Heimkino-Tipp: „Anatomie“ (2000) / „Anatomie 2“ (2003)

Teufel in Weiß

In den 1990er-Jahren konnte mensch den Eindruck gewinnen, deutsches Kino bestehe hauptsächlich aus mittelmäßigen Komödien. Zumindest waren die großen Kassenerfolge meist diesem Genre zuzuordnen. Da kam es schon fast einer kleinen Revolution gleich, als der gebürtige Österreicher und spätere Oscar-Preisträger (für „Die Fälscher“, 2008) Stefan Ruzowitzky 2000 einen Thriller präsentierte, der nicht nur ein junges Publikum ansprach, sondern derart erfolgreich war, dass drei Jahre später eine noch hippere Fortsetzung produziert wurde. „Anatomie“ und „Anatomie 2“ erscheinen nun erstmals auf Blu-ray in einem schicken Mediabook sowie als DVD-Neuauflagen.

Im ersten Teil steht die ehrgeizige Medizinstudentin Paula (Franka Potente mit einer fürchterlichen Frisur) im Mittelpunkt, die an der Uni Heidelberg einem ominösen Geheimbund auf die Schliche kommt, dessen Mitglieder ihre „Forschung“ bevorzugt an lebenden Versuchsobjekten durchführen, die sie sich betäubt aber wach auf den Seziertisch legen. Teil zwei erzählt eine etwas abgewandelte Geschichte mit einem männlichen Protagonisten: Der angehende Arzt Jo (Barnaby Metschurat) absolviert ein Praktikum an einem Berliner Krankenhaus, an dem der renommierte Professor Müller-LaRousse (Herbert Knaup) forscht. Jo wird Teil von dessen Team – im wahrsten Sinne des Wortes.

Sowohl „Anatomie“ als auch „Anatomie 2“ wurden von Ruzowitzky geschrieben und inszeniert. Eine wunderbare Möglichkeit, die ‚Weiterentwicklung‘ des Filmemachers zu begutachten, der sich zwischen den beiden Projekten an einer Komödie für den amerikanischen Markt probierte („Die Männer Ihrer Majestät“, 2001) – und einen Flop kassierte. Nichtsdestotrotz treten gerade im zweiten Teil jene Stilmittel noch mehr in den Vordergrund, die eindeutig auf ein internationales Publikum schielen und typisch sind für aus Hollywood stammende Thriller jener Zeit. Verwerflich ist das keinesfalls, allerdings treten schlüssige Dramaturgie und Atmosphäre dabei merklich in den Hintergrund. Das Ergebnis: Während der Erstling mehr Horrorelemente bietet, gibt’s im Nachfolger ordentlich Action und schnelle Schnitte.

Was beide Streifen gemein haben, ist eine – zumindest auf den ersten Blick – namhafte Besetzung mit vornehmlich (damals) jungen Stars der deutschen Filmszene (Potente, Benno Fürmann, Anna Loos, Sebastian Blomberg bzw. Metschurat, Heike Makatsch, Wotan Wilke Möhring, Frank Giering, August Diehl, Hanno Koffler). Subtiles Agieren vor der Kamera ist hier jedoch nicht gefragt: Viele hölzerne Dialoge, stets etwas überambitioniert vorgetragen, dazu (vor allem in Teil 2) zackige Schnitte mit Nahaufnahmen der Gesichter, damit das Publikum sofort die Emotionen der Figuren erahnen kann. Dass die jungen Wilden es besser können, haben sie in den folgenden Jahren oft genug bewiesen.

Eine zweite weniger schöne Gemeinsamkeit ist die Filmmusik: Zu penetrant, zu vordergründig und mitunter völlig fehl am Platze schlägt sie den Zuschauern entgegen, abermals mit dem Ziel, Spannungsmomente zu suggerieren, die ohne musikalische Übermalung sehr viel wirkungsvoller wären.

Doch genug geschimpft! Es verwundert nicht, dass Ruzowitzky mit seinen Schlitzerfilmen auch im Ausland punkten konnte: Die Inszenierung ist flott, die Darsteller schön und die Schauwerte beachtlich. Großes Lob gilt hier vor allem den Effektekünstlern für Teil 2, die sich offenbar richtig austoben durften. Klasse!

„Anatomie“ und „Anatomie 2“ erscheinen als Repack in einem sehr schicken Mediabook mit inhaltsgleicher Blu-ray/DVD sowie als Doppel-DVD (Amaray). Die Filme liegen in deutscher Originalsprache mit optionalen deutschen und englischen Untertiteln vor. Teil 1 bietet zusätzlich noch eine englisch synchronisierte Sprachfassung. Als Extras gibt es u.a. Making ofs, entfallene Szenen sowie Trailer. „Anatomie“ / „Anatomie 2“ erscheint bei justbridge entertainment GmbH/Columbia/Sony und ist seit 27. August 2021 erhältlich. (Packshot + stills: © justbridge/Columbia/Sony)

Heimkino-Tipp: „City of Lies“ (2018)

2 of amerikaz most wanted murderers

Die (Weiter-)Entwicklung der amerikanischen Rapmusik und deren weltweiter Erfolg ist untrennbar mit den beiden Künstlern 2Pac und The Notorious B.I.G. verbunden. Beide zählten in den 1990er-Jahren zur Sperrspitze des Genres und gelten auch heute noch als zwei der wichtigsten, einflussreichsten und bekanntesten Vertreter jener Musik, die mittels Sprechgesang ein realistisches Abbild des oftmals rauhen Alltags der people of color in den US of A zeichnet. Was beide Herren bedauerlicherweise ebenso verbindet, ist ihr früher gewaltsamer Tod: Sowohl Tupac Shakur alias 2Pac als auch Christopher Wallace alias The Notorious B.I.G. wurden im Alter von 25 bzw. 24 auf offener Straße erschossen. Beide Taten sind bis heute nicht aufgeklärt.

Etliche Dokumentar- und Spielfilme sind in den vergangenen 20 Jahren entstanden und haben mal mehr mal weniger gründlich die Umstände der Attentate thematisiert. Handelte es sich um Auftragsmorde? Waren die Künstler selbst oder zumindest ihre Entourage involviert? Mit „City of Lies“ fügt Regisseur Brad Furman („Der Mandant“, „The Infiltrator“) dieser scheinbar endlosen Diskussion nun ein weiteres Kapitel hinzu, in dem sich Johnny Depp und Forest Whitaker als Ermittler/Journalist-Gespann auf Spurensuche begeben.

Basierend auf einer realen Person verkörpert Depp den Polizisten Russell Poole, der sich nach der Ermordung von Wallace in den Fall regelrecht verbeißt und mit seinen Recherchen sehr schnell intern aneckt. Denn Poole findet heraus, dass das Produzenten-Schwergewicht Suge Knight, bei dem der zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbene Shakur unter Vertrag stand, etliche Polizisten beschäftigt und bezahlt, um ihm nicht nur den Rücken freizuhalten, sondern um ebenso Raubüberfälle, Drogengeschäfte und Schlimmeres zu kaschieren. Poole wird der Fall schließlich entzogen, er quittiert frustriert den Dienst. Jahre später spürt ihn der Reporter Jack Jackson (Whitaker) auf. Zusammen beginnen sie erneut nachzuforschen.

Obacht! „City of Lies“ ist kein Krimi, der stoisch die Fakten abarbeitet und hin und wieder ein paar flotte Actionszenen vom Stapel lässt. Vielmehr graben sich Regisseur Furman und sein Drehbuchautor Christian Contreras ebenso wie die Figur Poole tief in ein komplexes Geflecht mafiöser Strukturen hinein, die ihren realen Ursprung im „Rampart-Skandal“ haben, in dessen Folge damals mehr als 70 Polizisten von Los Angeles verschiedener schwerer Verbrechen angeklagt wurden. Depp gibt seinen Charakter als müden, ausgebrannten und einsamen Einzelgänger mit angedeuteter Plauze, die entsättigte Farbgebung unterstreicht derweil Pooles unübersehbare Ernüchterung über die Machenschaften seiner Kollegen. Gerade im direkten Vergleich mit Depps over-the-top-Auftritten als Jack Sparrow in den „Fluch der Karibik“-Filmen mag seine Performance hier lustlos und zurückgenommen wirken, ist jedoch in meinen Augen ganz großes Kino und eine Charakterstudie der außergewöhnlichen Art. Sein Kollege Whitaker macht seine Sache wie immer gut, bekommt aber nur in wenigen Szenen die Chance, seiner Figur ein wenig mehr Tiefe zu geben.

Letztendlich bilden die trostlose Stimmung und das behäbige Erzähltempo treffend die langjährigen, frustrierenden Ermittlungen ab, die diesen Fall so interessant und kompliziert zugleich erscheinen lassen – ganz nach meinem Geschmack. Wer es dagegen flotter, mit mehr Musik bestückt aber eben leider auch oberflächlicher mag, dem seien an dieser Stelle die beiden Filmbiografien „Notorious“ (2009, mit Wallace im Mittelpunkt) und „All Eyez On Me“ (2017, für 2Pac-Fans) empfohlen.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es einen Audiokommentar, geschnittene Szenen, ein Making of sowie Trailer. „City of Lies“ erscheint bei Koch Films ab 12. August 2021 digital und ab 26. August 2021 auf DVD/Blu-ray. (Packshots + stills: © Koch Films)

Heimkino-Tipp: „Wrong Turn: The Foundation“ (2021)

Reichs(wald)bürger

Wer in Kindertagen das Grimm’sche Märchen „Hänsel und Gretel“ kennengelernt hat, weiß, dass einsam im Wald lebenden Personen oftmals besser mit Vorsicht zu begegnen ist. Spätestens seit den 1970er-Jahren, als Werke wie „Texas Chainsaw Massacre“ begannen, die Kinoleinwände dieser Welt blutrot zu färben, ist diese Weisheit auch im Horrorfilmbereich angekommen – und wird seither unerlässlich im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschlachtet.

Im Jahre 2003 begeisterte ein Streifen namens „Wrong Turn“ trotz inhaltlicher Vorhersehbarkeit die Fans dieses sogenannten Backwoods-Genres dank solider Schauspielleistungen (u.a. Eliza Dushku, bekannt aus der Serie „Buffy“, und Desmond Harrington, „Dexter“) und deftiger Splattereffekte aus dem legendären Stan-Winston-Studios. Der kleine filmische Fiesling kam so gut an, dass bis 2014 fünf minderwertige Fortsetzungen folgten, die jedoch außer Blut und Gedärm nichts Substanzielles zu bieten haben. Nun folgt mit „Wrong Turn: The Foundation“ ein quasi-Remake des ersten Teils. Oder ist es doch eher ein Spin-Off? Ein Reboot? Ein simpler Titelklau, um Fans der Reihe zu ködern? Wahrscheinlich all das. Immerhin verpflichtete man für das Drehbuch den Autor des Originals, Alan B. McElroy. Ansonsten blieb außer der Prämisse – Jugendliche aus der Stadt verirren sich im amerikanischen Hinterland und lernen ganz besondere Einheimische kennen – nicht viel übrig.

Positiv hervorzuheben ist der Fokus auf einen spannenden Storyaufbau statt einer simplen Aneinanderreihung von brutalen Körperteilentfernungen. Auch bekommen die Täter nun mehr Screentime und dürfen sich so etwas wie eine Rechtfertigung für ihr Tun andichten, wobei mensch sich als Zuschauer bei einigen der angeführten, ähh, „Argumente“ an die verquere Logik von Reichsbürgern und Konsorten erinnert fühlt. All das dient hier schlussendlich zwar auch nur als schwache Grundlage für eine blutige Menschenjagd. Allerdings kann das Skript vor allem zum Ende hin mit ein paar netten Wendungen aufwarten, die das Ganze temporeich vorantreiben. Von den Schauspielern (u.a. Charlotte Vega, Adain Bradley) fällt zumindest niemand im negativen Sinne aus der Rolle, doch ist gerade dem alten Hasen Matthew Modine („Full Metal Jacket“) die darstellerische Unterforderung anzumerken.

So bietet „Wrong Turn: The Foundation“ letztendlich solide Genrekost auf bewährten Terrain (haha!) und kann problemlos ohne Vorwissen aus den vorherigen Teilen konsumiert werden. Ein Snack für zwischendurch sozusagen, um noch einen weiteren unnötigen Wortwitz einzufügen. Schmeckt okay, stillt den Appetit und ist spätestens bei der nächsten Mahlzeit wieder vergessen.

Die Blu-ray/DVD bietet den Film u.a. in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Als Extras gibt es ein Making of, gelöschte Szenen und einen Audiokommentar. „Wrong Turn: The Foundation“ erscheint bei Constantin Film und ist seit 22. Juli 2021 erhältlich. (Packshot: © Constantin Film)

Heimkino-Tipp: „Jagd auf einen Unsichtbaren“ (1992)

Der Mann ohne Gesicht

In den vergangenen Monaten veröffentlichten drei von mir sehr geschätzte Musiker neue Alben im Bereich elektronische Musik: Mit „Hotspot“ lieferten die beiden Pet Shop Boys Neil Tennant und Chris Lowe zweifellos die Platte mit dem passendsten Titel zum Zustand der Welt, während der Regisseur a.D. John Carpenter – um beim Thema zu bleiben – mit „Alive After Death“ bereits die Musik zum Ende der Corona-Beschränkungen vorlegte. Das (in meinen Augen) Besondere: Mit 66 (Tennant) bzw. 61 (Lowe) sowie 73 Jahren (Carpenter) hauen diese drei Herren fetzigere und substanzvollere (Tanz-)Musik raus als die Mehrzahl ihrer jüngeren Kollegen. Unbedingt hörenswert!

Besonders im Falle des ehemaligen Filmemachers Carpenter ist dieser zweite künstlerische Frühling natürlich sehr erfreulich, waren seine (bisher) letzten Streifen ja nicht unbedingt von herausragender Qualität. Dass das mehr mit auferlegten Budgetbeschränkungen und nicht enden wollenden Zwischenrufen seitens der produzierenden Filmstudios zu tun gehabt hat als mit Carpenters Können, ist kein großes Geheimnis und war sicherlich einer der Hauptgründe, weshalb sich der gebürtige US-Amerikaner nach dem durchwachsenen „The Ward“ (2010) endgültig(?) vom Selbst-Filme-Machen verabschiedete. Als Soundtrack-Lieferant („Halloween“, 2018; „Halloween Kills“, 2021) ist er jedoch weiterhin im Business tätig und „droppt“, wie es neudeutsch so schön schräg heißt, als Musiker mit Band ab und an tolle Instrumental-Alben.

Was hat nun diese lange Vorrede mit „Jagd auf einen Unsichtbaren“ zu tun? Außer dem Mann auf dem Regiestuhl eigentlich nix. Oder zumindest soviel, da wohl auch die Erfahrungen beim Dreh dieses Films dazu beitrugen, den Graben zwischen „dem Künstler Carpenter“ und „dem System Hollywood“ weiter zu vertiefen. Denn obwohl der Carpenter-Touch hier und da zum Vorschein kommt, merkt man dem Endprodukt an, dass es wohl etlicher Kompromisse bedurfte, um alle Beteiligten halbwegs zufrieden zu stellen.

Dabei beginnt es vielversprechend: Eine scheinbar unsichtbare Person erinnert sich an jene Geschehnisse, die ihr ihren jetzigen Zustand beschert haben. Und das kam so: Der selbstbewusste Geschäftsmann Nick Halloway (Chevy Chase) lässt es am Abend vor einem Meeting ordentlich krachen und schläft daraufhin am nächsten Morgen während einer Präsentation in einem Nebenraum des Firmengebäudes ein. Als Nick erwacht, ist sein Körper nicht mehr sichtbar – und er fortan nur noch anhand der Kleidung, die ihn bedeckt, zu erkennen. Ein Unfall, dessen Folgen nach Ansicht des CIA-Agenten Jenkins (Sam Neill) ungeahnte Möglichkeiten bieten, jedoch unbedingt geheim gehalten werden müssen. Die Jagd auf Nick, den Unsichtbaren, beginnt.

Eine temporeiche Hatz, eine schöne Frau (Daryl Hannah) als helfende Komplizin und viele bemerkenswerte Special Effects: Auf dem Papier klingt „Jagd auf einen Unsichtbaren“ wie ein sicherer Kassenschlager. Dazu noch ein Regisseur, der eine ganze Fanschar anlockt und zwei Stars, die – zumindest vor der Kamera – als sympathisches Duo begeistern. Für einen kurzweiligen Filmspaß fehlt es tatsächlich an nix. Die Protagonisten eilen von einem Schauplatz zum nächsten, die Rollen gut/böse sind klar verteilt und die Prämisse des Unsichtbaren, dem es zunehmend schwerer fällt, nicht aufzufallen, sorgt für amüsante Momente.

Was fehlt, ist ein wenig Tiefgang, der die fantasievolle, aber keinesfalls unglaubwürdige Geschichte etwas erdet und zu mehr macht als eine bloße Ansammlung von actionreichen Einzelszenen. So läuft der Film schnurstracks auf ein erwartbares Finale zu, das ein wenig unausgegoren und für den einen oder anderen vielleicht auch unbefriedigend wirkt. So recht will und kann ich mir nicht vorstellen, dass dieses im Sinne von Carpenter entstand, dessen frühere Filme weit verstörendere Schlusspunkte setzten.

Doch (vor allem) im Filmbusiness gilt: Wer das Geld hat, hat die Macht – und darf im Zweifel entscheiden, wie und in welcher Stimmung eine solche Großproduktion zu enden hat. So bleibt „Jagd auf einen Unsichtbaren“ eine Art Carpenter light, der wunderbar unterhält, jedoch für meinen Geschmack etwas zu oberflächlich daherkommt, damit viel Potenzial verschenkt und vor allem in der zweiten Hälfte nicht ganz zu Ende gedacht scheint. Macht nix. Höre ich halt nochmal eine der Rentner-CDs und kreiere mir dabei ein eigenes, passenderes Filmende.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung sowie optional deutsche und englische Untertitel. Als Extras gibt es u.a. ein kurzes Making of, Interviews, entfernte Szenen und Trailer. „Jagd auf einen Unsichtbaren“ erscheint bei Koch Films und ist seit 10. Juni 2021 erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films)

Heimkino-Tipp: „Pelikanblut“ (2019)

Meine Welt, meine Liebe, mein Leben

Eltern zu sein, ist ein Vollzeitjob. Das war zwar auch schon vor der weltweiten Corona-Pandemie so. Vielen Entscheidungsträgern scheint es aber erst jetzt, in Zeiten von Lockdown, Homeschooling und Home Office, wirklich bewusst zu werden. Vor allem Alleinerziehenden gebührt mein immerwährender Respekt, durchleben sie solcherlei ‚Ausnahmezustände‘ ja quasi ständig.

Eine von ihnen ist die Pferdetrainerin Wibke (Nina Hoss), Protagonistin im Film „Pelikanblut“. Sie hat sich dazu entschlossen, ohne Partner ein Adoptivkind großzuziehen. Ein zweites soll die Mädelsfamilie nun komplettieren. In Bulgarien findet sie mit Raya (Katerina Lipovska) die scheinbar perfekte neue Schwester für Nikolina (Adelia-Constance Ocleppo). Schnell jedoch wird Wibke klar, dass Raya besondere Aufmerksamkeit benötigt. Offenbar hat sie in ihrem jungen Leben bereits Schlimmes durchleben müssen, was sie nun u.a. durch Provokationen am Esstisch, heimliche nächtliche Spaziergänge und Beißattacken zu verarbeiten versucht. Obwohl nicht nur Wibkes Arbeit und Freundschaften zunehmend darunter leiden, ist sie fest davon überzeugt, Raya mit Liebe, Geduld und recht ungewöhnlichen Maßnahmen besänftigen zu können. Doch diese überschreiten zunehmend von ihrem Umfeld akzeptierte Grenzen.

Ein schreiendes Kind, überforderte Erziehungsberechtigte und unkonventionelle Mittel: Fast scheint es, als befände man sich in einer Adaption des überaus erfolgreichen Dramas „Systemsprenger“, der etwa zur selben Zeit entstand, allerdings schon ein Jahr zuvor in den Kinos zu sehen war und seitdem im In- und Ausland für Furore sorgt. Doch „Pelikanblut“ hat anderes im Sinn und stellt im Gegensatz zum bekannten Vorgänger nicht das Kind, sondern die Mutter in den Mittelpunkt.

Nina Hoss spielt diese Frau (wie alle ihre Rollen) souverän und würdevoll, stattet ihren Charakter mit Stärke und Selbstvertrauen, aber ebenso mit Zweifeln und Makeln aus. Was Wibke zu der beziehungsscheuen, zurückgezogen lebenden Person gemacht hat, verrät das Drehbuch nicht. Nur eine sichtbare Narbe im Gesicht lässt erahnen, dass im Verborgenen noch viel mehr schlummert. Was die Figur und damit den Film so faszinierend macht, ist der feste Glaube von ihr, dem verstörten(?) Mädchen helfen zu können und Raya nicht – wie es einige aus Wibkes Umfeld ihr nahelegen – ab- und damit aufzugeben. Auch im übertragenen Sinn ist dies ein starkes Statement für die Opferbereitschaft einer jeden Mutter, wenn es um die eigenen Kids geht.

Überhaupt spickt Regisseurin und Autorin Katrin Gebbe („Tore tanzt“) ihr Werk mit vielen (auch religiösen) Gleichnissen, die die Geschichte auf vielfältige Weise in einem anderen Kontext spiegeln. Verpackt in einen Inszenierungsstil, der eher dem Horrorfilm-Genre zuzuordnen ist (Licht, Kamera, Geräuschkulisse), entpuppt sich „Pelikanblut“ als ein gelungener Hybrid, der seine Spannung nicht nur aus der Konfrontation der Figuren, sondern auch aus dem unerwarteten Storyverlauf und vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten zieht. Beklemmend, stilsicher und lange nachwirkend.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es Trailer. „Pelikanblut“ erscheint bei DCM Film Distribution GmbH im Vertrieb von Leonine und ist seit 9. April 2021 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © DCM)

Heimkino-Tipp: „Ema“ (2019)

Dancing Queen

Die Warnung ist da, klar und deutlich: „Wenn du erst einmal rausfindest, was ich tue und wieso, wirst du entsetzt sein.“ Die junge Tänzerin Ema (Mariana Di Girólamo) macht keinen Hehl daraus, dass sie einen (finsteren?) Plan hegt. Doch wer kann einer so schönen und außergewöhnlichen Frau schon Böses zutrauen? Ihr neuer Lover Aníbal (Santiago Cabrera) jedenfalls lässt sich gern von ihr verführen – und er bleibt nicht der einzige.

Der chilenische Film „Ema“ von Pablo Larraín („¡No!“; „Jackie“) entführt in die Welt des Reggaeton-Tanzes, den die titelgebende Protagonistin und ihre Freundinnen nicht nur auf den Straßen, sondern ebenso als Teil des Ensembles von Emas Gatten Gastón (Gael García Bernal) auf die Bühne bringen. Die Power und Leidenschaft, die Ema dabei zur Schau stellt, spiegelt auch ihre Willenskraft und ihr Durchsetzungsvermögen im Privatleben wider. Das bekommt vor allem Gastón zu spüren, den sie für das große Unglück in ihrem Leben verantwortlich macht: den Verlust des gemeinsamen Adoptivsohns Polo. Der Junge hatte beim Zündeln Emas Schwester so schwer verletzt, dass er zurück in die Obhut des Jugendamtes gegeben werden musste. Ein Zustand, den Ema weder ertragen noch dulden kann. Fortan setzt sie alles daran, „ihren“ Jungen zurückzubekommen.

Die Exposition des Films, die gezeichnet ist von zunächst scheinbar zusammenhanglos aneinandergereihten Szenen, fordert das Publikum gleich zu Beginn ordentlich. Doch es passt zum komplizierten Charakter der Hauptfigur, die beständig zwischen unbändiger Wut (auf Gastón) und überquellender Liebe (für Polo) schwankt und sich zwischendurch mit gleichsam provozierenden wie mitreißenden Tanzeinlagen abreagiert. Dass Ema gerade den Reggaeton-Tanzstil so verinnerlicht und liebt, passt da wie die Faust aufs Auge: sie ist intelligent, sexy, verrucht, selbstbewusst – und schlicht unaufhaltbar, wenn es darum geht, ihr Ziel zu erreichen.

„Ema“ kann zweifellos als Zeugnis der Selbstermächtigung einer Frau verstanden werden, die bereit ist für ihren Wunsch, eine Mutter zu sein, nahezu alles zu opfern bzw. alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen. Den Weg, den sie dazu beschreitet, kann mensch kritisieren und missbilligen. Für Regisseur Larraín hingegen bietet er eine wunderbare Spielwiese, um von der längst überfälligen Überwindung antiquierter Vorstellungen zu erzählen, was weiblich/männlich sein darf und soll. Wenn Gastón sich beispielsweise – in einer von Bernal grandios gespielten Szene – darüber echauffiert, wie frauenverachtend und anspruchslos Reggaeton-Musik eigentlich sei, gibt es ausgerechnet von den Mädels ordentlich contra. An anderer Stelle ist er es, der sich überhaupt nicht davon provozieren lässt, wenn Ema mal wieder pikante Details über ihn öffentlich enthüllt.

Ein Mann, der nicht widerspricht wenn seine Potenz angezweifelt wird? Eine Frau, die mit Vorliebe lasziv auftritt? Erbärmliches Männerbild? Rückwärtsgewandte Frauenrolle? Mitnichten! Stattdessen klares Statement dafür, einen Menschen nicht nur nach seinem Äußeren, seinen Vorlieben und seinen Makeln zu bewerten. Das mutige, unerwartete Ende unterstreicht das Anliegen von Larraín, traditionelle Rollenverteilungen zu überdenken, zusätzlich.

Inszenatorisch beeindruckt „Ema“ zudem mit einer tollen Bildsprache, in der Stadtpanoramen wie Bühnenbilder mehrdeutig in den Hintergrund der Szenen integriert werden und somit die Tanzszenen noch ‚fieberhafter‘ machen.

Ergo: Ein anspruchsvolles, lebendiges Stück Film auf der Höhe der Zeit, mit toller Musik, einer ungewöhnlichen Story und klasse agierenden Schauspielern.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in spanischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche, englische und spanische Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es diverses Promomaterial (Trailer, Musikvideo, Fotogalerie), zu dem auch ein kurzer Clip von der Filmpremiere zählt. Eigentlich nichts Besonderes, in (Corona-)Zeiten wie diesen jedoch wirken solche Partyaufnahmen mit unzähligen feiernden und glücklichen Menschen fast wie ein historisches Zeitdokument. Hach! „Ema – Sie spielt mit dem Feuer“ erscheint bei Koch Films und ist seit 18. März 2021 auch digital erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films)

Heimkino-Tipp: „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ (2020)

Parallelwelten

Sich gesund zu ernähren und dabei ebenso auf die Qualität seiner gewählten Lebensmittel zu achten, ist stets auch eine Frage der verfügbaren finanziellen Mittel. Nicht jeder, der Billigfleisch oder Dosensuppen kauft, macht das freiwillig. Shopping im Biomarkt kostet eben und ist nicht für jeden, der es auch tun möchte, möglich. Ähnlich verhält es sich mit Fabrikarbeitern, die bei einem der hiesigen Schlachthöfe schuften müssen. Dass die – meist ausländischen – Mitarbeiter dort kein paradiesisches Leben führen, ist hinlänglich bekannt. Ihnen die Schuld daran selbst zuzuschreiben, wäre an Zynismus und Überheblichkeit kaum zu überbieten. Und trotzdem geschieht genau das.

Der mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilm „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ von Yulia Lokshina nähert sich dieser Thematik auf etwas ungewöhnliche Weise an. Ihr Abschlussfilm an der HFF München lässt Mitarbeiter eines Schlachtbetriebs zu Wort kommen, begleitet eine Streetworkerin bei ihrem Versuch, deren Lage zu verbessern, und zeigt die Proben einer Theater-AG zu einem Brecht-Stück, das die Lebensumstände o.g. Arbeiter schon 1931 überaus radikal kritisierte. Dank der Gegenüberstellung aller drei Sichtweisen bzw. Erfahrungswelten entsteht ein vielschichtiges, in Teilen aber auch anstrengend zu schauendes Mosaik einer Parallelwelt, deren Defizite offen sichtbar sind aber kaum beachtet werden.

Dass Regisseurin Lokshina dabei kein Filmmaterial vom Innern einer Fleischfabrik präsentieren darf, verwundert angesichts der nicht erst im Corona-Jahr bekannt gewordenen Zustände dort wenig. Was dank der ungeschönten Beschreibungen einiger Mitarbeiter allerdings als Glücksfall angesehen werden darf. Nicht weniger einprägsam sind die Schilderungen im Umfeld der porträtierten Streetworkerin, die von einsamen Sturzgeburten in Garagen erzählt und an anderer Stelle von Kommunalpolitikern mit dem Verweis wegkomplimentiert wird, man wolle doch bitte keine Planwirtschaft, denn mit der „hätten wir ja bereits schlechte Erfahrungen gemacht“. Bitter in diesem Zusammenhang ist die Erkenntnis, dass die Verträge, mit denen die Arbeitskräfte abgespeist werden, im Einklang mit deutschem Recht stehen – auch wenn sie Klauseln enthalten, bei denen sich Fassungslosigkeit mit Entsetzen mischt.

„Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ ist keine Reportage im klassischen Sinne, in der Missstände aufgezeigt und Verantwortliche damit konfrontiert werden. Lokshina überlässt die Bewertung ihrem Publikum, driftet in einzelnen Szenen aber auch ein wenig zu sehr in Künstlerische ab. Das macht ihr Werk letztlich zu einem Dokumentarfilm, der hauptsächlich ein Publikum anspricht, das sich (zeitlich) den Genuss von (Film-)Kunst und philosophisch-gesellschaftlichen Diskursen leisten kann, während die, die hier vor der Kamera stehen, ihr Geld für die nächste Mahlzeit zusammenkratzen müssen.

Die DVD bietet den Film in deutscher Originalversion. Deutsche Untertitel für fremdsprachige Passagen sowie englische Untertitel für den ganzen Film sind ebenso an Bord. Als Extras gibt es zwei zusätzliche Szenen sowie einen Trailer. „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ erscheint bei good!movies/jip film & verleih und ist seit 12. März 2021 auch digital erhältlich (Packshot und stills: good!movies/jip film & verleih).