Dienstag, 12. September 2017

„Das Löwenmädchen“ (Kinostart: 14. September 2017)

Zahmes Kätzchen

Geschichten über Außenseiter, die einen psychischen oder physischen Makel tragen, sind im Kino häufig zu finden. Oftmals können sie als Spiegelbild für eine Gesellschaft dienen, die sich mit der Akzeptanz von Andersartigkeit, egal ob äußerlich sichtbar oder nicht, schwer tut. Gerade in Zeiten großer Flüchtlingsströme ist es wichtig, Themen wie diese anzusprechen und gern auch streitbar zu diskutieren. Die Verfilmung des Romans „Löwenmädchen“ von Erik Fosnes Hansen hätte all dies sein und bieten können. Leider ist das finale filmische Werk davon jedoch weit entfernt.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wird der ältere Bahnhofs-Stationsmeister Gustav (Rolf Lassgård) Vater einer Tochter. Nur schwer kann er verschmerzen, dass ihm die Geburt seine junge Frau nahm. Noch schwerer ist es für ihn jedoch, das Kind zu akzeptieren. Denn die kleine Eva ist am ganzen Körper behaart. Nicht mit einzelnen, feinen Härchen, sondern komplett von Kopf bis Fuß mit einem dicken „Fell“. Nach anfänglicher Weigerung, sich des Mädchens anzunehmen, engagiert er ein Kindermädchen namens Hannah (Kjersti Tveterås), das sich fortan um Eva kümmert. Sie wächst heran, ist neugierig und offenbar sehr gescheit. Doch zur Schule oder vor die Tür gehen darf sie nicht. Erst nach und nach gelingt es Hannah, Gustav vom Gegenteil zu überzeugen. Und so lernt Eva schließlich doch noch die Welt vor dem Fenster kennen – aber leider auch die Menschen, die ihr erwartungsgemäß mit einer Mischung aus Verwunderung und Abscheu begegnen.

Regisseurin Vibeke Idsøe („Karlsson vom Dach“) hat für ihre Adaption einen großen Trumpf: fantastische Schauspieler. Neben den Jungdarstellerinnen Aurora Lindseth-Løkka (Eva mit 7 Jahren), Mathilde Thomine Storm (Eva mit 14) und Ida Ursin Holm (Eva mit 23) ist es vor allem Lassgård („Wallander“, „Ein Mann namens Ove“, Rezi siehe HIER), dessen Auftritt sich einbrennt. Er darf in „Das Löwenmädchen“ auch den mit Abstand interessantesten Charakter geben, schwankt sein Gustav doch über mehrere Jahre zwischen überforderter, misshandelnder und fürsorglicher Vaterfigur. Im Gegensatz dazu kommt beispielsweise Hannah, die lange Zeit bei / mit ihm wohnt, über die Rolle einer Stichwortgeberin nicht hinaus. Ihr Innenleben bleibt dem Zuschauer ebenso verborgen wie das von Eva, die von ihrem Vater unter anderem immer wieder in eine Art Besenkammer gesteckt wird, wenn er ihrer überdrüssig ist. Hier wäre mehr psychologischer Tiefgang wünschenswert gewesen.

Ähnlich verhält es sich mit den Episoden, in denen Eva von anderen Menschen beleidigt, unsittlich berührt oder schlicht wie ein Forschungsobjekt behandelt wird. Nichts scheint sie emotional wirklich zu treffen. Wenn dann völlig unvermittelt mitten im Film ein kurzer Off-Kommentar von ihr zu hören ist, stellt sich die Frage, welche Position die Regisseurin ihren Zuschauern eigentlich zugestehen will: die des stillen Beobachters oder die des Mädchens?

Im krassen Gegensatz zur gemächlichen Darstellung der abgeschotteten Kindheit rauscht der Film im letzten Drittel plötzlich wie ein Zug durch die Stationen von Evas weiterem Leben. Konflikte, denen sie sich als Erwachsene wahrscheinlich sehr viel selbstbewusster stellt als noch als Kind, werden ausgespart, Fragen der gesellschaftlichen Akzeptanz nicht gestellt. Das sind inhaltlich schmerzvoll verpasste Chancen, die den Eindruck verstärken, dass Idsøe eher einen Wohlfühlfilm drehen wollte, als sich ernsthaft mit dem Thema Ausgrenzung und Andersartigkeit auseinanderzusetzen. Das ist legitim, ohne Frage, aber im Falle von „Das Löwenmädchen“ völlig verschenkt.

(Plakat + stills: © 2017 NFP marketing und distribution/Christine Schröder)

Montag, 28. August 2017

Heimkino-Tipp: „The Founder“ (2016)

Der Burger-King

Als Kind der DDR kann ich mich noch sehr lebhaft an meinen ersten Hamburger erinnern: Spendiert bekommen vom großen Bruder an einem Straßenstand (heute nennt man sowas Foodtruck), der vor dem Hauptbahnhof in Dresden parkte. Allerdings war es nicht das verstörende Clownsgesicht von Ronald McDonald, das mich dabei anlächelte, sondern ein Mitarbeiter von Burger King. Es war ganz nebenbei die erste Filiale des Unternehmens, die in den neuen Bundesländern eröffnet wurde (1990).

So schön diese persönliche Erinnerung auch sein mag, sie ist natürlich nichts im Vergleich zum Schicksal der Gebrüder McDonald, die das heute so beliebte Konzept des Schnellrestaurants Ende der 1940er-Jahre erfanden und in ihrem Laden perfektionierten. Nichts deutete damals darauf hin, dass daraus einmal eines der bekanntesten und weltweit erfolgreichsten Franchise-Unternehmen werden sollte, das 70 Jahre später noch immer schwarze Zahlen schreibt. Zu „verdanken“ ist dies Ray Croc, einem mittelmäßig erfolgreichen Vertreter für Milchshake-Mixer, der in dem zeitsparenden und effizienten Küchenkonzept der McDonald-Jungs eine lukrative Investitionsmöglichkeit sah.

Das Drama „The Founder“ erzählt diese weitgehend unbekannte Episode der Unternehmensgeschichte auf sympathisch unaufgeregte Weise nach. Als Ray Croc brilliert dabei Michael Keaton, der ja in den vergangenen Jahren eine Art zweite Karriere startete – und auch hier wieder beweist, wie gerechtfertigt dies ist. Ihm gelingt es wunderbar, seine Figur vom bedauernswerten Loser zum eiskalten Geschäftsmann zu wandeln, ohne dabei alle Sympathien beim Zuschauer zu verlieren.

Großen Anteil daran hat zweifellos das großartige Skript von Robert Siegel („The Wrestler“). Es erzählt die Geschichte zunächst aus der Sicht von Croc, der ohne rechten Erfolg durch die Städte zieht, um seine Ware an den Mann bzw. an die Frau zu bringen. Nur ein potenzieller Kunde scheint an seinen Mixgeräten interessiert zu sein: Dick McDonald (Nick Offerman) und dessen Bruder Mac (John Carroll Lynch) bestellen gleich acht seiner Geräte, was Croc stutzig macht. Um mehr zu erfahren, besucht er das kleine, aber erfolgreiche Restaurant – und lernt so das Erfolgsrezept der Familie McDonald kennen. Frustriert von seinem bisher unerfüllten Job und überzeugt davon, „McDonalds“ in ganz Amerika bekannt zu machen, überredet er die Geschwister zu einem Franchise-Vertrag. Das Konzept scheint zu funktionieren. Bis Croc seine kapitalistische Ader entdeckt und mehr Profit machen will. Dazu muss er jedoch die im Vertrag vereinbarten Regeln brechen.

Was möglicherweise trocken und wenig spannend klingt, entpuppt sich in Filmform als messerscharfe Analyse des „American Dream“ – und dessen Schattenseiten. Ohne Übertreibungen oder hollywoodeske Schönmalerei verdeutlicht „The Founder“, wie der Wunsch nach Erfolg gepaart mit finanziellen Engpässen und den Versuchungen des Ruhms eine unheilvolle Melange ergeben können, die nur einen Gewinner und viele Verlierer übrig lässt. Regisseur John Le Hancock („Blind Side“) dämonisiert dabei Croc zu keiner Zeit, sondern zeigt lediglich, zu welchen Mitteln er bereit ist zu greifen, um sein eigenes Überleben zu sichern. Mag seine Motivation anfangs noch ehrbar gewesen sein, der Kapitalismus sorgt letztendlich dafür, dass er sukzessive zu einem eiskalten Businessman wird. Das Bedenkliche: der Erfolg gibt ihm Recht.

Die Qualitäten von „The Founder“ liegen neben den herausragenden Darstellern (u.a. noch Laura Dern, Patrick Wilson und Linda Cardellini) in der erfrischend ruhigen Inszenierung und dem Verzicht auf großes Drama. Das spielt sich vielmehr in etlichen kleinen Szenen ab, die punktgenau jene psychologischen Grenzen aufzeigen, die es zu überschreiten gilt, um ganz nach Oben zu kommen.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es kurze (Werbe-)Featurettes sowie Interviews. „The Founder“ erscheint bei Splendid Film GmbH und ist seit 25. August 2017 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Splendid Film GmbH)

Sonntag, 27. August 2017

Heimkino-Tipp: „Verleugnung“ (2016)

Wider dem rechten Stumpfsinn

In den vergangenen Monaten war auf der allwissenden IMDb, der globalen Filmdatenbank im Netz, ein interessantes Phänomen zu beobachten: Der Film „The Promise“ (dt. Kinostart: 17. August 2017) erhielt lange vor seiner offiziellen Veröffentlichung miserable Bewertungen. Zwar war das Werk bereits auf einigen Festivals aufgeführt worden, angesichts der Starpower (u.a. Christian Bale, Oscar Isaac, sowie Oscar-Preisträger Terry George („Hotel Ruanda“) auf dem Regiestuhl) und der limitierten Sichtungsmöglichkeiten verwunderte diese Masse an Negativurteilen schon. Ein Blick auf die Thematik des Films könnte eine Erklärung bieten. „The Promise“ erzählt eine Geschichte während des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich Anfang des 20. Jahrhunderts. Etwas, was sich die türkische Regierung als Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs bis heute nicht eingestehen will. Womöglich sind also Verfechter dieser Ansicht für das schlechte Abschneiden auf der IMDb verantwortlich. Ein Schicksal, das „The Promise“ übrigens mit Fatih Akins sehenswertem „The Cut“ (2014, LINK) teilt.

Wozu diese kleine Exkursion? Das Drama „Verleugnung“ von Mick Jackson („Bodyguard“) greift einen anderen, wahren Fall auf, bei dem sich ebenfalls ein Mann weigert(e), historische Fakten anzuerkennen. Der Brite David Irving stellte den Holocaust der Nationalsozialisten mehrfach infrage und strengte Mitte der 1990er-Jahre einen Prozess gegen die US-amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt an, die ihn verleumdet habe. Tatsächlich hatte sie in ihrem Buch „Betrifft: Leugnen des Holocaust“ lediglich Aussagen von und über ihn zitiert, die ihn als Geschichtsrevisionist ausweisen. Irving wollte nun den weiteren Verkauf ihres Buches unterbinden. Die Folge: Sie musste vor Gericht ihre Aussagen legitimieren – er hingegen konnte weitere „Beweise“ für seine absurde These vortragen.

Der prominent besetzte Film „Verleugnung“ stellt die Vorbereitungen und den Verlauf des Prozesses aus Sicht von Lipstadt, der Angeklagten(!), nach. Rachel Weisz gibt die Wissenschaftlerin als selbstbewusst auftretende Frau, die sich einerseits mit den Spielregeln eines Gerichtsprozesses arrangieren muss, andererseits nicht nur aufgrund ihrer eigenen Familiengeschichte die Lügen ihres Gegners (Timothy Spall) ein für alle Mal entlarven will. An ihrer Seite kämpfen zwei erfahrene, aber in ihren Vorgehensweisen sehr spezielle Juristen, Anthony Julius (Andrew Scott) und Richard Rampton (Tom Wilkinson).

Regisseur Jacksons Werk ist ein zweischneidiges Schwert: Zwar nähert er sich den realen Ereignissen akkurat und ohne ablenkendes Beiwerk an, doch vielen Szenen ist anzusehen/anzumerken, dass die Macher auf Nummer sicher gehen wollten. So wird Spalls Irving von Beginn an als Unsympath, Provokateur und erzkonservativer Mensch ins Bild gerückt, sodass eine objektive Bewertung seiner kruden Aussagen seitens der Zuschauer überflüssig wird. Positiv hervorzuheben ist die detaillierte Darstellung der Verteidigung, die sachlich Irvings Scheinargumente widerlegt. Weniger schön ist die (legitime, aber sehr durchschaubare) Nutzung diverser filmischer Mittel, um gewünschte Stimmungen beim Filmpublikum zu erzeugen. Hinzu kommt ein immer wieder durchschimmernder satirischer Blick auf die Mechanismen der britischen Justiz, der angesichts des ernsten Themas leicht befremdlich wirkt.

„Verleugnung“ ist ein formal durchschnittlicher Film, der inhaltlich aber überzeugt und in Zeiten von Lügen verbreitenden, ketzerischen und scheinbar unbelehrbaren Verschwörungstheoretikern weltweit aktueller nicht sein könnte.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche und deutsche Untertitel für Hörgeschädigte sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es Interviews. „Verleugnung“ erscheint bei Square One/Universum Film und ist seit 25. August 2017 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Square One/Universum)

Dienstag, 22. August 2017

Heimkino-Tipp: „Moonlight“ (2016)

Boyhood

Es soll ja Leute in Deutschland geben, die sich extra einen Urlaubstag gönnen, um Jahr für Jahr in der letzten Februarnacht die Oscar-Verleihung live anschauen zu können – der Autor dieser Zeilen beispielsweise. Keine leichte Aufgabe: Zunächst gilt es, die Peinlichkeiten diverser TV-Reporter am roten Teppich zu ertragen, anschließend müssen mehrere Stunden an Werbeblöcken überstanden werden, die die Gala ab und zu unterbrechen. Erst ganz am Ende kommen die dicken Fische dran, die „wichtigsten“ Preise des Abends, u.a. für die Hauptdarsteller/innen, die Regie, den „Besten Film“. Und dann das Jahr 2017! Nie zuvor wurde das stundenlange Wachbleiben bis kurz nach 6 in der Früh so unterhaltsam belohnt: ein vertauschter Umschlag, ein verwirrter Warren Beatty und ein falsch ausgerufener Gewinner („La La Land“) für die Königskategorie, eben jene für den „Besten Film“. Was für ein schönes Chaos!

Natürlich wäre es schön, wenn Barry Jenkins’ Drama nicht nur wegen dieser, in der Geschichte der Oscars (bisher) einmaligen Verwechslung in Erinnerung bleiben würde. Denn vieles ist an „Moonlight“ tatsächlich außergewöhnlich: das niedrigste Produktionsbudget, das je ein Oscar-Gewinner-Film hatte ($1,5 Millionen); der erste Oscar-prämierte Film zum Thema Homosexualität, der eine rein schwarze Besetzung hat; der Schauspieler Mahershala Ali, der als erster Muslim überhaupt einen jener begehrten Goldjungen erhielt.

Der Film erzählt vom Erwachsenwerden eines Jungen namens Chiron in einem Problembezirk in Miami. Während er zu Hause mit seiner drogensüchtigen Mutter (Naomie Harris) und in der Schule mit mobbenden Mitschülern zu kämpfen hat, wird er sich sukzessive seiner homosexuellen Identität bewusst, hält diese aber weitestgehend geheim. Zuflucht findet er bei einem Drogendealer (Ali), der für ihn zum Vaterersatz wird und in seinem Verhalten auch Jahre später noch prägt.

Etliches in „Moonlight“ entspricht nicht gängigen Erwartungen: Es gibt Drogenopfer, aber keine Schießereien, harte Jungs, aber ‚nette‘ Kriminelle, und vor allem – trotz zeitlich passendem Rahmen – keine Schwulendisco-Szenen mit „I will survive“-Karaoke, stattdessen einen gefühlvollen musikalischen Mix aus Hip Hop, Soul und Motown-Klassikern.

Und doch wirkt die Geschichte wie eine im Kino schon oftmals erzählte: das harte Umfeld in Kindertagen, geprägt von psychischer Gewalt und Einsamkeit, die Adoleszenz zwischen Unsicherheit und Wut, das Mann-Sein mit unterdrückter Homosexualität. Was bliebe an „Moonlight“ erinnerungswürdig, wäre der Film zwar in einem ähnlichen sozialen Umfeld, aber nicht in einer schwarzen Community angesiedelt? Das Wort Klischee trifft es nicht ganz, doch bekannte Versatzstücke aus thematisch ähnlichen Werken sind hier in vielen Szenen zu entdecken. Aber vielleicht braucht jede Generation einfach ihren eigenen „Moonlight“, sind es doch immer wieder ähnliche Kämpfe, die Teenager während des Erwachsenwerdens austragen müssen.

Zwar ist auch die von Regisseur Jenkins gewählte Form dieser „Manns-Werdung“ nicht neu – drei Schauspieler (Alex Hibbert, Ashton Sanders, Trevante Rhodes) porträtieren Chiron in unterschiedlichen Lebensphasen. Doch was die Darsteller hier zeigen, ist wahrlich phänomenal. Umso mehr, da sich die drei laut Jenkins während der Dreharbeiten nie begegneten. Wie sie ihre Figur über beinahe 30 Jahre trotzdem aus einem Guss erscheinen lassen, beeindruckt sehr. Wenn „Moonlight“ statt des Oscar-Wirrwarrs also für deren Leistung im cineastischen Gedächtnis bleiben würde, wäre ich versöhnt.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche, französische und italienische Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es ein Making of, Bilder von der Premiere in Berlin sowie einen Audiokommentar des Regisseurs. „Moonlight“ erscheint bei DCM Film Distribution GmbH/Universum Film und ist seit 25. August 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © DCM)

Montag, 21. August 2017

Heimkino-Tipp: „Masterminds“ (2015)

Minimaler IQ, maximale Beute

Es dauert keine fünf Filmminuten bis zum ersten Furzgag. Damit macht Regisseur Jared Hess („Napoleon Dynamite“) seinem Publikum gleich zu Beginn klar, wohin die Reise gehen wird – und enttäuscht die Erwartungen nicht. Wobei der Begriff ‚Erwartungen‘ hier sehr niedrig angesetzt werden sollte. Denn obwohl sich „Masterminds“ auf wahre Begebenheiten bezieht, nutzt Hess fortan jede Möglichkeit, um dem Affen Zucker zu geben. Willige Helfer vor der Kamera hat er dafür en masse: Zach Galifianakis, Kristen Wiig, Owen Wilson, Jason Sudeikis, Kate McKinnon und Leslie Jones hauen ordentlich auf den Putz und versuchen konstant, sich im Overacting zu übertrumpfen. Hat man/frau das erst einmal akzeptiert, wird aus „Masterminds“ ein ganz amüsanter Streifen.

David (Galifianakis) und Kelly (Wiig) arbeiten für eine Sicherheitsfirma und transportieren täglich Unmengen von Cash in einem Geldtransporter durch die Gegend. Als Kelly gefeuert wird und sich mit dem Möchtegern-Gangster Steve (Wilson) einlässt, ist es mit Davids eintönigem Leben vorbei. Die zwei überreden ihn, den Safe der Firma zu leeren und einen Neuanfang in Südamerika zu wagen. Verliebt wie er ist, lässt David sich darauf ein – und zeigt seinen neuen Freunden und der Welt, was man bei einem Überfall wie diesem alles falsch machen kann. Das Ende vom Lied: Steve hetzt David einen Killer (Sudeikis) auf den Hals, der nicht minder ‚speziell‘ ist.

„Masterminds“ zieht seinen Witz hauptsächlich aus den völlig übertriebenen Darstellungen seiner Figuren. Von Kleidung über Verhaltensmacken bis hin zu ihrer Art zu sprechen sind hier ein paar gute Gags versteckt. Und den Stars, die ihr Handwerk größtenteils bei „Saturday Night Live“ gelernt haben und bereits in diversen Komödien zusammen auftraten, ist der Spaß an diesem völlig überzogenen Unsinn anzusehen.

Sie retten den Streifen vor einigen Untiefen, sei es der überraschungslose Handlungsverlauf oder die nicht zu übersehenden Fehlstellen, die manche Szenen recht abgehackt wirken lassen. Dies kann allerdings auch der turbulenten Entstehungsgeschichte des Films geschuldet sein: Kurz vor der Fertigstellung und Veröffentlichung ging die Produktionsfirma Relativity Media bankrott und das Werk verschwand ein Jahr in irgendeinem Archiv.

Ein Rohrkrepierer ist „Masterminds“ aber keinesfalls. Zwar fehlt es an Kreativität, Spannung und ein paar richtigen Schenkelklopfern, aber abgesehen von zwei überflüssigen Fäkal-Witzchen ist das hier zu Sehende doch ganz witzig.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Extras gibt es keine. „Masterminds“ erscheint bei Universum Film und ist seit 18. August 2017 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Universum Film GmbH)

Samstag, 19. August 2017

... im Nachgang: „Die Verführten“ (Kinostart: 29. Juni 2017)

Verführerisch gut oder seelenlose Neuauflage? HIER ein lesenswertes Streitgespräch über den Film „Die Verführten“ von Sofia Coppola. Von mir stammt der Contra-Teil des Textes.

(Plakat: © 2017 Universal Pictures International Germany GmbH)

Donnerstag, 3. August 2017

„Das Gesetz der Familie“ (Kinostart: 3. August 2017)

Family Business

„Captain Fantastic“ (2016) mit Viggo Mortensen, „Schloss aus Glas“ mit Woody Harrelson (Kinostart 21.9.) und nun „Das Gesetz der Familie“ mit Michael Fassbender: Filme über Familien, die es sich abseits von Großstädten und der Gesellschaft bequem gemacht haben und dort versuchen, ihr Glück zu finden, scheinen momentan sehr angesagt zu sein. Vielleicht auch ein Zeugnis unserer Zeit? Denn jene Aussätzigen mit ihren eigenen Lebensentwürfen bieten eine willkommene Alternative zum chaotischen Dasein in den Metropolen, die mehr und mehr die Anonymität des Einzelnen fördern.

Über Anonymität wäre der zweifache Vater Chad (Fassbender) sicherlich dankbar. Denn obwohl er mit seiner Großfamilie, dem Cutler-Clan, irgendwo in der englischen Pampa in einem Wohnwagen haust, ist er – zumindest bei der Polizei – kein Unbekannter. Wie schon sein alter Herr (Brendan Gleeson) finanziert sich Chad seinen Alltag mit Einbrüchen. Die Cops wissen es, die Cutlers wissen, dass die Cops es wissen, und doch können die Ordnungshüter der Bande nichts nachweisen. So liefern sich beide Seiten regelmäßig nächtliche Verfolgungsjagden, kleine Frotzeleien bei zufälligen Begegnungen und Chad kennt sogar schon den Namen des Polizeihunds, den ihn sein Lieblingsfeind in Uniform bei der Kontrolle vor die Nase hält. Doch der Spaß hat auch Grenzen: Chad, der nie eine Schule von innen gesehen hat und nicht lesen kann, möchte seinen beiden Sprösslingen eine bessere Zukunft schenken und ihnen sowie seiner Frau Kelly (Lyndsey Marshal) ein geordnetes Leben ohne ständige Geldsorgen ermöglichen. Die Abnabelung von seinem Vater gestaltet sich jedoch schwierig. Denn Papa Colby ist keinesfalls bereit, seinen Sohn und seine Enkel so ohne weiteres ziehen zu lassen.

Rau, natürlich und ein wenig anarchisch – eben genauso wie die Hauptcharaktere – kommt Adam Smiths Erstlingswerk daher. Irgendwo zwischen Komödie und ungeschöntem Sozialdrama angesiedelt, porträtiert er eine Familie, die trotz örtlicher Ungebundenheit und fehlender geographischer Wurzeln in einem Gefängnis lebt. Der unumstrittene Chef dieser Haftanstalt: Brendan Gleeson alias Colby. Mit unglaublicher Präsenz gesegnet, braucht er nicht einmal die Hand zu erheben, um seinen Willen durchzusetzen. Tut er es doch, ist von seinem Gegner bald darauf auch psychisch nichts mehr übrig. So verwundert es nicht, dass es selbst ein Charakter mit der Physis eines Michael Fassbender nicht wagt, gegen diesen Mann aufzubegehren.

„Das Gesetz der Familie“ ist weder anklagend noch romantisierend seinen Figuren gegenüber. Vielmehr nutzt Regisseur Smith das ungewöhnliche, natürliche Umfeld, um eine eigentlich klassische Vater-Sohn-Geschichte zu erzählen und zu zeigen, wie diese sich mit der Zeit verändert. Familie als Fluch und Segen zugleich – der Film findet unzählige Szenen, die diese beiden gegensätzlichen Seiten wunderbar verdeutlichen.

Man muss die Cutlers und ihre Art zu leben nicht mögen, um deren familiäre Konflikte nachvollziehen zu können. Dafür sorgt allein das fabelhafte Spiel von Fassbender, Gleeson & Co. sowie die passende musikalische Untermalung der Chemical Brothers, die den Soundtrack zu diesem wunderbaren Streifen beisteuerten. Große Klasse!

(Plakat + stills: © 2017 Koch Media)

Samstag, 29. Juli 2017

Heimkino-Tipp: „American Gods“ (Staffel 1, 2017)

The Devil in disguise

Amerika ist ein Einwanderungsland. Oder zumindest war es das, bevor im Januar 2017 ein neuer Präsident die, hüstel, politische Führung der USA übernahm. Ob es dem neuen Mann im Weißen Haus nun gefällt oder nicht, fakt ist: die Vereinigten Staaten sind seit jeher ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen, Ansichten – und Religionen. Basierend auf dieser Tatsache, kreierte der Schriftsteller Neil Gaiman, passenderweise selbst ein Einwanderer aus Großbritannien, daraus einen Roman, der seit seiner Veröffentlichung im Jahre 2001 eine große Fanschar gewinnen konnte: „American Gods“. Die Serienspezialisten Bryan Fuller („Hannibal“) und Michael Green („Heroes“) adaptieren dieses Werk nun für ihre gleichnamige TV-Show.

Die Grundidee: All jene, die einst nach Amerika kamen, haben auch ihre Götter und ihren Glauben mit in ihre neue Heimat gebracht. Doch mit der Zeit haben sich die Menschen sukzessive von ihren altehrwürdigen Göttern abgewandt und mit neuen, beispielsweise modernen Medien, ersetzt. Für die alten Götter bleibt da kein Platz mehr. Sie geraten in Vergessenheit, weil die Menschen ihre Zeit, Aufmerksamkeit und Verehrung nun anderen Dingen widmen. Mr. Wednesday (Ian McShane), einer jener alten Götter, möchte dies wieder rückgängig machen und versammelt dazu etliche seiner ehemaligen Weggefährten, um sich mit ihnen den jungen Göttern entgegenzustellen. Mittendrin: Ex-Häftling Shadow Moon (Ricky Whittle), der auf dem Weg zur Beerdigung seiner überraschend verstorbenen Frau Laura (Emily Browning) von Mr. Wednesday als eine Art Bodyguard rekrutiert wird. Erst nach und nach dämmert Moon, auf wen und was er sich da eingelassen hat.

Gewöhnlich werden Romanadaptionen fürs Kino oder fürs TV dafür kritisiert, zu verknappen, zu vereinfachen oder gar ganze Erzählstränge zu ignorieren. Die Macher hinter „American Gods“ gehen den umgekehrten Weg: Laut Serienschöpfer Fuller haben sie in Absprache mit Schöpfer Gaiman nämlich die Vorlage erweitert, einzelnen Charakteren mehr Raum gegeben und einige Nebenfiguren nun sogar zu Hauptakteuren der Geschichte gemacht. Für Fans der Vorlage sicherlich eine erfreuliche Veränderung.

Wer jedoch ohne Vorwissen, quasi als Tabula rasa an die Serie herantritt, wird dies möglicherweise anders empfinden. Die acht Folgen der ersten Staffel wirken wie eine (überlange) Exposition, die unzählige Haken schlägt, um viele Figuren einzuführen oder zumindest kurz durchs Bild laufen zu lassen. Ebenso wie Shadow Moon lauscht man als (unvorbelasteter) Zuschauer interessiert und neugierig den meist kryptischen Erklärungen und Dialogen der Götter(?) in menschlichem Antlitz, ist nach den 60 Minuten einer Episode aber selten schlauer. Nein, es braucht kein T-Shirt mit dem Aufdruck „Hallo, ich bin ein göttliches Wesen!“. Aber das Publikum nur von einem Sonderling zum nächsten zu schicken, ohne dessen wahre Identität preiszugeben, ist dann doch etwas anstrengend.

Immerhin, optisch macht „American Gods“ einen fabelhaften Eindruck. Gothic Horror trifft auf Science Fiction trifft auf Arthouse trifft auf lebendige Tote. Dazu gibt es äußerst zeigefreudige Erotikszenen und viel nackte Haut, sowie Blutfontänen ungeheuren Ausmaßes, in denen der Betrachter förmlich ersäuft. Eine reizvolle Mischung, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Die permanente musikalische Untermalung und der fantastisch aufspielende Cast (u.a. mit Gillian Anderson, Peter Stormare, Pablo Schreiber) trägt ebenso dazu bei, trotz einiger erzählerischer Durchhänger am Ball zu bleiben. Zumal abseits der ganzen Mythologie dann doch hin und wieder eine weitere erzählerische Ebene zum Vorschein kommt, die interessante Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellt. Sie beleuchtet Themen wie Rassismus, Sklaverei, Einwanderung und Glaubensfreiheit, das Leben von Migranten sowie unterschiedliche Vorstellungen davon, was nach dem Sterben geschieht.

Auch wenn die ersten Folgen ein Fest für die Augen sind, ist es „American Gods“ überdeutlich anzumerken, dass diese Staffel nur ein Appetizer sein soll. Einerseits werden etliche, für die Erzählung unbedeutende Szenen, merklich in die Länge gezogen. Andererseits tauchen viele Figuren auf, auf deren Einordnung in die Handlung (noch) völlig verzichtet wird. Nicht unbedingt zuträglich, um Neugier auf eine zweite Staffel zu wecken.

Aber da muss es schon mit dem Teufel zugehen, wenn diese nicht bald kommt …

Die Blu-rays/DVDs bieten die komplette erste Staffel (acht Folgen) in englischer Original- und deutscher Synchronfassung. Optionale Untertitel in deutsch und englisch sind vorhanden. Als Extras gibt es mehrere Interviews mit Cast & Crew sowie Kurzdokumentationen, die sich mit den Machern sowie verschiedenen Aspekten der Produktion befassen. „American Gods“ erscheint bei Studiocanal GmbH Home Entertainment und ist seit 28. Juli 2017 erhältlich (Packshot + stills: © Studiocanal GmbH Home Entertainment).

Freitag, 21. Juli 2017

Heimkino-Tipp: „Elle“ (2016)

Basic Instincts

Das nenne ich mal Hingabe: Als feststand, dass Regisseur Paul Verhoeven seinen neuen Film „Elle“ in Frankreich drehen würde, machte er einen Sprachkurs, um vor Ort in der Muttersprache der Crewmitglieder mit seinem Team kommunizieren zu können. Seine wichtigste Verbündete: Schauspielerin Isabelle Huppert. Denn anders als eine ganze Reihe von Hollywood-Stars (u.a. Nicole Kidman, Sharon Stone, Julianne Moore, Diane Lane) hatte sie keine Probleme damit, die Hauptrolle in Verhoevens unerhörtem Psychothriller anzunehmen. Ein Film, der von einigen Kritikerkollegen als Rape Comedy betitelt wurde – ein Begriff, der scheußlicher nicht sein könnte. Und ganz nebenbei völlig unsinnig ist in Bezug auf das finale Werk. Ja, eine Vergewaltigung spielt in „Elle“ eine zentrale Rolle. Und ja, auch humorvolle Szenen sind in den 130 Minuten wider Erwarten zu finden. Ein Schenkelklopfer ist der ungewöhnliche Streifen deshalb aber noch lange nicht.

Michèle Leblanc (Huppert) ist Chefin eines Unternehmens, das Horrorvideos und Clips für Computerspiele produziert. Mit ihrem strengen und fordernden Auftreten hat sie nicht viele Freunde in ihrem Team, das größtenteils aus jungen Männern besteht. Eines Tages wird Michèle in ihrem Haus von einem Maskierten überfallen – und auf dem Küchenboden vergewaltigt. Doch statt den Vorfall zu melden, versucht sie ihren Alltag fortzuführen, ganz so, als wäre nichts geschehen. Aber der äußere Eindruck täuscht: Michèle begibt sich selbst auf die Suche nach dem Täter. Jedoch nicht, um ihn mit Gewalt zu bestrafen, sondern um auf ganz spezielle Weise auf das Geschehene zu reagieren.

Wer den Niederländer Verhoeven bisher nur als cineastischen Krawallmacher („Robocop“, „Total Recall“, „Basic Instinct“, „Starship Troopers“) wahrgenommen hat, wird von der Inszenierung dieses Films möglicherweise überrascht sein. Ein genauerer Blick auf seine Filmografie (und die genannten, in Hollywood entstandenen Kassenschlager) offenbart jedoch, dass hinter all der oberflächlichen Gewalt und Zeigefreudigkeit schon immer stets eine tiefere Bedeutung mitschwingt. Sei es Sozialkritik, ein Kommentar zur ungehemmten Gier nach sexueller Befriedigung oder eine Satire auf moderne Medien. Auch dem antifaschistischen Widerstand in seiner Heimat während des Zweiten Weltkriegs widmete er sich schon auf großartige Weise („Black Book“).

Nun also „Elle“. Ein verstörendes Drama, ganz zugeschnitten auf die dafür zu Recht für einen Oscar nominierte Huppert. Sie beweist – gerade im Vergleich zum ihrem aktuellen Kinofilm „Ein Chanson für Dich“ (Rezi HIER) – wie wandlungsfähig und beruflich unberechenbar sie ist. Ihre hier in der Rolle der Michèle glaubhaft zur Schau gestellte Kombination aus Verletzlichkeit, Wut, Eigensinn und Macht ist eine darstellerische Meisterleistung. Dank ihr schrammt „Elle“ nicht nur einmal knapp am Wahnsinn vorbei, sie hält die Geschichte in der Realität, auch wenn es sukzessive immer absurder wird.

„Elle“ ist eine Provokation in Perfektion, die höchstwahrscheinlich nur in dieser Kombination aus Regisseur und Darstellerin möglich geworden ist. Eine wendungsreiche Studie über eine moderne, selbstbewusste Frau, die auch im Angesicht eines brutalen Verbrechens einen kühlen Kopf behält und entgegen aller Erwartungen ihre Schlüsse daraus zieht. Man(n)/frau muss das nicht verstehen oder gutheißen – aber gesehen haben sollte man es.

Die Blu-ray/DVD bietet den Film in deutsch synchronisierter und original französischer Sprachversion sowie deutsche Untertitel (auch für Hörgeschädigte) und eine Hörfilmfassung. Als Extra gibt es Trailer. „Elle“ erscheint bei MFA+ FilmDistribution und ist seit 21. Juli 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © MFA+/SBS Productions, Twenty Twenty Vision Filmproduktion, France 2 Cinéma & Entre Chien et Loup)

Mittwoch, 5. Juli 2017

„Ein Chanson für Dich“ (Kinostart: 6. Juli 2017)

Can A Song Save Your Life?

Der Eurovision Song Contest war – zumindest für die Kandidaten aus Deutschland – in den vergangenen Jahren keine Erfolgsgeschichte. Überhaupt hat der Musikwettbewerb schon lange nicht mehr die künstlerische Bedeutung wie beispielsweise in den 1970er-Jahren, als Auftritte dort den Startschuss für langanhaltende, internationale Karrieren bedeuteten. Der französische Film „Ein Chanson für Dich“ von Bavo Defurne nutzt diesen Hintergrund für eine charmante Liebesgeschichte, die von verpassten Chancen, späten Neuanfängen und der Magie schnulziger Schlagersongs erzählt.

Die Einzelgängerin Liliane (Isabelle Huppert) arbeitet in einer Pasteten-Fabrik und hat sich ihren Alltag in einer unaufgeregten Routine zwischen Job, Couch und einsamen Abenden vor dem Fernseher eingerichtet. Die Eintönigkeit wird erst unterbrochen, als ein neuer, überaus junger Mitarbeiter namens Jean (Kévin Azaïs) auf sie aufmerksam wird. Er ist überzeugt, in ihr die Sängerin Laura erkannt zu haben, die vor vielen Jahren den zweiten Platz beim Grand Prix Eurovision de la Chanson belegte – und die sein Vater einst anhimmelte. Jean gelingt es, nach und nach Lilianes Vertrauen und Herz zu gewinnen, und überzeugt sie schließlich, noch einmal auf die Bühne zurückzukehren. Als die Medien auf das Mini-Comeback aufmerksam werden, gehen sie in die Offensive – und kündigen an, dass Laura noch einmal beim Grand Prix antreten wolle. Doch der Weg zum Ziel ist mit vielen emotionalen Hürden bestückt.

Was Sylvester Stallone alias „Rocky Balboa“ hinkriegt, kann Isabelle Hupperts Laura schon lange: Die altbekannte Erzählung eines ehemaligen Stars, der noch einmal alles auf eine Karte setzt, ist zwar nicht neu, im musikalischen Umfeld des Eurovision Song Contest allerdings aus einer ungewöhnlichen Perspektive erzählt. Denn Regisseur und Co-Autor Defurne lässt es sich nicht nehmen, einen leicht ironischen Blick auf das Business und die Mechanismen des Geschäfts zu werfen. Mit der Huppert hat er dafür eine kongeniale Komplizin vor der Kamera gefunden. Sie verkörpert die alleinstehende Fabrikarbeiterin ebenso überzeugend wie die verführerische Rampensau, lässt aber auch immer wieder hier und da ein süffisantes Grinsen durchschimmern. Das verpasst der doch geradlinigen Erzählung, die in vielen Aspekten einem Wohlfühl-Schlager gleicht, einen doppelten Boden. So bleibt es stets im Vagen, ob der Film liebevolle Hommage oder doch eher bitterböse Satire ist. Bestes Beispiel: Produzent, Songschreiber und Ex-Mann Tony (Johan Leysen), der Laura im Bademantel in seiner Protzvilla empfängt und ihr gegen eine gewisse Gegenleistung einen neuen Hit auf den Leib komponiert. Ein Mann mit großem Ego, aber eben auch mit großem Talent.

„Ein Chanson für Dich“ eignet sich daher sowohl für Fans als auch für jene, die nichts mit dem Eurovision Song Contest anfangen können. Eine „satirische Hommage“ sozusagen, mit einer wunderbaren Isabelle Huppert als schelmische Moderatorin.

(Plakat + stills: © 2017 Alamode Filmverleih)