Heimkino-Tipp: „Ennio Morricone“ (2021)

Der Maestro

Vor einigen Jahren war es noch unvorstellbar, dass Komponisten für Filmmusik unter ihrem eigenen Namen auf weltweite Konzerttourneen gehen und dabei die größten Locations einer Stadt bespielen. Inzwischen jedoch treten beispielsweise Hans Zimmer in der Berliner Mercedes-Benz-Arena oder Danny Elfman mit seinen Tim-Burton-Soundtracks in der Londoner Royal Albert Hall auf. Auch der im Juli 2020 im Alter von 91 Jahren verstorbene Ennio Morricone begab sich in seinen letzten Lebensjahren noch einmal auf eine ausgedehnte Konzertreise und begeisterte Tausende mit einem Best of seiner bekanntesten Werke. Nicht nur für ihn, sondern ebenso für viele seiner Kollegen eine längst überfällige Anerkennung ihrer Arbeit, verdanken wir ihnen doch einige der schönsten, einprägsamsten und zeitlosesten Melodien, die je geschaffen wurden.

Dies war nicht immer so und wurde lange Zeit vor allem innerhalb der Komponistenzunft kritisch beäugt. Kurze Soundschnipsel, die in wenigen Minuten maximale Emotionen triggern sollen? Keine Kunst! Musik ‚nur‘ als Begleitung zu Bildern? Keine Kunst! Bestellte Kompositionen nach den Wünschen eines Regisseurs? Keine Kunst! Zum Glück sind diese Vorstellungen und Meinungen inzwischen überholt – dass sie es sind, ist nur einer der großen Verdienste von Ennio Morricone.

Der Regisseur Giuseppe Tornatore, der mehrmals mit Morricone zusammenarbeitete (u.a. bei „Cinema Paradiso“ (1988) und „Der Zauber von Malèna“ (2000)), hat seinem Freund kurz vor dessen Tod mit „Ennio“ ein umfangreiches filmisches Porträt gewidmet, in dem der Maestro auf seine Lebens- und Karrierestationen zurückblickt. Seine Erzählungen garniert er dabei nicht nur mit interessanten und amüsanten Anekdoten über prominente Filmschaffende und Musiker, sondern gewährt ebenso spannende Einblicke in seinen Schaffensprozess, wenn er auf Eigenheiten seiner Kompositionen hinweist oder Hörbeispiele auch für ‚untrainierte‘ Ohren verständlich kommentiert.

Dass Tornatore – wie wahrscheinlich die meisten Zuschauer – Morricone verehrt, wird gar nicht erst in Frage gestellt. Diese fehlende Distanz zwischen Regisseur und Porträtiertem weiß der Filmemacher jedoch gut zu nutzen und kann so den scheuen Komponisten bei ganz alltäglichen Routinen, wie beispielsweise Gymnastikübungen am Morgen zeigen oder für manch wunderbare Einstellung (z.B. beim Dirigieren) vor bzw. hinter die Kamera platzieren.

Abseits davon fächert der Film Morricones Karriere chronologisch auf, was auf den ersten Blick zwar konventionell erscheint, auf den zweiten Blick aber für das Verständnis von dessen künstlerischem Werdegang essenziell ist. Denn ohne seine frühen Erfahrungen als Arrangeur, beim Radio oder in der italienischen Popmusik ist seine spätere Vielseitigkeit beim Film nur schwer nachvollziehbar. Für diese frühen Karrierestationen präsentiert Tornatore eine Fülle an Bildmaterial, was der Dokumentation sichtlich guttut. Denn Morricones Lebenslauf selbst war, so wird es im Film auch einmal konkret formuliert, an sich gar nicht so außergewöhnlich. Außergewöhnlich war vielmehr seine Arbeit, seine Kreativität und sein Tempo, mit dem er ab den 1960er-Jahren einen Soundtrack nach dem anderen quasi ‚raushaute‘ – und dabei ein Meisterwerk nach dem nächsten erschuf. Erfreulicherweise erhielt Tornatore die Erlaubnis, die zugehörigen Filmszenen auch zu zeigen, was das Besondere an Ennios Kreationen für die Zuschauer hör- und sehbar macht. Da braucht es die vielen bekannten Gesichter (u.a. Bruce Springsteen, Quentin Tarantino, Quincy Jones, Clint Eastwood, James Hetfield) eigentlich gar nicht mehr, zumal sie (fast) alle in das – gerechtfertigte – Loblied mit einstimmen, um dem Maestro zu huldigen.

Selten hat ein Künstler ein so langes, ausführliches und persönliches Porträt so sehr verdient wie Morricone. Es ist gleichzeitig ein liebevoller Abschiedsbrief von Tornatore an einen Freund, der sicherlich nicht von allen, aber vielen bemerkenswerte S(a)eiten eines großen Künstlers berichtet.

Der Film erscheint sowohl digital als auch in mehreren verschiedenen physischen Varianten. Neben einer 4K Ultra HD, Blu-ray oder DVD gibt es ein wunderbares Mediabook, welches ebenso wie die anderen Editionen den Film in italienischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung enthält. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Bonus gibt es ein kurzes Making of, ein ausführliches Interview mit dem Regisseur, eine zusätzliche Szene sowie Trailer. Das Mediabook enthält zudem ein 100-seitiges, sehr informatives Booklet, eine Soundtrack-CD und einen kompletten Konzertmitschnitt aus München von 2004. „Ennio Morricone – Der Maestro“ erscheint bei Plaion Pictures und ist seit 27. April 2023 erhältlich. (Packshot + stills: © Plaion Pictures)

Heimkino-Tipp: „In der Nacht des 12.“ (2022)

Die endlose Suche

Wie sieht realistische Polizeiarbeit aus? Endet ein Fall stets mit einem bewaffneten Einsatz, wie es der wöchentliche „Tatort“ suggeriert? Oder gibt es pausenlos Action und Verfolgungsjagden à la „Lawman“, einer ‚Reality‘-Serie aus den USA, in der uns Steven Seagal seinen aufregenden, ähh, Polizistenjob ‚hautnah‘ miterleben lässt? Die Vermutung liegt nahe, dass es eher ein trockener Schreibtischjob mit gelegentlichen Ortsbegehungen und Befragungen ist, wie es Regisseur Dominik Moll in seinem Film „In der Nacht des 12.“ schildert. Basierend auf einem realen Mordfall und einem daraufhin entstandenen Buch von Pauline Guéna, begleitet die Adaption ein Ermittlerteam in seinem Alltag – und zeigt die oftmals frustrierende Puzzelarbeit, die für das Finden der Täter essenziell ist.

In einer Kleinstadt wird eine junge Frau (Lula Cotton-Frapier) auf ihrem nächtlichen Heimweg auf äußerst brutale Weise ermordet. Der neue Teamleiter Yohan (Bastien Bouillon) wird mit der Aufklärung des Falls beauftragt und nimmt zusammen mit seinen Kollegen die Spurensuche auf. Neben einer ausführlichen Tatortbesichtigung, dem Infomieren der Opfer-Eltern und ersten Befragungen vor Ort, ist es vor allem zunächst bürokratischer Kram, der von Yohan bewältigt werden muss. Nach und nach erschließt sich den Ermittlern der Charakter und das Umfeld der Getöteten, doch eine wirklich heiße Spur findet sich zunächst nicht. Je länger die Tätersuche dauert, umso mehr frisst sich der Fall in die Psyche von Yohan und die seiner Kollegen.

Ein Kritiker, der auch im Trailer zum Film zitiert wird, nennt „In der Nacht des 12.“ „‚Zodiac‘ im französischen Stil“. Die Parallelen sind erkennbar, denn David Finchers Thriller von 2007 widmete sich ebenso ausführlich einer langwierigen, psychisch belastenden und von zahlreichen Rückschlägen gezeichneten Killersuche durch Polizisten und Journalisten. Dessen Spannungslevel und optische Brillanz erreicht Molls Film jedoch nicht. Was nicht als Makel interpretiert werden soll! Denn „In der Nacht des 12.“ legt andere Schwerpunkte und macht schon mit einer Texteinblendung gleich zu Beginn klar, dass der gezeigte Fall ein ungelöster ist.

Zwar kann ich persönlich diese Entscheidung des Regisseurs nicht nachvollziehen, denn sie raubt dem Film damit tatsächlich einen großen Teil der Spannung. Allerdings schafft Moll damit Raum für andere interessante Details – hauptsächlich der Frage nach der Rolle der Frauen in einer leider immer noch von Männern dominierten Welt. Dies spiegelt sich u.a. auch darin wider, dass erst nach 75 Minuten eine Frau in die Handlung integriert wird, die auf Augenhöhe mit dem bis dahin präsentierten rein männlichen Ermittlungsteam ist. Zuvor sind sämtliche weiblichen Figuren entweder Opfer oder aus dem näheren Bekanntenkreis der Opfer, sprich: nettes Beiwerk.

So hoch ich Regisseur Moll diese Fokussierung anrechne – richtig zu Ende geführt ist sie leider nicht. Auch bleibt das Privatleben des Protagonisten Yohan seltsam unbeleuchtet, während sein cholerisch veranlagter Kollege (Bouli Lanners) überraschend viel Screentime und Backstory erhält, nur um im weiteren Verlauf ziemlich abrupt komplett aus der Handlung zu verschwinden.

Oder ist dies genauso beabsichtigt? Denn „In der Nacht des 12.“ will gar nicht mehr sein als ein zeitlich begrenzter Einblick in das (Berufs-)Leben von Polizisten, die oft jahrelang an Fällen knobeln und recherchieren, und lernen müssen, offene Enden zu akzeptieren. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, ist dieser Film ein gelungenes Werk. Hierfür erhielt er bei den diesjährigen César-Awards (dem französischen Filmpreis) gleich sechs Auszeichnungen – u.a. als „Bester Film“, für die „Beste Regie“ und für die beiden männlichen Darsteller.

Witziges Detail am Rande: Ausgerechnet in diesem Jahr erhielt David Fincher den Ehren-César.

Die Blu-ray/DVD bietet den Film in französischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es den Trailer zum Film. „In der Nacht des 12.“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite Entertainment) und ist seit 14. April 2023 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Ascot Elite Ent.)

Heimkino-Tipp: „Babylon“ (2022)

Rausch der Ekstase

Es wirkt zunächst wie ein Widerspruch: Während einer Zeit, in der Filme noch stumm waren, feierten all jene, die zu ihrer Entstehung beitrugen, umso lauter. So zumindest suggeriert es Damien Chazelles Drei-Stunden-Epos „Babylon“, welches vom Aufstieg und Fall einiger (fiktiver) Stars jener Zeit erzählt. Bis zum letzten Frame vollgepackt mit bekannten Gesichtern, Musik und Exzess, ist sein Werk eine Tour de Force sondergleichen, die viele – wortwörtliche – Höhepunkte bietet, auf ganzer Länge aber auch etwas abschlafft, um im selben sprachlichen Bild zu bleiben.

Allein die ersten 30 Minuten, quasi die Pre-Title-Sequenz, muten an wie ein Besuch in Sodom und Gomorra: Zusammen mit dem Kellner Manny (Diego Calva) nimmt Chazelle sein Publikum mit auf eine Hollywood-Party Mitte der 1920er-Jahre, bei der es viele nackte Körper, noch mehr Alkohol und Drogen und sogar einen Elefanten zu sehen gibt. Die Kamera tanzt dabei ebenso zügellos durch die Räume wie der überforderte Manny, während die Jazzband des Musikers Sidney (Jovan Adepo) für die richtige Stimmung sorgt und die (noch) unbekannte, aber sehr selbstbewusste Nellie LaRoy (Margot Robbie) ihren ersten „Auftritt“ hinlegt, der ihr am Ende der Nacht den Zutritt zur Traumfabrik beschert.

In dieser ist der Schauspieler Jack Conrad (Brad Pitt) längst ein Kassenmagnet. Sturzbesoffen, von seinem Talent überzeugt und mit viel „kreativem“ Einfluss auf die Filme, in denen er mitwirkt, hangelt er sich von Party zu Party und von Ehe zu Ehe. Er ist es schließlich auch, der Manny zu seinem Assistenten macht, was dem fleißigen jungen Burschen ebenso die Tür zu den Filmstudios öffnet.

Das Leben meint es gut mit Nellie, Manny, Sidney und Jack – bis etwas Neues nicht nur ihre Karrieren, sondern das gesamte Filmbusiness komplett verändern soll: der Tonfilm.

Mit „Babylon“ hat Regisseur und Autor Chazelle quasi das laute und frivole Gegenstück zum Oscar-Abräumer „The Artist“ (2011) geschaffen, der eine ähnliche Geschichte etwas braver, aber nicht minder unterhaltsam erzählte – damals jedoch als Stummfilm. Konzentrierte sich das französische Kleinod noch nur auf zwei Figuren, versucht sich „Babylon“ an einem Mehrfachporträt (Altstar, aufstrebende Aktrice, Bühnenhelfer) – und gerät wohl gerade wegen seiner stolzen dreistündigen Laufzeit etwas aus dem erzählerischen Fokus. Glück fürs Publikum! Denn so gibt es endlich einmal einen ‚ehrlicheren‘ Blick hinter die Kulissen einer Filmproduktion: Nicht weniger als 15 Minuten zeigt Chazelle beispielsweise auf sehr amüsante Art, wie schwierig es ist, eine Mini-Szene zu drehen und ‚in den Kasten zu bekommen‘ – und was dabei alles schiefgehen kann. Herrlich!

Und ganz ehrlich: Wenn Magot Robbie und Brad Pitt ständig über die Leinwand tänzeln, sind drei Stunden doch problemlos zu ertragen. Robbie lässt komplett die Sau raus und macht mit ihren Schimpftiraden sogar Joe Pesci in „Casino“ Konkurrenz, während Pitt das schmerzhafte Karriereende seiner Figur nuanciert aufzeigt und fühlbar macht.

„Babylon“ ist Chazelles Liebeserklärung an das Wunder Filme und alle jene, die sie erschaffen. Hier und da vielleicht etwas zu speziell und wohl vor allem für Cineasten ein Fest, die sich mit der Materie, den Zitaten und dem Business hinter den Kulissen ein wenig mehr auskennen, lohnt der Streifen jedoch schon allein wegen seiner „production values“ – was hier an Sets, Komparsenmassen und Ausstattung aufgefahren wird, gibt’s heute meist nur noch ausm Computer. In „Babylon“ aber ist der Exzess noch echt.

Die 4K Ultra HD/Blu-ray/DVD-Disc bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind ebenso optional vorhanden. Als Bonus gibt es (außer auf der DVD) u.a. Interviews, Behind-the-Scenes-Featurettes und entfallene Szenen. „Babylon – Rausch der Ekstatse“ erscheint am 6. April z.B. als Steelbook bei Paramount Pictures / Universal und ist seit 20. März 2023 bereits digital erhältlich. (Packshot + stills: © Paramount Pictures)

Heimkino-Tipp: „Call Jane“ (2022)

Girls just want to have funDamental Rights

Es ist schon bemerkenswert, wie wenig manche Menschen aus der Geschichte lernen. So werden beispielsweise Angriffskriege auf Nachbarländer heute ebenso schöngeredet wie vor 100 Jahren, gleichzeitig wird Frauen das hart erkämpfte Selbstbestimmungsrecht über ihre Bildung, ihren Lebensstil oder ihren Körper verwehrt, als hätte es die Emanzipation nie gegeben. Das Ergebnis: Nicht nur in den USA ist es inzwischen (wieder) fast unmöglich, legal eine Abtreibung vorzunehmen. Allein das gibt Phyllis Nagys „Call Jane“, angesiedelt im Amerika des Jahres 1968, eine erschreckende Aktualität.

Fürsorgliche Mutter, treue Gattin, fleißiges Hausweib: Joy (Elizabeth Banks) erfüllt so ziemlich alle Erwartungen, die in jener Zeit an eine weiße Frau mittleren Alters gestellt werden. Als sie zum zweiten Mal schwanger wird, treten jedoch Komplikationen auf – mit womöglich tödlichem Ausgang für Joy, falls sie das Kind zur Welt bringt. Allerdings sieht das (männliche) Klinikgremium, welches jeden möglichen Schwangerschaftsabbruch begutachtet, dies anders und lehnt einen solchen Eingriff ab. Ohne das Wissen ihrer Familie wendet sich Joy daher an eine anonyme feministische Organisation namens „Jane“, die unter der Führung der resoluten Virginia (Sigourney Weaver) betroffenen Frauen wie Joy hilft. Beeindruckt von deren Solidarität, schließt sie sich der Truppe an und wird bald zu einem unersetzlichen Teil davon.

Während europäische Filme wie „Das Ereignis“ (2021, ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen in Venedig) oder Cannes-Gewinner „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ (2007) das Thema illegaler Schwangerschaftsabbruch sehr viel nüchterner und beklemmender erzählen, wählt Regisseurin Nagy einen etwas leichteren Zugang. Stets ernsthaft, doch gleichsam leichtfüßig – manche mögen behaupten etwas zu glatt – führt sie ihr Publikum aus der Sicht einer ‚Durchschnittshausfrau‘ mit Raffinesse an ein komplexes Thema heran, das eben nicht nur sozial Schwache oder unvorsichtige Teenager betrifft, sondern quer durch alle gesellschaftlichen Schichten Frauen zu Handlungen zwingt, die nicht nur gefährlich, sondern ebenso teuer und strafbar sind.

Der Film findet für diese Herabsetzung und Bevormundung der weiblichen Bevölkerung eindrucksvolle Momente. So muss Joy die Diskussion des Klinikgremiums als passive Zuschauerin über sich ergehen lassen, ohne dabei ein einziges Mal selbst befragt zu werden, oder wird an anderer Stelle dafür belächelt, sich eine Zukunft als praktizierende Ärztin vorzustellen. Dass sich die Gesellschaft derweil in einer Umbruchphase befindet, zeigt sich subtil in Graffitis im Hintergrund oder der musikalischen Untermalung einzelner Szenen.

Schauspielerisch kann „Call Jane“ ebenso überzeugen: Kleine Gesten von Hauptdarstellerin Banks zeigen einmal mehr, welch großes darstellerisches Talent in ihr steckt (übrigens auch als Regisseurin, demnächst zu sehen im sehr amüsant klingenden „Cocaine Bear“). Ihre Wandlung von einer etwas naiven, selbstzufriedenen Hausfrau zu einer selbstbewussten Aktivistin wirkt überzeugend und nachvollziehbar. Weaver ist ohnehin stets eine Bank und vermittelt als Virginia auf ruhige Art Kontrolle und Weitsicht in einer konstant angespannten Atmosphäre.

Wie sehr es Menschen wie die hier Porträtierten braucht, macht ein dezenter Hinweis am Ende deutlich: Es ist 1973 – das Jahr, in dem das Urteil „Roe versus Wade“ Abtreibungen in den USA legalisierte. 2022 wurde dieses wieder aufgehoben.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Bonus gibt es Trailer. „Call Jane“ erscheint bei DCM Film Distribution GmbH im Vertrieb von Leonine und ist seit 10. März 2023 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © DCM)

Heimkino-Tipp: „Smile“ (2022)

Unfinished Business

Welch interessanter Zufall: Schon der zuletzt hier auf dieser Seite besprochene Film, „Men“ von Alex Garland, beschäftigte sich in Form eines Horrorfilms mit der Frage, wie sich traumatische Ereignisse auf die Psyche eines Menschen auswirken können. Garland nutzte diesen Hintergrund für eine entlarvende, überspitzte Darstellung der leider noch immer vorherrschenden, männlichen Dominanz in der Gesellschaft. „Smile“-Regisseur Parker Finn hat zwar Anderes im Sinn, aber trotzdem ein Anliegen, was sein Werk ebenso zu mehr macht, als einen bloßen Grusel-Streifen.

Die überarbeitete Psychiaterin Rose (Sosie Bacon, Tochter des Schauspielerpaars Kevin Bacon und Kyra Sedgwick) muss erleben, wie eine Patientin vor ihren Augen Suizid begeht. Fortan hat die Ärztin zunehmend Probleme, ihren Alltag zu bewältigen, ist schreckhaft, unkonzentriert und wird schließlich von ihrem Chef in den Urlaub geschickt. Doch statt Entspannung zu finden, entgleist Roses’ Leben immer mehr. Schließlich entdeckt sie Hinweise darauf, dass auch anderen Ähnliches widerfahren ist – jedoch mit tödlichem Ausgang.

Schon gleich zu Beginn macht Regisseur und Autor Finn ziemlich deutlich, welche Filme ihn inszenatorisch inspiriert haben: Neben einem Vorspann, der auch musikalisch an den Anfang von „Insidious“ erinnert, scheinen die langsamen Kameraschwenks und das gruselige Platzieren von stillen Beobachtern in weiter Entfernung von „It follows“ entlehnt zu sein. Auch inhaltlich lassen sich zu Letzterem einige Parallelen finden, wie der spätere Storyverlauf zeigt (der jedoch an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden soll, weshalb die „Inhaltsangabe“ hier schon endet).

Bei aller Sorgsamkeit seitens des Spannungsaufbaus und einigen optischen Raffinessen (so steht das Bild hier und da plötzlich kopf), fehlt es „Smile“ allerdings an dem bestimmten Etwas, was beispielsweise „It follows“ so beunruhigend machte. Einige Twists – Stichwort Katze – lassen sich schnell erahnen, Dialoge bieten zu viele Allgemeinplätze, einige Gruselszenen werden mittendrin beendet. Hinzu kommt ein, nennen wir es ‚Gefälle‘, bei den Schauspielern: Während Bacon alias Rose ebenso überzeugt wie die Nebendarsteller in der Eröffnungsszene, die maßgeblich zur Atmosphäre des Films beitragen, so wirken sowohl Kyle Gallner als Polizist und Ex-Freund als auch Jessie T. Usher als Rose’ Verlobter etwas zu explizit in ihren Emotionen.

Nichtsdestotrotz ist „Smile“ zweifellos ein guter Film, der redlich versucht, Grusel und Anspruch unterhaltsam miteinander zu kombinieren. Dafür großen Respekt an Regisseur Finn und seine Mannschaft, auch wenn es zum ganz großen Wurf noch nicht reicht. Aber das kann ja noch kommen.

Die 4K Ultra HD/Blu-ray/DVD-Disc bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind ebenso optional vorhanden. Als Bonus gibt es einen Audiokommentar, ein ausführliches Making of, entfallene Szenen sowie einen Kurzfilm von Regisseur Finn. „Smile – Siehst du es auch?“ erscheint bei Paramount Pictures / Universal und ist seit 15. Dezember 2022 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Paramount Pictures)

Heimkino-Tipp: „Men“ (2022)

Where evil lurks

Als langjähriger passionierter Cineast ist man(n) ja inzwischen einiges gewöhnt. Will sagen: Es braucht schon viel Raffinesse und Cleverness, um selbst abgebrühte Filmfreaks ordentlich zum Schwitzen zu bringen. Alex Garland ist dies mit seinem aktuellen Werk aufs Vortrefflichste gelungen. Dabei ist dies gar nicht mal nur den Twists seines formidablen Skripts geschuldet, sondern ebenso seines großen Talents, eine unterschwellig-bedrohliche Atmosphäre aufzubauen, die zwar nicht genau zu benennen, aber auf jeden Fall spürbar ist.

Harper (Jessie Buckley) gönnt sich nach dem unschönen Ende ihrer Ehe eine Auszeit in einem über alle Maßen großen Landhaus irgendwo abseits der Stadt. Während langer Spaziergänge durch die Natur, entspannter Bäder in ihrer rustikalen Unterkunft und gelegentlichen Telefonaten mit einer Freundin, erhofft sie sich neue Energie für einen Neuanfang und der Überwindung ihrer Traumata. Ein Wunsch, von dem sie sich jedoch bald und auf sehr verstörende Weise verabschieden muss.

Mit dieser etwas kryptischen Inhaltsangabe soll es auch genug sein, um interessierten LeserInnen ein ähnliches Filmerlebnis zu bescheren wie dem Autor dieser Zeilen. Je weniger über den Verlauf, einzelne Figuren und das Setting bekannt ist, umso wuchtiger wirkt das, was Autor und Regisseur Garland auf sein Publikum loslässt. Wer dessen frühere Werke (z.B. als Autor von „The Beach“ oder Regisseur von „Ex Machina“) kennt, wird die Mischung aus Anspruch, optischer Schönheit und blankem (physischen und psychischen) Horror zu schätzen wissen. Schauspielerisch dank der zwei Hauptakteure Buckley und Rory Kinnear ohnehin allererste Sahne, ist „Men“ eine genreübergreifende Wundertüte, die – und so etwas mögen nicht alle – am Ende viel Raum für Interpretation und/oder Kopfkratzen bietet. Hier kann womöglich das Making of, welches sich auf den Heimkino-Silberlingen befindet, Abhilfe schaffen oder zumindest Denkanstöße liefern.

Wer sich jedoch lieber – und das ist weder wertend noch böse gemeint – schlicht ‚berieseln‘ lassen will, findet in „Men“ ebenso viele spannende Szenen, nach denen sich viele Thriller die Finger lecken würden. Genau das ist die große Kunst von Garland: Cineastische Werke zu schaffen, die ebenso fordern wie sie Spaß machen, die gleichsam unterhalten wie sie auch Rätsel aufgeben. Großes Kino!

Zum Schluss nur ein Satz, der mir im Nachhinein durch den Kopf ging: Erstaunlich und erfreulich, dass ausgerechnet ein männlicher Künstler einen derart ehrlichen und entlarvenden Film über sein Geschlecht abliefert.

Die 4K Ultra HD/Blu-ray/DVD-Disc bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind ebenso optional vorhanden. Als Bonus gibt es Teaser und Trailer, ein Making of und ein Interview. „Men – Was dich sucht, wird dich finden“ erscheint zusätzlich im Mediabook und im Steelbook bei Plaion Pictures und ist seit 27. Oktober 2022 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Plaion Pictures)

Heimkino-Tipp: „Gasoline Alley“ (2022)

Justice gets ... sleepy

Herzlich willkommen zu Film Nr. 8 von (voraussichtlich) 11, die 2022 Bruce Willis’ Filmografie auffüllen werden. Einst einer der bekanntesten, erfolgreichsten und publikumsstärksten Stars Hollywoods, hat sich das Interesse an seiner Arbeit in den vergangenen Jahren stark verringert. Mensch wunderte sich lediglich noch über seine beständig seltsame Rollenauswahl, meist in zweit- und drittklassigen Produktionen, in denen er oftmals nur Kurzauftritte absolvierte, dafür aber gerne als Zugpferd auf den zugehörigen Plakaten erschien. Meine persönlichen ‚Höhepunkte‘ diesbezüglich: Seine Szenen in „10 Minutes Gone“ (2019) filmte er laut imdb.com alle an einem Nachmittag – und zwar in dem Hotel, in dem er während der Dreharbeiten untergebracht war. Und die Marketing-Abteilung von „Cosmic Sin“ (2021) wiederrum hat sich frech einfach das Poster von „Stirb langsam 4“ als Vorlage genommen und mit Photoshop verschönert. Effektiver geht kaum.

Dies alles erhielt Anfang 2022 eine neue Perspektive, als Willis (bzw. seine Familie) von dessen Aphasie-Diagnose berichtete (Link) und ein baldiges Ende seiner Schauspielkarriere ankündigte. Insofern verbietet es sich nicht nur aus Pietätsgründen, Willis’ darstellerische Leistung zu kritisieren. Schade nur, dass er (scheinbar) nicht (mehr) die Chance hat, mit einem richtig guten Werk in den wohlverdienten Ruhestand zu wechseln.

Denn leider ist „Gasoline Alley“ wie so viele seiner letzten Streifen ebenso keine Qualitätsware. Zwar versucht Regisseur und Co-Autor Edward Drake zumindest optisch etwas aus der belanglosen Story rauszuholen. Doch was soll mensch auf visueller Ebene erzählen, wenn es einfach nichts zu erzählen gibt?

Der Tätowierer und Ex-Häftling Jimmy (Davon Sawa) wird verdächtigt, ein Call-Girl getötet zu haben, das er in der Mordnacht nachweislich in einer Bar getroffen hat. Um seine Unschuld zu beweisen, arrangiert er sich ausgerechnet mit den beiden Polizisten (Luke Wilson, Bruce Willis), die die Ermittlungen (auch gegen ihn) führen. Als Jimmy bei seinen Recherchen in Lebensgefahr gerät, ist er sich sicher, auf der richtigen Spur zu sein.

Vieles am Skript von „Gasoline Alley“ ist widersprüchlich und entbehrt jeglicher Logik. Unabhängig davon ist es aber auch erstaunlich zu sehen, wie die Schauspieler ihre Figuren interpretieren bzw. in bestimmten Situationen darstellen. Mein Verdacht: Keiner wusste wirklich, worum es in dem Streifen eigentlich geht. Darüber hinaus weiß Regisseur Drake aus dem Umstand, dass sein Publikum die wahren Ereignisse der Tatnacht nicht kennt, keine Spannung zu erzeugen (Ist Jimmy der Täter oder nicht?). Zudem gestaltet sich Jimmys Spurensuche erschreckend banal und ereignislos, was sich in einigen viel zu langen Szenen und Zeitlupen manifestiert, die wohl nur dazu dienen, die Laufzeit des Films ein wenig zu verlängern. Ebenso ärgerlich: Einer von Jimmys Helfern, ausgerechnet ein weißer(!) Cop, spukt quasi nebenbei den Satz „Seems he knows what lives matter most“ aus, als er sich lobend über einen Wohltäter der Polizei auslässt. Zweifellos ein politisches Statement, was jedoch luftleer im Raum stehenbleibt – und damit ein zweifelhaftes Licht auf den Mann im Regiestuhl wirft.

„Gasoline Alley“ hat außer Hauptdarsteller Sawa, der einmal mehr viel Commitment zeigt, keinerlei Pluspunkte auf der Habenseite zu bieten. Wer zudem während der ersten 20 Minuten aufmerksam die Tonspur verfolgt, kann die ‚Motivation‘ der bad guys in diesem Film schnell erahnen. Ca. 70 Minuten, eine lahme Autoverfolgungsjagd sowie eine belanglose Schießerei später gibt es die Auflösung dann auf einem Silbertablett.

Nun denn, auf zu Film Nr. 9 von 11 ...

Die Blu-ray/DVD bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind leider keine vorhanden. Als Bonus gibt es den Trailer zum Film. „Gasoline Alley – Justice Gets Dirty“ erscheint bei EuroVideo und ist seit 20. Oktober 2022 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © EuroVideo)