Heimkino-Tipp: „The Last Waltz“ (1978)

It Might Get Loud

Ende der 1970er-Jahre durchlief Filmemacher Martin Scorsese offenbar seine „musikalische Karrierephase“. Neben dem Musical-Drama „New York, New York“ (1977), mit Liza Minelli und Robert De Niro in den Hauptrollen, inszenierte er 1978 auch den Konzertfilm „The Last Waltz“ rund um die Musiker von The Band.

The Band zählten zu den seinerzeit angesehensten Rockgruppen, wie schon die schiere Anzahl an Bühnengästen bei dem hier zu erlebenden Auftritt verdeutlicht: Bob Dylan, Neil Young, Joni Mitchell, Eric Clapton, Muddy Waters, Neil Diamond, Ringo Starr und Ron Wood sind nur einige ihrer Fans, die sich im November 1976 in San Francisco zu „The Last Waltz“ zusammenfanden. Der im extra hierfür hergerichteten Winterland Ballroom absolvierte Gig sollte das (vorläufig) letzte Kapitel der 16jährigen Bandgeschichte sein.

Zustande gekommen ist die Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Gitarrensaitenzupfer eher spontan: Ohne Aussicht auf eine Gage sagte Scorsese zu, den Film zu realisieren, sah er doch die Chance, etwas bis dahin nie Dagewesenes kreieren zu können. Denn statt einfach nur statisch das Konzert abzufilmen, verfasste er ein 300 Seiten umfassendes Skript, in dem er jede Kameraeinstellung bereits vorab festlegte. Als Leitfaden dienten ihm dazu die Songtexte und die jeweilige Instrumentierung, auf die er seine Aufnahmewinkel abstimmte. Entstanden ist dabei das, was heutzutage Standard ist bei Konzert-DVDs: Ein dynamisches, hervorragend geschnittenes und alle Bühnenaktivitäten abbildendes Seh- und Hörerlebnis, als wäre man live dabei.

So ist es auch gar nicht nötig, die Songs von The Band zu kennen. Die Spielfreude, die die Herren und Damen an den Tag legen, reißt mit und erinnert gleichzeitig an einen Musikstil, der spätestens mit Beginn der 1980er-Jahre, mit dem Aufkommen von Punk und New Wave, nur noch marginale Bedeutung in den Charts hatte. Insofern ist „The Last Waltz“ nicht nur das (erste) Finale für The Band (sie fand später in diversen Formationen erneut zusammen), sondern ebenso eine Huldigung an deren irgendwo zwischen Rock, Blues und Folk angesiedelten Sound, der zuvor viele Jahre die Musikwelt global dominierte.

Zugegeben, es erscheint aus heutiger Sicht angesichts pompöser Bühnenshows großer Stars vielleicht etwas zu unspektakulär, was da auf der Bühne geschieht. Als Zeitdokument, Rückschau und Verbeugung vor einem Musikstil/einer Rockgruppe jedoch ist „The Last Waltz“ einzigartig und zugleich filmische Blaupause für Vieles, was danach noch kommen sollte.

„The Last Waltz“ erscheint als Repack in einem sehr schicken Mediabook mit inhaltsgleicher Blu-ray/DVD. Der Film liegt in original englischer Sprachfassung mit optionalen deutschen Untertiteln vor. Als Extras gibt es eine retrospektive Making of-Doku, den Mitschnitt einer nicht im Film verwendeten Jam-Session, Audiokommentare sowie Trailer. Ein informatives Booklet (Autor: Christoph N. Kellerbach) ist ebenso enthalten. „The Last Waltz“ erscheint bei justbridge entertainment GmbH und ist seit 23. Oktober 2020 erhältlich. (Packshot + stills: © justbridge/MGM)

Heimkino-Tipp: „Monos“ (2019)

Dschungelhelden

Wird eine internationale Produktion mit deutschen Geldern co-finanziert, kann man sich darauf verlassen, an irgendeiner Stelle im Film einen Bezug zu Deutschland zu finden. Häufig sind es dann german actors, die in einer Nebenrolle auftauchen, oder die Handlung wechselt kurz zu einem Schauplatz in unserer Republik. In „Monos“, dessen Geschehen sich in den südamerikanischen Anden abspielt, nimmt das jedoch wirklich seltsame Formen an: So ist eine dort lebende Farmersfamilie beim abendlichen TV-Konsum zu sehen, die sich eine Dokumentation über Bonn(!) und die Gummibärchenproduktion(!!) anschaut. [hier bitte einen kichernden Smiley einfügen]

Abgesehen von dieser kleinen inhaltlichen Verfehlung ist „Monos“ jedoch ein beachtliches, außergewöhnliches Werk. Der Hybridfilm, in dem Laien- und professionelle Darsteller nebeneinander agieren, erzählt von einer Gruppe Kindersoldaten, die anfangs in einer abgelegenen Bergregion, später inmitten des Dschungels eine entführte US-Amerikanerin (Julianne Nicholson) bewachen sollen. Die nicht näher bezeichnete Organisation, für die sie dabei tätig sind, erhofft sich offenbar Lösegeld für die Geisel, die sie alle nur „Doctora“ nennen. Als die Kids aufgrund eines Angriffs in einen anderen Landesteil flüchten müssen, versucht die abgemagerte, langsam den Verstand verlierende Frau ihren Häschern zu entkommen, was die jungen Revoluzzer auf vielerlei Weise in arge Bedrängnis bringt.

Regisseur und Co-Autor Alejandro Landes ließ sich für seinen Film von William Goldings Literaturklassiker „Herr der Fliegen“ (1954) inspirieren und überträgt die Geschichte von Jugendlichen, die (fast) ohne Erwachsene ihren Alltag in einer dauerhaften Extremsituation bewältigen müssen, kongenial auf das Schicksal von Kindersoldaten. Ihre Kameradschaft ist fragil, ihr Leben von Training, Kämpfen und Feiern bestimmt. Die ihnen auferlegte Pflicht – das Bewachen einer Gefangenen – gelingt ihnen nur mit Mühe und die brutale Autorität ihres Kommandanten, der nur hin und wieder die Szenerie betritt, lässt schnell die tiefen Risse in der Gemeinschaft erkennen.

Landes’ Film überträgt den schwierigen Prozess des Erwachsenwerdens auf eine diffuse Kriegsszenerie, in der Indoktrinierung, fehlende Sozialisation und Gewalt als einziges Mittel der Konfliktlösung prägende Elemente sind. Was bewirkt dies bei jungen Menschen? Wieviel Anteilnahme und Mitgefühl bleiben ihnen erhalten? Können sie diesem schmerzhaften Alltag aus eigener Kraft oder nur mit Hilfe von außen entfliehen? Oder sind sie ohnehin bereits verloren? Es sind interessante Fragen, die in „Monos“ mitschwingen und auf der Bildebene mittels unterschiedlicher Perspektiven und Drehorte versinnbildlicht werden.

Überhaupt, die Optik: Kameramann Jasper Wolf gelingt es mühelos, an Herzogs „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972) und Coppolas „Apocalypse Now“ (1979) anzuknüpfen und einen Sog zu erzeugen, dem mensch sich mit zunehmender Laufzeit nicht entziehen kann. Spektakuläre Stuntszenen (Stichwort: Stromschnellen), die zum Teil ohne Stuntdoubles entstanden sind, erinnern zusätzlich an den Klassiker „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (1972) – alles große Vorbilder, denen „Monos“ angemessen Tribut zollt.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und spanischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es Trailer. „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ erscheint bei DCM Film Distribution GmbH/Universum Film und ist seit 9.Oktober 2020 (auch digital) erhältlich. (Packshot + stills: © DCM)

Heimkino-Tipp: „Monsieur Killerstyle“ (2019)

He’s got the Look!

Quentin Dupieux ist schon eine besondere Marke: Während sich andere Kollegen seines Metiers immerzu an neuen Gewaltexzessen ergötzen, um dem Thriller- und Horrorgenre ungesehene Schauwerte abzuringen, setzt der französische Filmemacher eher auf Kreativität. So ließ er beispielsweise 2010 im herrlich schrägen „Rubber“ einen Autoreifen(!) zum Leben erwachen, der sich auf einen mörderischen Trip durch diverse Ortschaften begibt. In seinem neuesten Werk „Monsieur Killerstyle“ ist es nun eine Jacke, die für allerlei Irrsinn sorgt – oder besser: ihr neuer Besitzer, der soeben von seiner Frau verlassene Georges (Jean Dujardin).

Der legt sich für viel (zu viel) Geld eine gebrauchte Wildlederjacke zu, die ihm von der Größe her zwar nicht wirklich passt, aber – so zumindest seine Wahrnehmung – stylisch ist. Pleite, dafür schick gekleidet, mietet er sich in einem Hotel ein und filmt sich mit einer gleichsam überholten Kamera, die er beim Kauf dazubekam, vornehmlich selbst beim Tragen seines neuen Kleidungsstücks. Der örtlichen Barkeeperin Denise (Adèle Haenel) lügt er derweil vor, Regisseur zu sein, was sie wiederrum anstachelt. Denn schließlich ist sie Hobby-Cutterin und schneidet in ihrer Freizeit gerne bekannte Filme wie „Pulp Fiction“ um. Da er dringend Geld benötigt und sie ihr Talent am Schneidetisch beweisen will, werden die beiden Geschäftspartner. Denn Georges hat inzwischen auch eine (Film-)Mission: Er will seiner Jacke ihren Herzenswunsch erfüllen, die einzige auf der ganzen Welt zu sein.

Ein Mann, der auf Geheiß seiner Jacke scharfe Gegenstände zweckentfremdet, um anderer Menschen Jacken in seinen Besitz zu bringen und das alles auch noch filmt? Was zum ...?!? Das Publikum muss schon eine Vorliebe für schwarzen Humor mitbringen, wenn es an „Monsieur Killerstyle“ seinen Spaß haben will. Absurde Szenen, die sowohl erschauern als auch auflachen lassen (Stickwort: Ehering), stetige Unvorhersehbarkeit der Handlung, eine ordentliche Portion Situationskomik und zwei glänzend aufspielende Hauptdarsteller tun ihr Übriges, um die gerade mal 77 Minuten Laufzeit zu einem kurzen, bösen Vergnügen zu machen.

So abgefahren die Prämisse aber auf den ersten Blick sein mag, unter der Oberfläche dieser grotesk-amüsanten Geschichte verbirgt sich eine beinahe schon traurige Erzählung über Einsamkeit, Träume und dem Bedürfnis nach Wahrnehmung. Das Skript von Regisseur Dupieux lässt es zudem in der Schwebe, ob Denise ihren neuen Kumpel durchschaut oder ebenso psychisch angeknackst ist, was ihrer Figur zusätzliche Unberechenbarkeit gibt. Zusammen mit Alleskönner Dujardin, dessen Figur beständig zwischen Angeberei, verletzter Seele und Einfältigkeit changiert, beweist Haenel hier abermals ihr großes Schauspieltalent. Und Dupieux sein Händchen für wirklich abgefahrene Stories!

Unterhaltsam, ungewöhnlich und – Achtung: Wortspiel! – ein Mordsspaß.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und französischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional verfügbar. Als Bonusmaterial gibt es einen Audiokommentar von Regisseur Quentin Dupieux und Hauptdarsteller Jean Dujardin sowie Trailer. „Monsieur Killerstyle“ erscheint bei Koch Media und ist seit 10. September 2020 (digital) / 24. September 2020 (DVD/Blu-ray) erhältlich. (Packshot + stills: © Koch Media)

Heimkino-Tipp: „The Fanatic“ (2019)

Mad City

Ernst gemeintes Statement oder doch nur werbewirksames Geschwafel? Es ist nicht immer einfach, Aussagen von Filmschaffenden einzuordnen, wenn sie über ihre neueste Arbeit sprechen. So ließ sich beispielsweise James Cameron zum Kinostart von „Terminator: Genisys“ (2015) dazu hinreißen, den Streifen als erste gelungene Fortsetzung des von ihm geschaffenen Franchises zu bezeichnen. Der Film floppte (zu Recht) kolossal und so wiederholte Cameron sein Lob sinngemäß einfach zur Veröffentlichung des nächsten Teils – alles zuvor sei unbedeutend und „Terminator: Dark Fate“ (2019) das einzig wahre Sequel zu seinen ersten beiden Filmen.

In diesem Licht betrachtet entspricht die Bemerkung von John Travolta, Hauptdarsteller und(!) Produzent von „The Fanatic“, möglicherweise auch nur halbwegs der Wahrheit: Seine Figur des Moose sei von allen bisher gespielten seine Lieblingsrolle. Nach ikonischen Auftritten u.a. in „Grease“, „Nur Samstag Nacht“, „Pulp Fiction“ und „Schnappt Shorty!“ verwundert so ein Satz schon ein wenig. Andererseits liefert Travolta im dritten Werk von Limp Bizkit-Frontmann Fred Durst tatsächlich einen denkwürdigen Auftritt ab, der beständig zwischen beachtlich und lächerlich pendelt.

Moose ist ein alleinstehender Mann mit autistischen Zügen, der auf einem Gehweg in Hollywood sein Geld als mittelmäßiger Performance-Künstler verdient. Sein ganzer Schatz ist seine umfangreiche Sammlung an Hunter Dunbar-Devotionalien, einem Horrorfilm-Star, dessen Filme Moose abgöttisch liebt. Als Dunbar (Devon Sawa) eine Autogrammstunde ankündigt, sieht Moose seine Chance gekommen, seinen Helden endlich persönlich kennenzulernen. Was dann als verunglücktes Gespräch beginnt, nimmt für Dunbar zunehmend bedrohliche Formen an – inklusive ungebetenen Hausbesuchen von seinem größten „Fan“.

Wie schmal der Grat zwischen Fan-Dasein und Stalking sein kann, haben u.a. bereits Filme wie „Sadistico“ (1971) und „The Fan“ (1996) mehr oder minder gelungen angedeutet. Und sicherlich hat Regisseur/Musiker Fred Durst auch selbst schon das eine oder andere beunruhigende Erlebnis mit einem Anhänger gehabt, das er hier verarbeitet. Allerdings leider nicht mit der Tiefe und Entschlossenheit, die das Thema zweifellos ermöglicht.

Dabei sind die Voraussetzungen eigentlich vorhanden: Der Alltag von Moose – Single mit Handicap, mieser Job, Fixierung auf einen Promi – liefert viel Potenzial, ein Licht auf Existenzen abseits von Hollywoods Glamourwelt zu richten. Hinzu kommt eine junge Fotojournalistin (Ana Golja), die Jagd auf Celebrities in peinlichen Situationen macht und dabei schon mal zu zweifelhaften Methoden greift. Sie verschafft Moose erst die nötigen Infos, um den Privatmann Dunbar aufzuspüren und nachzustellen, was vom Drehbuch aber ebenso stiefmütterlich behandelt wird und nicht hinterfragt wird. Eine weitere Chance auf die Anteilnahme seiner Zuschauer verspielt Durst damit, dass er Leinwandheld Dunbar als hochnäsig und ziemlich unsympathisch präsentiert. So stehen sich letztendlich zwei schwer zu mögende Figuren gegenüber, was das Mitfiebern nicht unbedingt fördert.

Darstellerisch ist Travoltas Auftritt, wie bereits angedeutet, ebenso zwiespältig. Nach eigenen Aussagen als Tribut für seinen 2009 verstorbenen, autistischen Sohn Jett gedacht, spielt er Moose einerseits kindlich und naiv, an anderer Stelle bedrohlich und sich sehr wohl seiner Taten bewusst. Das triggert beim Zusehen sowohl Mitleid und Verständnis als auch Kopfschütteln und Angst. Ein schwer zu fassender Charakter, der ebenso rätselhaft bleibt wie die Fragen, die der Film hinterlässt: Ist es okay, einen Star zu bedrängen, wenn er ein Arschloch ist? Sind nur geistig Behinderte zu so etwas fähig? Haben Filmfans und -sammler generell einen Knall weg? Wieviel Dankbarkeit seitens der Stars an ihre Anhänger ist angemessen?

‚Richtige‘ Antworten auf Fragen wie diese gibt es nicht. Bei einem ‚Insider‘ wie Fred Durst auf dem Regiestuhl hätte ich mich jedoch gefreut, ein wenig mehr „hinter die Kulissen“ blicken zu können. Aber immerhin: Was die filmische Umsetzung angeht, hat Regisseur Durst zweifellos Talent. In Anbetracht der momentan sehr ruhigen Karriere seiner Band Limp Bizkit vielleicht ein neues, dauerhaftes Betätigungsfeld? Meinetwegen gern!

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung mit optionalen deutschen Untertiteln. Als Bonusmaterial gibt es neben dem Trailer und einer Bildergalerie einen Blick „Hinter die Kulissen“ während der Dreharbeiten. „The Fanatic“ erscheint bei Koch Media und ist seit 3. September 2020 (digital) / 17. September 2020 (DVD/Blu-Ray) erhältlich. (Packshot + stills: © Koch Media)

Heimkino-Tipp: „Die Gräfin von Hongkong“ (1967)

Schöne Frau im Schrank

Charles ‚Charlie‘ Chaplin (1889 – 1977) gilt als einer der ersten Weltstars des Kinos. Ob in seiner legendären Rolle als Tramp, als Mitbegründer des Filmstudios United Artists oder Regisseur/Autor von Klassikern wie „Goldrausch“ (1925), „Moderne Zeiten“ (1936) und „Der große Diktator“ (1940): ohne Chaplin wäre das Medium Film heute nicht das, was es ist.

Waren seine Werke zunächst mehrheitlich dem Genre der Komödie zuzurechnen, so inszenierte Chaplin in der Spätphase seines Schaffens, nach dem Zweiten Weltkrieg, vornehmlich Dramen mit humoristischem Anstrich, die – so zumindest meine Wahrnehmung – heute leider kaum mehr bekannt sind und im Schatten seiner oben genannten, bekannteren Arbeiten stehen. Während der McCarthy-Ära in den frühen 1950er-Jahren in den USA als Kommunist gebrandmarkt, siedelte er – einem Wiedereinreiseverbot während der britischen Promotion-Tour zu seinem Film „Rampenlicht“ (1952) geschuldet – nach Europa über und setzte hier seine künstlerische Tätigkeit fort. Kann sein vorletzter Film „Ein König in New York“ (1957) noch als bittere Abrechnung mit amerikanischen Werten jener Zeit verstanden werden, stellt die erst zehn Jahre später entstandene Romantikkomödie „Die Gräfin von Hongkong“ eine Art Rückkehr zu Chaplins legendärem Slapstick-Humor dar, auch wenn er darin selbst nur einen Cameo-Auftritt als Schiffskellner absolviert. Die Hauptrollen überließ er zwei der damals größten Stars des Kinos: Sophia Loren und Marlon Brando.

Fast ausschließlich auf einem Kreuzfahrtschiff spielend, erzählt „Die Gräfin von Hongkong“ von der turbulenten Überfahrt des US-Senators Odgen (Brando) von Hongkong nach Amerika, der zu seiner Überraschung die mittellose russische Gräfin Natascha (Loren) in seiner Kabine auffindet. Sie möchte ihr altes Leben hinter sich lassen und einen Neuanfang wagen, auch wenn sie keine Papiere, keine Kleidung und keinen Plan hat, wie sie das anstellen soll. Als Natascha droht, den verheirateten Odgen bloßzustellen, falls er sie verrät, muss er notgedrungen einen Weg finden, die blinde Passagierin bis zur Ankunft zu verstecken. Dies gestaltet sich jedoch zunehmend schwieriger.

Örtlich begrenzt auf eine zwei-Zimmer-Luxuskabine, wirkt „Die Gräfin von Hongkong“ mehr wie ein Bühnenstück, in der amüsante Dialoge und wunderbarer Slapstick im Mittelpunkt stehen. Wenn Loren und Brando bei jedem Türklopfen panisch versuchen, ihr gemeinsames Geheimnis zu bewahren, ist das Chaplin-Kunst in Reinform. Nicht verschließbare Badezimmertüren, neugierige Journalisten und ein Generalschlüssel für Bedienstete tun ihr Übriges, um dem unfreiwilligen Paar konstant Schweißperlen auf die Stirn zu treiben.

Gewiss, inhaltlich und bezüglich des Handlungsverlaufs ist „Die Gräfin von Hongkong“ vielleicht etwas altbacken und überraschungsarm. Aber vielleicht ist es gerade das, was den Charme dieser Komödie ausmacht, die erfrischend harmlose Unterhaltung zum Schmunzeln bietet.

Berichten von den Dreharbeiten zufolge kamen weder Brando mit Chaplin, noch Loren mit Brando sonderlich gut aus. Wenn dem tatsächlich so war, haben es alle Beteiligten gut überspielt. Was allerdings offensichtlich ist: Die letzten fünf Minuten des Films wirken seltsam hastig, holprig und unvollständig. Fast scheint es so, als sei sogar eine Dialogszene zwischen Odgen und seiner Gattin (Tippi Hedren) mittendrin beschnitten worden, was der ganzen Geschichte ihres emotionalen Höhepunkts beraubt und ausgerechnet diese letzte Arbeit von der Kinolegende Chaplin etwas unrund ausklingen lässt. Zumindest sind so jene Gerüchte zu erklären, dass es von Seiten des Filmstudios Universal zu Kürzungen von bis zu 15 Minuten gekommen sein soll. Bis heute ist dies allerdings die einzig noch vorhandene Filmkopie.

Unabhängig davon ist die hier vorliegende Erstveröffentlichung auf Blu-ray, abgetastet von einem neuen HD-Master, ein wahrer Augenschmaus. Und: Im Vergleich zu früheren Video- und DVD-Versionen ist der Film – bis auf die eben genannte offizielle Kürzung – vollständig. Schön, dass damit nun Chaplins Gesamtwerk bezüglich seiner Langspielfilme (von 1921 bis 1967) endlich komplett vorliegt.

Die neu erschienene DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche und englische Untertitel sind optional verfügbar. Als Bonusmaterial gibt es neben dem Trailer zwei interessante Bildergalerien: vom Set und vom weltweiten Promotionsmaterial. „Die Gräfin von Hongkong“ erscheint bei explosive media/Koch Media und ist seit 23. Juli 2020 erhältlich. (Packshot: © explosive media/Koch Media/Universal)

Heimkino-Tipp: „Freies Land“ (2019)

Die Mörder sind unter uns

Eines kann mensch Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann Christian Alvart ganz sicher nicht vorwerfen: dass er unkreativ wäre. Während andere Filmemacher gern ‚auf Nummer sicher gehen‘ und oftmals einem Stil treu bleiben, wird der gebürtige Hesse nicht müde, Grenzen auszutesten und Neues auszuprobieren. Seine Art Filme zu drehen, ist unübersehbar an amerikanischen Vorbildern angelehnt, hebt sich aber vielleicht gerade deshalb von ‚typisch deutschen‘ Genrevertretern ab. „Antikörper“ (2005) ist auch 15 Jahre nach Erscheinen noch immer ein Thriller von epischer Schön- und Grausamkeit, Alvarts Versuche, der „Tatort“-Reihe mit ‚Jason Bourne‘-Anleihen neue Impulse zu geben (siehe Nick Tschiller-/Til Schweiger-Episoden), sorgten zumindest für Aufsehen.

Mit „Freies Land“ bringt er nun die „True Detective“-Optik ins deutsche (Heim-)Kino. War es im US-Vorbild das karge Hinterland, welches eindrucksvoll in Szene gesetzt wurde, so sind es hier von Wasserstraßen zerklüftete, fast menschenleere Landschaften in Mecklenburg-Vorpommern, die den Background für eine düstere Kriminalgeschichte bilden, angesiedelt kurz nach der Wendezeit.

1992 wird der Hamburger Polizist Stein (Trystan Pütter) in die Provinz entsandt, um zusammen mit seinem ostdeutschen Kollegen Bach (Felix Kramer) das Verschwinden von zwei jungen Frauen aufzuklären. Wie sich schnell zeigt, sind beide ermordet worden – und scheinbar nicht die einzigen, die auf der Suche nach einem aufregenderen Leben in der Großstadt einem Verbrechen zum Opfer fielen.

Basierend auf dem spanischen Werk „La Isla Mínima – Mörderland“ (2014), siedelt Alvart seine Version in einem Deutschland an, das gerade dabei ist, sich neu zu sortieren und Menschen blühende Landschaften verspricht, während es ihnen gleichzeitig erst die Jobs und anschließend die Lebensgrundlage entzieht. Mittendrin zwei Kommissare mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Prägungen, Ermittlungsmethoden und Verständnis von Gerechtigkeit.

Es ist viel Stoff, den Alvart in seinen Film packt, der vor allem auf optischer Ebene zu begeistern weiß, auch bezüglich des Auftretens und Aussehens der beiden Hauptcharaktere Stein und Bach. Inhaltlich hingegen, und das schreibe ich mit großem Bedauern und einem seufzendem ‚schade‘ auf den Lippen, bleibt Vieles bloße Behauptung. Ja, Figuren mittels ihrer Wirkung auf die Umgebung, über ihr Verhalten und über ihr Erscheinungsbild zu charakterisieren, ist ein lobenswerter und künstlerisch anspruchsvoller Ansatz. Was ihnen jedoch fehlt ist Dreidimensionalität. Dies äußert sich u.a. darin, dass die Schauspieler Pütter und Kramer zwar nebeneinander, aber nicht miteinander agieren. Klar, ihr Fremdeln ist sicherlich Ausdruck der Ossi-/Wessi-Skeptik jener Tage, doch selbst Nebenfiguren wie die von Nora (von) Waldstätten verkörperte Katharina bleiben skizzenhaft und erwachen nie wirklich zum Leben.

Wenn dann noch ein zwielichtiger Geschäftsmann aus dem Westen die Szenerie betritt und mit Zigarre im Mund, schickem Mantel um den dicken Bauch und blitzblanker Limousine samt Chauffeur demonstrierenden Fabrikarbeitern die kalte Schulter zeigt, mag das zwar sinnhaft für das Gebaren skrupelloser Kapitalisten stehen. Subtil geht aber anders. Dies gelang Alvarts Kollege Andreas Dresen in „Gundermann“ (2018; Rezi: HIER) beispielsweise viel besser weil nicht so sehr ‚in the face‘ inszeniert. Ob’s an fehlenden Zwischentönen liegt, die bei Alvart zugunsten einer fantastischen Optik ein wenig vernachlässigt werden?

„Freies Land“ ist somit ein zweischneidiges Schwert: Herausragend dank Bildgestaltung und Atmosphäre, mangelt es hier und da an psychologischem Tiefgang. Der Film nähert sich seinen Charakteren nie wirklich an, sondern bleibt konstant auf Distanz, was andererseits aber die Kälte und das Misstrauen zwischen den Menschen gut widerspiegelt. Also doch Absicht?

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung und als Hörfilmfassung für Blinde und Sehbehinderte (sehr lobenswert!). Deutsche Untertitel sind optional verfügbar. Als Extra gibt es den Trailer zum Film. „Freies Land“ erscheint bei EuroVideo Medien GmbH und ist seit 9. Juli 2020 digital sowie seit 23. Juli 2020 auf DVD/Blu-ray erhältlich. (Packshot + stills: © Verleih Telepool/EuroVideo)

Heimkino-Tipp: „Die schwarze Windmühle“ (1974)

Get Tarrant!

Michael Caines Beruf ist Schauspieler. Er arbeitet in diesem Job, um Geld zu verdienen und hat seit seinem Leinwanddebüt in den 1950ern in über 160 Filmen mitgewirkt. Dass dabei nicht alle gelungen sind, daraus macht er selbst keinen Hehl. „Der Weiße Hai IV – Die Abrechnung“ (1987) kommentierte er beispielsweise mit „Ich habe ihn nie gesehen, aber er soll schrecklich sein. Dafür habe ich das Haus gesehen, das ich [mir] davon bauen konnte und es ist großartig.“ Vor allem in den 60ern und 70ern des vergangenen Jahrhunderts war Caine in zig Thrillern zu sehen, von denen einige („Ipcress – Streng geheim“, 1965; „Jack rechnet ab/Get Carter“, 1971) inzwischen als Klassiker gelten. Der 1974 unter der Regie von Don Siegel entstandene „Die schwarze Windmühle“ steht denen in nichts nach.

Caine gibt darin Major John Tarrant, einen britischen Agenten, dessen Sohn entführt wird. Die Kidnapper, so wird aus den telefonischen Verhandlungen schnell klar, scheinen Insiderinformationen zu besitzen, die auch Tarrants Chef Harper (Donald Pleasence) in Bedrängnis bringen. Als dieser sich weigert, auf die Forderungen der Kriminellen einzugehen, riskiert Tarrant fortan alles, um seinen Jungen zurückzubekommen.

Was sich liest wie ein Treatment aus einem Hitchcock-Film (Unschuldiger wird in eine Konspiration verwickelt und muss seine Haut retten), entwickelt sich in den Händen von Genre-Experte Siegel zu einem überaus spannenden, realitätsnahen und wendungsreichen Abenteuer, in dem es weder für den Protagonisten noch für die Zuschauer Zeit zum Durchschnaufen gibt. Das Skript ist – und hier sind wir wieder bei Hitch – eine clevere Verknüpfung von vielen packenden Einzelepisoden, die scheinbar mühelos aufeinander aufbauen und Tarrant zügig von einem Schauplatz zum nächsten befördern. Nicht nachdenken und grübeln heißt hier die Devise, sondern handeln – und zwar schnell.

Als i-Tüpfelchen neben einem wie immer superben Caine hat „Die schwarze Windmühle“ einen Pleasence zu bieten, der seine spleenige Figur mit Strenge und Ticks ausstattet und so für den einen oder anderen Lacher sorgt. Als Bösewicht glänzt zudem der fantastische John Vernon („Topas“), dem in seiner langen Karriere leider nie der Sprung vom Neben- zum Hauptdarsteller gelang.

Formal ist der Streifen unübersehbar ein Kind der 70er und reiht sich optisch und inszenatorisch in den rauen, fast schon dokumentarischen Stil von „French Connection“ (1971) sowie „Dirty Harry“ (1971, ebenfalls Siegel) ein. Ein richtig guter Thriller also, der sämtliche Beteiligten – sowohl vor als auch hinter der Kamera – auf der Höhe ihres Schaffens zeigt. Nimm’ dies, Doppelnull 7!

„Die schwarze Windmühle“ erscheint als Neuauflage in zwei Mediabooks (oben: Covervariante 1, unten: Covervariante 2). Die beiliegenden DVDs/Blu-rays bieten den Film in englischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche und englische Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es diverse Interviews (davon ein sehr amüsantes mit Caine aus dem Jahr 2013), Trailer, einen (deutschen) Audiokommentar von Filmhistoriker Mike Siegel sowie eine Bildergalerie. „Die schwarze Windmühle“ erscheint bei Koch Films und ist ab 11. Juni 2020 erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films)