Der unsichtbare Dritte
In der heutigen Welt ist es nahezu unmöglich, unerkannt durch die Öffentlichkeit zu gehen. Ob Kartenzahlung im Geschäft, Videoüberwachung am Bahnhof oder Beiträge auf Social-Media-Kanälen: Quasi jede unserer Tätigkeiten kann (und wird vermutlich oftmals schon) dazu genutzt werden, unseren Alltag, unsere Gewohnheiten und unsere Bekanntschaften zu dokumentieren. Das mag in Deutschland noch nicht ganz so extrem geschehen wie beispielsweise in China, den USA oder Russland. Doch ist es ziemlich sicher nur eine Frage der Zeit, bis dies ähnlich flächendeckend ebenso in Europa vollzogen wird.
Umso interessanter ist es anzusehen, wie in zeitgenössischen Thrillern, in denen einzelne Personen versuchen, sich der Verfolgung durch Behörden zu entziehen, verschiedenste Möglichkeiten gezeigt werden, wie eine Anonymisierung auch 2026 – zumindest teilweise – noch immer gelingen kann. In „The Negotiator“ von David Mackenzie („Mauern der Gewalt“, „Hell or High Water“) versucht es Ash (Riz Ahmed) über eine Telefonhotline für gehörlose Menschen. Dabei werden deren niedergeschriebene/getippte Texte von einer fremden Person der hörenden Person am anderen Ende der Leitung vorgelesen. Denn der zurückgezogen lebende Mann hilft Whistleblowern, mit ihren ‚Feinden‘ in Kontakt zu treten und einen Deal auszuhandeln, der für beide Seiten akzeptabel ist. Um dabei nicht selbst in die Schusslinie zu geraten, nutzt er den vertraulichen Anrufservice, da dieser weder technisch noch durch juristische Kniffe zurückverfolgt werden kann.
Sein neuester Auftrag betrifft die Wissenschaftlerin Sarah (Lily James), die von ihrem Arbeitgeber erst gefeuert und nun bedroht wird, nachdem sie auf schädliche Nebenwirkungen in von ihr mitentwickeltem genetisch veränderten Weizen hingewiesen hatte. Die Unterlagen, die dies beweisen könnten, hat sich noch in ihrem Besitz und möchte sie nun zurückgeben – ohne Angst um Leib und Leben. Für Ash ein Auftrag wie viele andere zuvor. Doch seine Gegner warten nur darauf, dass ihm oder Sarah ein Fehler unterläuft – was durch eine winzige Unvorsichtigkeit dann auch tatsächlich passiert. Fortan ist die Jagd auf die ‚Verräterin‘ und ihren Helfer eröffnet.
Ohne dem Publikum viel über die Motivation der einzelnen Figuren zu verraten, gelingt Regisseur Mackenzie mit seinem temporeich inszenierten Streifen ein vor Spannung berstendes Stück Film, das in seinen besten Momenten an das amerikanische Suspense-Kino der 1970er-Jahre erinnert („Die drei Tage des Condor“, „Der Marathon-Man“). Von schnellen Schnitten und brutalen Zweikämpfen à la Jason Bourne weit entfernt, entsteht die Spannung allein durch die nüchterne Beobachtung von Ashs Alltag und wie dieser sukzessive aus den Fugen gerät.
Hauptdarsteller Riz Ahmed benötigt hierfür nicht einmal das gesprochene Wort (seine Figur führt erst nach über 30 Minuten einen ersten Dialog), um Ashs Routine und gleichzeitige Anspannung zu verkörpern. Ihm gegenüber steht ein wenig zimperlich agierendes Team um den charismatischen Dawson, den Sam Worthington mit kantiger Härte überaus glaubhaft verkörpert.
Warum es ausgerechnet für den deutschen Markt eines neuen englischen(!) Titels bedurfte, bleibt wohl das Geheimnis des Verleihs. Doch egal ob „The Negotiator“ (neuer Titel) oder „Relay“ (Originaltitel): Dieser Film ist für Thriller-Fans eine absolute Empfehlung!
Die Blu-ray/DVD bietet den Film in englischer Original- sowie deutscher Synchronsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional vorhanden. Als Bonus gibt es Trailer. „The Negotiator“ erscheint bei Leonine Studios und ist seit 9. Januar 2026 auch digital erhältlich. (Packshot + stills: © Leonine Studios)



