„Mamma Mia!“ (Kinostart: 17. Juli 2008)

Ein Artikel aus dem „Meißner Tageblatt“:

Abgesehen von der „Rocky Horror Picture Show“ gilt es gewöhnlich als Unart, während einer Kinovorstellung zu plappern, zu singen oder gar unvermittelt zu applaudieren. Es sei denn, man sitzt im neuen Film der britischen Regisseurin Phyllida Lloyd, ist ABBA-Fan und in Stimmung für eine zweistündige Riesensause.

Weltweit etwa 30 Millionen Zuschauer konnte das Musical „Mamma Mia!“ seit seiner Erstaufführung im März 1999 begeistern, nun versuchen sich u.a. Meryl Streep, Ex-Bond Pierce Brosnan, Colin Firth und Julie Walters im Tanzen zu, Singen von und Leben nach Songs der wohl bekanntesten schwedischen Popband Abba.
Inmitten einer idyllischen Mittelmeerinsel laufen die Vorbereitungen zur Traumhochzeit von Sophie (Amanda Seyfried), der Tochter von Donna (Streep), die in ihrer Jugend nicht wenige Verehrer hatte. Drei davon könnten möglicherweise der Vater von Sophie sein, die sich nichts sehnlicher wünscht, als von ihrem männlichen Elternteil zum Altar geführt zu werden. Also lädt sie kurzerhand jene drei Kandidaten zur Hochzeit, natürlich ohne ihrer Mutter etwas davon zu verraten. Sowohl Sam (Brosnan) als auch die nicht weniger ansehnlichen Harry (Firth) und Bill (Stellan Skarsgård) ahnen bei ihrer Ankunft noch nichts von ihren (väterlichen) Pflichten, doch das Chaos lässt selbstverständlich nicht lange auf sich warten.

Gespickt mit unzähligen Gesangseinlagen, überzogener Theatralik und einigen schockierenden Kostümen, die nicht an jedem Darsteller wirklich schön aussehen, ist „Mamma Mia!“ ein absoluter Gute-Laune-Film. Herrlich hemmungslos, kindlich und unbeschwert schweben die Darsteller trällernd durch romantisch-kitschige Szenen und fügt sich jeder Abba-Song wunderbar in die Handlung ein.
Fazit: Angucken, Mitsingen, Spaß haben!

„So ist Paris“ (Kinostart: 17. Juli 2008)

Ganz schön gewagt, was das Filmplakat da behauptet: „Ein bisschen Paris steckt in jedem von uns.“ Und damit auch jeder Zuschauer etwas zum Identifizieren hat, präsentiert Cédric Klapisch („L´Auberge Espagnole“, 2002/2005) gleich ein halbes Dutzend Hauptdarsteller, die alle in einer anderen Lebensphase (fest)stecken und versuchen, ihren Alltag zu bestehen.

Klapisch präsentiert somit nichts weiter als eine weitere Fortsetzung seiner „Espagnole“-Reihe, diesmal mit Juliette Binoche als zweitem bekannten Gesicht neben Romain Duris, dem Xavier aus eben jenen WG-Filmen. Mal romantisch, mal traurig lässt er den Zuschauer teilhaben am hippen Leben in der französischen Hauptstadt, behandelt dabei jedoch nicht alle Episoden mit derselben Sorgfalt. So langweilt vor allem die nichtssagende Odyssee eines illegal eingewanderten Kameruners, die weder zu Ende gedacht ist, noch die anderen Geschichten in irgendeiner Weise beeinflusst.

Schlecht ist „So ist Paris“ deshalb nicht, wirklich Neues, etwas typisch Französisches oder gar Außergewöhnliches hat aber auch Klapisch nicht zu berichten. Insofern stimmt es schon: „Ein bisschen Paris steckt in jedem von uns.“ Und Dresden und Berlin und Freital…

„Get Smart“ (Kinostart: 17. Juli 2008)

Haha, wie unlustig! Seit einiger Zeit wird mir Steve Carell als DER neue Comedian Hollywoods verkauft, der hinter seinem braven Aussehen einen Gag nach dem anderen verbirgt. Genau: verbirgt! Nach „Get Smart“, meinem dritten Carell-Film (nach „Evan Almighty“, „Jungfrau (40), männlich, sucht…“), stelle ich fest: Dieser Typ ist so witzig wie ein Darmverschluss.

Laut Pressebeipackzettel zum Film (und womöglich zum Verständnis der „Gags“) war „Get Smart“ in den 1960er Jahren eine sehr erfolgreiche TV-Serie, die das Agenten-Film-Genre verballhornte und mit Mel Brooks einen der bekanntesten Komiker als geistigen Vater vorweisen konnte. Nun also eine Neuauflage, die laut Produzent „in unsere Zeit passt, mit Actionsequenzen, die nicht nur dazu dienen, die Gags zu unterbrechen, sondern sich auch in jedem anderen Thriller sehen lassen könnten.“ Und tatsächlich: Es kracht gewaltig auf der Leinwand. Viel heiße Luft, jedoch ohne Substanz.

Ein kurzer inhaltlicher Abriss: Maxwell Smart (Carell) ist Geheimagent und soll nach einem terroristischen Angriff auf seine Chefetage (in Person: Alan Arkin) das Verbrechersyndikat KAOS (in Person: Terence Stamp) auslöschen. Hilfe bekommt er dabei von Kollege Agent 23 (Dwayne „The Rock“ Jackson) sowie Agentin 99 (Anne Hathaway).

Haha, wie unlustig! Agent 23 läuft gegen eine Tür, zwei Computerfreaks statten seinen Kollegen derweil mit Bond-Goodies aus (ein Taschenmesser mit eingebautem Flammenwerfer) und Agentin 99 verrenkt ihren sexy Körper im Catherine Zeta-Jones-Style („Verlockende Falle“) um durch ein Labyrinth aus Laserstrahlen zu kommen, während Smart ihr auf den Hintern starrt. Gespickt wird das ganze Szenario mit vermeintlich witzigen Kommentaren des Helden, die jedoch so vorhersehbar und öde sind, dass man –wenn überhaupt- nur aus Verlegenheit darüber lächeln kann.

Ich habe nun wirklich nichts gegen Nonsensszenen, wie sie beispielsweise in den „Nackte Kanone“-Filmen (Teil 3 übrigens ebenfalls von Regisseur Peter Segal) zu hauf vorhanden waren. Aber selbst ein Bill Murray, der sich in einem Baumstamm versteckt, kann hier nichts reißen.
Steve Carells Humor ist der des stillen Beobachters, der regungslos seine (gähnend-langweiligen) Kommentare verkündet und dadurch komödiantischen Tiefsinn vorgaukelt, der einfach nicht vorhanden ist. Es ist schon bezeichnend, dass es gerade mal eine Szene geschafft hat, mich wirklich zum Lachen zu bringen. Umso schlimmer, da eben jene Szene genau darauf aufbaut, was ich gewöhnlich an amerikanischen Komödien verabscheue: Fäkalhumor (in diesem Fall eine glücklicherweise weniger eklige Toilettenszene).

Fazit: Wer die „Austin-Powers“-Filme mochte, wird sich in diesem Film wohlfühlen. Alle anderen lade ich demnächst zu einem Triple-Feature der „Nackte Kanone“-Werke ein. Haha, wie lustig!

„Unter Kontrolle“ (Kinostart: 17. Juli 2008)

Mit berühmten und künstlerisch anerkannten Familienmitgliedern ist das so eine Sache. Ist einer aus der Sippe erfolgreich, wird Talent meist gleich auf alle Geschwister und Kindeskinder mit übertragen. Dies kann sich bestätigen (siehe Regisseurin Sofia Coppola, Tony & Ridley Scott), in einigen Fällen jedoch ebenso als Wunschdenken herausstellen (siehe Schauspielerin Sofia Coppola). Jennifer Lynch, Tochter von David Lynch („Blue Velvet“, „Mulholland Drive“), ist nach einem weiteren Film wie „Unter Kontrolle“ wohl der letzteren Kategorie zuzuordnen.

Aber vielleicht ist es auch in ihrem zweiten Film wieder nur ein Ausrutscher, eine unsortierte Ansammlung ausgefallener Ideen, die lediglich in einen passenden Rahmen gepresst werden müssen um nebeneinander zu funktionieren. „Unter Kontrolle“ möchte ein spannender Thriller mit psychologischem Tiefgang und Anspielungen auf „Rashômon“ (Akira Kurosawa, 1950) sein, verwechselt jedoch Inhalt mit Unglaubwürdigkeit, Suspense mit Gewalt und Spannung mit (vermeintlichen) Schockmomenten.

Auf einem Highway mitten im Nirgendwo kommt es zu seltsamen Todesfällen unter den Durchreisenden. Zur Unterstützung bei den Ermittlungen schickt das FBI der örtlichen Polizei zwei Agenten (Julia Ormond, Bill Pullman), die bei der Befragung von vermeintlichen Zeugen helfen sollen. Schlüsselfigur ist dabei das Mädchen Stephanie (Ryan Simpkins), das dem Täter entkommen ist und nun zusammen mit einer weiteren Überlebenden verhört werden soll. Mit anwesend sind dabei auch jene zwei Cops, die zuvor aus purer Langeweile die Reifen vorbeifahrender Autos zerschossen und Stephanies Eltern belästigten haben.

Sehr schnell wird während des Verhörs deutlich, dass alle Beteiligten eine andere Sicht auf die Vergangenheit haben. Welche Version letztendlich die wahre ist, soll der Zuschauer am Ende erfahren – leider in einem solch absurden Schlusstwist verpackt, das es schlichtweg lächerlich und sehr verkrampft wirkt.

Bemüht wirken ebenso die Darsteller, die ihre Rollen allesamt mit kleinen Macken ausstatten, als Sympathieträger aber überhaupt nicht funktionieren. Und genau hier liegt wohl auch das größte Manko von „Unter Kontrolle“: Wenn keiner der Protagonisten glaubhaft agiert, weshalb soll die eine finale Auflösung dann die richtige sein? Ist sie nicht womöglich auch nur ein weiteres Hirngespinst einer Person, Wunschdenken des Täters? Nicht weniger plausibel wäre die Behauptung, den Autoren (Jennifer Lynch & Kent Harper) seien schlicht die Ideen ausgegangen, weshalb die „schockierendste“ am Ende den Vorzug bekam.

Möglicherweise wäre dies auch noch zu ertragen, würde die Umsetzung nicht den letzten Rest „Atmosphäre“ zerstören. Lynch traut dem Publikum und dessen Phantasie nicht und wechselt während des Verhörs ständig zurück an den Ort des Verbrechens, um das soeben Gesagte bildlich zu untermalen. Leider tut sie dies so drastisch und blutig, dass jeder Ansatz von Spannung durch Ekel und Abscheu ersetzt wird.

Keine wirkliche Empfehlung, wer´s jedoch deftig und wenig plausibel mag, kann sich „Unter Kontrolle“ gern antun.

„Happy-Go-Lucky“ (Kinostart: 03. Juli 2008)

Schön, dass es sie in der oft anstrengenden Welt von heute noch gibt: Jene kleinen Inseln des Frohsinns auf zwei Beinen, die sich einfach nicht unterkriegen lassen wollen. Komme was wolle, diese Spezies Mensch ist nahezu immer gut gelaunt, hat pausenlos Spaß am Leben und steckt mit Witz, Charme und Frohsinn einfach jeden an. Auch ich habe so eine Dame – glücklicherweise – in meinem Umfeld, „Happy-Go-Lucky“ könnte somit auch ein Stück Film aus meinem Leben sein.

Eine Vorwarnung auf den ver-rückten Charakter hinter dem breiten Lächeln gibt schon der Name: Statt brav mit dem schönen „Pauline“ durch die Welt zu hüpfen, nennt sich unsere Protagonistin schlicht Poppy (Sally Hawkins). Passend zum Benehmen arbeitet sie in einer Grundschule als Lehrerin, zieht abends mit ihren Freundinnen um die Häuser und scheut sich nirgends, Nonsensgespräche vom Zaun zu brechen. Meist erntet sie dafür nur seltsame Blicke, doch für Enttäuschung ist in Poppys Leben einfach klein Platz, weshalb sie im nächsten Moment schon ein neues „Opfer“ gefunden hat, das sie mit ihrer guten Laune infizieren könnte.

Als sie sich entschließt den PKW-Führerschein zu machen, landet sie im Wagen des griesgrämigen Fahrlehrers Scott (Eddie Marsan, ein „ewiger“ Nebendarsteller, der u.a. schon „Miami Vice“, „Das geheime Leben der Worte“ & „21 Gramm“ veredelte). Falsche Schuhe, falsche Einstellung, falsches Verhalten – Scott kann den bunten Flummi neben sich von Beginn an nicht leiden und zeigt dies Poppy auch überdeutlich. Stören lässt sie sich davon natürlich nicht, sondern gibt weiter die unbeschwerte Göre, die sie nun mal ist. Wohl auch, weil sich nach langer Zeit beziehungstechnisch ganz überraschend etwas entwickelt…

Der Brite Mike Leigh (Drehbuch, Regie) hat bis heute vornehmlich sozialkritischen Werke („Vera Drake“, „Lügen & Geheimnisse“) geschaffen. Wohl auch deshalb ist „Happy-Go-Lucky“ weit entfernt von jenen platten Sketchfilmchen aus Übersee, die Humor meist ausschließlich als Ansammlung von Fäkalwitzen und „ich-renne-gegen-etwas“-Szenen definieren. Nein, dieser mit dem Silbernen Bären (Berlinale 2008, Beste Darstellerin) ausgezeichnete Streifen entwickelt seinen Humor aus den Charakteren heraus und deren Aufeinandertreffen: Poppy vs. den Rest der Welt in Gestalt eines Fahrlehrers. Hintergründig, nicht immer politisch-korrekt, laut, herzlich. Das ist Poppy, das ist „Happy-Go-Lucky“.

Obwohl er zunächst unsympathisch wirkt, werden sich nicht wenige Zuschauer trotz seines grantigen Auftretens eher mit Scott identifizieren und Poppy zunächst als naiv und realitätsfremd beurteilen. Ein Vorurteil, wie sich im Verlauf der etlichen Fahrstunden zeigen soll, denn eben weil Poppy sich auch jener ganzen Lebenshürden im Alltag bewusst ist, wählt sie für sich den Weg der Fröhlichkeit. Scott lebt am anderen Ende des Spektrums, ob glücklicher oder zufriedener, verrät der Film nicht. Ein Manko? Keineswegs, denn von dieser Art Mensch – grummelig, wütend, engstirnig - gibt es schon zu viele auf dieser Welt, Poppys hingegen sind (noch?) eine Seltenheit.

Wenn es einen Kritikpunkt meinerseits gibt, so ist es lediglich die etwas surreal wirkende Begegnung von Poppy mit einem Stadtstreicher. Sie mag nicht so ganz in das ansonsten flott geschriebene, leichtfüßige Drehbuch passen. Für diesbezügliche Anmerkungen und Interpretationen wäre ich daher sehr dankbar…

„You kill me“ (Kinostart: 12.06.2008)

Einer meiner Beiträge aus dem "Meißner Tageblatt":

Manche Jobs sind wahrlich nur im Suff zu ertragen. Mafia-Killer zum Beispiel. Frank (Ben Kingsley) jedoch kann ohne Fusel gar nicht mehr; weder Schneeschippen noch den Tag überstehen. Leider auch nicht vernünftig arbeiten, was seine Auftraggeber ziemlich sauer macht. Doch schätzen sie ihn und seine Fähigkeiten zu sehr, als ihn gleich „zu feuern“. Stattdessen bekommt Frank eine letzte Chance der gesundheitlichen und dienstlichen Rehabilitation und soll seinem Laster im Kreise der Anonymen Alkoholiker abschwören. Um Rückfälle zu vermeiden, darf er zudem als Leichenkosmetiker tätig werden, ein Job, den ihm sein leicht gestörter Kollege Dave (Bill Pullman, „Independence Day“) vermittelt hat.
Und siehe da: Aus dem griesgrämigen Frank wird schon bald wieder ein Mensch, der sich in die Tochter (Téa Leoni, „Bad Boys“) eines verstorbenen „Kunden“ verliebt. Zusammen mit ihr versucht er sich fortan an einem geregelten Leben, bis seine alten Auftraggeber sich sehr plötzlich und sehr dringend bei ihm melden.

Man sollte schon ein Faible für schwarze Komödien haben, um „You kill me“ genießen zu können. John Dahls („Joyride“) bitterböse Farce ist ein Fest für Zyniker und wird trotz fabelhafter Nebendarsteller vor allem von Ben Kingsley, dem ewigen Gandhi, getragen. Was er auch spielt, die Rolle des indischen Nationalhelden, der gewaltfrei (!) für eine bessere Welt kämpfte, schimmert ab und an immer noch durch, was „You kill me“ unheimlich gut steht.
Zusätzlich bekommen alle Romantiker dank der herrlich absurden Liebesbeziehung ebenso eine mehr als deutliche Botschaft vermittelt: Liebe kann töten, also gebt Obacht, wer euer Herzblatt wird… oder wählt zumindest den gleichen Job!

„Funny Games U.S.“ (Kinostart: 29.05.2008)

Michael Haneke: Regisseur, Drehbuchautor, Cannes-Gewinner. Ganz nebenbei auch einer der wenigen Filmemacher, vor deren Arbeiten ich „Angst“ habe, dank Werken wie „Caché“ (2005) oder eben „Funny Games“, das er ursprünglich 1997 drehte. Zehn Jahre später hat er nun selbst ein sogenanntes „Shot-by-Shot“ -Remake mit amerikanischen Darstellern, Budget und Drehteam geschaffen. Ein identischer Neuaufguss sozusagen, in dem die Szenen eins zu eins vom Original übernommen werden.
Gus van Sant hat das 1998 schon einmal mit „Psycho“ (in Farbe) versucht und sich damit mehr Feinde als Freunde gemacht. Bei Haneke jedoch wird das Bewerten schwieriger – denn „Funny Games“ ist nicht wirklich ein „Film“. Es ist vielmehr eine Erfahrung, die man nie mehr vergessen wird.
Insofern ist das Ergebnis tatsächlich dasselbe wie schon 1997. Mit Ulrich Mühe und Susanne Lothar schauspielerisch ohnehin das Nonplusultra, kann ein Remake im günstigsten Falle „gleich gut“ sein - besser jedoch keinesfalls.

George (Tim Roth, ein ebenbürtiger Ersatz für Mühe) und Ehefrau Ann (Naomi Watts, dito) fahren mit ihrem kleinen Sohn George (Devon Gearhart, demnächst in „Changeling“ an der Seite von John Malkovich zu sehen; Regie: Clint Eastwood) zu ihrem Ferienhaus am See. Während die beiden Jungs das Segelboot zu Wasser lassen, bereitet Ann im Haus das Essen vor. Plötzlich steht Peter (Brady Corbet), offensichtlich Gast der befreundeten Familie von nebenan, in der Tür und bittet um ein paar Eier. Als er sie beim Verlassen des Hauses fallen lässt und kurz darauf auch noch Anns Telefon im Aufwaschwasser versenkt, verweist sie ihn des Hauses. Doch statt zu gehen, kommt nun auch sein Freund Paul (Michael Pitt) hinzu und verstrickt Ann in ein naives Gespräch um Höflichkeit und Anstand. Als der herbeigeeilte George Paul für seine beleidigenden Äußerungen reflexartig ohrfeigt, eskaliert die Situation: Peter bricht ihm mit einem Golfschläger das Knie.

Was nun folgt, ist ein Alptraum - sowohl für die Opfer als auch den Zuschauer. Denn die beiden in unschuldigem Weiß gekleideten fremden Herren schließen eine Wette ab: Entweder schafft es die Familie, sich innerhalb von 12 Stunden zu befreien oder sie ist tot. Der Wettpartner: das Publikum!
Spätestens hier sollte jedem halbwegs aufmerksamen Zuschauer klar sein, dass Haneke nicht unterhalten will - denn „Funny Games“ ist vielmehr sein drastischer Versuch, auf heutige (bedenkliche) Sehgewohnheiten hinzuweisen und insbesondere die Darstellung von Gewalt in Filmen als das zu entlarven, was sie ist: pervers und nicht konsumierbar.

Haneke nutzt dabei übliche, bekannte Thrillerelemente, inszeniert herausragend professionell und spart sich jegliche Andeutung von Humor. Was man hier zu sehen bekommt, ist (wahrscheinlich) ungeschminkte, brutale und bis zum Ende konsequente Realitätsabbildung. Und doch ebenso genau das, was „wir“ täglich als Unterhaltung nutzen. Natürlich zeigt ein „Tatort“ so etwas nie in solch Intensität oder Offenheit, überspitzt ein Tarantino Gewaltszenen á la „Kill Bill“ in aller Deutlichkeit und tötet Michael Myers in der Halloweennacht aus Prinzip nur Dumpfbacken. Doch es ist halt selbstverständlich und für Haneke wohl deshalb auch so bedenklich.

Möglicherweise liegt genau hier auch der Pluspunkt dieser Neuverfilmung: Im Gegensatz zum Original durchleben in „Funny Games U.S.“ eben jene Darsteller diese Tour de Force, die vor allem dem amerikanischen Publikum aus Thrillern und Gangsterkomödien bekannt sein dürften. Gesichter, die mit dem Begriff Hollywood untrennbar verbunden sind und somit Teil einer (Film)Kultur, die Gewaltpornos wie „Hostel“, „Saw“ oder „John Rambo“ fabriziert.

Sind Filme mit mordenden und prügelnden Protagonisten somit allesamt zu verdammen? Ich denke nicht, dass Haneke dies beabsichtigt oder erwartet. Vielmehr geht es ihm wohl darum, Sensibilität zu schärfen und auf bedenkliche Entwicklungen hinzuweisen. Gerade jetzt, wo Horrorfilme wieder einen ungemeinen Popularitätsschub genießen und etliche Sequels nach sich ziehen, die sich gegenseitig in ihrer Brutalität versuchen zu übertrumpfen, scheint Hanekes Werk unbedingt nötig.
Er selbst meint dazu: „Als ich in den 90ern über „Funny Games“ nachzudenken begann, hatte ich hauptsächlich das englischsprachige Gewaltkonsumentenpublikum vor Augen. Ich reagierte auf ein bestimmtes Kino, seine Gewalt, seine Naivität, und seinen Zynismus. Da der Film in einer fremden Sprache war und die Schauspieler den Amerikanern unbekannt waren, hat der damalige Film sein Publikum nicht erreicht. Ich denke, das kann sich nun ändern.“

Natürlich bleibt es jedem Zuschauer am Ende selbst überlassen, was er aus diesem Film mitnimmt. Auch bin ich persönlich nicht so naiv und schwöre nun meiner Leidenschaft für tumbe 80er-Jahre-Actionfilme ab, wo Selbstjustiz und Revanchismus verherrlicht und böse Buben im Akkord niedergemäht wurden. Ohne mich jedoch zu weit aus dem eigenen Fenster zu lehnen, möchte ich Herrn Haneke versichern, dass ich „dank“ seines (doppelten) Werkes tatsächlich über meine Filmvorlieben nachgedacht habe und glaube differenzieren zu können. Aber vielleicht sollte ich dazu mal meine Freunde befragen…