„Hunting Party“ (Kinostart: 29.11.2007)

„Nur die unglaublichsten Teile dieser Geschichte sind wahr,“ warnt Richard Shepards („Mord und Margaritas“, 2005) Film gleich zu Beginn. Und was in den sich anschließenden 100 Minuten gezeigt und erzählt wird, könnte sich wahrlich kein Drehbuchautor ohne reale Ereignisse aus dem Arm schütteln. Wenig erbaulich, daß dies alles erst vor wenigen Jahren in Europa passiert sein soll. Wenig erbaulich ebenso, daß es wahrscheinlich immer noch so läuft.

Simon Hunt (Richard Gere, immerhin schon 58 Jahre alt und in beindruckender körperlicher Verfassung) ist Kriegsberichterstatter und zusammen mit seinem Kollegen und Freund Duck (mal wieder fabelhaft: Terrence Howard, „Hustle & Flow“, „L.A.Crash“) überall dort, wo eine spannende Story und ergreifende, blutige, erschreckende Bilder zu finden sind. Eines Tages jedoch sehen sie zuviel vom Grauen und die gemeinsame Arbeit endet abrupt. Während Duck weiter die Karriereleiter erklimmt, fristet Hunt sein Dasein als Reporter für alle möglichen kleinen Kabelsender, jobbt für einen Hungerlohn und hat sich in Bosnien mehr schlecht als recht niedergelassen.

Zufällig laufen sich beide ebenda fünf Jahre später wieder über den Weg. Etwas naiv und gutherzig in der Absicht, seinem alten Kumpel auszuhelfen, macht sich Duck zusammen mit Hunt und seinem Assi Benjamin (Jesse Eisenberg) abermals auf die Spur einer womöglich neuen großen Reportage: der Entlarvung eines Kriegsverbrechers namens „der Fuchs“, der sich hier unter den Augen der UN eingenistet hat und ein sorgenfreies, von Schmuggel finanziertes Leben führt. Fünf Millionen Dollar Belohnung sind auf ihn ausgesetzt, Geld welches Hunt gut gebrauchen könnte.

Es sind die Zufälle des Alltags, hier und da eine Information und schon sind die drei mittendrin in einem aberwitzigen Abenteuer, in dem sie dem „Fuchs“ tatsächlich immer näher kommen, erschreckende Mechanismen der UN-Arbeit entdecken und auch noch ohne ihr Zutun überall wo sie auftauchen als CIA-Killer auf geheimer Mission „erwartet“ werden.

Eine Komödie über einen Kriegsverbrecher? Mitnichten! „Hunting Party“ ist ein ernsthafter, anklagender, erschütternder Film über einen Krieg, der Mitte der 90er mitten in Europa tobte und bis heute seine Spuren an Land, Menschen und Politik hinterlassen hat. Trotzdem erwischt sich der Zuschauer beim Betrachten dieser ganzen Leinwandabsurdität immer wieder beim Schmunzeln, Lachen und Kopfschütteln – eben wegen dieses Irrsinns, der fast nicht zu begreifen ist. Wofür steht die UN? Was sind ihre Aufgaben und wie führt sie diese aus? Was wird für die Opfer von Kriegsverbrechen getan und wie verfolgt die internationale Gemeinschaft die Täter?

„Hunting Party“ stellt all diese Fragen ohne sie auszusprechen. Die simple Schilderung von Tatsachen, basierend auf einem Artikel („What I did on my summer vacation“; Kopie hiervon bei mir erhältlich!) von Scott Anderson, der eben dieses Szenario erlebt hat, zeigt überdeutlich, welcher tiefe Graben zwischen Worten und Taten liegt.

Ebenso wie Andrew Niccols´ „Lord of War“ (2005) erreicht dieser Film allein durch seine nüchterne Abbildung des Ist-Zustands eine komische Ebene, die (zumindest bei mir) mehr als ein ernstes Drama Spuren hinterlassen und zum Nachdenken angeregt hat. Vielleicht ist dies auch der beste (und einzige?) Weg, diesem Thema zu begegnen und Zuschauer zu locken: ungezwungen, fast leichtfüßig und doch in seiner Gesamtheit traurig, schockierend, bewegend. Und vor allem: sehenswert!

„Gone Baby Gone“ (Kinostart: 29.11.2007)

Nach dem Drehbuch-Oscar für „Good Will Hunting“ (1997) und viel Schelte für seine schauspielerischen Fähigkeiten, schenkt Ben Affleck dem späten Kinojahr eine nachdenkliche Leinwandperle, in der er (glücklicherweise?) nur als Autor und Regisseur in Erscheinung tritt. Etwas Egoismus bleibt aber trotzdem: Sein Bruder Casey Affleck („Die Ermordung des Jesse James…“) bekam die Hauptrolle und sucht in „Gone Baby Gone“ als junger Privatdetektiv nach einem verschwundenen vierjährigen Mädchen aus seinem Viertel.
Im Laufe seiner Recherchen muß er jedoch feststellen, daß nicht nur die völlig überforderte, drogensüchtige Mutter des Mädchens einige Geheimnisse zu verbergen hat, sondern der Fall ebenso erschreckende Wahrheiten über das Rechtsverständnis seiner Mitmenschen enthüllt.
„Gone Baby Gone“ ist eine präzise, fantastisch eingefangene Milieustudie, dessen Auflösung vor allem eines fordert: Nachdenken über eigene Handlungsweisen.

„Hotel Very Welcome“ / „Nichts als Gespenster“ (Kinostart: 29.11.2007)

Vornweg: Der Grund für diese sicherlich etwas ungewöhnliche „Doppelrezension“ ist nicht der Starttermin! Vielmehr handelt es sich bei „Hotel Very Welcome“ und „Nichts als Gespenster“ um zwei deutsche Filme (zumindest stammen die Filmemacher von hier), die beide Episodengeschichten rund um den Planeten erzählen, sogenannte Twenty- und Thirtysomethings als Protagonisten wählen und sie mal mehr mal weniger gelungen in Situationen voller Lebens- und Liebeschaos taumeln lassen.

Wobei ich persönlich „Nichts als Gespenster“ nicht nur wegen seiner mir sehr sympathischen Darsteller (u.a. Stipe Erceg, August Diehl, Jessica Schwarz, Karina Plachetka, Maria Simon, Wotan Wilke Möhring) und seiner professionelleren Umsetzung den Vorzug geben muß. Meist im Zweierpack stehen hier die großen und kleinen Gefühle im Vordergrund, Ungesagtes erhellt dank großartiger Akteure die Leinwand, Musik untermalt passend aber niemals aufdringlich Szenen voller (landschaftlicher) Schönheit, Einsamkeit und Glück. Egal, welchem Fleck Erde und Charakter sich Regisseur Martin Gypkens gerade zuwendet, nichts wirkt störend, langweilig oder zu viel. Immerhin 119 Minuten füllt „Nichts als Gespenster“ aus, in diesen zwei Stunden keinen einzigen Moment zu langweilen, ist eine bravouröse Leistung. Die „Anfängerfehler“ seines Erstlings „Wir“ (ebenfalls ein Episodenstreifen) sind vergessen, Gypkens ist schlicht großartiges, kitschloses Gefühlskino gelungen.

Etwas anders verhält es sich da beim Langfilmdebüt seiner Kollegin Sonja Heiss. Basierend auf eigenen Erfahrungen als Rucksacktourist, konzentriert sie sich zwar ebenso auf mehrere Gesichter und Geschichten (fünf um genau zu sein), allerdings ausschließlich in Asien und dies zum Teil schlicht zu belanglos. Zwei Briten auf der Suche nach Mädels, eine am Telefon verzweifelnde Mittdreißigerin, sowie eine meditierende junge Frau und ein von Drogen völlig benebelter Ire.
Ein Großteil der Szenen entstand (laut Presseheft) spontan und ohne große Vorbereitung. Das sieht man „Hotel Very Welcome“ auch an. Doch das ist nicht das größte Problem: Es sind die uninteressanten Entwicklungen innerhalb der fünf Storys, die mir so sauer aufschlagen. Es passiert schlicht zu wenig, um zu fesseln geschweige denn zu unterhalten. Dazu noch der quasi-dokumentarische Stil und Hauptdarsteller, mit denen ich einfach nicht warm werde. Vielleicht würde ich anders urteilen, hätte ich selbst schon einmal so einen Rucksacktrip Richtung Asien unternommen, mit wenig Geld, fehlender Sprachkenntnis und viel Zeit für´s Nichtstun. Als Großstadtkind läßt mich dieses Filmchen allerdings kalt.

„Mr. Brooks – Der Mörder in dir“ (Kinostart: 29.11.2007)

Autogenes Training soll helfen, eigene Unsicherheiten zu überwinden. Kevin Costner nutzt es als Rechtfertigung zum Mord.
Es ist nicht das erste Mal, daß Oscarpreisträger und „Der mit dem Wolf tanzt“-Star Costner dem Zuschauer als Mörder gegenübertritt. Anders als beispielsweise in „Perfect World“ (1993) jedoch taugt er als Identifikationsfigur in „Mr. Brooks“ überhaupt nicht. Zwar gibt er tagsüber den tüchtigen Geschäftsmann, treusorgenden Familienvater und Göttergatten für seine Frau (Marg Helgenberger), nachts allerdings zieht er mordend und äußerst brutal durch die Stadt.
Wie es sich für einen „erfolgreichen“ Serienkiller gehört, leidet auch Brooks an einer Persönlichkeitsstörung: Marshall (William Hurt) heißt diese, ist imaginär, für Brooks jedoch allgegenwärtig. Ebenso wie die reale Ermittlerin Atwood (Demi Moore), die ihm dicht auf den Fersen ist.
Die Idee ist nicht neu, deren Umsetzung schon: Statt die „dunkle Seite“ eines Menschen nur durch dessen Handeln und Monologe zu erklären, wählt Bruce A. Evans für seinen durchaus spannenden Psychothriller eine (nur für Brooks und den Zuschauer) sichtbare Variante: ein alter Ego. Interessant hierbei vor allem die Kameraarbeit, bleibt das Hirngespinst doch für alle anderen Darsteller verborgen, weshalb jede Szene, jeder Perspektivwechsel einmal mit und einmal ohne Darsteller Hurt gefilmt werden mußte. Einzig die kaugummikauende Demi Moore stört mit überflüssigem Subplot um einen Ex-Knacki und ihrer aufgesetzten Coolness den ansonsten sehenswerten, äußerst perfiden Psychotrip in die Seele eines Ungeheuers. Beklemmend.

„Machtlos“ (Kinostart: 22.11.2007)

Wer noch nicht weiß, weshalb die Amerikanerin Meryl Streep („Kramer vs. Kramer“, „The Hours“) zu den besten Filmschauspielerinnen dieser Zeit zählt, kann sich dessen momentan gleich zweimal im Kino versichern. Während sie in Robert Redfords Politdrama „Von Löwen und Lämmern“ als Journalistin einem kriegslüsternen US-Senator mutig die Stirn bietet, präsentiert sie sich in Gavin Hoods Polit-Thriller „Machtlos“ als eine skrupellose CIA-Agentin, die mit zweifelhaften Methoden Terrorverdächtige entführen, foltern und töten läßt - also als genaues Gegenteil.

Das US-Debüt des Oscarpreisträgers von 2006 (Bester fremdsprachiger Film: „Tsotsi“) erzählt eine fiktive (?) Geschichte um einen Ingenieur (Omar Metwally) ägyptischer Abstammung, der bei seiner Rückkehr in seine Heimat, den Vereinigten Staaten von Amerika, scheinbar grundlos verhaftet und in die Mühlen der so genannten „extraordinary rendition“-Politik, zu deutsch „außerordentliche Auslieferung“, d.h. Überstellung in die Rechtlosigkeit, seines Landes gerät. Während er in einer geheimen Haftanstalt eines Dritten-Welt-Landes vom örtlichen Polizeichef (Igal Naor) und dessen amerikanischen Assistenten und CIA-Analytiker (Jake Gyllenhaal, „Zodiac“) brutal verhört wird, versucht seine ahnungslose Frau (Reese Witherspoon, „Walk The Line“) mit einem alten Schulfreund (Peter Sarsgaard, „Flightplan“) den Aufenthaltsort ihres Gatten zu erfahren.

Es ist bemerkenswert, wie wenig sich Hollywood im Jahre 2007 scheinbar um „political correctness“ schert: Die Anzahl regierungskritischer Filme nimmt stetig zu und dürfte vor allem im Ausland viel Zustimmung finden. Auch wenn das Engagement der vielen Künstler lobenswert ist, manchmal wird einfach kein passender Schuh draus – „Machtlos“ ist so ein Fall.

Zu überambitioniert und mit (zu) vielen kleinen Nebenhandlungen versehen, stochert das Drehbuch unentschlossen in einem Brei aus Kritik, Anklage, Fanatismus, Verschwörungstheorien und Familiendrama herum, ohne wirklich konkret einen Täter, eine Ursache, eine Lösung zu liefern oder zumindest eine überzeugende politische Position einzunehmen. Ich erwarte keine Allwissenheit des Drehbuchautors oder eine jener berüchtigten „Das-ist-der-richtige-Weg“-Ansprache der Protagonisten, allerdings etwas mehr Mut zu einer klaren Aussage, wenn man schon solch ein brisantes Thema zum Kernstück eines (scheinbar) anspruchsvollen Filmes macht. „Machtlos“ reiht jedoch lediglich Klischees und bereits bekannte Thesen über Täter und Opfer aneinander, stellt einer braven Durchschnittsfamilie einen undurchsichtigen Machtapparat mit unbegrenzten Mitteln und ohne Moral gegenüber und hofft, durch einen Zeitsprung am Ende dem ganzen einen intelligenten Rahmen zu geben.

Die Schauspieler (wie gesagt: Meryl Streep) mühen sich redlich, doch weder sie noch die überraschungsarme Inszenierung können es wirklich rausreißen. Mag sein, daß „Machtlos“ noch vor ein paar Jahren für Aufsehen und Diskussion gesorgt hätte. Heute, nach inhaltlich und formal großartigen Beiträgen wie „Syriana“ oder zuletzt „Operation Kingdom“, ist dieses Werk schlicht enttäuschend und banal.

„Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ (Kinostart: 22.11.2007)

Einen Film das Prädikat „erschütternd“ zu attestieren, spricht nicht immer für dessen Qualität. Allerdings meint es hier tatsächlich nur den Inhalt.
Die beiden Studentinnen Otilia (Anamaria Marinca) und Gabita (Laura Vasiliu) leben unter fast schon ärmlichen Verhältnissen in einem Wohnheim in einer kleinen rumänischen Stadt. Ceausescus kommunistisches Regime ist überholt, und doch ist das Leben noch bestimmt von Restriktionen, alltäglichen bürokratischen Hürden und einer Gesetzgebung, die Abtreibungen untersagt. Gabita ist schwanger und entschließt sich trotz der juristischen und gesundheitlichen Gefahren, den Fötus entfernen zu lassen. Mr. Bebe (Vlad Ivanov) hat dies schon bei einigen ihrer Freundinnen gemacht und trifft sich nun mit beiden in einem Hotelzimmer.
Mag der Starttermin für dieses sehr bedrückende Drama ob der schwierigen und wenig besinnlichen Thematik auch etwas ungeschickt gewählt sein, so ragt „Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ nicht nur deswegen aus dem aktuellen Kinoprogramm heraus. Der diesjährige Cannes-Gewinner von Christian Mungiu ist zugleich Bestandsaufnahme, Anklage und längst überfälliger Beitrag zu einer Zeit, die bis heute ihre Spuren hinterlassen hat. Dies zeigt auch die Umsetzung: Lange verweilt die Kamera regungslos auf den Protagonisten, fängt damit deren innere Hilflosigkeit ebenso ein wie das trostlose Leben auf den Straßen. Selten ist die Unmenschlichkeit einer Diktatur so drastisch an einem alltäglichen (?) Beispiel zweier jungen Menschen bebildert worden. Erschütternd gewiß, filmisch einzigartig.

„Meine schöne Bescherung“ (Kinostart: 22.11.2007)

Liebe ist… Sex im Schrank. Und Kinder! Ein gemeinsames Weihnachtsfest? Vielleicht sogar Zeit für Aussprachen?
Sara (Martina Gedeck) will alles. Jetzt und sofort. Jan (Heino Ferch), Ehemann Nummer vier und am Weihnachtsmorgen mit ihr beim Spielen im hölzernen Möbelstück, hat eigentlich nichts dagegen, findet vier Kinder allerdings ausreichend, selbst wenn nicht alle von ihm sind. Doch Familie ist Familie und für das kurze Glück im Schrank läßt sich Jan ein „Ich will auch noch ein Baby!“ entlocken.
Womit er perfekt in die Reihe seiner drei Vorgänger passen würde, die nach Sex am gleichen Ort, Geburt eines Kindes und schließlich Trennung von Sara nun zum großen Weihnachtsessen vorbeischauen – im Gepäck die eigene Brut und neue Partnerinnen. Nach erstem Schock arrangiert sich Jan mit der Situation, muß allerdings im Laufe des Abends feststellen, daß Sara noch einige weitere Überraschungen parat hat: Eine Schwangerschaft zum Beispiel. Seltsam für Jan, hat er sich doch neulich erst sterilisieren lassen.
„Im Krieg und in der Liebe sind alle Mittel erlaubt“, besagt ein bekanntes Sprichwort. Kommt beides zusammen, heißt das „Meine schöne Bescherung“, macht Spaß und ist ein wohltuend fieser Gegenentwurf zu den „Heile-Welt-Filmen“, die gewöhnlich diese Jahreszeit begleiten. Es ist ein Spiel mit Klischees, Albernheiten und alltäglichem Beziehungskram, die Vanessa Jopp („Komm näher“) in spitze Dialoge und Situationskomik packt, mit einem Dutzend gut aufgelegter Akteure zum Leben erweckt und mal eben zeigt, daß es - Hallo Bully! - auch lustige deutsche Komödien gibt.