... im Nachgang: „Ohne Limit“ (Kinostart: 14.04.2011)

Mit Pillen zum Erfolg? Der Film „Ohne Limit“ macht's vor. HIER ein Streitgespräch dazu, das ich (contra) mit einer Kollegin vom Kinokalender Dresden in schriftlicher Form führte.

Heimkino-Tipp: „M“ (1931)


Passend zur momentanen Kino-Wiederaufführung seines wohl berühmtesten Werks „Metropolis“, veröffentlicht das Label universum film ein weiteres Juwel aus dem Œuvre von Fritz Lang: „M“. Als der Regisseur diesen Film 1931 erstmalig einem Publikum präsentierte, hatte Lang bereits einige Höhen und Tiefen in seiner Karriere hinter sich. Denn nachdem er mit „Dr. Mabuse, der Spieler: Teil 1 und Teil 2“ (1922), sowie den beiden „Nibelungen“-Verfilmungen (1924) die Grenzen des noch jungen Mediums Film kontinuierlich ausgeweitet hatte, trieb er die UFA, damals eines der größten Filmstudios weltweit, mit seinem ambitionierten, allerdings furchtbar gefloppten „Metropolis“ (1927) fast in den Ruin.

Bei all den – gerechtfertigten – Lobhudeleien für das neu entdeckte, nun fast vollständig rekonstruierte Meisterwerk „Metropolis“ tritt die Bedeutung von Langs späterem Schaffen leider oftmals in den Hintergrund. Bevor er sein Glück in Hollywood suchte (Lang verließ Deutschland kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten), schenkte er der Welt noch zwei Tonfilme, die wohl zu seinen besten Arbeiten zählen: „Das Testament des Dr. Mabuse“ (1933) – und eben „M“.

Für Lang selbst war „M“ komplettes Neuland: Bekannt für seine starke Bildsprache, für die er im Stummfilm die perfekte Bühne fand, musste Lang diese nun mit einer weiteren Komponente in Einklang bringen: dem gesprochenen Wort. Und, liebe Filmfreude, Lang wusste dieses Stilmittel p-e-r-f-e-k-t zu nutzen und kombinierte es kongenial mit Kameraführung, Schnitt und Überblendungen. So wundert es wenig, dass die gesamte Montage des Streifens noch heute Referenzcharakter besitzt (einen wunderbaren Einblick in die Besonderheit von „M“ präsentiert Regiekollege Wim Wenders in der Dokumentation „Auge in Auge – Eine deutsche Filmgeschichte“, siehe Blog-Eintrag vom Juli 2008).

Auch inhaltlich weiß „M“ trotz seines Alters noch immer zu fesseln: Eine Serie von Kindermorden versetzt die Bewohner Berlins in Unruhe. Die Furcht vor weiteren Opfern ist so groß, dass nicht nur die Polizei, sondern auch die Bosse aus der kriminellen Unterwelt die Jagd auf den Täter beginnen. Quasi parallel und doch nicht gemeinsam ziehen sie die Schlinge um den Schuldigen immer enger. Doch der hat bereits sein nächstes Opfer gefunden.

Dargestellt wird dieses „Monster“ von Peter Lorre, der mit „M“ den Grundstein für eine internationale Schauspielkarriere legte (u.a. spielte er eine Schlüsselrolle in „Casablanca“). Seine Darstellung war derart überzeugend, dass sie Hitlers Propagandaminister Goebbels später sogar in einen seiner Hetzfilme über das „Judentum“ montieren ließ. Dies soll nun nicht als Qualitätssiegel gelten, verdeutlicht aber, wie Lorres intensiver Auftritt von Zeitzeugen wahrgenommen wurde.

Obwohl „M“ das digitale Medium schon vor Jahren eroberte (die hier vorliegende Edition ist bereits die siebte), ist den Machern tatsächlich noch einmal eine kleine Sensation gelungen. Nicht primär aufgrund einer wiederholten Restauration in Bild und Ton (basierend auf der Version von 2001), die den Klassiker wirklich wunderbar aussehen lässt. Sondern vielmehr dank des umfangreichen Bonusmaterials: zahlreiche Dokumentationen zur Filmentstehung und den historischen Hintergründen, auf denen das Drehbuch basiert, Vergleiche zwischen verschiedenen Sprachfassungen (damals wurde nicht unbedingt synchronisiert, sondern am selben Set eine Szene in anderer Sprache wiederholt), Einblicke in den Restaurationsprozess, ein ausführliches TV-Interview mit Fritz Lang von 1968, ein Trailer sowie etliche Dokumente in pdf-Form, die von Kritiken über Werbeflyer bis hin zu Zensurkarten reichen – ein Paradies für Cineasten und neugierige Filmfans! Wer sich für die BluRay-Variante entscheidet, bekommt zusätzlich noch ein sehr ansehnliches Mediabook (= Digipack, in dem sich die Disc befindet) dazu, welches einem Filmprogramm der 30er Jahre nachempfunden ist.

Inhalt, Form, Verpackung: die „80th Anniversary Edition“ von „M“ lässt wahrlich keine Wünsche offen und bietet auch Besitzern von früheren Versionen noch genug Anreize, über einen Neukauf nachzudenken.

Die DVD/BluRay „M – 80th Anniversary Edition“ (FSK 12) erschien am 20. Mai 2011 bei universum film.

„Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten“ (Kinostart: 19. Mai 2011)

Nuschelnd, betrunken und zerstreut kam er daher – und bescherte den Filmemachern einen Schatz im Wert von 2,7 Milliarden Dollar: Captain Jack Sparrow. Oder war es doch nur Johnny Depp? Die Legende besagt, dass die Produzenten zunächst große Zweifel hatten, ob der exzentrische Auftritt des Schauspielers als Pirat nicht mehr Zuschauer verschrecken als begeistern würde. Das Gegenteil war der Fall und so dürfen sich die Freunde des langhaarigen Spaßvogels nun auf den vierten Teil, „Fremde Gezeiten“, freuen. Sein Ziel in diesem Abenteuer: die Quelle der Jugend.

Zunächst steht Jack jedoch vor einem weit größeren Problem: Er braucht ein Schiff, eine Crew und ausreichend Rum. Da kommt ihm seine eigene Entführung durch die hübsche Angelica (Penélope Cruz) und ihren finsteren Vater Blackbeard (Ian McShane) eigentlich ganz gelegen – wenn der nur nicht so fordernd und rücksichtslos wäre. Ihnen dicht auf den Fersen ist ein ebenso harter Bursche: der inzwischen einbeinige Barbossa (Geoffrey Rush), dem Jack aus Wut über den Verlust seines geliebten Kutters „Black Pearl“ am liebsten gleich noch den anderen Fuß wegnehmen würde.

Spaß, Action und viel Tempo scheinen das Credo für Regisseur Rob Marshall („Chicago“) gewesen zu sein. Da tritt die an sich simple Geschichte in den Hintergrund, während die vier Hauptdarsteller zwei Stunden lang auf herrlich infantile Weise ihre Schwerter schwingen, ihre Matrosen knechten und ihre Gegner hinter’s Licht führen dürfen.
„Fremde Gezeiten“ kommt leichtfüßiger als der vorherige Teil „Am Ende der Welt daher“, ist gespickt mit einem wunderbaren Cameo-Auftritt der großen Judi Dench und hat eigentlich nur einen Makel: Einen kaum zur Geltung kommenden 3D-Effekt, den diese ohnehin unterhaltsame Piraten-Show nicht benötigt hätte.

Aus dem „Meißner Tageblatt“ vom 18. Mai 2011.

DVD-Tipp: „Kinski Talks 2“ (2011)


Klaus Kinski war ein Gesamtkunstwerk: Ob als Schauspieler, Regisseur oder Interviewpartner, in jeder Rolle bot er seinem Publikum etwas Einmaliges, Sonderbares, Faszinierendes. Legendär seine Hassliebe zu Werner Herzog, mit dem er mehrere Filme inszenierte, gefürchtet seine verbalen Attacken gegen Fragensteller, die er nicht selten schroff, scharfzüngig oder einfach nur dickköpfig zurechtwies.

Peter Geyer, Biograph und Nachlassverwalter von Kinskis Auftritten, hat nun nach der Dokumentation „Kinski – Jesus Christus Erlöser“ und „Kinski Talks 1“ eine neue DVD zusammengestellt, die den streitbaren Künstler abseits der Kinoleinwand ‚in Aktion‘ zeigt. Neben einem Auftritt in der „NDR Talk Show“ vom Oktober 1985, bei dem Kinski all sein Können als Charmeur, bockiger Gast und Provokateur zeigt, ist ebenso eine Folge aus der Sendereihe „Zeit zu zweit“ (Juli, 1985) auf der DVD zu finden. Fast 45 Minuten lang kann man Kinski hier dabei beobachten, wie er der damals 17-jährigen Désirée Nosbusch Avancen macht, sich in Erinnerungen verliert, oder belehrend seine Sicht der Dinge zum Besten gibt. Interessant, was es damals so alles ins öffentlich-rechtliche Fernsehen geschafft hat…

Das dritte Feature auf der DVD bietet ebenfalls eine Kuriosität: Der amerikanische Dokumentarfilmer Jay Miracle versuchte sich im September 1986 an einem Interview mit Kinski. „Dinocittà“ entpuppt sich als ein zwar anstrengend anzusehendes, aber durchaus unterhaltsames Experiment, bei dem die Kamera oftmals in Hüfthöhe gehalten wird (Kinski verlangte direkten Augenkontakt von seinem Gegenüber) und dass einige überraschende Wahrheiten (?) über sein Verhältnis zu Werner Herzog verrät.

Fazit: Die DVD „Kinski Talks 2“ ist wie sein Vorgänger allein deshalb eine Empfehlung, weil sie neben Kinski in Reinkultur ein wunderbares Zeugnis der TV-Landschaft der 1980er Jahren darstellt. Die Silberscheibe bietet deutschen Ton (ohne Untertitel) für „NDR Talkshow“ (ca. 30 min.) und „Zeit zu zweit“ (ca. 44 min.), sowie deutsche Untertitel für das englischsprachige „Dinocittà“ (ca. 60 min.). Ein paar gelöschte Szenen und ein informatives Booklet sind als Bonusmaterial enthalten.

Man mag über den Menschen Klaus Kinski urteilen wie man will – doch für einen unterhaltsamen Fernsehabend war er zweifellos stets die beste Zutat. Mal sehen, ob Peter Geyer noch weitere Perlen dieser Art in den Senderarchiven findet. Als Alternative zum aktuellen TV-Programm wäre es wünschenswert.

Heimkino-Tipp: „Was will ich mehr“ (2010)


Es war im Jahr 2008, als ein kleiner, unscheinbarer Film aus Italien mit dem Titel „Tage und Wolken“ mich in seinen Bann zog. Das Drama erzählte von den Schwierigkeiten eines ‚alltäglichen‘ Paares jenseits der 40, nach Arbeitsplatzverlust und finanziell unbefriedigenden Aushilfsjobs wieder Fuß zu fassen. Dass dabei auch persönliche Konflikte und Enttäuschungen die Beziehung belasteten, machte die Geschichte spannend und vor allem glaubhaft.

Der Regisseur dieser Perle heißt Silvio Soldini. Kein unbeschriebenes Blatt in der Filmwelt, hatte er doch zuvor bereits mit „Brot & Tulpen“ (2000), sowie „Agata und der Sturm“ (2004) für zufriedene Kinobesucher gesorgt. Entsprechend hoch dürfen die Erwartungen an sein aktuelles Werk „Was will ich mehr“ auch sein.

Wieder widmet er sich einem Paar, wieder verankert er seine Geschichte im Hier und Jetzt und gibt sich als stiller Beobachter von Ereignissen, die in dieser Weise tatsächlich jedem liebenden Menschen widerfahren könnten: Anna (Alba Rohrwacher) ist verheiratet und hat dem äußeren Anschein nach alles, was es zum Glücklichsein braucht. Einen angenehmen Job, nette Kollegen, keine finanziellen Probleme und einen Mann, den Domenico (Pierfrancesco Favino) später als ‚Heiligen‘ bezeichnen wird, ist er doch der geduldigste, verständnisvollste und liebenswürdigste Gatte, den sich eine Frau nur wünschen kann.
Domenico trägt ebenfalls einen Ehering, ist Vater zweier Kinder und u.a. als Caterer tätig. Dabei trifft er eines Tages auf Anna – ein flüchtiger Blick, ein kleines Missverständnis, doch nichts was auf ihre gemeinsame Zukunft hinweisen könnte. Erst als er ein paar Tage später ein vergessenes Messer in ihrem Büro abholen will, nehmen sie sich wirklich wahr. Einen gemeinsamen Kaffee später ist beiden klar, dass da mehr ist.

Was sich zunächst wie eine italienische Variante von Patrice Chéreaus gefeierten Skandalfilm „Intimacy“ anlässt, ist sinnlich, romantisch und wunderbar natürlich dargestellt. Jedoch setzt „Was will ich mehr“ den Focus mit zunehmender Laufzeit immer mehr auf die Folgen, die die Affäre der beiden gebundenen Liebenden nach sich zieht. Will sie ihren Mann tatsächlich verlassen? Kann er ohne seine Kinder leben? Möchte sie ihrem ‚heiligen‘ Gatten eine Trennung wirklich antun? Wagt er es, seine kleine Familie, die kurz vor dem sozialen Abstieg steht, im Stich zu lassen?
Regisseur Soldini gelingt es, diese Dilemmata immer wieder in den Mittelpunkt zu rücken, ohne die geheime Beziehung von Anna und Domenico als etwas ausnahmslos Rücksichtsloses oder Egoistisches darzustellen. So sieht sich der Zuschauer eben jenen Konflikten und Problemen gegenübergestellt, die auch die Protagonisten zu lösen haben.

Diese dem Publikum nahezubringen, gelingt Soldini mit einem einfachen, aber sehr effektiven Kniff zu Beginn seines Films: Bis es – nach mehreren gescheiterten Versuchen – tatsächlich zum Sex zwischen Anna und Domenico kommt, wird „Was will ich mehr“ ausschließlich aus der Perspektive der Frau erzählt. Anschließend wechselt der Standpunkt der Geschichte und die Kamera klebt förmlich an Domenico und ermöglicht somit einen Einblick in seinen Alltag. Was bleibt, sind zwei komplett entblößte Leben und die Herausforderung für das Publikum, ein eigenes Urteil über ‚richtig‘ und ‚falsch‘, ‚nachvollziehbar‘ und ‚verwerflich‘ zu fällen. Das ist unterhaltsames, gefühlsbetontes und anspruchsvolles Kino wie ich es mag. Was will ich mehr?

P.S.: Die DVD/BluRay bietet den Film in deutscher und italienischer Sprachversion (Original), optionale deutsche Untertitel, gelöschte Szenen, ein informatives Making of, sowie diverse Trailer. Anbieter: Alamode Film/AL!VE AG

Heimkino-Tipp: „Is Anybody There?“ (2008)


Beweisen muss er eigentlich nichts mehr. Und trotzdem verwöhnt der inzwischen 78jährige Sir Michael Caine die Filmwelt immer noch ohne Unterlass mit seiner Schauspielkunst. Sei es in sogenannten ‚Blockbustern‘ („Inception“, 2010, „The Dark Knight“, 2008, „Children of Men“, 2006) oder kleineren Perlen, die aufgrund ihres Independent-Charakters („Harry Brown“, 2009, „1 Mord für 2“, 2007) oder schlicht schlechter Promotion („The Statement“, 2003) vom Publikum ignoriert werden. Richtig ärgerlich ist das besonders im Fall von John Crowleys „Is Anybody There?“, ein Film, der es in Deutschland weder ins Kino und auch drei Jahre nach Erscheinen noch nicht einmal auf DVD geschafft hat.*

Erzählt wird „Is Anybody There?“ aus der Perspektive des 10jährigen Edward (Bill Milner, bekannt aus dem frisch-frechen „Son of Rambow“, 2007). Der lebt zusammen mit seinen Eltern in einem großen, zum Altenheim umfunktionierten Haus, was ihn zwangsläufig häufiger mit dem Tod in Berührung bringt, als es für Kinder seines Alters üblicherweise der Fall ist. Der neueste ‚Gast‘ des Hauses ist der grummelige Clarence (Caine), der noch immer schwer am Verlust seiner Frau zu knabbern hat und sowieso viel lieber in seinem kleinen Transporter / Wohnwagen rumhandwerkt, als sich mit seinen Altersgenossen bei improvisierten, kindlich-schrecklichen Musikabenden abzugeben. Ein Einzelgänger, den die neugierigen Blicke und ständigen Fragen des Jungen eher nerven als erfreuen. Mit den Wochen lernen sich die beiden Dickköpfe jedoch besser kennen und Clarence beginnt, seinen neuen Freund in die Geheimnisse seines Könnens einzuweihen. Denn in seiner Jugend zog er mit seiner Gattin als Zauberer durch die Lande – und ist nun froh, sein Wissen an jemanden weitergeben zu können. Zumal seine Vergesslichkeit immer häufiger zutage tritt.

„The love you take is equal to the love you make“ sangen einst die Beatles schon. Nichts anderes widerfährt Edward und Clarence in „Is Anybody There?“. Schimpft der eine, brüllt der andere zurück. Öffnet der alte Mann sein Herz, gibt sein junger Kumpel im Gegenzug Privates aus seinem Leben preis. Es macht wirklich Spaß, diese beiden Figuren dabei zu beobachten, wie sie, ohne es bewusst zu wollen, zueinander finden. Während Nachwuchstalent Milner mit Selbstvertrauen und Ungezwungenheit beeindruckt, rührt Caine mit seiner Performance zu Tränen. Keine Überraschung, wenn man einem Interview zum Film glauben darf: Da enthüllte er nämlich, dass er seine Rolle einem engen Freund widmete, der ein ähnliches Alzheimer-Schicksal erleiden musste wie seine Figur. Weiter verriet er, dass seine Frau nach der ersten Vorführung sehr erbost gewesen sei – schlicht aufgrund seiner (zu) glaubhaften Art und Weise, das Altwerden und die zugehörigen Folgen darzustellen.

Dem habe ich eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Außer, dass ich Michael Caine natürlich nicht böse bin für seinen tollen Auftritt – sondern sehr dankbar.

*P.S.: Die britische DVD bietet den O-Ton mit/ohne englische/n Untertitel/n, sowie einige Interviewschnipsel und den Filmtrailer.