Heimkino-Tipp: „Gelobt sei Gott“ (2018)

Im Namen des Herrn

Es gibt gegenwärtig nicht viele Regisseure, die quantitativ mit François Ozon mithalten können. Beinahe jedes Jahr gibt es einen neuen Film des Franzosen, oftmals mit provokantem Inhalt („Swimming Pool“, „Ricky – Wunder geschehen“, „Jung & Schön“) und von der Kritik hoch gelobt („8 Frauen“, „Frantz“). Ein Profi seines Metiers, der thematisch keinerlei Scheu kennt und mit beruhigender Regelmäßigkeit qualitativ hochwertiges Kino kreiert.

Dies scheint auch auf seinen aktuellen Film, „Gelobt sei Gott“ zuzutreffen, hat das Drama doch u.a. den Silbernen Bären bei der letztjährigen Berlinale gewonnen. Die Thematik: aktuell. Die Darsteller: hervorragend. Die Umsetzung: nun ja. Doch der Reihe nach.

Wie in einem Interview geschildert, das im Presseheft zum Film zu finden ist, stieß Ozon auf der Suche nach einer Drehbuchidee auf die Website La Parole Liberée (dt.: Das gebrochene Schweigen), auf der sich Opfer sexuellen Missbrauchs zusammengefunden haben. Konkreter: Menschen, die als Kinder von Würdenträgern der katholischen Kirche misshandelt wurden. Die Idee eines Theaterstücks verwarf Ozon dann ebenso schnell wie die, eine Dokumentation darüber zu machen. Er traf sich mit mehreren Betroffenen und entschied daraufhin, ihre Geschichte(n) und ihren Kampf um Bestrafung der Verantwortlichen als Spielfilm auf die Leinwand zu bringen.

Ozon wählte einen schwierigen Ansatz: Er fokussiert drei Charaktere und widmet sich nacheinander ihren Geschichten. Alle drei haben das Erlebte mehr oder minder gut verarbeitet, leben in unterschiedlichen Milieus und verbinden mit ihrem Vorgehen jeweils subjektive Hoffnungen. Dies alles zu bündeln und in einen sehenswerten Film zu packen, ist zweifellos eine Herausforderung. Ozons „Gelobt sei Gott“ hat diese nur teilweise bewältigt.

Dabei beginnt sein 137-Minuten-Werk mit einem (optischen) Paukenschlag: Die Eröffnungssequenz zeigt einen Kardinal über den Rücken gefilmt, wie er von einem Balkon aus die unter ihm liegende Stadt Lyon segnet, während bedrückende Musik im Zusammenspiel mit den Farben des Himmels eine unheimliche Atmosphäre schafft. Es bleibt der einzige Moment, in dem die Inszenierung im Vordergrund steht. Fortan begleitet Ozon seine Protagonisten nüchtern und distanziert bei ihren Versuchen, jenen Priester, der sie einst misshandelte, aus Amt und Funktionen zu entfernen.

Da wäre zunächst der wohlhabende, sehr gläubige Alexandre (Melvil Poupaud), der den offiziellen Weg beschreitet, sich mit Briefen an den Kardinal wendet und um eine Ablösung von Priester Preynat (Bernard Verley) bittet. Der zweite Teil des Films gehört François (Denis Ménochet), einem von Wut getriebenen Energiebündel, der bereits an die Öffentlichkeit geht als die Ermittlungen noch laufen. Im letzten Drittel steht schließlich Emmanuel (Swann Arlaud) im Mittelpunkt, dessen Leben aufgrund der Ereignisse in seiner Jugend aus den Fugen geraten ist und der auch sichtbare körperliche Schäden davongetragen hat.

Eine Unmenge an Briefen, Gesprächen und E-Mails bildeten die Grundlage für den Film, der je nach Figur stilistische Unterschiede aufweist. Das spiegelt die verschiedenen Charaktere treffend wieder, will aber an manchen Stellen nie so recht zusammenpassen. Dies wird vor allem zum Ende hin offensichtlich, da sich Ozon bezüglich Emmanuel mehr als bei den anderen beiden Männern auch auf dessen soziales Umfeld konzentriert. Meinungsverschiedenheiten und Konflikte mit der Partnerin gewinnen plötzlich an Gewicht, während Alexandre und François solche Kämpfe zumindest mit ihren Frauen nicht austragen müssen. Eine der letzten Szenen spricht zudem die psychische Belastung an, die der langjährige Kampf um Gerechtigkeit auf die Familien hat. Hier wird viel Potenzial verschenkt, sicherlich auch aus Zeitgründen. Denn nach zwei Stunden Fakten-Dauerfeuer, in denen Ozon von Szene zu Szene hetzt und seinem Publikum keine Verschnaufpause zum Reflektieren gönnt, geht dieser Aspekt leider vollkommen unter.

In einem der Sets ist im Hintergrund das Plakat zum Oscar-prämierten „Spotlight“ zu sehen, der sich der Enthüllung eines Missbrauchsskandals durch Kirchenvertreter in Amerika widmet. Ebenso wie „Gelobt sei Gott“ ist dies zweifellos ein wichtiger Film, der Licht auf das merkwürdige Gebaren der Kirche wirft, die nur zögerlich Missstände in eigenen Reihen aufzuklären bereit ist. Die Filme wollen den Opfern ein Denkmal setzen, indem sie ihren zähen(!) Kampf nacherzählen. Und doch muss – bei allem Respekt für die Betroffenen – auch bezüglich „Spotlight“ die Frage erlaubt sein, ob eine (Kino-)Dokumentation nicht doch die geeignetere Form gewesen wäre, um diese zwar beachtenswerten, cineastisch jedoch wenig dankbaren Geschichten zu erzählen.

Die DVD enthält den Film in französischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung mit optionalen deutschen Untertiteln. Als Bonus gibt es Interviews, gelöschte Szenen, Clips von Kostüm- und Orchesterproben sowie Trailer. „Gelobt sei Gott“ erscheint bei Pandora Film und ist seit 25. März 2020 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Pandora Film)

Heimkino-Tipp: „Pferde stehlen“ (2019)

Narben

Was zeichnet einen guten Schriftsteller aus? Laut meiner einstigen Deutschfach-Lehrerin u.a. die Fähigkeit, Umgebungen, Dinge und Stimmungen punktgenau beschreiben zu können und die Leserschaft nur mittels Worten in eine scheinbar reale, fühlbare Welt zu entführen. Ein Filmemacher hat es da schon leichter: Er muss Beschreibungen aus dem Drehbuch lediglich in Bilder verwandeln und kann sich dabei zudem noch der Musik und dem Aussehen seiner Darsteller als zusätzliche Hilfsmittel bedienen. Und trotzdem scheitern viele Regisseure immer wieder an Roman-Adaptionen, vielleicht auch weil sie sich zu sehr auf das Optische verlassen, während die Zwischentöne, das Ungesagte, vernachlässigt werden/wird.

Wie es richtig geht, zeigt der Norweger Hans Petter Moland („Einer nach dem anderen“) mit seiner Verfilmung von Per Pettersons „Pferde stehlen“. Hier stehen sich Erzählung und Atmosphäre gleichberechtigt gegenüber, werden Gedanken zu Bildern, wird das Innenleben der Figuren auch ohne Dialoge fühlbar. Kurz: eine meisterhaft umgesetzte Bearbeitung einer literarischen Vorlage.

Der ältere Trond (wie immer großartig: Stellan Skarsgård) lebt allein und zurückgezogen in einem abgelegenen Haus in Norwegen. Ein Begegnung mit seinem Nachbarn weckt längst verdrängte Erinnerungen: Lars (eine Wucht: Bjørn Floberg) ist der Bruder von Tronds Jugendfreund, der einst nach einem tragischen Familienereignis verschwand. In jenem Sommer war Trond 15, verbrachte die Ferien mit seinem Vater (Tobias Santelmann) auf dem Land und erlebte in diesen Monaten Vieles, was ihn jetzt, nach etlichen Jahren, immer noch beschäftigt und nicht ruhen lässt.

Wie sehr prägen Eltern ihren Nachwuchs? Welche Ereignisse der Kindheit haben Folgen für das weitere Leben eines Menschen? Und wie unterschiedlich kann man mit einschneidenden Erlebnissen umgehen? „Pferde stehlen“ widmet sich diesen und anderen Fragen auf überaus sensible Art und Weise. Fernab von Kitsch schält Regisseur Moland seine Charaktere nach und nach aus ihren Schutzpanzern und legt dabei nur scheinbar verheilte Wunden offen. Beeindruckend dabei das Setting: Schnee und Kälte im Alltag des alten Trond stehen warme Sommerregen und blühende Felder seines jüngeren Ichs gegenüber. Das ‚Auftauen‘ des Alten, optisch wunderbar eingefangen.

Was der Film ebenso thematisiert sind Rollenbilder und Erwartungen, die aus heutiger Sicht überholt wirken, auf dem Land kurz nach Kriegsende allerdings noch omnipräsent schienen. So ist der jugendliche Trond der einzige, der seinen Vater auf dem Land besuchen darf, während seine Schwester bei der Mutter in Oslo bleiben muss. Dass diese (fast) reine Männerwelt auch eine Konkurrenzsituation schafft, wird dem Teenager im Laufe der Tage schmerzhaft bewusst.

Regisseur Moland hat mit „Pferde stehlen“ einen bewegenden Film mit Sogwirkung erschaffen und all das umgesetzt, was ihm ein guter Schriftsteller mit Worten als Blaupause vorgelegt hat: Umgebungen, Dinge und Stimmungen punktgenau zu beschreiben und in eine scheinbar reale, fühlbare Welt zu verwandeln. Ein magisch-schönes Werk.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und norwegisch/schwedischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es Trailer. „Pferde stehlen“ erscheint bei MFA+ Film im Vertrieb von Al!ve und ist seit 27. März 2020 auch digital erhältlich. (Packshot/stills: © MFA+ FilmDistribution e.K./4 1/2 Fiksjon As, Zentropa Entertainments5, Zentropa Sweden, Nordisk Film, Helgeland Film)

Heimkino-Tipp: „Parasite“ (2019)

Borgmans Erben

2014 entsandten die Niederlande eine bitterböse Satire namens „Borgman“ (Rezi HIER) ins Rennen um den „Auslands-Oscar“. Der Thriller handelt von einem ominösen Mann, der sich als Gärtner ins Leben einer wohlhabenden Familie einschleicht, um sie in den folgenden Wochen sukzessive in ihre Einzelteile zu zerlegen. Hilfe erhält er dabei von Gleichgesinnten, die er heimlich in das Anwesen einschleust und die ihm in ihrer Skrupellosigkeit in nichts nachstehen. Alex van Warmerdams fieses Werk ging damals bei den Academy Awards leider leer aus – sicherlich auch aufgrund seiner offenen zur Schau gestellten Brutalität und der nur schwer zu ertragenden Emotionslosigkeit der Eindringlinge. Sechs Jahre später gibt es mit „Parasite“ einen Film mit ähnlicher Prämisse – und ein sagenhaftes Happy End: Vier Oscars gewinnt die Tragikomödie von Bong Joon-ho, u.a. in den Kategorien „Bester Film“ und „Bestes Drehbuch“ sowie den Hauptpreis in Cannes, die Goldene Palme.

Ungerecht? Messen mit zweierlei Maß? Nein. Streitbar und diskutabel? Das schon eher. Denn ganz so kreativ und außergewöhnlich, wie viele es vielleicht denken, ist die Idee hinter „Parasite“ nicht. Allerdings ist der (neuere) südkoreanische Film sehr viel zugänglicher und lebensnaher erzählt als der düstere „Borgman“, bei dem das Schmunzeln über den falschen Gärtner schon bald in blankes Entsetzen umschlägt. Bong Joon-ho hingegen wählt einen anderen Weg – und macht von vornherein klar, wem er die Sympathien seines Publikums wünscht: der armen, aber cleveren Familie Kim.

Als der Sohnemann dank eines Freundes unverhofft zum Nachhilfelehrer bei den reichen Parks wird, sieht er sogleich die Möglichkeiten, die sich ihm und seinen Liebsten eröffnen. So überredet er die unwissende Frau Park zur Anstellung seiner Schwester als Betreuerin für ihren hyperaktiven Sohn, Papa Kim bekommt einen Job als neuer Chauffeur des Gatten und Mama Kim wird die neue Haushälterin, nachdem sie die Vorgänger mit kleinen Tricks von ihren Stellen ‚entfernt‘ haben. So weit, so „Borgman“. Allerdings ist „Parasite“ zu diesem Zeitpunkt erst ca. 50 Minuten alt – und hält demzufolge noch etliche Überraschungen bereit, die alle Beteiligten mehr oder minder heftig zu spüren bekommen.

Schon in „Snowpiercer“ (2013, Rezi HIER) versuchte sich Regisseur Bong Joon-ho an einer Gesellschaftskritik, die aber trotz guter Vorzeichen und einer Vielzahl an Stars (Achtung: Wortspiel!) nie richtig Fahrt aufnahm und vor allem sehr zweifelhaft endete. „Parasite“ ist in diesem Aspekt präziser und verpackt seine Anklage an herrschende Zustände in humorvolle Szenen mit einer zwar mittellosen, aber frech-intelligent agierenden Sippe, der man nicht böse sein kann. Erfreulich ebenso, dass die Parks hier keine eindimensionalen Abziehbilder wohlhabender Schnösel sind, die auf andere herabschauen. Vielmehr äußert sich ihre Überheblichkeit in unbewusst(?) geäußerten Bemerkungen und Andeutungen, die besonders Papa Kim im Gedächtnis bleiben. Bong Joon-ho vermeidet es, beide Seiten gegeneinander aufzuhetzen bzw. sie moralisch zu bewerten. Dies überlässt er vielmehr seinen Zuschauern. Wohl auch deshalb, da mit zunehmender Laufzeit immer deutlicher wird, dass die Bezeichnung ‚Parasit‘ nicht nur auf eine der beiden Familien zutrifft. Wer profitiert von wem? Wer nutzt den anderen mehr aus?

Dass „Parasite“ ein südkoreanischer Film ist, bleibt bezüglich seiner Umsetzung im Verborgenen. Will heißen: Sämtliche Ecken und Kanten, die beispielweise noch in Bong Joon-hos unterhaltsamen Monsterfilm „The Host“ (2006) zu erkennen waren, sind inzwischen einer schönen, wenngleich weniger individuellen Bildsprache gewichen, die sich in keinster Weise von gängigen Hollywood-Produktionen mehr unterscheidet. Anbiederung an westliche Sehgewohnheiten und Präferenzen der stimmberechtigten Academy-Mitglieder? Oder schlicht weiteres Stilmittel eines cleveren Regisseurs, in dessen Film sich koreanische Charaktere selbst amerikanisch klingende Namen geben und sämtliche Sachen via Internet aus den USA bestellen? Fast könnte man meinen, Bong Joon-ho hole hier zu einem Rundumschlag aus, bei dem die südkoreanische Gesellschaft ersatzweise für all das steht, was der Kapitalismus mit sich bringt: Wohlstand und Armut, Überfluss und Ausbeutung, falsche Versprechen und Egoismus. Ausgerechnet damit den Prestige-Preis der US-Filmwirtschaft zu kapern, ist an Ironie nicht zu überbieten.

Gesellschaftliche Missstände mit Witz und ohne erhobenen Zeigefinger, also quasi mit einem Lächeln im Gesicht anzuprangern, ist ein Stilmittel, das sich nicht nur im Kino bereits viele Male bewährt hat. „Parasite“ gelingt dies trefflich, wenngleich auch die weniger humorvolle Variation à la „Borgman“ sehenswert ist.

P.S.: Aktuell ist der Film noch einmal als eine Schwarz-weiß-Fassung im Kino zu sehen. Dazu Regisseur Bong Joon-ho: „I'm sure everyone will have a different opinion about this version. Personally, I think all the characters look even more poignant, and that the distinctions between the three different spaces where the families live, with all the shades of grey, are even more tragic.“ Diese Fassung wird voraussichtlich nicht fürs Heimkino erhältlich sein.

Die DVD/Blu-ray/4K UHD bietet den Film in koreanischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind ebenso vorhanden. Als Extras gibt es Trailer. Es erscheinen ebenso diverse Sondereditionen (zwei verschiedene Mediabooks, eine sogenannte Ultimate Edition) mit weiteren Bonusinhalten. „Parasite“ erscheint bei Koch Films und ist seit 5. März 2020 erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films)

Heimkino-Tipp: „The Poison Rose“ (2019)

Der Schnüffler

Ein rauchige Stimme aus dem Off, ein grummelnder Mann mittleren Alters auf Spurensuche und eine undurchsichtig agierende Schönheit, die dem Protagonisten den Kopf verdreht: In den 1940er- und 50er-Jahren produzierte Hollywood unzählige solcher ‚Film noir‘ und machte damit u.a. Humphrey Bogart zum Star. Oftmals garniert mit einem jazzigen Soundtrack und bildlich teilweise derart rauchgeschwängert, dass kaum etwas auf der Leinwand zu erkennen ist, sind diese Krimis ein Genre für sich – und seither nur in Ausnahmefällen noch einmal angemessen reproduziert worden. Roman Polanskis „Chinatown“ (1974) ist so ein seltenes Juwel – und auch „The Poison Rose“ versucht, in dieser Liga mitzuspielen.

Eines vorweg: Es gelingt nicht so ganz. Ein unterhaltsamer Film ist es trotzdem geworden. Auf der Haben-Seite gibt es eben jene oben genannten Zutaten, dazu eine zwar sehr konstruierte, aber interessante Story und vor allem viele viele bekannte Namen: Neben John Travolta agieren in „The Poison Rose“ Morgan Freeman, Peter Stormare, Robert Patrick, Brendan Fraser und Famke Janssen. Sie alle haben gute und schlechte Streifen in ihren Filmografien, dieser hier zählt zu den besseren – auch wenn sie schauspielerisch erkennbar unterfordert sind.

Carson Phillips (Travolta) war einst ein Football-Star, der nun als Privatdetektiv arbeitet und quasi nebenbei versucht, seine Spielsucht einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Dies gelingt allerdings weniger gut, weshalb das Angebot einer Klientin, nach einer vermissten Familienangehörigen zu suchen, gerade recht kommt. Eine erste Spur führt ihn ausgerechnet in seinen früheren Heimatort, der noch immer von etlichen seiner Freunde bewohnt wird. Vor allem Kumpel Doc (Freeman) hat es als Geschäftsmann zu Wohlstand und Ansehen gebracht. Wohlhabend ist auch seine einstige Flamme Jayne (Janssen), die Carsons Besuch sogleich nutzt, um ihn ebenso für einen Job zu engagieren. Das passt nicht jedem im Ort ...

Anders als die großen Vorbilder, die das Regie-Trio George Gallo, Francesco Cinquemani und Luca Giliberto zitiert – nur Gallo wird offiziell genannt, was auf Probleme während er Produktion schließen lässt –, ersetzt „The Poison Rose“ dunkle Seitenstraßen und kalte schwarz-weiß-Bilder mit einem sommerlichen Look, der zwar schön anzusehen ist, aber nie ganz die Stimmung und Atmosphäre transportieren kann, die die Handlung versucht zu kreieren. Die Charaktere hingegen passen gut ins Setting, sind entweder gebrochene Figuren (Carson, Jayne), clevere Strippenzieher (Doc) oder selbstgefällige Kleinganoven (Fraser), die ihre eigene Agenda fahren und sich dabei ordentlich übernehmen.

Apropos Fraser: Vor vielen Jahren mit den „Mumie“-Filmen zum Star avanciert, kämpfte er nach eigenen Aussagen lange mit den Folgen eines Missbrauchs und einer Depression, was nicht ganz spurlos an seinem Körper vorübergegangen ist. Hier passt seine Physis ganz wunderbar zu seiner Interpretation der Rolle. Man könnte es ‚Overacting‘ schimpfen. Oder einfach nur genießen, wie Fraser einen medikamentensüchtigen Arzt gibt, der nicht nur seinen moralischen Kompass längst verloren hat.

Vielleicht ist es die Freude am Wiedersehen mit so vielen ‚mag ich‘-Schauspielern, die mich so milde stimmt, obwohl „The Poison Rose“ im Kern nicht viel Neues zu erzählen hat. Es ist ein ‚Film noir‘-light, der – bis auf zwei nicht wirklich nötige Actionszenen – entspannt dahinfließt, gut inszeniert ist und auch ohne inhaltliche Überraschungen ein angenehmes Krimivergnügen bietet.

Die DVD/Blu-ray hat den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung an Bord. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es eine Bildergalerie sowie Trailer. „The Poison Rose – Dunkle Vergangenheit“ erscheint bei New KSM Cinema/Koch Films und ist seit 20. Februar 2020 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © KSM GmbH)

Heimkino-Tipp: „Skin“ (2018)

Die Haut, in der ich wohne

Dass rechtsextremistische Ansichten und Überzeugungen weltweit beständig auf dem Vormarsch sind, ist eine traurige und bittere Erkenntnis. Dies äußert sich u.a. auch in der Art und Weise, wie Menschen ihre Sympathie mit solcherlei Gedanken„gut“ heutzutage zum Ausdruck bringen. Denn längst scheint es für viele okay zu sein, nicht mehr nur im stillen Kämmerlein oder in der eigenen Filterblase ihren geistigen Unsinn zu verkünden, sondern es ebenso sichtbar nach außen zu tragen – sei es mittels Kleidung, Verhalten, Sprache oder Tätowierungen. Ein überaus extremes Beispiel hierfür stellt das Drama „Skin“ von Guy Nattiv vor.

Der Film basiert auf der Lebensgeschichte des ehemaligen US-Neo-Nazis Byron Widner, der einer rechtsradikalen Gruppe angehörte, die im ländlichen Nirgendwo ihre rassistische Ideologie mittels Gewalt und Provokation auslebt. Sein Leben nahm eine positive Wendung, als er sich in eine alleinstehende Mutter verliebte und aus Liebe zu ihr und ihren Töchtern der „White-Supremacy“-Bewegung den Rücken zukehrte.

Dargestellt wird Widner von Jamie Bell, der seine Figur mit einschüchternder Wucht auf die Leinwand bringt. Schon mit wenigen Gesten verdeutlicht er, dass die Tattoos, die sein Charakter überall auf dem Körper trägt, keine bloße Zierde sind. Nein, dieser Kerl ist konstant auf 180, jederzeit zu einer Konfrontation bereit und überzeugter Rassist. Seine neue Herzdame ist allerdings auch kein Tag am Strand: Julie (Danielle MacDonald), ebenso mit rechtsradikaler Vergangenheit, hat noch nicht alle Verbindungen zur Szene gekappt. Hauptsächlich deshalb, weil sie dort zusammen mit ihren drei Kindern hin und wieder noch als Gesangstruppe auftreten und ein wenig Geld verdienen kann.

Was „Skin“ auf hervorragende Weise herausarbeitet, sind die emotionalen Abhängigkeiten, mit denen die Anführer solcher Gruppen, hier beeindruckend gespielt von Bill Camp und Vera Farmiga, ihre Mitstreiter rekrutieren, manipulieren und mit perfiden Mitteln an sich binden. Parallel zu Widners Ausstiegsbestreben stellt der Film nämlich die sukzessive Annäherung eines anderen Jungen an die Gruppe dar, was Widners eigene Teenagerzeit inhaltlich spiegelt. Es sind Zuckerbrot und Peitsche, mit denen das „Führerehepaar“ familienähnliche Strukturen suggeriert, die vor allem bei vernachlässigten und gelangweilten Kids Anklang finden. Der konstante, ja schon exzessive Alkoholkonsum, das macht der Film deutlich, lässt schließlich letzte Hemmungen fallen.

Mehrmals unterbrochen wird die stringent erzählte Geschichte von Laserbehandlungen, denen sich Widner zu einem offenbar späteren Zeitpunkt unterzieht, um seine diversen Tätowierungen loszuwerden. Es ist ein sehr treffendes und vielsagendes Bild, wenn er dabei unter Schmerzen wieder eine einigermaßen „reine“ Haut zurückerhält. Es fasst nicht nur den langen inneren Kampf, den Aussteiger aus der rechten Szene führen, sehr direkt zusammen. Gleichsam verweist er auf die Narben, die zurückbleiben – sei es aufgrund von Gewissensbissen ob der eigenen schlimmen Taten oder aufgrund von physischen Verletzungen, die Aussteigern von ehemaligen „Kameraden“ zugefügt wurden.

„Skin“ geht im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut und kann auch als Anklage/Warnschuss an Regierungen gelesen werden, die es rechten Rattenfängern viel zu leicht machen.

Noch eine Anmerkung zur DVD/Blu-ray: Diese enthalten als Bonus den gleichnamigen, Oscar-prämierten Kurzfilm des Regisseurs. Dieser bewegt sich zwar in thematisch ähnlichen Gefilden, hat aber abseits davon nichts mit dem Langfilm gemein. Trotzdem ein großes Lob an den Verleih, dieses kleine Schmankerl der Heimkinoveröffentlichung beizufügen.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Extras gibt es den erwähnten Kurzfilm und Trailer. „Skin“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite Entertainment) und ist seit 7. Februar 2020 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Ascot Elite)

„Oscar Shorts“ (Kinostart: 30. Januar 2020)

Little Gems

Alles anders dieses Jahr: Statt wie üblich Ende Februar findet die Academy Awards-Verleihung 2020 bereits in der Nacht vom 9./10.02. statt. Darüber hinaus gab es selten eine so große Chance, sämtliche nominierten Filme auch in Deutschland schon vorab zu sehen. Ein besonderes Lob gilt dabei (Achtung: Schleichwerbung!) dem in Berlin ansässigen DCM-Filmverleih, der nun erstmals(?) die Kurzfilm-Kandidaten in zwei separaten Blöcken in die hiesigen Lichtspielhäuser bringt.

Jeweils fünf ‚Live Action‘ sowie ‚Animation‘-Werke stehen auf dem Programm und zeigen eindrucksvoll die ganze Bandbreite künstlerischen Schaffens in einem Genre, das viel mehr Beachtung verdient. In der Tat hoffe ich persönlich sehr, dass zumindest die Oscar-nominierten Kurzfilme auch in den kommenden Jahren in dieser oder anderer Weise zu sehen sein werden, bevor sie irgendwo im Internet-Nirwana verschwinden. Denn allein schon die ‚Best Live Action‘-Werke für 2020 sind schlicht wunderbar!

„A Sister“ (Belgien), „Brotherhood“ (Kanada/Tunesien/Katar/Schweden), „The Neighbors’ Window“ (USA), „Saria“ (USA) und „Nefta Football Club“ (Frankreich/Tunesien) sind dabei in ihrer Umsetzung so vielseitig wie in der Thematik, der sie sich widmen. Sie alle eint die Raffinesse ihrer Macher, in einem sehr begrenzten Zeitfenster (die Laufzeiten variieren zwischen 16 und 25 Minuten) Welten zu erschaffen, die mitreißen, berühren und mit wenigen Szenen viel über ihre Figuren erzählen. Und trifft einer der Streifen mal nicht den eigenen Geschmack, gibt es wenige Augenblicke später bereits den nächsten Film. Oder anders formuliert: Die Gefahr, in diesen 100 Minuten überhaupt nicht unterhalten zu werden, tendiert gegen 0.

Und das ist mehr, als jeder abendfüllende Spielfilm versprechen kann.

P.S.: Einer der animierten Kandidaten, „Hair Love“ (USA; siehe Bild), ist offiziell und ganz legal bereits online zu finden.

Plakat & still: © DCM / Shorts.tv

Heimkino-Tipp: „In My Skin“ (2018)

Farming

Der Brite Adewale Akinnuoye-Agbaje hat eine alles andere als normale Kindheit erlebt: 1967 als Sohn nigerianischer Einwanderer in London geboren, wuchs er bei (weißen) Pflegeeltern auf, während seine leiblichen Eltern studierten – eine Anfang der 1970er-Jahre in England offenbar gängige Praxis namens „Farming“ mit dem Ziel, schwarzen Kindern ein ‚besseres‘ Leben zu ermöglichen. Beständig rassistischen Anfeindungen ausgesetzt, schloss sich Akinnuoye-Agbaje einer lokalen Skinhead-Gruppe an, mit der er Überfälle auf andere Schwarze verübte und trotz seiner eigenen Hautfarbe deren menschenfeindliche Ideologie unterstütze. Nach einem Suizidversuch im Alter von 16 Jahren wagte er schließlich einen Neuanfang – und ist heute u.a. in Hollywood als Darsteller erfolgreich („Lost“, „Thor: The Dark Kingdom“, „Suicide Squad“). In seinem Regiedebüt „In My Skin“ nimmt er sich dieser, seiner eigenen Geschichte an und erzählt sie aus Sicht seines Alter Ego Enitan.

Schon früh wird dem Einzelgänger Eni (Zephan Amissah / Damson Idris) klar, dass er sich nicht nur aufgrund seines Verhaltens – er spielt gern allein versteckt hinter dem Wohnzimmersofa – von Gleichaltrigen unterscheidet. Zwar haben seine Pflegeeltern (u.a. Kate Beckinsale) auch Geschwister von ihm aufgenommen. Doch das hält sie und andere Nachbarn mit ähnlicher Familienkonstellation nicht davon ab, immerzu herablassende und rassistische Bemerkungen fallen zu lassen. Es ist wohl die Kälte im Elternhaus, die ihn einige Jahre später in die Arme einer brutalen Skinhead-Bande treibt, die ihn zwar nicht als gleichwertig akzeptiert, jedoch so etwas wie eine Ersatzfamilie bietet, dank derer er seiner Aggression immer und überall freien Lauf lassen kann.

„In My Skin“ ist von Minute eins an harter Tobak: der Trennung von den leiblichen Eltern folgt zunächst psychische Gewalt (seine Ersatzmama Ingrid missbraucht ihn zum Diebstahl von Schmuck), später kommt extreme körperliche Gewalt noch hinzu. In den ersten 90 der insgesamt 101 Minuten Laufzeit gibt es nur wenige Momente des Durchatmens, sowohl für die Hauptfigur als auch für die Zuschauer. Das vermittelt zwar drastisch und unmittelbar die Erfahrungen, die Akinnuoye-Agbaje einst selbst erdulden musste, schafft aber irgendwann ebenso Distanz. Enis innere Konflikte werden nur angedeutet, spätestens beim Mitprügeln an der Seite der Skins ist er reines Werkzeug und zu eigenem Denken scheinbar gar nicht mehr fähig. Das kann die Intention des Regisseurs sein – oder aber ein Versäumnis. Noch deutlicher wird dies anhand der Nebencharaktere, über deren Motivation man fast nichts erfährt – oder viel Widersprüchliches. So wechselt Mama Ingrids’ Verhalten mehrmals von fürsorglicher Beschützerin ihrer Adoptivkids zu vorurteilsbehafteten Rassistin, von stolzer Ersatzmutter zu völlig überfordertem Hausdrachen. Erst in der finalen Viertelstunde gesteht der Film seinem Protagonisten so etwas wie eine Weiterentwicklung zu, was dann leider sehr schnell und damit etwas unglaubwürdig abgehandelt wird.

So ist „In My Skin“ ein zweifellos interessantes und mitunter hartes Drama, das aber vielleicht mit einer ausgewogeneren Schwerpunktsetzung noch besser hätte werden können.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional vorhanden. Als Extras gibt es lediglich Trailer. „In My Skin“ erscheint bei Koch Films GmbH und ist seit 30. Januar 2020 erhältlich (Packshot + stills: © Koch Films)