Heimkino-Tipp: „Auslöschung“ (2018)

Annihilation

Der Brite Alex Garland hatte schon früh einen prominenten Fan: Sein Landsmann Danny Boyle verfilmte seine Drehbücher zu „The Beach“, „28 Days Later...“ und „Sunshine“ und machte Garland so auch über die Landesgrenzen hinaus zu einem gefragten Autoren. 2014 nahm er schließlich selbst erstmalig auf dem Regiestuhl Platz und schuf mit „Ex Machina“ ein Paradebeispiel für anspruchsvolles, unterhaltsames und gleichzeitig nachdenklich machendes Hollywoodkino. Groß waren daher (nicht nur) meine Erwartungen an sein neuestes Werk „Annihilation“, das dann jedoch kurz vor seinem weltweiten Release plötzlich vom europäischen Kinomarkt zurückgezogen und stattdessen über den Streamingdienst Netflix veröffentlicht wurde. Angeblich, da der Film einem Finanzier vom Filmstudio Paramount „zu intellektuell“ und „zu kompliziert“ erschien und dieser deswegen Änderungen forderte. Da es aber zu keiner Einigung mit Garland kam, wählte man schließlich diesen Veröffentlichungsweg. Ein Jahr später nun erscheint der Film auch auf Blu-ray/DVD.

Intellektuell und kompliziert trifft es ganz gut, wenn die Handlung oder besser: die Bedeutung von „Auslöschung“ in wenigen Worten zusammengefasst werden soll. Ich persönlich finde das wunderbar, für ein Publikum aber, das lediglich „Filmberieselung“ möchte, während es seine WhatsApp-Nachrichten tippt, ist das SciFi-Drama definitiv nix.

Die Wissenschaftlerin Lena (Natalie Portman) ist völlig perplex, als nach einem Jahr Funkstille plötzlich ihr Gatte Kane (Oscar Isaac) vor ihr steht. Der Soldat wurde schon häufiger auf „spezielle Missionen“ geschickt, doch von dieser hier kehrt er verändert zurück. Als er kurz darauf zusammenbricht und Lena ihn ins Krankenhaus bringen will, werden beide von Militärs abgefangen und in einen sonderbaren Komplex gebracht, der nichts Gutes erahnen lässt. Denn vor den Fenstern ist ein sonderbares Biotop zu sehen, eine Art Wand, die sich langsam auf sie zu bewegt. Scheinbar außerirdischen Ursprungs, wurden schon etliche Forscher und Soldaten hineingeschickt. Doch außer Kane kehrte bisher niemand zurück. Nun ist es an Lena und ihrem nur aus Frauen bestehenden Team (u.a. Jennifer Jason Leigh, Tessa Thompson), das Geheimnis hinter dem sogenannten The Shimmer zu entschlüsseln. Der Beginn einer unheilvollen Expedition.

Es gestaltet sich schwierig über die Themen des Films zu schreiben ohne Spoiler vorwegzunehmen. Andererseits hat die Diskussion im Freundeskreis über Sinn und Bedeutung von „Auslöschung“ derart viele Ideen und Möglichkeiten hervorgebracht, dass eine ausführliche (individuelle) Interpretation an dieser Stelle überflüssig erscheint. Genau das aber ist eine der großen Qualitäten des Films: offen zu sein für viele Erklärungen für das, worum es hier geht. Und ist es überhaupt real? Oder ist alles nur heiße Luft, gestrickt um einen simplen Actionplot?

Wie auch immer man/frau den Inhalt betrachtet: schauspielerisch, tricktechnisch und gestalterisch hat Garland sich nicht lumpen lassen. Eine ausschließlich weibliche „Expendables“-Truppe in unbekanntes Terrain zu schicken ist eine willkommene Variation bekannter Besetzungsmuster, die zu sehenden Effekte sind beeindruckend, und wiederum andere Szenen bleiben ob ihres Gruselfaktors lange in Erinnerung.

Der talentierte Brite hat es also schon wieder getan – anspruchsvolles, unterhaltsames und gleichzeitig nachdenklich machendes Hollywoodkino geschaffen. Bitte mehr davon!

Die DVD/Blu-ray bietet den Film u.a. in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie diverse Untertitel. Als Extras gibt es ein umfangreiches dreiteiliges Making of. „Auslöschung – Annihilation“ erscheint bei Universal Pictures Germany GmbH/Paramount und ist seit 14. März 2019 erhältlich (oder wie gehabt bei Netflix abrufbar). (Packshot + stills: © Universal Pictures/Paramount)

Heimkino-Tipp: „Dog Soldiers“ (2002)

Fight or Die

Zunächst ein kleiner Schwank aus meinen Anfangsjahren als Filmrezensent: Anno 2005, zum Kinostart von „The Descent – Abgrund des Grauens“, dem zweiten Werk von Neil Marshall, erhielt ich vom Verleih eine Pressevideokassette(!) zur Voransicht. Trotz einem beständig eingeblendeten Timecodes auf dem Bild sowie miserabler Qualität jagte der Horrorfilm meinem WG-Mitbewohner und mir einen ordentlichen Schrecken ein. Was für ein Brett! Und Marshall legte nach: „Doomsday“ (2008) bot Härte und Spaß in vollendeter Perfektion, „Centurion“ (2010) ließ erahnen, dass der Engländer ein Händchen für Schlachterplatten mit historischen Anleihen besitzt. Später inszenierte er dann u.a. einzelne Folgen von „Game of Thrones“.

Zeit also, endlich eine filmische Bildungslücke zu schließen und sich „Dog Soldiers“, Marshalls Debüt von 2002, zu geben. Damals sowohl von Kritikern als auch vom Publikum gefeiert, erscheint nun, wenige Wochen vor Kinostart seiner „Hellboy“-Neuauflage (11. April), eine 4-Disc-Edition mit jeder Menge Extras.

Kurz nach Beginn ist bereits klar: Bei „Dog Soldiers“ handelt es sich um eine Low Budget-Produktion – und so etwas erfordert von einem Regisseur gewöhnlich vor allem Einfallsreichtum. Und der ist bei Marshall unübersehbar gegeben. Er macht das Beste aus seinen begrenzten finanziellen Möglichkeiten und versucht mittels Schnitt und Tempo, etwaige Leerstellen zu überdecken. Inhaltlich hat er es da einfach: „Dog Soldiers“ handelt von einer kleinen Einheit der britischen Armee (u.a. Sean Pertwee, Kevin McKidd), die in den schottischen Highlands eine Wehrübung abhält und dabei über die Reste einer offenbar ebenso aktiven Spezialeinheit (u.a. Liam Cunningham) stolpert. Die wurde von Werwölfen ordentlich dezimiert und nimmt sich nun den Rest der menschlichen Eindringlinge vor. Die flüchten in ein abgelegenes Bauernhaus und versuchen fortan, die Nacht und die Angriffe zu überleben.

Blut, Witz und Machosprüche – das sind die Zutaten, aus denen Marshall seinen Action-Horrorfilm zusammensetzt. Auf CGI-Effekte wurde größtenteils verzichtet, was sich vor allem bei den garstigen Biestern zeigt: Hier sind gelenkige Menschen in Gummianzügen versteckt und fletschen bevorzugt ihre Beißerchen, wenn sie nicht gerade mit ihren riesigen Klauen einen Bauch aufschlitzen. Auf beides (Aussehen und Tun) sollte man als Zuschauer/in vorbereitet sein, um den Film halbwegs ernst nehmen zu können. Denn andernfalls fällt das Augenmerk mehr auf Dialoge und Handlungen der Protagonisten – und das nicht zu deren Vorteil. Da werden nämlich lediglich die üblichen Floskeln von Kameradschaft, Durchhaltewillen und Schimpfwörtern ausgetauscht oder Waffen zum wiederholten Male durchgeladen, nur um den Charakteren irgendeine Beschäftigung zu geben. Die einzige Frauenfigur in der ganzen Szenerie (Emma Cleasby) darf zwar Biologin sein, warum sie jedoch unter all den fremden Männern, mit denen sie im Haus festsitzt, irgendwann nur noch im kurzen Oberteil rumrennt, bleibt ihr (und Marshalls) Geheimnis.

Ist der frühere Hype um den Film also gerechtfertigt? So ganz erschließt es sich mir nicht, zumal Marshall im Vergleich zu seinem Nachfolgewerk „The Descent“ hier trotz Ideenreichtums bei der Umsetzung nie eine wirklich gruselige Atmosphäre aufbauen kann. Das mag auch schlicht an meinem Unwillen liegen, diese Männer in Latexanzügen und mit Hundemaske aufm Kopf als Bedrohung wahrzunehmen. Aber vielleicht sehe ich das bei der nächsten Vollmondnacht schon anders ...

Die neue Mediabook-Edition bietet den Film in neu überarbeiteter Qualität auf 4K Ultra HD-Disc, Blu-ray und DVD sowie eine Bonus-DVD mit Extras. „Dog Soldiers“ erscheint bei Koch Media und ist seit 14. März 2019 erhältlich. (Packshot + stills: © Koch Media GmbH)

Heimkino-Tipp: „Hunter Killer“ (2018)

Alarmstufe: Rot

Wie formulierte es die britische Filmzeitschrift EMPIRE zum Kinostart im vergangenen Oktober so treffend: „What’s long, hard, and full of seamen? Gerry Butler’s new film.“ Ha! Und um ein wenig Vielseitigkeit in seine Rollenauswahl zu bringen, rettet er diesmal nicht den amerikanischen Präsidenten (wie bereits zweimal getan, siehe „Olympus Has Fallen“ sowie „London Has Fallen“), sondern das russische Staatsoberhaupt. Auch das ein wunderbar satirisches Statement des Rezensionsautoren Chris Hewitt. Aber wo er Recht hat ...

U-Boot-Filme tauchen (haha) alle paar Jahre in den hiesigen Lichtspielhäusern auf und bieten oftmals solide, temporeiche Unterhaltung („Jagd auf Roter Oktober“, „Crimson Tide“). Aber seinen wir ehrlich, die Klasse und Klaustrophobie von Wolfgang Petersens epischen „Das Boot“ (1981!) sind und bleiben wahrscheinlich für immer unerreicht. Was also tun, um dem Genre doch noch etwas Neues abzugewinnen? „Hunter Killer“ versucht es auf storytechnischer Ebene: Denn was zunächst wie eine modernisierte Variante eines 80er-Jahre-Propaganda-Drehbuchs daherkommt, bietet nach einem überraschenden Twist vor allem eines: spannende Action über und unter der Wasseroberfläche. Wobei besagter überraschender Twist schon recht früh enthüllt wird (und auch im Trailer vorkommt, daher nicht wirklich ein Spoiler), was den Spaß an der ganzen Chose jedoch nicht mindert.

Zunächst aber alles beim Alten: Gerard Butler gibt die coole Sau, die trotz militärischer Unerfahrenheit zum Kommandanten eines amerikanischen U-Boots ernannt wird und das Verschwinden eines anderen untersuchen soll. Am Ort des vermeintlichen Abschusses angelangt, wird deutlich, dass ein abtrünniger russischer General dafür verantwortlich zeichnet, zudem seinen Präsidenten gefangen hält und nichts weiter möchte, als einen 3. Weltkrieg zu provozieren. Allerdings hat er dies derart raffiniert eingefädelt, dass jede unüberlegte Reaktion seitens der Amis ebenso fatale politische Folgen für sie haben würde. „Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter“ war einst der Grundsatz der Doktrin des „Gleichgewichts des Schreckens“ während des Kalten Krieges. In „Hunter Killer“ ist der plötzlich wieder hochaktuell.

Sehr viel politischen Tiefgang sollte man aber nicht erwarten. Allerdings ist nicht nur Butlers Figur Joe Glass überraschend differenziert gezeichnet, sondern ebenso der Handlungsverlauf, der den militärischen Schwanzvergleich der Supermächte (sorry, aber U-Boote bieten sich für so ein Sprachbild einfach an!) in andere Gewässer lenkt, als es inhaltlich ähnliche Hollywood-Produktionen zuvor oft getan haben. Bemerkenswert! Aber keine Panik: Laut und krachend geht es trotzdem zu, schließlich müssen 120 Minuten Laufzeit gefüllt werden. Darüberhinaus ist es gerade für Außenstehende gar nicht mal so uninteressant zu sehen, wie sehr sich die Technik in und an U-Booten seit Petersens Weltkriegs-Drama weiterentwickelt hat.

Entstanden ist ein wirklich guter Thriller, der Vertrautes mit Unerwartetem mixt und zudem einen der letzten Auftritte des leider viel zu früh an Krebs verstorbenen schwedischen Schauspielers Michael Nyqvist („Millennium-Trilogie“, „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“, „John Wick“) enthält. Auch das ein Grund, „Hunter Killer“ anderen Genre-Vertretern vorzuziehen.

Die DVD/Blu-ray/4K UHD bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Als Extras befinden sich Kurzdokumentationen, ein Audiokommentar des Regisseurs Donovan Marsh sowie Trailer auf den Discs. „Hunter Killer“ erscheint bei Concorde Home Entertainment und ist seit 7. März 2019 erhältlich. (Packshot + stills: © Concorde)

Heimkino-Tipp: „Spurlos“ (2015)

Destroyer

Langsam erhärtet sich mein Verdacht, dass Nicole Kidman und Nicolas Cage am Set ihres gemeinsam gedrehten Thrillers „Trespass“ anno 2011 eine Wette eingegangen sind: Wer von beiden schafft es, innerhalb eines Jahres mehr Filme rauszubringen? Okay, gemessen an der Qualität hat die Kidman die Nase vorn. Aber was die Anzahl an Veröffentlichungen betrifft, habe ich längst den Überblick verloren. Als wäre dies noch nicht genug, werden ihre Werke jetzt sogar schon parallel rausgehauen: Während Cage seit 28.2. „Between Worlds“ unterwegs ist, begibt sich seine Kollegin in „Spurlos“ im australischen Outback auf die Suche nach ihren zwei vermissten Kindern. Ach ja, und seit 21.2. gibt es Frau Kidman sowohl in „Mein Bester & ich“ sowie in „Der verlorene Sohn“ auch wieder im Kino zu sehen. Läuft „Aquaman“ noch irgendwo? Da schwamm sie ebenso mit rum.

Doch solange sie keine Belanglosigkeiten wie Cage abliefert, darf sie gerne weiter in dieser Menge meinen Blu-ray-Player fluten. „Spurlos“, dessen Originaltitel „Strangerland“ meines Erachtens besser passt, entstand bereits 2015. Dass das prominent besetzte Drama – neben Kidman spielen u.a. Joseph Fiennes und Hugo Weaving mit – erst jetzt erscheint, ist verwunderlich, aber wohl den durchwachsenen Kritiken auf dem amerikanischen Markt geschuldet. Einmal mehr sind es wahrscheinlich Erwartungshaltungen, die nicht erfüllt wurden. Verschwundene Kids als Hauptthema? Dann muss es doch eine für jedermann befriedigende Auflösung geben.

Nein, liebe Freunde, muss es nicht. Regisseurin und Autorin Kim Farrant nutzt diese Prämisse in ihrem Spielfilmdebüt lediglich für ein Familiendrama, in dem die Mutter (Kidman) im Mittelpunkt steht. Ihre Sorgen, Ängste und ihre Hilflosigkeit angesichts des Verschwindens ihrer Kinder sind das, was Farrant interessiert. Denn Mama Catherine ahnt sehr schnell, was ihr verschlossener Gatte Matthew (Fiennes) nicht wahrhaben will: Tochter Lily (Maddison Brown) und Sohnemann Tom (Nicholas Hamilton) fühlen sich in ihrem neuen, kargen Zuhause, wo Sandstürme das einzige Highlight zu sein scheinen, wie Gefangene. Vor allem Lily versucht der Langeweile durch sexuelle Eskapaden zu entkommen, was nicht das erste Mal wäre. Je mehr ihre Mutter über das geheime Doppelleben ihres Mädchens erfährt, desto fremder fühlt sie sich selbst in ihrer Umgebung. Wenn sogar ihr Mann kein Interesse mehr an ihr hat, was bleibt dann noch vom Leben?

In seinem Kern ist „Spurlos“ das Zeugnis eines inneren Zerfalls, ausgelöst durch den Verlust zweier geliebter Menschen. Kidman ist wie so oft eine Klasse für sich und zeigt einmal mehr sehr viel Mut, wenn sie nicht nur psychisch blankzieht. Fiennes bleibt da bis auf wenige Momente nur die Flucht ins Abseits, während Weavings Charakter noch einige weitere Schichten bietet, was jedoch leider ebenso etwas zu kurz kommt. Nein, der Film gehört ganz der Kidman. Die bedankt sich mit einer weiteren Powerhouse-Performance und lässt damit einige Leerstellen im Skript gern vergessen.

Herr Cage, die Bühne gehört nun wieder Ihnen!

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Bonus gibt es Szenen vom Dreh, ein paar Featurettes, Interviews sowie Trailer. „Spurlos – Ein Sturm wird kommen“ erscheint bei Koch Media und ist seit 28. Februar 2019 erhältlich. (Packshot + stills: © Koch Media GmbH)

Heimkino-Tipp: „Galveston“ (2018)

Leave No Trace

Bevor er als Autor der Ausnahmeserie „True Detective“ bekannt wurde, verfasste Nic Pizzolatto unter dem Pseudonym Jim Hammett einen Roman mit dem Titel „Galveston“, der im Jahr 2010 erschien. Der (reale) Ort im US-amerikanischen Bundesstaat Texas liefert den Schauplatz für eine Geschichte, die in ihren Grundzügen schon oft in ähnlicher Weise zu Papier gebracht wurde. Allerdings sind es die Zwischentöne, die Pizzolattos Erzählung so besonders machen – und die kongeniale Adaption von Regisseurin Mélanie Laurent.

Moment: Mélanie Laurent? Ja, tatsächlich ist es die französische Aktrice („Inglourious Basterds“, „Beginners“), die hier vom Regiestuhl aus die Fäden in der Hand hielt. Nicht zum ersten Mal, hat sie doch in ihrem Heimatland schon etliche Streifen gedreht (zuletzt die Dokumentation „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“, erschienen 2016) und erweist sich auch hier als großes Talent. Das ist bei dem Stoff nötig, denn „Galveston“ ist harter Tobak, der vor allem dank der Performance der beiden Hauptdarsteller an die Nieren geht.

Ben Foster und Elle Fanning geben ein Paar wider Willen ab, das zusammen die Flucht ergreifen muss und schließlich im titelgebenden Städtchen strandet: Der Kleinkriminelle Roy (Foster) soll für seinen Boss (Beau Bridges) einen ‚Geschäftspartner‘ einschüchtern. Der ist allerdings auf den Besuch vorbereitet und überwältigt den ungebetenen Gast. Den Tod vor Augen, kann Roy mitsamt der jungen Rocky (Fanning) fliehen, die von den Gangstern scheinbar gewaltsam festgehalten wurde. Unterwegs packt Rocky noch ihre kleine Schwester mit ein, um sie dem gewalttätigen Vater zu entziehen. Doch der gemeinsame Weg des Trios in ein neues Leben gestaltet sich anders als erhofft.

Wer nun eine klassische Liebesgeschichte zweier Outlaws erwartet, ist genauso auf falscher Fährte unterwegs wie der Autor dieser Zeilen zu Beginn des Films. Denn obwohl die naiv wirkende Rocky keine Zeit verstreichen lässt, um sich ihrem Beschützer auch körperlich zu nähern, macht der ihr unmissverständlich klar, dass er von ihren Avancen nicht viel hält – und Laurent hat den erzählerischen Raum für ihr eigentliches Anliegen: eine Geschichte über Verantwortung, falsche Entscheidungen und die Versuche, alles wieder halbwegs ins Lot zu rücken.

Ähnlich wie seinem Kollegen Taylor Sheridan („Wind River“, „Hell or High Water“, ebenfalls mit Foster) gelingt es Autor Pizzolatto, zwischen nüchterner Realität und zarter Melancholie pendelnd, ein starkes Charakterstück zu kreieren, das viel über das Land aussagt, in dem dies alles geschieht. Regisseurin Laurent tut es ihm gleich und schafft es u.a., mit nur zwei kurzen Szenen, die sich im wahrsten Sinne des Wortes im Hintergrund abspielen, die ganze Tragik kaputter Familien auf den Punkt zu bringen (Stichwort: Motel). Einziges Manko: Foster und Fanning nehmen die komplette Leinwand mit ihrem grandiosen Spiel komplett für sich ein und lenken damit ungewollt von vielen kleinen Nebenschauplätzen ab, die nicht minder bewegen. Meist genügen den beiden Protagonisten dazu nur Blicke, wenige Worte und kleine Gesten, um für Gänsehaut zu sorgen.

Wie oben bereits erwähnt: Mag die Geschichte zunächst altbekannt klingen, „Galveston“ ist weit entfernt davon, ein gewöhnlicher Thriller über zwei Außenseiter auf der Flucht zu sein. Zwar sind die üblichen Zutaten vorhanden, Laurent und Pizzolatto aber haben ein neues Rezept ausprobiert – und das mundet dem staunenden Cineasten ganz wunderbar.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Bonus gibt es ein informatives Making of sowie Trailer. „Galveston – Die Hölle ist ein Paradies“ erscheint bei Koch Media und ist seit 28. Februar 2019 erhältlich. (Packshot + stills: © Koch Media GmbH)

Heimkino-Tipp: „Spinning Man“ (2018)

Mein unbekannter Ehemann

Da staunt die zweifache Mutter Ellen (Minnie Driver) nicht schlecht: Eines Tages steht der Ermittler Malloy (Pierce Brosnan) mitsamt Kollegen auf ihrer Veranda und erkundigt sich nach ihrem Ehemann, dem Philosophieprofessor Evan (Guy Pearce). Dessen Wagen wurde nicht weit entfernt von einem potenziellen Tatort gesehen, an dem eine junge Studentin vor ihrem Verschwinden zuletzt gearbeitet hat. Der eigene Gatte womöglich ein Mörder? Oder hat Evan gar eine Affäre vertuschen wollen, die er mit der jungen Dame hatte? Evan weist alle Vorwürfe von sich – und macht sich doch verdächtig: durch sein Verhalten, seine, wie er es nennt, zahlreichen Erinnerungslücken und seine früheren amourösen Abenteuer, die ihn und seine Frau einst zum Umzug in eine andere Stadt zwangen.

Ebenso wie Malloy erfährt der Zuschauer nur wenig mehr über den Verdächtigen, was dem Film von Simon Kaijser von Anfang an Raum für Spannung gibt. Oder anders formuliert: „Spinning Man“ geht es gemächlich an und beschreibt ohne unnötige (filmische wie inhaltliche) Übertreibungen den (Arbeits-)Alltag von drei erwachsenen Personen, deren Leben aufgrund des Verschwindens eines Mädchens nachhaltig beeinflusst wird. Das des Polizisten, der versucht, Spuren wie Puzzleteile zusammenzusetzen, das des Verdächtigen, der sich zu Unrecht angegriffen fühlt, und das der Ehefrau, die ihre Familie schützen will, gleichzeitig nicht sicher ist, ob ihr Mann Geheimnisse vor ihr verbirgt.

Es ist eine interessante Dynamik, die sich mit zunehmender Laufzeit entwickelt und den drei Hauptdarstellern viele Möglichkeiten bietet, ihr Können vor der Kamera zu beweisen. Ein klassischer Krimi mit mehreren Tätervarianten ist „Spinning Man“ jedoch nicht, da der Fokus ausschließlich auf Evan als möglicher Mörder liegt. Das kann man – gerade in Bezug auf die finale Auflösung – als Versäumnis kritisieren. Aber gerade die macht ebenso deutlich, dass es Regisseur Kaijser eben nicht um einen bloßen ‚Whodunit‘ geht, sondern um die psychologischen Aspekte seiner Figuren.

Das mag für Fans von Thrillern enttäuschend sein. Für Freunde gediegener Unterhaltung mit großartigen Schauspielern jedoch ein schönes Erlebnis.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es eine Bildergalerie mit Aufnahmen von den Dreharbeiten sowie Trailer. „Spinning Man – Im Dunkel deiner Seele“ erscheint bei New KSM und ist seit 28. Februar 2019 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © KSM GmbH)

Heimkino-Tipp: „Girl“ (2018)

Boy Erased

Es sorgt stets für viel Aufsehen, wenn sich Schauspieler für ihre Rollen körperlich verändern. Christian Bale beispielsweise zeigt sich aktuell im Kinofilm „Vice“ mit einer Monsterwampe als Ex-US-Vizepräsident Dick Cheney und erntet (nicht nur) dafür viel Kritikerlob. Ebenso erging es 2011 Natalie Portman, die in „Black Swan“ eine heruntergemagerte Ballerina gab. Eine ähnlich beeindruckende Transformation gab es im Oktober 2018 auf großer Leinwand (und nun im Heimkino) in dem Drama „Girl“ zu sehen: Darin porträtiert der junge Victor Polster ein 15-jähriges Transgender-Mädchen, das kurz vor einer geschlechtsangleichenden Operation steht. Für seine Leistung vor der Kamera wurde Polster im vergangenen Jahr vollkommen zu Recht in Cannes als Bester Darsteller ausgezeichnet.

Lara (Polster) hat zwei große Wünsche, an deren Verwirklichung sie hart arbeitet – eine Ballerina zu werden und endlich ihren männlichen Körper abzustreifen. Denn Lara wurde als Junge geboren, fühlt sich jedoch wie ein Mädchen. Ihre Familie unterstützt sie auf diesem Weg mit allen Kräften. Selbst ihre neuen KlassenkameradInnen nehmen sie wohlgesonnen in ihre Mitte auf. Man könnte also meinen, alles verlaufe hervorragend: die Ballett-Schule gibt ihr trotz Trainingsrückstands eine Chance, ihre Ärzte sind zuversichtlich, dass die Hormontherapie anschlägt, und auch zu Hause geht es harmonisch zu. Wären da nur nicht Laras Zweifel: Was, wenn die Medikamente nicht anschlagen? Wird sie ihren Traumberuf erreichen können? Steht sie eher auf Boys oder Girls? Für Lara wird es zunehmend schwieriger, dem immensen Druck, den sie sich vor allem selbst aussetzt, standzuhalten. Und auch ihr Körper kommt bald an seine Grenzen.

Es ist nicht einfach, einen guten Film über die Leiden, Sorgen und Ängste einer Pubertierenden zu erschaffen. Debüt-Regisseur Lukas Dhont war das aber scheinbar noch nicht herausfordernd genug: Er ergänzt seine Teenie-Geschichte mit zwei weiteren harten Brocken, der Transgender-Thematik und dem anstrengenden Training an einer Ballettschule. Dass er dabei an keiner der drei Fronten scheitert, zeigt sein außergewöhnliches Können als Filmemacher.

Sein in warmes Licht getauchtes Drama stellt die verschiedenen ‚Kriegsschauplätze‘, die Lena durchstehen muss, gleichberechtigt gegenüber. Ohne Sensationsgier zeigt er einerseits die selbstauferlegten Rituale Lenas, wenn sie sich beispielsweise ihr Geschlechtsteil abklebt, bevor sie sich in ihr Ballettoutfit zwängt. Andererseits fühlt man als Zuschauer gleichermaßen den Schmerz, den ihre blutenden Füße nach dem Training verursachen. Dass diese doppelte physische Belastung bald auch psychische Folgen haben wird, ist schnell abzusehen – und schlicht großartig inszeniert bzw. dargestellt.

Nun könnte man „Girl“ vorwerfen, dass es außerhalb von Lenas Kosmos kaum Konfliktpotenzial gibt. Bis auf eine einzelne Szene, in der sie von ihren Mitschülerinnen im Rahmen einer kleinen Party bloßgestellt wird, scheint es keinerlei Reibungen mit anderen Menschen von Außerhalb zu geben. Das ist natürlich ein starkes Plädoyer für eine offene Gesellschaft, in der das ‚Anderssein‘ kein Thema ist. Jedoch bleibt das nahezu völlige Ausblenden von Problemen jenseits von Lenas Bekanntenkreis nicht unbemerkt. Ist das schlimm? Keineswegs, denn „Girl“ fokussiert vornehmlich das Innenleben des Mädchens und verdeutlicht damit, dass es auch ohne ignorante Arschlöcher genug Herausforderungen gibt, die man/frau in der Pubertät überwinden muss. Wer sich zudem gerade in dieser Zeit noch für eine Geschlechtsumwandlung entscheidet, verdient höchsten Respekt – ebenso wie Hauptdarsteller Victor Polster, vor dessen Mut und Leistung ich meinen Hut ziehe.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und flämisch/französischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es Trailer. „Girl“ erscheint bei DCM Film Distribution GmbH/Universum Film und ist seit 22. Februar 2019 erhältlich. (Packshot + stills: © DCM/Menuet)