... im Nachgang: „Black Swan“ (Kinostart: 20.01.2011)

Kurz vor der großen Sause in L.A., der Oscar-Verleihung, hab ich mich mit einem Kollegen (er 'pro', ich 'contra') der Kinokalender-Redaktion über einen der nominierten Filme ausgetauscht - und zwar HIER.

... im Nachgang: „Drei“ (Kinostart: 23.12.2010)

Im Dezember beglückte(?) Regisseur Tom Tykwer die Filmwelt mit seinem neuen Werk „Drei“. Ein kleines Streitgespräch darüber ist nun online und HIER zu finden.

Friseusen, Köche und ein Mann aus Dynamit

Mit ein wenig Verspätung (weil bereits seit einiger Zeit im Handel) gibt es an dieser Stelle drei Empfehlungen für den nächsten DVD-Einkauf:

Neues auf DVD von Patrice Leconte, Fatih Akin und Scott Sanders

Scott wer? Neben etablierten Regisseuren wie dem Franzosen Leconte und dem aus Hamburg stammenden Cannes-Preisträger Akin ist Scott Sanders bisher kaum in Erscheinung getreten. Auch sein aktuelles Werk wird daran leider wenig ändern – was jedoch nicht der Qualität, sondern lediglich dem gewählten Genre geschuldet ist. Somit sei ebenso in der folgenden Besprechung zunächst seinen berühmten Kollegen der Vortritt gelassen.

„Der Mann der Friseuse“ (Vertrieb: Pierrot Le Fou/AL!VE AG)

Es war der internationale Durchbruch für den damals 43jährigen Patrice Leconte und zählt noch heute zu den sinnlichsten Liebeserklärungen an die Friseusen-Zunft: „Der Mann der Friseuse“ erzählt vom Traum des kleinen Antoine, einmal der Gatte einer Coiffeuse zu werden. Im Laden der schweigsamen Mathilde findet er schließlich als erwachsener Mann sein Liebesglück, nur um es wenig später wieder zu verlieren. Doch bis es dazu kommt, erlebt er Leidenschaft, Begehren und unzählige Tage der Erfüllung.
Leconte inszenierte sein Drama zurückhaltend, poetisch und mit einem Jean Rochefort in der Hauptrolle, dessen verquere Eigenheiten, wie das „Tanzen“ zu orientalischer Musik, immer wieder für ironische Zwischentöne in einem ansonsten tiefmelancholischen Drama sorgen. Die DVD enthält neben einem ausführlichen Interview des Regisseurs noch dessen Kurzfilm „Die glückliche Familie“ aus dem Jahr 1973. Ein schönes Gesamtpaket.

„Soul Kitchen“ (Vertrieb: Pandora Film)


Im Mittelpunkt dieser Hamburger Geschichte(-nsammlung) steht Kneipenbesitzer Zinos (Adam Bousdoukos, gleichzeitig Co-Autor und Ideengeber). Der hat „Bandscheibe“, eine Freundin, die ihn für einen Job in Shanghai zurücklässt, und seit neuestem auch noch Ärger mit dem Finanzamt. Bruder Illias indessen hat Freigang und leider immer noch eine leicht kriminelle Ader, während sein neuer Chefkoch Shayn seine seltsamen Ansichten zur Esskultur gern messerwetzend unterstreicht. Kurz: viel zu viele machen viel zu viel Stress. Bis die ausgefallenen Kreationen seines exzentrischen Küchenmeisters zunehmend Beachtung finden: Plötzlich ist sein Haus „Soul Kitchen“ der Szeneladen, sind die Gaumen vom Essen verwöhnt, die Ohren von funky music gestreichelt und die Herzen dank neuer Liebschaften erfreut. Bis zum Happy End jedoch muss Zinos noch einiges über sich ergehen lassen – schmerzhafte Rückenbehandlungen inklusive.
Nach den ersten beiden Teilen seiner „Liebe, Tod und Teufel“-Trilogie („Gegen die Wand“, „Auf der anderen Seite“), hat sich Fatih Akin mit „Soul Kitchen“ eine kurze Auszeit von den schweren Themen geschenkt. Im Gegensatz zu früheren Werken geht er hier unverkrampfter, leichtfüßiger und weniger `verkopft´ zu Werke und spickt seine Komödie mit einem tollen Soundtrack voller Soulklassiker. Alles wirkt ehrlich, charmant, lebensnah, etwas schmuddelig, doch immer unterhaltsam. Ein Schmankerl, das dank umfangreichem Bonusmaterial noch mehr Spaß macht.

„Black Dynamite“ (Universum Film)

Nun also zu Scott Sanders und seinem zwischen Hommage, Persiflage und blankem Unsinn pendelndem „Black Dynamite“. Ein Nischenfilm, zweifellos, doch für Kenner und Fans des sogenannten Blaxploitation-Genres – jene Billigfilme aus den 1970er-Jahren, in denen schwarze Helden wie „Shaft“ böse Buben jagten und nebenbei jede Frau im Vorbeigehen beglückten – die lang ersehnte Huldigung ihrer Lieblinge.
So spielt der Inhalt hier auch kaum eine Rolle. Vielmehr ist es die zitatenreiche Umsetzung, der coole Titelheld und die konsequente Missachtung filmischer Grundregeln, die für Unterhaltung sorgen. Allerdings nur, wenn der Zuschauer die englische Tonspur wählt und sich am Slang der Darsteller genauso begeistern kann wie der witzigen musikalischen Untermalung und dem gewollt übertriebenen Posen des Protagonisten.
Als Verbeugung vor den filmhistorischen Originalen ist „Black Dynamite“ über jeden Zweifel erhaben. Besser hätte es selbst einem Tarantino nicht gelingen können. Das gilt auch für das Bonusmaterial (Gestrichene Szenen, Interviews, persiflierte Werbespots).

DVD-Tipp: „Ein andalusischer Hund“ / „Das goldene Zeitalter“


Am Anfang stand die Vereinbarung, „keine Idee, kein Bild zuzulassen, zu dem es eine rationale, psychologische oder kulturelle Erklärung gäbe; die Tore des Irrationalen weit zu öffnen; nur Bilder zuzulassen, die sich aufdrängten, ohne in Erfahrung bringen zu wollen, warum.“ Das Ergebnis dieser Übereinstimmung zwischen den beiden spanischen Künstlern Luis Buñuel (1900-1983) und Salvador Dalí (1904-1989) wird heute oftmals als das Meisterwerk des surrealistischen Films bezeichnet: „Ein andalusischer Hund“.

Der 1929 in Frankreich entstandene Kurzfilm (ca. 17 Minuten) ist nun zusammen mit dem zweiten gemeinsamen Film von Buñuel und Dalí, „Das goldene Zeitalter“ (1930, ca. 63 Minuten), erstmals auf DVD in Deutschland erhältlich. Zwei Kunstwerke, die sich einem nachvollziehbaren Handlungskonstrukt verwehren, surreale Bilderwelten aneinanderreihen, provozieren und verstören. Zwei Kunstwerke, die nicht nur die Bewegung des Surrealismus vom reinen Gedankenspiel und der Literatur auf die darstellende (Film-)Kunst übertrugen, sondern ebenso die (moralischen) Grenzen des Darstellbaren bewusst überschritten. So sind die Szenen vom mit einer Rasierklinge durchschnittenen Auge einer Frau, der Hand, aus der unzählige Ameisen quillen oder des Mordes eines Vaters an seinem jungen Sohn noch heute schockierend, gleichzeitig aber optisch bemerkenswert umgesetzt – und sicherlich auch vielen Menschen bekannt, die diese Filme nie selbst gesehen haben.

Um den eigentlichen Sinn dieser Bilderwelten zu begreifen, sind Vorkenntnisse über die surrealistische Bewegung unabdingbar. Zuschauer, die vornehmlich aufgrund der filmhistorischen Bedeutung an diesen Werken interessiert sind (was auch auf mich zutrifft), müssen allerdings trotzdem nicht an ihrem Halbwissen leiden: Neben einer 90minütigen (!) Dokumentation über Buñuel liegt der DVD noch ein mehrseitiges Booklet bei, das Auszüge aus Buñuels Autobiographie „Mein letzter Seufzer“ (erschienen 1983) enthält. Darin erinnert sich der Regisseur an den Entstehungsprozess und die Premieren beider Filme und gibt damit auch ein paar Anhaltspunkte zur Bedeutung und zur Eigeninterpretation seiner Arbeit. So ist zu lesen, dass er damals wie 50 Jahre später nicht gezögert hätte, das Negativ (=Original) von „Ein andalusischer Hund“ zu verbrennen – einfach nur, weil es ihm „vollkommen egal“ sei.

Über dieses Fazit kann man den Kopf schütteln oder – als Verfechter des Surrealismus – zustimmend applaudieren. Also genau das tun, was Buñuel und Dalí beabsichtigten: darüber streiten, es verdammen oder loben. Letzteres verdient diese liebevolle DVD-Umsetzung allemal.

Die DVD „Ein andalusischer Hund“ / „Das goldene Zeitalter“ (FSK 16) erschien am 19. November 2010 bei Pierrot le Fou/AL!VE AG.

„Home for Christmas“ (Kinostart: 2. Dezember 2010)

So alljährlich wie das Fest selbst gibt es zum Ende eines jeden Kinojahres auch stets die passenden Filme zum Thema. Romantisch, friedlich und vor allen besinnlich geht es da oftmals auf der Leinwand zu, proportionales Anwachsen des Schluchz-Faktors vor der Leinwand inklusive. Auf den ersten Blick scheint auch Bent Hamers Episodendrama „Home for Christmas“ genau diese Erwartungen zu erfüllen. Nach „Kitchen Stories“, „Factotum“ und zuletzt „O’Horten“ nun also gediegenes Advents-Wohlfühlkino aus Norwegen?

Nicht mit Hamer, einem Profi in Sachen Mehrdeutigkeit: Da ist der Vater, dessen Beinahe-Exfrau ihm den Besuch seiner Kinder verwehrt, ein Arzt, der einem Flüchtlingspärchen bei der Niederkunft hilft, eine Geliebte auf dem Abstellgleis, zwei Kinder beim Sternengucken und ein einsamer Mann auf dem Weg zu seinen Eltern.
Verknüpft sind diese einzelnen Kapitel nur sehr lose, typisch Hamer jedoch voll leiser Komik, berührender Tragik und einer Zuckerprise Melancholie. Angenehme, feine – gar belanglose? – Geschichtchen, wie sie besser in die Winterzeit nicht passen könnten. Richtet der Zuschauer sein Augenmerk dann aber auf die Namen einzelner Figuren, deren Wege und Handlungen, so ergibt sich ein buntes Mosaik mit vielen kleinen Anspielungen auf die klassische Weihnachtsgeschichte und die Gebote des Christentums. Allerdings niemals offensichtlich, aufdringlich oder belehrend. Vielmehr entsteht der Eindruck, als habe sich der Autor der Vorlage, Levi Henriksen, lediglich davon inspirieren lassen, um auf die Schicksale und kleinen Wunder des Hier und Heute hinzuweisen.

Das ist intelligenter, unterhaltsamer und lohnender als vieles andere, was das Genre „Weihnachtsfilm“ in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat. Aber so sind sie halt, die Skandinavier: grüblerisch, zurückhaltend – und talentierte Filmemacher.

Aus dem „Meißner Tageblatt“ vom 2. Dezember 2010.

Inside ‚The American‘. Eine Buchrezension.


„Ein Filmprojekt in Angriff zu nehmen, ist eine heikle Angelegenheit. […] Man weiß nicht genau, auf was man sich eingelassen hat“, heißt es im Vorwort zum Foto-Tagebuch „Inside ‚The American‘“ von Anton Corbijn. Erstaunlich, aber wahr: Selbst der Starfotograf, Videokünstler und Filmregisseur Corbijn hat im Alter von 55 Jahren offenbar noch Selbstzweifel an seinen Fähigkeiten. Zurückhaltung könnte man es auch nennen.

Dabei kann der Niederländer auf eine abwechslungsreiche und stilbildende Karriere zurückblicken, die das Image von Einzelkünstlern und Bands, beispielsweise Herbert Grönemeyer, U2 oder Depeche Mode, bedeutsam geformt und etabliert hat. Corbijn startete seine Karriere als Musikfotograf, um wenig später mit seinen -videos („Enjoy the Silence“, Depeche Mode 1990), Coverentwürfen („The Joshua Tree“, U2 1987; „Keep the Faith“, Bon Jovi 1992) und Bühnenkonzepten („Devotional“-Tour, Depeche Mode 1993/94) Aufmerksamkeit zu erregen. Im Jahr 2007 folgte mit dem mehrfach ausgezeichneten und weltweit erfolgreichen „Control“, angelehnt an das Leben des Joy-Division-Sängers Ian Curtis, sein Debüt als Filmregisseur. Schon damals veröffentlichte er parallel zum Kinostart einen Bildband, der die Dreharbeiten dokumentierte. Mit „Inside ‚The American‘“ setzt er diese Tradition nun fort.

In der Hauptrolle mit George Clooney als schweigsamer Killer formidabel besetzt, erzählt „The American“ von dessen einsamer Odyssee in den italienischen Abruzzen. Ganz klassisch dem Aufbau eines Westerns folgend, von denen sich Corbijn nach eigener Aussage auch hat inspirieren lassen, wird sich der Mann hier seiner ausweglosen Situation bewusst und plant, sein Leben zu ändern. Seinem Auftraggeber schmeckt dies freilich wenig.
Unabhängig vom zugegebenermaßen dünnen Gerüst der Filmhandlung, begeistert „The American“ vor allem dank seiner Optik. Denn gleich ob Film oder Foto: Corbijn besitzt das Talent, den ‚besonderen Augenblick‘ einzufangen.

In Buchform offenbart sich die Qualität des Corbijn’schen Könnens noch einmal in all seiner sonderbaren Schönheit: sei es ein Blick an der Seite Clooneys aus dem Fenster, ein Szenenbild vom blutverschmierten Kopfsteinpflaster oder die Reaktion der Crew auf die Späße des Kasperkopps George. Der Moment an sich wird lebendig und Corbijn gelingt es, selbst die dunkelsten Regenwolken bedrohlich, und gleichzeitig wunderschön aussehen zu lassen. Auffällig ist, dass sogar bei spontanen Schnappschüssen (und demnach fehlender technischer Vorbereitungen) die Handschrift des Fotografen zu erkennen ist. Ein Gut, welches die Fähigkeiten Corbijns unterstreicht.

Doch „Inside ‚The American‘“ ist mehr als nur ein Fotoband. Die einzelnen Bilder des 164 Seiten starken Buches sind vom Regisseur handschriftlich kommentiert und verraten dabei auch die Intension hinter einzelnen Szenen und Blickwinkeln. Nicht weniger anschaulich sind die zahlreichen Skizzen und Storyboard-Zeichnungen, auf denen Sets, Kamerabewegungen und Schauspieleranweisungen vermerkt sind. Letzteres mag vielleicht nur die ganz hartgesottenen Filmfans interessieren. Doch verdeutlicht es andererseits die vielen Entscheidungsprozesse, die ein Regisseur während des Filmens treffen muss – und ist somit ehrlicher als jedes nichtssagende „Making of“, das heute auf DVD als Zugabe gepresst wird.

„Inside ‚The American‘“ empfiehlt sich dank seiner Fülle an Bildern, persönlichen Texten und Qualität sowohl als Lese- als auch als Fanbuch. Und für all jene, denen es zeitnah nicht vergönnt ist, einen Abstecher in die Abruzzen zu unternehmen, ist es ebenso als wunderbare Motivsammlung geeignet. Noch dazu mit einem sehr hübschen, meist Oberkörper-freien Reiseführer als Dreingabe.

Anton Corbijn
INSIDE THE AMERICAN
Photographien und handschriftliche Texte von Anton Corbijn
164 Seiten, 116 Tafeln in Farbe, Englische Originalausgabe mit deutscher Übersetzung, 30,5 x 21 cm, gebunden.
ISBN 978-3-8296-0476-5
€ 49.80, € (A) 51.20, sFr. 82.-

Foto: © 2010 Universal Studios Licensing LLLP. The movie The American © Focus Features LLC. All rights reserved. © 2010 Introduction Anton Corbijn / Courtesy Schirmer/Mosel.

... im Nachgang

So, und weil es sich über diesen Film so schön streiten lässt, hier noch einmal etwas zu „Jud Süß – Film ohne Gewissen“:

http://www.kinokalender.com/kolumne.html