„Transformers – Die Rache“ (Kinostart: 24. Juni 2009)

Dieser Mann liebt den Schmerz. Anders ist es wohl nicht zu deuten, dass Hollywood-Filmemacher Michael Bay immer wieder auf den Regiestuhl steigt und sündhaft teure Actionwerke vom Stapel lässt (Kosten diesmal: 200 Millionen US-Dollar), die immerzu von der beißwütigen Kritikerschar, zumindest in seinem Heimatland, in Grund und Boden gestampft werden. Dem Publikum hingegen ist´s egal, bis auf „Die Insel“ (2005) zählen Bays Filme zu den finanziell ergiebigsten Kindern der Traumfabrik. Ironie: Einzig „Die Insel“ bescherte dem 44jährigen einst Kritikerlob.

Nun also Teil zwo seiner computergenerierten Zerstörungsorgie, nach Aussagen seines Schöpfers „eine Mischung aus ‚Ben Hur‘ und ‚Apocalypse Now‘“. Bescheidenheit war gestern, allerdings würde „Transformers – Die Rache“ wohl kaum ein anderes Attribut besser stehen – rein optisch natürlich.

Zahlenmäßig ordentlich aufgestockt, führt der Film den stets von hohen Kollateralschäden begleiteten Kampf zweier verfeindeter Roboterarmeen (Decepticons & Autobots) auf der Erde fort, mittendrin einmal mehr ein sympathischer Shia LaBeouf als Sam, der ungewollt zwischen die Fronten gerät und zusammen mit seiner Freundin (Megan Fox) von einem Schauplatz zum nächsten hastet. Wobei auch hier gilt: Schöner, größer, bunter.
Egal ob Europa, Afrika oder Asien, Bay lässt seine Maschinenberserker überall von der Leine, Verschnaufpausen gönnt er dabei weder seinen Akteuren noch den Zuschauern. Schade, denn so wird selbst die sinnfreieste Achterbahnfahrt auf Zelluloid irgendwann ermüdend, verliert die Detailverliebtheit an den wunderbar animierten Maschinchen ihren Reiz, hilft auch kein Charakterkopf wie John Turturro („The Big Lebowski“) mehr, um die Geschichte noch aufzuwerten.

Zuviel Süßes verdirbt halt den Magen. Lecker ist es trotzdem.

„Die Gräfin“ (Kinostart: 25. Juni 2009)

Babelsberg, Görlitz, Meißen. Immer öfter zieht es internationale Filmproduktionen in deutsche Gefilde, finden Regisseure wie Quentin Tarantino („Inglourious Basterds“) oder Stephen Daldry („Der Vorleser“) auch im Osten der Republik geeignete Schauplätze für ihre Projekte.
Im März 2008 war es Julie Delpy („2 Tage Paris“), die im Dom der Stadt Meißen einige Szenen für ihr Historiendrama „Die Gräfin“ inszenierte und damit auch Daniel Brühl, ihren männlichen Hauptdarsteller, begeistern konnte: „Wir drehten in wunderbaren Locations. Es ist immer schöner, in Originalkulissen zu spielen, weil sie eine einzigartige Atmosphäre verströmen. Ich war erstaunt, wie viele hübsche Bauten es im Osten Deutschlands noch gibt und wie toll sie erhalten sind.“

In „Die Gräfin“ spielt Brühl Istvan Thurzo, die junge Liebschaft von Gräfin Erzebet Bathory (Delpy), die sich nach dem Tod ihres Gatten im Ungarn des späten 16. Jahrhunderts als alleinstehende Adlige in einer von Männern dominierten Welt behaupten muss und an unerfüllter Liebe zu zerbrechen droht. Denn Graf Thurzo (William Hurt), zurückgewiesener Witwentröster und Vater von Istvan, zwingt seinen Sohn zur Heirat mit einer Anderen, ohne die wesentlich ältere Gräfin davon zu unterrichten. Überzeugt, er habe sie aufgrund ihres Aussehens zurückgewiesen, lässt Erzebet fortan jungfräuliche Mädchen töten, um durch deren Blut ewige Schönheit zu erlangen.

Regisseurin Delpy inszeniert die auf wahren Ereignissen beruhende Geschichte zunächst als klassisches Kostüm- und Liebesdrama, das sich immer mehr in einen düsteren Horrorfilm wandelt, jedoch stets die innerliche Zerrissenheit, den Liebesdurst und schließlich den bizarren Wahn der Gräfin im Fokus behält. Die sehr guten – darunter etlichen deutschen – Nebendarsteller erfreuen dabei ebenso wie die leichte Ironie, mit der Delpy den modernen Schönheitswahn kommentiert.

Zur Deutschlandpremiere des Films besucht das Filmteam am 25. Juni die „Filmnächte am Elbufer“.

Aus dem „Meißner Tageblatt“ vom 24. Juni 2009.

„Shopping-Center King“ (Kinostart: 18. Juni 2009)

Den Idioten gehört die Welt.

Was wäre das Kino ohne seine Freaks? Ob „Borat“, „Forrest Gump“ oder nun der „Shopping-Center King“, unterhaltsam wird es immer dann, wenn sich ein Film Sonderlingen annimmt, die ihre ganz spezielle Art haben, den Alltag zu meistern.

Als Quasi-Gegenstück zum etwas familienfreundlicheren Kollegen Kevin James, der noch im März den „Kaufhaus Cop“ gab, darf nun US-Komiker Seth Rogen („Beim ersten Mal“) als Wachdienstleiter eines Einkaufszentrums hemmungslos sein Revier säubern. Ein Exhibitionist kommt seiner Selbstüberschätzung und Träumerei vom „echten Polizistenleben“ dabei genau recht, Profikommissar Harrison (Ray Liotta) samt Kompetenz weniger.

Laut Regisseur Jody Hill inspiriert von Travis „Taxi Driver“ Bickle, stellt die Komödie den ewigen Verlierer in den Mittelpunkt, versucht jedoch gar nicht erst, ihn dem Publikum sympathisch zu machen. So erleben wir, untermalt vom zynischen Off-Kommentar des Hauptakteurs, seine Sicht der Welt. Das schließt einige ziemlich seltsame Ansichten und Proll-Verhaltensweisen zwangsläufig mit ein. Der Humor ist derb, wenig subtil und macht sich keine Gedanken um Scham oder guten Geschmack. Hier wird nicht gekuscht oder abgeblendet, sondern hemmungslos draufgehalten, bis der Gag verblasst. Anspruch und interessante Wendungen sind absent, amüsant ist´s mitunter trotzdem - Ray Liotta sei dank! Denn dessen Wutausbrüche sind nicht erst seit „Goodfellas“ legendär.

(Wertung: 3 von 6 Punkten; erschienen in der Sächsischen Zeitung vom 18.06.2009)

„State of Play“ (Kinostart: 18. Juni 2009)

Verwunderung gepaart mit Freude. So der Gemütszustand nach Sichtung von „State of Play“, dem neuen Thriller von Kevin Macdonald („Ein Tag im September“, 1999; „Der letzte König von Schottland“, 2006). Es ist die Verwunderung über die simple Reduzierung sowohl auf inhaltlicher als auch visueller Ebene auf das Essenzielle, befreit von jeglichem überflüssigen Ballast, der etliche Produktionen dieses Genres auszeichnet. Irrelevante Nebenstränge sucht man hier vergebens, kein konstruiertes Techtelmechtel zwischen einzelnen Charakteren stört die clever konstruierte, an Überraschungen nicht arme Geschichte. Es ist gleichzeitig die Freude darüber, dass eine britische Mini-TV-Serie so wunderbar in Filmform übertragen werden konnte und trotzdem nicht den Eindruck einer durchgestylten Hollywoodproduktion trägt.

Obgleich die Zutaten diese Vermutung nahe legen: Zu Beginn ein Mord, der Verdacht einer politischen Verschwörung, schließlich journalistische Puzzlearbeit mit einigen sehr überraschenden Enthüllungen.
Die Assistentin von Senator Collins (Ben Affleck) wird eines Morgens vor die Gleise einer U-Bahn gestoßen, bei der anschließenden Pressekonferenz zeigt sich ihr Chef allerdings angeschlagener als vermutet. Womöglich eine außereheliche Affäre des Saubermanns und neuen Hoffnungsträgers seiner Partei? Ausgerechnet sein früherer Kommilitone Cal (Russell Crowe), Vorzeigejournalist einer bedeutenden Tageszeitung, wird mit den Recherchen zu diesem Fall beauftragt. Unterstützung erhält er dabei von Della Frye (Rachel McAdams), einer jungen Redakteurin, die ihm seine resolute Chefin (Helen Mirren) zur Seite stellt. Schnell wird beiden klar, dass Collins nicht nur innerhalb des Kongresses Gegner zu haben scheint.

Wirklich wunderbar, wie das fintenreiche Drehbuch den Zuschauer miträtseln und -fiebern lässt, wenn immer neue Informationen enthüllt und dem großen Ganzen hinzugefügt werden. Stets auf Augenhöhe mit den Journalisten, erzeugt dies nicht nur Spannung, sondern zeigt nebenbei ebenso auf, wie vielschichtig nicht nur politisch motivierte Verschwörungen sein können. Macht, Einfluss und Reichtum sind die Triebfedern hinter den Akteuren, ihre Mittel und Wege zum Erreichen ihrer Ziele dabei oftmals erst auf den zweiten Blick durchschaubar.

Kevin Macdonald ist mit „State of Play“ ein packender, anspruchsvoller sowie durch und durch unterhalstamer Krimi gelungen, nahezu altmodisch in seiner Inszenierung, getragen von einer Handvoll glaubhaft agierender Charaktere. Sehr fein.

„Terminator: Die Erlösung“ (Kinostart: 4. Juni 2009)

Es gibt nur wenige Filmfiguren, die eine solche Assoziation mit ihrem Darsteller zur Folge hatten wie die des „Terminator“ und Arnold Schwarzenegger. Vor nunmehr 25 Jahren war es diese Rolle, mit der Regisseur James Cameron („Titanic“) das schauspielerisch nur mäßig begabte Muskelpaket aus Österreich zum Weltstar und Actionhelden einer ganzen Generation aufstiegen ließ.
Mit einem sehr viel höheren Filmbudget ausgestattet, wagten beide 1991 einen zweiten Teil, der noch heute als Quantensprung für visuelle Effekte im Film gilt. Inhaltlich war für Cameron danach alles erzählt, der riesige finanzielle Erfolg jedoch ließ die Produzenten stets auf eine Fortsetzung hoffen. Diese folgte - ohne Autor Cameron – im Jahr 2003, eine weitere startet nun unter dem Titel „Die Erlösung“.

Wie zu erwarten bei einem vorbelasteten Regisseur wie McG (eigentlich Joseph McGinty Nichol, „3 Engel für Charlie“), ergießt sich hierbei eine laute, temporeiche und wuselige Effekteshow über den Zuschauer, die den demnächst ebenfalls im Kino startenden „Transformers 2“ ordentlich Paroli bietet. Charakterkopf Christian Bale („Batman Begins“) führt die Rolle des Rebellenführers John Connor überzeugend fort und nimmt uns mit in eine von Maschinen zerstörte und regierte Zukunft, in welcher Menschen lediglich als Ersatzteillager und Grabschaufler dienlich sind.

Eine Zukunft, deren Komplexität wohl nur Kenner der Vorfilme ganz durchschauen können, wenngleich sie ob des fehlenden Tiefgangs, glaubhafter Charaktere und philosophischer Fragen zur Existenz - also all das, was Filmemacher Cameron zu einer Koryphäe unter den Action-Regisseuren macht - „Die Erlösung“ mit gemischten Gefühlen betrachten werden.

Was bleibt, ist Augenfutter par excellence, zumindest auf großer Leinwand ist dies ja immer einen Blick wert.

Aus dem „Meißner Tageblatt“ vom 4. Juni 2009.

Ansichten eines Dieners: „In Berlin“

Ein Interview mit Kameralegende Michael Ballhaus und Co-Regisseur Ciro Cappellari

Ein Vierteljahrhundert lang bebilderte der gebürtige Berliner Michael Ballhaus die Arbeiten von Martin Scorsese, Francis Ford Coppola und Robert Redford in Hollywood. Zurück in Deutschland, präsentierte er zusammen mit Ciro Cappellari am Dienstagabend seine eigene Regiearbeit „In Berlin“. SZ traf beide zum Gespräch im Dresdner Filmtheater Schauburg.

SZ: Wie kam es zu diesem Projekt?
Ballhaus: Ursprünglich sollte ich einen Film mit dem Titel „Mein Berlin“ machen, was ich jedoch langweilig fand, da mein Berlin lediglich von älteren Menschen gehandelt hätte. Also fragte ich bei Ciro an, gemeinsam etwas zu entwickeln, wodurch dann auch ein paar jüngere Protagonisten hinzukamen.
Cappellari: Michaels Konzept basierte zunächst darauf, eigene Freunde in Berlin zu porträtieren, denn für ihn sind diese Freunde die Stadt Berlin. Ich habe dann versucht, diesen Kreis mit mir Nahestehenden zu erweitern, wodurch wir schlussendlich immer mehr interessante Menschen kennengelernt haben, die unsere Neugier weckten. Uns war wichtig, dass unsere Protagonisten einen Prozess durchlaufen, in Bewegung sind.

SZ: Nutzten Sie diesen Anspruch als eine Art Drehbuch?
Ballhaus: Das weiß man bei einem Dokumentarfilm nie so genau. Es kam vielmehr einem Mosaik gleich, bei dem Steinchen für Steinchen zusammengesetzt werden musste. Wir haben stets heftig diskutiert und ausgewählt, das Ergebnis ist nun 90 Minuten lang.

SZ: Was macht für Sie den Reiz einer Dokumentation aus?
Ballhaus: Der Reiz für mich ist die Nähe am Leben. Man sieht die Menschen in ihren Glücksmomenten ebenso wie bei der Bewältigung ihrer Probleme. Die Dokumentation erlaubt es, der Realität sehr viel näher zu kommen als ein Spielfilm, etwas Gestaltetem.
Cappellari: Uns war von Anfang an klar, dass wir einen Dokumentarfilm machen. Ich hatte zuvor gerade den Spielfilm „So ist Paris“ gesehen und war abgeschreckt von den vielen Klischees, die ich darin entdeckte.

SZ: Berlin wird oft als „internationale Stadt“ bezeichnet. Wie „deutsch“ ist Berlin heute noch?
Ballhaus: Ich finde schon, dass Berlin eine sehr deutsche Stadt ist. Das Glück für Berlin ist, dass es seit dem Fall der Mauer auch eine internationale Stadt geworden ist. Doch bezogen auf die Menschen und die Konstruktionen ist sie immer noch sehr deutsch. Berlin hat Platz, hat breite Straßen und Möglichkeiten für Verkehr wie sie kaum eine andere Großstadt der Welt besitzt.
Cappellari: Für mich ist Berlin in drei Ringe aufgeteilt: Einem äußeren, sehr deutschen Ring. Einem mittleren, weniger deutschen, und einem Zentrum, in dem sich die internationale Szene bewegt. Sie gibt der Stadt einen internationalen Anstrich, Größe, Identität. Dies hängt auch mit dem Fall der Mauer zusammen, jenem Moment des Glücks der Wiedervereinigung, der einen Geist geschaffen hat, der so typisch Berlin ist.

SZ: Ihrem Film wird unterstellt, streitbare Themen und unschöne Ecken der Stadt auszublenden?
Ballhaus: Ich denke nicht, dass der Film anders geworden wäre, wenn wir in die politische Diskussion, beispielsweise zum Stadtschloss oder der hohen Verschuldung, eingestiegen wären. Die Themen werden ja angesprochen, nur kommt man da wahrscheinlich nie zu einer befriedigenden Lösung.
Cappallari: Wir wollten bewusst keinen politischen Film machen, sondern einen Film über das Lebensgefühl der Stadt. Wir wollten das Positive, die Energie der Stadt zeigen. Wenn man so will, ist dies ja auch schon ein politisches Statement.

SZ: Herr Ballhaus, Sie bezeichneten die Tätigkeit des Kameramannes einmal als einen „dienenden Beruf“?
Ballhaus: Als Kameramann eines Spielfilms dient man einer Geschichte, einer Idee des Regisseurs, und versucht, diese in Bilder umzusetzen und sichtbar zu machen. Es ist aber ebenso ein Dienen den Schauspielern gegenüber, die großen Respekt verdienen. Denn nur in einer entspannten, freundlichen und achtungsvollen Atmosphäre können sie ihr Talent entfalten.

SZ: Wie viel Mitspracherecht hat ein Diener?
Ballhaus: Nur wenige Regisseure, Scorsese oder Fassbinder beispielsweise, haben eine genaue Vorstellung von ihren Bildern. Trotzdem müssen diese erst einmal entstehen, müssen ausgeleuchtet und eine Brennweite bestimmt werden. Dies alles sind Aufgaben des Kameramannes, oder – wie es im Englischen passender heißt – director of photography, also Bildregisseur.

SZ: Nach 25 Jahren und 38 Filmen in Hollywood sind Sie nun nach Deutschland zurückgekehrt. Heimweh?
Ballhaus: Es war die Sehnsucht nach Deutschland und Berlin. Ich bin nun 73 Jahre alt, da wurde es Zeit für ein Aufhören. Zudem war „Departed“ ein schöner Film für den Abschluss. Ich hatte Heimweh nach Deutschland, hinzu kommt, dass mir das Amerika des Herrn Bush überhaupt nicht mehr gefallen hat.

SZ: Sie sind beide als Dozenten tätig. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?
Ballhaus: Es bereitet mir Freude und deshalb habe ich es auch seit 1968 nicht aufgegeben. So kann ich weiterhin den Kontakt zu jungen Menschen erhalten.
Cappellari: Für mich ist die Tätigkeit als Dozent dank der Rückmeldungen eine wichtige Erfahrung. Es macht offen für neue Ideen junger Menschen. Ihre Experimentierfreudigkeit und ihr Mut sind bemerkenswert.

Das Gespräch führte Csaba Lázár

P.S.: Michael Ballhaus ist einer der bedeutendsten Kameramänner der Welt. Er lernte sein Handwerk beim deutschen Fernsehen und drehte 17 Filme mit Rainer Werner Fassbinder. Dadurch wurde er international bekannt.
In Hollywood drehte er seit 1985 nahezu alle Filme von Martin Scorsese und zahllose Großproduktionen wie „Tod eines Handlungsreisenden“, „Bram Stoker´s Dracula“, „Outbreak“, „Air Force One“ und „Was das Herz begehrt.“ Nach Scorseses „Departed“ (2006) verließ er Hollywood und kehrte zurück nach Deutschland.
Für sein Schaffen wurde Ballhaus mehrfach ausgezeichnet und für mehrere Oscars nominiert.

Eine gekürzte Version des Interviews ist in der „Sächsischen Zeitung“ vom 28. Mai 2009 erschienen.

Eine Revolution, die keine ist

Einen Horror-, oder in diesem Fall einen Splatterfilm zu rezensieren, ist seit jeher ein wenig ergiebiges Unterfangen. Ein Redakteur vom Filmdienst geht sogar noch weiter und behauptet in einer Kritik zu „My Bloody Valentine 3D“: „Es stellt sich die Frage, inwieweit Filmkritik bei einem expliziten Splatter-Film überhaupt Sinn macht. Ist das Zielpublikum nicht – ähnlich wie bei einem Porno – nur an der visuellen Sensation einzelner Sequenzen interessiert?“

Zwar geht diese Gleichsetzung für meine Begriffe etwas zu weit, allerdings entbehrt das Argument der Gier nach „visueller Sensation“ sicherlich nicht einer gewissen Wahrheit. Sei´s drum, da auch ich als Liebhaber des Horror- und Splattergenres damit scheitern werde, „My Bloody Valentine“ einen tieferen Sinn herbeizuschreiben, stürze ich mich lieber auf den 3D-Aspekt des Films, wenngleich auch weniger mit Lob als vielmehr mit einem Kopfschütteln. Kommentare sind wie immer gern gelesen!

Folgender Text erscheint in der Juniausgabe des Dresdner Kinokalender unter der Rubrik „Im Nachgang“:

Wer kennt diesen Film? Ein junger Mann mit viel Phantasie und einer geheimen Leidenschaft für seine hübsche Nachbarin versucht sie mit einer selbstgebastelten Brille zu beeindrucken: „Damit siehst Du das Leben in 3-D!“ Darauf sie etwas irritiert: „Aber ist das wahre Leben nicht schon 3-D?“

Solch wunderbare Ironie wie in Michel Gondrys „Science of Sleep“ scheint den Verfechtern der neuen/alten 3D-Technik im Kino momentan völlig abzugehen. Zur Unterstützung ihrer Argumentation wird dabei immer wieder gern auf „Avatar“ verwiesen, dem neuen Spielfilm von James Cameron („Titanic“), welcher Ende des Jahres auch letzte Zweifler überzeugen soll. Bis dahin erfreut uns vor allem die Animationssparte mit lustigen Filmen über Monster („Monsters vs. Aliens“), niedlichen Tierchen („Bolt“, „Ice Age 3“) oder sprechenden Spielzeugen („Toy Story 3D“). Auch das Horrorgenre scheint nach äußerst lächerlichen Versuchen anfang der 1980er Jahre („Freitag, der 13.: Teil 3“) nun die Vorzüge des Framesprengenden Gemetzels zu erkennen und schickt nach dem aktuellen Remake zu „My Bloody Valentine“ bald auch „Final Destination 4“ ins Rennen.

Revolution ist was anderes. Klar habe ich Freude an einem sinnentleerten Horrorfilm, in dem die Axt des Killers nur um Haaresbreite meine Nasenspitze verfehlt, kann ich mir durchaus vorstellen, mit meinem kleinen Neffen die Abenteuer von Buzz Lightyear und Kumpel Woody aus „Toy Story“ noch einmal auf großer Leinwand zu bestaunen. Doch dann? Rien ne va plus! Zu meiner Begeisterung für französische Programmkinokunst kann 3D absolut nichts beitragen. Muss ich mich dann als „ewig Gestriger“ beschimpfen lassen, als unbelehrbarer Fortschrittsmuffel, der die Zeichen der Zeit nicht erkennen will?

Liebe 3D-Revoluzzer, nicht jeder Filmfan schaut ausschließlich Hollywoodproduktionen! Tatsächlich steht Amerika nach Bollywood (1091) und Nigeria (872) mit einer Anzahl von 485 Filmproduktionen im Jahr momentan nur auf Platz drei in einer von der UNESCO veröffentlichten Rangliste. Und Achtung: Es soll sogar eine Independent-Szene in den USA geben, die kleine, feine Dramen und anderes produziert (aktuell: „Rachels Hochzeit“, „The Fall“) und ebenso wenig Verwendung für das neue Format haben dürfte.

Doch mit sachlichen Argumenten ist diesem völlig überbewerteten 3D-Wahnsinn sowieso kaum entgegenzutreten. Da hilft es auch nichts, wenn der größte Lieferant für 3D-Technik aufgrund von Finanzierungsproblemen von ursprünglich angekündigten 1500 nur 200 Leinwände der USA von Januar bis März 2009 umrüsten konnte. Von insgesamt rund 39.000 sind somit gerade mal 1400 „3D Ready“, hierzulande indessen knapp 30 von 4800. Revolution ist was anderes.

Ebenso kontraproduktiv erscheint ein Blick in das aktuelle Programm der hiesigen Multiplexhäuser, in denen seit Monaten ein Mischmasch aus kleinen Produktionen und Nischenfilmen zu sehen ist („C´est la vie“, „Das Festmahl im August“). Offensichtlich ist das Interesse an solcherlei Filmen weitaus größer und ertragreicher, als eine alleinige Konzentration auf die Big-Budget-Ware aus dem Westen.
„Macht aber nichts, denn `Avatar´ wird alles verändern!“, hör ich die Anhänger schon wieder fluchen. Sorry, aber dieses Argument schreit ihr mir seit drei Jahren entgegen. Fast scheint es, als müsse Cameron mit seinem SciFi-Spektakel eine ganze Industrie retten. Armer James, dabei wollte er doch nur einen unterhaltsamen Film drehen.

Doch genug der Sticheleien. Zum Ende nun doch noch ein ehrlich gemeintes „Toll gemacht!“ Richtung „My Bloody Valentine 3D“ von Patrick Lussier. Inhaltlich erbärmlich wie dem Genre angemessen, darf man(n) sich darin an nackten Schönheiten, ausgefallenen Sterbeszenen und einer Zweckentfremdung von Spitzhaken erfreuen. Gegenüber den zahlreichen lustlosen Neuverfilmungen vergangener Jahre („Prom Night“, „The Fog“), weiß Lussier durch Tempo, einer leicht veränderten Storyline und charmantem Zitieren des Originals zu begeistern. Die 3-D-Effekte sind gut gesetzt, würzen den Film aber nur marginal. Denn Lussier weiß, was einen guten Horrorfilm ausmacht: Atmosphäre. Die gibt´s allerdings auch in 2D.