Need for Speed
Ein Blick zurück auf das (Hollywood-)Kinojahr 1996 offenbart viel Gutes: „Fargo“, „Scream“, „Mission Impossible“, „The Rock“, „Romeo & Juliet“, „From Dusk Till Dawn“ und „Sleepers“ sind nur einige der Streifen, denen dank ihrer Qualität – so unterschiedlich diese auch sein mag – die Zeit nix anhaben konnte und die noch heute immer wieder gern (zumindest von mir) geschaut werden. Ein weiteres Schmankerl der besonderen Art kredenzte in jenem Jahr David Cronenberg: „Crash“. Eine ungemütliche, provozierende und sowohl Zuschauer als auch Sittenwächter herausfordernde Mischung aus Drama, Thriller und Erotikstreifen. Als neu remasterte Fassung erscheint der Streifen nun erstmals auf 4K UHD und Blu-ray in einer schicken Mediabook-Edition.
Der Regisseur James (James Spader) wird auf der Heimfahrt vom Filmset in einen Unfall verwickelt. Noch am Ort des Geschehens ist er Zeuge, wie eine Frau (Holly Hunter) im Wagen des Unfallgegners ihre Brust entblößt, während sie versucht, dem Wrack zu entkommen. Fasziniert und erregt zugleich sucht James fortan die Nähe jener Dame, die ihm ihrerseits Zugang zu einer seltsam-verstörenden Welt verschafft: Zusammen mit dem Fotografen Vaughan (Elias Koteas) und dessen Freundin Gabrielle (Rosanna Arquette) suchen sie sich nämlich ihren lustvollen Kick bei Autounfällen, die sie mitunter selbst provozieren. Doch nicht nur James fühlt sich hiervon angesprochen – auch seine Frau Catherine (Deborah Kara Unger) ist ganz besessen darauf, neue Wege zur Lustbefriedigung auszuprobieren.
Natürlich lässt sich trefflich darüber philosophieren, wer auf solch eine (perverse?) Prämisse für einen Film kommt und welchen Unterhaltungswert ein solches Werk haben kann, abseits einer zu vermutenden voyeuristischen Komponente. Zunächst sei daher darauf hingewiesen, dass „Crash“ auf dem gleichnamigen Roman von J.G. Ballard basiert, der bereits 1973 veröffentlicht wurde. Andere bekannte Verfilmungen seiner Arbeiten sind u.a. „Das Reich der Sonne“ (Steven Spielberg, 1987) sowie „High-Rise“ (Ben Wheatley, 2015; Rezi HIER). Der psychologische Aspekt, das Verhalten des Menschen in extremen Situationen, nimmt stets eine besondere Rolle in den literarischen Erzählungen Ballards ein. Insofern sollte das Publikum nicht unbedingt auf eine kohärente, nachvollziehbare Handlung hoffen, wenn es „Crash“ eine Chance geben will.
Vielmehr ist der Film von einer Aneinanderreihung einzelner Szenen gekennzeichnet, die verschiedene „Stadien“ der sexuellen Hingabe der Figuren zeigen, die sich (scheinbar) in einem abgeschlossenen Kosmos fernab der restlichen Stadtbevölkerung bewegen. Mehr und mehr verlieren sie den Bezug zum Alltag, scheren sich immer weniger um mögliche Zeugen ihrer Taten oder Quickies und nehmen wachsende Risiken in Kauf, um Erfüllung zu finden.
Das alles inszeniert Cronenberg distanziert und kühl. Mag die Offenherzigkeit der Darsteller anfangs vielleicht noch anregend wirken, so verliert die Erotik dann doch recht schnell ihren Reiz – und Cronenberg hat sein Ziel erreicht. Denn was „Crash“ auf zwar heftige aber äußerst wirkungsvolle Art verdeutlicht, ist die nicht enden wollende Suche der Spezies Mensch nach immer neuen Höhepunkten. Die Angst vor Langeweile frisst die Charaktere förmlich auf, ‚normaler‘ Sex vollzieht sich rein mechanisch und krasse Situationen scheinen die einzige Fluchtmöglichkeit zu sein. Auf einer weiteren Ebene suggeriert die ‚Lust am Stahl‘ eine zunehmende Verschmelzung von Mensch und Maschine, manifestiert in der Figur der Gabrielle, deren Körper nur noch mittels diverser medizinischer Hilfsmittel zusammengehalten wird.
Film als verbildlichte Psychologie. Menschen, die nur noch funktionieren und im Extremen ihre Erfüllung suchen. Darsteller, die furchtlos und ohne Scham vor der Kamera agieren. Ja, „Crash“ ist in vielen Aspekten ein bemerkenswertes Werk. Verstörend zwar, aber für Mutige einen Blick wert.
Neu abgetastet vom originalen Kamera-Negativ, erscheint „Crash“ in zwei verschiedenen Mediabook-Varianten entweder als 4K UHD/Blu-ray- oder Blu-ray/DVD-Combo. Alle Varianten bieten den Film in original englischer und deutsch synchronisierter Sprachfassung sowie optionale deutsche und englische Untertitel. Als Extras gibt es diverse Interviews (u.a. ein ausführliches Gespräch zwischen Cronenberg und Schauspielfreund Viggo Mortensen), drei Kurzfilme, Trailer und ein ausführliches, wunderbar gestaltetes und sehr informatives 40-seitiges Booklet. „Crash“ erscheint bei Turbine Medien und ist seit 22. Mai 2020 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Turbine Medien)
Liebe Filmfreunde!
Ein halbes Dutzend Kinoneustarts wöchentlich und unzählige Heimkino-Veröffentlichungen machen es heutzutage nicht leicht, „cineastische Perlen“ zu entdecken. Ob Rezensionen da helfen? Ich weiß es nicht, trotzdem will ich hier meinen Senf zum Thema Film & Kino dazugeben, möchte es wagen Neues zu loben, Klassiker zu verdammen, Aktuelles zu verteufeln, Altes zu empfehlen.
Und wer weiß: Vielleicht entdecken Sie so Ihren neuen Lieblingsfilm?
Heimkino-Tipp: „Knives Out“ (2019)
Hasch mich, ich bin der Mörder
Hut ab, Mr. Rian Johnson! Nach ihrem mutigen Ausflug ins „Star Wars“-Universum („Die letzten Jedi“), der nicht jedem eingefleischten Skywalker-Fan geschmeckt hat (Mark Hamill eingeschlossen), haben Sie nun wieder ein kreatives Drehbuch in Eigenregie verfasst und daraus einen Film kreiert, der sich sogleich zu einem beachtlichen Kassenschlager entwickelt hat. Kein Wunder bei der Besetzung! Ex-Bond in spe Daniel Craig, Jamie Lee Curtis, Don Johnson, Toni Collette, Chris Evans, Michael Shannon, Christopher Plummer und Guckschatz Ana de Armas sind nur einige der Stars, die in der wendungsreichen Krimifarce „Knives Out“ mit sichtlich Spaß mitwirken.
Die Freude an der Übertreibung überträgt sich sogleich auch mühelos aufs Publikum, das herzlich eingeladen ist mitzurätseln, um den überraschenden Tod des Hausherrn und Familienpatriarchen (Plummer), der am Morgen nach seinem 85. Geburtstag mit aufgeschlitzter Kehle in seinem Bett liegt, aufzuklären. Aber wie handhabte es schon Suspense-Meister Hitchcock? Die Zuschauer sehen nur das, was der Regisseur ihnen erlaubt zu sehen. Alles andere bleibt den Zeugen vor der Leinwand verborgen – und damit zunächst ebenso die eine oder andere falsche Fährte.
Das geht so lange gut, wie alle Figuren gleichberechtigt in die Geschichte integriert sind. Fällt eine Person mit seinem Verhalten jedoch komplett aus dem Rahmen, droht die zuvor sorgfältig konstruierte Charade durchschaubar zu werden. Auftritt Chris „Captain America“ Evans alias Sohnemann Ransom: Wenn ein Charakter so offensichtlich sein eigenes Ding macht, auf Familienbeziehungen keinen Wert legt und Freude daran hat, allen verbal und optisch den Stinkefinger entgegenzustrecken, könnte es sein, dass diesem Burschen eine Schlüsselrolle zufällt. Doch Vorsicht! Regisseur/Autor Johnson weiß, wie er mit den Erwartungen seiner Zuschauer spielen kann, denn ein ‚Avenger‘ kann ja wohl kein Böser sein – oder doch? Je nachdem, wie viel Genre-und Knobelerfahrung das Publikum mitbringt, ist die finale Auflösung entweder gelungen oder enttäuschend weil dann doch etwas überraschungsarm.
Ohne dem Film damit seine Qualität abzusprechen, würde ich dann aber noch gerne erfahren, was die vielen Hollywood-Größen dazu bewogen, in diesem Krimi mitzuwirken? Mein Verdacht: Es sind all jene Stars, für die in der 2017er-Neuverfilmung von „Mord im Orient Express“ kein Platz mehr war. Machen sie halt ihren eigenen ‚Whodunit‘-Streifen mit nahezu identischer Prämisse, anderer Location und einem Detektiv, der statt mit französischem nun mit Südstaaten-Akzent seine Verdächtigen nervt (zumindest in der Originalsprachversion).
Stellt sich anschließend nur noch die Frage, ob „Knives Out“ auch ohne Craig, Curtis, Evans & Co. so dermaßen erfolgreich wäre? Oder provozierender formuliert: Wer von euch will denn diesen Film sehen, weil die Geschichte (nicht die Besetzung!) so außergewöhnlich klingt? Siehste!
DVD-, Blu-ray- und 4K Ultra HD-Disc-Infos: Alle drei Scheiben bieten den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind zuschaltbar. Die Extras unterscheiden sich je nach Medium, allen gemein sind ein Audiokommentar des Regisseurs, gelöschte Szenen, Featurettes und Trailer. Blu-ray und 4K UHD bieten zudem noch weitere Zugaben, u.a. einen zweiten Audiokommentar, den Rian Johnson bereits für den Kinobesuch erstellt hat, sowie ein 2-stündiges Making of. „Knives Out – Mord ist Familiensache“ erscheint bei Leonine und ist seit 8. Mai 2020 auch digital erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Leonine)
Hut ab, Mr. Rian Johnson! Nach ihrem mutigen Ausflug ins „Star Wars“-Universum („Die letzten Jedi“), der nicht jedem eingefleischten Skywalker-Fan geschmeckt hat (Mark Hamill eingeschlossen), haben Sie nun wieder ein kreatives Drehbuch in Eigenregie verfasst und daraus einen Film kreiert, der sich sogleich zu einem beachtlichen Kassenschlager entwickelt hat. Kein Wunder bei der Besetzung! Ex-Bond in spe Daniel Craig, Jamie Lee Curtis, Don Johnson, Toni Collette, Chris Evans, Michael Shannon, Christopher Plummer und Guckschatz Ana de Armas sind nur einige der Stars, die in der wendungsreichen Krimifarce „Knives Out“ mit sichtlich Spaß mitwirken.
Die Freude an der Übertreibung überträgt sich sogleich auch mühelos aufs Publikum, das herzlich eingeladen ist mitzurätseln, um den überraschenden Tod des Hausherrn und Familienpatriarchen (Plummer), der am Morgen nach seinem 85. Geburtstag mit aufgeschlitzter Kehle in seinem Bett liegt, aufzuklären. Aber wie handhabte es schon Suspense-Meister Hitchcock? Die Zuschauer sehen nur das, was der Regisseur ihnen erlaubt zu sehen. Alles andere bleibt den Zeugen vor der Leinwand verborgen – und damit zunächst ebenso die eine oder andere falsche Fährte.
Das geht so lange gut, wie alle Figuren gleichberechtigt in die Geschichte integriert sind. Fällt eine Person mit seinem Verhalten jedoch komplett aus dem Rahmen, droht die zuvor sorgfältig konstruierte Charade durchschaubar zu werden. Auftritt Chris „Captain America“ Evans alias Sohnemann Ransom: Wenn ein Charakter so offensichtlich sein eigenes Ding macht, auf Familienbeziehungen keinen Wert legt und Freude daran hat, allen verbal und optisch den Stinkefinger entgegenzustrecken, könnte es sein, dass diesem Burschen eine Schlüsselrolle zufällt. Doch Vorsicht! Regisseur/Autor Johnson weiß, wie er mit den Erwartungen seiner Zuschauer spielen kann, denn ein ‚Avenger‘ kann ja wohl kein Böser sein – oder doch? Je nachdem, wie viel Genre-und Knobelerfahrung das Publikum mitbringt, ist die finale Auflösung entweder gelungen oder enttäuschend weil dann doch etwas überraschungsarm.
Ohne dem Film damit seine Qualität abzusprechen, würde ich dann aber noch gerne erfahren, was die vielen Hollywood-Größen dazu bewogen, in diesem Krimi mitzuwirken? Mein Verdacht: Es sind all jene Stars, für die in der 2017er-Neuverfilmung von „Mord im Orient Express“ kein Platz mehr war. Machen sie halt ihren eigenen ‚Whodunit‘-Streifen mit nahezu identischer Prämisse, anderer Location und einem Detektiv, der statt mit französischem nun mit Südstaaten-Akzent seine Verdächtigen nervt (zumindest in der Originalsprachversion).
Stellt sich anschließend nur noch die Frage, ob „Knives Out“ auch ohne Craig, Curtis, Evans & Co. so dermaßen erfolgreich wäre? Oder provozierender formuliert: Wer von euch will denn diesen Film sehen, weil die Geschichte (nicht die Besetzung!) so außergewöhnlich klingt? Siehste!
DVD-, Blu-ray- und 4K Ultra HD-Disc-Infos: Alle drei Scheiben bieten den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind zuschaltbar. Die Extras unterscheiden sich je nach Medium, allen gemein sind ein Audiokommentar des Regisseurs, gelöschte Szenen, Featurettes und Trailer. Blu-ray und 4K UHD bieten zudem noch weitere Zugaben, u.a. einen zweiten Audiokommentar, den Rian Johnson bereits für den Kinobesuch erstellt hat, sowie ein 2-stündiges Making of. „Knives Out – Mord ist Familiensache“ erscheint bei Leonine und ist seit 8. Mai 2020 auch digital erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Leonine)
Heimkino-Tipp: „Die schönste Zeit unseres Lebens“ (2019)
La Belle Époque
Wie schön es doch wäre, könnte man die Zeit hin und wieder zurückdrehen und besondere Momente des eigenen Lebens noch einmal genießen. Oder Fehler nachträglich korrigieren. In der Tragikomödie „Die schönste Zeit unseres Lebens“ macht Regisseur/Autor Nicolas Bedos seinen Protagonisten genau das möglich.
Das Ehepaar Victor (Daniel Auteuil) und Marianne (Fanny Ardant) hat – beziehungstechnisch – seine besten Jahre bereits hinter sich. Während seine Frau optimistisch und neugierig durch den Alltag geht, ist Victor mit den unendlich vielen technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts überfordert. Er trauert nicht nur seinem einstigen Job als Karikaturist einer Zeitung hinterher, sondern ebenso einer Vergangenheit, in der Menschen einander zuhörten und anschauten, statt pausenlos auf ihre Handys oder PC-Bildschirme zu glotzen. Schließlich hat Marianne die Faxen dicke und schmeißt ihren Gatten raus. Der nutzt die neugewonnene Freiheit für eine ungewöhnliche Erlebnisreise: Mittels Schauspielern, naturgetreuen Sets und den Angaben ihrer Kunden bietet die Firma von Antoine (Guillaume Canet) einen Trip in die Vergangenheit an. Victor entscheidet sich für einen Tag im Jahre 1974 – denn da begegnete er Marianne zum ersten Mal. „Gespielt“ wird der junge Feger von Margot (Doria Tillier), die momentan allerdings auch selbst mit Beziehungsproblemen zu kämpfen hat. Grund dafür: Antoine.
Ohren gespitzt und ein wenig Konzentration bitte! Denn „Die schönste Zeit unseres Lebens“ legt hinsichtlich der Dialoge von Beginn an ein ordentliches Tempo vor. Mit Verve und Spielfreude fauchen sich Auteuil und Ardant in bester Screwball-Manier an, sie genervt vom tranigen Benehmen ihres Mannes, er angepisst von der Technikhörigkeit seiner Umgebung. Es ist ein Fest, vor allem Auteuil dabei zu beobachten, wie er seinem Victor erst melancholisch durch die hektische Neuzeit stolpern und später mit freudig-glitzernden Augen durch „seine“ 70er-Jahre schlendern lässt.
Ungewöhnlich aber konsequent versucht Regisseur Bedos gar nicht erst, die Künstlichkeit der ganzen Vergangenheitsreise zu kaschieren. So blickt Victor beim Spazieren durch die Kulissen immer mal wieder auf abblätternde Tapeten, Bühnenbeleuchtungen und falsche Gebäudeteile, der Zuschauer zudem auf das Team um Antoine, das hinter falschen Spiegeln sitzt und u.a. mit Textaussetzern seiner Mannschaft und schief singenden Darstellern zu kämpfen hat. Ein großer Spaß!
Bei allem Humor schimmert jedoch immer wieder eine Ernsthaftigkeit durch, die von verpassten Chancen, verlorengegangenen Gefühlen und Selbsttäuschung erzählt. Bemerkenswert auch, dass keine der vier Hauptfiguren ohne Makel daherkommt und sie folglich immer wieder aufs neue Sympathiepunkte beim Zuschauer sammeln müssen. Ergo: Eine sehenswerte Zeitreise mit Anspruch, die den Wert von Beziehungen auf unterhaltsame Weise huldigt.
Die DVD bietet den Film in französischer Original- und deutsch synchronisierter Fassung. Optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte sind verfügbar. „Die schönste Zeit unseres Lebens“ erscheint bei Constantin Film Verleih GmbH und ist ab 7. Mai digital sowie ab 4. Juni 2020 auf DVD erhältlich. (Packshot + stills: © Constantin Film)
Wie schön es doch wäre, könnte man die Zeit hin und wieder zurückdrehen und besondere Momente des eigenen Lebens noch einmal genießen. Oder Fehler nachträglich korrigieren. In der Tragikomödie „Die schönste Zeit unseres Lebens“ macht Regisseur/Autor Nicolas Bedos seinen Protagonisten genau das möglich.
Das Ehepaar Victor (Daniel Auteuil) und Marianne (Fanny Ardant) hat – beziehungstechnisch – seine besten Jahre bereits hinter sich. Während seine Frau optimistisch und neugierig durch den Alltag geht, ist Victor mit den unendlich vielen technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts überfordert. Er trauert nicht nur seinem einstigen Job als Karikaturist einer Zeitung hinterher, sondern ebenso einer Vergangenheit, in der Menschen einander zuhörten und anschauten, statt pausenlos auf ihre Handys oder PC-Bildschirme zu glotzen. Schließlich hat Marianne die Faxen dicke und schmeißt ihren Gatten raus. Der nutzt die neugewonnene Freiheit für eine ungewöhnliche Erlebnisreise: Mittels Schauspielern, naturgetreuen Sets und den Angaben ihrer Kunden bietet die Firma von Antoine (Guillaume Canet) einen Trip in die Vergangenheit an. Victor entscheidet sich für einen Tag im Jahre 1974 – denn da begegnete er Marianne zum ersten Mal. „Gespielt“ wird der junge Feger von Margot (Doria Tillier), die momentan allerdings auch selbst mit Beziehungsproblemen zu kämpfen hat. Grund dafür: Antoine.
Ohren gespitzt und ein wenig Konzentration bitte! Denn „Die schönste Zeit unseres Lebens“ legt hinsichtlich der Dialoge von Beginn an ein ordentliches Tempo vor. Mit Verve und Spielfreude fauchen sich Auteuil und Ardant in bester Screwball-Manier an, sie genervt vom tranigen Benehmen ihres Mannes, er angepisst von der Technikhörigkeit seiner Umgebung. Es ist ein Fest, vor allem Auteuil dabei zu beobachten, wie er seinem Victor erst melancholisch durch die hektische Neuzeit stolpern und später mit freudig-glitzernden Augen durch „seine“ 70er-Jahre schlendern lässt.
Ungewöhnlich aber konsequent versucht Regisseur Bedos gar nicht erst, die Künstlichkeit der ganzen Vergangenheitsreise zu kaschieren. So blickt Victor beim Spazieren durch die Kulissen immer mal wieder auf abblätternde Tapeten, Bühnenbeleuchtungen und falsche Gebäudeteile, der Zuschauer zudem auf das Team um Antoine, das hinter falschen Spiegeln sitzt und u.a. mit Textaussetzern seiner Mannschaft und schief singenden Darstellern zu kämpfen hat. Ein großer Spaß!
Bei allem Humor schimmert jedoch immer wieder eine Ernsthaftigkeit durch, die von verpassten Chancen, verlorengegangenen Gefühlen und Selbsttäuschung erzählt. Bemerkenswert auch, dass keine der vier Hauptfiguren ohne Makel daherkommt und sie folglich immer wieder aufs neue Sympathiepunkte beim Zuschauer sammeln müssen. Ergo: Eine sehenswerte Zeitreise mit Anspruch, die den Wert von Beziehungen auf unterhaltsame Weise huldigt.
Die DVD bietet den Film in französischer Original- und deutsch synchronisierter Fassung. Optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte sind verfügbar. „Die schönste Zeit unseres Lebens“ erscheint bei Constantin Film Verleih GmbH und ist ab 7. Mai digital sowie ab 4. Juni 2020 auf DVD erhältlich. (Packshot + stills: © Constantin Film)
Heimkino-Tipp: „Vox Lux“ (2018)
A Star is Born
In der Psychologie beschreibt der sogenannte primacy effect die wissenschaftlich belegte Tatsache, dass früher eingehende Information besser erinnert wird als später wahrgenommene Infos. Der erste Eindruck ist daher von immenser Bedeutung, da dieser meist länger im Gedächtnis bleibt als alles, was danach kommt. Bezogen auf die Kunst, sind somit die ersten Seiten eines literarischen Werks, die ersten Töne eines Songs und die ersten Minuten eines Films ausschlaggebend für die Beurteilung durch den Rezipienten.
Regisseur Brady Corbet hat sich dies für sein Drama „Vox Lux“ zunutze gemacht und eine ungewöhnliche Form des Beginns gewählt, mit der auch schon sein französischer Kollege Gaspar Noé in „Irréversible“ experimentierte: die ersten Momente – nach einem nicht minder aufwühlenden Prolog – gehören dem Abspann des Films.
Es ist nicht die einzige formale Überraschung, die Corbet präsentiert: Unterteilt in zwei zeitlich voneinander getrennte Kapitel, erzählt er die Geschichte eines Popstars der 2000er-Jahre auch visuell bemerkenswert. So wechseln sich lange, scheinbar in einem Take gedrehte Szenen mit Zeitraffer-Sequenzen ab, wirkt gerade in den späteren Konzertszenen der Ton nicht optimal abgemischt und irritiert ein (im Original) von Willem Dafoe vorgetragener Off-Kommentar mit manch seltsamen Statements. Was in der Summe anstrengend klingen mag, ist in höchstem Maße kreativ – und ja, für den Zuschauer mitunter herausfordernd.
„Vox Lux“ fokussiert zunächst die Genese einer jungen Künstlerin namens Celeste (Raffey Cassidy), die nach einem einschneidenden Erlebnis zusammen mit ihrer Schwester Eleanor (Stacy Martin) einen Song komponiert, der landesweit förmlich durch die Decke geht. Begleitet von ihrem neuen Manager (Jude Law), reisen die beiden Mädels daraufhin nach Stockholm, um dort mithilfe eines erfahrenen Produzenten ein Album aufzunehmen – und erstmals fernab des Elternhauses ihre neugewonnene Freiheit zu genießen. Viele Jahre später ist Celeste (nun gespielt von Natalie Portman) ein Megastar und steht kurz vor der Präsentation einer neuen Show, als abermals unvorhergesehene Ereignisse ihren perfekt durchorganisierten Arbeitsalltag durcheinanderwirbeln.
Ja, so ein Musikerleben im Rampenlicht ist kein Zuckerschlecken. Das haben diverse ‚Dokumentationen‘ (wenn man sie so nennen will) aktuell erfolgreicher Popsternchen (u.a. Katy Perry, Justin Bieber) bereits verdeutlicht. „Vox Lux“ jedoch kratzt nicht nur an der Oberfläche, sondern stürzt sich mittenrein in das minutiös durchgeplante Dasein eines bejubelten Individuums. Allerdings nicht, um Mitleid zu generieren, sondern um aufzuzeigen, wie absurd und lebensfremd dieser ganze Irrsinn ist. Nicht nur bleiben familiäre Beziehungen auf der Strecke, sondern ebenso ein gesundes Maß an Rationalität.
Egoismus und der beständige Wunsch nach Bestätigung sind omnipräsent, alles wird dem Erfolg untergeordnet, was zählt ist das positive öffentliche Bild. Qualitativ ist die von Celeste geschaffene Musik lediglich Mittelmaß, das Rumgehopse auf der Bühne reines Blendwerk für meist junge Fans, die jede Standardansage zwischen den Songs zudem bejubeln, als sei es die Verkündung des immerwährenden Weltfriedens.
Apropos Musik: Die erfolgreiche australische Künstlerin Sia zeichnet für einen Großteil der Songs verantwortlich, als Produzent fungierte u.a. das norwegische Erfolgsduo Stargate, das in den vergangenen Jahren unzählige Welthits landen konnten. Dass Regisseur Corbet gerade sie für den Soundtrack auswählte, unterstreicht nur den ätzenden, satirischen Charakter seines Werks. Ob die Künstler dafür absichtlich austauschbare Durchschnittsware komponierten oder dem Regisseur schlicht auf den Leim gegangen sind, mag ich nicht zu beurteilen.
Andererseits bin vielleicht ich es, der „Vox Lux“ auf den Leim gegangen ist und etwas Kritisches hineininterpretiert, was letztendlich gar nicht vorhanden ist. Aber selbst dann ist der Film allein aufgrund der Derwisch-Performance von Natalie Portman ein Anschauen wert. Denn was sie hier abliefert, ist schlicht phänomenal und sehr viel Erinnerungswürdiger als Lady Gagas rührseliger Auftritt im völlig überschätzten „A Star is Born“. Auch da zweifle ich bis heute an der Ernsthaftigkeit der (prinzipiell ähnlichen) Geschichte, in der Künstler schlussendlich für ihr Aussehen und Getue mehr gefeiert werden als für anständiges, individuelles und erinnerungswürdiges Songschreiben.
Stichwort erinnerungswürdig: Anders als die (scheinbar) versteckte Kritik am Popbusiness in „Vox Lux“ gibt der herrlich übertriebene „Popstar: Never Stop Never Stopping“ dem Affen von Minute eins an ordentlich Zucker. Wer es also lieber direkt und ‚in the face‘ haben will und gleichzeitig Lust auf ein paar Ohrwürmer mit bösen Texten hat, dem sei die Komödie von 2016 sehr empfohlen! Am besten als Double-Feature mit diesem Streifen hier.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es Trailer und u.a. ein überaus seltsam geschnittenes Interview mit dem Regisseur, das einen gewissen Amateurfaktor nicht leugnen kann. „Vox Lux“ erscheint bei Koch Films und ist seit 16. April 2020 auch digital erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films/Atsushi-Nishijima)
In der Psychologie beschreibt der sogenannte primacy effect die wissenschaftlich belegte Tatsache, dass früher eingehende Information besser erinnert wird als später wahrgenommene Infos. Der erste Eindruck ist daher von immenser Bedeutung, da dieser meist länger im Gedächtnis bleibt als alles, was danach kommt. Bezogen auf die Kunst, sind somit die ersten Seiten eines literarischen Werks, die ersten Töne eines Songs und die ersten Minuten eines Films ausschlaggebend für die Beurteilung durch den Rezipienten.
Regisseur Brady Corbet hat sich dies für sein Drama „Vox Lux“ zunutze gemacht und eine ungewöhnliche Form des Beginns gewählt, mit der auch schon sein französischer Kollege Gaspar Noé in „Irréversible“ experimentierte: die ersten Momente – nach einem nicht minder aufwühlenden Prolog – gehören dem Abspann des Films.
Es ist nicht die einzige formale Überraschung, die Corbet präsentiert: Unterteilt in zwei zeitlich voneinander getrennte Kapitel, erzählt er die Geschichte eines Popstars der 2000er-Jahre auch visuell bemerkenswert. So wechseln sich lange, scheinbar in einem Take gedrehte Szenen mit Zeitraffer-Sequenzen ab, wirkt gerade in den späteren Konzertszenen der Ton nicht optimal abgemischt und irritiert ein (im Original) von Willem Dafoe vorgetragener Off-Kommentar mit manch seltsamen Statements. Was in der Summe anstrengend klingen mag, ist in höchstem Maße kreativ – und ja, für den Zuschauer mitunter herausfordernd.
„Vox Lux“ fokussiert zunächst die Genese einer jungen Künstlerin namens Celeste (Raffey Cassidy), die nach einem einschneidenden Erlebnis zusammen mit ihrer Schwester Eleanor (Stacy Martin) einen Song komponiert, der landesweit förmlich durch die Decke geht. Begleitet von ihrem neuen Manager (Jude Law), reisen die beiden Mädels daraufhin nach Stockholm, um dort mithilfe eines erfahrenen Produzenten ein Album aufzunehmen – und erstmals fernab des Elternhauses ihre neugewonnene Freiheit zu genießen. Viele Jahre später ist Celeste (nun gespielt von Natalie Portman) ein Megastar und steht kurz vor der Präsentation einer neuen Show, als abermals unvorhergesehene Ereignisse ihren perfekt durchorganisierten Arbeitsalltag durcheinanderwirbeln.
Ja, so ein Musikerleben im Rampenlicht ist kein Zuckerschlecken. Das haben diverse ‚Dokumentationen‘ (wenn man sie so nennen will) aktuell erfolgreicher Popsternchen (u.a. Katy Perry, Justin Bieber) bereits verdeutlicht. „Vox Lux“ jedoch kratzt nicht nur an der Oberfläche, sondern stürzt sich mittenrein in das minutiös durchgeplante Dasein eines bejubelten Individuums. Allerdings nicht, um Mitleid zu generieren, sondern um aufzuzeigen, wie absurd und lebensfremd dieser ganze Irrsinn ist. Nicht nur bleiben familiäre Beziehungen auf der Strecke, sondern ebenso ein gesundes Maß an Rationalität.
Egoismus und der beständige Wunsch nach Bestätigung sind omnipräsent, alles wird dem Erfolg untergeordnet, was zählt ist das positive öffentliche Bild. Qualitativ ist die von Celeste geschaffene Musik lediglich Mittelmaß, das Rumgehopse auf der Bühne reines Blendwerk für meist junge Fans, die jede Standardansage zwischen den Songs zudem bejubeln, als sei es die Verkündung des immerwährenden Weltfriedens.
Apropos Musik: Die erfolgreiche australische Künstlerin Sia zeichnet für einen Großteil der Songs verantwortlich, als Produzent fungierte u.a. das norwegische Erfolgsduo Stargate, das in den vergangenen Jahren unzählige Welthits landen konnten. Dass Regisseur Corbet gerade sie für den Soundtrack auswählte, unterstreicht nur den ätzenden, satirischen Charakter seines Werks. Ob die Künstler dafür absichtlich austauschbare Durchschnittsware komponierten oder dem Regisseur schlicht auf den Leim gegangen sind, mag ich nicht zu beurteilen.
Andererseits bin vielleicht ich es, der „Vox Lux“ auf den Leim gegangen ist und etwas Kritisches hineininterpretiert, was letztendlich gar nicht vorhanden ist. Aber selbst dann ist der Film allein aufgrund der Derwisch-Performance von Natalie Portman ein Anschauen wert. Denn was sie hier abliefert, ist schlicht phänomenal und sehr viel Erinnerungswürdiger als Lady Gagas rührseliger Auftritt im völlig überschätzten „A Star is Born“. Auch da zweifle ich bis heute an der Ernsthaftigkeit der (prinzipiell ähnlichen) Geschichte, in der Künstler schlussendlich für ihr Aussehen und Getue mehr gefeiert werden als für anständiges, individuelles und erinnerungswürdiges Songschreiben.
Stichwort erinnerungswürdig: Anders als die (scheinbar) versteckte Kritik am Popbusiness in „Vox Lux“ gibt der herrlich übertriebene „Popstar: Never Stop Never Stopping“ dem Affen von Minute eins an ordentlich Zucker. Wer es also lieber direkt und ‚in the face‘ haben will und gleichzeitig Lust auf ein paar Ohrwürmer mit bösen Texten hat, dem sei die Komödie von 2016 sehr empfohlen! Am besten als Double-Feature mit diesem Streifen hier.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es Trailer und u.a. ein überaus seltsam geschnittenes Interview mit dem Regisseur, das einen gewissen Amateurfaktor nicht leugnen kann. „Vox Lux“ erscheint bei Koch Films und ist seit 16. April 2020 auch digital erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films/Atsushi-Nishijima)
Heimkino-Tipp: „A Rainy Day in New York“ (2019)
NY, I love you
„Allens bester Film seit Jahren!“ ist so ein Standardsatz, den Filmkritiker in den vergangenen Jahrzehnten immer irgendwo in ihren Rezensionen zu Woody Allen-Streifen untergebracht haben. Dabei dreht der Mann so viel, dass nur eine Handvoll seiner Arbeiten länger als fünf Jahre im kollektiven Cineastengedächtnis erhalten bleiben und dieses Lob tatsächlich verdienen. Oder erinnert sich noch jemand an „Cassandras Traum“ (2007)? „Irrational Man“ (2015)? Und wer spielte eigentlich in „Wonder Wheel“ (2017) die Hauptrolle? Alle top besetzt, alle ‚typisch Allen‘, alle „endlich wieder Woody in Bestform“.
Diesen Kritiker-Persilschein gab’s für „A Rainy Day in New York“ nicht. Einer der Gründe dürften die wiederholten – bisher unbewiesenen – Anschuldigungen gegen Allen sein, er habe seine Adoptivtochter missbraucht. Es sind keine neuen Vorwürfe, was die plötzliche Bekehrung einstiger Allen-Fans etwas seltsam erscheinen lässt. Warum sie das vor der „#MeToo“-Bewegung nicht störte, bleibt ihr Geheimnis.
Wie also umgehen mit dem Werk eines Mannes, der möglicherweise sehr schlimme Dinge getan hat? Kann sein Œuvre unabhängig von eventuellen privaten Verfehlungen bewertet werden? Sollte es überhaupt veröffentlicht werden? Und wie halten wir, die Zuschauer, es mit dem Grundsatz In dubio pro reo („Im Zweifel für den Angeklagten“)? Etliche Mitwirkende von „A Rainy Day in New York“ spendeten ihre Gage für wohltätige Zwecke, das produzierende Studio hingegen cancelte die Veröffentlichung in Amerika ganz.
Ich versuche es mit Variante 1: Der Film spielt die Hauptrolle, alles andere drumherum soll die Wertung nicht beeinflussen. Geht leider komplett schief, da der gute Allen hier ausgerechnet eine Geschichte erzählt, in der eine sehr junge, naiv auftretende Frau (Elle Fanning) gleich von mehreren Männern mal mehr mal weniger offensiv umgarnt wird. Zwei der Kerle sind mehr als doppelt so alt wie sie. Uff! Parallel dazu schlendert ihr Boyfriend (Timothée Chalamet) grübelnd durch die Stadt und trifft dabei auf die Schwester (Selena Gomez) seiner früheren Liebe, die ihm in mehreren Situationen den Kopf geraderückt.
Viele Dialogszenen, ein wenig Jazz-Geklimper im Hintergrund und unzählige Figuren mit einer leicht angeknacksten Psyche: Willkommen in Allen-World! Eine Welt bevölkert mit von Selbstzweifeln zerfressenen Männern, und Frauen, die jede für sich ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Ob (oberflächlich) naives Dummchen, freches New York-Girl, Edelprostituierte oder Mama mit dunkler Vergangenheit: Sie alle agieren selbstbestimmt, unabhängig und auf eigene Rechnung, während ihre maskulinen Gegenüber scheinbar keine einzige Entscheidung allein fällen können. Das verpackt Allen in eine fluffig-leichte, wunderbar unaufgeregt erzählte Geschichte, die sich mehr und mehr als Dekonstruktion überholter Geschlechterrollen entpuppt. Ein schmerzhaft-amüsantes Guckerlebnis, je nachdem von welcher Seite man(n)/frau es betrachtet.
Das macht „A Rainy Day in New York“ ganz klar zu Allens bestem Film – zumindest in diesem Jahr.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es Trailer. „A Rainy Day in New York“ erscheint bei Filmwelt Verleihagentur im Vertrieb von EuroVideo und ist seit 2. April digital sowie ab 23. April 2020 auf DVD/Blu-ray/VoD erhältlich. (Packshot + stills: © Filmwelt Verleihagentur / Gravier Productions, Inc. / Jessica Miglio)
„Allens bester Film seit Jahren!“ ist so ein Standardsatz, den Filmkritiker in den vergangenen Jahrzehnten immer irgendwo in ihren Rezensionen zu Woody Allen-Streifen untergebracht haben. Dabei dreht der Mann so viel, dass nur eine Handvoll seiner Arbeiten länger als fünf Jahre im kollektiven Cineastengedächtnis erhalten bleiben und dieses Lob tatsächlich verdienen. Oder erinnert sich noch jemand an „Cassandras Traum“ (2007)? „Irrational Man“ (2015)? Und wer spielte eigentlich in „Wonder Wheel“ (2017) die Hauptrolle? Alle top besetzt, alle ‚typisch Allen‘, alle „endlich wieder Woody in Bestform“.
Diesen Kritiker-Persilschein gab’s für „A Rainy Day in New York“ nicht. Einer der Gründe dürften die wiederholten – bisher unbewiesenen – Anschuldigungen gegen Allen sein, er habe seine Adoptivtochter missbraucht. Es sind keine neuen Vorwürfe, was die plötzliche Bekehrung einstiger Allen-Fans etwas seltsam erscheinen lässt. Warum sie das vor der „#MeToo“-Bewegung nicht störte, bleibt ihr Geheimnis.
Wie also umgehen mit dem Werk eines Mannes, der möglicherweise sehr schlimme Dinge getan hat? Kann sein Œuvre unabhängig von eventuellen privaten Verfehlungen bewertet werden? Sollte es überhaupt veröffentlicht werden? Und wie halten wir, die Zuschauer, es mit dem Grundsatz In dubio pro reo („Im Zweifel für den Angeklagten“)? Etliche Mitwirkende von „A Rainy Day in New York“ spendeten ihre Gage für wohltätige Zwecke, das produzierende Studio hingegen cancelte die Veröffentlichung in Amerika ganz.
Ich versuche es mit Variante 1: Der Film spielt die Hauptrolle, alles andere drumherum soll die Wertung nicht beeinflussen. Geht leider komplett schief, da der gute Allen hier ausgerechnet eine Geschichte erzählt, in der eine sehr junge, naiv auftretende Frau (Elle Fanning) gleich von mehreren Männern mal mehr mal weniger offensiv umgarnt wird. Zwei der Kerle sind mehr als doppelt so alt wie sie. Uff! Parallel dazu schlendert ihr Boyfriend (Timothée Chalamet) grübelnd durch die Stadt und trifft dabei auf die Schwester (Selena Gomez) seiner früheren Liebe, die ihm in mehreren Situationen den Kopf geraderückt.
Viele Dialogszenen, ein wenig Jazz-Geklimper im Hintergrund und unzählige Figuren mit einer leicht angeknacksten Psyche: Willkommen in Allen-World! Eine Welt bevölkert mit von Selbstzweifeln zerfressenen Männern, und Frauen, die jede für sich ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Ob (oberflächlich) naives Dummchen, freches New York-Girl, Edelprostituierte oder Mama mit dunkler Vergangenheit: Sie alle agieren selbstbestimmt, unabhängig und auf eigene Rechnung, während ihre maskulinen Gegenüber scheinbar keine einzige Entscheidung allein fällen können. Das verpackt Allen in eine fluffig-leichte, wunderbar unaufgeregt erzählte Geschichte, die sich mehr und mehr als Dekonstruktion überholter Geschlechterrollen entpuppt. Ein schmerzhaft-amüsantes Guckerlebnis, je nachdem von welcher Seite man(n)/frau es betrachtet.
Das macht „A Rainy Day in New York“ ganz klar zu Allens bestem Film – zumindest in diesem Jahr.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es Trailer. „A Rainy Day in New York“ erscheint bei Filmwelt Verleihagentur im Vertrieb von EuroVideo und ist seit 2. April digital sowie ab 23. April 2020 auf DVD/Blu-ray/VoD erhältlich. (Packshot + stills: © Filmwelt Verleihagentur / Gravier Productions, Inc. / Jessica Miglio)
Heimkino-Tipp: „Das perfekte Geheimnis“ (2019)
Stunde der Wahrheit
Läuft bei Bora Dagtekin: Nachdem er mit „Türkisch für Anfänger“ sowie den drei „Fack ju Göhte“-Filmen bereits große Erfolge verbuchen konnte, hat er auch mit seiner aktuellen Komödie „Das perfekte Geheimnis“ wieder mehrere Millionen Zuschauer ins Kino locken können. Für eine deutsche Produktion keine Selbstverständlichkeit, für den gebürtigen Hannoveraner aber wohl inzwischen erfreulicher Alltag. Sein Inszenierungsstil, gekennzeichnet von hohem Tempo sowohl bei der Kameraführung als auch beim Schnitt, geht einher mit einer beeindruckenden Gagdichte seiner Drehbücher und unübersehbar gut aufgelegten Darstellern, die sichtlich Spaß an den frechen, manchmal grenzwertig garstigen Dialogen haben.
In „Das perfekte Geheimnis“ darf sein Publikum einem Abendessen unter Freunden beiwohnen, die sich zum Teil schon seit Kindertagen kennen. Rocco (Wotan Wilke Möhring) und seine Frau Eva (Jessica Schwarz) haben eingeladen und begrüßen neben dem Ehepaar Leo (Elyas M‘Barek) und Carlotta (Karoline Herfurth) auch die Neuverliebten Simon (Frederick Lau) und Bianca (Jella Haase) sowie Pepe (Florian David Fitz) in ihren schnieken Wohnung zum gemeinsamen Speisen, Trinken und Klönen. Als die Plauderei beim Thema Handy ankommt, macht Eva einen ungewöhnlichen Vorschlag: Warum nicht alle Mobiltelefone für die Dauer des Essens auf den Tisch legen und jeden eingehenden Anruf und jede ankommende Nachricht mit den Anwesenden teilen? Nach anfänglichem Zögern lassen sich alle darauf ein – und lernen ihre Freunde in den nächsten Stunden von ganz neuen Seiten kennen.
Die spannende Prämisse des Films stammt von der 2016 in Italien entstandenen Tragikomödie „Perfect Strangers“, die seither weltweit adaptiert wurde. Dagtekin übernahm die Grundidee, passte das Skript aber seinem Stil an und veränderte vor allem im letzten Drittel den Verlauf der Handlung etwas. Dies brachte ihm von manchen Rezensenten Kritik ein, die sich einerseits an der Auflösung, andererseits vor allem an dem in manchen Szenen heftigen Schwulenbashing störten. Gerade letzteres stößt in der Tat etwas sauer auf, auch wenn Dagtekin versucht, dies mit einem Storykniff am Schluss zu relativieren.
Bis zu diesem Punkt jedoch ist „Das perfekte Geheimnis“ ein amüsanter Spaß. Jedes neue Piepen, Vibrieren und Klingeln der Telefone sorgt für Überraschungen, bringt die Protagonisten mal mehr, mal weniger ins Schwitzen und hält die Spannungskurve konstant hoch. Dass von den hier Anwesenden keine/r eine reine Weste hat, liegt in der Natur des Genres, sagt aber andererseits ebenso viel über Dagtekins Blick auf die Spezies Mensch aus: Jeder, mag er vordergründig auch sympathisch, hilfsbereit und ehrlich wirken, hat Dreck am Stecken und spielt selbst im Kreis seiner engsten Vertrauten immer nur eine Rolle. Ein ziemlich pessimistisches Weltbild, das die manchmal etwas aufgesetzt wirkende gute Laune der Akteure versucht zu überspielen.
Was nicht als harsche Kritik verstanden werden soll! „Das perfekte Geheimnis“ macht Spaß, ist überaus unterhaltsam und inspiriert sicherlich einige Freundeskreise, Ähnliches einmal selbst auszuprobieren. Nur das Ende des Experiments könnte in der realen Welt etwas anders aussehen.
Die Blu-ray/DVD bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung sowie optionale englische und deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Eine Hörfilmfassung ist erfreulicherweise ebenso enthalten. Als Extras gibt es u.a. einen Audiokommentar, Outtakes, verlängerte Szenen, kurze Clips vom Set und den Dreharbeiten sowie Teaser und Trailer. „Das perfekte Geheimnis“ erscheint bei Constantin Film Verleih GmbH und ist seit 25. März 2020 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Constantin Film)
Läuft bei Bora Dagtekin: Nachdem er mit „Türkisch für Anfänger“ sowie den drei „Fack ju Göhte“-Filmen bereits große Erfolge verbuchen konnte, hat er auch mit seiner aktuellen Komödie „Das perfekte Geheimnis“ wieder mehrere Millionen Zuschauer ins Kino locken können. Für eine deutsche Produktion keine Selbstverständlichkeit, für den gebürtigen Hannoveraner aber wohl inzwischen erfreulicher Alltag. Sein Inszenierungsstil, gekennzeichnet von hohem Tempo sowohl bei der Kameraführung als auch beim Schnitt, geht einher mit einer beeindruckenden Gagdichte seiner Drehbücher und unübersehbar gut aufgelegten Darstellern, die sichtlich Spaß an den frechen, manchmal grenzwertig garstigen Dialogen haben.
In „Das perfekte Geheimnis“ darf sein Publikum einem Abendessen unter Freunden beiwohnen, die sich zum Teil schon seit Kindertagen kennen. Rocco (Wotan Wilke Möhring) und seine Frau Eva (Jessica Schwarz) haben eingeladen und begrüßen neben dem Ehepaar Leo (Elyas M‘Barek) und Carlotta (Karoline Herfurth) auch die Neuverliebten Simon (Frederick Lau) und Bianca (Jella Haase) sowie Pepe (Florian David Fitz) in ihren schnieken Wohnung zum gemeinsamen Speisen, Trinken und Klönen. Als die Plauderei beim Thema Handy ankommt, macht Eva einen ungewöhnlichen Vorschlag: Warum nicht alle Mobiltelefone für die Dauer des Essens auf den Tisch legen und jeden eingehenden Anruf und jede ankommende Nachricht mit den Anwesenden teilen? Nach anfänglichem Zögern lassen sich alle darauf ein – und lernen ihre Freunde in den nächsten Stunden von ganz neuen Seiten kennen.
Die spannende Prämisse des Films stammt von der 2016 in Italien entstandenen Tragikomödie „Perfect Strangers“, die seither weltweit adaptiert wurde. Dagtekin übernahm die Grundidee, passte das Skript aber seinem Stil an und veränderte vor allem im letzten Drittel den Verlauf der Handlung etwas. Dies brachte ihm von manchen Rezensenten Kritik ein, die sich einerseits an der Auflösung, andererseits vor allem an dem in manchen Szenen heftigen Schwulenbashing störten. Gerade letzteres stößt in der Tat etwas sauer auf, auch wenn Dagtekin versucht, dies mit einem Storykniff am Schluss zu relativieren.
Bis zu diesem Punkt jedoch ist „Das perfekte Geheimnis“ ein amüsanter Spaß. Jedes neue Piepen, Vibrieren und Klingeln der Telefone sorgt für Überraschungen, bringt die Protagonisten mal mehr, mal weniger ins Schwitzen und hält die Spannungskurve konstant hoch. Dass von den hier Anwesenden keine/r eine reine Weste hat, liegt in der Natur des Genres, sagt aber andererseits ebenso viel über Dagtekins Blick auf die Spezies Mensch aus: Jeder, mag er vordergründig auch sympathisch, hilfsbereit und ehrlich wirken, hat Dreck am Stecken und spielt selbst im Kreis seiner engsten Vertrauten immer nur eine Rolle. Ein ziemlich pessimistisches Weltbild, das die manchmal etwas aufgesetzt wirkende gute Laune der Akteure versucht zu überspielen.
Was nicht als harsche Kritik verstanden werden soll! „Das perfekte Geheimnis“ macht Spaß, ist überaus unterhaltsam und inspiriert sicherlich einige Freundeskreise, Ähnliches einmal selbst auszuprobieren. Nur das Ende des Experiments könnte in der realen Welt etwas anders aussehen.
Die Blu-ray/DVD bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung sowie optionale englische und deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Eine Hörfilmfassung ist erfreulicherweise ebenso enthalten. Als Extras gibt es u.a. einen Audiokommentar, Outtakes, verlängerte Szenen, kurze Clips vom Set und den Dreharbeiten sowie Teaser und Trailer. „Das perfekte Geheimnis“ erscheint bei Constantin Film Verleih GmbH und ist seit 25. März 2020 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Constantin Film)
Heimkino-Tipp: „Gelobt sei Gott“ (2018)
Im Namen des Herrn
Es gibt gegenwärtig nicht viele Regisseure, die quantitativ mit François Ozon mithalten können. Beinahe jedes Jahr gibt es einen neuen Film des Franzosen, oftmals mit provokantem Inhalt („Swimming Pool“, „Ricky – Wunder geschehen“, „Jung & Schön“) und von der Kritik hoch gelobt („8 Frauen“, „Frantz“). Ein Profi seines Metiers, der thematisch keinerlei Scheu kennt und mit beruhigender Regelmäßigkeit qualitativ hochwertiges Kino kreiert.
Dies scheint auch auf seinen aktuellen Film, „Gelobt sei Gott“ zuzutreffen, hat das Drama doch u.a. den Silbernen Bären bei der letztjährigen Berlinale gewonnen. Die Thematik: aktuell. Die Darsteller: hervorragend. Die Umsetzung: nun ja. Doch der Reihe nach.
Wie in einem Interview geschildert, das im Presseheft zum Film zu finden ist, stieß Ozon auf der Suche nach einer Drehbuchidee auf die Website „La Parole Liberée“ (dt.: Das gebrochene Schweigen), auf der sich Opfer sexuellen Missbrauchs zusammengefunden haben. Konkreter: Menschen, die als Kinder von Würdenträgern der katholischen Kirche misshandelt wurden. Die Idee eines Theaterstücks verwarf Ozon dann ebenso schnell wie die, eine Dokumentation darüber zu machen. Er traf sich mit mehreren Betroffenen und entschied daraufhin, ihre Geschichte(n) und ihren Kampf um Bestrafung der Verantwortlichen als Spielfilm auf die Leinwand zu bringen.
Ozon wählte einen schwierigen Ansatz: Er fokussiert drei Charaktere und widmet sich nacheinander ihren Geschichten. Alle drei haben das Erlebte mehr oder minder gut verarbeitet, leben in unterschiedlichen Milieus und verbinden mit ihrem Vorgehen jeweils subjektive Hoffnungen. Dies alles zu bündeln und in einen sehenswerten Film zu packen, ist zweifellos eine Herausforderung. Ozons „Gelobt sei Gott“ hat diese nur teilweise bewältigt.
Dabei beginnt sein 137-Minuten-Werk mit einem (optischen) Paukenschlag: Die Eröffnungssequenz zeigt einen Kardinal über den Rücken gefilmt, wie er von einem Balkon aus die unter ihm liegende Stadt Lyon segnet, während bedrückende Musik im Zusammenspiel mit den Farben des Himmels eine unheimliche Atmosphäre schafft. Es bleibt der einzige Moment, in dem die Inszenierung im Vordergrund steht. Fortan begleitet Ozon seine Protagonisten nüchtern und distanziert bei ihren Versuchen, jenen Priester, der sie einst misshandelte, aus Amt und Funktionen zu entfernen.
Da wäre zunächst der wohlhabende, sehr gläubige Alexandre (Melvil Poupaud), der den offiziellen Weg beschreitet, sich mit Briefen an den Kardinal wendet und um eine Ablösung von Priester Preynat (Bernard Verley) bittet. Der zweite Teil des Films gehört François (Denis Ménochet), einem von Wut getriebenen Energiebündel, der bereits an die Öffentlichkeit geht als die Ermittlungen noch laufen. Im letzten Drittel steht schließlich Emmanuel (Swann Arlaud) im Mittelpunkt, dessen Leben aufgrund der Ereignisse in seiner Jugend aus den Fugen geraten ist und der auch sichtbare körperliche Schäden davongetragen hat.
Eine Unmenge an Briefen, Gesprächen und E-Mails bildeten die Grundlage für den Film, der je nach Figur stilistische Unterschiede aufweist. Das spiegelt die verschiedenen Charaktere treffend wieder, will aber an manchen Stellen nie so recht zusammenpassen. Dies wird vor allem zum Ende hin offensichtlich, da sich Ozon bezüglich Emmanuel mehr als bei den anderen beiden Männern auch auf dessen soziales Umfeld konzentriert. Meinungsverschiedenheiten und Konflikte mit der Partnerin gewinnen plötzlich an Gewicht, während Alexandre und François solche Kämpfe zumindest mit ihren Frauen nicht austragen müssen. Eine der letzten Szenen spricht zudem die psychische Belastung an, die der langjährige Kampf um Gerechtigkeit auf die Familien hat. Hier wird viel Potenzial verschenkt, sicherlich auch aus Zeitgründen. Denn nach zwei Stunden Fakten-Dauerfeuer, in denen Ozon von Szene zu Szene hetzt und seinem Publikum keine Verschnaufpause zum Reflektieren gönnt, geht dieser Aspekt leider vollkommen unter.
In einem der Sets ist im Hintergrund das Plakat zum Oscar-prämierten „Spotlight“ zu sehen, der sich der Enthüllung eines Missbrauchsskandals durch Kirchenvertreter in Amerika widmet. Ebenso wie „Gelobt sei Gott“ ist dies zweifellos ein wichtiger Film, der Licht auf das merkwürdige Gebaren der Kirche wirft, die nur zögerlich Missstände in eigenen Reihen aufzuklären bereit ist. Die Filme wollen den Opfern ein Denkmal setzen, indem sie ihren zähen(!) Kampf nacherzählen. Und doch muss – bei allem Respekt für die Betroffenen – auch bezüglich „Spotlight“ die Frage erlaubt sein, ob eine (Kino-)Dokumentation nicht doch die geeignetere Form gewesen wäre, um diese zwar beachtenswerten, cineastisch jedoch wenig dankbaren Geschichten zu erzählen.
Die DVD enthält den Film in französischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung mit optionalen deutschen Untertiteln. Als Bonus gibt es Interviews, gelöschte Szenen, Clips von Kostüm- und Orchesterproben sowie Trailer. „Gelobt sei Gott“ erscheint bei Pandora Film und ist seit 25. März 2020 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Pandora Film)
Es gibt gegenwärtig nicht viele Regisseure, die quantitativ mit François Ozon mithalten können. Beinahe jedes Jahr gibt es einen neuen Film des Franzosen, oftmals mit provokantem Inhalt („Swimming Pool“, „Ricky – Wunder geschehen“, „Jung & Schön“) und von der Kritik hoch gelobt („8 Frauen“, „Frantz“). Ein Profi seines Metiers, der thematisch keinerlei Scheu kennt und mit beruhigender Regelmäßigkeit qualitativ hochwertiges Kino kreiert.
Dies scheint auch auf seinen aktuellen Film, „Gelobt sei Gott“ zuzutreffen, hat das Drama doch u.a. den Silbernen Bären bei der letztjährigen Berlinale gewonnen. Die Thematik: aktuell. Die Darsteller: hervorragend. Die Umsetzung: nun ja. Doch der Reihe nach.
Wie in einem Interview geschildert, das im Presseheft zum Film zu finden ist, stieß Ozon auf der Suche nach einer Drehbuchidee auf die Website „La Parole Liberée“ (dt.: Das gebrochene Schweigen), auf der sich Opfer sexuellen Missbrauchs zusammengefunden haben. Konkreter: Menschen, die als Kinder von Würdenträgern der katholischen Kirche misshandelt wurden. Die Idee eines Theaterstücks verwarf Ozon dann ebenso schnell wie die, eine Dokumentation darüber zu machen. Er traf sich mit mehreren Betroffenen und entschied daraufhin, ihre Geschichte(n) und ihren Kampf um Bestrafung der Verantwortlichen als Spielfilm auf die Leinwand zu bringen.
Ozon wählte einen schwierigen Ansatz: Er fokussiert drei Charaktere und widmet sich nacheinander ihren Geschichten. Alle drei haben das Erlebte mehr oder minder gut verarbeitet, leben in unterschiedlichen Milieus und verbinden mit ihrem Vorgehen jeweils subjektive Hoffnungen. Dies alles zu bündeln und in einen sehenswerten Film zu packen, ist zweifellos eine Herausforderung. Ozons „Gelobt sei Gott“ hat diese nur teilweise bewältigt.
Dabei beginnt sein 137-Minuten-Werk mit einem (optischen) Paukenschlag: Die Eröffnungssequenz zeigt einen Kardinal über den Rücken gefilmt, wie er von einem Balkon aus die unter ihm liegende Stadt Lyon segnet, während bedrückende Musik im Zusammenspiel mit den Farben des Himmels eine unheimliche Atmosphäre schafft. Es bleibt der einzige Moment, in dem die Inszenierung im Vordergrund steht. Fortan begleitet Ozon seine Protagonisten nüchtern und distanziert bei ihren Versuchen, jenen Priester, der sie einst misshandelte, aus Amt und Funktionen zu entfernen.
Da wäre zunächst der wohlhabende, sehr gläubige Alexandre (Melvil Poupaud), der den offiziellen Weg beschreitet, sich mit Briefen an den Kardinal wendet und um eine Ablösung von Priester Preynat (Bernard Verley) bittet. Der zweite Teil des Films gehört François (Denis Ménochet), einem von Wut getriebenen Energiebündel, der bereits an die Öffentlichkeit geht als die Ermittlungen noch laufen. Im letzten Drittel steht schließlich Emmanuel (Swann Arlaud) im Mittelpunkt, dessen Leben aufgrund der Ereignisse in seiner Jugend aus den Fugen geraten ist und der auch sichtbare körperliche Schäden davongetragen hat.
Eine Unmenge an Briefen, Gesprächen und E-Mails bildeten die Grundlage für den Film, der je nach Figur stilistische Unterschiede aufweist. Das spiegelt die verschiedenen Charaktere treffend wieder, will aber an manchen Stellen nie so recht zusammenpassen. Dies wird vor allem zum Ende hin offensichtlich, da sich Ozon bezüglich Emmanuel mehr als bei den anderen beiden Männern auch auf dessen soziales Umfeld konzentriert. Meinungsverschiedenheiten und Konflikte mit der Partnerin gewinnen plötzlich an Gewicht, während Alexandre und François solche Kämpfe zumindest mit ihren Frauen nicht austragen müssen. Eine der letzten Szenen spricht zudem die psychische Belastung an, die der langjährige Kampf um Gerechtigkeit auf die Familien hat. Hier wird viel Potenzial verschenkt, sicherlich auch aus Zeitgründen. Denn nach zwei Stunden Fakten-Dauerfeuer, in denen Ozon von Szene zu Szene hetzt und seinem Publikum keine Verschnaufpause zum Reflektieren gönnt, geht dieser Aspekt leider vollkommen unter.
In einem der Sets ist im Hintergrund das Plakat zum Oscar-prämierten „Spotlight“ zu sehen, der sich der Enthüllung eines Missbrauchsskandals durch Kirchenvertreter in Amerika widmet. Ebenso wie „Gelobt sei Gott“ ist dies zweifellos ein wichtiger Film, der Licht auf das merkwürdige Gebaren der Kirche wirft, die nur zögerlich Missstände in eigenen Reihen aufzuklären bereit ist. Die Filme wollen den Opfern ein Denkmal setzen, indem sie ihren zähen(!) Kampf nacherzählen. Und doch muss – bei allem Respekt für die Betroffenen – auch bezüglich „Spotlight“ die Frage erlaubt sein, ob eine (Kino-)Dokumentation nicht doch die geeignetere Form gewesen wäre, um diese zwar beachtenswerten, cineastisch jedoch wenig dankbaren Geschichten zu erzählen.
Die DVD enthält den Film in französischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung mit optionalen deutschen Untertiteln. Als Bonus gibt es Interviews, gelöschte Szenen, Clips von Kostüm- und Orchesterproben sowie Trailer. „Gelobt sei Gott“ erscheint bei Pandora Film und ist seit 25. März 2020 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Pandora Film)
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