Heimkino-Tipp: „1001 Gramm“ (2014)

Das richtige Maß

Der norwegische Regisseur Bent Hamer hat ein Gespür für skurrile Geschichten und Charaktere: Widmete er sich in „Kitchen Stories“ (2003) einer (realen!) Langzeitstudie schwedischer Forscher über das Verhalten von Single-Männern in ihren Küchen, so stand in „O‘Horten“ (2007) ein Zugführer im Mittelpunkt, der ausgerechnet an seinem letzten Arbeitstag das Abenteuer seines Lebens erfährt. In seinem aktuellen Werk „1001 Gramm“ begleitet er nun eine junge Dame des norwegischen Eichamts auf einer Reise zu einem Kiloseminar (sic!) in Paris. Klingt seltsam? Ist es auch, aber in der für Hamer so typisch berührenden, warmherzigen und unterhaltsamen Art und Weise.

Die geschiedene Marie (Ane Dahl Torp) arbeitet wie ihr Vater Ernst (Stein Winge) als Wissenschaftlerin und reist durchs Land, um allerorts Messgeräte zu kontrollieren. Ob Briefwaage oder Benzinpumpe, akribisch und gewissenhaft registriert sie jede Abweichung. Privat ist ihr Leben ebenfalls von Ruhe bestimmt: Außer ihrem geliebten Papa hat sie nur wenige soziale Kontakte, fährt täglich mit ihrem Miniatur-Elektroauto vom Haus zur Arbeit, und verbringt ihre Abende meist in stiller Einsamkeit. Als ihr Vater nicht wie geplant zum jährlichen Treffen der Referenzkilo-Hüter fahren kann, tritt sie statt seiner die Reise in die französische Hauptstadt an. Ein Trip mit romantischen Folgen.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie es Bent Hamer in seinen Filmen gelingt, sonderbare Figuren direkt in die Herzen seiner Zuschauer zu katapultieren, ohne auf ‚billige Tricks‘ zurückzugreifen. Beispiel Marie: Eine schweigsame Frau, hübsch aber kein Supermodel, spröde in ihrem Auftreten, zurückhaltend aber doch kommunikativ. Sofort fühlt man(n?) sich mit ihr verbunden, versteht ihre Sicht auf die Welt und freut sich mit ihr, wenn sie erste zarte Bande mit einer französischen Zufallsbekanntschaft (Laurent Stocker) knüpft. Quasi nebenbei porträtiert der Film zusätzlich einen Beruf, der ebenso normal wie außergewöhnlich ist, und wohl bisher kaum einem Jugendlichen als Traumjob in den Sinn gekommen ist. Respektvoll und gleichsam verschmitzt schaut Hamer den Männern und Frauen beim Seminar dabei zu, wie sie in Paris staunend vor der „Mutter aller Kilos“ stehen, oder verblüfften Zollbeamten erklären müssen, warum sie ihr zylinderförmiges Gepäckstück, das ein exakt kalibriertes Gewicht beherbergt, nicht am Flughafen öffnen können.

Das alles dient Hamer, der einmal mehr auch für Drehbuch und Produktion verantwortlich zeichnet, natürlich vornehmlich zur Charakterisierung seiner Hauptfigur, die sich im Laufe des Filmes fragt, was wohl „die Liebe wiegt“ oder welchen Einfluss und Sinn weltweit standardisierte Maßangaben in einer chaotischen Welt voller Ungleichheiten haben. Und was wäre ein passendes Gegengewicht zu Einsamkeit, Trauer und Enttäuschung?

„1001 Gramm“ ist eine leise, von sanftem Humor durchzogene Tragikomödie, die eine wunderbare Melancholie verströmt und Bent Hamer einmal mehr als einen der besten Regisseure Skandinaviens ausweist.

Die DVD enthält den Film in deutscher Synchron- und norwegisch/französisch/englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sowie Untertitel für Hörgeschädigte und eine Hörfilmfassung sind erfreulicherweise ebenso vorhanden. Als Extras gibt es eine Trailershow. „1001 Gramm“ erscheint bei Pandora Film / AL!VE AG und ist ab 19. Juni 2015 erhältlich. (Packshot + Stills: © Pandora Film Verleih)

Heimkino-Tipp: „Good Kill“ (2014)

Reality Bytes

Mit der Ankündigung, die Bundeswehr in den kommenden Jahren vermehrt mit Drohnen auszustatten, hat Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen den Startschuss (no pun intended!) zu einem neuen Kapitel in der Geschichte der deutschen Militärpolitik gegeben. Allerdings bezweifle ich, dass sie vor dieser Entscheidung den Thriller „Good Kill“ von Andrew Niccol gesehen hat – was sie definitiv schnellstens nachholen sollte, um anschließend ihren Beschluss noch einmal zu überdenken.

Die nach „Gattaca“ (1997) und „Lord of War“ (2005) dritte Zusammenarbeit von Regisseur Niccol und Schauspieler Ethan Hawke ist eine kühle und präzise Analyse eines menschenverachtenden Krieges, in dem ferngesteuerte Maschinen die Drecksarbeit übernehmen, während viele tausende Kilometer entfernt die Verantwortlichen an einem Joystick sitzend tödliche Entscheidungen treffen oder auf Befehl begehen. Einer dieser Drohnenpiloten ist Thomas Egan (Hawke), der auf einer amerikanischen Militärbasis nahe Las Vegas(!) in einem Container schwitzt und Raketen auf vermeintliche Terroristen abfeuert. Ein nach strengen Abläufen geregelter Prozess, der bei aller Anonymität zu den Opfern nicht spurlos an Egan vorübergeht. Abends sitzt er schweigend in seinem perfekten Haus mit seiner (scheinbar) perfekten Familie und hadert mit seinem Job, der so weit weg ist von dem, was er eigentlich tun will: ein echtes Flugzeug fliegen.

Der moralische Druck steigt, als die CIA beschließt, fortan nicht aufgrund von Indizien, sondern lediglich aufgrund von Verdächtigungen „Ziele auszuschalten“. Die Kollateralschäden wachsen, die zivilen Opferzahlen ebenso. Derweil beginnt auch Egans Privatleben sich mehr und mehr in ein Schlachtfeld zu verwandeln.

Spickte Niccol sein Meisterstück „Lord of War“ über einen skrupellosen Waffenhändler noch mit sarkastischem Unterton, um das Gezeigte einigermaßen erträglich zu machen, ist der Humor in „Good Kill“ einer wütenden Anklage gegen die Doppelmoral der USA gewichen. Mit Sätzen wie „Es ist leichter diese Menschen zu töten, als sie gefangen zu nehmen. Denn wenn wir sie inhaftieren, müssten wir sie foltern.“, die ein amerikanischer Soldat in Anwesenheit seines nicht minder desillusionierten Vorgesetzten (großartig: Bruce Greenwood als Lt. Colonel Jack Johns) von sich gibt, macht Niccol klar, was er von dieser ‚modernen‘ Art der Kriegsführung hält. Zum Glück ist der Filmemacher jedoch Profi genug, um seine Aversion nicht plump und polemisch zu artikulieren. Stattdessen nimmt er stellvertretend für die Zuschauer die distanzierte Beobachterrolle ein und dokumentiert lediglich die Taten der Soldaten am Bildschirm. Die Grenzen zwischen vermeintlichen Terroristen und Friedensstiftern verschwimmen nach und nach von ganz allein.

„Good Kill“ ist starker Tobak, der ein lange überfälliges Schlaglicht auf eine neue Art der Kriegsführung wirft, die keine Unterscheidung zwischen „Täter“ und „Opfer“ macht, sondern nur zweierlei hinterlässt: Wut und Leid. Ein wichtiger, ein herausragender Film.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Extras gibt es ein Making of sowie Trailer. „Good Kill“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite) und ist seit 09. Juni 2015 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Ascot Elite)

Heimkino-Tipp: „Reach Me“ (2014)

Short Cuts

Oha! Es gibt nicht viele Regisseure, denen es gelingt, derart viele namhafte Schauspieler für ein Projekt zu begeistern, wie es John Herzfeld mit „Reach Me“ geschafft hat. Die Verwunderung ist umso größer, da es sich hierbei weder um die Adaption eines Romanbestsellers noch um ein Remake eines älteren Erfolgsfilms handelt. Nein, das Drehbuch für Herzfelds neuesten Streifen stammt komplett aus seiner Feder – was ihn bei allem Respekt für diese Mehrfachbelastung als Autor, Regisseur und Darsteller wiederum aber auch zum ‚Hauptangeklagten‘ macht. Denn trotz hoher Stardichte ist „Reach Me“ vor allem eins: misslungen.

Dabei bewegt sich Herzfeld, der kreative Kopf hinter „Zwei Tage in L.A.“ (1996), eigentlich auf vertrautem Terrain: „Reach Me“ präsentiert eine Tragikomödie in Episodenform mit mehreren Charakteren, deren Leben dank eines Buchs miteinander verbunden sind. Zu Beginn ist ihnen dies natürlich noch nicht bewusst, doch Kollege Schicksal zieht im Hintergrund schon fleißig die Fäden, um sie alle am Ende an einem Ort zusammenzubringen. Im Mittelpunkt des Kaleidoskops steht dabei der Verfasser eben jenes Buches, Teddy Raymonds (Tom Berenger). Der ist vom gigantischen Erfolg seines Ratgebers ebenso überrascht wie der kaltschnäuzige Gerald (Sylvester Stallone), Chef eines Online-Klatschportals, der sogleich seinen Assistenten Roger (Kevin Connolly) in die Spur schickt, um den öffentlichkeitsscheuen Autor aufzuspüren. Einer von dessen größten Fans ist die soeben aus dem Knast entlassene Colette (Kyra Sedgwick), deren Leben durch die Begegnung mit dem Cop Wolfie (Thomas Jane) und dem Priester Paul (Danny Aiello) eine unerwartete Wendung nimmt.

Davon gibt es übrigens reichlich in „Reach Me“, meist einhergehend mit Gastauftritten weiterer bekannter Darsteller wie Danny Trejo, Tom Sizemore, Terry Crews, Rapper Nelly, Cary Elwes oder dem gebürtigen Hamburger Christoph M. Ohrt, der einen erfolglosen deutschen Regisseur geben darf. So erfreulich dieses Schaulaufen auch ist, dem Hauptproblem des Films hilft es kaum: Es fehlt schlicht an einer stringenten, fesselnden Handlung. So bekommt jeder Charakter ein paar Szenen und persönliche Probleme zugestanden, die dank der meist platten Floskeln aus dem Ratgeber-Buch plötzlich lösbar sind und auf unterschiedliche Weise verdeutlichen sollen: „Du kannst alles schaffen, wenn Du es nur willst!“. Der uramerikanische Traum sozusagen, in diesem Falle allerdings sehr spannungsarm und ohne einen Anflug von filmischer Kreativität umgesetzt. Zumal einzelne Nebenschauplätze und -Figuren, wie die des Gangsters Frank, nur dazu dienen, dem belanglosen Finale noch eine Actionsequenz anfügen zu können, die in ihrer dilettantischen Umsetzung an den grauseligen Stallone-Rohrkrepierer „Avenging Angelo“ (2002) erinnert.

Apropos Sly: Der scheint seinem Buddy Herzfeld – beide traten zusammen in „Die City-Cobra“ (1986) auf – beim Casting nicht nur die halbe „Expendables“-Truppe (Crews, Kelsey Grammer) und seinen Bruder Frank aufgeschwatzt zu haben, sondern durfte gleich mehrere seiner selbstgemalten Kunstwerke unübersehbar in die Sets hängen, vom Buchcover, das er entworfen hat, ganz zu schweigen (siehe nächstens Bild). All diese Fakten (und die Besetzung) verstärken nur die Vermutung, dass das Hauptaugenmerk bei „Reach Me“ eher auf das Drumherum denn auf den Inhalt gelegt wurde.

Fazit: Selten ist so viel Potenzial vor und hinter der Kamera derart billig verheizt worden. Schade. Sehr schade.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Leider sind für die meisten Darsteller nicht deren bekannte Synchronstimmen genutzt worden, was vor allem bei Herrn Stallone verwirrt. Untertitel sind bedauerlicherweise keine vorhanden. Als Extra gibt es einen Trailer zum Film. „Reach Me“ erscheint bei EuroVideo und ist seit 28. Mai 2015 erhältlich. (Packshot + still: EuroVideo)

Heimkino-Tipp: „Autómata“ (2014)

You, Robot

Ist es eine Invasion? Zufall? Oder ein noch nicht enthüllter Plan einer künstlichen Intelligenz? Fakt ist: Momentan fegen außergewöhnlich viele Roboter-artige Wesen über die Kinoleinwand, sei es Ultron im „Avengers“-Sequel, der coole „Chappie“ aus Johannesburg, Ava aus „Ex Machina“ oder diverse Cyborgs in „Terminator 5“. Auch „Autómata“ von Gabe Ibáñez widmet sich menschelnden Maschinenwesen und kann trotz begrenztem Budget einiges an Schauwerten auffahren.

Es ist das Jahr 2044: Die Erde ist größtenteils verödet, viele Millionen Menschen verloren aufgrund Radioaktivität und langer Trockenheit ihr Leben. Der Rest lebt zusammengepfercht in Städten, in denen auf überdimensionalen Werbeflächen schöne Dinge versprochen werden, während der Himmel stets wolkenverhangen und dunkel über den Dächern kauert. Jacq Vaucan (Antonio Banderas) ist Versicherungsagent und für die richtige Funktionsfähigkeit von Androiden verantwortlich, die in allen Lebensbereichen Aushilfstätigkeiten für die Menschen übernommen haben. Als sich die Hinweise häufen, dass die Blechkästen zunehmend im eigenen Interesse handeln, soll er der Sache nachgehen – und macht einige befremdliche Entdeckungen.

„Blade Runner“, „A.I. – Artificial Intelligence“, „I, Robot“: Die Inspirationsquellen für das Drehbuch von „Autómata“ sind unübersehbar. Neben beeindruckenden Visuals eint alle vier Filme auch die Thematik mit der immer wiederkehrenden Frage „Was macht ein menschliches Wesen aus?“ und dem Wunsch der Roboter nach „mehr Leben“. Die Gefahr der inhaltlichen Wiederholung ist somit gegeben. Zumal mit Dylan McDermott in der Rolle des Sean Wallace eine Art Hardcore-Deckard mit von der Partie ist, der keinerlei Sympathien für seine künstlichen Mitbürger kennt und sie gern mittels diverser Schusswaffen aus dem Verkehr zieht.

In der Tat: Die erste Hälfte von „Autómata“, in der Vaucan die Puzzleteile langsam zusammenfügt, folgt seinem filmischen Vorbild „Blade Runner“ mit wenigen Variationen – nur inhaltlich wohlgemerkt, denn rein optisch weiß Regisseur Ibáñez durchaus neue Akzente zu setzen, vor allem in Bezug auf seine Androiden. Diese sind für die Dreharbeiten teilweise wirklich konstruiert worden, was deren Interaktion mit den Schauspielern viel Glaubhaftigkeit verleiht. In der zweiten Filmhälfte, die erzählerisch leider ein wenig abflacht, tritt ein anderer Aspekt sukzessive in den Vordergrund: Die Unfähigkeit des Menschen, die Endlichkeit seines „überlegenen Daseins“ zu akzeptieren. Dies äußert sich in verbaler und physischer Gewalt gegenüber den Robotern, obwohl diese selbst in Momenten größter Gefahr rational, effizient und stets zum Wohle ihrer Schöpfer agieren.

Es ist ein Widerspruch, den „Autómata“ am Ende leider nur halbherzig auflöst. Warum handeln die Menschen derart aggressiv? Welches Ziel verfolgen die Roboter tatsächlich? Kann es ein gleichberechtigtes Leben nebeneinander geben? Nun ist es müßig, über derartige Fragen zu philosophieren, wenn es sich ‚lediglich‘ um einen Science-Fiction-Film handelt. Ersetzt man Mensch und Maschine jedoch mit Religionsgemeinschaften, politischen Überzeugungen oder meinetwegen auch unterschiedlichen Geschlechtern, erhält „Autómata“ sogleich eine ganz andere Dimension. Denn dann lohnt es sich auf jeden Fall, zu philosophieren und zu argumentieren. Schade nur, dass der ansonsten sehr unterhaltsame und sehenswerte Film dafür zu wenige Denkanstöße liefert.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in original englischer und synchronisierter deutscher Sprachfassung. Untertitel sind leider keine vorhanden. Als Extras gibt es Trailer. „Autómata“ erscheint bei EuroVideo und ist seit 28. April 2015 erhältlich. (Packshot + stills: EuroVideo)

Heimkino-Tipp: „Cobbler“ (2014)

(try) Walking In My Shoes

Adam Sandler-Filme zählen gewöhnlich nicht zu meinem bevorzugten Zeitvertreib. Nichts gegen den Mann und seine Schauspielqualitäten, aber auf die Pointen seiner Gags warte ich meist vergeblich. Ab und an bricht er jedoch aus dem engen Korsett der albernen Komödien aus und liefert auch dank seines Dackelblicks zu Herzen gehende Darstellungen ab. Besonders hervorzuheben wäre diesbezüglich das Drama „Reign over me“ („Die Liebe in mir“, 2007), das ihn als trauernden Witwer zeigt, der seine Frau bei den Anschlägen des 11. September verlor. Nicht ganz so tragisch, aber zumindest nachdenklich kommt seine Figur des Max Simkin daher, die er in „The Cobbler“ verkörpert.

Max führt in New York einen kleinen Schusterladen und hat außer zu seiner pflegebedürftigen Mutter (Lynn Cohen) und dem Friseur Jimmy (Steve Buscemi), dessen Geschäft gleich nebenan liegt, keinerlei persönliche Beziehungen zu anderen Menschen. Als seine Nähmaschine eines Tages den Geist aufgibt, muss Max kurzerhand auf ein altes Erbstück im Keller ausweichen, das sich seit vielen Generationen in Familienbesitz befindet. Aus gutem Grund: Die Maschine besitzt magische Kräfte und ermöglicht Max fortan, das Aussehen jener Person anzunehmen, deren Schuhe er gerade trägt. Nach einem ersten Schock beginnt der schüchterne Kerl die Vorteile zu erkennen – und nutzt sie zu seinen Gunsten: ein Gratisessen hier, eine Cabriofahrt dort, oder eine Annäherung an das hübsche Model, welches ihm ständig begegnet. Problematisch wird es erst, als er die Latschen des Kleinkriminellen Ludlow (Cliff „Method Man“ Smith) anprobiert und in dessen krumme Geschäfte verwickelt wird.

Die Idee, die „Cobbler“ zugrunde liegt, ist äußerst charmant – und so alt wie das Kino selbst. Denn eigentlich ist es nur eine weitere Variation des Body-Switch-Motivs, das es unter anderem 1991 mit „Switch – Die Frau im Manne“ und Ellen Barkin in der Hauptrolle schon häufiger gab. Daher ist es sicher kein Zufall, die Barkin hier nun in einer Nebenrolle wiederzusehen. Im Gegensatz zu früheren Vertretern des Genres gibt das Drehbuch von Regisseur Tom McCarthy („Station Agent“, „Oben“) Max jedoch die Möglichkeit, quasi pausenlos und jederzeit in die Haut verschiedener Personen zu schlüpfen – und sie ebenso schnell wieder zu verlassen. Allerdings erschöpft sich der Unterhaltungswert dieser Prämisse recht bald, weshalb sich die Geschichte im weiteren Verlauf mehr und mehr auf Ludlow (bzw. Max alias Ludlow) und dessen Machenschaften konzentriert.

Das mag alles ein wenig zu gewollt wirken, hält den Film aber in Bewegung. Störender sind vielmehr die Rollenklischees, die hierbei aufgefahren werden: So ist Bösewicht Ludlow natürlich schwarz, gewaltbereit und nur ein ‚Hündchen‘ für einen weißen Big Boss. Max wiederum „verkleidet“ sich für eine Diebestour von allen möglichen Varianten natürlich als Schwarzer. Und die magische Nähmaschine, die es dem Besitzer erlaubt, die Leben anderer Menschen nachhaltig zu beeinflussen, ist jüdischen Ursprungs. Nun will ich niemandem der Beteiligten Rassismus oder Antisemitismus unterstellen. Aber allein diese drei „Zufälle“ trüben in ihrer Ansammlung das Vergnügen schon ein wenig.

Darstellerisch ist „Cobbler“ überzeugender. Neben einem angenehm zurückgenommen agierenden Sandler und prominenten Gaststars (Buscemi, Barkin, Melonie Diaz, Dustin Hoffman) ist es vor allem Wu-Tang Clan-Rapper Method Man, der Beachtenswertes zeigt. Gibt er zunächst den zu erwartenden Sprücheklopfer mit aggressivem Auftreten, ist sein späteres sympathisch-ängstliches Spiel als Max im Ludlow-Kostüm ein echter Hingucker. Respekt!

Was bleibt ist eine harmlose Schmunzelkomödie mit schöner Prämisse und guten Akteuren, die aufgrund einiger zweifelhafter Rollenklischees einen bitteren Beigeschmack hinterlässt.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Extras gibt es ein 15-minütiges Making of sowie Trailer. „Cobbler“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite) und ist seit 19. Mai 2015 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Ascot Elite)

Heimkino-Tipp: „All Beauty Must Die“ (2010)

Gone Girl

Drei Jahre kehrte der Schauspieler Ryan Gosling Hollywood und der Filmbranche nach „Lars und die Frauen“ 2007 den Rücken, um die Welt zu bereisen, für wohltätige Zwecke u.a. in Uganda und im Kongo tätig zu sein, ein Restaurant in Eigenregie zu renovieren und sich seiner Zweitkarriere als Musiker zu widmen. Keine Selbstverständlichkeit für einen jungen Mann, der einst im „Mickey Mouse Club“ auftrat, mit Justin Timberlake eine WG teilte und dank Schnulzen à la „Wie ein einziger Tag“ (2004) zum anbetungswürdigen Mädchenschwarm avancierte. Inzwischen ist Gosling ein etablierter Charakterdarsteller, der erfolgreich zwischen Programmkino und Big-Budget-Produktionen pendelt und zu den Besten seines Fachs zählt, wie u.a. „All Beauty Must Die“ beweist.

Darin ist Gosling als Eigenbrötler David zu sehen, der entgegen den Wünschen seines reichen und einflussreichen Vaters (Frank Langella) keine Ambitionen hegt, in dessen Fußstapfen als New Yorker Immobilienmakler zu treten. Stattdessen wünscht er sich einen kleinen Bio-Laden fernab der Großstadt, fernab der zweifelhaften Geschäfte seiner Familie. Zusammen mit seiner Freundin und späteren Frau Katie (Kirsten Dunst) erfüllt er sich seinen Traum – bis ihn ein finanzieller Engpass schließlich zurück ins Familienbusiness zwingt. Katie folgt ihm auch diesmal bereitwillig, wenngleich sie bald darauf feststellen muss, dass ihre Pläne von einer gemeinsamen Zukunft sich von denen ihres Gatten fundamental unterscheiden. Als sie schwanger wird und David sie um eine Abtreibung bittet, beginnt das Eheglück sukzessive auseinanderzubrechen.

Was sich zunächst wie ein Zwilling des bittersüßen Beziehungsdramas „Blue Valentine“ anhört, den Gosling ebenfalls 2010 realisierte, entwickelt sich in der zweiten Filmhälfte zu einem düsteren Thriller, der „All Good Things“, so der Originaltitel, ins Gegenteil verkehrt. Denn David scheint hinter seiner freundlichen Fassade ein zweites Gesicht zu verstecken, das nun immer deutlicher zum Vorschein kommt. In einem Moment der Wut zertrümmert er ein Möbelstück, an einem anderen Tag finden Nachbarn eine offenbar verletzte Katie wimmernd vor ihrem Fenster. Hat David sie geschlagen? Zwingt er ihr seinen Willen auf? Muss sie um ihr Leben fürchten?

Die Handlung des Films beruht auf Begebenheiten, die Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre in den USA für Aufsehen sorgten. Interessant an der Inszenierung ist der Verzicht von Regisseur Andrew Jarecki, das Geschehen zu werten. So ist tatsächlich nur ein Gewaltausbruch von David gegen seine Frau tatsächlich zu sehen – auf einer Party, vor den Augen anderer. Ein Hinweis darauf, dass für alle anderen Dinge, die sich nach dieser unschönen Attacke zugetragen haben sollen, keine Beweise, sondern lediglich Vermutungen existieren. Dies ermöglicht Jarecki und seinen Akteuren vor der Kamera etliche künstlerische Freiheiten, die sie zu nutzen wissen: Immer wieder gibt es Momente bedrückender Spannung und Unvorhersehbarkeit, kleine Gesten der Darsteller lassen zudem bedrohliche Charaktereigenschaften und/oder verletzte Seelen erkennen. Szenen solcher Intensität auf die Leinwand bringen zu können, sagt viel über die Qualitäten und das Können eines Regisseurs aus.

„All Beauty Must Die“ ist ein außergewöhnlich guter Liebesfilm-Thriller-Hybrid, der sowohl inhaltlich als auch darstellerisch überzeugen kann. Inwieweit der Film dabei der Wahrheit entspricht, steht auf einem anderen Blatt.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Extras gibt es gelöschte Szenen, Audiokommentare (u.a. von Robert Durst, auf dessen Leben Goslings David basiert), ein einstündiges Interview mit dem Regisseur sowie etliche Dokus, die sich mit den Hintergründen der Geschichte sowie der Entstehung des Films befassen. Zusammen mit zahlreichen Trailern ein dickes Bonuspaket! „All Beauty Must Die“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite) und ist seit 13. März 2012 erhältlich. (Packshot: © Ascot Elite)

Heimkino-Tipp: „Schmerzensgeld“ (2012)

A Pain That I’m Used To

Alice (Juno Temple) und ihr Gatte John (Michael Angarano) haben ein Problem: sie sind so gut wie pleite. Zwar leidet ihr Eheleben glücklicherweise noch nicht darunter, aber auf Dauer ist klar, dass sich etwas ändern muss. Das passiert zunächst allerdings nur im negativen Sinne: Während die arbeitslose Alice mal wieder eine Absage fängt, verliert John seinen ohnehin mies bezahlten Job in einem Call-Center. Kurz darauf werden sie zudem in einen Autounfall verwickelt, in dessen Folge Alice ihre gute Erziehung kurz vergisst und in einem Antiquitätenladen eine Teekanne mitgehen lässt – und die hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich. Denn wann immer ihren beiden neuen Besitzern etwas Schmerzhaftes widerfährt, füllt sie sich mit Dollarscheinen. Gut für die Haushaltskasse, schlecht für die Gesundheit: Ob Ganzkörperenthaarung, Zahnarzt oder ein Tritt in die Weichteile, um an Geld zu kommen, lassen Alice und John ihrer Kreativität fortan freien Lauf.

„Kreativität“ ist das Stichwort: Lang ist’s her, dass ein Film mit einer solch frischen Idee daher kam und mit derart viel Schmackes erzählt wurde. Angefangen von den beiden sympathischen Hauptfiguren über den Fantasiereichtum der Geldbeschaffung (provozierte Prügeleien, sexuelle Praktiken, Feuerspiele) bis hin zur temporeichen Inszenierung weiß „Schmerzensgeld“ wunderbar zu unterhalten. Dabei steht stets der Humor im Vordergrund, was im weiteren Verlauf für die Handlung jedoch ein wenig hemmend wirkt.

Dem beschenkten Paar wird nämlich bald schon klar, dass nicht nur die selbst zugefügten physischen wie psychischen Verletzungen zum Geldsegen führen, sondern ebenso „Unfälle“, die ihren Mitmenschen zustoßen. Ein moralisches Dilemma bahnt sich an, Gier gewinnt die Oberhand, Empathie ist zweitrangig. Tatsächlich deutet der Film in einzelnen Szenen, die die Vorgeschichte des magischen Teekessels beleuchten, die beängstigenden Folgen an. Regisseurin Ramaa Mosley konzentriert sich aber lieber auf die beziehungsschädigenden Aspekte für Alice und John, statt einer tiefgründigen Erkundung der dunklen Seite der menschlichen Natur. Verschenkt? Vielleicht, doch für den Erhalt der fluffigen Atmosphäre des Films genau die richtige Entscheidung.

Ergo: „Schmerzensgeld“ macht Spaß, umschifft spielverderbende Drehbuchschlenker absichtlich, ist schnieke anzusehen – Aktrice Juno Temple sitzt die Kleidung mal wieder recht locker – und bietet ein paar schöne Ideen zur Selbstkasteiung. Insofern passt der deutsche Untertitel perfekt: „Wer reich sein will muss leiden.“

Die DVD/Blu-ray bietet Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung mit optionalen deutschen Untertiteln. Als Extras gibt es gelöschte Szenen, einen alternativen Anfang sowie Trailer. „Schmerzensgeld“ erscheint bei Pandastorm Pictures / Ascot Elite und ist seit 5. Mai 2015 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Pandastorm Pictures)