Catch Me If You Can
Die Formel ist simpel: Was ist die größte Bedrohung für einen Menschen, der zu den am besten bewachten Personen des Planeten zählt? Ein potenzieller Verräter! Jemand, der selbst einmal zum engen Zirkel des Vertrauens zählte, die geheimen Ticks und Tricks seiner einstigen Kollegen kennt und darüber hinaus über notwendige Skills verfügt, um sich ungehinderten Zugang zu der bewachten Person verschaffen zu können. Mike Banning ist so ein Typ – und wird damit in dem Actionfilm „Angel has fallen“ zum meistgesuchten Mann Amerikas.
Mit der „Fallen“-Reihe hat sich der Schauspieler Gerard Butler seine eigene kleine Trilogie geschaffen. Als Produzent an allen drei Teilen maßgeblich beteiligt, rettete er in der Rolle des Personenschützers Mike Banning zwei Mal dem US-Präsidenten das Leben, bevor er im nun veröffentlichten dritten Abenteuer selbst zur Zielscheibe des Secret Service wird. Eine zwar wenig überraschende aber dennoch konsequente Weiterführung der Geschichte, die sicherlich nie als Dreiteiler ausgelegt war, dank eines charismatischen Hauptdarstellers und ordentlicher Action aber zu unterhalten weiß.
Nach dem Abtritt seines bisherigen Chefs ist Mike Banning (Butler) nun Personenschützer von dessen Amtsnachfolger, US-Präsident Trumbull (Morgan Freeman). Der gönnt sich gern mal eine Auszeit beim Angeln, was diesmal jedoch ein böses Ende nimmt: Ein Drohnenangriff metzelt sämtliche Aufpasser nieder, nur Banning überlebt den Anschlag, was ihn sogleich zum Hauptverdächtigen des ermittelnden FBI macht. Da es zudem DNA-Spuren an einem Fluchtfahrzeug und eine auffällig hohe Geldüberweisung gibt, die auf seine Beteiligung am versuchten Königsmord hinweisen, scheint der Fall schnell gelöst. Banning wandert ein und Trumbulls Vize Kirby (Tim Blake Nelson) übernimmt als Interimslösung die Staatsgeschäfte. Doch Banning kann fliehen – und macht sich daran, sowohl seine Unschuld zu beweisen, als auch die wahren Hintermänner des Attentats aufzuspüren.
Wie oben bereits angedeutet, ist „Angel has fallen“ weit entfernt davon, kreativ zu sein. Wäre angesichts der beiden Vorgängerfilme („Olympus“; „London“) aber auch unpassend, denn vornehmlich geht es hier wie immer um Action. Dass Butler für sowas taugt, hat er bereits in mehreren Filmen des Genres bewiesen (u.a. „Criminal Squad“; „Hunter Killer“). Hier darf er seiner Figur zudem noch ein paar Schwächen hinzufügen, was aber eher der Ausschmückung denn der Handlung dient. Abgesehen davon bekommen Banning-Fans das, wofür sie bezahlt haben und dürfen sich einmal mehr über viel Geballer und ordentliche Zerstörungsorgien freuen. Zudem sind die Raufereien nicht zerschnitten und größtenteils übersichtlich zusammengefügt.
Einen großen Makel hat der Streifen jedoch: mitunter sehr schlechte CGI-Effekte. Zwar mussten die beiden Vorgänger-Filme ebenso mit begrenzten Budgets auskommen. Hier jedoch wurde sehr dilettantisch gearbeitet. Künstliche Explosionen und Feuerwalzen? Geschenkt! Aber wenn die Darsteller in ein Bild hineinkopiert werden, so sollten ihre Gesichter dabei schon vollständig sein.
„Angel has fallen“ ist gute Ware, die zwar nie die Klasse von Überfilmen wie „Mission: Impossible – Fallout“ erreicht, im Rahmen seiner (finanziellen) Möglichkeiten aber – bis auf die zum Teil miesen Effekte – nicht enttäuscht.
DVD-, Blu-ray- und 4K Ultra HD-Disc-Infos:
Alle drei Scheiben bieten den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche und englische Untertitel sind vorhanden. Als Extras gibt es mehrere Making of-Dokus und Trailer. „Angel has fallen“ erscheint bei Universum Film und ist seit 3. Januar 2020 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Universum)
Liebe Filmfreunde!
Ein halbes Dutzend Kinoneustarts wöchentlich und unzählige Heimkino-Veröffentlichungen machen es heutzutage nicht leicht, „cineastische Perlen“ zu entdecken. Ob Rezensionen da helfen? Ich weiß es nicht, trotzdem will ich hier meinen Senf zum Thema Film & Kino dazugeben, möchte es wagen Neues zu loben, Klassiker zu verdammen, Aktuelles zu verteufeln, Altes zu empfehlen.
Und wer weiß: Vielleicht entdecken Sie so Ihren neuen Lieblingsfilm?
Heimkino-Tipp: „Die Stockholm Story“ (2018)
Mein geliebter Feind
Während eines Banküberfalls in Stockholm 1973 kam es zu einem Vorfall, den Psychologen im Nachhinein mit dem Begriff „Stockholm-Syndrom“ zu beschreiben versuchten: das Sympathisieren von Geiseln mit ihren Entführern. Im konkreten Fall zeigte sich, dass die in der Bank festgehaltenen Angestellten mehr Angst vor der Polizei als vor ihren Geiselnehmern entwickelten. Diese sonderbare Geschichte hat Robert Budreau nun mit „Die Stockholm Story“ verfilmt.
Der Amerika-Fan Lars (Ethan Hawke) kapert eines Tages im Alleingang eine der größten Banken der schwedischen Hauptstadt. Nachdem er fast alle Zivilisten aus dem Gebäude gescheucht hat, fordert er die Freilassung seines inhaftierten Kumpels Gunnar (Mark Strong) und droht damit, bei Nichterfüllung seines Wunsches die verbliebenen Geiseln zu töten. Eine von ihnen ist die junge Mutter Bianca (Noomi Rapace), zu der Lars schon bald ein vertrautes Verhältnis aufbaut.
Zweifellos: Die Geschehnisse des Jahres 1973 sind hervorragendes Material für ein packendes Filmdrama. Kommen dann noch drei Schauspiel-Profis (Hawke, Rapace, Strong) hinzu, sollte eigentlich alles passen. Das ist bei „Die Stockholm Story“ leider jedoch nicht der Fall. Das mag hauptsächlich darin begründet liegen, dass Regisseur und Autor Budreau, mit dem Hawke bereits das Biopic „Born to be Blue“ (2015) über den berühmten Jazzmusiker Chet Baker realisierte, sich dazu entschied, die Handlung als Krimikomödie zu erzählen. Inwieweit dies den realen Begebenheiten entspricht, vermag ich nicht zu beurteilen. Für den Film aber ist es wenig zuträglich.
So fuchteln die Geiselnehmer zwar immer wieder mit ihren Waffen herum, liefern sich sogar Gefechte mit der Polizei und haben keine Skrupel, ihren Geiseln geladene Pistolen an die Schläfen zu halten. Bedrohlich wirkt dies aufgrund der Inszenierung jedoch nie. Stattdessen entsteht der Eindruck, als ob Bianca und ihre Kollegen bereits von Beginn an wüssten, dass ihnen – zumindest von Seiten der Bankräuber – nichts Schlimmes zustoßen wird. Aber warum denken sie so? Woraus speist sich ihre Selbstsicherheit? Und wann genau wird Bianca klar, dass sie sich zu Lars hingezogen fühlt? Das Skript bleibt an Stellen wie diesen unbefriedigend oberflächlich, geht nicht in die Tiefe und verpasst es größtenteils, die emotionale Achterbahnfahrt, die beide Seiten durchlaufen, glaubhaft herauszuarbeiten. Dies trifft ebenso auf die Nebenfiguren (Polizeipräsident, Biancas Gatte) zu, deren Verhalten/Darstellung dem Ernst der Lage selten gerecht wird.
Falsche Erwartungshaltung? Fehlender Sinn für Humor? Vielleicht ist es eine Mischung aus beidem, die mich nach Filmgenuss ein wenig enttäuscht zurücklässt. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass aus dieser historisch belegten Prämisse hätte viel mehr werden können.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Als Extras gibt es lediglich Trailer. „Die Stockholm Story – Geliebte Geisel“ erscheint bei Koch Films GmbH und ist seit 5. Dezember 2019 erhältlich (Packshot + stills: © Koch Films)
Während eines Banküberfalls in Stockholm 1973 kam es zu einem Vorfall, den Psychologen im Nachhinein mit dem Begriff „Stockholm-Syndrom“ zu beschreiben versuchten: das Sympathisieren von Geiseln mit ihren Entführern. Im konkreten Fall zeigte sich, dass die in der Bank festgehaltenen Angestellten mehr Angst vor der Polizei als vor ihren Geiselnehmern entwickelten. Diese sonderbare Geschichte hat Robert Budreau nun mit „Die Stockholm Story“ verfilmt.
Der Amerika-Fan Lars (Ethan Hawke) kapert eines Tages im Alleingang eine der größten Banken der schwedischen Hauptstadt. Nachdem er fast alle Zivilisten aus dem Gebäude gescheucht hat, fordert er die Freilassung seines inhaftierten Kumpels Gunnar (Mark Strong) und droht damit, bei Nichterfüllung seines Wunsches die verbliebenen Geiseln zu töten. Eine von ihnen ist die junge Mutter Bianca (Noomi Rapace), zu der Lars schon bald ein vertrautes Verhältnis aufbaut.
Zweifellos: Die Geschehnisse des Jahres 1973 sind hervorragendes Material für ein packendes Filmdrama. Kommen dann noch drei Schauspiel-Profis (Hawke, Rapace, Strong) hinzu, sollte eigentlich alles passen. Das ist bei „Die Stockholm Story“ leider jedoch nicht der Fall. Das mag hauptsächlich darin begründet liegen, dass Regisseur und Autor Budreau, mit dem Hawke bereits das Biopic „Born to be Blue“ (2015) über den berühmten Jazzmusiker Chet Baker realisierte, sich dazu entschied, die Handlung als Krimikomödie zu erzählen. Inwieweit dies den realen Begebenheiten entspricht, vermag ich nicht zu beurteilen. Für den Film aber ist es wenig zuträglich.
So fuchteln die Geiselnehmer zwar immer wieder mit ihren Waffen herum, liefern sich sogar Gefechte mit der Polizei und haben keine Skrupel, ihren Geiseln geladene Pistolen an die Schläfen zu halten. Bedrohlich wirkt dies aufgrund der Inszenierung jedoch nie. Stattdessen entsteht der Eindruck, als ob Bianca und ihre Kollegen bereits von Beginn an wüssten, dass ihnen – zumindest von Seiten der Bankräuber – nichts Schlimmes zustoßen wird. Aber warum denken sie so? Woraus speist sich ihre Selbstsicherheit? Und wann genau wird Bianca klar, dass sie sich zu Lars hingezogen fühlt? Das Skript bleibt an Stellen wie diesen unbefriedigend oberflächlich, geht nicht in die Tiefe und verpasst es größtenteils, die emotionale Achterbahnfahrt, die beide Seiten durchlaufen, glaubhaft herauszuarbeiten. Dies trifft ebenso auf die Nebenfiguren (Polizeipräsident, Biancas Gatte) zu, deren Verhalten/Darstellung dem Ernst der Lage selten gerecht wird.
Falsche Erwartungshaltung? Fehlender Sinn für Humor? Vielleicht ist es eine Mischung aus beidem, die mich nach Filmgenuss ein wenig enttäuscht zurücklässt. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass aus dieser historisch belegten Prämisse hätte viel mehr werden können.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Als Extras gibt es lediglich Trailer. „Die Stockholm Story – Geliebte Geisel“ erscheint bei Koch Films GmbH und ist seit 5. Dezember 2019 erhältlich (Packshot + stills: © Koch Films)
Heimkino-Tipp: „West of Liberty“ (2019)
Most Wanted Men
Deutschen Produktionen wird ja hin und wieder vorgeworfen, lediglich amerikanische Vorbilder zu kopieren – und dabei stets zu scheitern. Persönlich halte ich nicht viel von solchen Verallgemeinerungen, zumal sie den künstlerischen Input und die Anstrengungen aller Beteiligten abwerten. Sicherlich liegt die Kritik auch in Sehgewohnheiten begründet: Stil, Tempo und Schnitt sind anders, und wer jahrelang hauptsächlich US-Serien schaut, wird diese inszenatorischen Differenzen möglicherweise als Mängel deuten.
Die Event-Serie „West of Liberty“, eine internationale Koproduktion des ZDF, sitzt diesbezüglich zwischen den Stühlen. Das beginnt bereits beim Titel: Dem deutschen Publikum wird eine sinnvolle Übersetzung vorenthalten. Andererseits stammen zwei der Hauptdarsteller aus Germany, sprechen aber – zumindest in der originalen Sprachfassung – englisch. Hauptschauplatz ist zunächst Berlin, obwohl dies für die Handlung eher unbedeutend ist. Die Story selbst kratzt zwar aktuelle Themen an, verpasst es aber, sie ‚grenzüberschreitend‘ zu erzählen. So halten sich Pros und Cons 262 Minuten lang die Waage.
Im Mittelpunkt steht der Barbesitzer Ludwig Licht (Argh! Dieser Name!), gespielt von Wotan Wilke Möhring, der von seinem einstigen Chef, CIA-Mann Berner (Matthew Marsh), um einen Chauffeurdienst gebeten wird: Licht soll die undurchsichtige Faye (Michelle Meadows) eskortieren und beschützen, die u.a. behauptet, wichtige Informationen zum Aufenthaltsort des weltweit gesuchten Whistleblowers Lucien Gell (Lars Eidinger) zu besitzen. Faye ist jedoch nicht Lichts einziges Problem: Er hat Schulden bei einigen ungeduldigen Zeitgenossen und diese sind wenig zimperlich beim Eintreiben ihrer Moneten.
Die Geschichte der sechs ca. 42minütigen Episoden wird auf drei Erzählstränge aufgeteilt, die sich im Verlauf hin und wieder überschneiden: Lichts permanente Flucht mit Faye, die Arbeit des grimmigen CIA-Agenten Berner, sowie Gells Schattendasein in einem Versteck. Mindestens zwei dieser Storyverläufe wirken etwas unausgegoren: So wird Protagonist Licht als ehemaliger Stasi-Spitzel und Doppelagent vorgestellt, was zwar seine Verbindung zum CIA erklärt, ansonsten aber nebensächlich bleibt. Sein Auftraggeber Berner handelt derweil ‚auf eigene Rechnung‘ und angesichts des internationalen Haftbefehls für Gell irritierend seltsam.
Bezüglich des Spannungsbogens fällt auf, dass jede einzelne Folge mit Szenen endet, die scheinbar einzig darauf ausgelegt sind, einen halbwegs spannenden Cliffhanger für die nächste Episode zu kreieren. Das ist natürlich legitim, verdeutlicht jedoch ungewollt zwei Dinge: (1.) Man hält an einer starren Erzählformel fest. (2.) Das Vertrauen darauf, das Erzählte wäre auch ohne Cliffhanger packend genug, ist nicht gegeben.
Besonders der erste Punkt fällt bei Betrachtung der Inszenierung und des Schauspiels ins Gewicht: Ohne Frage, Regisseurin Barbara Eder („Tatort: Virus“) versteht ihr Handwerk. Etwas Eigenständiges bezüglich Optik, Schnitt oder Erzählmustern wagt sie leider trotzdem nicht. Ähnliches gilt für die von mir hochgeschätzten Möhring und Eidinger: Sie agieren in ihren Rollen glaubhaft aber dennoch niemals überraschend und spielen ihre Rollen mit der ihnen innewohnenden Professionalität schlicht runter. Ergo: Für Experimente ist in „West of Liberty“ kein Platz.
Das ist insofern schade, da es dem Anschein nach nicht mangelndem Talent der Beteiligten, sondern Formatvorgaben geschuldet ist, die „West of Liberty“ letztendlich von der Event-Serie zu einem überlangen Durchschnitts-TV-Krimi deklassieren, wie es sie täglich im Öffentlich-rechtlichen Programm zu sehen gibt. Was uns zur Problematik des Anfangs zurückführt: Wer die ewigen Zweifler, ob deutsche Produktionen mit amerikanischen mithalten können, überzeugen will, muss mehr wagen als einen englischen Titel zu verwenden. Es geht nicht darum, US-TV zu kopieren. Es geht darum, eine eigene Handschrift zu entwickeln – besonders bei ‚Events‘, die sich vom sonstigen Krimi-Programm abheben sollen.
Das Talent ist vorhanden. Nun sollte man/frau es endlich von der Leine lassen.
Im Gegensatz zur zweiteiligen, gekürzten TV-Filmversion enthält die Doppel-DVD die vollständige Fassung der Serie, unterteilt in sechs Episoden. Neben der synchronisierten deutschen Fassung ist auch die mehrsprachige Originalfassung mit an Bord. Nur für diese liegen deutsche Untertitel vor. „West of Liberty“ erscheint Edel Motion und ist seit 6. Dezember 2019 erhältlich. (Packshot + stills: © Edel Motion)
Deutschen Produktionen wird ja hin und wieder vorgeworfen, lediglich amerikanische Vorbilder zu kopieren – und dabei stets zu scheitern. Persönlich halte ich nicht viel von solchen Verallgemeinerungen, zumal sie den künstlerischen Input und die Anstrengungen aller Beteiligten abwerten. Sicherlich liegt die Kritik auch in Sehgewohnheiten begründet: Stil, Tempo und Schnitt sind anders, und wer jahrelang hauptsächlich US-Serien schaut, wird diese inszenatorischen Differenzen möglicherweise als Mängel deuten.
Die Event-Serie „West of Liberty“, eine internationale Koproduktion des ZDF, sitzt diesbezüglich zwischen den Stühlen. Das beginnt bereits beim Titel: Dem deutschen Publikum wird eine sinnvolle Übersetzung vorenthalten. Andererseits stammen zwei der Hauptdarsteller aus Germany, sprechen aber – zumindest in der originalen Sprachfassung – englisch. Hauptschauplatz ist zunächst Berlin, obwohl dies für die Handlung eher unbedeutend ist. Die Story selbst kratzt zwar aktuelle Themen an, verpasst es aber, sie ‚grenzüberschreitend‘ zu erzählen. So halten sich Pros und Cons 262 Minuten lang die Waage.
Im Mittelpunkt steht der Barbesitzer Ludwig Licht (Argh! Dieser Name!), gespielt von Wotan Wilke Möhring, der von seinem einstigen Chef, CIA-Mann Berner (Matthew Marsh), um einen Chauffeurdienst gebeten wird: Licht soll die undurchsichtige Faye (Michelle Meadows) eskortieren und beschützen, die u.a. behauptet, wichtige Informationen zum Aufenthaltsort des weltweit gesuchten Whistleblowers Lucien Gell (Lars Eidinger) zu besitzen. Faye ist jedoch nicht Lichts einziges Problem: Er hat Schulden bei einigen ungeduldigen Zeitgenossen und diese sind wenig zimperlich beim Eintreiben ihrer Moneten.
Die Geschichte der sechs ca. 42minütigen Episoden wird auf drei Erzählstränge aufgeteilt, die sich im Verlauf hin und wieder überschneiden: Lichts permanente Flucht mit Faye, die Arbeit des grimmigen CIA-Agenten Berner, sowie Gells Schattendasein in einem Versteck. Mindestens zwei dieser Storyverläufe wirken etwas unausgegoren: So wird Protagonist Licht als ehemaliger Stasi-Spitzel und Doppelagent vorgestellt, was zwar seine Verbindung zum CIA erklärt, ansonsten aber nebensächlich bleibt. Sein Auftraggeber Berner handelt derweil ‚auf eigene Rechnung‘ und angesichts des internationalen Haftbefehls für Gell irritierend seltsam.
Bezüglich des Spannungsbogens fällt auf, dass jede einzelne Folge mit Szenen endet, die scheinbar einzig darauf ausgelegt sind, einen halbwegs spannenden Cliffhanger für die nächste Episode zu kreieren. Das ist natürlich legitim, verdeutlicht jedoch ungewollt zwei Dinge: (1.) Man hält an einer starren Erzählformel fest. (2.) Das Vertrauen darauf, das Erzählte wäre auch ohne Cliffhanger packend genug, ist nicht gegeben.
Besonders der erste Punkt fällt bei Betrachtung der Inszenierung und des Schauspiels ins Gewicht: Ohne Frage, Regisseurin Barbara Eder („Tatort: Virus“) versteht ihr Handwerk. Etwas Eigenständiges bezüglich Optik, Schnitt oder Erzählmustern wagt sie leider trotzdem nicht. Ähnliches gilt für die von mir hochgeschätzten Möhring und Eidinger: Sie agieren in ihren Rollen glaubhaft aber dennoch niemals überraschend und spielen ihre Rollen mit der ihnen innewohnenden Professionalität schlicht runter. Ergo: Für Experimente ist in „West of Liberty“ kein Platz.
Das ist insofern schade, da es dem Anschein nach nicht mangelndem Talent der Beteiligten, sondern Formatvorgaben geschuldet ist, die „West of Liberty“ letztendlich von der Event-Serie zu einem überlangen Durchschnitts-TV-Krimi deklassieren, wie es sie täglich im Öffentlich-rechtlichen Programm zu sehen gibt. Was uns zur Problematik des Anfangs zurückführt: Wer die ewigen Zweifler, ob deutsche Produktionen mit amerikanischen mithalten können, überzeugen will, muss mehr wagen als einen englischen Titel zu verwenden. Es geht nicht darum, US-TV zu kopieren. Es geht darum, eine eigene Handschrift zu entwickeln – besonders bei ‚Events‘, die sich vom sonstigen Krimi-Programm abheben sollen.
Das Talent ist vorhanden. Nun sollte man/frau es endlich von der Leine lassen.
Im Gegensatz zur zweiteiligen, gekürzten TV-Filmversion enthält die Doppel-DVD die vollständige Fassung der Serie, unterteilt in sechs Episoden. Neben der synchronisierten deutschen Fassung ist auch die mehrsprachige Originalfassung mit an Bord. Nur für diese liegen deutsche Untertitel vor. „West of Liberty“ erscheint Edel Motion und ist seit 6. Dezember 2019 erhältlich. (Packshot + stills: © Edel Motion)
Heimkino-Tipp: „The Professor and the Madman“ (2019)
Speak & Spell
Bei der ersten persönlichen Begegnung zupft Dr. William Chester Minor seinem Gegenüber, dem Sprachforscher James Murray, ungläubig am langen, ergrauten Rauschebart. Prompt stellt sich mir die Frage, ob das erste Treffen der Schauspieler Sean Penn und Mel Gibson, die diese beiden Charaktere in „The Professor and the Madman“ verkörpern, möglicherweise ähnlich ablief? Immerhin zählen sie seit etwa 40 Jahren quasi zum Hollywood-Inventar und spielen hier erstmals in einem Film nebeneinander.
Das Drama „The Professor and the Madman“ ist das Regiedebüt des Drehbuchautors Farhad Safinia (unter dem Pseudonym P.B. Shemran), der für Gibson einst das Skript zu „Apocalypto“ (2006) verfasste. Angeblich handelt es sich um ein lang geplantes Herzensprojekt Gibsons, was einmal mehr sein Interesse an ungewöhnlichen Geschichten unterstreicht. Denn in zwei Stunden Laufzeit widmet sich dieser Film – Achtung! – der Entstehung eines Wörterbuchs. Eines besonderen wohlgemerkt, dessen Bedeutung zumindest für die englische Sprache nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
Mitte des 19. Jahrhunderts bewirbt sich der Autodidakt Murray (Gibson) bei der ehrwürdigen Universität Oxford um eine Aufgabe, die gut und gern als verrückt bezeichnet werden kann: der Erstellung eines Nachschlagewerks des gesamten(!) englischen Wortschatzes(!!) seit dem 9. Jahrhundert(!!!) einschließlich aller(!!!!) bekannten Wortbedeutungen, -varianten und -verwendungen(!!!!!). Titel des Buchs: „Oxford English Dictionary (OED)“. Trotz großer Skepsis der Gelehrten erhält Murray den Job und startet sogleich einen weltweiten Aufruf an jedermann, ihm zu assistieren – mit Hinweisen, Zitaten und Literaturempfehlungen, die ihm via Briefpost zugesandt werden sollen. Einer dieser Helfer entpuppt sich als besonders ergiebig: Dr. Minor (Penn) schickt hunderte von Zuschriften und trägt somit maßgeblich zur Entstehung des literarischen Mammutwerkserks bei. Was Murray zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht weiß: Minor ist Patient in einer psychiatrischen Klinik, verurteilter Mörder und leidet unter Verfolgungswahn.
Natürlich klingt es auf dem Papier zunächst ein wenig trocken: ein Film über zwei Männer, die ein Buch verfassen wollen. Zum Glück ist das Endprodukt so viel mehr – kein trockener Historienfilm, kein Verklären der Vergangenheit, keine bloße Lobhudelei zweier Wortakrobaten. „The Professor and the Madman“ nutzt vielmehr die persönlichen Schicksale der beiden Protagonisten, um eine Geschichte über Verantwortung, Schuld, Vergebung und Besessenheit zu erzählen. So muss Murray große familiäre Opfer bringen, um seinen Traum zu verwirklichen. Minor hingegen hadert mit seiner abscheulichen Tat und wendet sich auf der Suche nach Vergebung ausgerechnet an die Witwe jenes Mannes, dem er das Leben nahm. Derweil warten die Hausherren von Oxford nur darauf, dem Emporkömmling Murray, der nicht aus ihren Reihen stammt, scheitern zu sehen.
Diese vielen „kleinen Kriegsschauplätze“ vereint Regisseur Safinia in eine runde Erzählung, die viel über die menschliche Natur verrät. Zum Leben erweckt wird dies alles von unzähligen tollen Schauspielern wie Eddie Marsan, Natalie Dormer, Jennifer Ehle, Steve Coogan und Stephen Dillane, die hier neben Gibson und Penn agieren und begeistern.
„The Professor and the Madman“ ist somit ein treffendes Beispiel dafür, wie eine interessante historische Begebenheit dank gutem Drehbuch, spannender Umsetzung und fantastischer Darsteller zu einem tollen Film führen können, der ein Ansehen lohnt.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es ein kurzes Making of, eine Bildergalerie sowie Trailer. „The Professor and the Madman“ erscheint bei New KSM Cinema und ist seit 5. Dezember 2019 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © KSM GmbH)
Bei der ersten persönlichen Begegnung zupft Dr. William Chester Minor seinem Gegenüber, dem Sprachforscher James Murray, ungläubig am langen, ergrauten Rauschebart. Prompt stellt sich mir die Frage, ob das erste Treffen der Schauspieler Sean Penn und Mel Gibson, die diese beiden Charaktere in „The Professor and the Madman“ verkörpern, möglicherweise ähnlich ablief? Immerhin zählen sie seit etwa 40 Jahren quasi zum Hollywood-Inventar und spielen hier erstmals in einem Film nebeneinander.
Das Drama „The Professor and the Madman“ ist das Regiedebüt des Drehbuchautors Farhad Safinia (unter dem Pseudonym P.B. Shemran), der für Gibson einst das Skript zu „Apocalypto“ (2006) verfasste. Angeblich handelt es sich um ein lang geplantes Herzensprojekt Gibsons, was einmal mehr sein Interesse an ungewöhnlichen Geschichten unterstreicht. Denn in zwei Stunden Laufzeit widmet sich dieser Film – Achtung! – der Entstehung eines Wörterbuchs. Eines besonderen wohlgemerkt, dessen Bedeutung zumindest für die englische Sprache nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
Mitte des 19. Jahrhunderts bewirbt sich der Autodidakt Murray (Gibson) bei der ehrwürdigen Universität Oxford um eine Aufgabe, die gut und gern als verrückt bezeichnet werden kann: der Erstellung eines Nachschlagewerks des gesamten(!) englischen Wortschatzes(!!) seit dem 9. Jahrhundert(!!!) einschließlich aller(!!!!) bekannten Wortbedeutungen, -varianten und -verwendungen(!!!!!). Titel des Buchs: „Oxford English Dictionary (OED)“. Trotz großer Skepsis der Gelehrten erhält Murray den Job und startet sogleich einen weltweiten Aufruf an jedermann, ihm zu assistieren – mit Hinweisen, Zitaten und Literaturempfehlungen, die ihm via Briefpost zugesandt werden sollen. Einer dieser Helfer entpuppt sich als besonders ergiebig: Dr. Minor (Penn) schickt hunderte von Zuschriften und trägt somit maßgeblich zur Entstehung des literarischen Mammutwerkserks bei. Was Murray zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht weiß: Minor ist Patient in einer psychiatrischen Klinik, verurteilter Mörder und leidet unter Verfolgungswahn.
Natürlich klingt es auf dem Papier zunächst ein wenig trocken: ein Film über zwei Männer, die ein Buch verfassen wollen. Zum Glück ist das Endprodukt so viel mehr – kein trockener Historienfilm, kein Verklären der Vergangenheit, keine bloße Lobhudelei zweier Wortakrobaten. „The Professor and the Madman“ nutzt vielmehr die persönlichen Schicksale der beiden Protagonisten, um eine Geschichte über Verantwortung, Schuld, Vergebung und Besessenheit zu erzählen. So muss Murray große familiäre Opfer bringen, um seinen Traum zu verwirklichen. Minor hingegen hadert mit seiner abscheulichen Tat und wendet sich auf der Suche nach Vergebung ausgerechnet an die Witwe jenes Mannes, dem er das Leben nahm. Derweil warten die Hausherren von Oxford nur darauf, dem Emporkömmling Murray, der nicht aus ihren Reihen stammt, scheitern zu sehen.
Diese vielen „kleinen Kriegsschauplätze“ vereint Regisseur Safinia in eine runde Erzählung, die viel über die menschliche Natur verrät. Zum Leben erweckt wird dies alles von unzähligen tollen Schauspielern wie Eddie Marsan, Natalie Dormer, Jennifer Ehle, Steve Coogan und Stephen Dillane, die hier neben Gibson und Penn agieren und begeistern.
„The Professor and the Madman“ ist somit ein treffendes Beispiel dafür, wie eine interessante historische Begebenheit dank gutem Drehbuch, spannender Umsetzung und fantastischer Darsteller zu einem tollen Film führen können, der ein Ansehen lohnt.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es ein kurzes Making of, eine Bildergalerie sowie Trailer. „The Professor and the Madman“ erscheint bei New KSM Cinema und ist seit 5. Dezember 2019 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © KSM GmbH)
Heimkino-Tipp: „Diego Maradona“ (2019)
Die Hand Gottes
Was haben Mario Götze, Toni Kroos und Diego Maradona neben ihren bemerkenswerten Fähigkeiten als Fußballer gemeinsam? U.a. dass ihnen allen in den vergangenen Monaten eine umfangreiche Kinodokumentation gewidmet wurde, die ihre Karrieren Revue passieren lassen und zumindest teilweise auch Einblicke in ihr Leben abseits der Bolzplätze präsentieren. Bei allem Respekt für das Können von Götze und Kroos: die große Leinwand verdient hat von den drei Kerlen nur der Argentinier.
Mag sein, dass Spätgeborene nie von der Faszination erfahren werden, die Diego Maradona vor allem in den 1980er-Jahren umgab. Er war ein Ausnahmespieler, ein Jahrhunderttalent, eine Art Pop-Ikone. Allerdings eben nicht so medienwirksam und mit Bedacht inszeniert, wie es heute der Fall ist, wo hinter jedem Instagram-Post und Twitter-Kommentar eines Spielers (und jedem Kinofilm?) eine Horde von Beratern und Managern steckt und finanzielles Kalkül vermutet werden muss. Nein, zu Maradonas Hochzeiten war das Star-Sein noch rauer, ungekünstelter und sehr viel authentischer, was die herausragende Doku von Oscar-Preisträger Asif Kapadia („Amy“, „Senna“) filmisch eindrucksvoll verdeutlicht.
Geboren in den Slums von Buenos Aires, spielte sich Diego Armando Maradona bis ganz nach oben, wurde Weltmeister, war der teuerste Spieler der Welt und für viele ein Gott im wahrsten Sinne des Wortes. Auch wenn er weder die Statur noch die Muskeln besaß, die Profifußballer gewöhnlich mitbringen, so konnte er doch seine Gegner (und sein Publikum) schwindelig spielen mit einer Technik, die noch heute ihresgleichen sucht. Sein 2:1-Tor im Spiel Argentinien vs. England im Viertelfinale der WM 1986 gilt nicht ohne Grund als das „Tor des Jahrhunderts“ (LINK).
Regisseur Kapadia konzentriert sich für seinen Film auf die Zeit zwischen 1984 bis Anfang der 1990er. In diesen Jahren war Maradona beim SSC Neapel unter Vertrag und auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Die war neben unzähligen sportlichen Erfolgen geprägt von ausschweifenden Partys, Affären, Drogen sowie Bekanntschaften mit Kriminellen, die ihn erst umgarnten und hofierten, später aber seinen Gegnern (Justiz und Medien) zum Fraß vorwarfen. Dass dies nicht allein Maradonas Feierlaune geschuldet war, unterstreicht die Doku mit interessanten Fakten und persönlichen Statements. Gesellschaftliche Umstände, Vorurteile, Rassismus, ständige Versuchungen und keine Momente der Ruhe hinterließen ihre Spuren und nahmen maßgeblich Einfluss auf das Leben des einerseits jungen, charmanten, schüchternen Familienmenschen Diego, andererseits lauten, emotionalen und selbstzerstörerischen Maradona.
Wie schon bei „Amy“ und „Senna“ reibt man sich verwundert die Augen über die Fülle an Bildmaterial, das Kapadia und seine Helfer ausgegraben und zusammengestellt haben. Es verdeutlicht die Dimension der Verehrung und Neugier an der Person Maradona, die beinahe schon Ausmaße der „Beatlemania“ annahm. Hinzu kommen unzählige, auch frühe Aufnahmen von Spielen, Toren und Rangeleien, die in die (Fußball-)Geschichte eingegangen sind.
Kurzum: Asif Kapadia ist einmal mehr ein cineastisch kraftvolles Porträt einer Berühmtheit gelungen, von der man eventuell glaubte, schon alles zu wissen. Wer die beiden Vorgänger-Dokumentationen mochte und zudem ein Interesse an Fußball hat, sollte sich „Diego Maradona“ nicht entgehen lassen.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch (halb-)synchronisierter und mehrsprachiger Originalfassung sowie optionale deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es Trailer. „Diego Maradona – Rebel. Held. Gott“ erscheint bei DCM Film Distribution GmbH/Universum Film und ist seit 15. November 2019 erhältlich. (Packshot + stills: © DCM/Alfredo Capozzi/Bob Thomas/Getty Images/Sud)
Was haben Mario Götze, Toni Kroos und Diego Maradona neben ihren bemerkenswerten Fähigkeiten als Fußballer gemeinsam? U.a. dass ihnen allen in den vergangenen Monaten eine umfangreiche Kinodokumentation gewidmet wurde, die ihre Karrieren Revue passieren lassen und zumindest teilweise auch Einblicke in ihr Leben abseits der Bolzplätze präsentieren. Bei allem Respekt für das Können von Götze und Kroos: die große Leinwand verdient hat von den drei Kerlen nur der Argentinier.
Mag sein, dass Spätgeborene nie von der Faszination erfahren werden, die Diego Maradona vor allem in den 1980er-Jahren umgab. Er war ein Ausnahmespieler, ein Jahrhunderttalent, eine Art Pop-Ikone. Allerdings eben nicht so medienwirksam und mit Bedacht inszeniert, wie es heute der Fall ist, wo hinter jedem Instagram-Post und Twitter-Kommentar eines Spielers (und jedem Kinofilm?) eine Horde von Beratern und Managern steckt und finanzielles Kalkül vermutet werden muss. Nein, zu Maradonas Hochzeiten war das Star-Sein noch rauer, ungekünstelter und sehr viel authentischer, was die herausragende Doku von Oscar-Preisträger Asif Kapadia („Amy“, „Senna“) filmisch eindrucksvoll verdeutlicht.
Geboren in den Slums von Buenos Aires, spielte sich Diego Armando Maradona bis ganz nach oben, wurde Weltmeister, war der teuerste Spieler der Welt und für viele ein Gott im wahrsten Sinne des Wortes. Auch wenn er weder die Statur noch die Muskeln besaß, die Profifußballer gewöhnlich mitbringen, so konnte er doch seine Gegner (und sein Publikum) schwindelig spielen mit einer Technik, die noch heute ihresgleichen sucht. Sein 2:1-Tor im Spiel Argentinien vs. England im Viertelfinale der WM 1986 gilt nicht ohne Grund als das „Tor des Jahrhunderts“ (LINK).
Regisseur Kapadia konzentriert sich für seinen Film auf die Zeit zwischen 1984 bis Anfang der 1990er. In diesen Jahren war Maradona beim SSC Neapel unter Vertrag und auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Die war neben unzähligen sportlichen Erfolgen geprägt von ausschweifenden Partys, Affären, Drogen sowie Bekanntschaften mit Kriminellen, die ihn erst umgarnten und hofierten, später aber seinen Gegnern (Justiz und Medien) zum Fraß vorwarfen. Dass dies nicht allein Maradonas Feierlaune geschuldet war, unterstreicht die Doku mit interessanten Fakten und persönlichen Statements. Gesellschaftliche Umstände, Vorurteile, Rassismus, ständige Versuchungen und keine Momente der Ruhe hinterließen ihre Spuren und nahmen maßgeblich Einfluss auf das Leben des einerseits jungen, charmanten, schüchternen Familienmenschen Diego, andererseits lauten, emotionalen und selbstzerstörerischen Maradona.
Wie schon bei „Amy“ und „Senna“ reibt man sich verwundert die Augen über die Fülle an Bildmaterial, das Kapadia und seine Helfer ausgegraben und zusammengestellt haben. Es verdeutlicht die Dimension der Verehrung und Neugier an der Person Maradona, die beinahe schon Ausmaße der „Beatlemania“ annahm. Hinzu kommen unzählige, auch frühe Aufnahmen von Spielen, Toren und Rangeleien, die in die (Fußball-)Geschichte eingegangen sind.
Kurzum: Asif Kapadia ist einmal mehr ein cineastisch kraftvolles Porträt einer Berühmtheit gelungen, von der man eventuell glaubte, schon alles zu wissen. Wer die beiden Vorgänger-Dokumentationen mochte und zudem ein Interesse an Fußball hat, sollte sich „Diego Maradona“ nicht entgehen lassen.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch (halb-)synchronisierter und mehrsprachiger Originalfassung sowie optionale deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es Trailer. „Diego Maradona – Rebel. Held. Gott“ erscheint bei DCM Film Distribution GmbH/Universum Film und ist seit 15. November 2019 erhältlich. (Packshot + stills: © DCM/Alfredo Capozzi/Bob Thomas/Getty Images/Sud)
Heimkino-Tipp: „Escape Plan: The Extractors“ (2019)
Der bessere ‚Last Blood‘
„Creed 2“, „Rambo V“, „Terminator 6“ und nun „Escape Plan 3“ – irgendwie klingt das alles sehr traurig. Und da in keinem der Streifen ein Tom Cruise auf unmöglicher Mission auftaucht, ist es das auch. Denn im Gegensatz zu Ethan Hunts Einsätzen wird es bei Sly & Arnie nicht wirklich besser. Das wiegt umso schwerer, da beide Herren in den vergangenen Jahren in ein paar richtig guten Filmen mitwirkten, in denen sie auch schauspielerisch gefordert waren, siehe „Maggie“ und „Vendetta“ (Schwarzenegger) und ganz besonders „Creed“ bei Mr. Stallone, wofür er sogar eine Oscar-Nominierung erhielt. Will sagen: Eigentlich könnten die alten Recken – wenn sie wöllten und wenn sie dafür das passende Material angeboten bekommen würden.
Aber wie endete meine Rezension zu „Escape Plan 2: Hades“ doch gleich: »Besser ein neuer Sly-Film als gar kein neuer Sly-Film! Also her mit Teil 3!« Ziemlich genau ein Jahr später erfüllt sich nun dieser Wunsch. Und im Gegensatz zu Stallones letztem Leinwand-Ausflug „Rambo V: Last Blood“ ist sein neuestes Direct-to-DVD-Präsent ein unterhaltsamer, harter, ja guter Actionstreifen. Der Vergleich ist bewusst gewählt. Denn die Story ist im Grunde dieselbe. Einziger Unterschied: Zog es John Rambo zuletzt für seinen Privatkrieg nach Südamerika, reist Ray Breslin in die andere Richtung, nach Osteuropa.
Dorthin wird nämlich nicht nur eine reiche Asiatin entführt, die er mit seinem Team befreien soll, sondern ebenso seine Liebste (Jaime King). Beide werden von einem gewissen Lester Clark Jr. (Devon Sawa) in einem heruntergekommenen Gebäude gefangen gehalten, das einst als Gefängnis diente. Clark Jr.s Motivation: Sein Vater wurde von Ray aus der gemeinsamen Firma gekickt, nachdem er ihn hintergangen hatte, und starb unter mysteriösen Umständen.
Mit diesem einfachen Storykniff gelingt es Teil 3, einen inhaltlichen Zusammenhang zum ersten „Escape Plan“ aus dem Jahre 2013 herzustellen. Damit passt dieser schon mal mehr in den Gesamtkontext als noch Teil 2. Hinzu kommt, dass Sly seinen alten Kumpel John Herzfeld als Regisseur mit ins Boot holte, was der Inszenierung sichtlich guttut. Herzfeld spielte einst selbst an der Seite von Stallone („Die City Cobra“, 1986), bevor er hinter die Kamera wechselte und u.a. die Filme „2 Tage in L.A.“ (1996) sowie „15 Minuten Ruhm“ (2001) drehte – beide Starbesetzt (u.a. mit Charlize Theron, Robert De Niro) und sehr sehenswert! Zu „Reach Me“ will ich mich an dieser Stelle allerdings nicht nochmal auslassen.
Klar, „Escape Plan 3“ ist auch ‚nur‘ ein B-Movie, macht dabei aber vieles richtig. Er ist temporeich, angenehm ‚altmodisch‘ im Stil, hart in seinen Actionszenen und bietet einen Stallone, der hier mit sehr viel mehr Engagement seinen persönlichen Rachefeldzug umsetzt als in Mexiko bei der Befreiung einer Teenagerin. Herzfeld weiß zudem, wie er seinen Freund vor der Kamera ins rechte Licht rückt. Da selbst die Konfrontationen mit seinen Gegnern mit denen aus „Rambo V“ nahezu identisch sind (Tunnelkämpfe, fiese Fallen, exzessiver Messereinsatz), kann man hier sehr gut die Qualitätsunterschiede beim Regieführen – und im Schauspiel von Sly – erkennen. Weitere Pluspunkte: Devon Sawa (ja, der Hauptdarsteller aus dem ersten „Final Destination“!) macht sich unheimlich gut als Bösewicht und die diversen Helfer im #teamBreslin (u.a. Dave Bautista, Jin Zhang, Harry Shum Jr.) können ebenso überzeugen. Mitunter wirkt Herzfelds Film roh und dreckig und ist somit auch ein optischer Gegensatz zum direkten Vorgänger, der fast schon als SciFi-Streifen durchgehen kann.
Sollte „The Extractors“ der letzte Teil der Reihe sein, ist die Trilogie zwar inhaltlich eher Banane, filmisch jedoch ein interessantes Dreierpack mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen an das Genre „Actionfilm“. Und allein dafür bin ich dann doch ganz froh, dass dieses Trio in Slys Filmografie existiert.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es ein Making of, eine Bildergalerie sowie Trailer. „Escape Plan: The Extractors“ erscheint bei New KSM und ist seit 7. November 2019 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © KSM GmbH)
„Creed 2“, „Rambo V“, „Terminator 6“ und nun „Escape Plan 3“ – irgendwie klingt das alles sehr traurig. Und da in keinem der Streifen ein Tom Cruise auf unmöglicher Mission auftaucht, ist es das auch. Denn im Gegensatz zu Ethan Hunts Einsätzen wird es bei Sly & Arnie nicht wirklich besser. Das wiegt umso schwerer, da beide Herren in den vergangenen Jahren in ein paar richtig guten Filmen mitwirkten, in denen sie auch schauspielerisch gefordert waren, siehe „Maggie“ und „Vendetta“ (Schwarzenegger) und ganz besonders „Creed“ bei Mr. Stallone, wofür er sogar eine Oscar-Nominierung erhielt. Will sagen: Eigentlich könnten die alten Recken – wenn sie wöllten und wenn sie dafür das passende Material angeboten bekommen würden.
Aber wie endete meine Rezension zu „Escape Plan 2: Hades“ doch gleich: »Besser ein neuer Sly-Film als gar kein neuer Sly-Film! Also her mit Teil 3!« Ziemlich genau ein Jahr später erfüllt sich nun dieser Wunsch. Und im Gegensatz zu Stallones letztem Leinwand-Ausflug „Rambo V: Last Blood“ ist sein neuestes Direct-to-DVD-Präsent ein unterhaltsamer, harter, ja guter Actionstreifen. Der Vergleich ist bewusst gewählt. Denn die Story ist im Grunde dieselbe. Einziger Unterschied: Zog es John Rambo zuletzt für seinen Privatkrieg nach Südamerika, reist Ray Breslin in die andere Richtung, nach Osteuropa.
Dorthin wird nämlich nicht nur eine reiche Asiatin entführt, die er mit seinem Team befreien soll, sondern ebenso seine Liebste (Jaime King). Beide werden von einem gewissen Lester Clark Jr. (Devon Sawa) in einem heruntergekommenen Gebäude gefangen gehalten, das einst als Gefängnis diente. Clark Jr.s Motivation: Sein Vater wurde von Ray aus der gemeinsamen Firma gekickt, nachdem er ihn hintergangen hatte, und starb unter mysteriösen Umständen.
Mit diesem einfachen Storykniff gelingt es Teil 3, einen inhaltlichen Zusammenhang zum ersten „Escape Plan“ aus dem Jahre 2013 herzustellen. Damit passt dieser schon mal mehr in den Gesamtkontext als noch Teil 2. Hinzu kommt, dass Sly seinen alten Kumpel John Herzfeld als Regisseur mit ins Boot holte, was der Inszenierung sichtlich guttut. Herzfeld spielte einst selbst an der Seite von Stallone („Die City Cobra“, 1986), bevor er hinter die Kamera wechselte und u.a. die Filme „2 Tage in L.A.“ (1996) sowie „15 Minuten Ruhm“ (2001) drehte – beide Starbesetzt (u.a. mit Charlize Theron, Robert De Niro) und sehr sehenswert! Zu „Reach Me“ will ich mich an dieser Stelle allerdings nicht nochmal auslassen.
Klar, „Escape Plan 3“ ist auch ‚nur‘ ein B-Movie, macht dabei aber vieles richtig. Er ist temporeich, angenehm ‚altmodisch‘ im Stil, hart in seinen Actionszenen und bietet einen Stallone, der hier mit sehr viel mehr Engagement seinen persönlichen Rachefeldzug umsetzt als in Mexiko bei der Befreiung einer Teenagerin. Herzfeld weiß zudem, wie er seinen Freund vor der Kamera ins rechte Licht rückt. Da selbst die Konfrontationen mit seinen Gegnern mit denen aus „Rambo V“ nahezu identisch sind (Tunnelkämpfe, fiese Fallen, exzessiver Messereinsatz), kann man hier sehr gut die Qualitätsunterschiede beim Regieführen – und im Schauspiel von Sly – erkennen. Weitere Pluspunkte: Devon Sawa (ja, der Hauptdarsteller aus dem ersten „Final Destination“!) macht sich unheimlich gut als Bösewicht und die diversen Helfer im #teamBreslin (u.a. Dave Bautista, Jin Zhang, Harry Shum Jr.) können ebenso überzeugen. Mitunter wirkt Herzfelds Film roh und dreckig und ist somit auch ein optischer Gegensatz zum direkten Vorgänger, der fast schon als SciFi-Streifen durchgehen kann.
Sollte „The Extractors“ der letzte Teil der Reihe sein, ist die Trilogie zwar inhaltlich eher Banane, filmisch jedoch ein interessantes Dreierpack mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen an das Genre „Actionfilm“. Und allein dafür bin ich dann doch ganz froh, dass dieses Trio in Slys Filmografie existiert.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es ein Making of, eine Bildergalerie sowie Trailer. „Escape Plan: The Extractors“ erscheint bei New KSM und ist seit 7. November 2019 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © KSM GmbH)
Heimkino-Tipp: „Sugar Hill“ (1993)
Roemello’s Way
In den frühen 1990er-Jahren ebneten die äußerst erfolgreichen Streifen „Do the Right Thing“ (1989), „Boyz N the Hood“ (1991) und „Menace II Society“ (1993) den Weg für eine etwas differenziertere Auseinandersetzung mit den Alltagsproblemen junger schwarzer Amerikaner in der US-Gesellschaft. Rassismus, Benachteiligung und Gewalt ihnen gegenüber wurden darin direkt und überaus deutlich thematisiert, ebenso wie die Reaktion der Betroffenen darauf. Nebenbei entdeckte Hollywood einen neuen Zuschauermarkt: Mehr Filme mit afroamerikanischer Besetzung und Zielgruppe mussten her!
Ein solcher Streifen, der wahrscheinlich ohne den immensen Kritiker- und Publikumserfolg der oben genannten nicht zustande gekommen wäre, ist „Sugar Hill“ von Leon Ichaso. Der gebürtige Kubaner verfilmte dabei ein Skript von Barry Michael Cooper, dessen Debüt „New Jack City“ zwei Jahre zuvor ebenso für Furore gesorgt hatte. Darin war Wesley Snipes als skrupelloser Drogendealer zu sehen, der sich in Michael-Corleone-Manier sämtlicher Gegner entledigte. Snipes nutzte die Chance zur wiederholten Zusammenarbeit mit Cooper und übernahm für „Sugar Hill“ abermals die Hauptrolle.
Mit Blick auf das ‚Endprodukt‘ wird schnell klar, warum: Gab Snipes im Vorgänger noch den jungen, aufstrebenden Hitzkopf, konnte er hier genau das Gegenteil verkörpern: einen ruhig agierenden, vom Erlebten gezeichneten und erschöpften Geschäftsmann namens Roemello, der sein kriminelles Leben hinter sich lassen und neu beginnen will. Doch wie so oft in solchen Geschichten gestaltet sich der Ausstieg schwieriger als erhofft.
Das sehr bedächtig erzählte Drama spannt den Bogen von Roemellos Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Zusammen mit seinem oftmals impulsiv handelnden Bruder Ray (ruhelos gespielt von Michael Wright) hat er sich ein Imperium aufgebaut und sich mit Drogen aller Art ein Leben im Luxus erschaffen. Dass er dabei mit genau jenen Männern Geschäfte macht, die für den Tod seiner Mutter und die Gebrechen seines Vaters verantwortlich sind, hat er nie verwunden. Als er die attraktive Melissa (Theresa Randle) kennenlernt, sieht er den Zeitpunkt für einen Ausstieg aus dem Business gekommen. Doch weder sein Bruder noch seine Geschäftspartner wollen das ohne Gegenleistung akzeptieren.
Zwar liest sich der Storyverlauf wie die x-te Variation eines üblichen Gangsterfilms. Doch allein schon die Einbettung in ein anderes Umfeld macht „Sugar Hill“ interessant. Leider lässt Regisseur Ichaso diese Chance völlig ungenutzt und blendet gesellschaftliche Konflikte wie fast die gesamte soziale Umgebung der beiden Brüder beinahe vollständig aus. Der Film bleibt in seinem Gangster-Milieu haften und konzentriert sich nur auf die persönliche (Familien-)Geschichte des Protagonisten. Das ist einerseits schade, gibt Snipes andererseits jedoch die Möglichkeit, sein Talent als Schauspieler zu zeigen. Was nämlich heute fast in Vergessenheit geraten ist: Snipes war vor allem in den 90ern einer der bekanntesten und wichtigsten schwarzen Darsteller Hollywoods und begeisterte sowohl in Actionfilmen („Passagier 57“, „Demolition Man“, „Money Train“, „Blade“) als auch mit anspruchsvollen Rollen („Weiße Jungs bringen’s nicht“, „Die Wiege der Sonne“, „The Fan“, „One Night Stand“).
Was „Sugar Hill“ gänzlich fehlt, ist ein angemessenes Tempo. Viele Szenen wirken zu lang, spannende Momente sind rar und der Verlauf zu vorhersehbar. Demgegenüber steht ein jazziger Soundtrack, der der gemächlichen Erzählung eine passende Atmosphäre verleiht und Roemellos Charakter sehr gut musikalisch untermalt.
„Sugar Hill“ ist somit eine Art ‚mixed bag‘, hat einerseits schöne und andererseits belanglose Szenen zu bieten, kann aber dank eines großartig und vor allem glaubhaft aufspielenden Wesley Snipes überzeugen.
Der Film erscheint als Neuveröffentlichung auf Blu-ray in englischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung auf Blu-ray. Als Extras gibt es eine Einleitung des Regisseurs, gelöschte Szenen, eine Featurette, Trailer und einen Audiokommentar. „Sugar Hill“ erscheint bei Koch Films und ist seit 10. Oktober 2019 erhältlich (Packshot + stills: © Koch Films)
In den frühen 1990er-Jahren ebneten die äußerst erfolgreichen Streifen „Do the Right Thing“ (1989), „Boyz N the Hood“ (1991) und „Menace II Society“ (1993) den Weg für eine etwas differenziertere Auseinandersetzung mit den Alltagsproblemen junger schwarzer Amerikaner in der US-Gesellschaft. Rassismus, Benachteiligung und Gewalt ihnen gegenüber wurden darin direkt und überaus deutlich thematisiert, ebenso wie die Reaktion der Betroffenen darauf. Nebenbei entdeckte Hollywood einen neuen Zuschauermarkt: Mehr Filme mit afroamerikanischer Besetzung und Zielgruppe mussten her!
Ein solcher Streifen, der wahrscheinlich ohne den immensen Kritiker- und Publikumserfolg der oben genannten nicht zustande gekommen wäre, ist „Sugar Hill“ von Leon Ichaso. Der gebürtige Kubaner verfilmte dabei ein Skript von Barry Michael Cooper, dessen Debüt „New Jack City“ zwei Jahre zuvor ebenso für Furore gesorgt hatte. Darin war Wesley Snipes als skrupelloser Drogendealer zu sehen, der sich in Michael-Corleone-Manier sämtlicher Gegner entledigte. Snipes nutzte die Chance zur wiederholten Zusammenarbeit mit Cooper und übernahm für „Sugar Hill“ abermals die Hauptrolle.
Mit Blick auf das ‚Endprodukt‘ wird schnell klar, warum: Gab Snipes im Vorgänger noch den jungen, aufstrebenden Hitzkopf, konnte er hier genau das Gegenteil verkörpern: einen ruhig agierenden, vom Erlebten gezeichneten und erschöpften Geschäftsmann namens Roemello, der sein kriminelles Leben hinter sich lassen und neu beginnen will. Doch wie so oft in solchen Geschichten gestaltet sich der Ausstieg schwieriger als erhofft.
Das sehr bedächtig erzählte Drama spannt den Bogen von Roemellos Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Zusammen mit seinem oftmals impulsiv handelnden Bruder Ray (ruhelos gespielt von Michael Wright) hat er sich ein Imperium aufgebaut und sich mit Drogen aller Art ein Leben im Luxus erschaffen. Dass er dabei mit genau jenen Männern Geschäfte macht, die für den Tod seiner Mutter und die Gebrechen seines Vaters verantwortlich sind, hat er nie verwunden. Als er die attraktive Melissa (Theresa Randle) kennenlernt, sieht er den Zeitpunkt für einen Ausstieg aus dem Business gekommen. Doch weder sein Bruder noch seine Geschäftspartner wollen das ohne Gegenleistung akzeptieren.
Zwar liest sich der Storyverlauf wie die x-te Variation eines üblichen Gangsterfilms. Doch allein schon die Einbettung in ein anderes Umfeld macht „Sugar Hill“ interessant. Leider lässt Regisseur Ichaso diese Chance völlig ungenutzt und blendet gesellschaftliche Konflikte wie fast die gesamte soziale Umgebung der beiden Brüder beinahe vollständig aus. Der Film bleibt in seinem Gangster-Milieu haften und konzentriert sich nur auf die persönliche (Familien-)Geschichte des Protagonisten. Das ist einerseits schade, gibt Snipes andererseits jedoch die Möglichkeit, sein Talent als Schauspieler zu zeigen. Was nämlich heute fast in Vergessenheit geraten ist: Snipes war vor allem in den 90ern einer der bekanntesten und wichtigsten schwarzen Darsteller Hollywoods und begeisterte sowohl in Actionfilmen („Passagier 57“, „Demolition Man“, „Money Train“, „Blade“) als auch mit anspruchsvollen Rollen („Weiße Jungs bringen’s nicht“, „Die Wiege der Sonne“, „The Fan“, „One Night Stand“).
Was „Sugar Hill“ gänzlich fehlt, ist ein angemessenes Tempo. Viele Szenen wirken zu lang, spannende Momente sind rar und der Verlauf zu vorhersehbar. Demgegenüber steht ein jazziger Soundtrack, der der gemächlichen Erzählung eine passende Atmosphäre verleiht und Roemellos Charakter sehr gut musikalisch untermalt.
„Sugar Hill“ ist somit eine Art ‚mixed bag‘, hat einerseits schöne und andererseits belanglose Szenen zu bieten, kann aber dank eines großartig und vor allem glaubhaft aufspielenden Wesley Snipes überzeugen.
Der Film erscheint als Neuveröffentlichung auf Blu-ray in englischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung auf Blu-ray. Als Extras gibt es eine Einleitung des Regisseurs, gelöschte Szenen, eine Featurette, Trailer und einen Audiokommentar. „Sugar Hill“ erscheint bei Koch Films und ist seit 10. Oktober 2019 erhältlich (Packshot + stills: © Koch Films)
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