Heimkino-Tipp: „Assassins“ (2020)

Brudermord in Kuala Lumpur

Nordkorea gilt als das am meisten abgeschottete Land der Erde. Die de facto-Diktatur (laut Verfassung ein „sozialistischer Staat“) unter der Herrschaft der Kim-Familie besitzt u.a. eine eigene Uhrzeit, befindet sich gemäß des Juche-Kalenders (gezählt wird ab dem Geburtsjahr des früheren Staatschefs und „ewigen Präsidenten“ Kim Il Sung, 15. April 1912) momentan im Jahr 110, und steht seit vielen Jahren im weltweiten Demokratieindex an letzter Stelle.

Wie es im Inneren der „Volksrepublik“ tatsächlich zugeht, kann nur vermutet werden, da Touristen nur in Begleitung von nordkoreanischen Begleitern durch bestimmte Teile des Landes reisen dürfen (kurioser Fakt: Da Nordkorea gute diplomatische Beziehungen zur DDR besaß, beherrschen diese „Aufseher“ meist auch die deutsche Sprache). Die wenigen ehrlichen Zeugnisse über das Leben dort sorgen derweil oft für Kopfschütteln und – zumindest in meinem Fall – blankes Entsetzen. Wer mehr erfahren möchte, dem seien die beiden Dokumentationen „Camp 14 –Total Control Zone“ (2012, Regie: Marc Wiese) sowie „Im Strahl der Sonne“ (2015, Regie: Vitaliy Manskiy; HIER kostenfrei online verfügbar; bitte auf der Seite etwas runterscrollen) empfohlen.

Doch nun zum Film: Im Februar 2017 ereignete sich auf dem Flughafen im malaysischen Kuala Lumpur ein Mordanschlag, dem Kim Jong-nam, der ältere Bruder des derzeitigen nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un zum Opfer fiel. Ihm wurde der Nervenkampfstoff VX ins Gesicht geschmiert, eine Stunde später war er tot. Schon kurz darauf präsentierte die örtliche Polizei zwei junge Frauen als Täterinnen, als Beweis dienten Aufnahmen der Airport-Überwachungskameras. Fall gelöst, Sache erledigt? Mitnichten! Denn wie sich zeigen sollte, ist die Geschichte drumherum ein politisch-gesellschaftlicher Thriller par excellence, mit zwei unwissenden Mädchen als Kollateralschaden im Zentrum.

Die Dokumentation „Assassins – Brudermord in Kuala Lumpur“ von Ryan White („Im Vorzimmer der Beatles“, „Fragen Sie Dr. Ruth“) versucht, die Hintergründe um diesen ‚Mord in aller Öffentlichkeit‘ zu beleuchten. Erfreulicherweise nicht in einer Form, wie sie (leider) viele Reportagen und Dokus der heutigen Zeit auszeichnet, nämlich schnell geschnitten und mit selbsternannten „Experten“ als Kommentatoren. Nein, White wählt die andere, fast schon klassische Inszenierung in ruhigen Bildern, gefüttert mit Fachinterviews, Originalaufnahmen und Audiomaterial, welches durch dezente Zeichnungen veranschaulicht wird. Hinzu kommen simple Formalien wie Einblendung von Namen der Gesprächspartner, Ortsbezeichnungen und Jahreszahlen. Ich erwähne dies deshalb, da all diese Dinge für viele Dokumentarfilmer scheinbar inzwischen überflüssigen Ballast darstellen, auf den sie häufig verzichten – und damit bereitwillig ihre Glaubhaftigkeit diskreditieren. Bei White ist dies nicht der Fall.

Zwar kann auch er in seiner filmischen Aufarbeitung aus oben genannten Gründen keine ausführliche Stellungnahme Nordkoreas zu den Ereignissen präsentieren. Doch abgesehen davon haben White und sein Team zahlreiche Erkenntnisse zusammengetragen, die erstaunen lassen. Dass die beiden verhafteten Frauen nicht in Eigenregie handelten, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Oder drastischer formuliert: Man muss es selbst gesehen haben, um diese Aneinanderreihung von (wahren!) Absurditäten zu glauben.

Was neben der qualitativ hochwertigen Umsetzung der Geschichte ebenfalls erfreut: White beginnt seinen Film mit dem Statement eines Journalisten, der zunächst alles Folgende grob einordnet, gleichzeitig jedoch auf rechtliche Beschränkungen seiner Arbeit hinweist. Anschließend erfahren die Zuschauer etwas zur Familiengeschichte auf Opfer- und Täterseite, bevor schließlich die eigentliche Tat, der Prozess und die Arbeit der Anwälte in den Mittelpunkt rücken. White unterstreicht damit erstens, wie wichtig freier Journalismus ist, zweitens wie umfangreich gute Recherche sein muss, und drittens wie spannend faktenbasierte Reportagen sein können.

Gewöhnlich begegne ich Dokumentationen über reale Begebenheiten mit großer Skepsis, da mittels technischer Möglichkeiten und bewusster Auslassung bzw. Umdeutung von Bildern und Aussagen schnell eine gewünschte Beurteilung/Meinung beim Publikum hervorgerufen werden kann. Auch „Assassins“ wage ich nicht hundertprozentig von einem solchen Verdacht freizusprechen. Doch gibt es mindestens ein stichhaltiges Argument, das für den Wahrheitsgehalt dieser sehenswerten Doku spricht: Etwas so Verrücktes kann sich mensch unmöglich ausdenken!

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und mehrsprachiger Originalversion mit optionalen deutschen Untertiteln. Als Extras gibt es Trailer. „Assassins – Brudermord in Kuala Lumpur“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite Entertainment) und ist seit 26. Februar 2021 auch digital erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Ascot Elite)

Wieland Schwanebeck: „James Bond – 100 Seiten“ (2021)

Buch-Tipp

Ich versuche gar nicht erst, objektiv zu sein. Einerseits, da der Autor des hier vorgestellten Werks ein lieber Freund ist. Andererseits bin ich ohnehin schon lange ein Fan seiner nonchalanten, aber stets wissenschaftlich fundierten und sehr amüsant formulierten Herangehensweise an Themen aller Art.

Nun könnte man meinen, zu der Figur James Bond sei inzwischen alles gesagt und geschrieben worden, sowohl aus popkultureller als auch filmhistorischer Sicht. Zumal das Konzept „100 Seiten“, in deren Reihe dieses Buch erscheint, von Natur aus Reduzierung aufs Wesentliche verlangt und vermuten lässt, dass hier nur fix bekannte Fakten und etwas Gossip zusammengetragen wurden. Das Gegenteil ist der Fall.

Wieland nutzt das Format optimal, um in „007 Kapiteln“ nicht nur prägnant auf die literarische Vorlage von Ian Fleming und die ersten Versuche der filmischen Adaption einzugehen, sondern ebenso als erfrischend ehrliche und charmante Entblößung sämtlicher Versatzstücke und Rollenbilder, die die Reihe seit nunmehr fast 60 (Film-)Jahren ohne Scham immer wieder neu verpackt und erfolgreich sein lässt. Dabei nicht überheblich zu klingen und gleichzeitig Respekt für das erschaffene Bond-Universum zu zeigen, ist die große Kunst seiner Ausführungen. Ergänzt wird dies mit witzigen Infografiken (Bonds Waffenarsenal), tabellarischen Aufstellungen (sportliche Duelle mit Bösewichtern, Bau deinen eigenen Bond-Titel!) sowie allerhand Fotos und Vielem mehr.

Hinzu kommen interessante, z.T. neue Interpretationsansätze bezüglich des von Bond (bzw. dessen Schöpfern) verkörperten Gesellschaftsbilds, das sich vor allem hinter dem großen Bombast der Filme versteckt und – zumindest mich – ob der historischen Konnotation teilweise sehr erschüttert. Das alles unterlegt der Autor mit zahlreichen nachweis- und nachschaubaren Belegen aus Literatur und Filmszenen, was dieses Buch zu Recht von anderen, eher oberflächlichen ‚Bond Best of‘-Veröffentlichungen abhebt, die zweifellos auch dieses(?) Jahr wieder, mit dem geplanten Kinostart des neuesten 007-Abenteuers, die Buchregale füllen werden.

Apropos: Der derzeit festgelegte Termin für den voraussichtlich letzten Einsatz von Daniel Craig als britischer Agent, „Keine Zeit zu sterben“, ist der 7. Oktober 2021. Genug Zeit also, um vorher „James Bond. 100 Seiten“ zu genießen und vielleicht sogar einiges Neues über die berühmte Doppel Null zu erfahren.

Ein Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe finden sich HIER.

Wieland Schwanebeck: „James Bond. 100 Seiten“ (broschiert, Format 11,4 x 17 cm, 100 Seiten inkl. 15 Abb. und Infografiken) erscheint bei Reclam und ist voraussichtlich ab 12. Februar 2021 auch als E-Book erhältlich. ISBN: 978-3-15-020577-8 (Buchcover: © 2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH)

Heimkino-Tipp: „Zombie – Dawn of the Dead“ (1978)

Hell Yeah!

Es erstaunt immer wieder, mit welchem Gespür Filmemacher menschliches (Fehl-)Verhalten voraussagen können. Beispiel George A. Romero: Der 2017 im Alter von 77 Jahren verstorbene Regisseur und Drehbuchautor wirft zu Beginn seines hier besprochenen Klassikers einen Blick in die Nachrichtenredaktion eines TV-Senders, bei dem eine Live-Sendung völlig aus dem Ruder läuft: Hier ein Talkshow-Gast, der mit wissenschaftlichen Fakten verzweifelt versucht, sich Gehör zu verschaffen. Dort ein Moderator, der dessen Aussagen bezweifelt und als übertrieben brandmarkt. Und dazwischen ratlose Mitarbeiter, die sich entweder laut und wütend oder still und besorgt auf jeweils eine der beiden Seiten stellen. Grund des Chaos: Ein seltsames Virus, das die Bevölkerung im Rekordtempo dezimiert.

Klingt vertraut? Dabei stammt diese Szene aus einem Film, der bereits 1978 entstanden ist – und inzwischen als Klassiker gilt: „Zombie – Dawn of the Dead“. Nun, pünktlich zum Ende eines Jahres, das uns – bedauerlicherweise – ähnliche Situationen im realen Umfeld beschert hat, erscheint das Werk erstmalig ungeschnitten mit einer FSK-Freigabe, nachdem es 28 Jahre indiziert und beschlagnahmt war. Tja, wie sich die Zeiten ändern ...

Thematisch aufbauend auf seinem Debüt „Die Nacht der lebenden Toten“ (OT: „Night of the Living Dead“, 1968), porträtiert der Horrorfilm von Romero eine kleine Gruppe unterschiedlicher Charaktere, die gemeinsam in einem scheinbar leeren Einkaufszentrum Unterschlupf finden, während außerhalb des Konsumtempels mehr und mehr Menschen getötet/infiziert werden und daraufhin als Untote wiederauferstehen. Eine Heilung scheint es nicht zu geben, Ursache und Ausbruch des Virus bleiben ein Rätsel.

Nun ist es nicht schwer, einen derartigen Filminhalt als ‚nichtssagend‘ oder ‚plump‘ zu bezeichnen. Romeros Ansinnen war jedoch ein anderes: Er zielte mit seiner Zombie-Apokalypse auf die Auswirkungen des Kapitalismus ab, in der der Mensch nicht mehr ist als ein konsumierendes Wesen, das ohne viel Gehirnschmalz willenlos und triebgesteuert seinen Bedürfnissen nachschlürft. Darüber hinaus legte Romero mit seinen vier Hauptfiguren quasi die Blaupause für bis heute immer wieder gern genutzte Filmcharaktere in Notsituationen, die sich trotz gegenseitigem Misstrauen zusammenraufen müssen, um überleben zu können.

Aber es gibt auch andere Interpretationsansätze: Sind die Zombies möglicherweise eine Allegorie auf die armen Bevölkerungsschichten, die gegen die Wohlhabenden und deren Lebensstil aufbegehren? Stehen die vier Verteidiger des Kaufhauses demzufolge für die Reichen und Mächtigen, die zur Selbstverteidigung greifen, um ihren Reichtum zu schützen?

Zugegeben, für mich persönlich sind beide Lesarten nachvollziehbar, aber nur mit viel Wohlwollen ersichtlich. Grund hierfür ist vornehmlich die Gewaltdarstellung, die 1978 geradezu revolutionär wirkte und das Zeigbare im Kino neu definierte. Und ja, künstlerisch gesehen ist die Arbeit von Effekteguru Tom Savini, der hier in der Rolle eines aggressiven Rockers sogar selbst vor der Kamera agiert, bemerkenswert. Allerdings lassen die schauspielerischen Qualitäten einzelner Personen zu wünschen übrig, was zusammen mit der stellenweise etwas holprigen Inszenierungsweise die Glaubhaftigkeit des Szenarios beeinträchtigt (ja ich weiß, Zombies und Realität ...).

Filmhistorisch betrachtet ist diese FSK-bewertete Neuauflage jedoch eine erfreuliche Nachricht. Etliche Genre-Produktionen wären ohne „Zombie – Dawn of the Dead“ nicht denkbar und auch das in meinen Augen gelungene Remake von Zack Snyder aus dem Jahre 2004 verdankt dem Ruf von Romeros Original viel.

Noch ein paar Sätze zu den verfügbaren Fassungen: Es existieren drei unterschiedliche Versionen des Films, wobei der hier rezensierte sogenannte Argento-Cut die in Europa bekannteste ist. In den USA erschien eine etwas längere Fassung („Romero-Cut“), die als weniger temporeich gilt, da sie den Fokus mehr auf die Charakterisierung der Figuren legt. Schließlich existiert noch ein Director’s Cut, der in den 1990ern von Romero selbst angefertigt wurde. Wer alle drei Fassungen besitzen möchte, kann diese exklusiv über die Seite des Anbieters Koch Films bestellen. Alle anderen Editionen, die deutschlandweit verkauft werden, enthalten lediglich den Argento-Cut.

„Zombie – Dawn of the Dead“ erscheint in diversen Formaten auf DVD, Blu-ray und 4K-UHD in remasterter Qualität. Darauf befindet sich der Film in englischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche und englische Untertitel sind optional verfügbar. Die Extras variieren je nach Format. Verkaufsstart ist der 17.12.2020 (Packshots + stills: © Koch Films)

Heimkino-Tipp: „Die Epoche des Menschen – Das Anthropozän“ (2018)

Bestie Mensch

Der Moderator Claus Kleber, bekannt u.a. aus dem ‚heute journal‘ des ZDF, sagte einmal als Anmoderation zu einem Beitrag:

„Wir haben den biblischen Auftrag so ausgelegt, dass unsere Habgier da reinpasst. Wir haben uns die Erde nicht Untertan gemacht, sondern zur Beute. Wir behandeln Land und Meere, Pflanzen und Tiere wie Material mit dem wir machen können was wir wollen. Die haben keine Chance – und hätten sie verdient.“

Das war im Jahre 2013. Wie wenig sich an dieser präzise formulierten Zustandsbeschreibung seither geändert hat – und wenn, dann wohl nur im negativen Sinn –, verdeutlicht eine Dokumentation, die nun zwei Jahre nach ihrer Entstehung auf DVD und Blu-ray erscheint. Sie trägt den Titel „Die Epoche des Menschen“ und befasst sich mit der These, dass die Spezies Mensch eine neues Zeitalter auf dem Planeten Erde eingeläutet habe: das Anthropozän.

Wann dieses begann, ist noch immer Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Vom Beginn des 17.Jahrhunderts bis 1950 reicht das Spektrum jener Zeit, vor der ab der Mensch die Erde signifikant verändert hat, sei es durch Atombombentests, Bevölkerungswachstum, Siedlungsbewegungen, Ressourcenverbrauch oder einer zunehmenden Flut an Plastikpartikeln. Diese Aufzählung ließe sich leider um viele weitere Beispiele ergänzen.

Wie einschneidend die Eingriffe der Menschen in die Natur auch optisch sind, verdeutlicht diese beeindruckende Dokumentation mit einer Bilderflut sondergleichen. Über mehrere Kontinente hinweg werden Orte gezeigt, die sich wahrscheinlich unabänderlich zum Schlechteren entwickelt haben, weil der Mensch in seinem Bedarf (lies: seiner Gier) der Natur rigoros zu Leibe rückt, ohne sich um die Folgen für das Ökosystem zu scheren. Ohne verbal erhobenem Zeigefinger im Off-Kommentar (in der Originalversion eingesprochen von Aktrice Alicia Vikander, in der deutschen Fassung von Schauspieler und Umweltaktivist Hannes Jaenicke) sorgen die nackten Fakten verbunden mit den Filmaufnahmen beim Zuschauen für Unbehagen.

Nun könnte man der Doku von Jennifer Baichwal, Nicholas de Pencier und Edward Burtynsky vorwerfen, parteiisch zu sein und die andere Seite, beispielweise Wiederaufforstungsprojekte oder die Leipziger Neuseenlandschaft, die ehemalige Braunkohleabbaugebiete zu wunderschöne Naherholungszentren umwandelt, gar nicht erst zu erwähnen. Doch ist dem nicht so: Als thematische Klammer des Films dient die (bewusste) Vernichtung von Elfenbein in Afrika, das von Wilderern stammt und nun verbrannt wird, um ein Geschäftemachen mit dem edlen Material, für dessen Gewinn noch immer Elefanten getötet werden, zu unterbinden.

Von kleinen Hoffnungsschimmern wie diesen abgesehen, ist die Kernaussage von „Die Epoche des Menschen“ jedoch bedrückend: Wenn der Mensch den Planeten weiterhin so schröpft wie bisher, bleiben schon bald nur noch Erinnerungen übrig an das, was hier einst vergeblich versuchte, neben uns ‚Weltherrschern‘ zu existieren.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und in englischer Originalfassung sowie optionale deutsche Untertitel. Als Bonus sind Trailer beigefügt. „Die Epoche des Menschen – Das Anthropozän“ erscheint bei Happy Entertainment im Vertrieb von AL!VE und ist seit 11. Dezember 2020 erhältlich. (Packshot + stills: Happy Entertainment)

Heimkino-Tipp: „Unhinged – Außer Kontrolle“ (2020)

Duell 2.0

Da isser nun: Einer der wenigen Filme, die behaupten können, es im Jahre 2020 bis auf die Kinoleinwand geschafft zu haben. Neben „Tenet“, der schon (zu?) früh zum ‚Retter der weltweiten Kinolandschaft‘ ausgerufen wurde, war der kleine Fiesling „Unhinged“ ebenso einer jener neuen Streifen, die in den wenigen Wochen zwischen Lockdown Nr.1 und Lockdown Nr.2 im Juli ins Feld geschickt wurden, um die Massen zurück in die Lichtspielhäuser zu locken. Das gelang – gemessen an den Einspielergebnissen (laut Box Office Mojo 42,8 US-Dollar weltweit) ganz okay – vor allem angesichts der Tatsache, dass der simple aber unheimlich spannende Thriller in seinem Kern nicht mehr als ein anständiges B-Movie ist.

Im Leben der jungen Mutter Rachel (Caren Pistorius) läuft es momentan nicht so prall: Scheidung, Stress im Job, Schlafmangel und chronische Unpünktlichkeit bestimmen ihren Alltag und gehen auch an ihrem Teenager-Sohn Kyle (Gabriel Bateman) nicht spurlos vorüber. Als beide mal wieder viel zu spät auf dem Weg zu Kyles Schule sind, hupt die genervte Rachel einen SUV-Fahrer an, der an einer grün leuchtenden Ampel vor ihr steht und das Gaspedal unbenutzt lässt. Minuten später steht das Gefährt neben ihr im Stau und der Fahrer (Russell Crowe) bittet sie um Entschuldigung – in Erwartung einer höflichen Erwiderung, die allerdings ausbleibt. Hätte Rachel aber mal lieber machen sollen, denn der bärtige Griesgram lässt fortan nicht mehr von ihr ab und setzt alles daran, Mutter und Kind einen richtig miesen Tag zu bescheren.

Unhöflichkeit im Straßenverkehr, Beschimpfungen und viel zu kurze Zündschnuren bei den Verkehrsteilnehmern: Die Prämisse, auf die „Unhinged“ zunächst aufbaut, dürfte vielen Zuschauern bekannt vorkommen. Was sich daraus dann jedoch in den darauffolgenden 80 Minuten entwickelt, bleibt hoffentlich reines Fantasiespektakel. Mit Lichthupe oder ähnlichem Kinderkram gibt sich die beleidigte Leberwurst im Großgefährt nämlich gar nicht erst ab, sondern geht gleich in die Vollen. Zwar lässt der Film keinen Zweifel daran, dass er es mit zunehmender Laufzeit storytechnisch ein wenig übertreibt. Ganz so weit hergeholt sind die Verhaltensweisen des Psychos, der Rachel und Kyle das Leben zur Hölle macht, allerdings (leider) nicht. So bin ich mir u.a. auch nicht sicher, ob der bemerkenswerte Vorspann des Streifens gestellte Szenen oder reale Aufnahmen von „Meinungsverschiedenheiten“ auf den Straßen zeigt.

Der größte Pluspunkt, neben dem beständig bewanderten schmalen Grat zwischen Realität und Fiktion, ist aber auf jeden Fall Russell „das Vieh“ Crowe. Man möge mir diese Wortwahl verzeihen, aber wie sich Crowe mit Übergewicht (hoffentlich ein extra für die Rolle angelegter Fatsuit/Fettanzug und nicht sein wirklicher Körperumfang) von Szene zu Szene schiebt, ist Hingucker und Angstmacher zugleich. Sein SUV mit Kühlergrill ist da nur passendes Hilfsmittel, um seiner Wut auf die Mitmenschen wirkungsvoll Ausdruck zu verleihen.

„Unhinged“ ist kompromisslos und geradeaus erzählt, hält sich – bis auf eine Pre-Credit-Szene – gar nicht erst mit Tiefgang auf und bietet temporeiche Unterhaltung par excellance. Das funktioniert auch deshalb so gut, da der Zuschauer von Anfang an weiß, dass der bad guy keine Gefangen macht und bereits jede Art von Zurückhaltung längst hinter sich gelassen hat, als wir ihn kennenlernen.

Vielleicht ist genau hier der tiefere Sinn von „Unhinged“ zu entdecken: Verhalte dich stets höflich zu jeder dir unbekannten Person. Denn du weißt nie, welche rote Linie sie bereits überschritten hat und wozu sie fähig ist. Andererseits: Wie wir bereits dank Spielbergs fulminantem Debütwerk „Duell“ (1971) wissen, braucht es nicht unbedingt immer einen Grund, um auf der Abschussliste/Kühlerhaube eines schlechtgelaunten Mitbürgers zu landen.

Die DVD / Blu-ray / 4K Ultra HD-Disc bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional verfügbar. Als Extras gibt es einen Audiokommentar, ein interessantes Making of sowie Trailer. „Unhinged – Außer Kontrolle“ erscheint bei Leonine und ist seit 27. November 2020 auch digital erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Leonine)

Heimkino-Tipp: „Gangland“ (1997)

2 of Amerikaz Most Wanted

Zugegeben, ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu dem Künstler Tupac Shakur: Als Hip Hop-Künstler 2Pac zweifellos ein Meister seines Fachs (sowohl inhaltlich als auch technisch), war sein Verhalten als Privatmensch geprägt von gewaltsamen Auseinandersetzungen aber auch wohltätigem Handeln. Seine bis heute nicht aufgeklärte Ermordung 1996 (Shakur war zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt) hat zusätzlich zu einer in meinen Augen etwas befremdlichen Heroisierung dieses streitbaren Charakters geführt.

Doch soll uns hier nicht Shakur, der Rebell interessieren sondern ausschließlich sein schauspielerisches Talent. In „Gangland“, dessen Originaltitel nicht minder passend „Gang related“ lautet, gibt er einen Cop namens Rodriguez, der zusammen mit seinem Partner Divinci (James Belushi) Kriminelle abzieht und daran gut verdient. Als sie dabei jedoch einen Undercover-Agenten töten, werden ausgerechnet sie mit der Aufklärung des Falls betraut. Auf der Suche nach einem armen Würstchen, dem sie den Mord anhängen können, entscheiden sie sich für einen Obdachlosen (Dennis Quaid), was eine unerwartete Kettenreaktion in Gang setzt.

Es hat schon einen ironischen Beigeschmack, wenn Tupac Shakur einen Polizisten mit Gewissensbissen darstellt. Glaubt man dem Interview, welches im Bonusmaterial der Veröffentlichung beigefügt ist, zog er seine Inspiration für seine Performance aus eigenen Beobachtungen, die er während seiner Haftzeit und seiner wiederholten Konfrontationen mit Gesetzeshütern machte. Trotzdem geht er neben der ‚Rampensau‘ Belushi ziemlich unter, was sicherlich auch an dem Nebenrollencharakter seiner Figur liegt, der das Drehbuch nur wenige Momente der Selbstreflexion zugesteht. Der Fokus liegt vielmehr auf Divinci, der ganz klar treibende Kraft hinter all den Verzweiflungstaten ist, die die beiden Cops mehr und mehr in den Schlamassel ziehen.

Jim Kouf, der hier ein eigenes Skript verfilmte, hält ein paar amüsante Überraschungen bereit, die die Story am Laufen und die Spannungskurve hoch halten. Nur zum Finale hin hätte es gern noch ein wenig mehr Suspense sein dürfen, aber das ist sicherlich Geschmackssache. Inszenatorisch eher unauffällig, wäre aber noch der Soundtrack eine Erwähnung wert, hält dieser doch neben ein paar 2Pac-Songs ebenso Tracks von u.a. Ice Cube, Snoop Dogg und allerhand Souliges bereit.

Das alles macht „Gang Land“ zu einem guten, sehenswerten Thriller, der zwar – zumindest meiner Interpretation nach – nichts Tiefgründiges oder Gesellschaftskritisches bietet (was bei einem Titel wie „Gang related“ nicht überrascht hätte), aber gut unterhält und einen qualitativ würdigen Abschluss von Tupac Shakurs Schauspielkarriere bildet, da dies der letzte Streifen ist, den er vor seinem überraschenden Tod beenden konnte.

„Gangland – Cops unter Beschuss“ erscheint in einem sehr schicken Mediabook mit inhaltsgleicher Blu-ray/DVD. Der Film liegt in original englischer sowie deutsch synchronisierter Sprachfassung vor. Allerdings – und dies ist ein großes Manko – ohne Untertitel, was hörgeschädigte Zuschauer einmal mehr vom Filmgenuss ausgrenzt. Bei einer Veröffentlichung im Jahr 2020 sehr ärgerlich! Als Extras gibt es einen kurzen Making of-Clip mit Interviews der Beteiligten und einen Trailer. Ein informatives Booklet (Autor: Christoph N. Kellerbach) ist ebenso enthalten. „Gangland“ erscheint bei justbridge entertainment GmbH und ist seit 13. November 2020 erhältlich. (Packshot + stills: © justbridge/MGM)

Heimkino-Tipp: „The Last Waltz“ (1978)

It Might Get Loud

Ende der 1970er-Jahre durchlief Filmemacher Martin Scorsese offenbar seine „musikalische Karrierephase“. Neben dem Musical-Drama „New York, New York“ (1977), mit Liza Minelli und Robert De Niro in den Hauptrollen, inszenierte er 1978 auch den Konzertfilm „The Last Waltz“ rund um die Musiker von The Band.

The Band zählten zu den seinerzeit angesehensten Rockgruppen, wie schon die schiere Anzahl an Bühnengästen bei dem hier zu erlebenden Auftritt verdeutlicht: Bob Dylan, Neil Young, Joni Mitchell, Eric Clapton, Muddy Waters, Neil Diamond, Ringo Starr und Ron Wood sind nur einige ihrer Fans, die sich im November 1976 in San Francisco zu „The Last Waltz“ zusammenfanden. Der im extra hierfür hergerichteten Winterland Ballroom absolvierte Gig sollte das (vorläufig) letzte Kapitel der 16jährigen Bandgeschichte sein.

Zustande gekommen ist die Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Gitarrensaitenzupfer eher spontan: Ohne Aussicht auf eine Gage sagte Scorsese zu, den Film zu realisieren, sah er doch die Chance, etwas bis dahin nie Dagewesenes kreieren zu können. Denn statt einfach nur statisch das Konzert abzufilmen, verfasste er ein 300 Seiten umfassendes Skript, in dem er jede Kameraeinstellung bereits vorab festlegte. Als Leitfaden dienten ihm dazu die Songtexte und die jeweilige Instrumentierung, auf die er seine Aufnahmewinkel abstimmte. Entstanden ist dabei das, was heutzutage Standard ist bei Konzert-DVDs: Ein dynamisches, hervorragend geschnittenes und alle Bühnenaktivitäten abbildendes Seh- und Hörerlebnis, als wäre man live dabei.

So ist es auch gar nicht nötig, die Songs von The Band zu kennen. Die Spielfreude, die die Herren und Damen an den Tag legen, reißt mit und erinnert gleichzeitig an einen Musikstil, der spätestens mit Beginn der 1980er-Jahre, mit dem Aufkommen von Punk und New Wave, nur noch marginale Bedeutung in den Charts hatte. Insofern ist „The Last Waltz“ nicht nur das (erste) Finale für The Band (sie fand später in diversen Formationen erneut zusammen), sondern ebenso eine Huldigung an deren irgendwo zwischen Rock, Blues und Folk angesiedelten Sound, der zuvor viele Jahre die Musikwelt global dominierte.

Zugegeben, es erscheint aus heutiger Sicht angesichts pompöser Bühnenshows großer Stars vielleicht etwas zu unspektakulär, was da auf der Bühne geschieht. Als Zeitdokument, Rückschau und Verbeugung vor einem Musikstil/einer Rockgruppe jedoch ist „The Last Waltz“ einzigartig und zugleich filmische Blaupause für Vieles, was danach noch kommen sollte.

„The Last Waltz“ erscheint als Repack in einem sehr schicken Mediabook mit inhaltsgleicher Blu-ray/DVD. Der Film liegt in original englischer Sprachfassung mit optionalen deutschen Untertiteln vor. Als Extras gibt es eine retrospektive Making of-Doku, den Mitschnitt einer nicht im Film verwendeten Jam-Session, Audiokommentare sowie Trailer. Ein informatives Booklet (Autor: Christoph N. Kellerbach) ist ebenso enthalten. „The Last Waltz“ erscheint bei justbridge entertainment GmbH und ist seit 23. Oktober 2020 erhältlich. (Packshot + stills: © justbridge/MGM)