Heimkino-Tipp: „Die Gräfin von Hongkong“ (1967)

Schöne Frau im Schrank

Charles ‚Charlie‘ Chaplin (1889 – 1977) gilt als einer der ersten Weltstars des Kinos. Ob in seiner legendären Rolle als Tramp, als Mitbegründer des Filmstudios United Artists oder Regisseur/Autor von Klassikern wie „Goldrausch“ (1925), „Moderne Zeiten“ (1936) und „Der große Diktator“ (1940): ohne Chaplin wäre das Medium Film heute nicht das, was es ist.

Waren seine Werke zunächst mehrheitlich dem Genre der Komödie zuzurechnen, so inszenierte Chaplin in der Spätphase seines Schaffens, nach dem Zweiten Weltkrieg, vornehmlich Dramen mit humoristischem Anstrich, die – so zumindest meine Wahrnehmung – heute leider kaum mehr bekannt sind und im Schatten seiner oben genannten, bekannteren Arbeiten stehen. Während der McCarthy-Ära in den frühen 1950er-Jahren in den USA als Kommunist gebrandmarkt, siedelte er – einem Wiedereinreiseverbot während der britischen Promotion-Tour zu seinem Film „Rampenlicht“ (1952) geschuldet – nach Europa über und setzte hier seine künstlerische Tätigkeit fort. Kann sein vorletzter Film „Ein König in New York“ (1957) noch als bittere Abrechnung mit amerikanischen Werten jener Zeit verstanden werden, stellt die erst zehn Jahre später entstandene Romantikkomödie „Die Gräfin von Hongkong“ eine Art Rückkehr zu Chaplins legendärem Slapstick-Humor dar, auch wenn er darin selbst nur einen Cameo-Auftritt als Schiffskellner absolviert. Die Hauptrollen überließ er zwei der damals größten Stars des Kinos: Sophia Loren und Marlon Brando.

Fast ausschließlich auf einem Kreuzfahrtschiff spielend, erzählt „Die Gräfin von Hongkong“ von der turbulenten Überfahrt des US-Senators Odgen (Brando) von Hongkong nach Amerika, der zu seiner Überraschung die mittellose russische Gräfin Natascha (Loren) in seiner Kabine auffindet. Sie möchte ihr altes Leben hinter sich lassen und einen Neuanfang wagen, auch wenn sie keine Papiere, keine Kleidung und keinen Plan hat, wie sie das anstellen soll. Als Natascha droht, den verheirateten Odgen bloßzustellen, falls er sie verrät, muss er notgedrungen einen Weg finden, die blinde Passagierin bis zur Ankunft zu verstecken. Dies gestaltet sich jedoch zunehmend schwieriger.

Örtlich begrenzt auf eine zwei-Zimmer-Luxuskabine, wirkt „Die Gräfin von Hongkong“ mehr wie ein Bühnenstück, in der amüsante Dialoge und wunderbarer Slapstick im Mittelpunkt stehen. Wenn Loren und Brando bei jedem Türklopfen panisch versuchen, ihr gemeinsames Geheimnis zu bewahren, ist das Chaplin-Kunst in Reinform. Nicht verschließbare Badezimmertüren, neugierige Journalisten und ein Generalschlüssel für Bedienstete tun ihr Übriges, um dem unfreiwilligen Paar konstant Schweißperlen auf die Stirn zu treiben.

Gewiss, inhaltlich und bezüglich des Handlungsverlaufs ist „Die Gräfin von Hongkong“ vielleicht etwas altbacken und überraschungsarm. Aber vielleicht ist es gerade das, was den Charme dieser Komödie ausmacht, die erfrischend harmlose Unterhaltung zum Schmunzeln bietet.

Berichten von den Dreharbeiten zufolge kamen weder Brando mit Chaplin, noch Loren mit Brando sonderlich gut aus. Wenn dem tatsächlich so war, haben es alle Beteiligten gut überspielt. Was allerdings offensichtlich ist: Die letzten fünf Minuten des Films wirken seltsam hastig, holprig und unvollständig. Fast scheint es so, als sei sogar eine Dialogszene zwischen Odgen und seiner Gattin (Tippi Hedren) mittendrin beschnitten worden, was der ganzen Geschichte ihres emotionalen Höhepunkts beraubt und ausgerechnet diese letzte Arbeit von der Kinolegende Chaplin etwas unrund ausklingen lässt. Zumindest sind so jene Gerüchte zu erklären, dass es von Seiten des Filmstudios Universal zu Kürzungen von bis zu 15 Minuten gekommen sein soll. Bis heute ist dies allerdings die einzig noch vorhandene Filmkopie.

Unabhängig davon ist die hier vorliegende Erstveröffentlichung auf Blu-ray, abgetastet von einem neuen HD-Master, ein wahrer Augenschmaus. Und: Im Vergleich zu früheren Video- und DVD-Versionen ist der Film – bis auf die eben genannte offizielle Kürzung – vollständig. Schön, dass damit nun Chaplins Gesamtwerk bezüglich seiner Langspielfilme (von 1921 bis 1967) endlich komplett vorliegt.

Die neu erschienene DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche und englische Untertitel sind optional verfügbar. Als Bonusmaterial gibt es neben dem Trailer zwei interessante Bildergalerien: vom Set und vom weltweiten Promotionsmaterial. „Die Gräfin von Hongkong“ erscheint bei explosive media/Koch Media und ist seit 23. Juli 2020 erhältlich. (Packshot: © explosive media/Koch Media/Universal)

Heimkino-Tipp: „Freies Land“ (2019)

Die Mörder sind unter uns

Eines kann mensch Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann Christian Alvart ganz sicher nicht vorwerfen: dass er unkreativ wäre. Während andere Filmemacher gern ‚auf Nummer sicher gehen‘ und oftmals einem Stil treu bleiben, wird der gebürtige Hesse nicht müde, Grenzen auszutesten und Neues auszuprobieren. Seine Art Filme zu drehen, ist unübersehbar an amerikanischen Vorbildern angelehnt, hebt sich aber vielleicht gerade deshalb von ‚typisch deutschen‘ Genrevertretern ab. „Antikörper“ (2005) ist auch 15 Jahre nach Erscheinen noch immer ein Thriller von epischer Schön- und Grausamkeit, Alvarts Versuche, der „Tatort“-Reihe mit ‚Jason Bourne‘-Anleihen neue Impulse zu geben (siehe Nick Tschiller-/Til Schweiger-Episoden), sorgten zumindest für Aufsehen.

Mit „Freies Land“ bringt er nun die „True Detective“-Optik ins deutsche (Heim-)Kino. War es im US-Vorbild das karge Hinterland, welches eindrucksvoll in Szene gesetzt wurde, so sind es hier von Wasserstraßen zerklüftete, fast menschenleere Landschaften in Mecklenburg-Vorpommern, die den Background für eine düstere Kriminalgeschichte bilden, angesiedelt kurz nach der Wendezeit.

1992 wird der Hamburger Polizist Stein (Trystan Pütter) in die Provinz entsandt, um zusammen mit seinem ostdeutschen Kollegen Bach (Felix Kramer) das Verschwinden von zwei jungen Frauen aufzuklären. Wie sich schnell zeigt, sind beide ermordet worden – und scheinbar nicht die einzigen, die auf der Suche nach einem aufregenderen Leben in der Großstadt einem Verbrechen zum Opfer fielen.

Basierend auf dem spanischen Werk „La Isla Mínima – Mörderland“ (2014), siedelt Alvart seine Version in einem Deutschland an, das gerade dabei ist, sich neu zu sortieren und Menschen blühende Landschaften verspricht, während es ihnen gleichzeitig erst die Jobs und anschließend die Lebensgrundlage entzieht. Mittendrin zwei Kommissare mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Prägungen, Ermittlungsmethoden und Verständnis von Gerechtigkeit.

Es ist viel Stoff, den Alvart in seinen Film packt, der vor allem auf optischer Ebene zu begeistern weiß, auch bezüglich des Auftretens und Aussehens der beiden Hauptcharaktere Stein und Bach. Inhaltlich hingegen, und das schreibe ich mit großem Bedauern und einem seufzendem ‚schade‘ auf den Lippen, bleibt Vieles bloße Behauptung. Ja, Figuren mittels ihrer Wirkung auf die Umgebung, über ihr Verhalten und über ihr Erscheinungsbild zu charakterisieren, ist ein lobenswerter und künstlerisch anspruchsvoller Ansatz. Was ihnen jedoch fehlt ist Dreidimensionalität. Dies äußert sich u.a. darin, dass die Schauspieler Pütter und Kramer zwar nebeneinander, aber nicht miteinander agieren. Klar, ihr Fremdeln ist sicherlich Ausdruck der Ossi-/Wessi-Skeptik jener Tage, doch selbst Nebenfiguren wie die von Nora (von) Waldstätten verkörperte Katharina bleiben skizzenhaft und erwachen nie wirklich zum Leben.

Wenn dann noch ein zwielichtiger Geschäftsmann aus dem Westen die Szenerie betritt und mit Zigarre im Mund, schickem Mantel um den dicken Bauch und blitzblanker Limousine samt Chauffeur demonstrierenden Fabrikarbeitern die kalte Schulter zeigt, mag das zwar sinnhaft für das Gebaren skrupelloser Kapitalisten stehen. Subtil geht aber anders. Dies gelang Alvarts Kollege Andreas Dresen in „Gundermann“ (2018; Rezi: HIER) beispielsweise viel besser weil nicht so sehr ‚in the face‘ inszeniert. Ob’s an fehlenden Zwischentönen liegt, die bei Alvart zugunsten einer fantastischen Optik ein wenig vernachlässigt werden?

„Freies Land“ ist somit ein zweischneidiges Schwert: Herausragend dank Bildgestaltung und Atmosphäre, mangelt es hier und da an psychologischem Tiefgang. Der Film nähert sich seinen Charakteren nie wirklich an, sondern bleibt konstant auf Distanz, was andererseits aber die Kälte und das Misstrauen zwischen den Menschen gut widerspiegelt. Also doch Absicht?

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutscher Originalsprachfassung und als Hörfilmfassung für Blinde und Sehbehinderte (sehr lobenswert!). Deutsche Untertitel sind optional verfügbar. Als Extra gibt es den Trailer zum Film. „Freies Land“ erscheint bei EuroVideo Medien GmbH und ist seit 9. Juli 2020 digital sowie seit 23. Juli 2020 auf DVD/Blu-ray erhältlich. (Packshot + stills: © Verleih Telepool/EuroVideo)

Heimkino-Tipp: „Die schwarze Windmühle“ (1974)

Get Tarrant!

Michael Caines Beruf ist Schauspieler. Er arbeitet in diesem Job, um Geld zu verdienen und hat seit seinem Leinwanddebüt in den 1950ern in über 160 Filmen mitgewirkt. Dass dabei nicht alle gelungen sind, daraus macht er selbst keinen Hehl. „Der Weiße Hai IV – Die Abrechnung“ (1987) kommentierte er beispielsweise mit „Ich habe ihn nie gesehen, aber er soll schrecklich sein. Dafür habe ich das Haus gesehen, das ich [mir] davon bauen konnte und es ist großartig.“ Vor allem in den 60ern und 70ern des vergangenen Jahrhunderts war Caine in zig Thrillern zu sehen, von denen einige („Ipcress – Streng geheim“, 1965; „Jack rechnet ab/Get Carter“, 1971) inzwischen als Klassiker gelten. Der 1974 unter der Regie von Don Siegel entstandene „Die schwarze Windmühle“ steht denen in nichts nach.

Caine gibt darin Major John Tarrant, einen britischen Agenten, dessen Sohn entführt wird. Die Kidnapper, so wird aus den telefonischen Verhandlungen schnell klar, scheinen Insiderinformationen zu besitzen, die auch Tarrants Chef Harper (Donald Pleasence) in Bedrängnis bringen. Als dieser sich weigert, auf die Forderungen der Kriminellen einzugehen, riskiert Tarrant fortan alles, um seinen Jungen zurückzubekommen.

Was sich liest wie ein Treatment aus einem Hitchcock-Film (Unschuldiger wird in eine Konspiration verwickelt und muss seine Haut retten), entwickelt sich in den Händen von Genre-Experte Siegel zu einem überaus spannenden, realitätsnahen und wendungsreichen Abenteuer, in dem es weder für den Protagonisten noch für die Zuschauer Zeit zum Durchschnaufen gibt. Das Skript ist – und hier sind wir wieder bei Hitch – eine clevere Verknüpfung von vielen packenden Einzelepisoden, die scheinbar mühelos aufeinander aufbauen und Tarrant zügig von einem Schauplatz zum nächsten befördern. Nicht nachdenken und grübeln heißt hier die Devise, sondern handeln – und zwar schnell.

Als i-Tüpfelchen neben einem wie immer superben Caine hat „Die schwarze Windmühle“ einen Pleasence zu bieten, der seine spleenige Figur mit Strenge und Ticks ausstattet und so für den einen oder anderen Lacher sorgt. Als Bösewicht glänzt zudem der fantastische John Vernon („Topas“), dem in seiner langen Karriere leider nie der Sprung vom Neben- zum Hauptdarsteller gelang.

Formal ist der Streifen unübersehbar ein Kind der 70er und reiht sich optisch und inszenatorisch in den rauen, fast schon dokumentarischen Stil von „French Connection“ (1971) sowie „Dirty Harry“ (1971, ebenfalls Siegel) ein. Ein richtig guter Thriller also, der sämtliche Beteiligten – sowohl vor als auch hinter der Kamera – auf der Höhe ihres Schaffens zeigt. Nimm’ dies, Doppelnull 7!

„Die schwarze Windmühle“ erscheint als Neuauflage in zwei Mediabooks (oben: Covervariante 1, unten: Covervariante 2). Die beiliegenden DVDs/Blu-rays bieten den Film in englischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche und englische Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es diverse Interviews (davon ein sehr amüsantes mit Caine aus dem Jahr 2013), Trailer, einen (deutschen) Audiokommentar von Filmhistoriker Mike Siegel sowie eine Bildergalerie. „Die schwarze Windmühle“ erscheint bei Koch Films und ist ab 11. Juni 2020 erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films)

Heimkino-Tipp: „Crash“ (1996)

Need for Speed

Ein Blick zurück auf das (Hollywood-)Kinojahr 1996 offenbart viel Gutes: „Fargo“, „Scream“, „Mission Impossible“, „The Rock“, „Romeo & Juliet“, „From Dusk Till Dawn“ und „Sleepers“ sind nur einige der Streifen, denen dank ihrer Qualität – so unterschiedlich diese auch sein mag – die Zeit nix anhaben konnte und die noch heute immer wieder gern (zumindest von mir) geschaut werden. Ein weiteres Schmankerl der besonderen Art kredenzte in jenem Jahr David Cronenberg: „Crash“. Eine ungemütliche, provozierende und sowohl Zuschauer als auch Sittenwächter herausfordernde Mischung aus Drama, Thriller und Erotikstreifen. Als neu remasterte Fassung erscheint der Streifen nun erstmals auf 4K UHD und Blu-ray in einer schicken Mediabook-Edition.

Der Regisseur James (James Spader) wird auf der Heimfahrt vom Filmset in einen Unfall verwickelt. Noch am Ort des Geschehens ist er Zeuge, wie eine Frau (Holly Hunter) im Wagen des Unfallgegners ihre Brust entblößt, während sie versucht, dem Wrack zu entkommen. Fasziniert und erregt zugleich sucht James fortan die Nähe jener Dame, die ihm ihrerseits Zugang zu einer seltsam-verstörenden Welt verschafft: Zusammen mit dem Fotografen Vaughan (Elias Koteas) und dessen Freundin Gabrielle (Rosanna Arquette) suchen sie sich nämlich ihren lustvollen Kick bei Autounfällen, die sie mitunter selbst provozieren. Doch nicht nur James fühlt sich hiervon angesprochen – auch seine Frau Catherine (Deborah Kara Unger) ist ganz besessen darauf, neue Wege zur Lustbefriedigung auszuprobieren.

Natürlich lässt sich trefflich darüber philosophieren, wer auf solch eine (perverse?) Prämisse für einen Film kommt und welchen Unterhaltungswert ein solches Werk haben kann, abseits einer zu vermutenden voyeuristischen Komponente. Zunächst sei daher darauf hingewiesen, dass „Crash“ auf dem gleichnamigen Roman von J.G. Ballard basiert, der bereits 1973 veröffentlicht wurde. Andere bekannte Verfilmungen seiner Arbeiten sind u.a. „Das Reich der Sonne“ (Steven Spielberg, 1987) sowie „High-Rise“ (Ben Wheatley, 2015; Rezi HIER). Der psychologische Aspekt, das Verhalten des Menschen in extremen Situationen, nimmt stets eine besondere Rolle in den literarischen Erzählungen Ballards ein. Insofern sollte das Publikum nicht unbedingt auf eine kohärente, nachvollziehbare Handlung hoffen, wenn es „Crash“ eine Chance geben will.

Vielmehr ist der Film von einer Aneinanderreihung einzelner Szenen gekennzeichnet, die verschiedene „Stadien“ der sexuellen Hingabe der Figuren zeigen, die sich (scheinbar) in einem abgeschlossenen Kosmos fernab der restlichen Stadtbevölkerung bewegen. Mehr und mehr verlieren sie den Bezug zum Alltag, scheren sich immer weniger um mögliche Zeugen ihrer Taten oder Quickies und nehmen wachsende Risiken in Kauf, um Erfüllung zu finden.

Das alles inszeniert Cronenberg distanziert und kühl. Mag die Offenherzigkeit der Darsteller anfangs vielleicht noch anregend wirken, so verliert die Erotik dann doch recht schnell ihren Reiz – und Cronenberg hat sein Ziel erreicht. Denn was „Crash“ auf zwar heftige aber äußerst wirkungsvolle Art verdeutlicht, ist die nicht enden wollende Suche der Spezies Mensch nach immer neuen Höhepunkten. Die Angst vor Langeweile frisst die Charaktere förmlich auf, ‚normaler‘ Sex vollzieht sich rein mechanisch und krasse Situationen scheinen die einzige Fluchtmöglichkeit zu sein. Auf einer weiteren Ebene suggeriert die ‚Lust am Stahl‘ eine zunehmende Verschmelzung von Mensch und Maschine, manifestiert in der Figur der Gabrielle, deren Körper nur noch mittels diverser medizinischer Hilfsmittel zusammengehalten wird.

Film als verbildlichte Psychologie. Menschen, die nur noch funktionieren und im Extremen ihre Erfüllung suchen. Darsteller, die furchtlos und ohne Scham vor der Kamera agieren. Ja, „Crash“ ist in vielen Aspekten ein bemerkenswertes Werk. Verstörend zwar, aber für Mutige einen Blick wert.

Neu abgetastet vom originalen Kamera-Negativ, erscheint „Crash“ in zwei verschiedenen Mediabook-Varianten entweder als 4K UHD/Blu-ray- oder Blu-ray/DVD-Combo. Alle Varianten bieten den Film in original englischer und deutsch synchronisierter Sprachfassung sowie optionale deutsche und englische Untertitel. Als Extras gibt es diverse Interviews (u.a. ein ausführliches Gespräch zwischen Cronenberg und Schauspielfreund Viggo Mortensen), drei Kurzfilme, Trailer und ein ausführliches, wunderbar gestaltetes und sehr informatives 40-seitiges Booklet. „Crash“ erscheint bei Turbine Medien und ist seit 22. Mai 2020 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Turbine Medien)

Heimkino-Tipp: „Knives Out“ (2019)

Hasch mich, ich bin der Mörder

Hut ab, Mr. Rian Johnson! Nach ihrem mutigen Ausflug ins „Star Wars“-Universum („Die letzten Jedi“), der nicht jedem eingefleischten Skywalker-Fan geschmeckt hat (Mark Hamill eingeschlossen), haben Sie nun wieder ein kreatives Drehbuch in Eigenregie verfasst und daraus einen Film kreiert, der sich sogleich zu einem beachtlichen Kassenschlager entwickelt hat. Kein Wunder bei der Besetzung! Ex-Bond in spe Daniel Craig, Jamie Lee Curtis, Don Johnson, Toni Collette, Chris Evans, Michael Shannon, Christopher Plummer und Guckschatz Ana de Armas sind nur einige der Stars, die in der wendungsreichen Krimifarce „Knives Out“ mit sichtlich Spaß mitwirken.

Die Freude an der Übertreibung überträgt sich sogleich auch mühelos aufs Publikum, das herzlich eingeladen ist mitzurätseln, um den überraschenden Tod des Hausherrn und Familienpatriarchen (Plummer), der am Morgen nach seinem 85. Geburtstag mit aufgeschlitzter Kehle in seinem Bett liegt, aufzuklären. Aber wie handhabte es schon Suspense-Meister Hitchcock? Die Zuschauer sehen nur das, was der Regisseur ihnen erlaubt zu sehen. Alles andere bleibt den Zeugen vor der Leinwand verborgen – und damit zunächst ebenso die eine oder andere falsche Fährte.

Das geht so lange gut, wie alle Figuren gleichberechtigt in die Geschichte integriert sind. Fällt eine Person mit seinem Verhalten jedoch komplett aus dem Rahmen, droht die zuvor sorgfältig konstruierte Charade durchschaubar zu werden. Auftritt Chris „Captain America“ Evans alias Sohnemann Ransom: Wenn ein Charakter so offensichtlich sein eigenes Ding macht, auf Familienbeziehungen keinen Wert legt und Freude daran hat, allen verbal und optisch den Stinkefinger entgegenzustrecken, könnte es sein, dass diesem Burschen eine Schlüsselrolle zufällt. Doch Vorsicht! Regisseur/Autor Johnson weiß, wie er mit den Erwartungen seiner Zuschauer spielen kann, denn ein ‚Avenger‘ kann ja wohl kein Böser sein – oder doch? Je nachdem, wie viel Genre-und Knobelerfahrung das Publikum mitbringt, ist die finale Auflösung entweder gelungen oder enttäuschend weil dann doch etwas überraschungsarm.

Ohne dem Film damit seine Qualität abzusprechen, würde ich dann aber noch gerne erfahren, was die vielen Hollywood-Größen dazu bewogen, in diesem Krimi mitzuwirken? Mein Verdacht: Es sind all jene Stars, für die in der 2017er-Neuverfilmung von „Mord im Orient Express“ kein Platz mehr war. Machen sie halt ihren eigenen ‚Whodunit‘-Streifen mit nahezu identischer Prämisse, anderer Location und einem Detektiv, der statt mit französischem nun mit Südstaaten-Akzent seine Verdächtigen nervt (zumindest in der Originalsprachversion).

Stellt sich anschließend nur noch die Frage, ob „Knives Out“ auch ohne Craig, Curtis, Evans & Co. so dermaßen erfolgreich wäre? Oder provozierender formuliert: Wer von euch will denn diesen Film sehen, weil die Geschichte (nicht die Besetzung!) so außergewöhnlich klingt? Siehste!

DVD-, Blu-ray- und 4K Ultra HD-Disc-Infos: Alle drei Scheiben bieten den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind zuschaltbar. Die Extras unterscheiden sich je nach Medium, allen gemein sind ein Audiokommentar des Regisseurs, gelöschte Szenen, Featurettes und Trailer. Blu-ray und 4K UHD bieten zudem noch weitere Zugaben, u.a. einen zweiten Audiokommentar, den Rian Johnson bereits für den Kinobesuch erstellt hat, sowie ein 2-stündiges Making of. „Knives Out – Mord ist Familiensache“ erscheint bei Leonine und ist seit 8. Mai 2020 auch digital erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Leonine)

Heimkino-Tipp: „Die schönste Zeit unseres Lebens“ (2019)

La Belle Époque

Wie schön es doch wäre, könnte man die Zeit hin und wieder zurückdrehen und besondere Momente des eigenen Lebens noch einmal genießen. Oder Fehler nachträglich korrigieren. In der Tragikomödie „Die schönste Zeit unseres Lebens“ macht Regisseur/Autor Nicolas Bedos seinen Protagonisten genau das möglich.

Das Ehepaar Victor (Daniel Auteuil) und Marianne (Fanny Ardant) hat – beziehungstechnisch – seine besten Jahre bereits hinter sich. Während seine Frau optimistisch und neugierig durch den Alltag geht, ist Victor mit den unendlich vielen technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts überfordert. Er trauert nicht nur seinem einstigen Job als Karikaturist einer Zeitung hinterher, sondern ebenso einer Vergangenheit, in der Menschen einander zuhörten und anschauten, statt pausenlos auf ihre Handys oder PC-Bildschirme zu glotzen. Schließlich hat Marianne die Faxen dicke und schmeißt ihren Gatten raus. Der nutzt die neugewonnene Freiheit für eine ungewöhnliche Erlebnisreise: Mittels Schauspielern, naturgetreuen Sets und den Angaben ihrer Kunden bietet die Firma von Antoine (Guillaume Canet) einen Trip in die Vergangenheit an. Victor entscheidet sich für einen Tag im Jahre 1974 – denn da begegnete er Marianne zum ersten Mal. „Gespielt“ wird der junge Feger von Margot (Doria Tillier), die momentan allerdings auch selbst mit Beziehungsproblemen zu kämpfen hat. Grund dafür: Antoine.

Ohren gespitzt und ein wenig Konzentration bitte! Denn „Die schönste Zeit unseres Lebens“ legt hinsichtlich der Dialoge von Beginn an ein ordentliches Tempo vor. Mit Verve und Spielfreude fauchen sich Auteuil und Ardant in bester Screwball-Manier an, sie genervt vom tranigen Benehmen ihres Mannes, er angepisst von der Technikhörigkeit seiner Umgebung. Es ist ein Fest, vor allem Auteuil dabei zu beobachten, wie er seinem Victor erst melancholisch durch die hektische Neuzeit stolpern und später mit freudig-glitzernden Augen durch „seine“ 70er-Jahre schlendern lässt.

Ungewöhnlich aber konsequent versucht Regisseur Bedos gar nicht erst, die Künstlichkeit der ganzen Vergangenheitsreise zu kaschieren. So blickt Victor beim Spazieren durch die Kulissen immer mal wieder auf abblätternde Tapeten, Bühnenbeleuchtungen und falsche Gebäudeteile, der Zuschauer zudem auf das Team um Antoine, das hinter falschen Spiegeln sitzt und u.a. mit Textaussetzern seiner Mannschaft und schief singenden Darstellern zu kämpfen hat. Ein großer Spaß!

Bei allem Humor schimmert jedoch immer wieder eine Ernsthaftigkeit durch, die von verpassten Chancen, verlorengegangenen Gefühlen und Selbsttäuschung erzählt. Bemerkenswert auch, dass keine der vier Hauptfiguren ohne Makel daherkommt und sie folglich immer wieder aufs neue Sympathiepunkte beim Zuschauer sammeln müssen. Ergo: Eine sehenswerte Zeitreise mit Anspruch, die den Wert von Beziehungen auf unterhaltsame Weise huldigt.

Die DVD bietet den Film in französischer Original- und deutsch synchronisierter Fassung. Optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte sind verfügbar. „Die schönste Zeit unseres Lebens“ erscheint bei Constantin Film Verleih GmbH und ist ab 7. Mai digital sowie ab 4. Juni 2020 auf DVD erhältlich. (Packshot + stills: © Constantin Film)

Heimkino-Tipp: „Vox Lux“ (2018)

A Star is Born

In der Psychologie beschreibt der sogenannte primacy effect die wissenschaftlich belegte Tatsache, dass früher eingehende Information besser erinnert wird als später wahrgenommene Infos. Der erste Eindruck ist daher von immenser Bedeutung, da dieser meist länger im Gedächtnis bleibt als alles, was danach kommt. Bezogen auf die Kunst, sind somit die ersten Seiten eines literarischen Werks, die ersten Töne eines Songs und die ersten Minuten eines Films ausschlaggebend für die Beurteilung durch den Rezipienten.

Regisseur Brady Corbet hat sich dies für sein Drama „Vox Lux“ zunutze gemacht und eine ungewöhnliche Form des Beginns gewählt, mit der auch schon sein französischer Kollege Gaspar Noé in „Irréversible“ experimentierte: die ersten Momente – nach einem nicht minder aufwühlenden Prolog – gehören dem Abspann des Films.

Es ist nicht die einzige formale Überraschung, die Corbet präsentiert: Unterteilt in zwei zeitlich voneinander getrennte Kapitel, erzählt er die Geschichte eines Popstars der 2000er-Jahre auch visuell bemerkenswert. So wechseln sich lange, scheinbar in einem Take gedrehte Szenen mit Zeitraffer-Sequenzen ab, wirkt gerade in den späteren Konzertszenen der Ton nicht optimal abgemischt und irritiert ein (im Original) von Willem Dafoe vorgetragener Off-Kommentar mit manch seltsamen Statements. Was in der Summe anstrengend klingen mag, ist in höchstem Maße kreativ – und ja, für den Zuschauer mitunter herausfordernd.

„Vox Lux“ fokussiert zunächst die Genese einer jungen Künstlerin namens Celeste (Raffey Cassidy), die nach einem einschneidenden Erlebnis zusammen mit ihrer Schwester Eleanor (Stacy Martin) einen Song komponiert, der landesweit förmlich durch die Decke geht. Begleitet von ihrem neuen Manager (Jude Law), reisen die beiden Mädels daraufhin nach Stockholm, um dort mithilfe eines erfahrenen Produzenten ein Album aufzunehmen – und erstmals fernab des Elternhauses ihre neugewonnene Freiheit zu genießen. Viele Jahre später ist Celeste (nun gespielt von Natalie Portman) ein Megastar und steht kurz vor der Präsentation einer neuen Show, als abermals unvorhergesehene Ereignisse ihren perfekt durchorganisierten Arbeitsalltag durcheinanderwirbeln.

Ja, so ein Musikerleben im Rampenlicht ist kein Zuckerschlecken. Das haben diverse ‚Dokumentationen‘ (wenn man sie so nennen will) aktuell erfolgreicher Popsternchen (u.a. Katy Perry, Justin Bieber) bereits verdeutlicht. „Vox Lux“ jedoch kratzt nicht nur an der Oberfläche, sondern stürzt sich mittenrein in das minutiös durchgeplante Dasein eines bejubelten Individuums. Allerdings nicht, um Mitleid zu generieren, sondern um aufzuzeigen, wie absurd und lebensfremd dieser ganze Irrsinn ist. Nicht nur bleiben familiäre Beziehungen auf der Strecke, sondern ebenso ein gesundes Maß an Rationalität.

Egoismus und der beständige Wunsch nach Bestätigung sind omnipräsent, alles wird dem Erfolg untergeordnet, was zählt ist das positive öffentliche Bild. Qualitativ ist die von Celeste geschaffene Musik lediglich Mittelmaß, das Rumgehopse auf der Bühne reines Blendwerk für meist junge Fans, die jede Standardansage zwischen den Songs zudem bejubeln, als sei es die Verkündung des immerwährenden Weltfriedens.

Apropos Musik: Die erfolgreiche australische Künstlerin Sia zeichnet für einen Großteil der Songs verantwortlich, als Produzent fungierte u.a. das norwegische Erfolgsduo Stargate, das in den vergangenen Jahren unzählige Welthits landen konnten. Dass Regisseur Corbet gerade sie für den Soundtrack auswählte, unterstreicht nur den ätzenden, satirischen Charakter seines Werks. Ob die Künstler dafür absichtlich austauschbare Durchschnittsware komponierten oder dem Regisseur schlicht auf den Leim gegangen sind, mag ich nicht zu beurteilen.

Andererseits bin vielleicht ich es, der „Vox Lux“ auf den Leim gegangen ist und etwas Kritisches hineininterpretiert, was letztendlich gar nicht vorhanden ist. Aber selbst dann ist der Film allein aufgrund der Derwisch-Performance von Natalie Portman ein Anschauen wert. Denn was sie hier abliefert, ist schlicht phänomenal und sehr viel Erinnerungswürdiger als Lady Gagas rührseliger Auftritt im völlig überschätzten „A Star is Born“. Auch da zweifle ich bis heute an der Ernsthaftigkeit der (prinzipiell ähnlichen) Geschichte, in der Künstler schlussendlich für ihr Aussehen und Getue mehr gefeiert werden als für anständiges, individuelles und erinnerungswürdiges Songschreiben.

Stichwort erinnerungswürdig: Anders als die (scheinbar) versteckte Kritik am Popbusiness in „Vox Lux“ gibt der herrlich übertriebene „Popstar: Never Stop Never Stopping“ dem Affen von Minute eins an ordentlich Zucker. Wer es also lieber direkt und ‚in the face‘ haben will und gleichzeitig Lust auf ein paar Ohrwürmer mit bösen Texten hat, dem sei die Komödie von 2016 sehr empfohlen! Am besten als Double-Feature mit diesem Streifen hier.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in englischer original und deutsch synchronisierter Sprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es Trailer und u.a. ein überaus seltsam geschnittenes Interview mit dem Regisseur, das einen gewissen Amateurfaktor nicht leugnen kann. „Vox Lux“ erscheint bei Koch Films und ist seit 16. April 2020 auch digital erhältlich (Packshots + stills: © Koch Films/Atsushi-Nishijima)