Die Skepsis war groß angesichts der Tatsache, dass es sich bei Renny Harlins neuem Werk „Devil’s Pass“ um einen weiteren Vertreter der sogenannten Found-Footage-Filme handelt: Absichtlich im Amateurstil gehaltene Aufnahmen, die suggerieren sollen, Dokumentarfilmmaterial zu sehen, häufig aufgefunden am Ort eines Verbrechens oder als letztes Überbleibsel einer Expedition. Zwar bleibt auch „Devil’s Pass“ diesem Konzept treu, geht dabei aber bei weitem professioneller vor als viele andere Genrevertreter.
Ein Grund hierfür ist schon dank der Prämisse gegeben: Die Geschichte wird aus Sicht von fünf Filmstudenten erzählt, die tatsächlich als solche zu erkennen sind: Statt Handyvideos und Mini-Camcordern nutzen sie richtiges Filmcrew-Equipment, gönnen sich sogar ein „boom mic“, ein Stangenmikrofon, und haben offenbar viel Vorwissen, was die Inszenierungsweise angeht. Natürlich ist dies alles nur eine gutgemachte Täuschung vor den Augen des Publikums, erleichtert aber den Sehgenuss und erspart dem Zuschauer nerviges Rumgewackel der Kamera.
Die Studenten wollen herausfinden, was es mit dem mysteriösen (realen) „Unglück am Djatlow-Pass“ im Ural-Gebirge 1959 auf sich hat: Eine Gruppe junger Wanderer verlor dabei unter bis heute ungeklärten Umständen ihr Leben, wobei die Spuren am Fundort ebenso wie der Zustand der Leichen für viele Spekulationen sorgten. So waren die Zelte von innen aufgeschlitzt, die Personen nur leicht bekleidet bzw. barfuß (bei bis zu -30°C!) unterwegs und einige schwer verletzt, ohne jedoch äußerliche Wunden aufzuweisen.
Nach einem kurzen Zwischenstopp in einem kleinen Ort nahe dem Gebirge machen sich die fünf Filmfreaks schließlich auf den Weg zum Unglücksort. Schneller als erwartet dort angekommen, schlagen sie ihr Nachtlager auf – und erleben in den folgenden Stunden den blanken Horror.
In den ersten 45 Minuten folgt Regisseur Renny Harlin den üblichen Pfaden gleichartiger Horrorfilmchen: Fünf Charaktere, die mehr oder weniger zusammen harmonieren, reisen zunächst voller Elan nach Russland und überhören auf dem Weg zum Ziel zwei Warnungen, die Schlimmes befürchten lassen. Und auch die obligatorische Sexszene kurz vor Beginn des Terrors darf natürlich nicht fehlen, wobei Harlin dies glücklicherweise schnell abfrühstückt, um anschließend 30 Minuten lang wirklich gutes Gruselkino zu präsentieren. Hier zeigt er, was er als Filmemacher draufhat, vermischt gekonnt reale Fakten mit historischen Berichten sowie eigenen Drehbuchideen und lässt wirklich kaum Zeit zum Luftholen – bis er zur letzten Viertelstunde die Katze ausm Sack holt und ein Finale kredenzt, das dem Vorangegangenen in meinen Augen leider nicht gerecht wird.
Zum unbefriedigenden Ende gesellen sich zudem ein formaler und ein inhaltlicher Patzer: Wie kann es sein, dass das hier gezeigte ‚gefundene Filmmaterial‘ bereits so fehlerlos – und in einer Szene gar aus zwei verschiedenen Kameras – zusammengeschnitten ist? Und warum gibt es in Momenten größter Not, Angst und Lebensgefahr immer mindestens einen Beteiligten, der statt seinen Freunden zu helfen lieber die Kamera draufhält? Eine Frage, die mir bisher noch kein „Found-Footage-Film“ beantworten konnte.
Nichtsdestotrotz ist „Devil’s Pass“ einen Blick wert und für Fans von Gruselfilmen sicherlich keine schlechte Wahl. Im Filmgenre des Found-Footage qualitativ hochwertig, im Horrorfilmgenre allerdings nur Mittelmaß.
P.S.: Wer den Film schauen möchte, sollte den Trailer meiden…
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel. Im Bonusteil finden sich ein zehnminütiges Making of sowie diverse Trailer. „Devil’s Pass“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite) und ist ab 28. Januar erhältlich. (Packshot: © Ascot Elite)
Liebe Filmfreunde!
Ein halbes Dutzend Kinoneustarts wöchentlich und unzählige Heimkino-Veröffentlichungen machen es heutzutage nicht leicht, „cineastische Perlen“ zu entdecken. Ob Rezensionen da helfen? Ich weiß es nicht, trotzdem will ich hier meinen Senf zum Thema Film & Kino dazugeben, möchte es wagen Neues zu loben, Klassiker zu verdammen, Aktuelles zu verteufeln, Altes zu empfehlen.
Und wer weiß: Vielleicht entdecken Sie so Ihren neuen Lieblingsfilm?
Heimkino-Tipp: „Laurence Anyways“ (2012)
Das Erste, was auffällt, ist das Bildformat: Nicht aufgrund von Schlamperei bei der DVD-/Blu-ray-Pressung, sondern auf Wunsch des Regisseurs gibt es „Laurence Anyways“ nur in Vollbild. Ein wenig gewöhnungsbedürftig ist das für ein Werk aus dem Jahr 2012 schon, aus künstlerischer Sicht aber nicht ohne Hintergedanken.
Verantwortlich für diese kleine formatbezogene Konterrevolution ist der Kanadier Xavier Dolan, der bei der Veröffentlichung von „Laurence Anyways“ gerade einmal 23 Jahre alt war. Es war nach „I killed my Mother“ (2009) und „Herzensbrecher“ (2010) bereits sein dritter Spielfilm, den er, begleitet von großem Jubel, in Cannes präsentieren durfte. Daher: – ja, sagen wir es deutlich – Dolan ist ein Regiewunderkind. Und auch wenn man seine beiden vorherigen Arbeiten nicht kennt, ist nach wenigen Augenblicken von „Laurence Anyways“ klar, dass hier ein Filmemacher am Werk ist, der schon jetzt mühelos mit den ganz Großen seines Fachs mithalten kann.
In seinem Drama begleitet Dolan eine Dekade lang die Liebesgeschichte des jungen Paares Laurence (Melvil Poupaud) und Fred (Suzanne Clément). Fokussiert auf die Jahre 1989 bis 1999 zeigt er die Auf und Abs einer Beziehung zweier Rebellen, die sich trotz ihrer optischen Unangepasstheit bevorzugt im Intellektuellen-Milieu Montreals bewegen, chaotisch und wild erscheinen und dabei aber vor allem eines sind: unsterblich ineinander verliebt. Das alles scheint vorüber, als Laurence seiner Fred ein lang verborgenes Geheimnis gesteht: Er will eine Frau werden – und trotzdem mit ihr zusammenbleiben.
Zweieinhalb Stunden nimmt sich Dolan für sein Beziehungsexperiment Zeit, schmeißt unterschiedlichste Stilmittel und Musikstücke quer über die Leinwand, widmet sich den Reaktionen des familiären sowie beruflichen Umfelds ebenso wie der langsamen Verwandlung von Laurence, und schickt seine beiden Hauptdarsteller auf eine schauspielerische Tour de Force. Die Bilder strotzen nur so vor Energie, gleichzeitig sind die auftretenden Charaktere unübersehbar konstruiert, aber dennoch wahrhaftig.
Denn genau darum geht es Dolan mit seinem Liebesepos: Der Frage nach der Wahrhaftigkeit der Aussage „Ich liebe dich!“: Woran macht sie sich fest? Dem Charakter eines Menschen, seinem Aussehen, seiner sexuellen Orientierung oder seinem Geschlecht? Ist es der Körper, den wir lieben, oder das, was er umgibt, die Seele, das Innerste? All das lässt Dolan auf Laurence und Fred – welch femininer Name, nicht? – hinabstürzen, lässt sie zanken, schreien, schweigen, ausflippen, leiden, lieben, zerbrechen. Ein Wechselbad der Gefühle quasi, das in den optischen Spielereien seinen visuellen Gegenpol findet. So dient ihm das Vollbild einerseits immer wieder für Close-Ups seiner Helden, andererseits als Reminiszenz an die Videoclip-Ästhetik der 1990er-Jahre.
Ganz klar, „Laurence Anyways“ fordert sein Publikum ebenso wie seine Akteure, reißt mit, verstört, nervt mitunter vielleicht mit ein paar Exzentrikern zuviel. Zu lang ist der Film wider Erwarten jedoch keinesfalls, vielmehr entsteht der Eindruck, noch nicht am Ende der Geschichte von Laurence und Fred angekommen zu sein. Über 50 Minuten an gestrichenen Szenen im Bonusmaterial bestätigen dies.
Ergo: Dolans dritter Streich festigt seinen Ruf als Ausnahmeregisseur, der sich nicht um Konventionen schert und Bereitschaft von seinen Zuschauern erwartet, seine filmischen Trips unvoreingenommen zu begleiten. Oder, um es mit dem Lieblingshasswort von Laurence und Fred zu formulieren: „Das ist speziell!“
Die (Doppel-)DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und französischer Originalsprachfassung mit deutschen Untertiteln. Als Bonusmaterial gibt es über 50 Minuten an zusätzlichen Szenen, Promo-Clips sowie Trailer. „Laurence Anyways“ erscheint bei NFP marketing & distribution im Vertrieb von EuroVideo und ist ab 23. Januar erhältlich. (Packshot + Bilder: © EuroVideo)
Verantwortlich für diese kleine formatbezogene Konterrevolution ist der Kanadier Xavier Dolan, der bei der Veröffentlichung von „Laurence Anyways“ gerade einmal 23 Jahre alt war. Es war nach „I killed my Mother“ (2009) und „Herzensbrecher“ (2010) bereits sein dritter Spielfilm, den er, begleitet von großem Jubel, in Cannes präsentieren durfte. Daher: – ja, sagen wir es deutlich – Dolan ist ein Regiewunderkind. Und auch wenn man seine beiden vorherigen Arbeiten nicht kennt, ist nach wenigen Augenblicken von „Laurence Anyways“ klar, dass hier ein Filmemacher am Werk ist, der schon jetzt mühelos mit den ganz Großen seines Fachs mithalten kann.
In seinem Drama begleitet Dolan eine Dekade lang die Liebesgeschichte des jungen Paares Laurence (Melvil Poupaud) und Fred (Suzanne Clément). Fokussiert auf die Jahre 1989 bis 1999 zeigt er die Auf und Abs einer Beziehung zweier Rebellen, die sich trotz ihrer optischen Unangepasstheit bevorzugt im Intellektuellen-Milieu Montreals bewegen, chaotisch und wild erscheinen und dabei aber vor allem eines sind: unsterblich ineinander verliebt. Das alles scheint vorüber, als Laurence seiner Fred ein lang verborgenes Geheimnis gesteht: Er will eine Frau werden – und trotzdem mit ihr zusammenbleiben.
Zweieinhalb Stunden nimmt sich Dolan für sein Beziehungsexperiment Zeit, schmeißt unterschiedlichste Stilmittel und Musikstücke quer über die Leinwand, widmet sich den Reaktionen des familiären sowie beruflichen Umfelds ebenso wie der langsamen Verwandlung von Laurence, und schickt seine beiden Hauptdarsteller auf eine schauspielerische Tour de Force. Die Bilder strotzen nur so vor Energie, gleichzeitig sind die auftretenden Charaktere unübersehbar konstruiert, aber dennoch wahrhaftig.
Denn genau darum geht es Dolan mit seinem Liebesepos: Der Frage nach der Wahrhaftigkeit der Aussage „Ich liebe dich!“: Woran macht sie sich fest? Dem Charakter eines Menschen, seinem Aussehen, seiner sexuellen Orientierung oder seinem Geschlecht? Ist es der Körper, den wir lieben, oder das, was er umgibt, die Seele, das Innerste? All das lässt Dolan auf Laurence und Fred – welch femininer Name, nicht? – hinabstürzen, lässt sie zanken, schreien, schweigen, ausflippen, leiden, lieben, zerbrechen. Ein Wechselbad der Gefühle quasi, das in den optischen Spielereien seinen visuellen Gegenpol findet. So dient ihm das Vollbild einerseits immer wieder für Close-Ups seiner Helden, andererseits als Reminiszenz an die Videoclip-Ästhetik der 1990er-Jahre.
Ganz klar, „Laurence Anyways“ fordert sein Publikum ebenso wie seine Akteure, reißt mit, verstört, nervt mitunter vielleicht mit ein paar Exzentrikern zuviel. Zu lang ist der Film wider Erwarten jedoch keinesfalls, vielmehr entsteht der Eindruck, noch nicht am Ende der Geschichte von Laurence und Fred angekommen zu sein. Über 50 Minuten an gestrichenen Szenen im Bonusmaterial bestätigen dies.
Ergo: Dolans dritter Streich festigt seinen Ruf als Ausnahmeregisseur, der sich nicht um Konventionen schert und Bereitschaft von seinen Zuschauern erwartet, seine filmischen Trips unvoreingenommen zu begleiten. Oder, um es mit dem Lieblingshasswort von Laurence und Fred zu formulieren: „Das ist speziell!“
Die (Doppel-)DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und französischer Originalsprachfassung mit deutschen Untertiteln. Als Bonusmaterial gibt es über 50 Minuten an zusätzlichen Szenen, Promo-Clips sowie Trailer. „Laurence Anyways“ erscheint bei NFP marketing & distribution im Vertrieb von EuroVideo und ist ab 23. Januar erhältlich. (Packshot + Bilder: © EuroVideo)
„Nebraska“ (Kinostart: 16. Januar 2014)
Deine unbekannte Familie
Alexander Payne hat ganz offensichtlich ein Faible für sogenannte Roadmovies: Nach „About Schmidt“ und „Sideways“ schickt der Regisseur nun Bruce Dern alias Woody auf eine Reise nach „Nebraska“. Quasi im Schlepptau hat der alte Mann seinen Sohn David (Will Forte), der ihn eher unfreiwillig begleitet. Gutes Zureden und andere Versuche, den grantigen Rentner von dem Trip abzuhalten, halfen nix – Woody ist fest davon überzeugt, in Nebraska warte ein Millionengewinn auf ihn. Dass es sich bei dem Brief nur um eine Werbeaktion handelt, will er weder seiner Frau Kate (June Squibb) noch seinen Kindern glauben. Zähneknirschend reist David also mit und macht so nicht nur Bekanntschaft mit den Orten von seines Vaters’ Jugend, sondern ebenso mit zahlreichen Verwandten, die sie auf ihrem Weg besuchen. Dabei erfährt der verblüffte Junior etliches, was er über seine Eltern noch nicht wusste.
Passend zur Thematik in wunderbaren schwarz-weiß-Bildern eingefangen, erzählt „Nebraska“ von einer tragikomischen Reise in die Vergangenheit, die nicht nur Woodys Nachwuchs staunen lässt. Denn je mehr Zeit der Zuschauer mit Familie Grant verbringt, umso liebreizender erscheinen die anfangs eigenbrötlerischen Charaktere. Wie Regisseur Payne diese warmherzigen Figuren mit zunehmender Laufzeit aus ihren Schneckenhäusern schält, ist ganz großes Kino – und bescherte Hauptdarsteller Dern bereits in Cannes die Auszeichnung als „Bester Darsteller“ 2013. Abseits des Trios hinterlässt vor allem der heute 72-jährige Stacy Keach („Mike Hammer“) bleibenden Eindruck als Woodys Nemesis: Sein Ed Pegram ist nur einer von vielen, die den angeblichen neuen Wohlstand ihres einstigen Kumpels für ihre Zwecke nutzen und offene Rechnungen begleichen wollen.
„Nebraska“ ist ein ruhig erzählter, pointiert geschriebener und herausragend gespielter Film, der trotz aller Melancholie das Herz springen lässt – und die cineastische Messlatte für alles Kommende im Jahr 2014 schon jetzt ziemlich hoch legt.
Aus dem „Meißner Tageblatt“ vom 15. Januar 2014.
(Bild: © Paramount Pictures).
Alexander Payne hat ganz offensichtlich ein Faible für sogenannte Roadmovies: Nach „About Schmidt“ und „Sideways“ schickt der Regisseur nun Bruce Dern alias Woody auf eine Reise nach „Nebraska“. Quasi im Schlepptau hat der alte Mann seinen Sohn David (Will Forte), der ihn eher unfreiwillig begleitet. Gutes Zureden und andere Versuche, den grantigen Rentner von dem Trip abzuhalten, halfen nix – Woody ist fest davon überzeugt, in Nebraska warte ein Millionengewinn auf ihn. Dass es sich bei dem Brief nur um eine Werbeaktion handelt, will er weder seiner Frau Kate (June Squibb) noch seinen Kindern glauben. Zähneknirschend reist David also mit und macht so nicht nur Bekanntschaft mit den Orten von seines Vaters’ Jugend, sondern ebenso mit zahlreichen Verwandten, die sie auf ihrem Weg besuchen. Dabei erfährt der verblüffte Junior etliches, was er über seine Eltern noch nicht wusste.
Passend zur Thematik in wunderbaren schwarz-weiß-Bildern eingefangen, erzählt „Nebraska“ von einer tragikomischen Reise in die Vergangenheit, die nicht nur Woodys Nachwuchs staunen lässt. Denn je mehr Zeit der Zuschauer mit Familie Grant verbringt, umso liebreizender erscheinen die anfangs eigenbrötlerischen Charaktere. Wie Regisseur Payne diese warmherzigen Figuren mit zunehmender Laufzeit aus ihren Schneckenhäusern schält, ist ganz großes Kino – und bescherte Hauptdarsteller Dern bereits in Cannes die Auszeichnung als „Bester Darsteller“ 2013. Abseits des Trios hinterlässt vor allem der heute 72-jährige Stacy Keach („Mike Hammer“) bleibenden Eindruck als Woodys Nemesis: Sein Ed Pegram ist nur einer von vielen, die den angeblichen neuen Wohlstand ihres einstigen Kumpels für ihre Zwecke nutzen und offene Rechnungen begleichen wollen.
„Nebraska“ ist ein ruhig erzählter, pointiert geschriebener und herausragend gespielter Film, der trotz aller Melancholie das Herz springen lässt – und die cineastische Messlatte für alles Kommende im Jahr 2014 schon jetzt ziemlich hoch legt.
Aus dem „Meißner Tageblatt“ vom 15. Januar 2014.
(Bild: © Paramount Pictures).
... im Nachgang: „Inside Llewyn Davis“ (Kinostart: 5. Dezember 2013)
Allein die Ankündigung eines neuen Films scheint inzwischen zu genügen, um die Geschwister Joel & Ethan Coen mit Oscar-Versprechungen zu überhäufen. In der Redaktion des Kinokalender Dresden ist das weniger eindeutig. Nachzulesen HIER.
(Bild: © Studiocanal Filmverleih)
(Bild: © Studiocanal Filmverleih)
Heimkino-Tipp: „Frozen Ground“ (2013)
„Haben Sie je einen Fall gehabt, der nur annähernd vergleichbar wäre?“, fragt der von Nicolas Cage gespielte Polizist Jack Halcombe in einer Szene von „Frozen Ground“ einen Kollegen. Ersetzte ‚Fall‘ mit ‚Film‘ und ich muss sagen: Leider ja! Mehrfach sogar.
Dabei macht das Debüt von Regisseur und Autor Scott Walker auf dem Papier eigentlich alles richtig: Eine interessante Prämisse, basierend auf (erschreckenden) wahren Begebenheiten, ein frostig-passender Drehort und zwei versierte Charakterdarsteller, wobei John Cusack als Gegenspieler von Cage als eisig auftretender Killer überzeugt. Er gibt Familienvater Robert Hansen, der eine Bäckerei in einem Ort in Alaska führt, sozial integriert und bei Nachbarn beliebt ist – und gern seinem Hobby, dem Jagen, frönt. Seine liebste Beute sind allerdings keine Tiere, sondern Frauen, die er entführt, misshandelt und vergewaltigt, bevor er sie an einem abgelegenen Ort zu Tode hetzt. Erst als eines seiner potenziellen Opfer entwischt, wird der Cop Halcombe auf Hansen aufmerksam und heftet sich an dessen Fersen.
Schon sehr früh enthüllt der Film die zwei Seiten des Serienmörders und konzentriert sich ausschließlich auf die Detektivarbeit seines Verfolgers. Das ist nichts Ungewöhnliches und erinnert an Genrevertreter wie „Insomnia“ oder „Sieben“, deren Intensität „Frozen Ground“ jedoch nie erreicht. Das liegt vor allem an der von Vanessa Hudgens gespielten Figur der Prostituierten Cindy, die dem Killer zwar zunächst entkommt. Ihre weiteren Handlungen und Entscheidungen gestalten sich jedoch derart naiv und riskant, dass die Glaubwürdigkeit im weiteren Verlauf sehr stark zu leiden hat. Zudem versucht Autor Walker vergeblich (weil zu halbherzig), seinen drei Charakteren Tiefe zu geben: So schwankt die junge Cindy ständig unentschlossen zwischen Rebellion und kindlichem Schutzbedürfnis; Bösewicht Hansen gewährt er eine kurze, substanzlose Szene im Kreise seiner Familie; Protagonist Halcombe hingegen wundert sich am Ende ebenso wie die Zuschauer über die seltsame Wandlung seiner Frau (Radha Mitchell), die pünktlich zum Ende alle ihre (Ehe-)Probleme spontan vergessen zu haben scheint.
Zieht man den manchmal etwas sprunghaften Schnitt hinzu, erscheint „Frozen Ground“ wie eine zurechtgestutzte, auf 100 Minuten getrimmte Kurzversion eines viel umfangreicheren Filmprojekts, das ursprünglich mehr Tiefe, mehr Handlung und mehr Logik besaß. Die nun vorliegende Fassung bietet zwar immer noch ausreichend Thrill und Unterhaltung für ein (abseits vom Thema) angenehmes Filmerlebnis. Die permanente Unterforderung von Cage, Cusack und Mitchell ist allerdings allzu offensichtlich und hindert „Frozen Ground“, mehr als gutes Mittelmaß zu sein. Schade.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Als Bonusmaterial gibt es ein Making of sowie Trailer. „Frozen Ground“ erscheint bei Universum Film und ist ab 13. Dezember erhältlich. (Packshot: © Universum Film)
Dabei macht das Debüt von Regisseur und Autor Scott Walker auf dem Papier eigentlich alles richtig: Eine interessante Prämisse, basierend auf (erschreckenden) wahren Begebenheiten, ein frostig-passender Drehort und zwei versierte Charakterdarsteller, wobei John Cusack als Gegenspieler von Cage als eisig auftretender Killer überzeugt. Er gibt Familienvater Robert Hansen, der eine Bäckerei in einem Ort in Alaska führt, sozial integriert und bei Nachbarn beliebt ist – und gern seinem Hobby, dem Jagen, frönt. Seine liebste Beute sind allerdings keine Tiere, sondern Frauen, die er entführt, misshandelt und vergewaltigt, bevor er sie an einem abgelegenen Ort zu Tode hetzt. Erst als eines seiner potenziellen Opfer entwischt, wird der Cop Halcombe auf Hansen aufmerksam und heftet sich an dessen Fersen.
Schon sehr früh enthüllt der Film die zwei Seiten des Serienmörders und konzentriert sich ausschließlich auf die Detektivarbeit seines Verfolgers. Das ist nichts Ungewöhnliches und erinnert an Genrevertreter wie „Insomnia“ oder „Sieben“, deren Intensität „Frozen Ground“ jedoch nie erreicht. Das liegt vor allem an der von Vanessa Hudgens gespielten Figur der Prostituierten Cindy, die dem Killer zwar zunächst entkommt. Ihre weiteren Handlungen und Entscheidungen gestalten sich jedoch derart naiv und riskant, dass die Glaubwürdigkeit im weiteren Verlauf sehr stark zu leiden hat. Zudem versucht Autor Walker vergeblich (weil zu halbherzig), seinen drei Charakteren Tiefe zu geben: So schwankt die junge Cindy ständig unentschlossen zwischen Rebellion und kindlichem Schutzbedürfnis; Bösewicht Hansen gewährt er eine kurze, substanzlose Szene im Kreise seiner Familie; Protagonist Halcombe hingegen wundert sich am Ende ebenso wie die Zuschauer über die seltsame Wandlung seiner Frau (Radha Mitchell), die pünktlich zum Ende alle ihre (Ehe-)Probleme spontan vergessen zu haben scheint.
Zieht man den manchmal etwas sprunghaften Schnitt hinzu, erscheint „Frozen Ground“ wie eine zurechtgestutzte, auf 100 Minuten getrimmte Kurzversion eines viel umfangreicheren Filmprojekts, das ursprünglich mehr Tiefe, mehr Handlung und mehr Logik besaß. Die nun vorliegende Fassung bietet zwar immer noch ausreichend Thrill und Unterhaltung für ein (abseits vom Thema) angenehmes Filmerlebnis. Die permanente Unterforderung von Cage, Cusack und Mitchell ist allerdings allzu offensichtlich und hindert „Frozen Ground“, mehr als gutes Mittelmaß zu sein. Schade.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Als Bonusmaterial gibt es ein Making of sowie Trailer. „Frozen Ground“ erscheint bei Universum Film und ist ab 13. Dezember erhältlich. (Packshot: © Universum Film)
Heimkinotipp: „Odd Thomas“ (2013)
Manchmal verwundert es schon, welche Filme es nicht in die hiesigen Lichtspielhäuser schaffen, sondern ihre Premiere „nur“ auf dem Heimkinomarkt feiern. Stephen Sommers, immerhin Regisseur der äußerst erfolgreichen Blockbuster „Die Mumie“, „Die Mumie kehrt zurück“ und „Van Helsing“, ist definitiv ein Regisseur, der weiß, wie ein Spektakel inszeniert sein muss, um auf der großen Leinwand Eindruck zu hinterlassen. Vom inhaltlichen Anspruch einmal abgesehen, sind seine Filme meist vollgepackt mit ansehnlichen Effekten, ordentlich knallenden Actionsequenzen und temporeich erzählten Geschichten.
All dies trifft auch auf sein neustes Werk „Odd Thomas“ zu. Basierend auf einer Vorlage des amerikanischen Autors Dean Koontz, schickt Sommers darin Jungstar Anton Yelchin („Star Trek“, „Fright Night“) als titelgebende Figur in ein Abenteuer zwischen Realität und Fantasie, das witzig, sexy und mit allerlei Budenzauber daherkommt: Odd arbeitet in einem Schnellrestaurant, hat eine quirlige Freundin (Addison Timlin) und kommt eigentlich mit allen gut aus. Wären da nur nicht die sogenannten Bodachs – schattenhafte Kreaturen, die immer dann nur für ihn sichtbar sind, wenn Unheil droht. Meist tauchen kurze Zeit später zudem Geister von Gewaltopfern auf, die Odd wortlos um Hilfe bitten. Der Junge hat sich mit seinen Fähigkeiten arrangiert und nutzt sie, um dem Polizeichef (Willem Dafoe) bei der Aufklärung von Verbrechen zu helfen. Die neuerdings ungewohnt hohe Anzahl von Bodachs lässt Odd jedoch vermuten, dass eine sehr viel größere Katastrophe bevorsteht, die es nun gilt zu verhindern. Erste Vorzeichen lassen nicht lange auf sich warten.
„Odd Thomas“ ist flott, amüsant und bietet viele Schauwerte. Auch ist den Darstellern anzusehen, wie viel Freude sie an dem Projekt hatten, das sich aus jedem verfügbaren Genre etwas borgt: Humor und Slapstick treffen auf Action und Spannung treffen auf Fantasie und … realitätsnahe Szenarien. Und genau hier wird es seltsam: Regisseur Sommers streut immer wieder Szenen ein, die ob ihrer unmittelbaren Gewalt ein wenig befremdlich wirken und nicht ganz zum sonst ungezwungenen Ton des Films passen wollen. Besonders der letzte Akt erinnert (wahrscheinlich unbeabsichtigt) an Ereignisse, die vor allem in Amerika immer wieder und leider viel zu häufig geschehen. So fetzt die finale Konfrontation Gut gegen Böse zwar in filmischer Hinsicht, ein etwas bitterer Beigeschmack lässt sich jedoch nicht leugnen. Sommers selbst mache ich aber keinen Vorwurf, gelingt ihm doch im Anschluss daran ein wirklich überraschendes Finale.
Bleibt die Frage, an wen sich „Odd Thomas“ mit seinem erfrischenden Stilmix richtet: Ganz junge Zuschauer könnten aufgrund einiger Gewaltspritzen verschreckt werden, älteren Semestern ist womöglich der manchmal auftretende kindische Humor etwas zu, naja, kindisch eben. Trotzdem ist eigentlich für alle etwas dabei, wenn der clevere und sympathische Nachwuchs-Superheld den Bösen Paroli bietet. Für einen ersten Auftritt gar nicht mal schlecht.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es ein Making of (das vornehmlich unkommentierte Impressionen des Drehs präsentiert), seltsam sterile Interviews sowie Trailer. „Odd Thomas“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite) und ist seit 10. Dezember erhältlich. (Packshot: © Ascot Elite)
All dies trifft auch auf sein neustes Werk „Odd Thomas“ zu. Basierend auf einer Vorlage des amerikanischen Autors Dean Koontz, schickt Sommers darin Jungstar Anton Yelchin („Star Trek“, „Fright Night“) als titelgebende Figur in ein Abenteuer zwischen Realität und Fantasie, das witzig, sexy und mit allerlei Budenzauber daherkommt: Odd arbeitet in einem Schnellrestaurant, hat eine quirlige Freundin (Addison Timlin) und kommt eigentlich mit allen gut aus. Wären da nur nicht die sogenannten Bodachs – schattenhafte Kreaturen, die immer dann nur für ihn sichtbar sind, wenn Unheil droht. Meist tauchen kurze Zeit später zudem Geister von Gewaltopfern auf, die Odd wortlos um Hilfe bitten. Der Junge hat sich mit seinen Fähigkeiten arrangiert und nutzt sie, um dem Polizeichef (Willem Dafoe) bei der Aufklärung von Verbrechen zu helfen. Die neuerdings ungewohnt hohe Anzahl von Bodachs lässt Odd jedoch vermuten, dass eine sehr viel größere Katastrophe bevorsteht, die es nun gilt zu verhindern. Erste Vorzeichen lassen nicht lange auf sich warten.
„Odd Thomas“ ist flott, amüsant und bietet viele Schauwerte. Auch ist den Darstellern anzusehen, wie viel Freude sie an dem Projekt hatten, das sich aus jedem verfügbaren Genre etwas borgt: Humor und Slapstick treffen auf Action und Spannung treffen auf Fantasie und … realitätsnahe Szenarien. Und genau hier wird es seltsam: Regisseur Sommers streut immer wieder Szenen ein, die ob ihrer unmittelbaren Gewalt ein wenig befremdlich wirken und nicht ganz zum sonst ungezwungenen Ton des Films passen wollen. Besonders der letzte Akt erinnert (wahrscheinlich unbeabsichtigt) an Ereignisse, die vor allem in Amerika immer wieder und leider viel zu häufig geschehen. So fetzt die finale Konfrontation Gut gegen Böse zwar in filmischer Hinsicht, ein etwas bitterer Beigeschmack lässt sich jedoch nicht leugnen. Sommers selbst mache ich aber keinen Vorwurf, gelingt ihm doch im Anschluss daran ein wirklich überraschendes Finale.
Bleibt die Frage, an wen sich „Odd Thomas“ mit seinem erfrischenden Stilmix richtet: Ganz junge Zuschauer könnten aufgrund einiger Gewaltspritzen verschreckt werden, älteren Semestern ist womöglich der manchmal auftretende kindische Humor etwas zu, naja, kindisch eben. Trotzdem ist eigentlich für alle etwas dabei, wenn der clevere und sympathische Nachwuchs-Superheld den Bösen Paroli bietet. Für einen ersten Auftritt gar nicht mal schlecht.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es ein Making of (das vornehmlich unkommentierte Impressionen des Drehs präsentiert), seltsam sterile Interviews sowie Trailer. „Odd Thomas“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite) und ist seit 10. Dezember erhältlich. (Packshot: © Ascot Elite)
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