Heimkino-Tipp: „Ein Mann namens Ove“ (2015)

Grumpy old man

Erinnert sich noch jemand an Carl Fredricksen – den Protagonisten aus dem Pixar-Animationsfilm „Oben“? Jener alte und verwitwete Mann, der seine Umgebung am liebsten anbellt, ständig vor sich hin grummelt und seit dem Tod der geliebten Frau bevorzugt in seinen eigenen vier Wänden hockt? Ove (Rolf Lassgård), die Hauptfigur in Hannes Holms Adaption von Fredrik Backmans Roman „Ein Mann namens Ove“, könnte sein böser Zwillingsbruder sein. Und auch er hat mit einem aufdringlichen Mitmenschen zu kämpfen. Nur ist es statt eines kleinen Jungen wie in „Oben“ nun eine lebenslustige Nachbarin, die mit ihrem unbändigen Optimismus dem Misanthropen ordentlich Contra gibt.

Dabei macht es ihr Ove zunächst nicht leicht: Nachdem er erst seine Frau Sonja (Ida Engvoll) und dann noch seinen Job verloren hat, ist für den ordnungsliebenden Mann die Zeit des Abschieds gekommen. Genervt von der Ignoranz seiner Mitmenschen bezüglich einfachster Regeln – Abfall in den Mülleimer, Gitter geschlossen halten, Fahrräder in den dafür vorgesehenen Abstellraum –, will er seinem Leben ein Ende bereiten. Das gestaltet sich jedoch schwieriger als gedacht. Denn entweder sind die dafür genutzten Hilfsmittel wie ein Seil nicht stabil genug, oder er wird von seinen neuen Nachbarn gestört. Die junge Parvaneh (Bahar Pars) ist zusammen mit ihrer Familie gerade im Haus gegenüber eingezogen und bittet Ove trotz seiner beständig schlechten Laune immer wieder um kleinere Gefallen. Der Griesgram willigt ein – und beginnt irgendwann sogar, in Parvanehs Gesellschaft zu lächeln.

Hand aufs Herz: Wer würde sich freiwillig mit einem wortkargen, ständig schimpfenden Rentner abgeben, dessen Tagesaufgabe darin besteht, Zettel an ungerade eingeparkte Autos zu kleben oder Zigarettenstummel vom Weg aufzuheben? Regisseur Holm, der auch das Drehbuch verfasste, erzählt seine Tragikomödie konsequent aus dem Blickwinkel eines solchen Mannes – und schafft es so, das Publikum auf die Seite des Einzelgängers zu ziehen. Denn in sorgsam eingebetteten Rückblenden enthüllt der Film nach und nach die Gründe für das auf den ersten Blick seltsame Verhalten Oves. In ihnen erfährt der Zuschauer von Oves Jugend, seiner Ehe mit Sonja und von all den kleinen und großen Hürden, die er in seinem Leben überwinden musste – und die ihn zu dem machten, was er nun mit 60 Jahren ist. Dass Holm die glückliche Vergangenheit dabei in warme, satte Farben taucht, während die Gegenwart zunächst grau und sonnenlos daherkommt, unterstreicht zudem auf optischer Ebene die charakterliche Veränderung der Figur.

Doch Holm belässt es nicht bei einer „bloßen“ Charakterstudie. Sein Film ist gleichzeitig ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit, Offenheit und Vorurteilslosigkeit. Wie das zusammenpasst? Ove ist es herzlich egal, wer ihm da gerade den Tag versaut – für ihn sind ausnahmslos alle „Idioten“. Was sich später ins Positive verkehrt: Egal ob Ausländer, Homosexuelle, körperlich Behinderte, Tollpatsch oder Übergewichtige: Ove steht ihnen zur Seite, packt mit an oder lässt sie gar bei sich wohnen. Ein schönes Statement, das umso nachhaltiger wirkt, da es Regisseur Holm beinahe unbemerkt, subtil und unaufdringlich in seine Geschichte einbaut. Wunderbar!

Die Blu-ray/DVD bietet den Film in deutsch synchronisierter und original schwedischer Sprachversion sowie deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Als Extra gibt es Trailer. „Ein Mann namens Ove“ erscheint bei Concorde Home Entertainment und ist seit 18. August 2016 erhältlich. (Packshot + stills: © Concorde Home Entertainment)

Heimkino-Tipp: „London has fallen“ (2016)

Demolition Men

In Zeiten von patriotischen Schreihälsen wie Donald Trump und weltweit agierenden Terrororganisationen sind Filme wie „London has fallen“ ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite präsentieren sie perfektes Action-Popcorn-Kino, das nur unterhalten will. Auf der anderen Seite jedoch hat der darin zur Schau gestellte Egoismus amerikanischer Helden sowie das an reale Anschläge erinnernde Szenario einen sehr bitteren Beigeschmack, der sich nur schwer ignorieren lässt.

Einen Versuch ist es trotzdem wert: „London has fallen“ ist die Fortsetzung des „Stirb Langsam“-Klons „Olympus has fallen“ aus dem Jahre 2013, in dem der Sicherheitsexperte Mike Banning (Gerard Butler) im Alleingang den amerikanischen Präsidenten Benjamin Asher (Aaron Eckhart) aus dem Weißen Haus rettet, das zuvor von Terroristen gestürmt wurde. Einige Jahre später sind beide immer noch in ihren Jobs tätig und vertrauen einander wie sonst niemandem. Als der britische Premier überraschend stirbt, wird kurzfristig eine Trauerfeier in London organisiert, zu der etliche Staatsoberhäupter aus der ganzen Welt eingeladen werden. Trotz des hohen Sicherheitsrisikos wagt Asher den Trip an die Themse – und gerät prompt in einen Hinterhalt: Ein einflussreicher Waffenhändler, dessen Familie einst von einer amerikanischen Drohne getötet wurde, will sich rächen und legt dazu halb London in Schutt und Asche. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch via Hubschrauber, sind Asher und sein Beschützer Banning gezwungen, per pedes durch die Stadt zu fliehen, während ihnen als Polizisten verkleidete Bösewichter und unzählige schießwütige Söldner hinterherjagen.

Wie schon beim Vorgängerfilm, der 2013 in direkter Konkurrenz zum thematisch ähnlichen Roland Emmerich-Film „White House Down“ in den Kinos startete, steht bei „London has fallen“ die Action im Vordergrund. Amüsante Wortgefechte und schwarzen Humor gibt es abermals selten bis gar nicht, stattdessen räumt Banning seinem Chef kaltblütig, rigoros und effizient den Weg frei. Das ist konsequent und für Fans harter Actionkost sicherlich erfreulich. Mehr noch als in „Olympus“ lässt das Team America jedoch keine Möglichkeit aus, um seine angebliche moralische Überlegenheit kundzutun. Das wäre verschmerzbar, wenn Regisseur Babak Najafi seinem Spektakel nicht einen Pro- und Epilog angefügt hätte, der das Handeln der Terroristen rechtfertigen soll. Denn so schlimm ihrer Taten auch sein mögen, ihre Beweggründe dafür sind eine Diskussion wert. Natürlich nicht in einem Genrefilm wie diesem, aber vielleicht doch etwas tiefgründiger, als sie hier als MacGuffin missbraucht werden.

Abseits davon ist „London has fallen“ all das, was es nach dem ungeschriebenen Gesetz einer Fortsetzung sein muss: lauter, größer, brutaler. Die Haupthandlung kommt schnell in Fahrt, die Action ist herausragend und übersichtlich inszeniert, die Akteure – vor allem Butler alias Banning – agieren glaubhaft. Schon erstaunlich, wie realitätsnah die Zerstörung einer Großstadt heutzutage bebildert werden kann. Da fällt es dann doch wieder schwer, aktuelle Ereignisse komplett auszublenden.

Zum Vorwurf mache ich dies dem Film nicht. Nur zeigt er damit unfreiwillig, wie nah sich beängstigende Fiktion und Realität inzwischen gekommen sind. Mit einem Präsidenten namens Trump vielleicht noch mehr als wir es uns derzeit vorstellen mögen.

DVD- und Blu-ray-Infos: Beide Scheiben bieten den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche und englische Untertitel für Hörgeschädigte sind vorhanden. Als Extras gibt es Making of-Clips, Interviews und diverse Trailer. „London has fallen“ erscheint bei Universum Film und ist seit 29. Juli 2016 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © LHF Productions, Inc./Universum)

... im Nachgang: „Money Monster“ (Kinostart: 26. Mai 2016)

Ein Film von Jodie Foster mit Julia Roberts und George Clooney in den Hauptrollen – eine sichere Bank? Die Redaktion des Kinokalender Dresden ist sich uneins. Aber lest selbst, und zwar HIER! Von mir stammt der Pro-Teil des Textes.

(Plakat: © 2016 Sony Pictures Releasing GmbH)

Heimkino-Tipp: „Point Break“ (2015)

Surfer Dudes

Obwohl es beispielsweise im Theater, in Opernhäusern oder in der Musikwelt ständig erfolgreich geschieht, sind Neuauflagen beliebter Filme noch immer keine Selbstläufer. Einerseits sollen Fans des Originals begeistert, andererseits neue hinzugewonnen werden. Also werden in modernen Remakes im besten Fall sanfte stilistische und inhaltliche Anpassungen vorgenommen, neue technische Möglichkeiten genutzt sowie hier und da augenzwinkernde Verweise eingebaut. Ein Blick auf die unzähligen Neuverfilmungen im Horror-Genre, die in den vergangenen Jahren auf die Zuschauer einprasselten, zeigt, dass dieses Konzept selten Großartiges hervorbringt. Zu lang ist der „Schatten“ des Originals, zu beliebig meist die Neuauflage.

Groß war somit auch die Skepsis, als „Point Break“ angekündigt wurde. 1991 unter dem Titel „Gefährliche Brandung“ in Deutschland erschienen, gilt der Actionstreifen von Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow („Strange Days“, „The Hurt Locker“) nicht nur bei vielen Patrick Swayze-, und Keanu Reeves-Fans als heilig, sondern beeindruckte ebenso mit außergewöhnlicher Stuntarbeit und einem philosophischen Unterbau, der den Handlungen der Antagonisten etwas Mystisches verlieh. Für seine neue Version versuchte Regisseur Ericson Core („Unbesiegbar – Der Traum seines Lebens“), diesen Spirit noch einmal aufleben zu lassen.

Gelungen ist ihm das vor allem in der ersten Hälfte seines Adrenalin-Thrillers, der zwar die Grundidee vom Original stibitzt, sonst aber einen anderen inhaltlichen Weg einschlägt. Utah (Luke Bracey, „The November Man“) ist neu beim FBI und bekommt von seinem Chef (endlich wieder auf der großen Leinwand: Delroy Lindo) eine einmalige Chance zur Profilierung: Er soll herausfinden, wer hinter den spektakulären Überfällen steckt, die weltweit amerikanischen Firmen schaden. Diese werden von einer Gruppe Extremsportlern ausgeraubt, anschließend verteilen diese ihre Beute an die Armen. Schnell ist Utah sich sicher, dass der charismatische Bodhi (Édgar Ramírez, „Carlos – Der Schakal“) und dessen Bande dafür verantwortlich sind, und schleust sich bei ihnen ein. Es dauert nicht lang bis auch Utah die Sucht nach dem ultimativen Kick übermannt. Wird er seinen neuen Kumpel tatsächlich ans Messer liefern?

Mehr noch als im ’91er Original betont „Point Break 2015“ das – scheinbar – selbstlose Ansinnen der Verbrecher, die mit ihren Taten der Zerstörungswut an der Natur, dem Egoismus und der fehlenden Demut seitens der Menschen etwas entgegensetzen wollen. Sie sprengen Goldminen, verteilen Diamanten und lassen Dollars vom Himmel regnen, ohne sich dabei selbst zu bereichern. Stattdessen versuchen sie parallel, acht legendäre (Sport-)Prüfungen zu bestehen, von denen sie sich Erleuchtung versprechen. Was der Film stunttechnisch dazu auffährt, ist beeindruckend. Zwar wurde hier und da mit visuellen Effekten nachgeholfen, ein Großteil der Stunts entstand angeblich jedoch vor Ort – und diese sind einmalig! Respekt vor diesen Leistungen.

Was trotz der gut agierenden Schauspieler weniger gelingt, ist die Annäherung zwischen Utah und Bodhi. Sie bleibt mehr eine Behauptung und endet just dann, wenn sie beginnt, an Tiefe zu gewinnen. Ohnehin ist Vieles von dem, was Bodhi und seine Mitstreiter von sich geben, erschreckend oberflächlich und klingt manchmal ein wenig nach einem Spruch aus einem Glückskeks.

Schiebt man dieses Manko beiseite, bietet „Point Break“ aber immer noch genug Augenfutter (auch bezogen auf die durchtrainierten Körper der Darsteller), um prächtig zu unterhalten. Der Versuch der Filmemacher, ihrem Remake Eigenständigkeit zu verleihen, ist erkennbar und hebt den Streifen von anderen Neuverfilmungen wohltuend ab. Oder anders formuliert: nichts, was seinem älteren Namensvetter peinlich sein muss.

Die Blu-ray/DVD bietet den Film in deutsch synchronisierter und original englischer Sprachversion, eine Hörfilmfassung sowie deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Als Extras gibt es entfallene Szenen, Making of-Clips, Szenen vom Dreh, Interviews und diverse Trailer. „Point Break“ erscheint bei Concorde Home Entertainment und ist seit 28. Juli 2016 erhältlich. (Packshot + stills: © Concorde Home Entertainment)

Heimkino-Tipp: „Zoolander No. 2“ (2016)

Drama, Baby!

Dass ich das noch erleben darf: eine amerikanische Komödie ganz ohne Fäkalienspäße! Stattdessen harmlos-infantiler Humor, herrlicher Wortwitz und fiese Seitenhieb(ch)e(n) auf Stars & Sternchen und deren Verhaltensweisen. Danke, Ben Stiller! Der steckt nämlich hinter „Zoolander 2“ und hat, trotz aktuell katastrophaler Wertung auf der allwissenden IMDB (Stand 20.07.2016: 4,8), einen wunderbaren Blödel-Film fabriziert, der Keinem wehtut und scheinbar nur Eines im Sinn hat: gute Laune zu verbreiten.

Hauptzutat dafür: Unzählige Promis aus der Film-, Musik- und Modewelt, die das alles ebenso wenig ernst nehmen und aus Spaß an der Freude durchs Bild huschen. Mal als bloßer Cameo-Auftritt, an anderer Stelle gar als elementarer Teil der Handlung. Apropos: Der Plot ist dabei eher Alibi und taugt lediglich als Bindeglied zwischen all den verrückten Momenten, die Derek Zoolander (Ben Stiller) und sein ehemals-bester-dann-gehasster-nun-doch-wieder-liebster Kumpel Hansel (Owen Wilson) in 100 Filmminuten durchzustehen haben. Das funktioniert erfreulicherweise problemlos ohne den Vorgänger-Film zu kennen, was auch daran liegen mag, dass etliche Figuren daraus einfach übernommen wurden – inklusive deren Motivationen, Ziele und Eigenheiten.

Der Vollständigkeit halber hier aber doch noch eine kurze Inhaltsangabe: Nach dem Einsturz einer von Supermodel Zoolander errichteten Schule, bei der unter anderem seine Frau ums Leben kam und Hansel verletzt wurde, gingen beide Freunde getrennte Wege. Nun werden sie überraschend von Mode-Zarin Alexanya Atoz (Kristen Wiig) gebeten, wieder auf die Laufstege zurückzukehren. Ein Glücksfall für das Ex-Bademode-Model Valentina Valencia (Penélope Cruz), die inzwischen in der Modeverbrechens-Abteilung(!) von Interpol tätig ist und schon lange nach dem Duo suchte. Denn seit einiger Zeit werden weltweit Prominente von Unbekannten umgebracht. Gemeinsam ist den Opfern der Gesichtsausdruck kurz vor ihrem Ableben, der eindeutig von Zoolander inspiriert ist. Kann das Trio die Täter überführen?

Ein von Kugeln durchsiebter Justin Bieber in der Eröffnungsszene, Songs von „The Police“ und Sting als verbindendes Element bei der Spurensuche oder Benedict Cumberbatch als androgynes Wesen: Stiller und sein Co-Autor Justin Theroux, mit dem er auch schon die Kriegsfilm-Persiflage „Tropic Thunder“ (2008) kreierte, gehen bei Teil 2 ihrer Modewelt-Satire in die Vollen. Zwar sind mir als Fachfremder wahrscheinlich 80 Prozent der Gags entgangen, doch selbst die verbliebenen 20% haben schon genügt, um maximalen Frohsinn zu garantieren. Wer sich nur ein wenig in der aktuellen Celebrity-Welt auskennt, ein paar Gesichter zuordnen kann und weiß, von wem Lieder wie „Message in a Bottle“ oder „Every Breath You Take“ stammen, wird viel zu lachen haben. Dazu empfiehlt es sich jedoch, die englische Sprachversion zu wählen.

Den inhaltlichen Blödsinn – und das ist an dieser Stelle tatsächlich als Kompliment gemeint – ergänzt Regisseur Stiller mit einer wirklich beeindruckenden Inszenierung. „Zoolander 2“ ist bereits seine sechste Regiearbeit, in der er einmal mehr sein Können für Actionszenen und tolle Sets beweist. Haperte es in „Tropic Thunder“ noch am richtigen Timing, war sein wunderbares Kinomärchen „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ (2013, Rezension siehe HIER) schon nahezu perfekt und ganz offensichtlich eine gute Fingerübung für „Z. No. 2“.

Kindisch, fetzig, Star-gespickt: „Zoolander 2“ ist eine inhaltlich anspruchslose, optisch sehr gut umgesetzte und mit großer Spielfreude präsentierte Komödie mit nur einer einzigen Herausforderung fürs Publikum: alle darin versteckten Promis zu entdecken. Auf geht’s …

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter sowie englischer Original-Sprachfassung. Diverse Untertitel in mehreren Sprachen sind vorhanden. Als Extras gibt es mehrere Kurz-Making ofs (auf der Blu-ray zwei mehr), die sich mit verschiedenen Aspekten des Filmdrehs befassen. „Zoolander 2“ erscheint bei Paramount/Universal Pictures Germany GmbH und ist seit 16. Juni 2016 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Paramount/Universal Pictures)

Heimkino-Tipp: „Hail, Caesar!“ (2016)

It’s complicated

Es ist schon ein wenig paradox: Die Coen Brüder, unter anderem geschätzt für ihren feinen, intelligenten Humor, widmen sich einen ganzen Film lang Hollywood, verstecken dabei wahrscheinlich hunderte Anspielungen auf Stars, Macher und Opfer der sogenannten Traumfabrik in jeder Szene, und unsereins, der sich Cineast nennt, bleibt am Ende überraschend unberührt zurück. Was ist denn da passiert?

Vielleicht liegt es am schieren Überangebot an bekannten Gesichtern, die „Hail, Caesar!“ zu bieten hat? Keine Frage, bei einer Satire über das Hollywood der 1950er Jahre sollten sie nicht fehlen. Jede noch so kleine Rolle ist mit einem Star besetzt, sei es ein längst verblichener oder ein immer noch oder bald noch mehr funkelnder. So schauen unter anderem Frances McDormand, Jonah Hill, Christopher Lambert, Scarlett Johannsson, Ralph Fiennes, Channing Tatum und sogar Dolph Lundgren (leider nur als Schatten, da sein Auftritt der Schere zum Opfer fiel) kurz vorbei. Das entlockt mir beim Zuschauen nahezu pausenlos ein „Ohhhh!“, „Waaaas?“ oder „Cool!“, lenkt aber leider ebenso von der Handlung ab.

Die wird hauptsächlich von Josh Brolin alias Eddie Mannix getragen, der soetwas wie der „Problemlöser“ seines Hollywood-Studios Capitol Pictures ist, beispielsweise wenn eine Produktion aus der Spur zu springen droht. Er kümmert sich um einen reibungslosen Drehplan, überwacht das öffentliche Image seiner Stars und verhandelt auch schon mal mit Vertretern verschiedener Konfessionen, wenn es um die korrekte Darstellung Gottes in einem Epos mit religiösen Bezügen geht. Kurz: Ohne Mannix würde der Saftladen nicht laufen. Das wird besonders deutlich, als Baird Whitlock (George Clooney) abhanden kommt. Der ist Hauptdarsteller in einem Monumentalfilm, in den das Studio große Hoffnungen setzt. Mannix muss den Mann schleunigst wiederfinden, bevor die Klatschpresse (Auftritt der doppelten Tilda Swinton) von seinem Verschwinden Wind bekommt. Was nur der Zuschauer weiß: Whitlock ist von Kommunisten entführt worden, denen parallel zu Mannix der etwas tumbe Actionfilmheld Hobey Doyle (Alden Ehrenreich) nach und nach auf die Schliche kommt.

Das alles vermischen die Coens auf ihre gewohnt geistreiche Art miteinander, stellen amüsanten Szenen bitterböse Satire gegenüber und lassen ihren beeindruckenden Cast komplett von der Leine. So ganz will der Funke aber dann doch nicht überspringen. „Hail, Caesar!“ gleicht vielmehr einer bunten, mäßig witzigen Nummernrevue, die nie richtig Fahrt aufnimmt und gemütlich im zweiten Gang vor sich hintuckert. Mag sein, dass die beiden Regisseure/Autoren Joel und Ethan Coen beim Schreiben ganz viel Spaß hatten. Sicherlich hat sich das auch auf die Dreharbeiten ausgewirkt und am Set gab es immer etwas zu lachen. Auf der Leinwand lässt sich das alles aber nur erahnen.

Oder ist es doch fehlendes Insiderwissen meinerseits? Dann sollte ich vielleicht erst mein Defizit bezüglich Hollywood in den 1950ern abbauen. Danach kann ich es ja nochmal mit „Hail, Caesar!“ probieren.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche und englische Untertitel (plus diverse weitere Sprachen). Als Bonusmaterial gibt es mehrere Featurettes zu unterschiedlichen Aspekten der Entstehung. „Hail, Caesar!“ erscheint bei Universal Pictures Germany GmbH und ist seit 30. Juni 2016 erhältlich. (Packshot + stills: © Universal Pictures)

Heimkino-Tipp: „Unsere kleine Schwester“ (2015)

Sisterhood

„Es ist ein Film über Familienbande(n), den Wert elterlicher Liebe, über verschiedene Lebenseinstellungen und Werte, große Erwartungen und (falsche?) Hoffnungen.“ Mit diesen Worten schloss ich meine Rezension zu „Like Father, Like Son“, einem Film von Hirokazu Koreeda, der im September 2015 erschien (Rezension siehe HIER). Ein Satz, der ebenso vorbehaltslos auf sein Nachfolgewerk, das Drama „Unsere kleine Schwester“, zutrifft. Koreeda hat sich im Laufe der vergangenen Jahre als ein Spezialist für Dramen etabliert, die sich bevorzugt im familiären Umfeld abspielen. Im Mittelpunkt diesmal: drei erwachsene Schwestern, die unverhofft eine weitere jüngere dazubekommen.

Sachi (Haruka Ayase), Yoshino (Masami Nagasawa) und Chika (Kaho) leben gemeinsam im Haus ihrer Mutter, zu der sie nur sporadisch Kontakt pflegen. Sie hatte sich vor Jahren schon von ihrem Mann getrennt, der inzwischen mit einer anderen Frau eine neue Familie gegründet hat. Als er stirbt, erfahren die Geschwister, dass sie mit Suzu (Suzu Hirose) eine junge Halbschwester haben. Spontan laden sie Suzu ein, zu ihnen zu ziehen und fortan zu viert in dem großen Haus zu wohnen. Die Schülerin lässt sich auf das Experiment ein und so beginnt für das Quartett ein neuer Lebensabschnitt, der viele Überraschungen bereithält.

Basierend auf dem preisgekrönten Manga „Umimachi Diary“ von Akimi Yoshida verfasste der japanische Regisseur und Cannes-Preisträger Hirokazu Koreeda ein Drehbuch, das sich gängigen inhaltlichen Erwartungen komplett verweigert. Statt nach dem Einzug der zunächst „fremden“ Suzu Generations-, Verhaltens- und Erziehungskonflikte in den Mittelpunkt zu rücken, belässt es das Skript bei ein paar wenigen, unbedeutenden Streitereien, die sich kaum auf die Harmonie zwischen den vier Mädchen auswirken. Regisseur Koreeda begründet das selbst so: „Natürlich sind die vier Schwestern die Hauptfiguren des Films […]. Aber ich denke, die Geschichte erzählt noch mehr als das. Sie handelt auch von Kamakura und vom Lauf der Zeit in dieser Küstenstadt. So, wie sich die Gezeiten am Meeresstrand gleichmäßig bewegen, bleiben auch die Bewegungen der Stadt im wesentlichen immer gleich und das trotz des regelmäßigen Kommens und Gehens ihrer Bewohner […]. Es ist fast so, als ob das Leben eines Menschen nur eine winzig kleine Sache ist – wie Sandkörner am Strand. Ich fragte mich deshalb, ob die eigentliche Hauptfigur der Geschichte nicht viel eher die Zeit ist, die die Vergangenheit und Zukunft absorbiert.“ (Zitat aus dem Presseheft zum Film).

Zugegeben: Ohne diese Anmerkung des Regisseurs wirkt „Unsere kleine Schwester“ mit der beinahe überzeichneten Gutmütigkeit fast aller Charaktere ein wenig naiv und realitätsfern. Zwar bewegen sich die Figuren in der realen Welt mit all ihren Höhe- und Tiefpunkten. Die vielen einsamen Straßen, das Ausblenden von harschen Tönen und die stets schnell überwundenen Meinungsverschiedenheiten lassen den Film jedoch mehr wie einen schönen Traum wirken. Oder eben wie eine Momentaufnahme eines Ortes, der wie die Zuschauer nur stiller Beobachter seiner Bewohner ist, die versuchen, im Alltäglichen – gemeinsam essen, lachen, trauern, beten, sich erinnern – ihren Weg und ihr Glück zu finden.

Ein ungewöhnlicher Film, der daran erinnert, das Leben an sich und die „einfachen Dinge“ darin zu schätzen.

Die DVD bietet den Film in deutsch synchronisierter und in japanischer Originalfassung sowie optionale deutsche Untertitel. Als Bonus sind Trailer beigefügt. „Unsere kleine Schwester“ erscheint bei Pandora Filmverleih/Alive und ist seit 17. Juni 2016 erhältlich. (Packshot + stills: Pandora Filmverleih)