Dienstag, 23. September 2014

Heimkino-Tipp: „Erbarmen“ (2013)

Neulich beim Kneipengespräch: „Du bist Skandinavier? Killer, Polizist oder Schriftsteller?“

Angesichts der unendlich vielen Krimigeschichten von dort, die seit etlichen Jahren in Buch- und Serienform nicht nur deutsches Publikum begeistern, könnte schnell der Eindruck entstehen, außer Totschlag, Mörderjagd und der Verschriftlichung dieser Ereignisse gäbe es nichts im Norden Europas. Dem ist natürlich nicht so, und daher freuen wir Filmfans uns einfach auf ‚das nächste große Ding’ nach der „Millennium-Trilogie“: Die Verfilmung von Jussi Adler-Olsens Bestseller-Reihe über den dänischen Ermittler Carl Mørck und seinen Assistenten Assad.

„Erbarmen“ heißt der erste Teil und erscheint nun, kurz vor der Premiere der Fortsetzung „Schändung“ auf dem Filmfest Hamburg (www.filmfesthamburg.de; offizieller Kinostart dann am 22.01.2015), auf DVD und Blu-ray. Auf 97 knackige Minuten getrimmt, schielt der Thriller ganz unverblümt auf den Erfolg von „Verblendung“ & Co., hat aber inhaltlich und optisch nichts mit den schwedischen Geschichten gemein.

Der Polizist Mørck (Nikolaj Lie Kaas, „Brothers“, „Adams Äpfel“) wird nach einem misslungenen Einsatz mit der „Leitung“ einer neuen Abteilung betraut. Er soll das „Sonderdezernat Q“ übernehmen, wo ungelöste Fälle lediglich sortiert und möglichst schnell und geräuschlos abgeschlossen werden sollen. Nachermittlungen sind ausdrücklich nicht erwünscht. Zusammen mit seinem neuen Kollegen Assad (Fares Fares, „Kopps“, „Zero Dark Thirty“) stößt der Dickkopf dabei auf den angeblichen Suizid der jungen Politikerin Merete Lynggaard (Sonja Richter, „Kommissarin Lund“, „The Homesman“). Sie soll in Anwesenheit ihres geistig behinderten Bruders von einer Fähre gesprungen sein, obwohl sich ihre Karriere gerade erfolgversprechend gestaltete. Mørck und Assad forschen nach und finden schon bald Hinweise auf etliche Ermittlungspannen.

Was sich liest wie ein gewöhnlicher, gediegener Krimi entwickelt sich unter der guten Regie von Mikkel Nørgaard zu einem packenden Thrillerpuzzle. Dazu trägt sowohl das herausragende Zusammenspiel von Lie Kaas und Fares bei – man achte auf die vielen kleinen Nuancen in ihrem Spiel –, als auch die Entscheidung des Regisseurs, parallel zur Haupthandlung die Geschichte des Opfers nachzuerzählen. Ob sich diese letztendlich genau so zugetragen hat, mag diskutabel sein. Das Wissen der Zuschauer um Meretes Schicksal sorgt jedoch ganz wunderbar für einen stetig anwachsenden Pulsschlag.

So wäre „Erbarmen“ qualitativ tatsächlich ein würdiger „Verblendung“-Nachfolger, wäre da nicht das Problem der zu offensichtlichen Auslassungen. Denn Charakterschwächen, Familienprobleme und Verfehlungen in der Vergangenheit von Mørck und Assad werden immer wieder angedeutet, jedoch nie weitergeführt oder an anderer Stelle wieder in die Handlung mit einbezogen. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass dem Publikum diese fehlenden Informationen bewusst vorenthalten werden, um sie in den kommenden Teilen der Reihe näher zu beleuchten. Das ist legitim und für die spätere Weiterentwicklung der Figuren sicherlich nützlich. „Erbarmen“ hindert diese Drehbuchentscheidung allerdings, vom lediglich ‚guten’ zu einem ‚herausragenden’ Film zu werden.

Wer sich trotzdem darauf einlässt, bekommt eine Art „Best of“ der skandinavischen Thrillerkost serviert, das, trotz kurzer humorvoller Momente in der Interaktion der Hauptfiguren, geradlinig von einem düsteren Verbrechen und dessen Aufklärung erzählt.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und in dänischer Originalfassung mit Untertiteln. Neben einem Making of sind im Bonusmaterial noch Interviews und Trailer zu finden. „Erbarmen“ erscheint bei NFP marketing & distribution im Vertrieb von Warner Bros. und ist seit 25. September erhältlich. (Packshot: FilmPressKit online/NFP)

Heimkino-Tipp: „Snowpiercer“ (2013)

Was für ein Tohuwabohu: Noch bevor der Südkoreaner Bong Joon Ho („The Host“) ihn fertiggestellt hatte, sorgte sein Film „Snowpiercer“ bereits für Aufsehen. Einerseits wegen der bemerkenswerten Besetzung, die neben Marvel-Star Chris Evans („Captain America“, dementsprechend sicher nicht leicht zu bekommen) auch solch Charakterköpfe wie Tilda Swinton, Jamie Bell, Octavia Spencer, John Hurt und Ed Harris vorweisen kann. Andererseits aufgrund des Auftretens von Harvey Weinstein, Produzentenschwergewicht aus Amerika. Er kaufte schon früh die Vertriebsrechte für die USA und Großbritannien, kündigte dann aber an, den Film um ca. 20 Minuten erleichtern zu wollen, um ihn für ein Publikum in „Iowa und Oklahoma“ verständlicher zu machen. Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten und so durfte die ganze (Filmfan-)Welt teilhaben und mitmischen an einem öffentlich geführten Streit zwischen Regisseur und Produzent. Letztendlich gab es für die Amis zwei Versionen (gekürzt und ungekürzt) zu sehen, der deutsche Verleih hingegen beließ es erfreulicherweise bei der ungeschnittenen Fassung.

Nun wachsen bei einem Film mit einem derartigen Cast auch ohne weiteres Marketing dieser Art die Erwartungen im Vorfeld immens. Basierend auf der französischen Graphic Novel „Schneekreuzer“ erzählt das Science-Fiction-Werk vom zukünftigen Leben auf der Erde, die nahezu komplett vereist ist. Die wenigen Überlebenden fristen ihr Dasein in einem riesigen Zug, der pausenlos über die Kontinente rast und zwei Klassen von Menschen beherbergt: Die wenigen Wohlhabenden im vorderen Teil, viele verwahrloste Gestalten im hinteren. Kontrolliert von bewaffnetem Wachpersonal, das das „ökologische Gleichgewicht“ dank Selektion und makabrer Bestrafungsaktionen zu halten versucht, wächst bei den Unterdrückten der Wille, den Status quo zu beenden. Doch Erfolg hat die Revolution nur, wenn es gelingt, bis ganz an die Spitze des Gefährts vorzudringen, um den Zugführer, den von den Reichen beinahe gottgleich verehrten Wilford, zu stürzen.

Für ca. 40 Millionen Dollar hauptsächlich in Tschechien entstanden, ist „Snowpiercer“ eine der teuersten koreanischen Produktionen, die es bisher gab. Obwohl sich die Handlung ausschließlich im Inneren des Zuges abspielt, sind die Sets bemerkenswert: Mit jedem neuen Wagon, den die Rebellen erobern bzw. durchqueren, öffnet sich für den Zuschauer eine andere, optisch beeindruckende Mini-Welt, die vollgestopft ist mit allerhand Nippes. Unweigerlich erinnern die schmalen Gänge mit den unzähligen Bewohnern links und rechts an die klaustrophobische Enge von „Das Boot“ – mit dem Unterschied, dass die Charaktere in Wolfgang Petersens Klassiker mehr Persönlichkeit vorweisen konnten als die Statisten in diesem Film.

Tatsächlich erschließt es sich mir nicht, weshalb derart viele westliche „Stars“ in diesem Werk mitwirken wollten: Evans’ Hauptfigur Curtis bleibt bis zum Finale konturenlos, John Hurt als sein Mentor brabbelt wenig Tiefgründiges in seinen Bart und Jamie Bell gefällt sich als Krawallmacher, der kaum aus der Masse der Aufständischen heraussticht. Einzig Tilda Swinton hat mit künstlichem Überbiss richtig Spaß an ihrer Rolle als Wilfords rechte Hand Mason und fügt dem Begriff „Overacting“ eine ganz neue Dimension zu. Ihr Spiel passt letztendlich viel besser in die computerspielartige, episodenhafte Handlung, die sich von Level zu Level (= Wagon zu Wagon) hangelt, wo es für die Helden stets neue Herausforderungen/Gegner zu bewältigen gilt. Regisseur Joon Ho fügt dabei immer wieder absurd-komische Momente ein, die der düsteren Utopie offenbar den Schrecken nehmen sollen, beim finster dreinblickenden Chris Evans jedoch regelmäßig zu Rohrkrepierern werden.

„Philosophisch“, „brillant“, „kraftvoll“, „überraschend“ sind nur einige der Schlagworte, die in den Feuilleton-Besprechungen zu „Snowpiercer“ zu finden waren. Leider kann ich diese Begeisterung nicht teilen. Visuell durchaus gelungen, scheitert der Film daran, mehr zu bieten als die x-te Version einer Endzeitversion, in denen sich Unterdrückte gegen ihre Unterdrücker erheben. Weshalb sich die ‚Herrscher‘ derart viele ‚Sklaven‘ halten, bleibt – bis auf die Verwendung der Kinder – ebenso im Unklaren wie das eigentliche Ziel der Rebellen. Würden sie anders regieren, wenn sie die Macht übernommen hätten? Oder gäbe es keine Klassenordnung mehr und jeder könnte handeln, wie es ihm beliebt? Besonders Curtis’ Geständnis zu seiner Vergangenheit am Ende zeigt, dass jeder noch so sympathische Charakter in Extremsituationen zu Scheußlichem fähig ist. Sein bereitwilliges Opfern eines Freundes im Kampf zuvor hinterlässt ebenso einen fahlen Nachgeschmack und rechtfertigt letztendlich nur einige der verqueren Ansichten des ‚Führers‘ Wilford über die Menschheit.

So bleibt „Snowpiercer“ ein zweifelhaftes, oberflächliches Vergnügen, das intellektuell sein will, außer einer Bestandsaufnahme zum Zustand der menschlichen Rasse, gespickt mit zahlreichen Verweisen zu realen historischen Personen, aber keinerlei neue Gesprächsanstöße liefert.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel. Im Bonusmaterial gibt es Making of-Clips und Trailer. „Snowpiercer“ erscheint bei MFA+ Film im Vertrieb von Ascot Elite und ist seit 23. September erhältlich. (Packshot: © MFA+ FilmDistribution e.K.)

Montag, 15. September 2014

Heimkino-Tipp: „A Long Way Down“ (2014)

Wie weit darf Humor gehen? Sind Themen wie Suizid, Depression und (unwissentlich vollzogener) Geschlechtsverkehr mit einer minderjährigen Person geeignet für Komödien in Buch- oder filmischer Form? Der britische Autor Nick Hornby („High Fidelity“, „About A Boy“) musste für seinen 2005 erschienenen Roman „A Long Way Down“ ordentlich Kritik einstecken, in welchem er eben diese Dinge versuchte als Hintergrund für eine amüsante Geschichte zu nutzen. Den französischen Regisseur Pascal Chaumeil („Der Auftragslover“) hielt das jedoch nicht davon ab, das Werk auf die Leinwand zu bringen. Trotz einer fabelhaften Besetzung war die Pressemeute abermals nicht gnädig und „A Long Way Down“ erntete vornehmlich verhaltene Kritiken. Zu Recht? Das liegt eindeutig im Auge des Betrachters. Denn wer mit der Prämisse und dem oberflächlichen Umgang mit jenen oben genannten Themen nicht d’accord ist, wird es sehr schwer haben, den Figuren Sympathie entgegenzubringen.

Martin (Pierce Brosnan), Maureen (Toni Collette), J.J. (Aaron Paul) und Jess (Imogen Potts) haben alle mit ihrem Leben abgeschlossen und fassen den Plan, in der Neujahrsnacht von einem Gebäude zu springen. Dummerweise wählen sie hierfür dieselbe Adresse – und prallen unverhofft aufeinander. In einem Anflug von Nächstenliebe halten sie sich gegenseitig vom Suizid ab und schließen am Morgen danach einen Pakt: Bis zum Valentinstag soll keiner von ihnen durch eigene Hand sterben. Stattdessen wollen sie gemeinsam ein wenig Zeit miteinander verbringen, danach könne man sich ja immer noch seinen Todeswunsch erfüllen.

Überdreht, nachdenklich, still und schüchtern: Die vier Hauptfiguren in „A Long Way Down“ könnten unterschiedlicher nicht sein. Regisseur Chaumeil versucht auf eine zugegeben etwas holprige Art, allen ein eigenes Kapitel zu widmen, das die Beweggründe für ihr Erscheinen auf dem Hausdach verdeutlichen soll. So wechseln sich schwere Momente mit amüsanter Situationskomik quasi im Minutentakt ab, Lachen funktioniert hier nur mit Kloß im Hals. Ein gewagtes Unterfangen, zumal die nächste ‚Ausstiegsmöglichkeit‘ stets nicht weit entfernt ist. Und trotzdem: Zu sehen, wie Martin, Maureen, J.J. und Jess versuchen, für die anderen Dazusein und gleichzeitig ihre eigenen inneren Konflikte austragen, bietet ausreichend Material und Szenen für herausragendes, nuancenreiches Schauspiel von einem ebenbürtigen Darstellerquartett. Während beispielsweise Potts alias Jess dem Affen ordentlich Zucker gibt, taucht Collette in Sprache und Gestus komplett in die Unsicherheit ihrer Figur Maureen ein – eine außergewöhnliche Leistung!

Selten passte die Genrebeschreibung „Tragikomödie“ besser als bei „A Long Way Down“. Inhaltlich nicht immer ganz realistisch und teilweise recht makaber, gewinnt der Film dank seiner tollen Besetzung zunehmend an Charme und bietet 90 Minuten melancholische Unterhaltung.

Die DVD/Blu-ray präsentiert den Film in deutsch synchronisierter und original englischer Sprachfassung. Untertitel in deutsch sind optional zuschaltbar. Interviews mit Cast & Crew, zusätzliche und verpatzte Szenen, Trailer und ein kurzer Clip von der Weltpremiere in Berlin gibt es als Bonuszugabe. „A Long Way Down“ erscheint bei DCM Filmdistribution GmbH/Universum Film und ist seit 5. September erhältlich. (Packshot: FilmPressKit online/DCM)

Sonntag, 14. September 2014

Heimkino-Tipp: „Philomena“ (2013)

Es ist eines der dunkelsten Kapitel der katholischen Kirche in Irland: Über viele Jahrzehnte hinweg wurden junge Frauen, die sich „versündigt“ hatten, in so genannten Magdalenenheimen untergebracht und dort zu körperlich schwerer Arbeit gezwungen – meist ohne Kontakt zur Außenwelt. Oftmals handelte es sich dabei um Mädchen, die ungewollt oder unehelich schwanger und von ihren Familien verstoßen wurden und in den Heimen physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt waren sowie Misshandlungen und sexuelle Übergriffe über sich ergehen lassen mussten. Der schottische Regisseur und Schauspieler Peter Mullan war einer der ersten, der sich diesem heiklen Thema filmisch widmete und 2002 mit dem mehrfach ausgezeichneten Drama „Die unbarmherzigen Schwestern“ eine breite Öffentlichkeit auf die unhaltbaren Zustände in den Heimen aufmerksam machte. Bis zum heutigen Tage warten Betroffene auf Entschädigungen seitens der katholischen Kirche, die lediglich zur „weiteren sachlichen Aufarbeitung“ bereit ist.

War Mullans Film eine wütende, offen einseitige (aber sehenswerte!) Anklage gegen die Ordensschwestern, so wählte Stephen Frears („Die Queen“) für seinen vierfach Oscar-nominierten Beitrag zum Thema einen sanfteren, wenngleich ebenso kraftvollen Weg. Erzählt aus der Sicht des überheblichen Journalisten Martin Sixsmith (Steve Coogan, der hier u.a. auch als Co-Autor fungierte), folgt „Philomena“ der Titelgebenden Heldin (Judi Dench) bei der Suche nach ihrem Sohn, den sie als Insassin eines der Magdalenenheime einst weggeben musste. Erst nach rund 50 Jahren bricht sie ihr Schweigen gegenüber ihrer Familie und begibt sich mit Sixsmith auf eine Reise in die eigene Vergangenheit. Dass der Reporter an ihrer Seite vornehmlich am Verkaufswert der Geschichte interessiert ist, stört die rüstige Rentnerin zunächst wenig, die sich trotz etlicher Rückschläge nicht von der Griesgrämigkeit ihres Begleiters anstecken lässt.

Auch wenn die Konstellation des „feinen“ Reporters mit der „bodenständigen“ alten Dame, die scheinbar nie die Vorzüge eines Hotelbuffets genossen hat, ein amüsantes Buddy-Movie vermuten lassen: Trotz aller Leichtigkeit, die während des gemeinsamen Trips der beiden Protagonisten immer wieder durchschimmert, bleibt „Philomena“ ein ernster und kritischer Film, der ohne übermäßige Dramatisierung sowohl in der Inszenierung noch der musikalischen Untermalung Erschütterndes aufzeigt. Während die Figur des Sixsmith dabei zunehmend in Rage gerät, hält Philomena weiterhin an ihrem Glauben an das Gute im Menschen fest und findet immer wieder Entschuldigungen für all jene, die ihr so viel Leid zugefügt haben. Dies mag anfangs naiv erscheinen, entlarvt jedoch mit zunehmender Laufzeit die eklatanten Unterschiede zwischen der rein plakativen ‚Nächstenliebe‘ der Ordensschwestern und der gelebten Menschlichkeit Philomenas, für die Begriffe wie ‚Vergebung‘ und ‚Freundlichkeit‘ mehr sind als wohlklingende Worthülsen.

Diese gegensätzlichen Charaktere reichern Judi Dench und Steve Coogan mit wunderbaren kleinen Eigenschaften an, die sie glaubhaft und ‚echt‘ erscheinen lassen. Damit helfen sie dem Film auch über letztendlich zwei Szenen hinweg, bei denen Kollege Zufall ein wenig zu offensichtlich eingreift, um die Handlung in die richtigen Bahnen zu lenken.

Ein wichtiger, hervorragend (weil zurückgenommen) umgesetzter und bei aller Tragik ebenso unterhaltsamer Film zu einem nach wie vor erschütterndem Kapitel nicht nur der irischen Geschichte.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und original englischer Sprachfassung. Untertitel in deutsch sind optional zuschaltbar. Trailer, ein Audiokommentar, Interviews mit den Hauptdarstellern sowie eine Kurzdoku über die realen Hintergründe der Story sind als Bonusmaterial beigefügt. „Philomena“ erscheint bei Universum Film und ist seit 12. September erhältlich. (Packshot + Filmstills: © SquareOne/Universum)

Freitag, 12. September 2014

Heimkino-Tipp: „Der Rasenmäher-Mann“ (1992)

„Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt“ lautet eine bekannte Redewendung. Im Marketing ebenso, möchte man ergänzen. Beispiel: Das Plakat von „Der Rasenmäher-Mann“, entstanden Anfang der 1990er Jahre. Darauf war nämlich zunächst der Schriftzug „Nach einer Kurzgeschichte von Stephen King“ zu finden. Zwar klagte der bekannte Autor erfolgreich gegen die Verwendung seines Namens, allerdings hatte dieses Urteil nur auf dem amerikanischen Markt Gültigkeit, sodass der Film unter anderem in Deutschland weiterhin mit diesem Slogan beworben werden durfte. Dass lediglich der Titel und ein kurzer Dialog von King stammten, der Rest anderen Ursprungs ist, wurde dabei gern verschwiegen.

Dies alles verhinderte jedoch nicht, dass das Werk von Brett Leonard („Virtuosity“) ein passabler Erfolg wurde und in Fankreisen inzwischen als Kultfilm gilt, präsentierte er doch als einer der ersten die Möglichkeiten der künstlichen Realität im großen Stil. Heute wirken die Effekte antiquiert und können so auch nicht mehr die mangelnde inszenatorische Qualität des Streifens verhüllen, die nun umso deutlicher hervortritt.

Dr. Angelo (Pierce Brosnan) arbeitet als Wissenschaftler für die US-Regierung an einem intelligenzfördernden Verfahren. Dazu nutzt er künstliche Welten, die er mit Computertechnik erschafft und an Schimpansen testet. Nach einem verheerenden Unfall im Labor beschließt er, seine Experimente auf eigene Faust weiterzuführen und spannt dazu den etwas zurückgebliebenen Gärtner Jobe (Jeff Fahey) ein. Die Folgen sind gleichsam erstaunlich wie gefährlich: Jobe entwickelt bemerkenswerte Fähigkeiten – und lassen in dem einst unscheinbaren Mann Machtfantasien erwachsen, die bald nicht nur Angelos Leben bedrohen.

„Der Rasenmäher-Mann“ ist in seinem Kern eine moderne Adaption des Frankenstein-Themas, verlegt in eine virtuelle Umgebung. Interessante Aspekte wie moralische Grenzen, die Möglichkeit der medizinischen Hilfe für geistig beeinträchtigte Menschen oder die grenzenlose Gier des Militärs nach neuen (biologischen) Waffen werden dabei leider nur kurz angerissen. Stattdessen konzentriert sich Regisseur Leonard lieber auf die Wandlung seines zunächst einfältigen Protagonisten, dessen Intelligenzsteigerung er seltsamerweise jedoch mit Muskelaufbau, neuem Kleidungsstil und plötzlichen Playboy-Qualitäten gleichsetzt. Viele Sets wirken zudem wenig glaubhaft und lassen erahnen, wohin ein Großteil des Filmbudgets hingegen geflossen ist. Angeblich waren sieben Mitarbeiter acht Monate für die zu sehenden Effekte zuständig. So faszinierend das Endergebnis scheint, so verwundert die Qualität doch sehr – denn ein Jahr zuvor hatte James Camerons „Terminator 2: Judgment Day“ bereits eindrucksvoll bewiesen, was im neuen Jahrzehnt technisch möglich ist. Gemessen daran, hinkt „Der Rasenmäher-Mann“ weit hinterher.

Leider gelingt es Leonard nicht, das Potenzial der Story mit Finesse und Ideen in eine packende Form zu gießen. Nicht selten stehen einzelne Darsteller irgendwie hilflos in den Kulissen oder ist die Kamera derart ungünstig platziert, dass emotionale Momente wirkungslos verpuffen. So wirkt „Der Rasenmäher-Mann“ ein wenig aus der Zeit gefallen und wäre im Fahrwasser von „Tron“ (1982), der ähnliche Computerwelten zeigte, möglicherweise besser gealtert als zehn Jahre später, wenige Monate nach dem visuell wie inhaltlich überzeugenden „T2“.

Nichtsdestotrotz bleibt der Film ein nicht unwichtiger Eckpfeiler in der Entwicklung der computergenerierten Effekte und kann vielleicht gerade wegen seiner Unzulänglichkeiten einen gewissen Charme nicht verleugnen.

Die Blu-ray bietet den Film erstmalig in HD-Qualität und im korrekten Bildformat. Enthalten ist die original Kinofassung (sämtliche bisher erschienenen DVD-Auflagen enthielten stets den ca. 32 Minuten längeren Director’s Cut in Vollbild). Als Sprachen sind deutsch und englisch wählbar, Untertitel sind leider keine vorhanden. Als Extra gibt es diverse Trailer anderer Filme. „Der Rasenmäher-Mann“ erscheint bei Mad Dimension/AL!VE AG und ist ab 25. Juli erhältlich. (Packshot: © Mad Dimension/AL!VE AG).