A Star is Born
In der Psychologie beschreibt der sogenannte primacy effect die wissenschaftlich belegte Tatsache, dass früher eingehende Information besser erinnert wird als später wahrgenommene Infos. Der erste Eindruck ist daher von immenser Bedeutung, da dieser meist länger im Gedächtnis bleibt als alles, was danach kommt. Bezogen auf die Kunst, sind somit die ersten Seiten eines literarischen Werks, die ersten Töne eines Songs und die ersten Minuten eines Films ausschlaggebend für die Beurteilung durch den Rezipienten.
Regisseur Brady Corbet hat sich dies für sein Drama „Vox Lux“ zunutze gemacht und eine ungewöhnliche Form des Beginns gewählt, mit der auch schon sein französischer Kollege Gaspar Noé in „Irréversible“ experimentierte: die ersten Momente – nach einem nicht minder aufwühlenden Prolog – gehören dem Abspann des Films.
Es ist nicht die einzige formale Überraschung, die Corbet präsentiert: Unterteilt in zwei zeitlich voneinander getrennte Kapitel, erzählt er die Geschichte eines Popstars der 2000er-Jahre auch visuell bemerkenswert. So wechseln sich lange, scheinbar in einem Take gedrehte Szenen mit Zeitraffer-Sequenzen ab, wirkt gerade in den späteren Konzertszenen der Ton nicht optimal abgemischt und irritiert ein (im Original) von Willem Dafoe vorgetragener Off-Kommentar mit manch seltsamen Statements. Was in der Summe anstrengend klingen mag, ist in höchstem Maße kreativ – und ja, für den Zuschauer mitunter herausfordernd.
„Vox Lux“ fokussiert zunächst die Genese einer jungen Künstlerin namens Celeste (Raffey Cassidy), die nach einem einschneidenden Erlebnis zusammen mit ihrer Schwester Eleanor (Stacy Martin) einen Song komponiert, der landesweit förmlich durch die Decke geht. Begleitet von ihrem neuen Manager (Jude Law), reisen die beiden Mädels daraufhin nach Stockholm, um dort mithilfe eines erfahrenen Produzenten ein Album aufzunehmen – und erstmals fernab des Elternhauses ihre neugewonnene Freiheit zu genießen. Viele Jahre später ist Celeste (nun gespielt von Natalie Portman) ein Megastar und steht kurz vor der Präsentation einer neuen Show, als abermals unvorhergesehene Ereignisse ihren perfekt durchorganisierten Arbeitsalltag durcheinanderwirbeln.
Ja, so ein Musikerleben im Rampenlicht ist kein Zuckerschlecken. Das haben diverse ‚Dokumentationen‘ (wenn man sie so nennen will) aktuell erfolgreicher Popsternchen (u.a. Katy Perry, Justin Bieber) bereits verdeutlicht. „Vox Lux“ jedoch kratzt nicht nur an der Oberfläche, sondern stürzt sich mittenrein in das minutiös durchgeplante Dasein eines bejubelten Individuums. Allerdings nicht, um Mitleid zu generieren, sondern um aufzuzeigen, wie absurd und lebensfremd dieser ganze Irrsinn ist. Nicht nur bleiben familiäre Beziehungen auf der Strecke, sondern ebenso ein gesundes Maß an Rationalität.
Egoismus und der beständige Wunsch nach Bestätigung sind omnipräsent, alles wird dem Erfolg untergeordnet, was zählt ist das positive öffentliche Bild. Qualitativ ist die von Celeste geschaffene Musik lediglich Mittelmaß, das Rumgehopse auf der Bühne reines Blendwerk für meist junge Fans, die jede Standardansage zwischen den Songs zudem bejubeln, als sei es die Verkündung des immerwährenden Weltfriedens.
Apropos Musik: Die erfolgreiche australische Künstlerin Sia zeichnet für einen Großteil der Songs verantwortlich, als Produzent fungierte u.a. das norwegische Erfolgsduo Stargate, das in den vergangenen Jahren unzählige Welthits landen konnten. Dass Regisseur Corbet gerade sie für den Soundtrack auswählte, unterstreicht nur den ätzenden, satirischen Charakter seines Werks. Ob die Künstler dafür absichtlich austauschbare Durchschnittsware komponierten oder dem Regisseur schlicht auf den Leim gegangen sind, mag ich nicht zu beurteilen.
Andererseits bin vielleicht ich es, der „Vox Lux“ auf den Leim gegangen ist und etwas Kritisches hineininterpretiert, was letztendlich gar nicht vorhanden ist. Aber selbst dann ist der Film allein aufgrund der Derwisch-Performance von Natalie Portman ein Anschauen wert. Denn was sie hier abliefert, ist schlicht phänomenal und sehr viel Erinnerungswürdiger als Lady Gagas rührseliger Auftritt im völlig überschätzten „A Star is Born“. Auch da zweifle ich bis heute an der Ernsthaftigkeit der (prinzipiell ähnlichen) Geschichte, in der Künstler schlussendlich für ihr Aussehen und Getue mehr gefeiert werden als für anständiges, individuelles und erinnerungswürdiges Songschreiben.
Stichwort erinnerungswürdig: Anders als die (scheinbar) versteckte Kritik am Popbusiness in „Vox Lux“ gibt der herrlich übertriebene „Popstar: Never Stop Never Stopping“ dem Affen von Minute eins an ordentlich Zucker. Wer es also lieber direkt und ‚in the face‘ haben will und gleichzeitig Lust auf ein paar Ohrwürmer mit bösen Texten hat, dem sei die Komödie von 2016 sehr empfohlen! Am besten als Double-Feature mit diesem Streifen hier.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es Trailer und u.a. ein überaus seltsam geschnittenes Interview mit dem Regisseur, das einen gewissen Amateurfaktor nicht leugnen kann. „Vox Lux“ erscheint bei Koch Films und ist seit 16. April 2020 auch digital erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films/Atsushi-Nishijima)
Liebe Filmfreunde!
Ein halbes Dutzend Kinoneustarts wöchentlich und unzählige Heimkino-Veröffentlichungen machen es heutzutage nicht leicht, „cineastische Perlen“ zu entdecken. Ob Rezensionen da helfen? Ich weiß es nicht, trotzdem will ich hier meinen Senf zum Thema Film & Kino dazugeben, möchte es wagen Neues zu loben, Klassiker zu verdammen, Aktuelles zu verteufeln, Altes zu empfehlen.
Und wer weiß: Vielleicht entdecken Sie so Ihren neuen Lieblingsfilm?
Heimkino-Tipp: „A Rainy Day in New York“ (2019)
NY, I love you
„Allens bester Film seit Jahren!“ ist so ein Standardsatz, den Filmkritiker in den vergangenen Jahrzehnten immer irgendwo in ihren Rezensionen zu Woody Allen-Streifen untergebracht haben. Dabei dreht der Mann so viel, dass nur eine Handvoll seiner Arbeiten länger als fünf Jahre im kollektiven Cineastengedächtnis erhalten bleiben und dieses Lob tatsächlich verdienen. Oder erinnert sich noch jemand an „Cassandras Traum“ (2007)? „Irrational Man“ (2015)? Und wer spielte eigentlich in „Wonder Wheel“ (2017) die Hauptrolle? Alle top besetzt, alle ‚typisch Allen‘, alle „endlich wieder Woody in Bestform“.
Diesen Kritiker-Persilschein gab’s für „A Rainy Day in New York“ nicht. Einer der Gründe dürften die wiederholten – bisher unbewiesenen – Anschuldigungen gegen Allen sein, er habe seine Adoptivtochter missbraucht. Es sind keine neuen Vorwürfe, was die plötzliche Bekehrung einstiger Allen-Fans etwas seltsam erscheinen lässt. Warum sie das vor der „#MeToo“-Bewegung nicht störte, bleibt ihr Geheimnis.
Wie also umgehen mit dem Werk eines Mannes, der möglicherweise sehr schlimme Dinge getan hat? Kann sein Œuvre unabhängig von eventuellen privaten Verfehlungen bewertet werden? Sollte es überhaupt veröffentlicht werden? Und wie halten wir, die Zuschauer, es mit dem Grundsatz In dubio pro reo („Im Zweifel für den Angeklagten“)? Etliche Mitwirkende von „A Rainy Day in New York“ spendeten ihre Gage für wohltätige Zwecke, das produzierende Studio hingegen cancelte die Veröffentlichung in Amerika ganz.
Ich versuche es mit Variante 1: Der Film spielt die Hauptrolle, alles andere drumherum soll die Wertung nicht beeinflussen. Geht leider komplett schief, da der gute Allen hier ausgerechnet eine Geschichte erzählt, in der eine sehr junge, naiv auftretende Frau (Elle Fanning) gleich von mehreren Männern mal mehr mal weniger offensiv umgarnt wird. Zwei der Kerle sind mehr als doppelt so alt wie sie. Uff! Parallel dazu schlendert ihr Boyfriend (Timothée Chalamet) grübelnd durch die Stadt und trifft dabei auf die Schwester (Selena Gomez) seiner früheren Liebe, die ihm in mehreren Situationen den Kopf geraderückt.
Viele Dialogszenen, ein wenig Jazz-Geklimper im Hintergrund und unzählige Figuren mit einer leicht angeknacksten Psyche: Willkommen in Allen-World! Eine Welt bevölkert mit von Selbstzweifeln zerfressenen Männern, und Frauen, die jede für sich ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Ob (oberflächlich) naives Dummchen, freches New York-Girl, Edelprostituierte oder Mama mit dunkler Vergangenheit: Sie alle agieren selbstbestimmt, unabhängig und auf eigene Rechnung, während ihre maskulinen Gegenüber scheinbar keine einzige Entscheidung allein fällen können. Das verpackt Allen in eine fluffig-leichte, wunderbar unaufgeregt erzählte Geschichte, die sich mehr und mehr als Dekonstruktion überholter Geschlechterrollen entpuppt. Ein schmerzhaft-amüsantes Guckerlebnis, je nachdem von welcher Seite man(n)/frau es betrachtet.
Das macht „A Rainy Day in New York“ ganz klar zu Allens bestem Film – zumindest in diesem Jahr.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es Trailer. „A Rainy Day in New York“ erscheint bei Filmwelt Verleihagentur im Vertrieb von EuroVideo und ist seit 2. April digital sowie ab 23. April 2020 auf DVD/Blu-ray/VoD erhältlich. (Packshot + stills: © Filmwelt Verleihagentur / Gravier Productions, Inc. / Jessica Miglio)
„Allens bester Film seit Jahren!“ ist so ein Standardsatz, den Filmkritiker in den vergangenen Jahrzehnten immer irgendwo in ihren Rezensionen zu Woody Allen-Streifen untergebracht haben. Dabei dreht der Mann so viel, dass nur eine Handvoll seiner Arbeiten länger als fünf Jahre im kollektiven Cineastengedächtnis erhalten bleiben und dieses Lob tatsächlich verdienen. Oder erinnert sich noch jemand an „Cassandras Traum“ (2007)? „Irrational Man“ (2015)? Und wer spielte eigentlich in „Wonder Wheel“ (2017) die Hauptrolle? Alle top besetzt, alle ‚typisch Allen‘, alle „endlich wieder Woody in Bestform“.
Diesen Kritiker-Persilschein gab’s für „A Rainy Day in New York“ nicht. Einer der Gründe dürften die wiederholten – bisher unbewiesenen – Anschuldigungen gegen Allen sein, er habe seine Adoptivtochter missbraucht. Es sind keine neuen Vorwürfe, was die plötzliche Bekehrung einstiger Allen-Fans etwas seltsam erscheinen lässt. Warum sie das vor der „#MeToo“-Bewegung nicht störte, bleibt ihr Geheimnis.
Wie also umgehen mit dem Werk eines Mannes, der möglicherweise sehr schlimme Dinge getan hat? Kann sein Œuvre unabhängig von eventuellen privaten Verfehlungen bewertet werden? Sollte es überhaupt veröffentlicht werden? Und wie halten wir, die Zuschauer, es mit dem Grundsatz In dubio pro reo („Im Zweifel für den Angeklagten“)? Etliche Mitwirkende von „A Rainy Day in New York“ spendeten ihre Gage für wohltätige Zwecke, das produzierende Studio hingegen cancelte die Veröffentlichung in Amerika ganz.
Ich versuche es mit Variante 1: Der Film spielt die Hauptrolle, alles andere drumherum soll die Wertung nicht beeinflussen. Geht leider komplett schief, da der gute Allen hier ausgerechnet eine Geschichte erzählt, in der eine sehr junge, naiv auftretende Frau (Elle Fanning) gleich von mehreren Männern mal mehr mal weniger offensiv umgarnt wird. Zwei der Kerle sind mehr als doppelt so alt wie sie. Uff! Parallel dazu schlendert ihr Boyfriend (Timothée Chalamet) grübelnd durch die Stadt und trifft dabei auf die Schwester (Selena Gomez) seiner früheren Liebe, die ihm in mehreren Situationen den Kopf geraderückt.
Viele Dialogszenen, ein wenig Jazz-Geklimper im Hintergrund und unzählige Figuren mit einer leicht angeknacksten Psyche: Willkommen in Allen-World! Eine Welt bevölkert mit von Selbstzweifeln zerfressenen Männern, und Frauen, die jede für sich ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Ob (oberflächlich) naives Dummchen, freches New York-Girl, Edelprostituierte oder Mama mit dunkler Vergangenheit: Sie alle agieren selbstbestimmt, unabhängig und auf eigene Rechnung, während ihre maskulinen Gegenüber scheinbar keine einzige Entscheidung allein fällen können. Das verpackt Allen in eine fluffig-leichte, wunderbar unaufgeregt erzählte Geschichte, die sich mehr und mehr als Dekonstruktion überholter Geschlechterrollen entpuppt. Ein schmerzhaft-amüsantes Guckerlebnis, je nachdem von welcher Seite man(n)/frau es betrachtet.
Das macht „A Rainy Day in New York“ ganz klar zu Allens bestem Film – zumindest in diesem Jahr.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es Trailer. „A Rainy Day in New York“ erscheint bei Filmwelt Verleihagentur im Vertrieb von EuroVideo und ist seit 2. April digital sowie ab 23. April 2020 auf DVD/Blu-ray/VoD erhältlich. (Packshot + stills: © Filmwelt Verleihagentur / Gravier Productions, Inc. / Jessica Miglio)
Heimkino-Tipp: „Das perfekte Geheimnis“ (2019)
Stunde der Wahrheit
Läuft bei Bora Dagtekin: Nachdem er mit „Türkisch für Anfänger“ sowie den drei „Fack ju Göhte“-Filmen bereits große Erfolge verbuchen konnte, hat er auch mit seiner aktuellen Komödie „Das perfekte Geheimnis“ wieder mehrere Millionen Zuschauer ins Kino locken können. Für eine deutsche Produktion keine Selbstverständlichkeit, für den gebürtigen Hannoveraner aber wohl inzwischen erfreulicher Alltag. Sein Inszenierungsstil, gekennzeichnet von hohem Tempo sowohl bei der Kameraführung als auch beim Schnitt, geht einher mit einer beeindruckenden Gagdichte seiner Drehbücher und unübersehbar gut aufgelegten Darstellern, die sichtlich Spaß an den frechen, manchmal grenzwertig garstigen Dialogen haben.
In „Das perfekte Geheimnis“ darf sein Publikum einem Abendessen unter Freunden beiwohnen, die sich zum Teil schon seit Kindertagen kennen. Rocco (Wotan Wilke Möhring) und seine Frau Eva (Jessica Schwarz) haben eingeladen und begrüßen neben dem Ehepaar Leo (Elyas M‘Barek) und Carlotta (Karoline Herfurth) auch die Neuverliebten Simon (Frederick Lau) und Bianca (Jella Haase) sowie Pepe (Florian David Fitz) in ihren schnieken Wohnung zum gemeinsamen Speisen, Trinken und Klönen. Als die Plauderei beim Thema Handy ankommt, macht Eva einen ungewöhnlichen Vorschlag: Warum nicht alle Mobiltelefone für die Dauer des Essens auf den Tisch legen und jeden eingehenden Anruf und jede ankommende Nachricht mit den Anwesenden teilen? Nach anfänglichem Zögern lassen sich alle darauf ein – und lernen ihre Freunde in den nächsten Stunden von ganz neuen Seiten kennen.
Die spannende Prämisse des Films stammt von der 2016 in Italien entstandenen Tragikomödie „Perfect Strangers“, die seither weltweit adaptiert wurde. Dagtekin übernahm die Grundidee, passte das Skript aber seinem Stil an und veränderte vor allem im letzten Drittel den Verlauf der Handlung etwas. Dies brachte ihm von manchen Rezensenten Kritik ein, die sich einerseits an der Auflösung, andererseits vor allem an dem in manchen Szenen heftigen Schwulenbashing störten. Gerade letzteres stößt in der Tat etwas sauer auf, auch wenn Dagtekin versucht, dies mit einem Storykniff am Schluss zu relativieren.
Bis zu diesem Punkt jedoch ist „Das perfekte Geheimnis“ ein amüsanter Spaß. Jedes neue Piepen, Vibrieren und Klingeln der Telefone sorgt für Überraschungen, bringt die Protagonisten mal mehr, mal weniger ins Schwitzen und hält die Spannungskurve konstant hoch. Dass von den hier Anwesenden keine/r eine reine Weste hat, liegt in der Natur des Genres, sagt aber andererseits ebenso viel über Dagtekins Blick auf die Spezies Mensch aus: Jeder, mag er vordergründig auch sympathisch, hilfsbereit und ehrlich wirken, hat Dreck am Stecken und spielt selbst im Kreis seiner engsten Vertrauten immer nur eine Rolle. Ein ziemlich pessimistisches Weltbild, das die manchmal etwas aufgesetzt wirkende gute Laune der Akteure versucht zu überspielen.
Was nicht als harsche Kritik verstanden werden soll! „Das perfekte Geheimnis“ macht Spaß, ist überaus unterhaltsam und inspiriert sicherlich einige Freundeskreise, Ähnliches einmal selbst auszuprobieren. Nur das Ende des Experiments könnte in der realen Welt etwas anders aussehen.
Die Blu-ray/DVD bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung sowie optionale englische und deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Eine Hörfilmfassung ist erfreulicherweise ebenso enthalten. Als Extras gibt es u.a. einen Audiokommentar, Outtakes, verlängerte Szenen, kurze Clips vom Set und den Dreharbeiten sowie Teaser und Trailer. „Das perfekte Geheimnis“ erscheint bei Constantin Film Verleih GmbH und ist seit 25. März 2020 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Constantin Film)
Läuft bei Bora Dagtekin: Nachdem er mit „Türkisch für Anfänger“ sowie den drei „Fack ju Göhte“-Filmen bereits große Erfolge verbuchen konnte, hat er auch mit seiner aktuellen Komödie „Das perfekte Geheimnis“ wieder mehrere Millionen Zuschauer ins Kino locken können. Für eine deutsche Produktion keine Selbstverständlichkeit, für den gebürtigen Hannoveraner aber wohl inzwischen erfreulicher Alltag. Sein Inszenierungsstil, gekennzeichnet von hohem Tempo sowohl bei der Kameraführung als auch beim Schnitt, geht einher mit einer beeindruckenden Gagdichte seiner Drehbücher und unübersehbar gut aufgelegten Darstellern, die sichtlich Spaß an den frechen, manchmal grenzwertig garstigen Dialogen haben.
In „Das perfekte Geheimnis“ darf sein Publikum einem Abendessen unter Freunden beiwohnen, die sich zum Teil schon seit Kindertagen kennen. Rocco (Wotan Wilke Möhring) und seine Frau Eva (Jessica Schwarz) haben eingeladen und begrüßen neben dem Ehepaar Leo (Elyas M‘Barek) und Carlotta (Karoline Herfurth) auch die Neuverliebten Simon (Frederick Lau) und Bianca (Jella Haase) sowie Pepe (Florian David Fitz) in ihren schnieken Wohnung zum gemeinsamen Speisen, Trinken und Klönen. Als die Plauderei beim Thema Handy ankommt, macht Eva einen ungewöhnlichen Vorschlag: Warum nicht alle Mobiltelefone für die Dauer des Essens auf den Tisch legen und jeden eingehenden Anruf und jede ankommende Nachricht mit den Anwesenden teilen? Nach anfänglichem Zögern lassen sich alle darauf ein – und lernen ihre Freunde in den nächsten Stunden von ganz neuen Seiten kennen.
Die spannende Prämisse des Films stammt von der 2016 in Italien entstandenen Tragikomödie „Perfect Strangers“, die seither weltweit adaptiert wurde. Dagtekin übernahm die Grundidee, passte das Skript aber seinem Stil an und veränderte vor allem im letzten Drittel den Verlauf der Handlung etwas. Dies brachte ihm von manchen Rezensenten Kritik ein, die sich einerseits an der Auflösung, andererseits vor allem an dem in manchen Szenen heftigen Schwulenbashing störten. Gerade letzteres stößt in der Tat etwas sauer auf, auch wenn Dagtekin versucht, dies mit einem Storykniff am Schluss zu relativieren.
Bis zu diesem Punkt jedoch ist „Das perfekte Geheimnis“ ein amüsanter Spaß. Jedes neue Piepen, Vibrieren und Klingeln der Telefone sorgt für Überraschungen, bringt die Protagonisten mal mehr, mal weniger ins Schwitzen und hält die Spannungskurve konstant hoch. Dass von den hier Anwesenden keine/r eine reine Weste hat, liegt in der Natur des Genres, sagt aber andererseits ebenso viel über Dagtekins Blick auf die Spezies Mensch aus: Jeder, mag er vordergründig auch sympathisch, hilfsbereit und ehrlich wirken, hat Dreck am Stecken und spielt selbst im Kreis seiner engsten Vertrauten immer nur eine Rolle. Ein ziemlich pessimistisches Weltbild, das die manchmal etwas aufgesetzt wirkende gute Laune der Akteure versucht zu überspielen.
Was nicht als harsche Kritik verstanden werden soll! „Das perfekte Geheimnis“ macht Spaß, ist überaus unterhaltsam und inspiriert sicherlich einige Freundeskreise, Ähnliches einmal selbst auszuprobieren. Nur das Ende des Experiments könnte in der realen Welt etwas anders aussehen.
Die Blu-ray/DVD bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung sowie optionale englische und deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Eine Hörfilmfassung ist erfreulicherweise ebenso enthalten. Als Extras gibt es u.a. einen Audiokommentar, Outtakes, verlängerte Szenen, kurze Clips vom Set und den Dreharbeiten sowie Teaser und Trailer. „Das perfekte Geheimnis“ erscheint bei Constantin Film Verleih GmbH und ist seit 25. März 2020 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Constantin Film)
Heimkino-Tipp: „Gelobt sei Gott“ (2018)
Im Namen des Herrn
Es gibt gegenwärtig nicht viele Regisseure, die quantitativ mit François Ozon mithalten können. Beinahe jedes Jahr gibt es einen neuen Film des Franzosen, oftmals mit provokantem Inhalt („Swimming Pool“, „Ricky – Wunder geschehen“, „Jung & Schön“) und von der Kritik hoch gelobt („8 Frauen“, „Frantz“). Ein Profi seines Metiers, der thematisch keinerlei Scheu kennt und mit beruhigender Regelmäßigkeit qualitativ hochwertiges Kino kreiert.
Dies scheint auch auf seinen aktuellen Film, „Gelobt sei Gott“ zuzutreffen, hat das Drama doch u.a. den Silbernen Bären bei der letztjährigen Berlinale gewonnen. Die Thematik: aktuell. Die Darsteller: hervorragend. Die Umsetzung: nun ja. Doch der Reihe nach.
Wie in einem Interview geschildert, das im Presseheft zum Film zu finden ist, stieß Ozon auf der Suche nach einer Drehbuchidee auf die Website „La Parole Liberée“ (dt.: Das gebrochene Schweigen), auf der sich Opfer sexuellen Missbrauchs zusammengefunden haben. Konkreter: Menschen, die als Kinder von Würdenträgern der katholischen Kirche misshandelt wurden. Die Idee eines Theaterstücks verwarf Ozon dann ebenso schnell wie die, eine Dokumentation darüber zu machen. Er traf sich mit mehreren Betroffenen und entschied daraufhin, ihre Geschichte(n) und ihren Kampf um Bestrafung der Verantwortlichen als Spielfilm auf die Leinwand zu bringen.
Ozon wählte einen schwierigen Ansatz: Er fokussiert drei Charaktere und widmet sich nacheinander ihren Geschichten. Alle drei haben das Erlebte mehr oder minder gut verarbeitet, leben in unterschiedlichen Milieus und verbinden mit ihrem Vorgehen jeweils subjektive Hoffnungen. Dies alles zu bündeln und in einen sehenswerten Film zu packen, ist zweifellos eine Herausforderung. Ozons „Gelobt sei Gott“ hat diese nur teilweise bewältigt.
Dabei beginnt sein 137-Minuten-Werk mit einem (optischen) Paukenschlag: Die Eröffnungssequenz zeigt einen Kardinal über den Rücken gefilmt, wie er von einem Balkon aus die unter ihm liegende Stadt Lyon segnet, während bedrückende Musik im Zusammenspiel mit den Farben des Himmels eine unheimliche Atmosphäre schafft. Es bleibt der einzige Moment, in dem die Inszenierung im Vordergrund steht. Fortan begleitet Ozon seine Protagonisten nüchtern und distanziert bei ihren Versuchen, jenen Priester, der sie einst misshandelte, aus Amt und Funktionen zu entfernen.
Da wäre zunächst der wohlhabende, sehr gläubige Alexandre (Melvil Poupaud), der den offiziellen Weg beschreitet, sich mit Briefen an den Kardinal wendet und um eine Ablösung von Priester Preynat (Bernard Verley) bittet. Der zweite Teil des Films gehört François (Denis Ménochet), einem von Wut getriebenen Energiebündel, der bereits an die Öffentlichkeit geht als die Ermittlungen noch laufen. Im letzten Drittel steht schließlich Emmanuel (Swann Arlaud) im Mittelpunkt, dessen Leben aufgrund der Ereignisse in seiner Jugend aus den Fugen geraten ist und der auch sichtbare körperliche Schäden davongetragen hat.
Eine Unmenge an Briefen, Gesprächen und E-Mails bildeten die Grundlage für den Film, der je nach Figur stilistische Unterschiede aufweist. Das spiegelt die verschiedenen Charaktere treffend wieder, will aber an manchen Stellen nie so recht zusammenpassen. Dies wird vor allem zum Ende hin offensichtlich, da sich Ozon bezüglich Emmanuel mehr als bei den anderen beiden Männern auch auf dessen soziales Umfeld konzentriert. Meinungsverschiedenheiten und Konflikte mit der Partnerin gewinnen plötzlich an Gewicht, während Alexandre und François solche Kämpfe zumindest mit ihren Frauen nicht austragen müssen. Eine der letzten Szenen spricht zudem die psychische Belastung an, die der langjährige Kampf um Gerechtigkeit auf die Familien hat. Hier wird viel Potenzial verschenkt, sicherlich auch aus Zeitgründen. Denn nach zwei Stunden Fakten-Dauerfeuer, in denen Ozon von Szene zu Szene hetzt und seinem Publikum keine Verschnaufpause zum Reflektieren gönnt, geht dieser Aspekt leider vollkommen unter.
In einem der Sets ist im Hintergrund das Plakat zum Oscar-prämierten „Spotlight“ zu sehen, der sich der Enthüllung eines Missbrauchsskandals durch Kirchenvertreter in Amerika widmet. Ebenso wie „Gelobt sei Gott“ ist dies zweifellos ein wichtiger Film, der Licht auf das merkwürdige Gebaren der Kirche wirft, die nur zögerlich Missstände in eigenen Reihen aufzuklären bereit ist. Die Filme wollen den Opfern ein Denkmal setzen, indem sie ihren zähen(!) Kampf nacherzählen. Und doch muss – bei allem Respekt für die Betroffenen – auch bezüglich „Spotlight“ die Frage erlaubt sein, ob eine (Kino-)Dokumentation nicht doch die geeignetere Form gewesen wäre, um diese zwar beachtenswerten, cineastisch jedoch wenig dankbaren Geschichten zu erzählen.
Die DVD enthält den Film in französischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung mit optionalen deutschen Untertiteln. Als Bonus gibt es Interviews, gelöschte Szenen, Clips von Kostüm- und Orchesterproben sowie Trailer. „Gelobt sei Gott“ erscheint bei Pandora Film und ist seit 25. März 2020 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Pandora Film)
Es gibt gegenwärtig nicht viele Regisseure, die quantitativ mit François Ozon mithalten können. Beinahe jedes Jahr gibt es einen neuen Film des Franzosen, oftmals mit provokantem Inhalt („Swimming Pool“, „Ricky – Wunder geschehen“, „Jung & Schön“) und von der Kritik hoch gelobt („8 Frauen“, „Frantz“). Ein Profi seines Metiers, der thematisch keinerlei Scheu kennt und mit beruhigender Regelmäßigkeit qualitativ hochwertiges Kino kreiert.
Dies scheint auch auf seinen aktuellen Film, „Gelobt sei Gott“ zuzutreffen, hat das Drama doch u.a. den Silbernen Bären bei der letztjährigen Berlinale gewonnen. Die Thematik: aktuell. Die Darsteller: hervorragend. Die Umsetzung: nun ja. Doch der Reihe nach.
Wie in einem Interview geschildert, das im Presseheft zum Film zu finden ist, stieß Ozon auf der Suche nach einer Drehbuchidee auf die Website „La Parole Liberée“ (dt.: Das gebrochene Schweigen), auf der sich Opfer sexuellen Missbrauchs zusammengefunden haben. Konkreter: Menschen, die als Kinder von Würdenträgern der katholischen Kirche misshandelt wurden. Die Idee eines Theaterstücks verwarf Ozon dann ebenso schnell wie die, eine Dokumentation darüber zu machen. Er traf sich mit mehreren Betroffenen und entschied daraufhin, ihre Geschichte(n) und ihren Kampf um Bestrafung der Verantwortlichen als Spielfilm auf die Leinwand zu bringen.
Ozon wählte einen schwierigen Ansatz: Er fokussiert drei Charaktere und widmet sich nacheinander ihren Geschichten. Alle drei haben das Erlebte mehr oder minder gut verarbeitet, leben in unterschiedlichen Milieus und verbinden mit ihrem Vorgehen jeweils subjektive Hoffnungen. Dies alles zu bündeln und in einen sehenswerten Film zu packen, ist zweifellos eine Herausforderung. Ozons „Gelobt sei Gott“ hat diese nur teilweise bewältigt.
Dabei beginnt sein 137-Minuten-Werk mit einem (optischen) Paukenschlag: Die Eröffnungssequenz zeigt einen Kardinal über den Rücken gefilmt, wie er von einem Balkon aus die unter ihm liegende Stadt Lyon segnet, während bedrückende Musik im Zusammenspiel mit den Farben des Himmels eine unheimliche Atmosphäre schafft. Es bleibt der einzige Moment, in dem die Inszenierung im Vordergrund steht. Fortan begleitet Ozon seine Protagonisten nüchtern und distanziert bei ihren Versuchen, jenen Priester, der sie einst misshandelte, aus Amt und Funktionen zu entfernen.
Da wäre zunächst der wohlhabende, sehr gläubige Alexandre (Melvil Poupaud), der den offiziellen Weg beschreitet, sich mit Briefen an den Kardinal wendet und um eine Ablösung von Priester Preynat (Bernard Verley) bittet. Der zweite Teil des Films gehört François (Denis Ménochet), einem von Wut getriebenen Energiebündel, der bereits an die Öffentlichkeit geht als die Ermittlungen noch laufen. Im letzten Drittel steht schließlich Emmanuel (Swann Arlaud) im Mittelpunkt, dessen Leben aufgrund der Ereignisse in seiner Jugend aus den Fugen geraten ist und der auch sichtbare körperliche Schäden davongetragen hat.
Eine Unmenge an Briefen, Gesprächen und E-Mails bildeten die Grundlage für den Film, der je nach Figur stilistische Unterschiede aufweist. Das spiegelt die verschiedenen Charaktere treffend wieder, will aber an manchen Stellen nie so recht zusammenpassen. Dies wird vor allem zum Ende hin offensichtlich, da sich Ozon bezüglich Emmanuel mehr als bei den anderen beiden Männern auch auf dessen soziales Umfeld konzentriert. Meinungsverschiedenheiten und Konflikte mit der Partnerin gewinnen plötzlich an Gewicht, während Alexandre und François solche Kämpfe zumindest mit ihren Frauen nicht austragen müssen. Eine der letzten Szenen spricht zudem die psychische Belastung an, die der langjährige Kampf um Gerechtigkeit auf die Familien hat. Hier wird viel Potenzial verschenkt, sicherlich auch aus Zeitgründen. Denn nach zwei Stunden Fakten-Dauerfeuer, in denen Ozon von Szene zu Szene hetzt und seinem Publikum keine Verschnaufpause zum Reflektieren gönnt, geht dieser Aspekt leider vollkommen unter.
In einem der Sets ist im Hintergrund das Plakat zum Oscar-prämierten „Spotlight“ zu sehen, der sich der Enthüllung eines Missbrauchsskandals durch Kirchenvertreter in Amerika widmet. Ebenso wie „Gelobt sei Gott“ ist dies zweifellos ein wichtiger Film, der Licht auf das merkwürdige Gebaren der Kirche wirft, die nur zögerlich Missstände in eigenen Reihen aufzuklären bereit ist. Die Filme wollen den Opfern ein Denkmal setzen, indem sie ihren zähen(!) Kampf nacherzählen. Und doch muss – bei allem Respekt für die Betroffenen – auch bezüglich „Spotlight“ die Frage erlaubt sein, ob eine (Kino-)Dokumentation nicht doch die geeignetere Form gewesen wäre, um diese zwar beachtenswerten, cineastisch jedoch wenig dankbaren Geschichten zu erzählen.
Die DVD enthält den Film in französischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung mit optionalen deutschen Untertiteln. Als Bonus gibt es Interviews, gelöschte Szenen, Clips von Kostüm- und Orchesterproben sowie Trailer. „Gelobt sei Gott“ erscheint bei Pandora Film und ist seit 25. März 2020 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Pandora Film)
Heimkino-Tipp: „Pferde stehlen“ (2019)
Narben
Was zeichnet einen guten Schriftsteller aus? Laut meiner einstigen Deutschfach-Lehrerin u.a. die Fähigkeit, Umgebungen, Dinge und Stimmungen punktgenau beschreiben zu können und die Leserschaft nur mittels Worten in eine scheinbar reale, fühlbare Welt zu entführen. Ein Filmemacher hat es da schon leichter: Er muss Beschreibungen aus dem Drehbuch lediglich in Bilder verwandeln und kann sich dabei zudem noch der Musik und dem Aussehen seiner Darsteller als zusätzliche Hilfsmittel bedienen. Und trotzdem scheitern viele Regisseure immer wieder an Roman-Adaptionen, vielleicht auch weil sie sich zu sehr auf das Optische verlassen, während die Zwischentöne, das Ungesagte, vernachlässigt werden/wird.
Wie es richtig geht, zeigt der Norweger Hans Petter Moland („Einer nach dem anderen“) mit seiner Verfilmung von Per Pettersons „Pferde stehlen“. Hier stehen sich Erzählung und Atmosphäre gleichberechtigt gegenüber, werden Gedanken zu Bildern, wird das Innenleben der Figuren auch ohne Dialoge fühlbar. Kurz: eine meisterhaft umgesetzte Bearbeitung einer literarischen Vorlage.
Der ältere Trond (wie immer großartig: Stellan Skarsgård) lebt allein und zurückgezogen in einem abgelegenen Haus in Norwegen. Ein Begegnung mit seinem Nachbarn weckt längst verdrängte Erinnerungen: Lars (eine Wucht: Bjørn Floberg) ist der Bruder von Tronds Jugendfreund, der einst nach einem tragischen Familienereignis verschwand. In jenem Sommer war Trond 15, verbrachte die Ferien mit seinem Vater (Tobias Santelmann) auf dem Land und erlebte in diesen Monaten Vieles, was ihn jetzt, nach etlichen Jahren, immer noch beschäftigt und nicht ruhen lässt.
Wie sehr prägen Eltern ihren Nachwuchs? Welche Ereignisse der Kindheit haben Folgen für das weitere Leben eines Menschen? Und wie unterschiedlich kann man mit einschneidenden Erlebnissen umgehen? „Pferde stehlen“ widmet sich diesen und anderen Fragen auf überaus sensible Art und Weise. Fernab von Kitsch schält Regisseur Moland seine Charaktere nach und nach aus ihren Schutzpanzern und legt dabei nur scheinbar verheilte Wunden offen. Beeindruckend dabei das Setting: Schnee und Kälte im Alltag des alten Trond stehen warme Sommerregen und blühende Felder seines jüngeren Ichs gegenüber. Das ‚Auftauen‘ des Alten, optisch wunderbar eingefangen.
Was der Film ebenso thematisiert sind Rollenbilder und Erwartungen, die aus heutiger Sicht überholt wirken, auf dem Land kurz nach Kriegsende allerdings noch omnipräsent schienen. So ist der jugendliche Trond der einzige, der seinen Vater auf dem Land besuchen darf, während seine Schwester bei der Mutter in Oslo bleiben muss. Dass diese (fast) reine Männerwelt auch eine Konkurrenzsituation schafft, wird dem Teenager im Laufe der Tage schmerzhaft bewusst.
Regisseur Moland hat mit „Pferde stehlen“ einen bewegenden Film mit Sogwirkung erschaffen und all das umgesetzt, was ihm ein guter Schriftsteller mit Worten als Blaupause vorgelegt hat: Umgebungen, Dinge und Stimmungen punktgenau zu beschreiben und in eine scheinbar reale, fühlbare Welt zu verwandeln. Ein magisch-schönes Werk.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und norwegisch/schwedischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es Trailer. „Pferde stehlen“ erscheint bei MFA+ Film im Vertrieb von Al!ve und ist seit 27. März 2020 auch digital erhältlich. (Packshot/stills: © MFA+ FilmDistribution e.K./4 1/2 Fiksjon As, Zentropa Entertainments5, Zentropa Sweden, Nordisk Film, Helgeland Film)
Was zeichnet einen guten Schriftsteller aus? Laut meiner einstigen Deutschfach-Lehrerin u.a. die Fähigkeit, Umgebungen, Dinge und Stimmungen punktgenau beschreiben zu können und die Leserschaft nur mittels Worten in eine scheinbar reale, fühlbare Welt zu entführen. Ein Filmemacher hat es da schon leichter: Er muss Beschreibungen aus dem Drehbuch lediglich in Bilder verwandeln und kann sich dabei zudem noch der Musik und dem Aussehen seiner Darsteller als zusätzliche Hilfsmittel bedienen. Und trotzdem scheitern viele Regisseure immer wieder an Roman-Adaptionen, vielleicht auch weil sie sich zu sehr auf das Optische verlassen, während die Zwischentöne, das Ungesagte, vernachlässigt werden/wird.
Wie es richtig geht, zeigt der Norweger Hans Petter Moland („Einer nach dem anderen“) mit seiner Verfilmung von Per Pettersons „Pferde stehlen“. Hier stehen sich Erzählung und Atmosphäre gleichberechtigt gegenüber, werden Gedanken zu Bildern, wird das Innenleben der Figuren auch ohne Dialoge fühlbar. Kurz: eine meisterhaft umgesetzte Bearbeitung einer literarischen Vorlage.
Der ältere Trond (wie immer großartig: Stellan Skarsgård) lebt allein und zurückgezogen in einem abgelegenen Haus in Norwegen. Ein Begegnung mit seinem Nachbarn weckt längst verdrängte Erinnerungen: Lars (eine Wucht: Bjørn Floberg) ist der Bruder von Tronds Jugendfreund, der einst nach einem tragischen Familienereignis verschwand. In jenem Sommer war Trond 15, verbrachte die Ferien mit seinem Vater (Tobias Santelmann) auf dem Land und erlebte in diesen Monaten Vieles, was ihn jetzt, nach etlichen Jahren, immer noch beschäftigt und nicht ruhen lässt.
Wie sehr prägen Eltern ihren Nachwuchs? Welche Ereignisse der Kindheit haben Folgen für das weitere Leben eines Menschen? Und wie unterschiedlich kann man mit einschneidenden Erlebnissen umgehen? „Pferde stehlen“ widmet sich diesen und anderen Fragen auf überaus sensible Art und Weise. Fernab von Kitsch schält Regisseur Moland seine Charaktere nach und nach aus ihren Schutzpanzern und legt dabei nur scheinbar verheilte Wunden offen. Beeindruckend dabei das Setting: Schnee und Kälte im Alltag des alten Trond stehen warme Sommerregen und blühende Felder seines jüngeren Ichs gegenüber. Das ‚Auftauen‘ des Alten, optisch wunderbar eingefangen.
Was der Film ebenso thematisiert sind Rollenbilder und Erwartungen, die aus heutiger Sicht überholt wirken, auf dem Land kurz nach Kriegsende allerdings noch omnipräsent schienen. So ist der jugendliche Trond der einzige, der seinen Vater auf dem Land besuchen darf, während seine Schwester bei der Mutter in Oslo bleiben muss. Dass diese (fast) reine Männerwelt auch eine Konkurrenzsituation schafft, wird dem Teenager im Laufe der Tage schmerzhaft bewusst.
Regisseur Moland hat mit „Pferde stehlen“ einen bewegenden Film mit Sogwirkung erschaffen und all das umgesetzt, was ihm ein guter Schriftsteller mit Worten als Blaupause vorgelegt hat: Umgebungen, Dinge und Stimmungen punktgenau zu beschreiben und in eine scheinbar reale, fühlbare Welt zu verwandeln. Ein magisch-schönes Werk.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und norwegisch/schwedischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es Trailer. „Pferde stehlen“ erscheint bei MFA+ Film im Vertrieb von Al!ve und ist seit 27. März 2020 auch digital erhältlich. (Packshot/stills: © MFA+ FilmDistribution e.K./4 1/2 Fiksjon As, Zentropa Entertainments5, Zentropa Sweden, Nordisk Film, Helgeland Film)
Heimkino-Tipp: „Parasite“ (2019)
Borgmans Erben
2014 entsandten die Niederlande eine bitterböse Satire namens „Borgman“ (Rezi HIER) ins Rennen um den „Auslands-Oscar“. Der Thriller handelt von einem ominösen Mann, der sich als Gärtner ins Leben einer wohlhabenden Familie einschleicht, um sie in den folgenden Wochen sukzessive in ihre Einzelteile zu zerlegen. Hilfe erhält er dabei von Gleichgesinnten, die er heimlich in das Anwesen einschleust und die ihm in ihrer Skrupellosigkeit in nichts nachstehen. Alex van Warmerdams fieses Werk ging damals bei den Academy Awards leider leer aus – sicherlich auch aufgrund seiner offenen zur Schau gestellten Brutalität und der nur schwer zu ertragenden Emotionslosigkeit der Eindringlinge. Sechs Jahre später gibt es mit „Parasite“ einen Film mit ähnlicher Prämisse – und ein sagenhaftes Happy End: Vier Oscars gewinnt die Tragikomödie von Bong Joon-ho, u.a. in den Kategorien „Bester Film“ und „Bestes Drehbuch“ sowie den Hauptpreis in Cannes, die Goldene Palme.
Ungerecht? Messen mit zweierlei Maß? Nein. Streitbar und diskutabel? Das schon eher. Denn ganz so kreativ und außergewöhnlich, wie viele es vielleicht denken, ist die Idee hinter „Parasite“ nicht. Allerdings ist der (neuere) südkoreanische Film sehr viel zugänglicher und lebensnaher erzählt als der düstere „Borgman“, bei dem das Schmunzeln über den falschen Gärtner schon bald in blankes Entsetzen umschlägt. Bong Joon-ho hingegen wählt einen anderen Weg – und macht von vornherein klar, wem er die Sympathien seines Publikums wünscht: der armen, aber cleveren Familie Kim.
Als der Sohnemann dank eines Freundes unverhofft zum Nachhilfelehrer bei den reichen Parks wird, sieht er sogleich die Möglichkeiten, die sich ihm und seinen Liebsten eröffnen. So überredet er die unwissende Frau Park zur Anstellung seiner Schwester als Betreuerin für ihren hyperaktiven Sohn, Papa Kim bekommt einen Job als neuer Chauffeur des Gatten und Mama Kim wird die neue Haushälterin, nachdem sie die Vorgänger mit kleinen Tricks von ihren Stellen ‚entfernt‘ haben. So weit, so „Borgman“. Allerdings ist „Parasite“ zu diesem Zeitpunkt erst ca. 50 Minuten alt – und hält demzufolge noch etliche Überraschungen bereit, die alle Beteiligten mehr oder minder heftig zu spüren bekommen.
Schon in „Snowpiercer“ (2013, Rezi HIER) versuchte sich Regisseur Bong Joon-ho an einer Gesellschaftskritik, die aber trotz guter Vorzeichen und einer Vielzahl an Stars (Achtung: Wortspiel!) nie richtig Fahrt aufnahm und vor allem sehr zweifelhaft endete. „Parasite“ ist in diesem Aspekt präziser und verpackt seine Anklage an herrschende Zustände in humorvolle Szenen mit einer zwar mittellosen, aber frech-intelligent agierenden Sippe, der man nicht böse sein kann. Erfreulich ebenso, dass die Parks hier keine eindimensionalen Abziehbilder wohlhabender Schnösel sind, die auf andere herabschauen. Vielmehr äußert sich ihre Überheblichkeit in unbewusst(?) geäußerten Bemerkungen und Andeutungen, die besonders Papa Kim im Gedächtnis bleiben. Bong Joon-ho vermeidet es, beide Seiten gegeneinander aufzuhetzen bzw. sie moralisch zu bewerten. Dies überlässt er vielmehr seinen Zuschauern. Wohl auch deshalb, da mit zunehmender Laufzeit immer deutlicher wird, dass die Bezeichnung ‚Parasit‘ nicht nur auf eine der beiden Familien zutrifft. Wer profitiert von wem? Wer nutzt den anderen mehr aus?
Dass „Parasite“ ein südkoreanischer Film ist, bleibt bezüglich seiner Umsetzung im Verborgenen. Will heißen: Sämtliche Ecken und Kanten, die beispielweise noch in Bong Joon-hos unterhaltsamen Monsterfilm „The Host“ (2006) zu erkennen waren, sind inzwischen einer schönen, wenngleich weniger individuellen Bildsprache gewichen, die sich in keinster Weise von gängigen Hollywood-Produktionen mehr unterscheidet. Anbiederung an westliche Sehgewohnheiten und Präferenzen der stimmberechtigten Academy-Mitglieder? Oder schlicht weiteres Stilmittel eines cleveren Regisseurs, in dessen Film sich koreanische Charaktere selbst amerikanisch klingende Namen geben und sämtliche Sachen via Internet aus den USA bestellen? Fast könnte man meinen, Bong Joon-ho hole hier zu einem Rundumschlag aus, bei dem die südkoreanische Gesellschaft ersatzweise für all das steht, was der Kapitalismus mit sich bringt: Wohlstand und Armut, Überfluss und Ausbeutung, falsche Versprechen und Egoismus. Ausgerechnet damit den Prestige-Preis der US-Filmwirtschaft zu kapern, ist an Ironie nicht zu überbieten.
Gesellschaftliche Missstände mit Witz und ohne erhobenen Zeigefinger, also quasi mit einem Lächeln im Gesicht anzuprangern, ist ein Stilmittel, das sich nicht nur im Kino bereits viele Male bewährt hat. „Parasite“ gelingt dies trefflich, wenngleich auch die weniger humorvolle Variation à la „Borgman“ sehenswert ist.
P.S.: Aktuell ist der Film noch einmal als eine Schwarz-weiß-Fassung im Kino zu sehen. Dazu Regisseur Bong Joon-ho: „I'm sure everyone will have a different opinion about this version. Personally, I think all the characters look even more poignant, and that the distinctions between the three different spaces where the families live, with all the shades of grey, are even more tragic.“ Diese Fassung wird voraussichtlich nicht fürs Heimkino erhältlich sein.
Die DVD/Blu-ray/4K UHD bietet den Film in koreanischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind ebenso vorhanden. Als Extras gibt es Trailer. Es erscheinen ebenso diverse Sondereditionen (zwei verschiedene Mediabooks, eine sogenannte Ultimate Edition) mit weiteren Bonusinhalten. „Parasite“ erscheint bei Koch Films und ist seit 5. März 2020 erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films)
2014 entsandten die Niederlande eine bitterböse Satire namens „Borgman“ (Rezi HIER) ins Rennen um den „Auslands-Oscar“. Der Thriller handelt von einem ominösen Mann, der sich als Gärtner ins Leben einer wohlhabenden Familie einschleicht, um sie in den folgenden Wochen sukzessive in ihre Einzelteile zu zerlegen. Hilfe erhält er dabei von Gleichgesinnten, die er heimlich in das Anwesen einschleust und die ihm in ihrer Skrupellosigkeit in nichts nachstehen. Alex van Warmerdams fieses Werk ging damals bei den Academy Awards leider leer aus – sicherlich auch aufgrund seiner offenen zur Schau gestellten Brutalität und der nur schwer zu ertragenden Emotionslosigkeit der Eindringlinge. Sechs Jahre später gibt es mit „Parasite“ einen Film mit ähnlicher Prämisse – und ein sagenhaftes Happy End: Vier Oscars gewinnt die Tragikomödie von Bong Joon-ho, u.a. in den Kategorien „Bester Film“ und „Bestes Drehbuch“ sowie den Hauptpreis in Cannes, die Goldene Palme.
Ungerecht? Messen mit zweierlei Maß? Nein. Streitbar und diskutabel? Das schon eher. Denn ganz so kreativ und außergewöhnlich, wie viele es vielleicht denken, ist die Idee hinter „Parasite“ nicht. Allerdings ist der (neuere) südkoreanische Film sehr viel zugänglicher und lebensnaher erzählt als der düstere „Borgman“, bei dem das Schmunzeln über den falschen Gärtner schon bald in blankes Entsetzen umschlägt. Bong Joon-ho hingegen wählt einen anderen Weg – und macht von vornherein klar, wem er die Sympathien seines Publikums wünscht: der armen, aber cleveren Familie Kim.
Als der Sohnemann dank eines Freundes unverhofft zum Nachhilfelehrer bei den reichen Parks wird, sieht er sogleich die Möglichkeiten, die sich ihm und seinen Liebsten eröffnen. So überredet er die unwissende Frau Park zur Anstellung seiner Schwester als Betreuerin für ihren hyperaktiven Sohn, Papa Kim bekommt einen Job als neuer Chauffeur des Gatten und Mama Kim wird die neue Haushälterin, nachdem sie die Vorgänger mit kleinen Tricks von ihren Stellen ‚entfernt‘ haben. So weit, so „Borgman“. Allerdings ist „Parasite“ zu diesem Zeitpunkt erst ca. 50 Minuten alt – und hält demzufolge noch etliche Überraschungen bereit, die alle Beteiligten mehr oder minder heftig zu spüren bekommen.
Schon in „Snowpiercer“ (2013, Rezi HIER) versuchte sich Regisseur Bong Joon-ho an einer Gesellschaftskritik, die aber trotz guter Vorzeichen und einer Vielzahl an Stars (Achtung: Wortspiel!) nie richtig Fahrt aufnahm und vor allem sehr zweifelhaft endete. „Parasite“ ist in diesem Aspekt präziser und verpackt seine Anklage an herrschende Zustände in humorvolle Szenen mit einer zwar mittellosen, aber frech-intelligent agierenden Sippe, der man nicht böse sein kann. Erfreulich ebenso, dass die Parks hier keine eindimensionalen Abziehbilder wohlhabender Schnösel sind, die auf andere herabschauen. Vielmehr äußert sich ihre Überheblichkeit in unbewusst(?) geäußerten Bemerkungen und Andeutungen, die besonders Papa Kim im Gedächtnis bleiben. Bong Joon-ho vermeidet es, beide Seiten gegeneinander aufzuhetzen bzw. sie moralisch zu bewerten. Dies überlässt er vielmehr seinen Zuschauern. Wohl auch deshalb, da mit zunehmender Laufzeit immer deutlicher wird, dass die Bezeichnung ‚Parasit‘ nicht nur auf eine der beiden Familien zutrifft. Wer profitiert von wem? Wer nutzt den anderen mehr aus?
Dass „Parasite“ ein südkoreanischer Film ist, bleibt bezüglich seiner Umsetzung im Verborgenen. Will heißen: Sämtliche Ecken und Kanten, die beispielweise noch in Bong Joon-hos unterhaltsamen Monsterfilm „The Host“ (2006) zu erkennen waren, sind inzwischen einer schönen, wenngleich weniger individuellen Bildsprache gewichen, die sich in keinster Weise von gängigen Hollywood-Produktionen mehr unterscheidet. Anbiederung an westliche Sehgewohnheiten und Präferenzen der stimmberechtigten Academy-Mitglieder? Oder schlicht weiteres Stilmittel eines cleveren Regisseurs, in dessen Film sich koreanische Charaktere selbst amerikanisch klingende Namen geben und sämtliche Sachen via Internet aus den USA bestellen? Fast könnte man meinen, Bong Joon-ho hole hier zu einem Rundumschlag aus, bei dem die südkoreanische Gesellschaft ersatzweise für all das steht, was der Kapitalismus mit sich bringt: Wohlstand und Armut, Überfluss und Ausbeutung, falsche Versprechen und Egoismus. Ausgerechnet damit den Prestige-Preis der US-Filmwirtschaft zu kapern, ist an Ironie nicht zu überbieten.
Gesellschaftliche Missstände mit Witz und ohne erhobenen Zeigefinger, also quasi mit einem Lächeln im Gesicht anzuprangern, ist ein Stilmittel, das sich nicht nur im Kino bereits viele Male bewährt hat. „Parasite“ gelingt dies trefflich, wenngleich auch die weniger humorvolle Variation à la „Borgman“ sehenswert ist.
P.S.: Aktuell ist der Film noch einmal als eine Schwarz-weiß-Fassung im Kino zu sehen. Dazu Regisseur Bong Joon-ho: „I'm sure everyone will have a different opinion about this version. Personally, I think all the characters look even more poignant, and that the distinctions between the three different spaces where the families live, with all the shades of grey, are even more tragic.“ Diese Fassung wird voraussichtlich nicht fürs Heimkino erhältlich sein.
Die DVD/Blu-ray/4K UHD bietet den Film in koreanischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind ebenso vorhanden. Als Extras gibt es Trailer. Es erscheinen ebenso diverse Sondereditionen (zwei verschiedene Mediabooks, eine sogenannte Ultimate Edition) mit weiteren Bonusinhalten. „Parasite“ erscheint bei Koch Films und ist seit 5. März 2020 erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films)
Heimkino-Tipp: „The Poison Rose“ (2019)
Der Schnüffler
Ein rauchige Stimme aus dem Off, ein grummelnder Mann mittleren Alters auf Spurensuche und eine undurchsichtig agierende Schönheit, die dem Protagonisten den Kopf verdreht: In den 1940er- und 50er-Jahren produzierte Hollywood unzählige solcher ‚Film noir‘ und machte damit u.a. Humphrey Bogart zum Star. Oftmals garniert mit einem jazzigen Soundtrack und bildlich teilweise derart rauchgeschwängert, dass kaum etwas auf der Leinwand zu erkennen ist, sind diese Krimis ein Genre für sich – und seither nur in Ausnahmefällen noch einmal angemessen reproduziert worden. Roman Polanskis „Chinatown“ (1974) ist so ein seltenes Juwel – und auch „The Poison Rose“ versucht, in dieser Liga mitzuspielen.
Eines vorweg: Es gelingt nicht so ganz. Ein unterhaltsamer Film ist es trotzdem geworden. Auf der Haben-Seite gibt es eben jene oben genannten Zutaten, dazu eine zwar sehr konstruierte, aber interessante Story und vor allem viele viele bekannte Namen: Neben John Travolta agieren in „The Poison Rose“ Morgan Freeman, Peter Stormare, Robert Patrick, Brendan Fraser und Famke Janssen. Sie alle haben gute und schlechte Streifen in ihren Filmografien, dieser hier zählt zu den besseren – auch wenn sie schauspielerisch erkennbar unterfordert sind.
Carson Phillips (Travolta) war einst ein Football-Star, der nun als Privatdetektiv arbeitet und quasi nebenbei versucht, seine Spielsucht einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Dies gelingt allerdings weniger gut, weshalb das Angebot einer Klientin, nach einer vermissten Familienangehörigen zu suchen, gerade recht kommt. Eine erste Spur führt ihn ausgerechnet in seinen früheren Heimatort, der noch immer von etlichen seiner Freunde bewohnt wird. Vor allem Kumpel Doc (Freeman) hat es als Geschäftsmann zu Wohlstand und Ansehen gebracht. Wohlhabend ist auch seine einstige Flamme Jayne (Janssen), die Carsons Besuch sogleich nutzt, um ihn ebenso für einen Job zu engagieren. Das passt nicht jedem im Ort ...
Anders als die großen Vorbilder, die das Regie-Trio George Gallo, Francesco Cinquemani und Luca Giliberto zitiert – nur Gallo wird offiziell genannt, was auf Probleme während er Produktion schließen lässt –, ersetzt „The Poison Rose“ dunkle Seitenstraßen und kalte schwarz-weiß-Bilder mit einem sommerlichen Look, der zwar schön anzusehen ist, aber nie ganz die Stimmung und Atmosphäre transportieren kann, die die Handlung versucht zu kreieren. Die Charaktere hingegen passen gut ins Setting, sind entweder gebrochene Figuren (Carson, Jayne), clevere Strippenzieher (Doc) oder selbstgefällige Kleinganoven (Fraser), die ihre eigene Agenda fahren und sich dabei ordentlich übernehmen.
Apropos Fraser: Vor vielen Jahren mit den „Mumie“-Filmen zum Star avanciert, kämpfte er nach eigenen Aussagen lange mit den Folgen eines Missbrauchs und einer Depression, was nicht ganz spurlos an seinem Körper vorübergegangen ist. Hier passt seine Physis ganz wunderbar zu seiner Interpretation der Rolle. Man könnte es ‚Overacting‘ schimpfen. Oder einfach nur genießen, wie Fraser einen medikamentensüchtigen Arzt gibt, der nicht nur seinen moralischen Kompass längst verloren hat.
Vielleicht ist es die Freude am Wiedersehen mit so vielen ‚mag ich‘-Schauspielern, die mich so milde stimmt, obwohl „The Poison Rose“ im Kern nicht viel Neues zu erzählen hat. Es ist ein ‚Film noir‘-light, der – bis auf zwei nicht wirklich nötige Actionszenen – entspannt dahinfließt, gut inszeniert ist und auch ohne inhaltliche Überraschungen ein angenehmes Krimivergnügen bietet.
Die DVD/Blu-ray hat den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung an Bord. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es eine Bildergalerie sowie Trailer. „The Poison Rose – Dunkle Vergangenheit“ erscheint bei New KSM Cinema/Koch Films und ist seit 20. Februar 2020 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © KSM GmbH)
Ein rauchige Stimme aus dem Off, ein grummelnder Mann mittleren Alters auf Spurensuche und eine undurchsichtig agierende Schönheit, die dem Protagonisten den Kopf verdreht: In den 1940er- und 50er-Jahren produzierte Hollywood unzählige solcher ‚Film noir‘ und machte damit u.a. Humphrey Bogart zum Star. Oftmals garniert mit einem jazzigen Soundtrack und bildlich teilweise derart rauchgeschwängert, dass kaum etwas auf der Leinwand zu erkennen ist, sind diese Krimis ein Genre für sich – und seither nur in Ausnahmefällen noch einmal angemessen reproduziert worden. Roman Polanskis „Chinatown“ (1974) ist so ein seltenes Juwel – und auch „The Poison Rose“ versucht, in dieser Liga mitzuspielen.
Eines vorweg: Es gelingt nicht so ganz. Ein unterhaltsamer Film ist es trotzdem geworden. Auf der Haben-Seite gibt es eben jene oben genannten Zutaten, dazu eine zwar sehr konstruierte, aber interessante Story und vor allem viele viele bekannte Namen: Neben John Travolta agieren in „The Poison Rose“ Morgan Freeman, Peter Stormare, Robert Patrick, Brendan Fraser und Famke Janssen. Sie alle haben gute und schlechte Streifen in ihren Filmografien, dieser hier zählt zu den besseren – auch wenn sie schauspielerisch erkennbar unterfordert sind.
Carson Phillips (Travolta) war einst ein Football-Star, der nun als Privatdetektiv arbeitet und quasi nebenbei versucht, seine Spielsucht einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Dies gelingt allerdings weniger gut, weshalb das Angebot einer Klientin, nach einer vermissten Familienangehörigen zu suchen, gerade recht kommt. Eine erste Spur führt ihn ausgerechnet in seinen früheren Heimatort, der noch immer von etlichen seiner Freunde bewohnt wird. Vor allem Kumpel Doc (Freeman) hat es als Geschäftsmann zu Wohlstand und Ansehen gebracht. Wohlhabend ist auch seine einstige Flamme Jayne (Janssen), die Carsons Besuch sogleich nutzt, um ihn ebenso für einen Job zu engagieren. Das passt nicht jedem im Ort ...
Anders als die großen Vorbilder, die das Regie-Trio George Gallo, Francesco Cinquemani und Luca Giliberto zitiert – nur Gallo wird offiziell genannt, was auf Probleme während er Produktion schließen lässt –, ersetzt „The Poison Rose“ dunkle Seitenstraßen und kalte schwarz-weiß-Bilder mit einem sommerlichen Look, der zwar schön anzusehen ist, aber nie ganz die Stimmung und Atmosphäre transportieren kann, die die Handlung versucht zu kreieren. Die Charaktere hingegen passen gut ins Setting, sind entweder gebrochene Figuren (Carson, Jayne), clevere Strippenzieher (Doc) oder selbstgefällige Kleinganoven (Fraser), die ihre eigene Agenda fahren und sich dabei ordentlich übernehmen.
Apropos Fraser: Vor vielen Jahren mit den „Mumie“-Filmen zum Star avanciert, kämpfte er nach eigenen Aussagen lange mit den Folgen eines Missbrauchs und einer Depression, was nicht ganz spurlos an seinem Körper vorübergegangen ist. Hier passt seine Physis ganz wunderbar zu seiner Interpretation der Rolle. Man könnte es ‚Overacting‘ schimpfen. Oder einfach nur genießen, wie Fraser einen medikamentensüchtigen Arzt gibt, der nicht nur seinen moralischen Kompass längst verloren hat.
Vielleicht ist es die Freude am Wiedersehen mit so vielen ‚mag ich‘-Schauspielern, die mich so milde stimmt, obwohl „The Poison Rose“ im Kern nicht viel Neues zu erzählen hat. Es ist ein ‚Film noir‘-light, der – bis auf zwei nicht wirklich nötige Actionszenen – entspannt dahinfließt, gut inszeniert ist und auch ohne inhaltliche Überraschungen ein angenehmes Krimivergnügen bietet.
Die DVD/Blu-ray hat den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung an Bord. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es eine Bildergalerie sowie Trailer. „The Poison Rose – Dunkle Vergangenheit“ erscheint bei New KSM Cinema/Koch Films und ist seit 20. Februar 2020 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © KSM GmbH)
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