Heimkino-Tipp: „Destroyer“ (2018)

Bad Lieutenant

Cops am Rande des Abgrunds, die suchend durch die Straßen einer anonymen Stadt schlürfen und darauf hoffen, Erlösung und Vergebung zu finden. Nicht unbedingt eine neue Filmidee, aber für Freunde des Thriller-Genres stets eine gute Prämisse. Wenn dann – wie in diesem Fall – auch noch zwei Frauen die beiden treibenden Kräfte hinter dem Projekt sind, ist zumindest meine Neugier geweckt.

Eigentlich ist dank Klassikern wie „French Connection“, „Dirty Harry“ (beide 1971), „Bad Lieutenant“ (1992) oder „Narc“ (2002) bereits alles gesagt und gezeigt worden, was filmisch und schauspielerisch möglich ist, wenn es um ‚abgestürzte‘ Gesetzeshüter geht. Es sei denn, man(n) lässt endlich auch mal eine Frau mit Polizeimarke in dunkle Abgründe blicken. Vorhang auf für „Destroyer“!

Erin (Nicole Kidman) war einst als Undercover-Agentin tätig und sollte die Bande des skrupellosen Gangsters Silas (Toby Kebbell) unterwandern. Der Auftrag endete anders als erhofft, Silas entkam und Erin ist seitdem ein seelisches und körperliches Wrack. Als sich die Hinweise darauf verdichten, dass der untergetauchte Verbrecher wieder aktiv ist, nimmt die Einzelgängerin seine Spur auf. Ein Himmelfahrtskommando, das in Erin viele schmerzhafte, verdrängte Erinnerungen wieder lebendig werden lässt.

Dass Frau Kidman keine Scheu vor Seelenstriptease hat und häufig vollkommen hinter dem Äußeren der von ihr verkörperten Figuren verschwindet, ist inzwischen eines ihrer Markenzeichen. Selten aber sah sie derart kaputt, erschöpft und fertig aus wie vor der Kamera von Regisseurin Karyn Kusama („Girlfight“, 2000; „Æon Flux“, 2005). Nicht von ungefähr: Laut eigenen Aussagen hatte Kidman während der Dreharbeiten die Grippe erwischt. Profi der sie ist, ließ sie dies sogleich in ihre Performance einfließen.

Statt wie beispielsweise in dem Serienkillerinnen-Drama „Monster“ Charlize Theron unter Tonnen von Make-up zu begraben, nur um sie weniger attraktiv erscheinen zu lassen, bleibt Kidman hier gerade durch den Verzicht auf Maske & Co. viel mehr Freiraum, um zu agieren. Sie wirkt natürlich, befreit und sehr authentisch. Und das nicht nur in emotional aufgeladenen Szenen (wo sie immer punktet), sondern auch als wenig zimperliche, toughe Ermittlerin, die ihre Fäuste ebenso effektiv einzusetzen weiß wie ihre Handfeuerwaffen. Woah!

Dramaturgisch hat „Destroyer“ – zumindest für jene, die thematisch ähnliche Streifen kennen – zwar wenige Überraschungen zu bieten. Mit der großartigen Leistung vor (Kidman) und hinter der Kamera (Kusama) aber reiht sich der Film ein in die (leider noch) viel zu kurze Liste brettharter Action-Thriller („Strange Days“, 1995; „Punisher: War Zone“, 2008), die von Frauen inszeniert wurden und viele männliche Kollegen ziemlich blass aussehen lassen.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Als Extras befinden sich ein Mini-Making of, Interviews und Trailer auf den Discs. „Destroyer“ erscheint bei Concorde Home Entertainment und ist seit 18. Juli 2019 erhältlich. (Packshot + stills: © Concorde)

„Rocketman“ (Kinostart: 30.05.2019)

Zwar läuft der Film schon einige Wochen in den hiesigen Kinos, aber besser spät als nie. Der Text erschien ursprünglich im Kinokalender Dresden:

Soll das jetzt etwa immer so laufen? Schritt eins: Einst erfolgreiche Musiker wünschen sich ein filmisches Porträt. Schritt zwei: Ein Drehbuchautor kritzelt eine Fantasiegeschichte zusammen, die sich nur sehr frei an Tatsachen orientiert. Schritt drei: Der Brite Dexter Fletcher übernimmt die Regie. Schritt vier: Das Endprodukt wird gefeiert als wäre es ein Meisterwerk sondergleichen. So geschehen bei der Queen-Biografie »Bohemian Rhapsody« im vergangenen Jahr und nun bei »Rocketman«, einem Rückblick auf die Karriere von Elton John.

Dabei macht der neue Streifen zunächst viel richtig: Überrascht mit Musical-Einlagen, die das Privatleben des Musikers mittels seiner Songs erzählen, spürt den Ursprüngen seiner Begabung in der Kindheit nach und überzeugt mit einem elektrisierenden Hauptdarsteller (Taron Egerton). Die Hits sprudeln im Minutentakt, man staunt über den bunten Paradiesvogel auf der Leinwand sowie seine kleinen und großen Eskapaden abseits der Bühne.

Aber dann: Drogen! Garstige, hinterhältige Liebhaber! Einsamkeit trotz immensem Reichtums! Mag ja sein, dass dies der übliche Weg vieler Rockstars ist, die viel zu jung viel zu reich werden und irgendwann ihren moralischen Kompass ein wenig aus den Augen verlieren. Aber warum muss dies dann stets in solcher Ausführlichkeit ausgebreitet werden? Besonders wenn dies wie im Falle von »Rocketman« – und übrigens auch »Bohemian Rhapsody« – auf Kosten interessanterer Fakten geschieht? Statt drei alkoholgeschwängerte Abstürze nacheinander in gefühlter Endlosschleife zu zeigen, könnte der Film Essenzielleres erzählen. Zum Beispiel über Elton Johns Oscar-Gewinn 1995 (für „Can You Feel The Love Tonight“ aus dem Soundtrack zu „Der König der Löwen“), etwas über sein bewegendes Abschiedslied für Prinzessin Diana 1997 („Candle In The Wind“, mit 45 Millionen verkauften Exemplaren immerhin die erfolgreichste Single aller Zeiten) oder über die Tatsache, dass er aufgrund seines Drogenkonsums nach einer Kehlkopfoperation das Singen neu erlernen musste.

Aber was zählen schon Fakten im Jahre 2019? Lass’ doch dazu einfach behaupten, er verdanke seinen Künstlernamen John Lennon – merkt doch ohnehin keiner. Doch, meine lieben Filmemacher! Und es ärgert mich! Weil es überflüssig, unwahr und anbiedernd ist. Ihr könnt Geschichte im Kino gerne umschreiben, überhöhen, variieren. Wie unterhaltsam das sein kann, hat »Inglourious Basterds« eindrucksvoll bewiesen. Aber pfuscht nicht grundlos in Künstlerbiografien rum, nur um sie interessanter und gefälliger erscheinen zu lassen. Vor allem dann nicht, wenn die wahre Geschichte sehr viel mehr Potential bietet, der beeindruckenden Lebensleistung eines Menschen zu huldigen.

Gummelnd: Csaba Lázár

(Plakat: © Paramount Pictures Germany GmbH)

Heimkino-Tipp: „Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile“ (2019)

Monster

„Extrem widerwärtig, schockierend boshaft und abscheulich“ – mit diesen Worten versuchte Richter Edward D. Cowart 1979 die Taten von Theodore Robert Bundy, besser bekannt als Ted Bundy, zu beschreiben. In dem Prozess wurde Bundy unter anderem des zweifachen Mordes für schuldig befunden und zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt wusste niemand, dass er in Wahrheit mindestens 30 Menschen ermordet hatte.

Bundy (1946 - 1989) gilt als einer der schlimmsten Massenmörder der amerikanischen Geschichte – und als einer der charismatischsten. Denn neben seiner Intelligenz und seinem höflichen Benehmen war es vor allem sein gutes Aussehen, mit dem er seine ausnahmslos weiblichen Opfer anlocken konnte. Hinzu kommen zwei erfolgreiche Fluchten aus der Haft sowie sein selbstbewusstes Auftreten während seines Prozesses, der landesweit im TV übertragen wurde – und ihm viele vor allem weibliche Fans bescherte. Insofern ist es nur konsequent, dass sich Regisseur Joe Berlinger entschied, für seine Verfilmung der Ereignisse auf einen ebenso hübschen und charmanten Schauspieler zurückzugreifen: Auftritt Zac Efron alias Ted Bundy in „Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile“.

Wer Efron bisher nur mit dämlichen Klamotten à la „Dirty Grandpa“ in Verbindung bringt oder als singenden Schönling aus „High School Musical“ kennt, mag zunächst vielleicht zweifeln, ob der 31-Jährige auch böse kann. Doch schon sein Auftritt im abgefahrenen „The Paperboy“ hat durchschimmern lassen, dass Efron mehr auf dem Kasten hat. Und ja, als Bundy überzeugt er!

Das mag auch daran liegen, dass „Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile“ einen interessanten Zugang zu den historischen Ereignissen wählt. Statt den ‚klassischen‘ Weg einer Biografie zu wählen, die nacheinander sämtliche Morde des Monsters in Menschengestalt explizit darstellt, versucht Regisseur Berlinger, sein Publikum mit eben jenen Mitteln zu verführen, wie es Bundy seinerzeit tat: Aus dem Blickwinkel seiner langjährigen Partnerin Liz (Lily Collins) erzählt, erleben wir Bundy als fürsorglichen, zärtlichen und ja, verdammt gutaussehenden Mann, der eines Tages von der Polizei verhaftet wird. Mit glaubhaften Argumenten und einem umwerfenden Lächeln gelingt es ihm, Liz von seiner Unschuld zu überzeugen und gleichzeitig Zweifel an den scheinbaren Beweisen der Polizei zu schüren. Bundy weiß sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren und kann somit – nach gelungener Flucht und trotz Verfolgung – weiterhin seinem blutigen Treiben nachgehen.

„Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile“ verdeutlicht damit sehr präzise, wie leicht man/frau sich von Äußerlichkeiten, Auftreten und Intelligenz täuschen lassen kann. Gewalt ist im Film erfreulicherweise kaum zu sehen, allein die Schilderungen im Gerichtssaal genügen, um das Ausmaß von Bundys Treiben zu illustrieren. Dort trifft er mit Richter Cowart zudem auf einen intellektuell gleichwertigen Gegner, den John Malkovich mit einer Würde und Wucht spielt, die einmal mehr beweisen, was für ein großartiger Schauspieler er ist.

Apropos: In Nebenrollen sind etliche weitere Stars versteckt, die man beinahe nicht wiedererkennt, u.a. James ‚Metallica‘ Hetfield, Jeffrey Donovan („Sicario“) und Haley Joel Osment („The Sixth Sense“).

„Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile“ wagt einen etwas anderen Ansatz, um einer Person bzw. deren Charakter nahe zu kommen. Sicherlich nicht jedermanns Sache, allein wegen der darstellerischen Leistungen jedoch sehenswert.

Die Blu-ray/DVD bietet den Film u.a. in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Als Extras gibt es ein kurzes Making of und Trailer. „Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile“ erscheint bei Constantin Film und ist seit 4. Juli 2019 erhältlich. (Packshot + stills: © Constantin Film)

Heimkino-Tipp: „Der verlorene Sohn“ (2018)

Boy Erased

Die „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (ICD) gilt als das wichtigste Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen und ist weltweit anerkannt. Erst 1992(!) legte man darin fest, dass Homosexualität keine psychische Störung ist. Anhänger der sogenannten Konversionstherapie sehen das heute leider immer noch anders: „Zahlreiche religiöse Gruppen betrachten Homosexualität und andere ‚von der Norm abweichende‘ sexuelle Veranlagungen jedoch weiterhin als behandlungsbedürftige Krankheiten. Insbesondere die evangelikale Bewegung ist diesbezüglich sehr aktiv und fördert Maßnahmen wie die ‚Konversionstherapie‘“, ist auf Wikipedia zu lesen.

Aber was ist die „Konversationstherapie“? In wenigen Worten und etwas provokativ zusammengefasst, ist es nichts anderes als der Versuch, Homosexuellen mittels äußerst zweifelhafter Methoden ihre ‚Neigung‘ abzutrainieren, da sie sich gegen die gottgewollte Ordnung richte.

Der australische Tausendsasa (Regisseur, Autor, Produzent, Schauspieler) Joel Edgerton hat sich dieser Thematik nun in seinem zweiten eigenen Film „Boy Erased“ gewidmet. Basierend auf Garrard Conleys gleichnamiger autobiografischer Erzählung, gibt das Werk verstörende Einblicke in ein Umerziehungshaus, in der Homosexuelle „entschwult“ werden sollen. Einer von ihnen ist Jared (Lucas Hedges), der während seiner College-Zeit erste Erfahrungen mit Männern machte und seinen Eltern schließlich gesteht, dass er schwul ist. Sein Vater Marshall (Russell Crowe), ein Baptistenprediger, und seine Mutter Nancy (Nicole Kidman) schicken ihn daraufhin in das Therapiezentrum von Victor Sykes (Edgerton). Dessen Praktiken bringen nicht nur Jared an seine körperlichen und seelischen Belastungsgrenzen.

Oftmals reduziert auf terroristische Anschläge anderer Religionen, erinnert „Der verlorene Sohn“ schmerzlich daran, dass im Namen Gottes auch auf andere, weniger öffentlichkeitswirksame Art und Weise Menschen Leid zugefügt wird. Zwar ist die „Konversationstherapie“ vielerorts bereits verboten oder zumindest nicht anerkannt. Trotzdem finden einige Thesen daraus immer noch Befürworter, was angesichts des politischen Erstarkens extrem konservativer (oder schlimmerer) Kräfte weltweit kaum verwundert.

Regisseur Edgerton verzichtet jedoch darauf, mit erhobenem Zeigefinger oder plumper Polemik seine Gegner anzugreifen und vorzuführen. Er legt den Fokus ausschließlich auf die persönlichen Erfahrungen seiner Hauptfigur, die von Hedges bravourös verkörpert wird. Ein komplexer Charakter, der seine Eltern nicht hasst oder von sich wegstößt, sondern versucht, ihnen trotz gegensätzlicher Überzeugungen nahe zu bleiben. Wie wichtig und hilfreich dieser Weg für alle Beteiligten sein kann, wird an späterer Stelle im Film deutlich.

Wie schon beim fabelhaften Vorgänger „The Gift“ (Rezi HIER) erweist sich Edgerton als versierter Könner vor und hinter der Kamera. Sein Stil ist geprägt von Klarheit, seine Kamera stets auf die Gesichter gerichtet, um jede noch so kleine Nuance einzufangen. Kidman und Crowe sind dafür bestens geeignet und machen die innere Zerrissenheit zwischen ihrer Liebe zu Gott einerseits und ihrer Liebe zum Sohn andererseits meisterhaft deutlich.

P.S.: In einer Nebenrolle ist das kanadische Regiewunderkind Xavier Dolan („Mommy“, „Laurence Anyways“, Rezi HIER) zu sehen. Dessen Arbeiten sind ebenso einen Blick wert!

Die Blu-ray/DVD bietet den Film u.a. in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie diverse Untertitel. Als Extras gibt es gelöschte Szenen sowie mehrere kurze Making of-Clips. „Der verlorene Sohn – Boy Erased“ erscheint bei Universal Pictures Germany GmbH und ist seit 21. Juni 2019 erhältlich. (Packshot + stills: © Universal Pictures)

Heimkino-Tipp: „Plötzlich Familie“ (2018)

Kuck’ mal wer da schreit

Wenn es um chaotische Familiengeschichten geht, ist Sean Anders meist nicht weit: In „Der Chaos-Dad“ (2012), „Daddy’s Home – Ein Vater zu viel“ (2015, Rezi HIER) und dessen Fortsetzung „Daddy’s Home 2 – Mehr Väter, mehr Probleme“ (2017) hat er sich bereits auf mehr oder minder amüsante Weise mit den Hürden des Zusammenlebens auseinandergesetzt. In „Plötzlich Familie“ wird es nun noch ein wenig persönlicher: Denn ebenso wie die Hauptcharaktere im Film, das Ehepaar Pete (Mark Wahlberg) und Ellie Wagner (Rose Byrne), ist Anders Adoptivvater dreier Kinder – und möchte diese Erfahrung nun in Form einer Komödie mit der Welt teilen.

Herausgekommen ist eine zweifellos von Herzen kommende Geschichte, die manchmal lustig, manchmal dramatisch und manchmal leider auch ziemlich profan dahinplätschert und etwas unentschlossen zwischen konservativer Weltanschauung und Veräppelung eben dieser daherkommt.

Für das kinderlose Paar Pete und Ellie ist es eine relativ spontane Entscheidung, zunächst als Pflegefamilie für ein Teenagergirl namens Lizzy (Isabela Moner) einzuspringen. Da Lizzy zwei jüngere Geschwister hat, werden aus einem Hausgast plötzlich drei. Die Herausforderung: Lizzy hat ihren eigenen Kopf, ihr jüngerer Bruder Juan (Gustavo Escobar) ist ein Tollpatsch in Perfektion und die kleine Schwester Lita (Julianna Gamiz) ist ein Schrei-Tyrann mit Engelsgesicht. Schon bald wird den Neu-Eltern klar, dass sie kreative Erziehungsmethoden anwenden müssen, um das Herz ihrer neuen Mitbewohner zu gewinnen. Als dann auch noch deren leibliche Mutter wieder auftaucht, ist der fragile Hausfrieden zusätzlichen Gefahren ausgesetzt.

Bevor die Kiddies auf die Wagners losgelassen werden, nimmt sich der Film Zeit, das Umfeld der Eltern in spe ein wenig näher zu betrachten. Dass es dabei nicht wirklich ‚ganz normale Menschen‘ gibt, sondern alle irgendeine Marotte haben (müssen?), liegt in der Natur des Genres. Allerdings sind auch Pete und Ellie bei aller gespielten Coolness nicht die idealen Sympathieträger, was die Identifikation mit ihnen etwas erschwert. Schon hier zeigt sich ein Grundproblem des Streifens: er changiert mitunter ziellos zwischen ernstem Anliegen und Persiflage hin und her. Deutlich wird dies vor allem in jenen Szenen, in denen sich die Wagners mit Gleichgesinnten über ihre Kinder austauschen. Ob heterosexuelle oder homosexuelle Paare, alleinerziehende Karrierefrauen oder zutiefst gottesfürchtige Paare: Sie alle werden bis zur Unwitzigkeit überzeichnet und wirken nicht unbedingt geeignet für eine Aufgabe wie die Kindererziehung. Trotzdem unterstützen sie sich gegenseitig und erzählen bereitwillig von den Eskapaden ihrer Adoptivkinder.

Eine wirklich tiefgründige Auseinandersetzung mit den familiären Veränderungen, die eine Adoption sowohl auf Kinder- als auch Erwachsenenseite mit sich bringen, spart „Plötzlich Familie“ aus. Vielmehr genügt sich der Film als Nummernrevue, in der jeder Tag neue Hürden mit sich bringt, die es gemeinsam zu überwinden gilt.

Doch bei aller Kritik: Wenn der Film es schafft, zumindest einige Zuschauer dazu zu inspirieren, möglicherweise selbst ein Kind zu adoptieren, so hat Regisseur Anders sein Ziel erreicht. Und nur das zählt.

Die Blu-ray/DVD bietet den Film u.a. in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie diverse Untertitel. Als Extras gibt es verpatzte und gelöschte Szenen sowie einen kurzen Blick hinter die Kulissen. „Plötzlich Familie“ erscheint bei Universal Pictures Germany GmbH/Paramount und ist seit 13. Juni 2019 erhältlich. (Packshot + stills: © Universal Pictures/Paramount)

Heimkino-Tipp: „Beautiful Boy“ (2018)

The Drugs Don’t Work

Etwa die Hälfte des Films „Beautiful Boy” ist bereits vorüber, als mir ein anderes Werk mit ähnlicher Thematik in den Sinn kommt: „Candy“ (2006) erzählt von einem jungen Pärchen, das der Drogensucht verfällt und immer wieder daran scheitert, einen Entzug erfolgreich zu beenden. Mit einem der schönsten Vorspänne, die je auf Zelluloid gebannt wurden, zählt das bewegende Drama mit Heath Ledger und Abbie Cornish in den Hauptrollen bis heute zu meinen persönlichen Filmfavoriten. Und siehe da: Drehbuchautor Luke Davies war an beiden Werken beteiligt. „Candy“ basierte auf dessen eigenen Erfahrungen, für „Beautiful Boy“ verarbeitete er nun die Erinnerungen/literarischen Vorlagen von David Sheff und dessen Sohn Nic.

Sheff sen. interviewte einst übrigens den Musiker John Lennon während der Entstehungsphase von dessen Platte „Double Fantasy“ (1980). Darauf zu finden: der Song „Beautiful Boy (Darling Boy)“, der sowohl David Sheffs Buchvorlage als auch dem Film seinen Titel leiht. Warum, wird schnell deutlich. Denn Papa David (Steve Carell) liebt seinen Sohn, den Teenager Nic (Timothée Chalamet), über alles. Zwar musste der als Kind die Trennung seiner Eltern verkraften und wuchs seither bei seinem Vater und dessen neuer Familie (u.a. Maura Tierney) auf. Abgesehen davon ist im Hause der Sheffs aber alles paletti – scheinbar. Denn dass der Junge neben einem gelegentlichen Joint ebenso harte Drogen konsumiert, wird David erst nach und nach bewusst.

Die darauf folgenden Jahre sind gezeichnet von gescheiterten Entzugsversuchen, vergeblichen Neuanfängen und vor allem Nics Stimmungsschwankungen. Trotz wiederholter Rückschläge lässt David seinen Sohn nicht im Stich, hilft ihm immer wieder auf die Beine, bezahlt für Klinikaufenthalte oder fliegt quer durchs Land, wenn er mal wieder einen nächtlichen Anruf aus einer Notaufnahme von wer weiß wo erhalten hat. Und Nic? Der jagt vergeblich jenem Glücksmoment hinterher, den er einst nach dem ersten Probieren von Crystal Meth verspürte, schämt sich zunächst für sein Verhalten und seine Rückfälle, verliert aber dann doch zunehmend sämtliche Hemmungen, wenn es darum geht, seinen Drogenkonsum zu finanzieren.

Keine leichte Kost, die der Film vom Oscar-nominierten Regisseur Felix van Groeningen („The Broken Circle“) da präsentiert: Was tun als Eltern, wenn das eigene Kind drogensüchtig ist? Wenn es jede Hilfe in den Wind schlägt und dann doch immer wieder aufs Neue verspricht, endlich clean zu werden? „Beautiful Boy“ spielt dieses Szenario bedrückend realistisch durch und wählt dabei als Blickwinkel die Perspektive des Vaters. Dies ist in Filmen mit dieser Thematik bisher nur selten geschehen und gibt „Beautiful Boy“ damit eine besondere, ungewöhnliche Note. Denn David kämpft nicht nur im Hier und Jetzt um seinen Sohn, sondern auch mit Erinnerungen an frühere Zeiten und der Frage, ob und wann er womöglich etwas falsch gemacht und sein Kind an die Drogen verloren hat.

Tiefe Liebe und Verständnis auf der einen, Hilflosigkeit und Wut auf der anderen Seite: Der Film weiß diesen beständigen Gegensatz von Nähe von Entfremdung – auch mittels gelungener Musikauswahl – glaubhaft einzufangen.

Darstellerisch ist „Beautiful Boy“ ebenso ein Genuss: Carell zeigt – wie jedes Mal, wenn mit Bart unterwegs – sein Können in einer seriösen Rolle, und Jungstar Chalamet legt nach „Call Me By Your Name“ eine weitere Glanzperformance hin, mit der er sich für eine lange, erfolgreiche Schauspielerkarriere empfiehlt. Und auch wenn sie beide nicht so viel Screentime zur Verfügung haben: Amy Ryan als Davids Ex-Gattin und die wunderbare Maura Tierney als dessen neue Partnerin agieren stark und verdeutlichen mit ihren Rollen quasi die Kollateralschäden, die aus der konstant angespannten Situation hervorgehen.

„Wenn du aufhören kannst, willst du nicht. Wenn du aufhören willst, kannst du nicht“ beschrieb eine Figur in „Candy“ die Drogensucht ziemlich treffend. „Beautiful Boy“ bestätigt diese Aussage schmerzlich (und cineastisch schön).

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es kurze Making of-Clips, Promo-Interviews sowie Trailer. „Beautiful Boy“ erscheint bei NFP marketing & distribution im Vertrieb von EuroVideo und ist seit 11. Juni 2019 erhältlich. (Packshot + stills: © Amazon Content Services LLC / François Duhamel / NFP)

Heimkino-Tipp: „Final Score“ (2018)

Blutiges Match

Wer schon einmal ein Heimspiel des Fußballvereins Dynamo Dresden besucht hat, weiß um die Kreativität der Fankurve. Die Choreografien und die Stimmgewalt der Dresdner Fans sind beeindruckend und in der Ligageschichte einmalig. Leider gibt es aber gerade bei Dynamo auch immer wieder Idioten, die aus der Rolle fallen. Wenn nun in einem britischen Film, der in einem vollbesetzten Stadion spielt, ausgerechnet Dynamo-Fans (hier ein russischer Fußballklub) Radau machen, sorgt das zwangsläufig für Schmunzeln. Ob’s am Namen liegt?

Scott Mann („The Tournament“, „Bus 657“) inszeniert mit „Final Score“ seinen dritten Streifen und bleibt dabei dem Actiongenre treu. Erbarmungslose Terroristen, unzählige Geiseln, ein Mann, der es allein mit den Bösewichtern aufnimmt. Klingt vertraut? Dann willkommen zu einem inoffiziellen Remake von „Sudden Death“ (1995)! Der wiederum klaute schon fleißig bei „Stirb Langsam“ (1988). Somit dürfte klar sein, was die Zuschauer hier erwartet.

Der unfreiwillige Einzelkämpfer, der sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet, trägt in „Final Score“ den Namen Michael Knox und wird vom Muskelpaket Dave Bautista verkörpert. Der Ex-Soldat ist zufällig im Stadion, als eine Bande russischer Söldner (u.a. Ray Stevenson) die Schaltzentrale kapert, alle Ausgänge verriegelt und droht, den gesamten Komplex nach exakt 90 Minuten in die Luft zu sprengen, sollte ihnen nicht ein ganz spezieller Besucher (Pierce Brosnan) übergeben werden. Da die Polizei keine Chance hat, unbemerkt in die Spielstätte zu kommen, muss Knox auf eigene Faust versuchen, den garstigen Gangstern zuvorzukommen – denn die haben inzwischen auch seine Nichte in ihrer Gewalt.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Natürlich kommt „Final Score“ nicht an sein großes Vorbild „Stirb Langsam“ heran. Doch trotz begrenzter Mittel und weniger Tiefgang schafft es Regisseur Mann, ein knalliges, temporeiches und actionlastiges B-Movie vorzulegen, das genau das ist, was Trailer, Plot und beteiligte Schauspieler erhoffen lassen. Mehr noch: Vor allem im Finale hält der Film eine Szene bereit, die im ersten Moment erschrecken lässt – damit aber nur konsequent die zuvor gezeigte Unerbittlichkeit der bad boys + girls unterstreicht.

Apropos: Für eine FSK 16-Freigabe ist „Final Score“ schon recht heftig. Ob es zudem die vom Inhalt völlig losgelöste, brutale Eröffnungssequenz gebraucht hätte, ist ebenso fraglich.

Abgesehen davon jedoch ist allen Beteiligten anzumerken, dass sie viel Spaß an diesem unterhaltsamen Actioner nach Schema F hatten. Es knallt, es rummst und zwischendrin gibt es sogar ein paar erheiternde Momente. Nichts, was es nicht schon vorher x-Mal gab. Aber selten mit so viel Verve.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es Interviews, Aufnahmen vom Set, eine Bildergalerie sowie Trailer. „Final Score“ erscheint bei New KSM Cinema und ist seit 22. Mai 2019 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © KSM GmbH)