Heimkino-Tipp: „Inbred“ (2011)

Wie sehr sich innerhalb wenige Jahre Sehgewohnheiten ändern können und wie schnell vormals Inakzeptables gesellschaftlich anerkannt und geduldet wird, zeigt sich besonders deutlich in der Filmkunst. So sind beispielsweise Werke wie „The Texas Chainsaw Massacre“ (1974) oder „Robocop“ (1987) nach Jahren der Indizierung inzwischen frei erhältlich und genießen auch außerhalb der Schmuddelecke hohes Ansehen bei Cineasten und Kritikern. Nun sollte der hier vorgestellte „Inbred“ qualitativ nicht unbedingt mit diesen Klassikern gleichgestellt werden, mindestens eine Gemeinsamkeit aber ist trotzdem zu finden: Denn auch „Inbred“ wurde der Makel des quasi-Verbots, welches er seit seiner Erstveröffentlichung mit sich trug, genommen und der Film ist nun – zumindest in Deutschland – erstmals ohne besondere Hürden käuflich erwerbbar. Überraschend vor allem deshalb, da Alex Chandons Fun-Splatter auf diese Entscheidung nicht traurige 20 Jahre warten musste, sondern lediglich wenige Monate.

Bereits im April 2013 besprach ich „Inbred“ auf diesem Blog (siehe HIER) und kam zu dem Schluss, dass die damals veröffentlichte, um mehr als vier Minuten gekürzte Version für Genrefans ein absolutes No-go darstellt. Während das Cover mit Aussagen wie „Wenn andere Horrorfilme zur Seite schwenken, zoomt ‚Inbred‘ noch ein Stück näher heran.“ prahlte, konnte man beim Anschauen der DVD/Blu-ray nur erahnen, was auf dem Bildschirm eigentlich passiert: „Für einen Film, dessen Hauptaugenmerk auf den (hier fehlenden) Splattereffekten liegt, ein Todesurteil.“ Ein Lob somit an dieser Stelle an den Rechteinhaber MAD DIMENSION, der es sich nicht nehmen ließen, „Inbred“ zum wiederholten Male bei der FSK vorzulegen – und siehe da, im dritten (und letztmöglichen) Anlauf erhielt der Schocker endlich seine Freigabe in ungeschnittener Form.

Die Story bleibt freilich unverändert: Eine Gruppe junger Problemkids fährt mit zwei Sozialarbeitern in die britische Pampa, um dort an einem Wochenende gutes Benehmen und Teamgeist zu erlernen. Nachdem zunächst das Navi im Auto ausfällt und später die Mobiltelefone als Erziehungsmaßnahme eingezogen werden, landen die Sechs in einem abgelegenen Dorf und legen sich sogleich mit den Eingeborenen an. Die fackeln nicht lang, sperren die Krawallmacher in ein Verließ und holen sie anschließend nacheinander einzeln wieder ab, um sie auf einer „Showbühne“ niederzumetzeln. Wenn es einigen Opfern dennoch gelingt zu entkommen, ist die neue Freiheit natürlich nur von kurzer Dauer, da die umliegenden Wälder und Äcker erwartungsgemäß mit allerhand Fallen bestückt sind.

Über den Sinn dieser „Handlung“ und die inhaltlichen Defizite habe ich mich bereits in der vorherigen Rezension zu „Inbred“ ausgelassen, daher seien hier nur die „neu zu entdeckenden“ Szenen angesprochen: Die bieten endlich das, was die amüsante Tagline auf dem Filmplakat verspricht: „They came in peace. They left in pieces.“ Blutige Splattereinlagen, oftmals derb, häufig übertrieben, immer brutal. Allerdings derart „over the top“ inszeniert, dass kein Zweifel daran besteht, wie satirisch die ganze Chose gemeint ist. Wenn das Showpublikum beispielsweise vor der Zweckentfremdung eines Schlauchs voller stinkender Jauche gebeten wird, seine 3D-Schutzbrillen aufzusetzen, ist das schon ein ziemlich deutlicher Kommentar (sprich: ein Gleichnis) zum derzeitigen Trend bei Hollywood-Großproduktionen, sein Publikum mit unnötigem Blödsinn wie 3D abzuzocken. Zugegeben, Subtilität sieht anders aus, witzig ist es trotzdem.

Ergo: Mit den wieder eingefügten Gore-Szenen eignet sich „Inbred“ gut für einen anspruchs- und spannungslosen, aber durchaus unterhaltsamen Filmabend unter Genre-Fans.

Die neue DVD/Blu-ray (wahlweise mit den Cover-Ergänzungen „Director’s Cut“ oder „uncut“) bietet den ungekürzten Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie endlich auch (deutsche) Untertitel. Als Bonus sind Trailer beigefügt. „Inbred – Uncut Edition“ erscheint bei Mad Dimension/AL!VE AG und ist seit 31. Oktober erhältlich. (Packshot: © Mad Dimension/AL!VE AG)

Heimkino-Tipp: „Zulu“ (2013)

Dass die Wunden der Apartheid wider besserer Absichten in Südafrika noch immer nicht verheilt sind, wird in diversen künstlerischen Arbeiten immer wieder thematisiert (siehe z.B. HIER). Mit Jérôme Salles „Zulu“, basierend auf einer Romanvorlage von Caryl Férey, gibt es nun einen weiteren Film mit dem Schauplatz Südafrika, der seinen Krimiplot um eine wahre Geschichte konstruiert, die erschütternder nicht sein könnte.

Der schwarze Polizist Ali (Forest Whitaker) und sein Kollege Brian (Orlando Bloom) untersuchen den Tod einer jungen Frau, die der wohlhabenden Schicht des Landes angehörte. Ihre Ermittlungen führen sie ins Drogenmilieu, das offenbar über ein weit verzweigtes Netz an Förderern aus dem ehemaligen Apartheids-Regime verfügt. Die haben erwartungsgemäß nur wenig Interesse daran, auf ihre lukrativen Einnahmen zu verzichten. Das bekommen Ali und Brian alsbald selbst auf schmerzvolle Weise zu spüren. Wohl auch, da die beiden Cops mit ihren Schnüffeleien ein sehr viel größeres Projekt in Gefahr bringen, das seine Ursprünge in der rassistischen Elite der 1980er-Jahre hat.

Gedreht an Originalschauplätzen und unter Mitwirkung von Township-Bewohnern, legt Regisseur Salle mit „Zulu“ einen temporeichen Thriller vor, dessen größte optische Überraschung sicherlich Orlando Bloom ist. Dessen realer Stiefvater engagierte sich gegen die Apartheid-Regierung, dass für Bloom dieser Film somit auch eine sehr persönliche Note besitzt, ist seiner Darstellung in jedem Frame anzusehen: mit beeindruckendem Sixpack und launigem Auftreten gibt er den Frauenhelden, der von Pünktlichkeit und Vatersein nicht viel hält, dafür aber stets einen Flachmann zur Hand hat, der ihn über seine eigene düstere Familiengeschichte hinwegtrösten soll. Klischee olé, ganz klar, von Bloom jedoch sehr glaubhaft und mit fiebriger Präsenz zum Leben erweckt. An seiner Seite präsentiert Whitaker einen sensiblen Detective, der aufgrund seiner Hautfarbe als Kind Schreckliches erfahren musste und trotzdem täglich versucht, die von Mandela propagierte ‚Vergebung für die einstigen Feinde‘ zu leben. Eine Charaktereigenschaft seiner Figur, die im Laufe der Handlung mehrfach auf die Probe gestellt und von Whitaker gewohnt souverän dargestellt wird.

Wie bereits angedeutet, dient die oberflächliche Thriller-Story nur als Aufhänger, um ein sehr viel bedeutenderes Thema aus der jüngeren Geschichte Südafrikas anzuschneiden. Dies gelingt Salle zunächst ganz wunderbar und ohne den befürchteten erhobenen Zeigefinger. Problematisch wird es jedoch immer dann, wenn die mit großem Aufwand inszenierte Action eben jenes Thema zu überdecken droht. Dies setzt sich bei der Gewaltdarstellung fort, die einerseits aufgrund ihrer Intensität und Zeigefreudigkeit verstört, andererseits vielleicht aber eben jene Konsequenz aufzeigen soll, mit der beide Seiten – Polizei und Drogendealer – ihren Zielen nachgehen. Für Zwischentöne bleibt da leider wenig Zeit, zumal die hektische Inszenierung den beiden Protagonisten ebenso kaum eine Verschnaufpause gönnt.

Nichtsdestotrotz zeugt es von Mut, ein derart heikles historisches Thema in einen solch temporeichen Thriller zu verpacken. Das Endergebnis ist unterhaltsam, blutig und für Fans des Genres sicherlich einen Blick wert. Ob es allerdings bei all dem Krach und Schauwerten auch zum Nachdenken anregt, ist fraglich.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englisch/afrikaans-Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Im Bonusmaterial finden sich ein kurzer Making of-Clip sowie ein Interview mit Orlando Bloom und Trailer. „Zulu“ erscheint bei Studio Hamburg Enterprises GmbH und ist seit 31. Oktober erhältlich. (Packshot + stills: © Studio Hamburg)

Heimkino-Tipp: „Spuren“ (2013)

Im Jahr 2014 ist es beinahe Normalität, dass Menschen mit dem Fallschirm aus Stratosphärenhöhe springen und Teenager allein die Welt umsegeln. Da wirkt das Abenteuer, welches Robyn Davidson Ende der 1970er-Jahre in Australien begann, fast schon altbacken: Begleitet nur von vier Kamelen und ihrem Hund Diggity, durchquerte sie per pedes den Kontinent und legte dabei eine Strecke von insgesamt etwa 3200 Kilometer zurück. Ihre Reise durch die Wüste dokumentierte der Fotograf Rick Smolan für den „National Geographic“ und machte Davidson so als „Camel Lady“ weltweit bekannt. Nach mehreren gescheiterten Versuchen anderer Filmemacher in den vergangenen Jahren, den Stoff für die Leinwand zu adaptieren, wagte sich nun John Curran („Stone“) an „Tracks“ und punktet darin dank seiner Hauptdarstellerin und einer wunderbaren Bilderflut.

Robyn (Mia Wasikowska, „Alice im Wunderland“, „Stoker“) ist eine Einzelgängerin. Gelangweilt von der ewig gleichen Routine des Städtelebens, bricht sie ins australische Alice Springs auf, um einen Trip vorzubereiten, den vor ihr noch nie ein Mensch gewagt hat: Sie möchte von dort allein bis zum Indischen Ozean laufen, zu sich selbst finden und dabei auch das Outback und seine Bewohner kennenlernen. Zuvor begibt sie sich jedoch auf eine Kamelfarm, um den Umgang mit den Tieren, die sie als Lastenträger begleiten sollen, zu trainieren. Da die Reise größere finanzielle Mittel voraussetzt, willigt sie ein, ihren Trip fotografisch festhalten zu lassen. Eine Entscheidung, die sie bald nach Beginn ihres Abenteuers bereut, entpuppt sich der Reporter (Adam Driver, „Frances Ha“) doch als Quasselstrippe mit scheinbar wenig Taktgefühl.

Darstellerin Wasikowska porträtiert Robyn Davidson zunächst als zurückhaltende Frau, die jedoch genug Selbstbewusstsein und Menschenkenntnis besitzt, um nicht naiv zu wirken. Zwar werden ihre Beweggründe nur schemenhaft angedeutet, Wasikowska gelingt es aber, Robyns Wunsch nach Stille und ihr Bedürfnis nach dem Alleinsein glaubhaft zu vermitteln. Das macht ihre Figur per se zwar nicht zum Gutmenschen, hilft aber, ihr Verhalten in den kommenden 100 Filmminuten zumindest teilweise nachzuvollziehen.

Was allerdings verwundert: Trotz der unbarmherzigen Natur und der vielen Nächte unter freiem Himmel ohne besonderen Schutz wird Robyn mit überraschend wenigen Problemen konfrontiert. Mehr als alles andere scheinen sie lediglich die vorbeiziehenden Touristen zu ängstigen, stehen sie doch mit ihrer meist direkten und rücksichtslosen Art für all das, was Robyn verabscheut. Ob vom Regisseur bewusst inszeniert oder schon in der Buchvorlage so beschrieben: der ‚Mangel‘ an Erlebnissen – abgesehen von Begegnungen mit Aborigines, paarungswilligen Wildkamelen und dem kleinen, unbedeutenden Fakt der Hitze – wirkt sich leider ebenso auf den Erzählfluss von „Spuren“ aus. So bemerkenswert die lange Reise auch ist, überraschende Wendungen oder spannende Momente finden sich hier kaum. Zwar wird die Hauptfigur zunehmend geselliger gegenüber ihren Mitmenschen. Die Frage, ob sie ihr Ziel sicher und körperlich unversehrt erreichen wird, steht allerdings nie zur Debatte. Andererseits bleibt Robyns physische Belastung zu nebulös, um wirklich Neugier an der Person zu wecken. Immerhin, es sieht wahnsinnig schön aus, was da mit der Kameraarbeit von Mandy Walker optisch eingefangen wurde.

So weit, so streitbar. Meine fehlende Empathie gegenüber der Hauptfigur hat aber noch einen anderen Grund, der sicherlich etwas speziell wirkt, mich jedoch über die gesamte Laufzeit beschäftigte: Im Gegensatz zu Robyn haben ihre tierischen Begleiter nämlich keinerlei Wahlmöglichkeit vor dem Antritt der Reise. Ihren Hund (schwarzes Fell, er wird sich bedanken) scheint Robyn vornehmlich als Kuschelersatz zu missbrauchen, während die Kamele ein Junges bei sich haben, das derartige Strapazen nicht gewöhnt ist. Zumal – und das muss man dem Film zugute halten, da er es anfangs ausführlich thematisiert und zeigt – deren Willen zuvor „gebrochen“ werden muss. Ein in meinen Augen sehr egoistischer Zug an Robyn, der sie etliche Sympathiepunkte bei mir gekostet hat.

Letztendlich ist es auch diese fehlende „Chemie“ zwischen der Hauptfigur und mir als Zuschauer, die „Spuren“ mehr wie eine verfilmte Dia-Reise-Show wirken lassen und weniger als einen interessanten Selbstfindungstrip, über den es zu reflektieren lohnt. Zu geradlinig ist die Erzählung, der es an inhaltlichen Höhepunkten mangelt, während die Protagonistin zwischen sonderbar und egoistisch schwankt und teilweise nur sehr schwer zu fassen ist. Eine rätselhafte Person, die „Spuren“ – zumindest mir – nicht entschlüsseln konnte.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Extras sind kurze Making of-Clips, Interviews, Szenen vom Dreh sowie diverse Trailer und eine interaktive Karte der Reiseroute vorhanden. „Spuren“ erscheint bei Elite Film AG (Ascot Elite) und ist seit 28. Oktober erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Ascot Elite)

Heimkino-Tipp: „Audition“ (1999)

Takashi Miike zählt neben Takeshi „Beat“ Kitano sicherlich zu den bekanntesten japanischen Filmemachern der Gegenwart. Obwohl bereits seit Anfang der 1990er-Jahre im Business aktiv, sollte es noch bis 1999 dauern, bevor er weltweit für Aufmerksamkeit sorgte. Die nach eigener Aussage zufällig an ihn herangetragene Auftragsarbeit „Audition“ wurde so etwas wie seine Visitenkarte und gilt inzwischen als einer der wichtigsten Beiträge im mo(r)dernen Horrorfilmgenre. Das britische EMPIRE-Filmmagazin beispielsweise wählte eine Szene daraus in seiner gerade erschienenen November-Ausgabe unter die 25 „besten cineastischen Schreckmomente“ seit Bestehen der Zeitschrift 1989. Gleichzeitig werden viele andere Regisseure „vom Fach“, unter anderem John Landis, Eli Roth und Rob Zombie, nicht müde, ihre Begeisterung für Miikes Werk kund zu tun.

Ob gerechtfertigt oder übertrieben, zweifellos hebt sich „Audition“ qualitativ von anderen Genrevertretern ab. Auf sehr perfide Weise sogar, denn bei einer Laufzeit von 115 Minuten präsentiert der Film in den ersten 100 eine Art zarte Liebesgeschichte, die zwar einen mysteriösen Unterton nicht ganz verleugnen kann, definitiv aber nicht jenes Ende vermuten lässt, das sich daran anschließt.

Der Witwer Aoyama (Ryo Ishibashi) ist auf der Suche nach einer neuen Ehefrau. Angestachelt von seinem Sohn (Tetsu Sawaki), will er endlich wieder eine Lebensgefährtin finden, die sowohl selbstständig und klug als auch anständig und hübsch ist. Sein guter Freund Yoshikawa (Jun Kunimura), der als Filmproduzent arbeitet, unterbreitet Aoyama daraufhin einen ungewöhnlichen Vorschlag: Warum nicht eines seiner Castings nutzen, um aus den zahlreichen Schauspielerinnen eine geeignete Kandidatin herauszupicken? Mangels Alternativen und besserer Vorschläge willigt Aoyama in das Experiment ein. Und tatsächlich: In der schüchternen Asami (Eihi Shiina) scheint er seine Traumfrau gefunden zu haben. Als auch sie Interesse zeigt, ist das neue Liebesglück perfekt – glaubt er zumindest.

Wer bisher nichts über die Handlung von „Audition“ wusste, soll auch hier keine weiteren verräterischen Infos erhalten. Zwar deutet Regisseur Miike mittels Schnitttechnik, kurzen Szenenschnipseln und farblichen Hinweisen im Hintergrund schon früh an, dass bei dieser Romanze etwas nicht in Ordnung ist. Worum es sich dabei jedoch konkret handelt, sollte jeder Zuschauer selbst entdecken. Bis der Film diesen Punkt erreicht, serviert Miike in beinahe traumwandlerischer Form eine überaus sympathische Vater-Sohn-Geschichte mit zwei (bzw. drei, dank der Figur des Yoshikawa) Protagonisten, die schnell ans Herz wachsen. Die etwas abwegige, aber nie ins Lächerliche abdriftende Gattinnen-Suche via Casting charakterisiert zudem die liebeswerte Verzweiflung des Helden, der keine Möglichkeit sieht, auf andere Weise Frauen kennenzulernen. Ganz nebenbei nutzt Miike dieses Schaulaufen der Eitelkeiten für ein paar wunderbare ironische Seitenhiebe auf seine Branche und die, die davon profitieren wollen.

So verzückt „Audition“ über 90 Minuten mit einer ganz wunderbar erzählten Story, bevor im letzten Kapitel Aoyama und dem Publikum auf sehr innovative Weise das zu erwartende Happy-End verwehrt wird. Oder doch nicht? Miike führt uns Zuschauer gleich mehrmals aufs Glatteis und genießt sein Spiel mit unseren Erwartungen, die angesichts der überraschenden Ereignisse nur wenige Minuten zuvor ohnehin in alle Richtungen rennen.

Ob „Audition“ letztendlich als fieser, ironischer oder kritischer Gesellschaftskommentar gemeint ist, darf jeder selbst entscheiden. Nicht verhandelbar hingegen bleibt sein fester Platz im zeitgenössischen Horrorkino als einer der innovativsten Genrevertreter, der zudem noch sehr lange nachwirkt.

Nach diversen DVD-Auflagen erscheint „Audition“ nun erstmals auf Blu-ray. Neben Trailern ist im Bonusmaterial noch ein ca. 50minütiges Interview zu finden, in dem der Regisseur über seine Karriere spricht. Der Film selbst liegt in deutsch synchronisierter und japanischer Sprachfassung mit deutschen Untertiteln vor. Darüber hinaus ist dieser Edition ein informatives Booklet mit Aufsätzen und Statements verschiedener Autoren/Kollegen von Takashi Miike beigelegt. „Audition“ erscheint bei Rapid Eye Movies/Al!ve AG und seit 24. Oktober erhältlich.

Heimkino-Tipp: „Joe“ (2013)

Interesse an einer Reise zum Ende der Nahrungskette der amerikanischen Gesellschaft? Dann ist „Joe“ von David Gordon Green genau das Richtige: Ein Porträt von Menschen, die mit harter Arbeit aber wenig Perspektiven fernab der hippen Großstädte ihrem Alltag nachgehen und dabei wortwörtlich ums Überleben kämpfen.

Im US-Independent-Kino gibt es immer wieder cineastische Perlen, die ihre Geschichten in diesem Umfeld erzählen und ein Amerika präsentieren, das von Armut und rauen Charakteren geprägt ist. Kelly Reichardts „Wendy and Lucy“ (2008), das vierfach Oscar-nominierte „Winter’s Bone“ (2010) und in Ansätzen auch der düstere Thriller „Prisoners“ aus dem vergangenen Jahr springen ins Gedächtnis – und erhalten mit „Joe“ nun einen ebenbürtigen Nachfolger.

Im Mittelpunkt steht die Begegnung des titelgebenden Ex-Häftlings Joe (Nicolas Cage), der im tiefsten Texas mit einem kleinen Forstbetrieb ehrliches Geld verdient und von seinen Angestellten respektiert und geschätzt wird. Gary (Tye Sheridan) ist 15, mit seiner Familie gerade in diese Gegend gezogen und auf der Suche nach einem Job. Joe engagiert den Jungen und schon bald darauf ist er fester Bestandteil der Truppe. Garys wiederholte Auseinandersetzungen mit seinem arbeitslosen und gewalttätigen Vater (Gary Poulter) bleiben Joe nicht verborgen. Die eigene kriminelle Vergangenheit hindert ihn aber, einzuschreiten – vorerst.

Regisseur Green und seinem Autor Gary Hawkins liegt wenig daran, Sympathieträger aufzubauen. Sie bilden lediglich Figuren ab, deren Verhalten von ihrer mitleidlosen Umwelt geprägt wurde. Wer sich hier behaupten will, muss sich durchsetzen können und sollte keine Angst vor Konfrontationen haben. Dass dies alles so überaus real und glaubhaft wirkt, ist sicherlich der gleichnamigen literarischen Vorlage von Larry Brown geschuldet. Der aus dem Bundesstaat Mississippi stammende Schreiberling arbeitete jahrelang als Feuerwehrmann, bevor er als Schriftsteller eine zweite, viel beachtete Karriere startete. In seinen Werken verarbeitete der im Jahr 2004 verstorbene Brown oft eigene Erfahrungen und Erlebnisse, was sich auch in der Realitätsnähe von „Joe“ widerspiegelt.

Green wiederum besetzte etliche Rollen mit Laiendarstellern, die er vor Ort castete, um diesen ‚Geist‘ der Vorlage einzufangen. Bei Gary Poulter beispielsweise, hier als der saufende Vater zu sehen, handelte es sich um einen Obdachlosen, der nach dem Ende der Dreharbeiten in sein „altes“ Leben zurückging und nur wenige Monate später verstarb. Wer seine Performance in „Joe“ sieht, kann nur erahnen, welches Talent der Welt da verlorengegangen ist.

Ihm gegenüber steht ein nicht minder beeindruckender Nicolas Cage, der in meinen Augen nie schlechte Arbeit abgeliefert hat, in den vergangenen Jahren jedoch sein Können in etlichen unbedeutenden Filmen verschwenden musste. Hier nun darf er endlich wieder eine komplexe Rolle mit Leben erfüllen und tut dies mit Bravour.

Mag „Joe“, so sagt es Green selbst, das Rad auch nicht neu erfinden. Als Charakterstudie der Menschen, Momentaufnahme eines taumelnden Landes und als Bühne für bemerkenswerte Darstellerleistungen aber überzeugt dieses kleine Werk auf ganzer Linie.

P.S.: Da die Sprache einen wichtigen Teil der Charakterisierung ausmacht, sollte „Joe“ in der Originalversion geschaut werden.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es ein kurzes, aber informatives Making of, ein Porträt des Schriftstellers Larry Brown, geschnittene Szenen sowie Trailer. „Joe – Die Rache ist sein“ erscheint bei Koch Media und ist seit 23. Oktober erhältlich. (Packshot: © Koch Media GmbH)

Heimkino-Tipp: „Grace of Monaco“ (2014)

Das diesjährige Filmfestival in Cannes hielt einmal mehr etliche Überraschungen bereit: Neben einer Panzerkolonne(!), mit der Sylvester Stallone und seine Recken für ihren neuesten Actionfilm „The Expendables III“ warben, holte sich Regisseur Olivier Dahan („La vie en rose“, 2007) für seinen Eröffnungsfilm ordentlich Kritikerschelte ab. Sein Drehbuchautor ließ die Premiere an der Côte d’Azur gleich ganz sausen, und der für den US-Verleih zuständige Harvey Weinstein bestand auf eine neue Schnittfassung. So viel negative Publicity verwundert für ein Werk, das dank Thema, Besetzung und Mitwirkenden eigentlich ein Selbstläufer hätte werden müssen. Schlimmer noch: Die Fachpresse reihte sich nach dem weltweiten Kinorelease größtenteils in die Schimpftiraden ein, vom Publikum wurde der Film weitestgehend ignoriert. Aber ist „Grace of Monaco“ tatsächlich jener Totalausfall, wie viele behaupten?

Fakt ist: Der historischen Figur Grace Kelly, einst Hollywood-Superstar und Oscar-Preisträgerin, später dank ihrer Heirat mit Fürst Rainier III. First Lady von Monaco, wird das Drama leider nicht gerecht. Zu eng ist der gewählte Zeitraum, in der die Handlung gepresst wurde, die zudem – das macht der Film mit einem Vorwort deutlich – nicht als Biografie verstanden werden soll. Vielmehr handele es sich um eine fiktive Geschichte, beruhend auf wahren Begebenheiten.

Kelly (Nicole Kidman) hat ihre Filmkarriere 1962 bereits hinter sich gelassen und lebt mit ihrer Familie in Monaco. Der überraschende Besuch von Regisseur Alfred Hitchcock (Roger Ashton-Griffiths), mit dem sie einst einige ihrer größten Erfolge in Hollywood feierte, lässt ihre Leidenschaft für die Schauspielerei erneut entflammen. Zwar überlässt ihr Gatte Rainier (Tim Roth) ihr zunächst die Entscheidung, ob sie noch einmal in einem Film mitwirken will. Für Grace bleibt es trotzdem eine heikle Angelegenheit. Denn das Volk könnte dies als Desinteresse an ihrer Aufgabe als Staatsoberhaupt interpretieren, Frankreichs Präsident De Gaulle (André Penvern) wartet indes nur darauf, das monegassische Fürstenhaus mit schlechter Presse weiter zu schwächen – und womöglich sogar seinem Staat einzuverleiben. Zerrissen zwischen persönlichen Wünschen, der strengen Etikette des Palastes, politischen Intrigen und Zweifeln an ihrer Ehe muss Grace sich entscheiden, welchen Weg sie gehen will.

Die (Lebens-)Geschichte von Grace Kelly, jener Frau, die auf dem Zenit ihrer Karriere alles hinter sich ließ, um zur Prinzessin zu werden, ist zweifellos faszinierend und bietet eine Fülle an Möglichkeiten einer filmischen Umsetzung. Regisseur Dohan und sein Autor Arash Amel entschieden sich für einen Weg, der sowohl mutig als auch heikel ist: Statt sich am wechselvollen Leben der Kelly mit persönlichen und beruflichen Höhe- und Tiefpunkten abzuarbeiten, nutzen sie lediglich einzelne biografische Eckdaten für die Konstruktion eines Krimiplots, der zwar durchaus spannend daherkommt, dabei jedoch immer wieder von Soap-haften Momenten unterbrochen wird. Sollte dies der Versuch sein, das Gehabe der stets auf ihre Außenwirkung bedachten „oberen Zehntausend“ ein wenig zu konterkarieren, so ist er nur halbgar und nicht mit letzter Konsequenz zuende geführt.

So schwingt der Film, auch unterstützt durch seine Postkarten-Bilderwelten, ständig zwischen märchenhafter Mädchenfantasie (Ein Prinz! Ein Traumschloss! Schöne Garderobe! Pferde!) und Historienkrimi hin und her, bei dem nie ganz klar ist, was auf realen Fakten beruht und was hinzugedichtet wurde. Ist das für einen Filmemacher erlaubt? Natürlich! Nur ergibt sich daraus formal leider kein einheitliches Ganzes. Einem ähnlichen Problem stand übrigens auch Oskar Roehler gegenüber, der in „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ (2010) ein beinahe identisches Konzept verfolgte.

Auf der anderen Seite hat „Grace of Monaco“ aber ebenso etliche Pluspunkte vorzuweisen: Die Darsteller, allen voran Frau Kidman, spielen ihre Rollen glaubhaft, wirken bei machen jener platten Dialogszenen allerdings arg unterfordert. Mit Freude habe ich zudem die Anspielungen auf andere Filme jener Ära vernommen, sei es mit ganz konkreter Nennung („Marnie“, „James Bond“) oder in der Art der Inszenierung (Autofahrt an Küste), die die Dualität des Films zwischen Fantasiewelt und Realität noch einmal unterstreichen.

Dahans „Grace of Monaco“ ist nicht so schlimm, wie es der mediale Ruf vermuten lässt. Das Können der Filmemacher ist offensichtlich, nur scheint es an Ideen gefehlt zu haben, die vielen Talente richtig zu kanalisieren bzw. einen einheitlichen Ton zu treffen. Vielleicht wäre Drehbuchautor Amel besser gefahren, wenn er ein anderes Kapitel aus Kellys Leben gewählt hätte, das keinen zusätzlichen Krimiplot für den Spannungsaufbau benötigt. So endet das Biopic, das keines ist, mit einer zweifelhaften Wandlung einer Frau, der die gesamte Welt offen stand – die sich aber mit einer 2,02 km² kleinen zufriedengab. Warum sie das tat und wie sie sich mit dieser Entscheidung in ihrem restlichen Leben arrangierte, bleibt ungesagt.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung, deutsche und englische Untertitel für Hörgeschädigte. Als Extras sind lediglich Trailer beigefügt. „Grace of Monaco“ erscheint bei Square One/Universum Film und ist seit 2.Oktober erhältlich (Packshot: © Universum Film).

Heimkino-Tipp: „Lone Survivor“ (2013)

Mit Filmen über amerikanische Kampfeinsätze ist das so eine Sache: Meist auf die Unterstützung des Militärs zur Umsetzung angewiesen, werden Drehbücher oftmals vor Produktionsbeginn von „Beratern“ überprüft, die sich um eine „korrekte“ Darstellung des Soldatenlebens und deren Handlungen bemühen. Erst danach wird entschieden, ob die Macher auf die helfenden Hände des US-Militärs zählen können. Welche ärgerlichen Auswüchse Vereinbarungen dieser Art zwischen Hollywoodstudios und ‚Propagandaabteilung’ haben können, zeigt sich unter anderem im technisch brillanten Ridley Scott-Werk „Black Hawk Down“ aus dem Jahr 2001: Obwohl um Objektivität bemüht, huldigt der zweifach Oscar-gekrönte Streifen unverhohlen die wenigen US-Streitkräfte eines misslungenen Somalia-Einsatzes, während die anwesende (schwarze) Bevölkerung lediglich als schreiende, blutdurstige Masse dargestellt wird und nicht einmal im Abspann ein relativierendes Statement erhält.

Insofern war die Skepsis gegenüber „Lone Survivor“ von Peter Berg („Hancock“) groß, dokumentiert sein mit Mark Wahlberg, Emile Hirsch, Taylor Kitsch, Ben Foster und Eric Bana prominent besetztes Actiondrama doch ein ähnliches Ereignis der jüngeren US-Militärgeschichte. Dass Berg jedoch gleichsam keine Angst vor deutlicher Kritik an der Außenpolitik Amerikas kennt, bewies er eindrucksvoll mit dem Schlusssatz(!) im packenden „Operation: Kingdom“.

Tatsächlich lässt Berg es in „Lone Survivor“ zunächst sehr ruhig angehen. In fast schon durchgestylter Michael-Bay-Optik widmet er sich seinen Hauptakteuren und zeigt sie bei der konzentrierten Vorbereitung eines Einsatzes in Afghanistan. Ein einflussreicher Taliban-Funktionär soll ausgeschaltet werden. Zunächst verläuft die Mission wie geplant, und die vier Soldaten Luttrell, Dietz, Murphy und Axelson beziehen ihre Posten in einer Bergregion mit Blick auf ein Dorf, in dem der Anführer zugegen ist. Das zufällige Auftauchen dreier Schafhirten und ihrer Tiere zwingt die Navy Seals jedoch dazu, ihre Deckung aufzugeben. Ihr Versuch, sich unbemerkt zurückzuziehen, endet in einem blutigen Kampf gegen eine ganze Taliban-Armee.

Ohne Frage: Was „Lone Survivor“ an Feuerkraft, Soundeffekten (doppelt Oscar-nominiert) und Kameraarbeit auffährt, ist herausragend. Weit entfernt von den absurden Ballerorgien in 80er-Jahre-Filmen wie „Rambo II – Der Auftrag“ oder „Phantom Kommando“ steht hier die realistische Darstellung eines Feuergefechts im Vordergrund, bei dem sich beide Seiten nichts schenken. Zwar verweilt der Fokus (und das Kamerateam) stets an der Seite der vier Amis, die Willenskraft ihrer Gegner bleibt allerdings ständig spürbar. Statt unkontrolliertes „Rumrennen und Reinhalten“ orientiert sich der Kampf an Taktik und überlegtem Handeln, zumindest so lange, wie dies den hoffnungslos unterlegenen Seals möglich ist.

Ist dies unterhaltsam? Zumindest für all jene, die auch bei der Eröffnungssequenz von „Der Soldat James Ryan“ abfeiern und sich nur an der „Action“ ergötzen. Regisseur Berg jedoch gelingt es, ähnlich wie Spielberg, zu einem sehr viel essenzielleren Kern vorzustoßen: dem reinen Überlebenskampf, in dem sich nicht mehr zwei unterschiedliche Weltanschauungen gegenüberstehen, sondern lediglich zwei Männer, die unter Zuhilfenahme einfachster Mittel alles versuchen, um nicht durch die Hand des Anderen zu sterben. Bezeichnend ist hierfür eine Szene im letzten Drittel des Films, die sehr an den markerschütternden Messerkampf in Spielbergs „Ryan“ erinnert.

Dass „Lone Survivor“ im Nachhinein kein so übles „Geschmäckle“ hinterlässt wie der oben erwähnte „Black Hawk Down“, mag der (wahren) Geschichte selbst geschuldet sein: Nur die Hilfe der einheimischen Bevölkerung ermöglichte es, derart lange gegen die Talibankämpfer anzukommen. Ein Fakt, dem Berg relativ viel Zeit widmet und auch im Abspann sowie im Bonusmaterial der DVD/Blu-ray noch einmal in einem separaten Feature anspricht.

Bitte nicht falsch verstehen: Eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den Themen Krieg, menschlicher Leidensfähigkeit, religiösem wie ideologischem Fanatismus (z.B. der befremdliche Ehrenkodex der Seals) oder der Überheblichkeit amerikanischer Soldaten bei der Begegnung mit afghanischen Verbündeten gibt es in „Lone Survivor“ nicht.

Stellt sich somit nur noch die Frage, was die Beteiligten – allen voran Regisseur Berg – dazu bewogen hat, diesen Film auf die Leinwand zu bringen: Um zu beweisen, dass man es (sehr gut) kann? Mission accomplished! Oder um dem amerikanischen Ego etwas Gutes zu tun? Mission leider ebenso accomplished! Ich hoffe auf Ersteres, befürchte jedoch Letzteres.

Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche und englische Untertitel. Als Extras befinden sich diverse Making of-Dokus, Interviews und Trailer auf den Discs. „Lone Survivor“ erscheint bei Circle Three/Universum Film und ist seit 17. Oktober erhältlich. (Packshot: © Circle Three/Universum Film)