stehen oftmals Schicksale, die nicht minder mit dem Attribut „unglaublich“ versehen werden können: Überlebensgeschichten, die so unfassbar tragisch und gleichzeitig beeindruckend sind, dass sie mich immer wieder ins Staunen versetzen. Eine solche wahre Überlebensgeschichte ist die von Yoram Fridman, einem polnischen Jungen, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft während des Zweiten Weltkriegs mehrere Jahre auf der Flucht war und die nun mit „Lauf Junge Lauf“ verfilmt wurde.

Der neunjährige Srulik (dargestellt von den Zwillingen Andrzej und Kamil Tkacz) flieht aus dem Warschauer Ghetto. Auf sich allein gestellt, irrt er zunächst ziellos durch die Wälder und versucht, mit einfachsten Mitteln in der unbarmherzigen Natur zu überleben. Eine zeitlang findet er Unterschlupf bei einer Bäuerin, doch auch hier ist er nicht sicher. So zieht er weiter durch das Land, lernt andere im Wald lebende Waisenkinder kennen und verdient sich etwas zu Essen, indem er auf Gutshöfen aushilft. Seinen Gastgebern gaukelt er dabei stets vor, ein Katholik zu sein. Doch die Angst, von den deutschen Besatzern entdeckt und enttarnt zu werden, bleibt.

Basierend auf einem im Jahr 2000 erschienenen Roman von Uri Orlev, nahm sich der deutsche Oscar-Preisträger Pepe Danquart (1994 für den wunderbaren Kurzfilm „Schwarzfahrer“) der schwierigen und aufwendigen Verfilmung des Stoffes an. Schwierig vor allem deshalb, da die Hauptfigur auf ihrer langen Odyssee auf viele Menschen, Situationen und Begebenheiten trifft, die alle Auswirkung auf sein Verhalten, sein weiteres Leben und seinen Charakter haben. Endlos viele Episoden, von denen Danquart offenbar keine aussparen wollte. Das Ergebnis: Die filmische Version von „Lauf Junge Lauf“ reiht in sehr kurzen Abständen – zu kurz nach meinem Befinden – Momente aneinander, deren Bedeutung für den Jungen man nur erahnen kann. Zweifellos, diese Art der Umsetzung überträgt einerseits das ständige Gehetzt-Sein und die Ruhelosigkeit des Protagonisten sehr wirkungsvoll auf die Zuschauer. Andererseits jedoch fällt es mitunter schwer, eine emotionale Bindung zu Srulik aufzubauen, da auch der Film auf diese Weise nie zur Ruhe kommt und Sruliks Reise bei aller Tragik – man verzeihe mir diese Formulierung in diesem thematischen Kontext – einer Ansammlung von Abenteuern gleicht, die es zu bestehen gilt.

Die einzige „Spannungsschraube“, die Danquart immer wieder effektiv nutzt, ist jene der Begegnungen mit anderen Menschen: Kann Srulik ihnen vertrauen? Oder werden sie ihn verraten? Helfen sie aus purer Menschlichkeit oder aus Eigennutz, um ihn später möglicherweise im Tausch für eine Belohnung an die Besatzer zu verkaufen? Wie unsicher ein solches Leben voller Furcht und ständiger Todesangst sein muss, ist für jemanden, der es nie erleben musste, nicht vorstellbar. Vielleicht spart Danquart diese Szenen daher absichtlich aus, da sie kaum darstellbar sind …

… oder zumindest nicht in seinem Werk. Es liegt mir fern, die Leistung des Geschwisterpaares Tkacz, die sich die Hauptrolle teilten, mit harschen Worten zu kritisieren. Nichtsdestotrotz – und dies ist möglicherweise auch ein Grund für meine fehlende emotionale Bindung zur Hauptfigur – sind die limitierten Fähigkeiten der Jungdarsteller offensichtlich: Sie „spielen“ hervorragend. Dass sie die Rolle wirklich verinnerlicht haben, wage ich zu bezweifeln. Nun kann, sollte und darf man selbstverständlich von einem Kind nicht verlangen, sich mental in eine derart erschütternde Situation zu begeben, wie es Yoram Fridman einst tun musste. Allerdings kann ich den Gedanken daran nicht abschütteln, was wohl ein Haley Joel Osment („The Sixth Sense“) oder eine Dakota Fanning („I am Sam“) aus einer solchen Rolle gemacht hätten. Ein anderes Beispiel, in dem gleich zwei Kinder in einem thematisch ähnlichen Film Außergewöhnliches zeigen, ist die Literaturverfilmung „Der Junge im gestreiften Pyjama“ (2008, Regie: Mark Herman). Hier aber, bei „Lauf Junge Lauf“, bleibt die Darstellung seltsam oberflächlich.

„Lauf Junge Lauf“ ist weit entfernt davon, ein schlechter Film zu sein. Es ist ein Werk, das ganz unverblümt auf das – berechtigte – Mitleid der Zuschauer zielt und vornehmlich wegen des Fakts, dass es sich hierbei um eine wahre Geschichte handelt, beeindruckt. Abseits vom Inhalt bleibt Danquarts Adaption jedoch in vielen Aspekten mittelmäßig. Bedauerlich.

Die DVD bietet den Film in deutsch synchronisierter und original polnisch/jiddischer Sprachfassung mit deutschen Untertiteln. Als Bonus gibt es ein 60-minütiges Making of, Bildergalerien und Trailer. „Lauf Junge Lauf“ erscheint bei NFP marketing & filmdistribution GmbH/EuroVideo und ist seit 25. September erhältlich. (Packshot: NFP/EuroVideo)

Heimkino-Tipp: „Finding Vivian Maier“ (2013)

Wie oft haben wir uns schon Sachen entledigt, die wir für unwichtig hielten? Nicht nur eigene Fotos, Briefe und Unterlagen, sondern auch Hinterlassenschaften von anderen, beispielsweise bei der Wohnungsauflösung der Großeltern? Meist bleibt wenig Zeit für eine genauere Betrachtung der Dinge, die da vor uns liegen. Vielleicht ist es aber auch nur die Furcht davor auf etwas zu stoßen, was das eigene Familienbild infrage stellt.

Der Filmemacher Arnon Goldfinger ist diesen dunklen Weg in seiner herausragenden Dokumentation „Die Wohnung“ (Rezension siehe HIER) gegangen und hat so etwas über seine Großeltern herausgefunden, was sonst möglicherweise für immer verloren gegangen wäre. Goldfingers Kollege John Maloof ist etwas Ähnliches widerfahren – jedoch mit der Folge, dass seine Entdeckung im Bereich der Kunstfotografie weltweit für Aufsehen sorgte. Der Film „Finding Vivian Maier“ dokumentiert dies auf angenehm unverkrampfte, zugängliche und unterhaltsame Weise.

Ursprünglich war Maloof auf der Suche nach alten Stadtfotografien für ein eigenes Projekt. Bei einer Versteigerung erhielt er den Zuschlag für einen Koffer aus dem Nachlass einer Frau, die Zeit ihres Lebens als Kindermädchen in Chicago und New York tätig war und offenbar nebenbei Fotografien machte. Viele davon waren noch nicht einmal entwickelt, doch Maloof fand Gefallen an den Bildern und wollte mehr über jene Vivian Maier erfahren, deren Arbeiten weniger Schnappschüsse als viel mehr kleine Kunstwerke sind, die berührend, vielsagend und äußerst professionell wirken. Er kaufte weitere Koffer, Schachteln und Papierberge der ihm unbekannten Frau auf und begab sich auf die Suche nach ihrer Identität.

Wie sich zeigt, war Vivian Maier tatsächlich nie mehr als eine Nanny. Zwar erinnern sich einige, die sie kannten, an ihr pausenloses Fotografieren und Filmen. Eine Ausstellung jedoch, eine Veröffentlichung, oder eine Sammlung mit ihren Arbeiten existieren nicht. Je tiefer Maloof gräbt und recherchiert, umso deutlicher wird: Vor ihm liegt das gesamte, unveröffentlichte Werk einer Frau, die ihre Kunst nie publik machte und offenbar kein Interesse daran hatte, dies irgendwann zu ändern. Maloof ist erstaunt und entscheidet sich – erst vereinzelt und lediglich online, später in größeren, weltweiten Ausstellungen – Vivian Maiers Fotokunst der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Ergebnis: Heute, nur wenige Jahre nach ihrem Tod, gilt sie als eine der wichtigsten und besten Street-Photographer des 20. Jahrhunderts.

Mit solch einer beinahe unglaublichen Geschichte im Gepäck ist jede Dokumentation eigentlich ein Selbstläufer. Glücklicherweise haben sich Maloof und sein Co-Regisseur Charlie Siskel jedoch nicht dazu hinreißen lassen, damit das „schnelle Geld“ zu machen. Vielmehr haben sie mit Sorgfalt und einem gut ausgearbeiteten Spannungsbogen eine Doku kredenzt, die nicht nur die Arbeit sondern ebenso das Leben der Porträtierten huldigt, ihr Schaffen hinterfragt und versucht, ein ehrliches Bild der Person zu zeichnen – mit all ihren sonderbaren Verhaltensweisen. Mit hohem Tempo, optisch ansprechenden Bildkompositionen und passend eingefügten Fotos aus dem Maier-Fundus entstand so eine Detektivgeschichte, die staunen und lächeln lässt. Zwar enthält auch „Finding Vivian Maier“ einige Szenen, die zweifellos für den Film noch einmal nachgestellt wurden (z.B. die Auktion, die Maloof zu Beginn besucht). Der Qualität des Films und der Glaubhaftigkeit der Geschichte schadet dies aber nicht.

Fazit: „Finding Vivian Maier“ hat alles, was eine gute Doku haben muss: eine spannende Prämisse, eine angemessene Präsentation und eine Begeisterung des Filmemachers für sein Thema, die sich nahtlos auf seine Zuschauer überträgt.

Die DVD bietet den Film in deutsch synchronisierter und original englischer Sprachfassung mit deutschen Untertiteln. Als Bonus sind Filmaufnahmen von Vivian Maier und Trailer vorhanden. „Finding Vivian Maier“ erscheint bei NFP marketing & filmdistribution GmbH/EuroVideo und ist seit 9. Oktober erhältlich. (Packshot: NFP/EuroVideo)

... im Nachgang: „A Most Wanted Man“ (Kinostart: 11. September 2014)

Philip Seymour Hoffman in einer seiner letzten Hauptrollen. In meinen Augen ein würdiger Abschluss einer bemerkenswerten Schauspielkarriere. Aber lest selbst: HIER!

(Bild: © 2014 Senator/Central)

Heimkino-Tipp: „Nächster Halt: Fruitvale Station“ (2013)

Anfang der 1990er-Jahre entstanden mit „Boyz n the Hood“ (Regie: John Singleton, 1991) und „Menace II Society“ (Regie: Allen & Albert Hughes, 1993) zwei Filme, die deutlich und unverklärt wie selten zuvor das Leben afroamerikanischer Jugendlicher in US-Großstädten abbildeten: (Polizei-)Gewalt, Rassismus und Vorurteile sind omnipräsent, die Möglichkeiten, unabhängig vom Bildungsstand den oftmals tristen Lebensumständen zu entkommen, beschränkt. Zwanzig Jahre später scheint sich daran kaum etwas geändert zu haben, wie die Erschießung des 17jährigen Trayvon Martin (2012, in Florida, vom Mitglied einer „Bürgerwehr“) oder der Tod des 18jährigen Michael Brown (2014, in Ferguson, durch die Hand eines Polizisten) zeigen – beide Männer waren unbewaffnet, beide Täter sind weiß.

Das Spielfilmdebüt von Ryan Coogler „Nächster Halt: Fruitvale Station“ widmet sich einem weiteren Fall dieser Art, der sich in der Neujahrsnacht zum 1. Januar 2009 in San Francisco zugetragen hat. Das Opfer: der 22jährige Oscar Grant, während seiner Verhaftung erschossen von einem weißen Polizisten. Allerdings gab es hierbei Dutzende Zeugen und mit Handys aufgezeichnete Videomitschnitte, die den gesamten Vorfall, der sich an einer Hochbahnstation zutrug, dokumentierten. Coogler setzt diese Amateur-Aufnahmen an den Beginn seines Films – und blickt anschließend auf die letzten 24 Stunden im Leben des Familienvaters zurück.

Entstanden ist ein fabelhaftes und mit großem Können inszeniertes Porträt nicht nur eines Afroamerikaners im Amerika von heute, sondern ebenso eine bedrückende Studie, die eines der größten Probleme des Landes, den latenten Rassismus, mit vielen kleinen Verweisen verdeutlicht. Das vor allem in der Hauptrolle von Michael B. Jordan herausragend gespielte Drama schafft es zudem, den Tod von Oscar Grant nicht nur als weitere traurige Zahl in einer langen, anonymen Statistik erscheinen zu lassen, sondern die Tragweite dieser laut Gericht „fahrlässigen Tötung“ zu verdeutlichen.

Bewusst möchte ich an dieser Stelle weitere Details der Handlung aussparen, die rational betrachtet keine außergewöhnlichen Dinge präsentiert, aufgrund der Ereignisse am Ende des Tages jedoch eine bemerkenswerte Intensität entwickelt, die es leider nur noch selten im Kino zu erleben gibt.

Ein traurig und wütend machender, wichtiger und lange nachwirkender Film, der sich ob seiner Qualität und Thematik nahtlos in die Reihe der oben genannten „Klassiker“ des New Black Cinema einreihen darf. Anschauen!

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und original englischer Sprachfassung. Untertitel in deutsch sind optional zuschaltbar. Das Bonusmaterial beinhaltet ein Q&A mit den Filmemachern, ein informatives Making of sowie Trailer. „Nächster Halt: Fruitvale Station“ erscheint bei DCM Filmdistribution GmbH/universum film und ist seit 2. Oktober erhältlich. (Packshot: DCM)

Heimkino-Tipp: „Blood Ties“ (2013)

Mein lieber Scholli, das nenn’ ich mal ’ne Besetzung: Clive Owen, Billy Crudup, Marion Cotillard, Mila Kunis, Zoe Saldana, Matthias Schoenaerts, James Caan, Noah Emmerich und Lily Taylor. Eine solche Stardichte findet man sonst nur in Tarantino-Werken. Der Mann hinter „Blood Ties“ jedoch heißt Guillaume Canet, ist im Privatleben mit Cotillard liiert, hauptberuflich Regisseur, und ganz nebenbei Darsteller in „Rivals“, der 2008 erschienenen französischen Vorlage seines nun hier vorliegenden US-Debüts. International bekannt wurde Canet vor der Kamera neben Leonardo DiCaprio in „The Beach“ und beeindruckte später mit hochgelobten Filmen wie „Kleine wahre Lügen“ auch auf dem Regiestuhl.

Weshalb er sich für „Rivals“ als Remake-Projekt entschied, lässt sich schnell erahnen: packende Familiengeschichte, spannendes Crime-Drama, atmosphärisches 70er-Jahre-Setting. „Blood Ties“ bietet eine große, abwechslungsreiche Spielwiese für einen Regisseur, starke Charaktere und – mit einer derartigen Besetzung – natürlich viel Potenzial für einen Film, der aus der Masse heraussticht. Tatsächlich weiß Canet fast alle diese Erwartungen zu erfüllen.

Chris (Owen) hat eine Haftstrafe verbüßt und will nun einen Neuanfang wagen. Sein Bruder Frank (Crudup), ein Polizist, unterstützt ihn dabei nach Kräften, hat aber auch sein eigenes Päckchen zu tragen – er will seine einstige Liebe Vanessa (Saldana), deren Mann er gerade ins Gefängnis gebracht hat, zurückgewinnen. Als sein Versuch scheitert, ein ehrliches Geschäft aufzubauen, fällt Chris in alte, gesetzeswidrige Gewohnheiten zurück. Der ohnehin fragile Familienfrieden zerfällt zunehmend und bald darauf stehen sich die Brüder während eines Überfalls mit Waffen im Anschlag gegenüber.

Unterstützt vom Genrespezialisten James Gray („The Yards“, „Helden der Nacht“), der am Drehbuch mitwirkte, gelingt es Regisseur Canet in „Blood Ties“, das französische Gangsterdrama mühelos ins dreckige New York der 70er zu übertragen. Vor allem was die Ausstattung und den Soundtrack angeht, weiß der Film zu begeistern, auch wenn der unvermeidliche Oberlippenbart von einem der Protagonisten es schwer macht zu glauben, dass Ladies à la Zoe Saldana einem solchen Typen verfallen. Doch Spaß beiseite, denn zum Lachen gibt es in „Blood Ties“ nicht allzu viel. Das ist keineswegs mangelnder Qualität geschuldet – denn hier weiß Canet zu überzeugen –, sondern vielmehr der nüchternen, kompromisslosen Abbildung von Gewalt sowie der förmlich spürbar anwachsenden Frustration des Chris-Charakters, der nach diversen Rückschlägen einsieht, dass es ein ehrlicher Mann in dieser Welt nicht weit bringen wird. Eine glänzende Performance von Owen, dessen präsentierte Kaltschnäuzigkeit überrascht und nachwirkt.

Ein weiteres Qualitätsmerkmal ist zweifellos die Tatsache, dass keine der zahlreichen Nebenfiguren bloßes Beistellwerk bleibt. Mögen es teilweise auch nur wenige Momente sein, in denen Schauspielerschwergewichte wie James Caan auftauchen: Ihre kurzen, aber prägnanten Szenen lassen erahnen, was derart viele Stars zum Mitwirken in „Blood Ties“ bewegt hat.

Dass es letztlich nicht zum Meisterwerk reicht, ist daher nur der etwas zu vorhersehbar verlaufenden Handlung zuzuschreiben. Sie dient zwar lediglich als Hintergrund für die familiären Konflikte des Brudergespanns, hätte aber einige überraschende Wendungen mehr vertragen können. Nichtsdestotrotz empfiehlt sich „Blood Ties“ für einen unterhaltsamen Filmabend für Genrefans – und all jene, die sich an buschigen Oberlippenbärtchen, Koteletten und hochgestellten Hemdkragen nicht satt sehen können.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es ein Making of, geschnittene Szenen sowie Trailer. „BloodTies“ erscheint bei Koch Media und ist seit 25. September erhältlich. (Packshot: © Koch Media GmbH)