Mediathek-Tipp: „Das braune Netzwerk“ (2016/2017)

LINK ZUM FILM

Zu meinem Bedauern ist es der rechtspopulistischen AfD gelungen, im September 2017 bei der Bundestagswahl eine beachtliche Anzahl von Wählern für ihr „Programm“ zu begeistern. Nicht weniger bedenklich ist die Tatsache, dass offenbar viele Unterstützer der Partei die Gesinnung dieser Truppe nicht erkennen wollen oder als ‚nicht so schlimm‘ abtun. Wie groß die Gefahr durch die momentane rechte Bewegung ist, verdeutlicht diese informative Dokumentation von Caterina Woj und Andrea Röpke.

„Das braune Netzwerk“ beleuchtet, welche Personen und Anschauungen hinter dieser Entwicklung stehen und was deren Ziele sind. Sie als kleine, einflusslose Gruppe abzutun, wie es scheinbar etliche „Protestwähler, die gar nicht rechts sind“ immer noch tun, ist – höflich formuliert – ziemlich naiv.

Man kann dieser Dokumentation sicherlich Einseitigkeit vorwerfen. Was jedoch nicht verhandelbar ist, sind die Fakten, die die Autorinnen hier vorlegen. Und die sind erschreckend.

Ich hoffe sehr, dass dieser Film noch lange online verfügbar ist und vielleicht auch dazu beiträgt, die Gefahr, in der sich unsere demokratische, offene und friedliche Gesellschaft derzeit aufgrund der rechten Bewegung befindet, zu verdeutlichen.

Heimkino-Tipp: Terrence Malick-Collection (2011-2017)

Der Philosoph

Der öffentlichkeitsscheue Regisseur Terrence Malick ist mit nur wenigen Werken zu einem von Hollywood-Stars beinahe göttlich verehrten Filmemacher aufgestiegen. Nachdem er in den 1970er-Jahren lediglich zwei Arbeiten vorlegte (u.a. „Badlands“, 1973), kehrte er 1998 mit dem entrückten Kriegsdrama „Der schmale Grat“ in die Lichtspielhäuser zurück. Seither werden die Abstände zwischen seinen Filmen immer kürzer, sodass nach „The Tree of Life“, „To the Wonder“ und „Knight of Cups“ mit „Song to Song“ nun bereits der vierte Streifen innerhalb von sechs Jahren made by Malick veröffentlicht wird. Was ist da los? Möchte der inzwischen 73-jährige Texaner Kollegen wie Clint Eastwood oder Woody Allen in Sachen Produktivität im Alter übertrumpfen? Oder ist die Liste all jener Schauspieler, die mit ihm arbeiten wollen, so lang, dass er zum Vielfilmer geworden ist?

Was immer die Gründe für die neugewonnene Vitalität hinter der Kamera auch sein mögen, Terrence Malick-Werke sind immer etwas Besonderes. Warum, zeigt sich vor allem in letztgenannten vier Werken, die nun erstmals in einer Gesamtbox erhältlich sind. Sie sind eine Art Visitenkarte von ‚Malick, dem Älteren‘, ähneln sie doch in ihrer Form sehr einander und heben sich dadurch nicht nur vom zeitgenössischen Kino, sondern ebenso von Malicks früheren Arbeiten ab. Sie alle eint eine Art Verweigerung gegenüber klassischer Erzählstrukturen. Stattdessen perfektionierte er darin sukzessive seinen Stil, die Geschichten vornehmlich aus dem ‚Off‘ von den Figuren erzählen zu lassen, während diese oftmals stumm durch traumhaft komponierte Bilderwelten spazieren und nur wenig miteinander sprechen. Was nicht heißen soll, dass sie nicht kommunizieren! Denn bei Malick geschieht Vieles über Stimmungen, Blicke und Andeutungen, die sein Publikum selbst zu einem großen Ganzen zusammensetzen darf. Das hat zweifellos seinen Reiz – erfordert jedoch beim Zuschauen Konzentration und Aufgeschlossenheit.

Das macht es nicht unbedingt leicht, den Inhalt der hier vorliegenden vier Filme wiederzugeben. Versuchen will ich es trotzdem: Während „The Tree of Life“ das Werden eines Mannes vom Kind zum Erwachsenen begleitet, beginnend in den 1950er-Jahren in Texas, erzählt „To the Wonder“ eine bittersüße Liebesgeschichte zwischen Begehren, Entfremdung und Neuanfang. „Knight of Cups“ hingegen begleitet einen erfolgreichen Autor bei seiner Party-Odyssee und Sinnsuche in Hollywood, während „Song to Song“ eine ähnliche Geschichte im Musiker-Milieu beschreibt, diesmal jedoch aus weiblicher Sicht.

Vom cineastischen Standpunkt aus gesehen ist „Tree of Life“ aus diesem Quartett sicherlich die kompakteste und beste Kombination der Malick’schen Kunst, in der philosophische Gedanken, Naturbewunderung und das Wirken des Menschen wunderbar ineinanderfließen. War das Nachfolgewerk dann vornehmlich was fürs Auge, so wirkte „Knight of Cups“ schließlich beinahe schon wie eine Parodie auf sein Schaffen und präsentierte mit endlosen kryptischen Phrasen und einem verloren umherschweifenden Hauptdarsteller Malick auf Autopilot. In großen Teilen gilt dies leider auch für „Song to Song“, der parallel zum Vorgänger entstand und einige Darsteller (Cate Blanchett, Natalie Portman) gleich mit übernahm. Immerhin dürfen die Hauptfiguren hier ab und an wieder richtige Dialoge führen und die ‚Handlung‘ stürzt für Malick’sche Verhältnisse regelrecht zügig voran.

Diese harschen Worte meinerseits sind natürlich Jammern auf hohem Niveau, denn neben der betörenden Optik gelingt es Malick wie kaum einem anderen Filmemacher, Emotionen punktgenau zu bebildern und spürbar zu machen. Bestes Beispiel: „Song to Song“. Zu sehen sind hier stets nur die Folgen eines Ereignisses, die Reaktionen, die etwas hervorruft. Der Weg dorthin, die Entwicklung der Figuren bis zu diesem Ereignis, wird dem Publikum vorenthalten. Dass es trotzdem berührt, ist dem großen Können der Darsteller zu verdanken.

Die neue „Terrence Malick-Collection“ lockt mit unzähligen Stars und dem Versprechen auf besondere Filme. So weit, so richtig. Nach vier Werken in dieser Form sollte der Meister allerdings Neues ausprobieren. Sonst gehen ihm irgendwann die schönen schweigenden Menschen für seine Bilderbuchfilme aus.

Der 4-Disc-Kollektion erscheint auf DVD/Blu-ray und beinhaltet folgende Filme: „The Tree of Life“ (2011), „To the Wonder“ (2012), „Knight of Cups“ (2015) sowie „Song to Song“ (2017). Die Discs entsprechen den Einzelveröffentlichungen und die Filme darauf liegen jeweils in deutsch synchronisierter Sprachfassung sowie in englischer Originalversion vor. Untertitel in deutsch sind vorhanden. Als Extra speziell für die Box gibt es ein informatives Booklet. Die „Terrence Malick Collection“ erscheint bei Studiocanal ist seit 16. November 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © Studiocanal)

Heimkino-Tipp: „Vendetta“ (2016)

Aftermath

Wie sich die Zeiten doch ändern: Noch vor 15 Jahren sah ein Schwarzenegger-Film, in dem der einstige Actionstar den Tod seiner Familie rächen will, aus wie „Collateral Damage“ (2002). Darin jagt Arnie alias Feuerwehrmann Gordon Brewer einen Terroristen im Alleingang, dessen Bombe ihm seine Lieben nahm. Ein einfach gestrickter, knalliger Actionfilm ohne viel Tiefgang.

Aber warum nenne ich den inzwischen 70-jährigen Schauspieler ‚einstigen Actionstar‘? Zwei Gründe sind Filme wie „Maggie“ (2015) oder sein neuester Streifen „Vendetta“: Herr Schwarzenegger ist nämlich inzwischen zu einem sehr gutem Charakterdarsteller gereift. Das mag unseriös klingen, passt aber sehr gut auf die späte Karriere des ehemaligen Gouverneurs von Kalifornien. Denn sogar seine ‚lauten‘ Arbeiten, die er seit seiner Rückkehr ins Filmgeschäft im Jahre 2012 abgeliefert hat, zeigen einen anderen Arnie, der die leisen Zwischentöne ebenso beherrscht wie das bleihaltige Ausschalten von Gegnern. Ganz nebenbei sind „The Last Stand“ und „Sabotage“ großartig inszenierte Ballerfilme.

Doch zurück zu „Vendetta“. Ein etwas martialischer Titel, der ganz offenbar auf Arnies Stammpublikum abzielt, den Ton des Dramas aber nicht trifft. Im Original „Aftermath“, also „Nachwirkungen“ betitelt, adaptiert das Werk von Elliott Lester („Blitz“, 2011) eine reale Geschichte, die sich im Juli 2002 in/über Deutschland abspielte. Damals kollidierte ein Passagierflugzeug mit einer Frachtmaschine, 71 Menschen verloren ihr Leben – darunter auch die Familie des Osseten Witali Kalojew. Zwei Jahre später erstach er den Fluglotsen Peter Nielsen vor den Augen seiner Frau und Kinder in dessen Haus, da er ihn für das Unglück verantwortlich machte. Kalojew wurde verhaftet und verurteilt, kam 2007 frei und ist heute in seiner Heimat, der Republik Nordossetien, als Politiker tätig. Es existieren bereits einige künstlerische Aufarbeitungen der Ereignisse. Unter anderem entstand 2008 unter der Regie von Nicolai Rohde ein prominent besetztes deutsches Drama mit dem Titel „10 Sekunden“.

„Vendetta“ nähert sich der Geschichte auf zweierlei Weise: aus Sicht des trauernden Familienvaters Roman (Arnold Schwarzenegger) und aus der Sicht des Fluglotsen Jacob (Scoot McNairy). Während Romans langer, schmerzhafter Weg der Verarbeitung gezeigt wird, erlebt Jacob den langsamen Zerfall seines Zuhauses. Der Gedanke daran, Schuld am Tod von so vielen Menschen zu sein, wirft ihn komplett aus der Bahn, ihm auflauernde, unerbittliche Reporter sowie Schmierereien an seinem Haus zwingen ihn schließlich zum Namens- und Wohnortwechsel. Roman hingegen wünscht sich nur ein Schuldeingeständnis und eine Entschuldigung. Als ihm diese von der Fluglinie, der Flugsicherung und diversen anderen Beteiligten verwehrt wird, macht er sich auf, Jacob zu finden.

Immer wieder nutzt Regisseur Lester das Bild sich kreuzender Kondensstreifen, um die unausweichliche Konfrontation von Roman und Jacob anzudeuten. Fernab plumper Eindimensionalität erhalten beide Charaktere Tiefe und Widersprüchlichkeit und werden wertungsfrei porträtiert. Zudem macht der Film immer wieder deutlich, wie schwer es ist, Trauernden angemessen zu begegnen. Was sind die ‚richtigen‘ Worte? Wie kann ihnen geholfen werden? Wieviel Geld einer Versicherung ist ein Menschenleben wert?

Wenn es einen Kritikpunkt an „Vendetta“ gibt, so ist es die seltsam dargestellte Rolle der Presse: Auf der einen Seite die unnachgiebige Meute auf der Jagd nach Bildern und Kommentaren der Beteiligten/Betroffenen, auf der anderen Seite die vorgeblich einfühlsame Reporterin (Hannah Ware), die Roman den Aufenthaltsort Jacobs preisgibt – in dem Wissen, dass diese Begegnung nicht gut enden wird. Hier wäre ein wenig mehr Sorgfalt angebracht gewesen, da diese Darstellung der schreibenden Zunft vorhandene Ressentiments unterstreicht.

Abgesehen davon ist der von Darren Aronofsky(!) co-produzierte „Vendetta“ jedoch ein bewegendes, actionfreies, toll gespieltes und Diskussionen anregendes Drama, das einen Blick lohnt.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es ein kurzes Making of, eine Bildergalerie sowie Trailer. „Vendetta“ erscheint bei New KSM und ist seit 13. November 2017 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © KSM GmbH)

Heimkino-Tipp: „Bates Motel: Staffel 5“ (2017)

mother!

Schluss. Aus. Ende. Mit einer Träne im Auge und einem zufriedenen Lächeln im Gesicht verabschiede ich mich von einer TV-Serie, die mir fünf Staffeln (à 10 Folgen) lang eine morbid-faszinierende Familiengeschichte geschenkt hat, und der es – trotz bekannter Vorlage – gelang, mich konstant bei der Stange zu halten. Viel hätte schief gehen können, als „Bates Motel“ 2013 zum Leben erweckt wurde: Der Ansatz der Macher, die Vorgeschichte zu einem der bekanntesten Thriller der Filmgeschichte, „Psycho“ (1960) von Alfred Hitchcock, in modernem Gewand zu erzählen, klang ebenso mutig wie zum Scheitern verurteilt. Doch Carlton Cuse, Kerry Ehrin und Anthony Cipriano, die drei Verantwortlichen hinter dem Projekt, haben genau den richtigen Ton getroffen. Und den Mut gehabt, sich in entscheidenden Momenten von dem ikonischen Klassiker zu lösen, um der Beziehung von Teenager Norman und dessen Mutter Norma hier und da neue Impulse zu geben.

Achtung! Die folgende Rezension enthält möglicherweise Spoiler der Staffeln 1 bis 4. Wer diese noch nicht kennt aber noch schauen möchte, sollte besser nicht weiterlesen.

Bereits zu Beginn der Produktion von „Bates Motel“ machten die Autoren deutlich, dass diese Serie höchstens fünf Staffeln lang sein würde. Nach Staffel 4 (Rezi HIER) war zudem klar, dass in den verbliebenen Folgen die Brücke zum Film „Psycho“ gebaut werden musste, um die Geschichte einigermaßen sinnvoll abschließen zu können. Kurz vor der Ausstrahlung wurde dann bekannt, dass keine Geringere als Popstar Rihanna die Rolle der Marion Crane spielen sollte – jener bedauernswerten Figur, der eine Abenddusche in Bates Motel zum Verhängnis werden würde. Aber Moment: Rihanna?!? Auch für mich zunächst eine zweifelhafte Wahl. Und doch passt sie sehr gut, ist sie im öffentlichen Leben doch ebenso wie die Serie mutig, ungewöhnlich, rebellisch, provokativ – und daher für die Rolle goldrichtig.

Die Handlung: Nach dem Ableben von Norma (Vera Farmiga), der Verhaftung ihres Gatten Sheriff Romero und dem Wegzug von Normas zweitem Sohn Dylan (Max Thieriot), ist Norman (Freddie Highmore) nun alleiniger Betreiber des „Bates Motel“ – aber nicht alleiniger Bewohner des Hauses nebenan. Denn um seiner geliebten Mutter nahe sein zu können, hat er ihre Leiche wieder ausgebuddelt und in einer Art Heiligenschrein im Keller drapiert. Quasi nebenbei hat sich Normans zweite Persönlichkeit derart verfestigt, dass er sich teilweise schon gar nicht mehr erinnern kann, ob er als Norman oder Norma den Abend zuvor um die Häuser gezogen ist. Als er schließlich eine neue Stadtbewohnerin namens Madeleine (Isabelle McNally) kennenlernt, die seiner Mom verblüffend ähnlich sieht, scheint der Einzelgänger wieder auf die Sonnenseite des Lebens zurückzukehren. Wäre da nur nicht Madeleines Gatte Sam Loomis (Austin Nichols), der seine Frau ausgerechnet in einem Zimmer seines Hotels mit einer gewissen Marion betrügt.

Vor allem Fans des Hitchcock-Films werden eine Vielzahl von Verweisen, Zitaten und Anspielungen wiederfinden, die die Macher von „Bates Motel“ mal offensichtlich, mal ein wenig versteckt eingebaut haben. Von Kameraperspektiven über einzelne Momente und Nebencharaktere bis hin zu exakt kopierten Szenenabfolgen wird dem Nerd hier alles geboten. Mittendrin: Die beiden (dunklen) Seelen der Serie, Norma und Norman, perfekt verkörpert von Farmiga und Highmore. Besonders deren gemeinsame Szenen sind ein wahres Fest und von einer Intensität geprägt, die zumindest in der Serienlandschaft ihresgleichen sucht. Nur zur Erinnerung: Highmore verkörpert eine gespaltene Persönlichkeit, während Farmiga eine Figur innerhalb dieser gespaltenen Persönlichkeit gibt. Dass dieser imaginäre Charakter nur selten etwas mit der einst echten Norma zu tun hat, verdeutlicht die Schauspielerin mit ihrem nuancenreichen und punktgenauen Spiel. Groß-ar-tig!

Somit reiht sich Staffel 5 qualitativ und inhaltlich perfekt in die Serie ein und beendet diese zwar ohne großes TamTam, dafür aber mit einigen überraschenden Handlungsverläufen. Wunderbar!

Die DVDs/Blu-rays bieten die fünfte Staffel in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche und englische Untertitel. Als Bonus sind gelöschte und verpatzte Szenen sowie zwei Kurzdokus beigefügt. Diese befassen sich einerseits mit der Storyline der finalen Staffel, andererseits mit einem amüsanten Rückblick auf die gesamte Serie, in der Cast, Crew und Fans zu Wort kommen. „Bates Motel: Season 5“ erscheint – parallel zu einer Komplettbox mit allen Staffeln – bei Universal Pictures Germany GmbH und ist seit 10. November 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © Universal Pictures)

Heimkino-Tipp: „Arsenal“ (2017)

Männer unter sich

Wer mit den Buddymovies und Actionfilmen der 80er-Jahre aufgewachsen ist, kennt die Mechanismen des Machokinos aus dem Effeff. Frauen spielten darin selten eine tragende Rolle, emanzipierten sich jedoch vor allem mit Beginn der 1990er zunehmend von den starren Figurenklischees und nahmen ihre Verteidigung selbst in die Hand (siehe „Lethal Weapon 3“, „Tödliche Weihnachten“). Nun ist nichts verkehrt daran, sich hier und dann jene „old school“-Filme zurückzuwünschen, in denen vornehmlich ein Kerl auf blutigen Rachefeldzug geht, um seine bedrohte Familie zu beschützen. Ärgerlich wird es aber immer dann, wenn dabei die weiblichen Figuren zu bloßen Anschauungsobjekten, Sexpartnern und/oder völlig unselbstständigen Witzfiguren verkommen. Eine (Rück-)Entwicklung, die in letzter Zeit immer häufiger in amerikanischen B-Movies zu entdecken ist – und „Arsenal“ ist da keine Ausnahme.

Warum ich diesen Aspekt hervorhebe? Weil der Streifen von Wiederholungstäter und Vielfilmer Steven C. Miller („Extraction“, „Marauders“) inhaltlich kaum etwas hergibt, über das es sich auszulassen lohnt: Wieder einmal muss ein vornehmlich braver Bürger das Gesetz selbst in die Hand nehmen, um seinen entführten Bruder aus den Fängen eines örtlichen Gangsters zu befreien, der zudem eine ziemlich sadistische Ader besitzt. Die prominentesten Akteure in diesem übertrieben brutalen Schnellschuss von Film sind Nicolas Cage alias crazy Eddie King (was für ein Name!) sowie John Cusack als Undercoveragent(?), der dem Protagonisten JP (Adrian Grenier) dabei hilft, Geschwisterchen Mikey (Johnathon Schaech) aufzuspüren. Was genau die Funktion der Cusack-Figur sein soll, erschließt sich mir nicht. Die von JPs Gattin (Lydia Hull) andererseits schon: Sie nervt mit übertriebener Gottgläubigkeit, ständiger Kritik an Mickey und dessen White-Trash-Familie, begräbt das Kriegsbeil mit ihrem Gatten, wenn er sie dafür ganz plötzlich ‚hart rannimmt‘, und lässt JP mal eben alleine gegen einen Psychopathen zu Felde ziehen, ohne die Konsequenzen für das gemeinsame Kind anzusprechen.

Die konstant unterschwellig mitschwingende ohne-Mann-ist-sie-gar-nichts-Aussage sowie die Darstellung der Frau als störende Reizfigur zwischen zwei Brüdern kann mensch natürlich gerne ignorieren, schließlich will „Arsenal“ nur belanglose Actionunterhaltung sein. Aber die Häufigkeit, mit der dieses Statement in dieser Art von Filmen in letzter Zeit auftaucht, nervt ungemein – und ist dann eben doch scheinbar systematisch. Das ist keine ehrwürdige cineastische Verbeugung vor den glorreichen Supermännern (Rambo, John Matrix, McClane, Cobretti) der 1980er-Jahre mehr, sondern rigoros reaktionär. Armselig!

Und sonst so? Sieht der Film gut aus?

– Bis auf einen übertriebenen Sepia-Filter ja.

Ist die Action gut?

– Wer es gewaltverherrlichend und blutig mag, wird hier gut bedient.

Entfesselt Cage den gefürchteten/geliebten HurriCage?

– Oh ja, und wie! Seine Darstellung des mental überaus angeschlagenen Eddie King ist in Optik und Benehmen eine Overacting-Performance der Superlative. Fast scheint es, als sei Cage der einzige, der diesem filmischen Rohrkrepierer mit angemessener Ironie begegnet.

Zur Aufmunterung gönne ich mir nun lieber ein älteres Genre-Highlight mit Cage und Cusack: „Con Air“ (1997). Darin gibt es zwar auch mehr Männer als Frauen, aber zumindest wird den Damen darin von Seiten der Drehbuchautoren ein wenig mehr Respekt entgegengebracht und mehr Handlungsspielraum zugestanden.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie optionale deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Als Bonusmaterial gibt es ein Making of sowie Trailer. „Arsenal“ erscheint bei Universum Film/Square One und ist ab 10. November 2017 erhältlich. (Packshot + stills: © Universum Film/Square One)