Sonntag, 28. Mai 2017

Heimkino-Tipp: „Multiple Schicksale“ (2015)

Gefangen im eigenen Körper

Unbeweglich liegt sie in ihrem Bett – angewiesen auf Pflegekräfte, ernährt über eine Magensonde, zum Sprechen nicht mehr fähig: die Mutter des 20-jährigen Regisseurs Jann Kessler hat MS, Multiple Sklerose. Lange Zeit wollte er sich nicht mit ihr und ihrer Krankheit auseinandersetzen. Nun hat er einen Dokumentarfilm über sie und andere Patienten gedreht.

Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. In Deutschland gibt es derzeit etwa 200.000 Betroffene jeden Alters. Zu den Symptomen zählen Seh-und Gleichgewichtsstörungen, Lähmungen, Schmerzen, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen. In welchem Ausmaß diese Einschränkungen auftreten, ist von Patient zu Patient unterschiedlich. Ansteckend ist MS nicht – und doch beeinflusst es in großem Maße auch das Umfeld all jener, die damit konfrontiert werden.

Dies macht Kessler in seinem mit außergewöhnlicher Professionalität realisierten Debütfilm mehrfach deutlich. Er stellt, neben seiner Mutter, sechs Menschen vor, die mit MS leben (müssen). Deren familiäre Situation ist dabei ebenso unterschiedlich wie ihr körperlicher Zustand und die Jahre, die seit der Diagnose vergangen sind. Dadurch gelingt es Kessler gleich von Beginn an, eines zu verdeutlichen: Es kann jede/n treffen. Egal ob Hausfrau, Sportler, Schülerin oder Pfarrer. Wie sehr deren Alltag von MS bestimmt wird, hängt dabei nicht nur von der persönlichen Einstellung ab, sondern auch von den sogenannten Schüben – also jenen „Etappen“, die nach und nach immer mehr Körperfunktionen ausschalten. So können MS-Patienten beispielsweise viele Jahre beinahe ohne Behinderungen ihrem Alltag nachgehen, während andere innerhalb kurzer Zeit ihre Selbstständigkeit verlieren.

Dank der Vielfalt an Protagonisten ist somit für jeden Zuschauer eine Bezugsperson vorhanden. Diesen ‚inszenatorischen Trumpf‘ nutzt Kessler, indem er allen vorgestellten Personen genug Zeit und Raum gibt, über ihren Zustand zu reflektieren und so eine Intimität schafft, die verblüfft. Es ist den Porträtierten anzusehen, dass sie ein Bedürfnis danach haben, endlich einmal offen über „ihr MS“ sprechen zu können. Der Fakt, dass der Mann hinter der Kamera aufgrund des Schicksals seiner Mutter quasi einer von ihnen ist, scheint dabei eine große Rolle zu spielen.

Dem Film wurde beim Kinostart von einigen Seiten vorgeworfen, zu wenig auf Therapieangebote einzugehen und vornehmlich nur die sukzessive voranschreitenden Beeinträchtigungen zu zeigen. Diese Kritik ist nur teilweise berechtigt: Zwar werden verschiedene Behandlungsmethoden nur angedeutet, der Fokus aber bleibt stets beim Privatleben der Sechs – und genau das ist die Stärke des Films. Denn die Tatsache, dass er in der Schweiz entstand, wo ein „assistierter Suizid“ möglich ist, gibt den Aussagen und den Handlungen der Interviewten eine besondere Note.

„Multiple Schicksale“ ist kein Lehrfilm mit erhobenem Zeigefinger und wirkt – trotz der berechtigten Frage, inwieweit es angemessen ist, eine zur Kommunikation und Bewegung unfähige Person zu filmen – nicht wie ein Egotrip eines Regisseurs, der sich auf Kosten seiner erkrankten Mutter profilieren will. Vielmehr ist ihm ein zurückhaltend-beobachtendes Werk gelungen, das zeigt, wie zerbrechlich jedes einzelne Leben sein kann.

Die DVD bietet den Film in deutscher/schwizerdütscher Originalversion mit einer Vielzahl (u.a. deutsch, englisch, französisch, italienisch) von Untertiteln. Als Extras gibt es etliche informative Features: Gespräche mit den Protagonisten zwei Jahre später, diverse Interviews mit dem Regisseur und MS-Experten sowie kindgerechte Clips, in denen MS und MS-Symptome verständlich erklärt werden. Ein ausführliches Booklet mit vielen Hintergrundinformationen auch von der Filmpremiere ist ebenfalls vorhanden. „Multiple Schicksale – Vom Kampf um den eigenen Körper“ erscheint bei good!movies/SchwarzWeiss Filmverleih/filmkinotext und ist seit 26. Mai 2017 erhältlich (Packshot und stills: good!movies/SchwarzWeiss Filmverleih/filmkinotext/Spot on Distribution).

Mittwoch, 24. Mai 2017

... im Nachgang: „Alien: Covenant“ (Kinostart: 18. Mai 2017)

„Im Weltall hört dich niemand schreien.“ In der Redaktion des Kinokalender Dresden schon – vor Freude und vor Wut über den neuen »Alien«-Film. Aber lest HIER selbst! Von mir stammt der Pro-Teil der Rezension.

(Plakat: © 2017 Twentieth Century Fox of Germany GmbH)

Sonntag, 21. Mai 2017

Heimkino-Tipp: „Kein Platz für wilde Tiere“ (1956) + „Serengeti darf nicht sterben“ (1959)

Roar

Zugegeben: Mein primäres Interesse an den beiden hier vorgestellten Werken ist filmhistorisch bedingt. „Serengeti darf nicht sterben“ war der erste deutsche Dokumentarfilm, der einen Oscar (1960) erhielt. Nun erscheinen „Serengeti …“ und der ebenfalls von Bernhard Grzimek wenige Jahre zuvor gedrehte „Kein Platz für wilde Tiere“ erstmalig auf Blu-ray. Eine gute Gelegenheit also, diese cineastische Wissenslücke zu schließen.

Regisseur Prof. Dr. Bernhard Grzimek (1909-1987) gilt als einer der wichtigsten Tierforscher der Bundesrepublik und war nach dem Zweiten Weltkrieg langjähriger Direktor des Frankfurter Zoos. Später führten ihn mehrere Forschungsreisen auf den afrikanischen Kontinent, und spätestens mit dem Aufkommen des Fernsehens avancierte er u.a. dank seiner TV-Sendung „Ein Platz für (wilde) Tiere“ zum bekanntesten Tierschützer der BRD. Fürs Kino entstanden während dieser Zeit jene zwei Dokus, bei denen auch sein Sohn Michael mitwirkte. Er starb während der Dreharbeiten 1959 bei einem Flugzeugabsturz.

Wie oftmals bei älteren Werken, die als „Klassiker“ gelten, sollte man als Zuschauer stets die Umstände und Zeit ihrer Entstehung im Hinterkopf behalten. Mitte der 1950er-Jahre waren Tierbeobachtungen, so wie wir sie heute quasi pausenlos im Fernsehen bewundern können, nicht oder nur ansatzweise möglich. Kameras waren sehr viel unhandlicher und größer, Steppen und Wälder geologisch noch nicht so weit erschlossen und Forschern stand sehr viel weniger Technik für ihre Arbeit zur Verfügung. Umso beeindruckender sind die Aufnahmen, die den Grzimeks und ihren Teams gelangen.

Obwohl sich beide Filme mit dem (zur damaligen Zeit mangelndem) Tierschutz in Afrika auseinandersetzen, haben sie inhaltlich unterschiedliche Schwerpunkte: „Kein Platz für wilde Tiere“ stellt unzählige Tierarten und ihren Lebensraum näher vor, zeigt ansatzweise den Alltag der dort ansässigen Bevölkerung und warnt eindringlich vor den Folgen der Verstädterung großer Landteile. „Serengeti darf nicht sterben“ hingegen dokumentiert vornehmlich den Versuch, die Lebensvielfalt der Savanne wissenschaftlich zu erkunden und die Sinnhaftigkeit eines mit Grenzen abgesteckten Naturreservats zu hinterfragen.

Mag „Serengeti …“ auch der bekanntere von beiden sein – sein Vorgänger ist für all jene, die sich für die Artenvielfalt interessieren, sicherlich der bessere Film. Das mag daran liegen, dass die Grzimeks bei ihrem zweiten Abenteuer sehr viel häufiger sichtbar in die Natur und die Inszenierung eingreifen. Ersteres, um zu zeigen, wie sie an wissenschaftlich fundierte Daten kommen möchten. Zweitens, um dem Bericht eine Narrative zu geben. Verwerflich ist dies nicht, nur stehen somit an manchen Stellen die Filmemacher mehr im Mittelpunkt als die Natur, die sie beschützen wollen. Angesichts der persönlichen Tragödie von Vater Grzimek während der Dreharbeiten allerdings nachvollziehbar.

Dem Anliegen der Naturschützer schadet dies jedoch nicht. „Kein Platz …“ sowie „Serengeti …“ sind auch 60 Jahre später noch faszinierende und äußerst informative Dokumentationen, denen die Liebe der Macher zum Thema in jeder Einstellung anzusehen ist. Das verzeiht auch die eine oder andere, der Zeit geschuldeten Formulierung über Afrikaner. Die neue HD-Abtastung kommt den Filmen zugute, gleichwohl die Möglichkeiten des Blu-ray-Mediums leider nicht ausgenutzt werden: Untertitel für den informativen Off-Kommentar sucht man vergebens.

Die Blu-ray bietet beide Dokus in deutscher und englischer Sprachfassung (beides bezogen auf den Off-Kommentar). Untertitel sind nicht vorhanden. Als Extra gibt es ein Fotoarchiv sowie, auf der Innenseite des Covers, Informationen zu Grzimek und die Filme. Die Blu-ray „Serengeti darf nicht sterben“ / „Kein Platz für wilde Tiere“, die beide auch weiterhin auf DVD erhältlich sind, erscheint bei Universal Music Family Entertainment/Karussell und ist seit 19. Mai 2017 erhältlich. (Packshot: © Universal Music Family Entertainment/Karussell)

Dienstag, 16. Mai 2017

... im Nachgang: „Lommbock“ (Kinostart: 23. März 2017)

Absolutes Gourmet-Kinoerlebnis oder filmisches Gehirnzellenmassaker? Meine Meinung zur „Lammbock“-Fortsetzung lest ihr HIER. Von mir stammt der Pro-Teil des Textes.

(Plakat: © 2017 Little Shark Ent./Wild Bunch)