Heimkino-Tipp: „Dumb Money – Schnelles Geld“ (2023)

Der Schrecken der Wall Street

Möglicherweise hätte es diese – wahre – Geschichte ohne die Corona-Pandemie nie gegeben. Denn wenn es etwas gab, das Menschen während der Lockdowns zur Genüge hatten, so was das Zeit. Zeit, ihre Wohnungen zu renovieren (man erinnere sich an die Menschenmassen in und vor den Baumärkten), sich bescheuerten Verschwörungstheorien anzuschließen, oder sich mal in Ruhe den eigenen Finanzen zu widmen. Letzteres bei einigen wohl auch aus der Not heraus, eine alternative Einkommensmöglichkeit zu finden, da sie im Zuge der Pandemie ihren Arbeitsplatz verloren hatten.

Was also tun, wenn Nebenjobs rar sind und die ganze Welt im Schlafmodus zu Hause hockt? Der Amerikaner Keith Gill, der zu jener Zeit bei einer Versicherungsgesellschaft arbeitete, handelte privat mit Kleinaktien. Auf Youtube und über die Website ‚Reddit‘ postete er darüber und argumentierte, dass die Aktie des Unternehmens „GameStop“, das sich auf den physischen Verkauf von Videospielen konzentriert, seiner Einschätzung nach unterbewertet sei. Keith investierte in sogenannte Long-Positionen in Höhe von 53.000$, er würde also von einer Wertsteigerung der Aktie profitieren. Damit positionierte er sich gegen die mächtigen Wall Street-Hedgefonds (Investmentfonds), die genau aufs Gegenteil, nämlich einen weiteren Werteverfall der Aktien spekulierten – kein Wunder, hatte doch die Pandemie auch dazu beigetragen, dass Menschen bevorzugt online Spiele kauften und physische Medien ohnehin seit Jahren immer weniger Absatz fanden.

Womit die großen Player der Wall Street jedoch nicht rechneten: Keiths Videos und Posts gingen viral und viele Kleinanleger folgten seinem Beispiel, was die „GameStop“-Aktie in ungeahnte Höhen trieb – und das in einem sehr sehr kurzen Zeitraum: Innerhalb 16 Tage stieg der Kurs von 20$ (12. Januar 2021) auf unglaubliche 480$ (28. Januar 2021) pro Aktie. Dass dies nicht ohne negative Folgen sowohl für Keith als auch seine einflussreichen Gegner bleiben sollte, davon erzählt der Film „Dumb Money“.

Regisseur Craig Gillespie („I, Tonya“, „Cruella“) inszeniert das Ganze ähnlich temporeich und ungezwungen wie es sein Kollege Adam McKay mit „The Big Short“ und „Vice – Der zweite Mann“ vorgemacht hat, indem er komplizierte Sachverhalte zwar nicht vereinfacht, aber mit Charme, Witz und charismatischen Darstellern versucht verständlich aufzubereiten. Das gelingt ihm bei „Dumb Money“ vor allem in der zweiten Hälfte ganz gut, während sein Film das Publikum zuvor leider etwas zu derb mit Fachbegriffen, Informationen und Charakteren bombardiert, was Zuschauer, die sich mit der Materie weniger gut auskennen (der Rezensent eingeschlossen), überfordern kann (Falls es doch nur meine eigene Wahrnehmung ist, habe ich wohl existenzielle Allgemeinbildungslücken).

Nichtsdestotrotz gelingt es dank der tollen Besetzung und deren wunderbarem Spiel schnell, die Fronten zu klären und Gut von Böse zu unterscheiden. Paul Dano alias Keith Gill ist ein sympathischer Nerd, während seinen Gegenspieler (dargestellt u.a. von Seth Rogen, Sebastian Stan, Vincent D’Onofrio, Nick Offerman) ihre Überheblichkeit und ihren unerhörten Reichtum quasi für jeden sichtbar vor sich herschieben. Inhaltlich gewinnt die Story zusätzlich durch die Einbindung mehrerer Kleinanleger-Figuren, die letztendlich den Erfolg der „GameStop“-Aktien erst ermöglichten, indem sie Keiths Beispiel folgten und damit den Hedgefonds-Managern schlaflose Nächte bereiteten. Nebenbei verdeutlichen kurze, amüsante Clip-Montagen zudem, welchen popkulturellen Einfluss Filme wie „The Wolf of Wall Street“ auf die Gesellschaft und den Blick auf die Finanzwelt haben.

„Dumb Money“ ist hier und da etwas zu speziell und verkopft, um in einer Liga wie „The Big Short“ mitspielen zu können. Als Zeitdokument für Ereignisse während der Pandemie und als Erinnerung daran, dass David auch im 21. Jahrhundert noch gegen Goliat(h) eine Chance hat, taugt dieser gut gemachte Film jedoch allemal.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Bonus gibt es Trailer. „Dumb Money – Schnelles Geld“ erscheint bei Leonine Studios und ist seit 16. Februar 2024 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine)

Heimkino-Tipp: „The Equalizer 3“ (2023)

The Final Chapter

Es gibt nur wenige mir bekannte SchauspielerInnen, die allein durch ihre Präsenz eine derartige Autorität und Glaubhaftigkeit ausstrahlen wie Denzel Washington. Der inzwischen 68-Jährige kann mit seiner Körpersprache, seinen Blicken und der Art seiner Dialogpräsentation derart punktgenau agieren, dass es eine wahre Freude ist. Wenn er dann, so wie nun hier im Rahmen einer Filmreihe, zum dritten Mal in dieselbe Rolle schlüpft, potenziert sich diese Präsenz noch um einiges mehr – und das Publikum weiß lange vor seinen Gegenspielern, dass ihnen Böses droht.

Basierend auf einer amerikanischen TV-Serie aus den 1980er-Jahren, schlüpfte Washington 2014 das erste Mal in die Rolle des Titelhelden Robert McCall, eines ehemaligen CIA-Agenten, der im stillen für Gerechtigkeit sorgt – oder zumindest das, was er dafür hält. Effizient und wenig zimperlich nimmt er sich dabei ‚kleine‘ und ‚große‘ Verbrecher zur Brust und bringt das zu Ende, was die Gerichte nicht können oder wollen. Für jemanden wie den Autor dieser Zeilen, der mit ‚Selbstjustiz-Streifen‘ mit Stallone, Schwarzenegger und Co. aufgewachsen ist, eine wunderbare inhaltliche Zeitreise. Nur im Vergleich mit den kultigen Machwerken von damals nun mit sehr viel höherem Budget, mehr technischen Mitteln – und einem zweifachen Oscar-Preisträger in der Hauptrolle.

Zu Beginn dieses neuen dritten Teils ‚kümmert‘ sich der Einzelgänger um einen Geschäftsmann in Italien – und muss diesen Aufenthalt in einem kleinen Küstenstädtchen unfreiwillig verlängern. Aber auch dort gibt es bald etwas für ihn zu tun, bedroht doch die örtliche Camorra das friedliche Miteinander der (selbstverständlich) hilfsbereiten, zuvorkommenden und tüchtigen Bewohner. McCall tut also das, was er immer tut in solchen Situationen: Er beobachtet, warnt – und greift wenn nötig selbst ein.

Mensch kann diese eher simple Gut-gegen-Böse-Geschichte einfallslos und langweilig finden. Doch, wie oben schon erwähnt, mit einem Darsteller dieses Kalibers vor und einem versierten Regisseur à la Antoine Fuqua hinter der Kamera, ist das nochmal eine andere Hausnummer. Es ist bereits ihre fünfte Zusammenarbeit und die Vertrautheit untereinander ist dem Film anzumerken. Sehr viel ruhiger als noch im vorangegangen Teil, der einen wie ich finde grandiosen, fast halbstündigen Showdown bot, verzichtet Fuqua diesmal auf ausufernde Actionsequenzen und lässt Washington/McCall lediglich kurze, aber sehr schmerzhafte Gewaltspitzen setzen. Der Subplot um eine internationale Terrororganisation ist dabei zwar völlig unnötig, beschert dem Publikum jedoch eine wunderbare zweite Kollaboration von Washington mit Dakota Fanning, die er einst im nicht minder sehenswerten „Man on Fire“ (2004) zu beschützen versuchte. Wer will, kann „The Equalizer 3“ sogar als inoffizielle Fortsetzung ihrer beiden Geschichten interpretieren: Ihre gemeinsamen Szenen sind – trotz wenig substanziellen Dialoginhalts – sehr schön anzusehen.

Die Gegner austauschbar, deren Motivation hanebüchen, der Verlauf der Story vorhersehbar. Macht es trotzdem Spaß? Oh ja! Dank Denzel, erfrischend einfacher Handlung, einer klasse Umsetzung mit tollen Schauwerten und der damit einhergehenden Befriedigung, dass zumindest im Film die – sorry! – Arschlöcher dieser Welt noch ordentlich auf die – sorry nochmal! – Fresse kriegen.

Die 4K Ultra HD/Blu-ray/DVD-Disc bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Untertitel sind ebenso optional vorhanden. Als Bonus gibt es mehrere kurze Featurettes zur Entstehungsgeschichte des Films. „The Equalizer – The Final Chapter“ erscheint am 7. Dezember bei Sony Pictures Entertainment im Vertrieb von Plaion Pictures und ist auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Sony/Plaion Pictures)

Heimkino-Tipp: „Blood“ (2022)

Red Red Wine

Wer selbst Kinder hat, kennt das sicherlich nur zu gut: Der Nachwuchs benötigt konstant Aufmerksamkeit, Fürsorge und Zuneigung und fordert diese auch – zu Recht – jederzeit ein. Das Benehmen ist oftmals eigenwillig, die Geduld gering und der Hunger mitunter groß. Für Eltern eine tägliche Herausforderung, besonders dann, wenn man/frau alleinerziehend ist und den Alltag mit den Kids solo meistern muss.

Regisseur Brad Anderson („Der Maschinist“, „The Call – Leg nicht auf!“) und sein Drehbuchautor Will Honley haben dieses Elterndasein mit „Blood“ in ein wunderbares filmisches Gleichnis übertragen, das sich packend und unterhaltsam das Vampir-Genre zunutze macht.

Die getrennt lebende Krankenschwester Jess (Michelle Monaghan) zieht mit ihren beiden Kindern zurück in ihr vereinsamtes Elternhaus auf dem Land. Während ihre Teenagertochter Tyler (Skylar Morgan Jones) mit dem neuen Umfeld hadert, begibt sich ihr jüngerer Bruder Owen (Finlay Wojtak-Hissong) zusammen mit seinem Hund auf Entdeckertour auf dem umliegenden Gelände. Als das Tier jedoch eines Nachts ausbüxt und Tage später erst zurückkehrt, nimmt das Unheil seinen Lauf: Der Hund fällt Owen an, dieser muss mit einer schlimmen Bisswunde ins Krankenhaus – und ist fortan nicht mehr derselbe. Denn scheinbar hilft ihm nur eine ‚Medizin‘: frisches Blut.

Wer nun einen deftigen Vampirhorrorstreifen erwartet, wird womöglich enttäuscht werden. Denn Regisseur Anderson interessiert sich nur beiläufig für die Jagd nach dem Lebenssaft und fokussiert in seinem Film vielmehr die Auswirkungen des Blutdursts auf Mutter Jess und ihr Handeln. Sie ist zunächst die Einzige, die das unheimliche Verlangen ihres Sohnes wahrnimmt und versucht mittels geklauter Blutkonserven, das Problem im Zaum zu halten. Eine Scheinlösung, da Owens Durst einerseits immer größer wird, Jess andererseits schnell andere Mittel und Wege finden muss, da ihr der Zugang zu den sensiblen Räumen im Krankenhaus aus Sicherheitsgründen verwehrt wird.

Womit Jess’ Kernkonflikt zutage tritt: Wie weit würde sie als Mutter gehen, um ihr Kind zu retten? Zu welchen Maßnahmen wäre sie fähig? Inhaltlich spannender wird dieser Konflikt auch dadurch, dass ihr mit ihrem (unwissenden) Ex-Mann Patrick (Skeet Ulrich) eine Person gegenübersteht, die ebenfalls bereit ist, zu allen (rechtlichen) Mitteln zu greifen, um seine Kinder zu schützen. Somit wird „Blood“ mehr und mehr zu einem Beziehungsdrama, das zwei sehr unterschiedliche Wege darstellt, um das ‚eigene Fleisch und Blut‘ zu retten.

Inszeniert ist das Ganze relativ unspektakulär, was keineswegs negativ gemeint ist, da so der Fokus komplett auf der inhaltlichen Ebene verweilt. Auch verzichtet „Blood“ auf witzige Momente und vermeidet Überzeichnungen ebenso wie übernatürliche Szenen, was der Glaubhaftigkeit der Erzählung zugutekommt.

Natürlich funktioniert „Blood“ auch ohne diesen psychologischen Überbau ganz hervorragend. Wer jedoch die oben benannte Gleichnis-These akzeptiert, wird vom Ende des Films sicherlich überrascht sein. Oder anders formuliert: Ein solches Finale ist mutig. Respekt!

Fazit: Ein schönes kleines filmisches Schmankerl, das zwar nicht außergewöhnlich ist, aber doch weit mehr als das übliche Vampirgeschichtchen zu bieten hat und spannend unterhält.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Bonus gibt es Trailer. „Blood“ erscheint bei Square One Entertainment im Vertrieb von Leonine und ist seit 27. Oktober 2023 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © LEONINE Studios)

Heimkino-Tipp: „Die Zeit nach Mitternacht“ (1985)

After Hours

Während es im Kino gerade Martin Scorseses neuestes Werk „Killers of the Flower Moon“ zu bestaunen gibt, erscheint fürs Heimkino eine seiner etwas unbekannteren Arbeiten aus den 1980ern erstmals auf Blu-ray: „Die Zeit nach Mitternacht“. Wobei die Formulierung ‚etwas unbekannter‘ vielleicht etwas überspitzt ist, denn ein Scorsese-Film hat auch schon damals, im dritten Jahrzehnt seiner Karriere, für Aufmerksamkeit gesorgt. Im Gesamtœuvre aber, das von Klassikern wie „Taxi Driver“, „Wie ein wilder Stier“, „Goodfellas“, „Gangs of New York“ oder „The Departed“ nur so überquillt, ist die 1985 erschienene Komödie allerdings schon etwas versteckt.

Sie erzählt die Geschichte des alleinstehenden Texters Paul (Griffin Dunne), der nach Feierabend in einem Café die attraktive Marcy (Rosanna Arquette) kennenlernt. Ein sympathisches Gespräch und ein einladendes Telefonat später ist Paul bereits auf dem Weg in ihr Appartement, wo er auf ihre eigensinnige Mitbewohnerin, die Künstlerin Kiki (Linda Fiorentino) trifft. Von da an entwickelt sich Pauls Nacht zu einem unvorhersehbaren Abenteuer, das ihn dank vieler seltsamer Situationen und Personen beständig davon abhalten wird, wieder in sein sicheres Zuhause zu kommen.

Gewöhnlich reagiere ich stets etwas skeptisch, wenn mir ein Drehbuch erzählen will, dass unscheinbare, stille und nicht übermäßig sexy erscheinende Männer ganz spontan von sehr hübschen, witzigen und scheinbar Partnerlosen Damen angesprochen werden. Auch in diesem Film kommt die Handlung erst durch so eine ‚göttliche‘ Fügung ins Rollen, zum Glück wird in diesem Fall jedoch sehr schnell deutlich, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht oder zufällig geschieht. Oder doch?

Ganz ähnlich dem Gefühl, das mensch bei großer Müdigkeit und zu wenig Schlaf mitten in der Nacht überkommt, schlägt das Skript von Joseph Minion und Scorsese im Verlauf so viele Haken, dass es zunehmend schwerfällt, das Gezeigte als glaubhafte (Film-)Realität zu akzeptieren. Figuren handeln seltsam, Dialoge verwirren, viel zu viele Personen sind viel zu wach zu nachtschlafender Zeit.

Dieses an sich amüsante Konzept hat jedoch zwei kleine Schwächen: Es ist nur leidlich spannend und leider selten wirklich komisch. Hinzu kommen irrationale Entscheidungen der Hauptfigur, die es schwer machen, ihr als ZuschauerIn zu folgen oder zumindest mit ihr zu sympathisieren. Die Welt in „Die Zeit nach Mitternacht“ ist überfüllt von sehr eigenwilligen Charakteren, ‚Normalos‘ scheint es nachts in New York nicht zu geben.

Ist es genau das, was der Film erzählen will? New York als Schmelztiegel verrückter Menschen, in denen ein langweiliger Bürohengst selbst erst verrückt werden muss, um zu Überleben? Fast schon ein Kompliment für diese Millionenstadt. Bezüglich Scorseses Schaffen gibt‘s meine Komplimente aber eher für seine anderen Werke.

Die Blu-ray/DVD-Disc bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche und englische Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es einen Audiokommentar, ein Making of, entfallene Szenen, Trailer und ein Booklet von Stefan Jung. „Die Zeit nach Mitternacht“ erscheint im Mediabook (Blu-ray/DVD) bei Plaion Pictures und ist seit 26. Oktober 2023 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Plaion Pictures)

Heimkino-Tipp: „Master Gardener“ (2022)

Boy Trouble

Liebe ist wie eine Pflanze: Ist der Samen erst einmal im Boden eingepflanzt, bedarf es konstanter Pflege und Fürsorge, um sie zum Wachsen, Erblühen und Erhalt zu bringen. Traurigerweise gilt dies ebenso für Hass. Eine Metapher, die Regisseur und Drehbuchautor Paul Schrader für sein neuestes Werk „Master Gardener“ nutzt, um von der Annäherung zweier sehr verschiedener Menschen zu erzählen, deren Vergangenheit kaum Sonnenstrahlen bereithielt.

Narvel (Joel Edgerton) arbeitet als Chefgärtner auf dem Anwesen der wohlhabenden Norma Haverhill (Sigourney Weaver). Während der Vorbereitungen zum jährlichen Charity-Event auf dem Gelände bittet Norma ihren Angestellten, eine neue Praktikantin unter seine ‚grünen Daumen‘ zu nehmen: Ihre Großnichte Maya (Quintessa Swindell), Anfang 20, steht ihr zwar nicht nahe, braucht Normas Meinung nach jedoch etwas Führung und Ordnung in ihrem Leben – auch, um der Drogensucht zu entkommen. Tatsächlich fügt sich die junge Frau schnell in Narvels Team ein und zwischen Lehrer und Schülerin erblüht bald darauf sogar etwas mehr. Nicht nur aufgrund der ‚Beziehung‘ zu seiner Chefin ist das für Narvel jedoch eine sehr problematische Entwicklung.

Problematisch ist vielleicht auch der passende Begriff für Paul Schraders wechselvolle Karriere. Nach einem fulminanten Start als Drehbuchautor in den 1970er-Jahren (u.a. „Taxi Driver“, 1976, und „Wie ein wilder Stier“, 1980) und vielen weiteren erfolgreichen Skripten, die er teilweise selbst verfilmte, hatte er seit den 2010er-Jahren zunehmend Probleme, seine Wunschfassungen eigener Filme auf die Leinwand zu bringen. Dies änderte sich glücklicherweise 2017 mit dem Drama „First Reformed“, in dem Ethan Hawke als zweifelnder Pfarrer brilliert und der – zusammen mit dem nicht minder fesselnden Nachfolgewerk „The Card Counter“ (2021) und nun „Master Gardener“ – eine Art lose Trilogie über einsame Männerfiguren darstellt, die versuchen mit ihrer Vergangenheit ins Reine zu kommen.

Auch in „Master Gardener“ bleibt Schrader seinem Konzept treu, einer ruhigen und bedächtigen Inszenierung messerscharfe Dialoge gegenüberzustellen, die aufmerksames Zuhören erfordern, da sie einiges über jene Personen verraten, die sie von sich geben. Hinzu kommen viele kleine Nuancen, seien es Frisuren, T-Shirts, Tapetenmuster im Hintergrund oder kaum wahrnehmbare Charakterticks, mit denen es Schrader gelingt, sehr viel mehr über seine Figuren zu erzählen anstatt mithilfe konkreter Handlungen. Inhaltlich kreist der Film um Themen wie zweite Chancen, Neuanfänge und familiäre Prägungen sowie Rassismus, Vorurteile und Machtspiele, und spiegelt all diese Themen auch immer wieder in der Gartenarbeit wider, einem Mikrokosmos der menschlichen Natur sozusagen.

Zugegeben, die finalen 15 Minuten wirken nicht nur im Vergleich zu den vorherigen eineinhalb Stunden, sondern ebenso zu den beiden oben genannten Vorgängerfilmen etwas holprig und nicht ganz zu Ende gedacht. Allerdings entschädigen das nuancierte Spiel der fabelhaften Darsteller und die kontinuierlich bedrückend/bedrohlich wirkende Atmosphäre für diesen kleinen Lapsus am Ende zur Genüge.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Bonus gibt es Trailer. „Master Gardener“ erscheint bei Leonine Studios und ist seit 6. Oktober 2023 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © LEONINE Studios)

Heimkino-Tipp: „The Whale“ (2022)

Sanfter Riese

Der Literaturprofessor Charlie (Brandon Fraser) unterrichtet seine Studenten ausschließlich aus dem Homeoffice. Die Kamera stets deaktiviert, können sie nur akustisch seinen ruhig vorgetragenen Ausführungen folgen, ohne zu wissen, wer da eigentlich vor ihnen sitzt. Für den zurückgezogen lebenden Mann eine Art Selbstschutz: Denn Charlie wiegt 300 Kilo, verlässt sein Appartement nie und wird – so zumindest die Prognose seiner einzigen Bezugsperson Liz (Hong Chau), einer Krankenschwester – das Ende der Woche nicht mehr erleben.

Ausgrenzung, Spott, Verachtung: Ein Blick in Charlies Augen verrät, dass er dies alles zur Genüge kennt. Doch statt Wut oder Verteidigung erwidert er in Momenten der Bedrängnis lediglich immer wieder ein flehendes ‚Es tut mir leid‘. Als wolle er sich für seine bloße Existenz entschuldigen, provoziert er damit sein Umfeld ungewollt zusätzlich, sei es Liz, seine Ex-Frau (Samantha Morton) oder die ihm entfremdete Tochter (Sadie Sink), zu der er nach vielen Jahren wieder versucht, zarte Bande zu knüpfen.

Basierend auf einem Theaterstück von Drehbuchautor Samuel D. Hunter, der darin auch eigene Erfahrungen verarbeitet hat, inszenierte Regisseur Darren Aronofsky („mother!“, „Black Swan“) „The Whale“ als ein intensives Kammerspiel im 4:3-Bildformat, das die bedrückende Enge von Charlies Zuhause/Gefängnis regelrecht spürbar macht. Besonders in Szenen, in denen der mächtige und erstaunlich große Charlie sich von seiner Couch erhebt, wird nicht nur das räumliche sondern ebenso körperliche eingepfercht Sein dieses wachen Geistes deutlich.

Für Frasers schauspielerische Glanzleistung – und für das Make-up – gab es u.a. einen Oscar. Wie sehr den sympathischen Mimen die weltweiten Lobhudeleien selbst überraschten und rührten, ist im Netz dank zahlreicher Clips (Stichwort: Filmfestspiele Venedig) dokumentiert. Es ist ein Comeback, das ein wenig an Mickey Rourke erinnert, als er ebenfalls für Aronofsky den „Wrestler“ spielte und dafür ebenso eine Oscar-Nominierung erhielt.

Auch dieser Film handelte u.a. von der Wiederannäherung eines Außenseiter-Vaters an seine junge Tochter. „The Whale“ fügt dem noch eine weitere, spannende Ebene hinzu, indem immer wieder auf Religion, Glaube und deren Auswirkungen Bezug genommen wird. Dem Skript gelingt hierbei die Gratwanderung, die heilsame und die zerstörerische Wirkung der Worte Gottes gleichsam zu verdeutlichen – je nachdem, wer sie auf welche Weise interpretiert.

Das Übergewicht des Protagonisten und seine selbstgewählte Isolation erzählen aber noch anderes: Vom vorurteilsfreien Miteinander (Charlie + Liz), der Angst vor Reduktion auf Äußerlichkeiten (deaktivierte Kamera, kein Verlassen der Wohnung) und der Macht der Sprache/des geschriebenen Wortes.

„The Whale“ ist ein Film mit vielen Facetten, der auch von seinem Publikum erwartet, dass es über den ‚unübersehbaren‘ Hauptdarsteller hinweg schaut, um sich den berechtigten (unangenehmen) Fragen des Miteinanders zu stellen.

Die 4K Ultra HD/Blu-ray/DVD-Disc bietet den Film in englischer Original- und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es ein Making of, Interviews und Trailer. „The Whale“ erscheint (auch im Mediabook) bei Plaion Pictures und ist seit 27. Juli 2023 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Plaion Pictures)

Heimkino-Tipp: „Eo“ (2022)

A donkey life

Schande über mich: Nenne mich Cineast und Filmfan, habe aber bis zum Verfassen dieser Rezension noch nie den Regisseursnamen Jerzy Skolimowski wahrgenommen. Dabei zählt der heute 85-Jährige zu den international erfolgreichsten polnischen Filmemachern und hat während seiner inzwischen über 60 Jahre andauernden Karriere bereits mehrfach in Cannes, Venedig und anderen prestigeträchtigen Festivals zahlreiche Preise abgeräumt. Für sein bisher letztes Werk „Eo“ war er sogar für den Oscar („Bester fremdsprachiger Film“, 2023) nominiert und gewann u.a. den Preis der Jury in Cannes sowie den Europäischen Filmpreis für den Soundtrack vom Paweł Mykietyn.

Dabei klingt die Synopsis zu „Eo“ zunächst sehr ungewöhnlich: Eine dialogarme Odyssee eines Esels in der Welt der Menschen. Ein Zirkustier, das u.a. als Arbeitskraft und Maskottchen missbraucht wird und doch seinen eigenen Weg geht, während der Irrsinn der Zweibeiner an ihm vorbeizieht. „Gespielt“ von sechs Tieren, die – so erklärt es zumindest eine Texttafel am Ende – während des Drehs allesamt angemessen behandelt wurden, eröffnet der Film seinem Publikum einen überaus erhellenden, wenn auch ernüchternden und nicht ganz angenehmen Blick auf die Spezies Mensch und dessen Art, mit seiner Umwelt umzugehen.

Hin und wieder verlässt „Eo“ dabei die Perspektive des ‚Hauptdarstellers‘ und beobachtet kurze Episoden der menschlichen Figuren, um zumindest ein wenig deren Handlungsmotivation erklären zu können. Dies fügt sich überraschend gut in das Gesamtkonzept ein und dient auch dazu, Spannungsbögen aufzubauen. Der große zweite Hauptdarsteller neben dem Esel ist jedoch die Filmmusik. Zusammen mit der wunderbaren Kameraarbeit von Michał Dymek, Paweł Edelmann und Michał Englert, die erhabene Bilder im 4:3-Format eingefangen haben, lässt Komponist Mykietyn eine Soundkulisse entstehen, die bis ins Mark geht.

Dieses Zusammenspiel von verschiedenen Künsten macht „Eo“ zu einem Ausnahmewerk, das formal begeistert, während es inhaltlich fasziniert und erschreckt, aber ebenso erfreut und lange nachwirkt, weil es in seiner erzählerischen Schlichtheit nicht nur moralische, sondern existenzielle Fragen aufwirft, über die es nachzudenken lohnt.

Die Blu-ray bietet den Film in polnischer/italienischer Originalfassung mit optionalen deutschen Untertiteln. Als Bonus gibt es ein Interview mit dem Regisseur und der Produzentin sowie den Trailer zum Film. Zudem ist dem schön gestalteten Digipack noch ein Postkartenset beigefügt. „Eo“ erscheint bei Rapid Eye Movies (21. Juli 2023) und ist auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Rapid Eye Movies/Hanwayfilms)