Dienstag, 18. Dezember 2007

„1 Mord für 2“ (Kinostart: 20.12.2007)

Der Ire Kenneth Branagh ist bekennender Shakespeare-Fan. Bereits sechs Werke des englischen Dichters adaptierte er selbst für die Kinoleinwand, an vielen weiteren Verfilmungen (z.B. „Othello“) beteiligte er sich zudem als Darsteller. Allen gemein ist die Nähe zum gedruckten Original, was im Falle von „Hamlet“ in einer Spielfilmlaufzeit von knapp vier Stunden kulminierte.
Vier ist auch die Zahl die sein neues Werk „1 Mord für 2“ begleitet: Branagh selbst als Regisseur, Literaturnobelpreisträger Harold Pinter als Drehbuchautor, sowie Michael Caine und Jude Law als Akteure vor der Kamera – mehr Zutaten brauchte es nicht für dieses großartige Stück Zelluloid.
Der Millionär Wyke (Caine) lädt den erfolglosen Schauspieler Tindle (Law) in seine spärlich möblierte Designervilla zum Gespräch ein. Grund für das Zusammentreffen ist Wykes Gattin, die neuerdings mit Tindle anbändelt und deshalb nun die Scheidung fordert. Amüsiert über die in seinen Augen lächerliche Beziehung des mittellosen Jungen zu seiner luxusliebenden Ex, willigt er unter der Bedingung ein, dass Tindle etwas aus seinem Safe stehle, um die Versicherungssumme kassieren zu können. Dass Wyke mit dieser Aktion jedoch ganz anderes im Sinn hat, ahnt der scheinbar naive Junge nicht. Oder doch? Denn auch er hat noch einige Überraschungen im Gepäck.
„1 Mord für 2“ ist vielmehr verfilmtes Theater als Kino. Sparsame Requisiten, scharfzüngige Dialoge und präzises Schauspiel stehen im Vordergrund und bieten intelligente, wendungsreiche Unterhaltung auf höchstem Niveau.
Caine und Law spielen sich dabei die Seele aus dem Leib und sind trotz generationsbedingter, unterschiedlicher Schauspielkunst in jeder einzelnen Szene ebenbürtige Kontrahenten. Fabelhaft!

P.S.: Übrigens war es kein geringerer als Michael Caine selbst, der 1972 im Original „Sleuth“ („Mord mit kleinen Fehlern“) die Rolle des Tindle spielte. Und für Jude Law ist es nach „Alfie“ (2004) das zweite Remake, in der er eine Rolle von Michael Caine übernimmt.

Sonntag, 9. Dezember 2007

„Für den unbekannten Hund“ " (Kinostart: 06.12.2007)

Können Filme das Denken innerhalb einer Gesellschaft beeinflussen? Sicherlich, zumindest wenn die Fähigkeit zum Denken überhaupt vorhanden ist.
Etliche Skinheads, die 2000 den Film „Oi!Warning“ im Kino sahen, schlugen lieber zu als zu diskutieren oder umzudenken. Opfer: die Brüder und Filmemacher Dominik und Benjamin Reding (38). Glücklicherweise hielt dies beide nicht davon ab, ihren künstlerischen Weg konsequent weiter zu gehen. „Für den unbekannten Hund“ heißt ihr neues Werk, das ebenso kontrovers daherkommt und sich der zunehmenden Gewalt unter Jugendlichen widmet.
Bastian (Lukas Steltner) tötet grundlos und ohne Reue zu empfinden einen Stadtstreicher. Zwar bleibt die Tat ungesühnt, ein Zeuge jedoch zwingt ihn zur Flucht. So landet er bei einer Gruppe von Handwerksgesellen, die, nur mit Rucksack und etwas Werkzeug bewaffnet, quer durchs Land ziehen. Als er erfährt, daß ausgerechnet Festus (Sascha „Ferris MC“ Reimann), sein Weggefährte, bester Freund des Getöteten war, beginnt Bastian über sein bisheriges Leben nachzudenken und in Frage zu stellen.
Ungewöhnlich wie das Thema ist auch die Umsetzung: Im Schrittempo wandern die Gesellen durch surreale Landschaften und eine tiefgründige, symbolisch garnierte Geschichte, die faszinierende Einblicke in ein fast vergessenes Ritual unter Gesellen liefert und von Schuld, Wiedergutmachung, Verantwortung und Vergebung in nahezu epischer Breite erzählt. Ferris MC zeigt beindruckende Leinwandpräsenz, der Film selbst eine Seite von Deutschland und seinen Bewohnern, die es so im Kino noch nicht zu sehen gab und wieder für Diskussionen sorgen wird. Diesmal hoffentlich mit Wörtern statt Fäusten.

Donnerstag, 6. Dezember 2007

„An ihrer Seite“ (Kinostart: 06.12.2007)

Überschriften und Titel dienen im Idealfall dazu, dem Leser/Hörer/Betrachter einen ersten Eindruck von einem Kunstwerk zu geben, einen einfachen Sinn vorzugeben und Interpretationsrichtungen aufzuzeigen, die der Kunstschaffende bei der Modellierung vor Augen hatte. Wenn also ein Film im Original den Titel „Away from her“ trägt, ist es wenig hilfreich, ihn in der Übersetzung „An ihrer Seite“ zu nennen, widerspricht es doch gänzlich der ursprünglichen Aussage.

Soweit zur (leider oftmals) unsinnigen Titelgebung deutscher Verleiher. Doch dafür kann ja die Regisseurin nix, die einen ansonsten fabelhaften Film vorgelegt hat. Dies beeindruckt umso mehr, da Debütantin Sarah Polley (eigentlich Schauspielerin: „Mein Leben ohne mich“, „Das süße Jenseits“) gerade mal 28 Jahre alt ist und sich zudem ein Thema gewählt hat, das nicht nur schwierig, sondern ebenso für ihre Generation ungewöhnlich ist. Wo andere Jungtalente sich mit dem Auf und Ab der Liebe beschäftigen (was zweifellos seine Berechtigung hat!), widmet sich die Kanadierin der Alzheimer-Krankheit.

Fiona (Julie Christie) und Grant (Gordon Pinsent) sind seit 50 Jahren verheiratet und immer noch unzertrennlich. Sie haben ein Haus, genießen jeden Moment miteinander und sind schlicht glücklich. Doch Fiona verliert zunehmend die Orientierung, vergißt immer häufiger wo welcher Gegenstand aufbewahrt wird und findet selbst bei einem Spaziergang nur schwer den Weg zurück nach Hause. In der Hoffnung, auch diese Hürde gemeinsam zu überstehen, entscheidet sich Fiona für eine zunächst zeitlich begrenzte Einweisung in ein Pflegeheim, wo sie rund um die Uhr betreut und behandelt werden kann. Zögerlich stimmt dem auch ihr Mann zu und besucht sie fortan täglich - jedoch erst, nachdem 30 Tage vergangen sind. Denn eine alte Hausregel der Station schreibt eine Eingewöhnungsphase für Neuankömmlinge vor, in der Besuch von Angehörigen untersagt ist.

Nach einem quälend langen Monat macht sich Grant schließlich auf den Weg und muß feststellen, daß er von seiner großen Liebe schlicht vergessen wurde. Schlimmer noch: Ein anderer Patient weicht nicht mehr (Achtung: Titelanspielung!) von ihrer Seite und degradiert Grant zu einem „Besucher“.

Wie schmerzhaft es sein muß, die Liebe seines Lebens nach einer halben Ewigkeit zu verlieren, macht Sarah Polley dank ihres herzergreifenden, sehr zärtlich verfaßten Drehbuchs (basierend auf einer Kurzgeschichte von Alice Munro) deutlich. Dabei kann sie sich 100%ig auf ihre Darsteller verlassen, die zum Großteil noch aus dem „alten Hollywood“ stammen: Julie Christie, Gordon Pinsent und Olympia Dukakis sind schon seit den 60ern auf der Leinwand aktiv, entstammen somit einer ganz anderen Ära des Filmemachens, scheinen jedoch wie für diese Rollen geschaffen. Ganz großes Lob also an Miss Polley, diese „Urgesteine“ so bravourös zu führen und in Szene zu setzen!

Apropos Szenerie: Die schneebedeckte Winterlandschaft ist ein sehr passendes Synonym für erkaltende Liebe, unter deren weißer Pracht ein neuer Frühling für alle Beteiligten neue Erkenntnisse und Erlebnisse bereithält. „Away from her“ ist ruhig inszeniert und fokussiert glücklicherweise nicht die Tränendrüsen seiner Zuschauer an. Vielmehr ist es ein mit Liebe und Sorgfalt geschaffenes Drama voller Menschlichkeit, Wärme und bewegender Momente. Ansehen!