Reichs(wald)bürger
Wer in Kindertagen das Grimm’sche Märchen „Hänsel und Gretel“ kennengelernt hat, weiß, dass einsam im Wald lebenden Personen oftmals besser mit Vorsicht zu begegnen ist. Spätestens seit den 1970er-Jahren, als Werke wie „Texas Chainsaw Massacre“ begannen, die Kinoleinwände dieser Welt blutrot zu färben, ist diese Weisheit auch im Horrorfilmbereich angekommen – und wird seither unerlässlich im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschlachtet.
Im Jahre 2003 begeisterte ein Streifen namens „Wrong Turn“ trotz inhaltlicher Vorhersehbarkeit die Fans dieses sogenannten Backwoods-Genres dank solider Schauspielleistungen (u.a. Eliza Dushku, bekannt aus der Serie „Buffy“, und Desmond Harrington, „Dexter“) und deftiger Splattereffekte aus dem legendären Stan-Winston-Studios. Der kleine filmische Fiesling kam so gut an, dass bis 2014 fünf minderwertige Fortsetzungen folgten, die jedoch außer Blut und Gedärm nichts Substanzielles zu bieten haben. Nun folgt mit „Wrong Turn: The Foundation“ ein quasi-Remake des ersten Teils. Oder ist es doch eher ein Spin-Off? Ein Reboot? Ein simpler Titelklau, um Fans der Reihe zu ködern? Wahrscheinlich all das. Immerhin verpflichtete man für das Drehbuch den Autor des Originals, Alan B. McElroy. Ansonsten blieb außer der Prämisse – Jugendliche aus der Stadt verirren sich im amerikanischen Hinterland und lernen ganz besondere Einheimische kennen – nicht viel übrig.
Positiv hervorzuheben ist der Fokus auf einen spannenden Storyaufbau statt einer simplen Aneinanderreihung von brutalen Körperteilentfernungen. Auch bekommen die Täter nun mehr Screentime und dürfen sich so etwas wie eine Rechtfertigung für ihr Tun andichten, wobei mensch sich als Zuschauer bei einigen der angeführten, ähh, „Argumente“ an die verquere Logik von Reichsbürgern und Konsorten erinnert fühlt. All das dient hier schlussendlich zwar auch nur als schwache Grundlage für eine blutige Menschenjagd. Allerdings kann das Skript vor allem zum Ende hin mit ein paar netten Wendungen aufwarten, die das Ganze temporeich vorantreiben. Von den Schauspielern (u.a. Charlotte Vega, Adain Bradley) fällt zumindest niemand im negativen Sinne aus der Rolle, doch ist gerade dem alten Hasen Matthew Modine („Full Metal Jacket“) die darstellerische Unterforderung anzumerken.
So bietet „Wrong Turn: The Foundation“ letztendlich solide Genrekost auf bewährten Terrain (haha!) und kann problemlos ohne Vorwissen aus den vorherigen Teilen konsumiert werden. Ein Snack für zwischendurch sozusagen, um noch einen weiteren unnötigen Wortwitz einzufügen. Schmeckt okay, stillt den Appetit und ist spätestens bei der nächsten Mahlzeit wieder vergessen.
Die Blu-ray/DVD bietet den Film u.a. in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Als Extras gibt es ein Making of, gelöschte Szenen und einen Audiokommentar. „Wrong Turn: The Foundation“ erscheint bei Constantin Film und ist seit 22. Juli 2021 erhältlich. (Packshot: © Constantin Film)
Liebe Filmfreunde!
Ein halbes Dutzend Kinoneustarts wöchentlich und unzählige Heimkino-Veröffentlichungen machen es heutzutage nicht leicht, „cineastische Perlen“ zu entdecken. Ob Rezensionen da helfen? Ich weiß es nicht, trotzdem will ich hier meinen Senf zum Thema Film & Kino dazugeben, möchte es wagen Neues zu loben, Klassiker zu verdammen, Aktuelles zu verteufeln, Altes zu empfehlen.
Und wer weiß: Vielleicht entdecken Sie so Ihren neuen Lieblingsfilm?
Heimkino-Tipp: „Jagd auf einen Unsichtbaren“ (1992)
Der Mann ohne Gesicht
In den vergangenen Monaten veröffentlichten drei von mir sehr geschätzte Musiker neue Alben im Bereich elektronische Musik: Mit „Hotspot“ lieferten die beiden Pet Shop Boys Neil Tennant und Chris Lowe zweifellos die Platte mit dem passendsten Titel zum Zustand der Welt, während der Regisseur a.D. John Carpenter – um beim Thema zu bleiben – mit „Alive After Death“ bereits die Musik zum Ende der Corona-Beschränkungen vorlegte. Das (in meinen Augen) Besondere: Mit 66 (Tennant) bzw. 61 (Lowe) sowie 73 Jahren (Carpenter) hauen diese drei Herren fetzigere und substanzvollere (Tanz-)Musik raus als die Mehrzahl ihrer jüngeren Kollegen. Unbedingt hörenswert!
Besonders im Falle des ehemaligen Filmemachers Carpenter ist dieser zweite künstlerische Frühling natürlich sehr erfreulich, waren seine (bisher) letzten Streifen ja nicht unbedingt von herausragender Qualität. Dass das mehr mit auferlegten Budgetbeschränkungen und nicht enden wollenden Zwischenrufen seitens der produzierenden Filmstudios zu tun gehabt hat als mit Carpenters Können, ist kein großes Geheimnis und war sicherlich einer der Hauptgründe, weshalb sich der gebürtige US-Amerikaner nach dem durchwachsenen „The Ward“ (2010) endgültig(?) vom Selbst-Filme-Machen verabschiedete. Als Soundtrack-Lieferant („Halloween“, 2018; „Halloween Kills“, 2021) ist er jedoch weiterhin im Business tätig und „droppt“, wie es neudeutsch so schön schräg heißt, als Musiker mit Band ab und an tolle Instrumental-Alben.
Was hat nun diese lange Vorrede mit „Jagd auf einen Unsichtbaren“ zu tun? Außer dem Mann auf dem Regiestuhl eigentlich nix. Oder zumindest soviel, da wohl auch die Erfahrungen beim Dreh dieses Films dazu beitrugen, den Graben zwischen „dem Künstler Carpenter“ und „dem System Hollywood“ weiter zu vertiefen. Denn obwohl der Carpenter-Touch hier und da zum Vorschein kommt, merkt man dem Endprodukt an, dass es wohl etlicher Kompromisse bedurfte, um alle Beteiligten halbwegs zufrieden zu stellen.
Dabei beginnt es vielversprechend: Eine scheinbar unsichtbare Person erinnert sich an jene Geschehnisse, die ihr ihren jetzigen Zustand beschert haben. Und das kam so: Der selbstbewusste Geschäftsmann Nick Halloway (Chevy Chase) lässt es am Abend vor einem Meeting ordentlich krachen und schläft daraufhin am nächsten Morgen während einer Präsentation in einem Nebenraum des Firmengebäudes ein. Als Nick erwacht, ist sein Körper nicht mehr sichtbar – und er fortan nur noch anhand der Kleidung, die ihn bedeckt, zu erkennen. Ein Unfall, dessen Folgen nach Ansicht des CIA-Agenten Jenkins (Sam Neill) ungeahnte Möglichkeiten bieten, jedoch unbedingt geheim gehalten werden müssen. Die Jagd auf Nick, den Unsichtbaren, beginnt.
Eine temporeiche Hatz, eine schöne Frau (Daryl Hannah) als helfende Komplizin und viele bemerkenswerte Special Effects: Auf dem Papier klingt „Jagd auf einen Unsichtbaren“ wie ein sicherer Kassenschlager. Dazu noch ein Regisseur, der eine ganze Fanschar anlockt und zwei Stars, die – zumindest vor der Kamera – als sympathisches Duo begeistern. Für einen kurzweiligen Filmspaß fehlt es tatsächlich an nix. Die Protagonisten eilen von einem Schauplatz zum nächsten, die Rollen gut/böse sind klar verteilt und die Prämisse des Unsichtbaren, dem es zunehmend schwerer fällt, nicht aufzufallen, sorgt für amüsante Momente.
Was fehlt, ist ein wenig Tiefgang, der die fantasievolle, aber keinesfalls unglaubwürdige Geschichte etwas erdet und zu mehr macht als eine bloße Ansammlung von actionreichen Einzelszenen. So läuft der Film schnurstracks auf ein erwartbares Finale zu, das ein wenig unausgegoren und für den einen oder anderen vielleicht auch unbefriedigend wirkt. So recht will und kann ich mir nicht vorstellen, dass dieses im Sinne von Carpenter entstand, dessen frühere Filme weit verstörendere Schlusspunkte setzten.
Doch (vor allem) im Filmbusiness gilt: Wer das Geld hat, hat die Macht – und darf im Zweifel entscheiden, wie und in welcher Stimmung eine solche Großproduktion zu enden hat. So bleibt „Jagd auf einen Unsichtbaren“ eine Art Carpenter light, der wunderbar unterhält, jedoch für meinen Geschmack etwas zu oberflächlich daherkommt, damit viel Potenzial verschenkt und vor allem in der zweiten Hälfte nicht ganz zu Ende gedacht scheint. Macht nix. Höre ich halt nochmal eine der Rentner-CDs und kreiere mir dabei ein eigenes, passenderes Filmende.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung sowie optional deutsche und englische Untertitel. Als Extras gibt es u.a. ein kurzes Making of, Interviews, entfernte Szenen und Trailer. „Jagd auf einen Unsichtbaren“ erscheint bei Koch Films und ist seit 10. Juni 2021 erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films)
In den vergangenen Monaten veröffentlichten drei von mir sehr geschätzte Musiker neue Alben im Bereich elektronische Musik: Mit „Hotspot“ lieferten die beiden Pet Shop Boys Neil Tennant und Chris Lowe zweifellos die Platte mit dem passendsten Titel zum Zustand der Welt, während der Regisseur a.D. John Carpenter – um beim Thema zu bleiben – mit „Alive After Death“ bereits die Musik zum Ende der Corona-Beschränkungen vorlegte. Das (in meinen Augen) Besondere: Mit 66 (Tennant) bzw. 61 (Lowe) sowie 73 Jahren (Carpenter) hauen diese drei Herren fetzigere und substanzvollere (Tanz-)Musik raus als die Mehrzahl ihrer jüngeren Kollegen. Unbedingt hörenswert!
Besonders im Falle des ehemaligen Filmemachers Carpenter ist dieser zweite künstlerische Frühling natürlich sehr erfreulich, waren seine (bisher) letzten Streifen ja nicht unbedingt von herausragender Qualität. Dass das mehr mit auferlegten Budgetbeschränkungen und nicht enden wollenden Zwischenrufen seitens der produzierenden Filmstudios zu tun gehabt hat als mit Carpenters Können, ist kein großes Geheimnis und war sicherlich einer der Hauptgründe, weshalb sich der gebürtige US-Amerikaner nach dem durchwachsenen „The Ward“ (2010) endgültig(?) vom Selbst-Filme-Machen verabschiedete. Als Soundtrack-Lieferant („Halloween“, 2018; „Halloween Kills“, 2021) ist er jedoch weiterhin im Business tätig und „droppt“, wie es neudeutsch so schön schräg heißt, als Musiker mit Band ab und an tolle Instrumental-Alben.
Was hat nun diese lange Vorrede mit „Jagd auf einen Unsichtbaren“ zu tun? Außer dem Mann auf dem Regiestuhl eigentlich nix. Oder zumindest soviel, da wohl auch die Erfahrungen beim Dreh dieses Films dazu beitrugen, den Graben zwischen „dem Künstler Carpenter“ und „dem System Hollywood“ weiter zu vertiefen. Denn obwohl der Carpenter-Touch hier und da zum Vorschein kommt, merkt man dem Endprodukt an, dass es wohl etlicher Kompromisse bedurfte, um alle Beteiligten halbwegs zufrieden zu stellen.
Dabei beginnt es vielversprechend: Eine scheinbar unsichtbare Person erinnert sich an jene Geschehnisse, die ihr ihren jetzigen Zustand beschert haben. Und das kam so: Der selbstbewusste Geschäftsmann Nick Halloway (Chevy Chase) lässt es am Abend vor einem Meeting ordentlich krachen und schläft daraufhin am nächsten Morgen während einer Präsentation in einem Nebenraum des Firmengebäudes ein. Als Nick erwacht, ist sein Körper nicht mehr sichtbar – und er fortan nur noch anhand der Kleidung, die ihn bedeckt, zu erkennen. Ein Unfall, dessen Folgen nach Ansicht des CIA-Agenten Jenkins (Sam Neill) ungeahnte Möglichkeiten bieten, jedoch unbedingt geheim gehalten werden müssen. Die Jagd auf Nick, den Unsichtbaren, beginnt.
Eine temporeiche Hatz, eine schöne Frau (Daryl Hannah) als helfende Komplizin und viele bemerkenswerte Special Effects: Auf dem Papier klingt „Jagd auf einen Unsichtbaren“ wie ein sicherer Kassenschlager. Dazu noch ein Regisseur, der eine ganze Fanschar anlockt und zwei Stars, die – zumindest vor der Kamera – als sympathisches Duo begeistern. Für einen kurzweiligen Filmspaß fehlt es tatsächlich an nix. Die Protagonisten eilen von einem Schauplatz zum nächsten, die Rollen gut/böse sind klar verteilt und die Prämisse des Unsichtbaren, dem es zunehmend schwerer fällt, nicht aufzufallen, sorgt für amüsante Momente.
Was fehlt, ist ein wenig Tiefgang, der die fantasievolle, aber keinesfalls unglaubwürdige Geschichte etwas erdet und zu mehr macht als eine bloße Ansammlung von actionreichen Einzelszenen. So läuft der Film schnurstracks auf ein erwartbares Finale zu, das ein wenig unausgegoren und für den einen oder anderen vielleicht auch unbefriedigend wirkt. So recht will und kann ich mir nicht vorstellen, dass dieses im Sinne von Carpenter entstand, dessen frühere Filme weit verstörendere Schlusspunkte setzten.
Doch (vor allem) im Filmbusiness gilt: Wer das Geld hat, hat die Macht – und darf im Zweifel entscheiden, wie und in welcher Stimmung eine solche Großproduktion zu enden hat. So bleibt „Jagd auf einen Unsichtbaren“ eine Art Carpenter light, der wunderbar unterhält, jedoch für meinen Geschmack etwas zu oberflächlich daherkommt, damit viel Potenzial verschenkt und vor allem in der zweiten Hälfte nicht ganz zu Ende gedacht scheint. Macht nix. Höre ich halt nochmal eine der Rentner-CDs und kreiere mir dabei ein eigenes, passenderes Filmende.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung sowie optional deutsche und englische Untertitel. Als Extras gibt es u.a. ein kurzes Making of, Interviews, entfernte Szenen und Trailer. „Jagd auf einen Unsichtbaren“ erscheint bei Koch Films und ist seit 10. Juni 2021 erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films)
Heimkino-Tipp: „Pelikanblut“ (2019)
Meine Welt, meine Liebe, mein Leben
Eltern zu sein, ist ein Vollzeitjob. Das war zwar auch schon vor der weltweiten Corona-Pandemie so. Vielen Entscheidungsträgern scheint es aber erst jetzt, in Zeiten von Lockdown, Homeschooling und Home Office, wirklich bewusst zu werden. Vor allem Alleinerziehenden gebührt mein immerwährender Respekt, durchleben sie solcherlei ‚Ausnahmezustände‘ ja quasi ständig.
Eine von ihnen ist die Pferdetrainerin Wibke (Nina Hoss), Protagonistin im Film „Pelikanblut“. Sie hat sich dazu entschlossen, ohne Partner ein Adoptivkind großzuziehen. Ein zweites soll die Mädelsfamilie nun komplettieren. In Bulgarien findet sie mit Raya (Katerina Lipovska) die scheinbar perfekte neue Schwester für Nikolina (Adelia-Constance Ocleppo). Schnell jedoch wird Wibke klar, dass Raya besondere Aufmerksamkeit benötigt. Offenbar hat sie in ihrem jungen Leben bereits Schlimmes durchleben müssen, was sie nun u.a. durch Provokationen am Esstisch, heimliche nächtliche Spaziergänge und Beißattacken zu verarbeiten versucht. Obwohl nicht nur Wibkes Arbeit und Freundschaften zunehmend darunter leiden, ist sie fest davon überzeugt, Raya mit Liebe, Geduld und recht ungewöhnlichen Maßnahmen besänftigen zu können. Doch diese überschreiten zunehmend von ihrem Umfeld akzeptierte Grenzen.
Ein schreiendes Kind, überforderte Erziehungsberechtigte und unkonventionelle Mittel: Fast scheint es, als befände man sich in einer Adaption des überaus erfolgreichen Dramas „Systemsprenger“, der etwa zur selben Zeit entstand, allerdings schon ein Jahr zuvor in den Kinos zu sehen war und seitdem im In- und Ausland für Furore sorgt. Doch „Pelikanblut“ hat anderes im Sinn und stellt im Gegensatz zum bekannten Vorgänger nicht das Kind, sondern die Mutter in den Mittelpunkt.
Nina Hoss spielt diese Frau (wie alle ihre Rollen) souverän und würdevoll, stattet ihren Charakter mit Stärke und Selbstvertrauen, aber ebenso mit Zweifeln und Makeln aus. Was Wibke zu der beziehungsscheuen, zurückgezogen lebenden Person gemacht hat, verrät das Drehbuch nicht. Nur eine sichtbare Narbe im Gesicht lässt erahnen, dass im Verborgenen noch viel mehr schlummert. Was die Figur und damit den Film so faszinierend macht, ist der feste Glaube von ihr, dem verstörten(?) Mädchen helfen zu können und Raya nicht – wie es einige aus Wibkes Umfeld ihr nahelegen – ab- und damit aufzugeben. Auch im übertragenen Sinn ist dies ein starkes Statement für die Opferbereitschaft einer jeden Mutter, wenn es um die eigenen Kids geht.
Überhaupt spickt Regisseurin und Autorin Katrin Gebbe („Tore tanzt“) ihr Werk mit vielen (auch religiösen) Gleichnissen, die die Geschichte auf vielfältige Weise in einem anderen Kontext spiegeln. Verpackt in einen Inszenierungsstil, der eher dem Horrorfilm-Genre zuzuordnen ist (Licht, Kamera, Geräuschkulisse), entpuppt sich „Pelikanblut“ als ein gelungener Hybrid, der seine Spannung nicht nur aus der Konfrontation der Figuren, sondern auch aus dem unerwarteten Storyverlauf und vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten zieht. Beklemmend, stilsicher und lange nachwirkend.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es Trailer. „Pelikanblut“ erscheint bei DCM Film Distribution GmbH im Vertrieb von Leonine und ist seit 9. April 2021 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © DCM)
Eltern zu sein, ist ein Vollzeitjob. Das war zwar auch schon vor der weltweiten Corona-Pandemie so. Vielen Entscheidungsträgern scheint es aber erst jetzt, in Zeiten von Lockdown, Homeschooling und Home Office, wirklich bewusst zu werden. Vor allem Alleinerziehenden gebührt mein immerwährender Respekt, durchleben sie solcherlei ‚Ausnahmezustände‘ ja quasi ständig.
Eine von ihnen ist die Pferdetrainerin Wibke (Nina Hoss), Protagonistin im Film „Pelikanblut“. Sie hat sich dazu entschlossen, ohne Partner ein Adoptivkind großzuziehen. Ein zweites soll die Mädelsfamilie nun komplettieren. In Bulgarien findet sie mit Raya (Katerina Lipovska) die scheinbar perfekte neue Schwester für Nikolina (Adelia-Constance Ocleppo). Schnell jedoch wird Wibke klar, dass Raya besondere Aufmerksamkeit benötigt. Offenbar hat sie in ihrem jungen Leben bereits Schlimmes durchleben müssen, was sie nun u.a. durch Provokationen am Esstisch, heimliche nächtliche Spaziergänge und Beißattacken zu verarbeiten versucht. Obwohl nicht nur Wibkes Arbeit und Freundschaften zunehmend darunter leiden, ist sie fest davon überzeugt, Raya mit Liebe, Geduld und recht ungewöhnlichen Maßnahmen besänftigen zu können. Doch diese überschreiten zunehmend von ihrem Umfeld akzeptierte Grenzen.
Ein schreiendes Kind, überforderte Erziehungsberechtigte und unkonventionelle Mittel: Fast scheint es, als befände man sich in einer Adaption des überaus erfolgreichen Dramas „Systemsprenger“, der etwa zur selben Zeit entstand, allerdings schon ein Jahr zuvor in den Kinos zu sehen war und seitdem im In- und Ausland für Furore sorgt. Doch „Pelikanblut“ hat anderes im Sinn und stellt im Gegensatz zum bekannten Vorgänger nicht das Kind, sondern die Mutter in den Mittelpunkt.
Nina Hoss spielt diese Frau (wie alle ihre Rollen) souverän und würdevoll, stattet ihren Charakter mit Stärke und Selbstvertrauen, aber ebenso mit Zweifeln und Makeln aus. Was Wibke zu der beziehungsscheuen, zurückgezogen lebenden Person gemacht hat, verrät das Drehbuch nicht. Nur eine sichtbare Narbe im Gesicht lässt erahnen, dass im Verborgenen noch viel mehr schlummert. Was die Figur und damit den Film so faszinierend macht, ist der feste Glaube von ihr, dem verstörten(?) Mädchen helfen zu können und Raya nicht – wie es einige aus Wibkes Umfeld ihr nahelegen – ab- und damit aufzugeben. Auch im übertragenen Sinn ist dies ein starkes Statement für die Opferbereitschaft einer jeden Mutter, wenn es um die eigenen Kids geht.
Überhaupt spickt Regisseurin und Autorin Katrin Gebbe („Tore tanzt“) ihr Werk mit vielen (auch religiösen) Gleichnissen, die die Geschichte auf vielfältige Weise in einem anderen Kontext spiegeln. Verpackt in einen Inszenierungsstil, der eher dem Horrorfilm-Genre zuzuordnen ist (Licht, Kamera, Geräuschkulisse), entpuppt sich „Pelikanblut“ als ein gelungener Hybrid, der seine Spannung nicht nur aus der Konfrontation der Figuren, sondern auch aus dem unerwarteten Storyverlauf und vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten zieht. Beklemmend, stilsicher und lange nachwirkend.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es Trailer. „Pelikanblut“ erscheint bei DCM Film Distribution GmbH im Vertrieb von Leonine und ist seit 9. April 2021 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © DCM)
Heimkino-Tipp: „Ema“ (2019)
Dancing Queen
Die Warnung ist da, klar und deutlich: „Wenn du erst einmal rausfindest, was ich tue und wieso, wirst du entsetzt sein.“ Die junge Tänzerin Ema (Mariana Di Girólamo) macht keinen Hehl daraus, dass sie einen (finsteren?) Plan hegt. Doch wer kann einer so schönen und außergewöhnlichen Frau schon Böses zutrauen? Ihr neuer Lover Aníbal (Santiago Cabrera) jedenfalls lässt sich gern von ihr verführen – und er bleibt nicht der einzige.
Der chilenische Film „Ema“ von Pablo Larraín („¡No!“; „Jackie“) entführt in die Welt des Reggaeton-Tanzes, den die titelgebende Protagonistin und ihre Freundinnen nicht nur auf den Straßen, sondern ebenso als Teil des Ensembles von Emas Gatten Gastón (Gael García Bernal) auf die Bühne bringen. Die Power und Leidenschaft, die Ema dabei zur Schau stellt, spiegelt auch ihre Willenskraft und ihr Durchsetzungsvermögen im Privatleben wider. Das bekommt vor allem Gastón zu spüren, den sie für das große Unglück in ihrem Leben verantwortlich macht: den Verlust des gemeinsamen Adoptivsohns Polo. Der Junge hatte beim Zündeln Emas Schwester so schwer verletzt, dass er zurück in die Obhut des Jugendamtes gegeben werden musste. Ein Zustand, den Ema weder ertragen noch dulden kann. Fortan setzt sie alles daran, „ihren“ Jungen zurückzubekommen.
Die Exposition des Films, die gezeichnet ist von zunächst scheinbar zusammenhanglos aneinandergereihten Szenen, fordert das Publikum gleich zu Beginn ordentlich. Doch es passt zum komplizierten Charakter der Hauptfigur, die beständig zwischen unbändiger Wut (auf Gastón) und überquellender Liebe (für Polo) schwankt und sich zwischendurch mit gleichsam provozierenden wie mitreißenden Tanzeinlagen abreagiert. Dass Ema gerade den Reggaeton-Tanzstil so verinnerlicht und liebt, passt da wie die Faust aufs Auge: sie ist intelligent, sexy, verrucht, selbstbewusst – und schlicht unaufhaltbar, wenn es darum geht, ihr Ziel zu erreichen.
„Ema“ kann zweifellos als Zeugnis der Selbstermächtigung einer Frau verstanden werden, die bereit ist für ihren Wunsch, eine Mutter zu sein, nahezu alles zu opfern bzw. alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen. Den Weg, den sie dazu beschreitet, kann mensch kritisieren und missbilligen. Für Regisseur Larraín hingegen bietet er eine wunderbare Spielwiese, um von der längst überfälligen Überwindung antiquierter Vorstellungen zu erzählen, was weiblich/männlich sein darf und soll. Wenn Gastón sich beispielsweise – in einer von Bernal grandios gespielten Szene – darüber echauffiert, wie frauenverachtend und anspruchslos Reggaeton-Musik eigentlich sei, gibt es ausgerechnet von den Mädels ordentlich contra. An anderer Stelle ist er es, der sich überhaupt nicht davon provozieren lässt, wenn Ema mal wieder pikante Details über ihn öffentlich enthüllt.
Ein Mann, der nicht widerspricht wenn seine Potenz angezweifelt wird? Eine Frau, die mit Vorliebe lasziv auftritt? Erbärmliches Männerbild? Rückwärtsgewandte Frauenrolle? Mitnichten! Stattdessen klares Statement dafür, einen Menschen nicht nur nach seinem Äußeren, seinen Vorlieben und seinen Makeln zu bewerten. Das mutige, unerwartete Ende unterstreicht das Anliegen von Larraín, traditionelle Rollenverteilungen zu überdenken, zusätzlich.
Inszenatorisch beeindruckt „Ema“ zudem mit einer tollen Bildsprache, in der Stadtpanoramen wie Bühnenbilder mehrdeutig in den Hintergrund der Szenen integriert werden und somit die Tanzszenen noch ‚fieberhafter‘ machen.
Ergo: Ein anspruchsvolles, lebendiges Stück Film auf der Höhe der Zeit, mit toller Musik, einer ungewöhnlichen Story und klasse agierenden Schauspielern.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in spanischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche, englische und spanische Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es diverses Promomaterial (Trailer, Musikvideo, Fotogalerie), zu dem auch ein kurzer Clip von der Filmpremiere zählt. Eigentlich nichts Besonderes, in (Corona-)Zeiten wie diesen jedoch wirken solche Partyaufnahmen mit unzähligen feiernden und glücklichen Menschen fast wie ein historisches Zeitdokument. Hach! „Ema – Sie spielt mit dem Feuer“ erscheint bei Koch Films und ist seit 18. März 2021 auch digital erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films)
Die Warnung ist da, klar und deutlich: „Wenn du erst einmal rausfindest, was ich tue und wieso, wirst du entsetzt sein.“ Die junge Tänzerin Ema (Mariana Di Girólamo) macht keinen Hehl daraus, dass sie einen (finsteren?) Plan hegt. Doch wer kann einer so schönen und außergewöhnlichen Frau schon Böses zutrauen? Ihr neuer Lover Aníbal (Santiago Cabrera) jedenfalls lässt sich gern von ihr verführen – und er bleibt nicht der einzige.
Der chilenische Film „Ema“ von Pablo Larraín („¡No!“; „Jackie“) entführt in die Welt des Reggaeton-Tanzes, den die titelgebende Protagonistin und ihre Freundinnen nicht nur auf den Straßen, sondern ebenso als Teil des Ensembles von Emas Gatten Gastón (Gael García Bernal) auf die Bühne bringen. Die Power und Leidenschaft, die Ema dabei zur Schau stellt, spiegelt auch ihre Willenskraft und ihr Durchsetzungsvermögen im Privatleben wider. Das bekommt vor allem Gastón zu spüren, den sie für das große Unglück in ihrem Leben verantwortlich macht: den Verlust des gemeinsamen Adoptivsohns Polo. Der Junge hatte beim Zündeln Emas Schwester so schwer verletzt, dass er zurück in die Obhut des Jugendamtes gegeben werden musste. Ein Zustand, den Ema weder ertragen noch dulden kann. Fortan setzt sie alles daran, „ihren“ Jungen zurückzubekommen.
Die Exposition des Films, die gezeichnet ist von zunächst scheinbar zusammenhanglos aneinandergereihten Szenen, fordert das Publikum gleich zu Beginn ordentlich. Doch es passt zum komplizierten Charakter der Hauptfigur, die beständig zwischen unbändiger Wut (auf Gastón) und überquellender Liebe (für Polo) schwankt und sich zwischendurch mit gleichsam provozierenden wie mitreißenden Tanzeinlagen abreagiert. Dass Ema gerade den Reggaeton-Tanzstil so verinnerlicht und liebt, passt da wie die Faust aufs Auge: sie ist intelligent, sexy, verrucht, selbstbewusst – und schlicht unaufhaltbar, wenn es darum geht, ihr Ziel zu erreichen.
„Ema“ kann zweifellos als Zeugnis der Selbstermächtigung einer Frau verstanden werden, die bereit ist für ihren Wunsch, eine Mutter zu sein, nahezu alles zu opfern bzw. alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen. Den Weg, den sie dazu beschreitet, kann mensch kritisieren und missbilligen. Für Regisseur Larraín hingegen bietet er eine wunderbare Spielwiese, um von der längst überfälligen Überwindung antiquierter Vorstellungen zu erzählen, was weiblich/männlich sein darf und soll. Wenn Gastón sich beispielsweise – in einer von Bernal grandios gespielten Szene – darüber echauffiert, wie frauenverachtend und anspruchslos Reggaeton-Musik eigentlich sei, gibt es ausgerechnet von den Mädels ordentlich contra. An anderer Stelle ist er es, der sich überhaupt nicht davon provozieren lässt, wenn Ema mal wieder pikante Details über ihn öffentlich enthüllt.
Ein Mann, der nicht widerspricht wenn seine Potenz angezweifelt wird? Eine Frau, die mit Vorliebe lasziv auftritt? Erbärmliches Männerbild? Rückwärtsgewandte Frauenrolle? Mitnichten! Stattdessen klares Statement dafür, einen Menschen nicht nur nach seinem Äußeren, seinen Vorlieben und seinen Makeln zu bewerten. Das mutige, unerwartete Ende unterstreicht das Anliegen von Larraín, traditionelle Rollenverteilungen zu überdenken, zusätzlich.
Inszenatorisch beeindruckt „Ema“ zudem mit einer tollen Bildsprache, in der Stadtpanoramen wie Bühnenbilder mehrdeutig in den Hintergrund der Szenen integriert werden und somit die Tanzszenen noch ‚fieberhafter‘ machen.
Ergo: Ein anspruchsvolles, lebendiges Stück Film auf der Höhe der Zeit, mit toller Musik, einer ungewöhnlichen Story und klasse agierenden Schauspielern.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in spanischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche, englische und spanische Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es diverses Promomaterial (Trailer, Musikvideo, Fotogalerie), zu dem auch ein kurzer Clip von der Filmpremiere zählt. Eigentlich nichts Besonderes, in (Corona-)Zeiten wie diesen jedoch wirken solche Partyaufnahmen mit unzähligen feiernden und glücklichen Menschen fast wie ein historisches Zeitdokument. Hach! „Ema – Sie spielt mit dem Feuer“ erscheint bei Koch Films und ist seit 18. März 2021 auch digital erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films)
Heimkino-Tipp: „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ (2020)
Parallelwelten
Sich gesund zu ernähren und dabei ebenso auf die Qualität seiner gewählten Lebensmittel zu achten, ist stets auch eine Frage der verfügbaren finanziellen Mittel. Nicht jeder, der Billigfleisch oder Dosensuppen kauft, macht das freiwillig. Shopping im Biomarkt kostet eben und ist nicht für jeden, der es auch tun möchte, möglich. Ähnlich verhält es sich mit Fabrikarbeitern, die bei einem der hiesigen Schlachthöfe schuften müssen. Dass die – meist ausländischen – Mitarbeiter dort kein paradiesisches Leben führen, ist hinlänglich bekannt. Ihnen die Schuld daran selbst zuzuschreiben, wäre an Zynismus und Überheblichkeit kaum zu überbieten. Und trotzdem geschieht genau das.
Der mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilm „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ von Yulia Lokshina nähert sich dieser Thematik auf etwas ungewöhnliche Weise an. Ihr Abschlussfilm an der HFF München lässt Mitarbeiter eines Schlachtbetriebs zu Wort kommen, begleitet eine Streetworkerin bei ihrem Versuch, deren Lage zu verbessern, und zeigt die Proben einer Theater-AG zu einem Brecht-Stück, das die Lebensumstände o.g. Arbeiter schon 1931 überaus radikal kritisierte. Dank der Gegenüberstellung aller drei Sichtweisen bzw. Erfahrungswelten entsteht ein vielschichtiges, in Teilen aber auch anstrengend zu schauendes Mosaik einer Parallelwelt, deren Defizite offen sichtbar sind aber kaum beachtet werden.
Dass Regisseurin Lokshina dabei kein Filmmaterial vom Innern einer Fleischfabrik präsentieren darf, verwundert angesichts der nicht erst im Corona-Jahr bekannt gewordenen Zustände dort wenig. Was dank der ungeschönten Beschreibungen einiger Mitarbeiter allerdings als Glücksfall angesehen werden darf. Nicht weniger einprägsam sind die Schilderungen im Umfeld der porträtierten Streetworkerin, die von einsamen Sturzgeburten in Garagen erzählt und an anderer Stelle von Kommunalpolitikern mit dem Verweis wegkomplimentiert wird, man wolle doch bitte keine Planwirtschaft, denn mit der „hätten wir ja bereits schlechte Erfahrungen gemacht“. Bitter in diesem Zusammenhang ist die Erkenntnis, dass die Verträge, mit denen die Arbeitskräfte abgespeist werden, im Einklang mit deutschem Recht stehen – auch wenn sie Klauseln enthalten, bei denen sich Fassungslosigkeit mit Entsetzen mischt.
„Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ ist keine Reportage im klassischen Sinne, in der Missstände aufgezeigt und Verantwortliche damit konfrontiert werden. Lokshina überlässt die Bewertung ihrem Publikum, driftet in einzelnen Szenen aber auch ein wenig zu sehr in Künstlerische ab. Das macht ihr Werk letztlich zu einem Dokumentarfilm, der hauptsächlich ein Publikum anspricht, das sich (zeitlich) den Genuss von (Film-)Kunst und philosophisch-gesellschaftlichen Diskursen leisten kann, während die, die hier vor der Kamera stehen, ihr Geld für die nächste Mahlzeit zusammenkratzen müssen.
Die DVD bietet den Film in deutscher Originalversion. Deutsche Untertitel für fremdsprachige Passagen sowie englische Untertitel für den ganzen Film sind ebenso an Bord. Als Extras gibt es zwei zusätzliche Szenen sowie einen Trailer. „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ erscheint bei good!movies/jip film & verleih und ist seit 12. März 2021 auch digital erhältlich (Packshot und stills: good!movies/jip film & verleih).
Sich gesund zu ernähren und dabei ebenso auf die Qualität seiner gewählten Lebensmittel zu achten, ist stets auch eine Frage der verfügbaren finanziellen Mittel. Nicht jeder, der Billigfleisch oder Dosensuppen kauft, macht das freiwillig. Shopping im Biomarkt kostet eben und ist nicht für jeden, der es auch tun möchte, möglich. Ähnlich verhält es sich mit Fabrikarbeitern, die bei einem der hiesigen Schlachthöfe schuften müssen. Dass die – meist ausländischen – Mitarbeiter dort kein paradiesisches Leben führen, ist hinlänglich bekannt. Ihnen die Schuld daran selbst zuzuschreiben, wäre an Zynismus und Überheblichkeit kaum zu überbieten. Und trotzdem geschieht genau das.
Der mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilm „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ von Yulia Lokshina nähert sich dieser Thematik auf etwas ungewöhnliche Weise an. Ihr Abschlussfilm an der HFF München lässt Mitarbeiter eines Schlachtbetriebs zu Wort kommen, begleitet eine Streetworkerin bei ihrem Versuch, deren Lage zu verbessern, und zeigt die Proben einer Theater-AG zu einem Brecht-Stück, das die Lebensumstände o.g. Arbeiter schon 1931 überaus radikal kritisierte. Dank der Gegenüberstellung aller drei Sichtweisen bzw. Erfahrungswelten entsteht ein vielschichtiges, in Teilen aber auch anstrengend zu schauendes Mosaik einer Parallelwelt, deren Defizite offen sichtbar sind aber kaum beachtet werden.
Dass Regisseurin Lokshina dabei kein Filmmaterial vom Innern einer Fleischfabrik präsentieren darf, verwundert angesichts der nicht erst im Corona-Jahr bekannt gewordenen Zustände dort wenig. Was dank der ungeschönten Beschreibungen einiger Mitarbeiter allerdings als Glücksfall angesehen werden darf. Nicht weniger einprägsam sind die Schilderungen im Umfeld der porträtierten Streetworkerin, die von einsamen Sturzgeburten in Garagen erzählt und an anderer Stelle von Kommunalpolitikern mit dem Verweis wegkomplimentiert wird, man wolle doch bitte keine Planwirtschaft, denn mit der „hätten wir ja bereits schlechte Erfahrungen gemacht“. Bitter in diesem Zusammenhang ist die Erkenntnis, dass die Verträge, mit denen die Arbeitskräfte abgespeist werden, im Einklang mit deutschem Recht stehen – auch wenn sie Klauseln enthalten, bei denen sich Fassungslosigkeit mit Entsetzen mischt.
„Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ ist keine Reportage im klassischen Sinne, in der Missstände aufgezeigt und Verantwortliche damit konfrontiert werden. Lokshina überlässt die Bewertung ihrem Publikum, driftet in einzelnen Szenen aber auch ein wenig zu sehr in Künstlerische ab. Das macht ihr Werk letztlich zu einem Dokumentarfilm, der hauptsächlich ein Publikum anspricht, das sich (zeitlich) den Genuss von (Film-)Kunst und philosophisch-gesellschaftlichen Diskursen leisten kann, während die, die hier vor der Kamera stehen, ihr Geld für die nächste Mahlzeit zusammenkratzen müssen.
Die DVD bietet den Film in deutscher Originalversion. Deutsche Untertitel für fremdsprachige Passagen sowie englische Untertitel für den ganzen Film sind ebenso an Bord. Als Extras gibt es zwei zusätzliche Szenen sowie einen Trailer. „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ erscheint bei good!movies/jip film & verleih und ist seit 12. März 2021 auch digital erhältlich (Packshot und stills: good!movies/jip film & verleih).
Heimkino-Tipp: „Assassins“ (2020)
Brudermord in Kuala Lumpur
Nordkorea gilt als das am meisten abgeschottete Land der Erde. Die de facto-Diktatur (laut Verfassung ein „sozialistischer Staat“) unter der Herrschaft der Kim-Familie besitzt u.a. eine eigene Uhrzeit, befindet sich gemäß des Juche-Kalenders (gezählt wird ab dem Geburtsjahr des früheren Staatschefs und „ewigen Präsidenten“ Kim Il Sung, 15. April 1912) momentan im Jahr 110, und steht seit vielen Jahren im weltweiten Demokratieindex an letzter Stelle.
Wie es im Inneren der „Volksrepublik“ tatsächlich zugeht, kann nur vermutet werden, da Touristen nur in Begleitung von nordkoreanischen Begleitern durch bestimmte Teile des Landes reisen dürfen (kurioser Fakt: Da Nordkorea gute diplomatische Beziehungen zur DDR besaß, beherrschen diese „Aufseher“ meist auch die deutsche Sprache). Die wenigen ehrlichen Zeugnisse über das Leben dort sorgen derweil oft für Kopfschütteln und – zumindest in meinem Fall – blankes Entsetzen. Wer mehr erfahren möchte, dem seien die beiden Dokumentationen „Camp 14 –Total Control Zone“ (2012, Regie: Marc Wiese) sowie „Im Strahl der Sonne“ (2015, Regie: Vitaliy Manskiy; HIER kostenfrei online verfügbar; bitte auf der Seite etwas runterscrollen) empfohlen.
Doch nun zum Film: Im Februar 2017 ereignete sich auf dem Flughafen im malaysischen Kuala Lumpur ein Mordanschlag, dem Kim Jong-nam, der ältere Bruder des derzeitigen nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un zum Opfer fiel. Ihm wurde der Nervenkampfstoff VX ins Gesicht geschmiert, eine Stunde später war er tot. Schon kurz darauf präsentierte die örtliche Polizei zwei junge Frauen als Täterinnen, als Beweis dienten Aufnahmen der Airport-Überwachungskameras. Fall gelöst, Sache erledigt? Mitnichten! Denn wie sich zeigen sollte, ist die Geschichte drumherum ein politisch-gesellschaftlicher Thriller par excellence, mit zwei unwissenden Mädchen als Kollateralschaden im Zentrum.
Die Dokumentation „Assassins – Brudermord in Kuala Lumpur“ von Ryan White („Im Vorzimmer der Beatles“, „Fragen Sie Dr. Ruth“) versucht, die Hintergründe um diesen ‚Mord in aller Öffentlichkeit‘ zu beleuchten. Erfreulicherweise nicht in einer Form, wie sie (leider) viele Reportagen und Dokus der heutigen Zeit auszeichnet, nämlich schnell geschnitten und mit selbsternannten „Experten“ als Kommentatoren. Nein, White wählt die andere, fast schon klassische Inszenierung in ruhigen Bildern, gefüttert mit Fachinterviews, Originalaufnahmen und Audiomaterial, welches durch dezente Zeichnungen veranschaulicht wird. Hinzu kommen simple Formalien wie Einblendung von Namen der Gesprächspartner, Ortsbezeichnungen und Jahreszahlen. Ich erwähne dies deshalb, da all diese Dinge für viele Dokumentarfilmer scheinbar inzwischen überflüssigen Ballast darstellen, auf den sie häufig verzichten – und damit bereitwillig ihre Glaubhaftigkeit diskreditieren. Bei White ist dies nicht der Fall.
Zwar kann auch er in seiner filmischen Aufarbeitung aus oben genannten Gründen keine ausführliche Stellungnahme Nordkoreas zu den Ereignissen präsentieren. Doch abgesehen davon haben White und sein Team zahlreiche Erkenntnisse zusammengetragen, die erstaunen lassen. Dass die beiden verhafteten Frauen nicht in Eigenregie handelten, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Oder drastischer formuliert: Man muss es selbst gesehen haben, um diese Aneinanderreihung von (wahren!) Absurditäten zu glauben.
Was neben der qualitativ hochwertigen Umsetzung der Geschichte ebenfalls erfreut: White beginnt seinen Film mit dem Statement eines Journalisten, der zunächst alles Folgende grob einordnet, gleichzeitig jedoch auf rechtliche Beschränkungen seiner Arbeit hinweist. Anschließend erfahren die Zuschauer etwas zur Familiengeschichte auf Opfer- und Täterseite, bevor schließlich die eigentliche Tat, der Prozess und die Arbeit der Anwälte in den Mittelpunkt rücken. White unterstreicht damit erstens, wie wichtig freier Journalismus ist, zweitens wie umfangreich gute Recherche sein muss, und drittens wie spannend faktenbasierte Reportagen sein können.
Gewöhnlich begegne ich Dokumentationen über reale Begebenheiten mit großer Skepsis, da mittels technischer Möglichkeiten und bewusster Auslassung bzw. Umdeutung von Bildern und Aussagen schnell eine gewünschte Beurteilung/Meinung beim Publikum hervorgerufen werden kann. Auch „Assassins“ wage ich nicht hundertprozentig von einem solchen Verdacht freizusprechen. Doch gibt es mindestens ein stichhaltiges Argument, das für den Wahrheitsgehalt dieser sehenswerten Doku spricht: Etwas so Verrücktes kann sich mensch unmöglich ausdenken!
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und mehrsprachiger Originalversion mit optionalen deutschen Untertiteln. Als Extras gibt es Trailer. „Assassins – Brudermord in Kuala Lumpur“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite Entertainment) und ist seit 26. Februar 2021 auch digital erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Ascot Elite)
Nordkorea gilt als das am meisten abgeschottete Land der Erde. Die de facto-Diktatur (laut Verfassung ein „sozialistischer Staat“) unter der Herrschaft der Kim-Familie besitzt u.a. eine eigene Uhrzeit, befindet sich gemäß des Juche-Kalenders (gezählt wird ab dem Geburtsjahr des früheren Staatschefs und „ewigen Präsidenten“ Kim Il Sung, 15. April 1912) momentan im Jahr 110, und steht seit vielen Jahren im weltweiten Demokratieindex an letzter Stelle.
Wie es im Inneren der „Volksrepublik“ tatsächlich zugeht, kann nur vermutet werden, da Touristen nur in Begleitung von nordkoreanischen Begleitern durch bestimmte Teile des Landes reisen dürfen (kurioser Fakt: Da Nordkorea gute diplomatische Beziehungen zur DDR besaß, beherrschen diese „Aufseher“ meist auch die deutsche Sprache). Die wenigen ehrlichen Zeugnisse über das Leben dort sorgen derweil oft für Kopfschütteln und – zumindest in meinem Fall – blankes Entsetzen. Wer mehr erfahren möchte, dem seien die beiden Dokumentationen „Camp 14 –Total Control Zone“ (2012, Regie: Marc Wiese) sowie „Im Strahl der Sonne“ (2015, Regie: Vitaliy Manskiy; HIER kostenfrei online verfügbar; bitte auf der Seite etwas runterscrollen) empfohlen.
Doch nun zum Film: Im Februar 2017 ereignete sich auf dem Flughafen im malaysischen Kuala Lumpur ein Mordanschlag, dem Kim Jong-nam, der ältere Bruder des derzeitigen nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un zum Opfer fiel. Ihm wurde der Nervenkampfstoff VX ins Gesicht geschmiert, eine Stunde später war er tot. Schon kurz darauf präsentierte die örtliche Polizei zwei junge Frauen als Täterinnen, als Beweis dienten Aufnahmen der Airport-Überwachungskameras. Fall gelöst, Sache erledigt? Mitnichten! Denn wie sich zeigen sollte, ist die Geschichte drumherum ein politisch-gesellschaftlicher Thriller par excellence, mit zwei unwissenden Mädchen als Kollateralschaden im Zentrum.
Die Dokumentation „Assassins – Brudermord in Kuala Lumpur“ von Ryan White („Im Vorzimmer der Beatles“, „Fragen Sie Dr. Ruth“) versucht, die Hintergründe um diesen ‚Mord in aller Öffentlichkeit‘ zu beleuchten. Erfreulicherweise nicht in einer Form, wie sie (leider) viele Reportagen und Dokus der heutigen Zeit auszeichnet, nämlich schnell geschnitten und mit selbsternannten „Experten“ als Kommentatoren. Nein, White wählt die andere, fast schon klassische Inszenierung in ruhigen Bildern, gefüttert mit Fachinterviews, Originalaufnahmen und Audiomaterial, welches durch dezente Zeichnungen veranschaulicht wird. Hinzu kommen simple Formalien wie Einblendung von Namen der Gesprächspartner, Ortsbezeichnungen und Jahreszahlen. Ich erwähne dies deshalb, da all diese Dinge für viele Dokumentarfilmer scheinbar inzwischen überflüssigen Ballast darstellen, auf den sie häufig verzichten – und damit bereitwillig ihre Glaubhaftigkeit diskreditieren. Bei White ist dies nicht der Fall.
Zwar kann auch er in seiner filmischen Aufarbeitung aus oben genannten Gründen keine ausführliche Stellungnahme Nordkoreas zu den Ereignissen präsentieren. Doch abgesehen davon haben White und sein Team zahlreiche Erkenntnisse zusammengetragen, die erstaunen lassen. Dass die beiden verhafteten Frauen nicht in Eigenregie handelten, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Oder drastischer formuliert: Man muss es selbst gesehen haben, um diese Aneinanderreihung von (wahren!) Absurditäten zu glauben.
Was neben der qualitativ hochwertigen Umsetzung der Geschichte ebenfalls erfreut: White beginnt seinen Film mit dem Statement eines Journalisten, der zunächst alles Folgende grob einordnet, gleichzeitig jedoch auf rechtliche Beschränkungen seiner Arbeit hinweist. Anschließend erfahren die Zuschauer etwas zur Familiengeschichte auf Opfer- und Täterseite, bevor schließlich die eigentliche Tat, der Prozess und die Arbeit der Anwälte in den Mittelpunkt rücken. White unterstreicht damit erstens, wie wichtig freier Journalismus ist, zweitens wie umfangreich gute Recherche sein muss, und drittens wie spannend faktenbasierte Reportagen sein können.
Gewöhnlich begegne ich Dokumentationen über reale Begebenheiten mit großer Skepsis, da mittels technischer Möglichkeiten und bewusster Auslassung bzw. Umdeutung von Bildern und Aussagen schnell eine gewünschte Beurteilung/Meinung beim Publikum hervorgerufen werden kann. Auch „Assassins“ wage ich nicht hundertprozentig von einem solchen Verdacht freizusprechen. Doch gibt es mindestens ein stichhaltiges Argument, das für den Wahrheitsgehalt dieser sehenswerten Doku spricht: Etwas so Verrücktes kann sich mensch unmöglich ausdenken!
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und mehrsprachiger Originalversion mit optionalen deutschen Untertiteln. Als Extras gibt es Trailer. „Assassins – Brudermord in Kuala Lumpur“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite Entertainment) und ist seit 26. Februar 2021 auch digital erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Ascot Elite)
Wieland Schwanebeck: „James Bond – 100 Seiten“ (2021)
Buch-Tipp
Ich versuche gar nicht erst, objektiv zu sein. Einerseits, da der Autor des hier vorgestellten Werks ein lieber Freund ist. Andererseits bin ich ohnehin schon lange ein Fan seiner nonchalanten, aber stets wissenschaftlich fundierten und sehr amüsant formulierten Herangehensweise an Themen aller Art.
Nun könnte man meinen, zu der Figur James Bond sei inzwischen alles gesagt und geschrieben worden, sowohl aus popkultureller als auch filmhistorischer Sicht. Zumal das Konzept „100 Seiten“, in deren Reihe dieses Buch erscheint, von Natur aus Reduzierung aufs Wesentliche verlangt und vermuten lässt, dass hier nur fix bekannte Fakten und etwas Gossip zusammengetragen wurden. Das Gegenteil ist der Fall.
Wieland nutzt das Format optimal, um in „007 Kapiteln“ nicht nur prägnant auf die literarische Vorlage von Ian Fleming und die ersten Versuche der filmischen Adaption einzugehen, sondern ebenso als erfrischend ehrliche und charmante Entblößung sämtlicher Versatzstücke und Rollenbilder, die die Reihe seit nunmehr fast 60 (Film-)Jahren ohne Scham immer wieder neu verpackt und erfolgreich sein lässt. Dabei nicht überheblich zu klingen und gleichzeitig Respekt für das erschaffene Bond-Universum zu zeigen, ist die große Kunst seiner Ausführungen. Ergänzt wird dies mit witzigen Infografiken (Bonds Waffenarsenal), tabellarischen Aufstellungen (sportliche Duelle mit Bösewichtern, Bau deinen eigenen Bond-Titel!) sowie allerhand Fotos und Vielem mehr.
Hinzu kommen interessante, z.T. neue Interpretationsansätze bezüglich des von Bond (bzw. dessen Schöpfern) verkörperten Gesellschaftsbilds, das sich vor allem hinter dem großen Bombast der Filme versteckt und – zumindest mich – ob der historischen Konnotation teilweise sehr erschüttert. Das alles unterlegt der Autor mit zahlreichen nachweis- und nachschaubaren Belegen aus Literatur und Filmszenen, was dieses Buch zu Recht von anderen, eher oberflächlichen ‚Bond Best of‘-Veröffentlichungen abhebt, die zweifellos auch dieses(?) Jahr wieder, mit dem geplanten Kinostart des neuesten 007-Abenteuers, die Buchregale füllen werden.
Apropos: Der derzeit festgelegte Termin für den voraussichtlich letzten Einsatz von Daniel Craig als britischer Agent, „Keine Zeit zu sterben“, ist der 7. Oktober 2021. Genug Zeit also, um vorher „James Bond. 100 Seiten“ zu genießen und vielleicht sogar einiges Neues über die berühmte Doppel Null zu erfahren.
Ein Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe finden sich HIER.
Wieland Schwanebeck: „James Bond. 100 Seiten“ (broschiert, Format 11,4 x 17 cm, 100 Seiten inkl. 15 Abb. und Infografiken) erscheint bei Reclam und ist voraussichtlich ab 12. Februar 2021 auch als E-Book erhältlich. ISBN: 978-3-15-020577-8 (Buchcover: © 2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH)
Ich versuche gar nicht erst, objektiv zu sein. Einerseits, da der Autor des hier vorgestellten Werks ein lieber Freund ist. Andererseits bin ich ohnehin schon lange ein Fan seiner nonchalanten, aber stets wissenschaftlich fundierten und sehr amüsant formulierten Herangehensweise an Themen aller Art.
Nun könnte man meinen, zu der Figur James Bond sei inzwischen alles gesagt und geschrieben worden, sowohl aus popkultureller als auch filmhistorischer Sicht. Zumal das Konzept „100 Seiten“, in deren Reihe dieses Buch erscheint, von Natur aus Reduzierung aufs Wesentliche verlangt und vermuten lässt, dass hier nur fix bekannte Fakten und etwas Gossip zusammengetragen wurden. Das Gegenteil ist der Fall.
Wieland nutzt das Format optimal, um in „007 Kapiteln“ nicht nur prägnant auf die literarische Vorlage von Ian Fleming und die ersten Versuche der filmischen Adaption einzugehen, sondern ebenso als erfrischend ehrliche und charmante Entblößung sämtlicher Versatzstücke und Rollenbilder, die die Reihe seit nunmehr fast 60 (Film-)Jahren ohne Scham immer wieder neu verpackt und erfolgreich sein lässt. Dabei nicht überheblich zu klingen und gleichzeitig Respekt für das erschaffene Bond-Universum zu zeigen, ist die große Kunst seiner Ausführungen. Ergänzt wird dies mit witzigen Infografiken (Bonds Waffenarsenal), tabellarischen Aufstellungen (sportliche Duelle mit Bösewichtern, Bau deinen eigenen Bond-Titel!) sowie allerhand Fotos und Vielem mehr.
Hinzu kommen interessante, z.T. neue Interpretationsansätze bezüglich des von Bond (bzw. dessen Schöpfern) verkörperten Gesellschaftsbilds, das sich vor allem hinter dem großen Bombast der Filme versteckt und – zumindest mich – ob der historischen Konnotation teilweise sehr erschüttert. Das alles unterlegt der Autor mit zahlreichen nachweis- und nachschaubaren Belegen aus Literatur und Filmszenen, was dieses Buch zu Recht von anderen, eher oberflächlichen ‚Bond Best of‘-Veröffentlichungen abhebt, die zweifellos auch dieses(?) Jahr wieder, mit dem geplanten Kinostart des neuesten 007-Abenteuers, die Buchregale füllen werden.
Apropos: Der derzeit festgelegte Termin für den voraussichtlich letzten Einsatz von Daniel Craig als britischer Agent, „Keine Zeit zu sterben“, ist der 7. Oktober 2021. Genug Zeit also, um vorher „James Bond. 100 Seiten“ zu genießen und vielleicht sogar einiges Neues über die berühmte Doppel Null zu erfahren.
Ein Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe finden sich HIER.
Wieland Schwanebeck: „James Bond. 100 Seiten“ (broschiert, Format 11,4 x 17 cm, 100 Seiten inkl. 15 Abb. und Infografiken) erscheint bei Reclam und ist voraussichtlich ab 12. Februar 2021 auch als E-Book erhältlich. ISBN: 978-3-15-020577-8 (Buchcover: © 2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH)
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