A New-England Folktale
Schon mal wissen wollen, was die „Blair Witch“, die derzeit wieder durch das Kino geistert, in ihrer Jugend so getrieben hat? Auch wenn es inhaltlich natürlich keinerlei Zusammenhänge gibt, könnte Robert Eggers’ Regiedebüt so etwas wie die Vorgeschichte sein. Ohne Wackelkamera, dafür mit einer klassischen Umsetzung, die allein durch Licht, Setting und zeitlicher Einordnung für ausreichend Gruselatmosphäre sorgt.
Basierend auf Aufzeichnungen aus dem 17. Jahrhundert, erzählt Eggers vom entbehrungsreichen Leben einer Farmers-Familie, die um 1630 mit merkwürdigen Geschehnissen konfrontiert wird. Nachdem Vater William (Ralph Ineson), seine Frau Katherine (Kate Dickie) und ihre fünf gemeinsamen Kinder aus ihrer Gemeinde ausgeschlossen wurden, wagen sie in einem Haus am Rande eines Waldes einen Neuanfang. Doch der Alltag ist hart: der angebaute Mais ist verdorben, aufgestellte Tierfallen bleiben wirkungslos und der nahende Winter setzt den armen Bauern zusätzlich zu. Einzig im Gebet findet die Familie halt und Zuversicht.
Eines Tages verschwindet jedoch der jüngste Spross, das Baby Samuel spurlos. Die älteste Tochter, Thomasin (Anya Taylor-Joy), die auf ihn aufpassen sollte, kann sich das nicht erklären und soll kurz darauf auch aufgrund der prekären Lage auf dem Hof als Arbeitskraft fortgeschickt werden. Stattdessen begibt sie sich heimlich mit ihrem jüngeren Bruder Caleb (Harvey Scrimshaw) auf die Jagd im angrenzenden Wald – und kehrt später ohne ihn zurück. Vor allem die Mutter ist sich zunehmend sicher, dass Thomasin eine Hexe oder zumindest verflucht und für all das Unglück verantwortlich ist. Der anfangs zweifelnde Vater, ratlos ob der vielen Rückschläge und von Thomasins Geschwistern weiter angestachelt, muss sich schließlich entscheiden, auf wessen Seite er steht – und welchen Weg er beschreiten will, um das Überleben seiner Familie zu sichern.
Gedreht mit vornehmlich natürlichen Lichtquellen und nur wenigen Farbtupfern am Set oder an der Kleidung der Darsteller, gelingt es „The VVitch“ mühelos, das Publikum in diese trostlose Welt fernab der Zivilisation und des Komforts hineinzuziehen. Der Reif am Morgen, die harte Feldarbeit, der undurchsichtige Wald sind förmlich greifbar, das Alltagsporträt der Familie beinahe dokumentarisch. Da braucht es gar keine Special Effects oder besondere Soundeffekte, um ein mulmiges Gefühl bei den Zuschauern hervorzurufen.
Dass Autor/Regisseur Eggers seinem Publikum trotzdem schon früh mehr verrät als den Protagonisten, erweist sich als cleverer Schachzug, um den Fokus seiner Erzählung auf eine nicht minder furchteinflößende Thematik zu lenken: der völligen Hingabe zu einer Religion. Jedes negative Ereignis wird von den gottesfürchtigen Eltern als eine Prüfung ihres Herren interpretiert, jede nicht erklärbare Situation zum Werk des Teufels verklärt. Selten wurde der schmale Grat zwischen tiefer Religiosität und purem Wahn derart drastisch und deutlich in Szene gesetzt wie hier.
Neben der mehrdeutigen inhaltlichen Komponente hat „The VVitch“ noch einen weiteren Trumpf: Anya Taylor-Joy alias Thomasin und ihr Schauspielkollege Harvey Scrimshaw (Caleb) liefern hier Leistungen ab, die sprachlos machen. Keine Ahnung wie es gelang, aus diesen Jungdarstellern solche Performances rauszukitzeln. Sollten beide weiterhin vor der Kamera tätig sein, dürfen wir uns auf zwei grandiose neue Talente freuen!
„The VVitch“ ist ein Mystery-Horror-Historienfilm, der lange nachwirkt und einen schönen Gegenentwurf zu modernen Genrevertretern präsentiert, die außer sogenannten Jump-Scares und kreischender musikalischer Untermalung selten etwas zu bieten haben.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche, englische und diverse weitere Untertitel. Bonusmaterial ist keines vorhanden. „The VVitch“ erscheint bei Universal Pictures Germany GmbH und ist seit 29. September 2016 erhältlich. (Packshot + stills: © Universal Pictures)
Liebe Filmfreunde!
Ein halbes Dutzend Kinoneustarts wöchentlich und unzählige Heimkino-Veröffentlichungen machen es heutzutage nicht leicht, „cineastische Perlen“ zu entdecken. Ob Rezensionen da helfen? Ich weiß es nicht, trotzdem will ich hier meinen Senf zum Thema Film & Kino dazugeben, möchte es wagen Neues zu loben, Klassiker zu verdammen, Aktuelles zu verteufeln, Altes zu empfehlen.
Und wer weiß: Vielleicht entdecken Sie so Ihren neuen Lieblingsfilm?
Heimkino-Tipp: „Green Room“ (2015)
Fury in the Slaughterhouse
Roh, konsequent, voll auf die Zwölf: Wenn Hardcore-Punker auf eine Horde gewaltbereite Nazis treffen, wäre ein anderes Ergebnis wohl realitätsfern. Der amerikanische Regisseur Jeremy Saulnier, der 2013 mit „Blue Ruin“ bereits einen äußerst erinnerungswürdigen Film geschaffen hat, legt nun mit seinem dritten Werk „Green Room“ einen Thriller vor, der psychologisch und psychisch mitten ins Mark trifft – besetzt mit zwei Schauspielern, die vor allem für ihre friedensstiftenden Auftritte im „Star Trek“-Universum bekannt sind: Patrick Stewart (alias Jean-Luc Picard) und Anton Yelchin (alias Pavel Chekov). Traurige Fußnote: „Green Room“ ist der letzte Film, der zu Lebzeiten Yelchins fertig gestellt wurde. Er verstarb am 19. Juni 2016 nach einem Autounfall mit nur 27 Jahren.
Yelchin spielt den Musiker Pat, der mit seiner erfolglosen Punkgruppe durchs Land zieht und über drei Ecken einen spontanen Gig in einer abgelegenen Gegend des amerikanischen Hinterlands angeboten bekommt. Zwar ist ihnen vorher schon bewusst, dass dort auch ein paar Rechte im Publikum auf sie warten würden, doch die kann man ja mit einer vollen Breitseite linker Punkmusik zusammenschreien. Der Auftritt verläuft den Umständen entsprechend provokativ, doch es bleibt bei Pöbeleien und ein paar fliegenden Biergläsern, die auf der Bühne landen. Bis Pat beim Verlassen des Etablissements noch einmal kurz in die Garderobe zurückhuscht, um ein vergessenes Handy zu holen: Dort scheint sich soeben ein Verbrechen abgespielt zu haben, da eine junge Frau mit einem Messer im Kopf bewegungslos auf dem Boden liegt. Wenige Sekunden später sind Pat, seine Bandmates sowie die ihnen unbekannte Amber (Imogen Poots) in dem Raum eingeschlossen und werden unter Androhung von Gewalt „gebeten“, vor Ort zu bleiben. Derweil wird dem Club-Inhaber und Ober-Nazi Darcy (Stewart) klar, dass er die Bande lebend nicht gehen lassen kann.
Was zunächst als Psycho-Spielchen hinter verschlossenen Türen beginnt, entwickelt sich für die festgesetzten Punks schon bald zu einem blutigen Überlebenskampf, bei der beißwütige Köter, Schusswaffen und diverse Stichwerkzeuge mehr oder minder ihrer Bestimmung zugeführt werden. Großes Highlight dabei ist zweifellos Glatzkopf Stewart, dessen Figur Darcy lediglich mit Stimme und Präsenz die größte Bedrohung entfaltet. Selten hat man den inzwischen 76-jährigen Schauspieler derart angsteinflößend vor der Kamera gesehen.
Regisseur und Autor Saulnier gelingt es, die Spannung konstant am oberen Anschlag zu halten. Zudem hat er einige ziemlich perfide Arten des Ablebens entworfen, die er hier in all ihrer blutigen Brutalität präsentiert. Der beschränkte Handlungsort sowie das generell farbarme Setting schaffen darüber hinaus eine Atmosphäre, die beängstigend und düster zugleich erscheint. Nein, dies ist kein Ort, an den man sich freiwillig begeben will.
Nun will ich gar nicht erst versuchen, diesem strikt ‚geradeaus‘ erzählten, beklemmenden Thriller eine zweite, tiefere Ebene anzudichten. Aber angesichts der derzeit auch in Deutschland immer häufiger erlebbaren Gewalt von Rechts könnte „Green Room“ ebenso als eine sehr deutlich formulierte Warnung verstanden werden. Denn dort, wo dumpfe Parolen immer aggressiver werden, sind Taten nicht mehr weit.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es diverse kurze, werbelastige Featurettes sowie Trailer. „Green Room“ erscheint bei Universum Film und ist seit 7. Oktober 2016 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Universum)
Roh, konsequent, voll auf die Zwölf: Wenn Hardcore-Punker auf eine Horde gewaltbereite Nazis treffen, wäre ein anderes Ergebnis wohl realitätsfern. Der amerikanische Regisseur Jeremy Saulnier, der 2013 mit „Blue Ruin“ bereits einen äußerst erinnerungswürdigen Film geschaffen hat, legt nun mit seinem dritten Werk „Green Room“ einen Thriller vor, der psychologisch und psychisch mitten ins Mark trifft – besetzt mit zwei Schauspielern, die vor allem für ihre friedensstiftenden Auftritte im „Star Trek“-Universum bekannt sind: Patrick Stewart (alias Jean-Luc Picard) und Anton Yelchin (alias Pavel Chekov). Traurige Fußnote: „Green Room“ ist der letzte Film, der zu Lebzeiten Yelchins fertig gestellt wurde. Er verstarb am 19. Juni 2016 nach einem Autounfall mit nur 27 Jahren.
Yelchin spielt den Musiker Pat, der mit seiner erfolglosen Punkgruppe durchs Land zieht und über drei Ecken einen spontanen Gig in einer abgelegenen Gegend des amerikanischen Hinterlands angeboten bekommt. Zwar ist ihnen vorher schon bewusst, dass dort auch ein paar Rechte im Publikum auf sie warten würden, doch die kann man ja mit einer vollen Breitseite linker Punkmusik zusammenschreien. Der Auftritt verläuft den Umständen entsprechend provokativ, doch es bleibt bei Pöbeleien und ein paar fliegenden Biergläsern, die auf der Bühne landen. Bis Pat beim Verlassen des Etablissements noch einmal kurz in die Garderobe zurückhuscht, um ein vergessenes Handy zu holen: Dort scheint sich soeben ein Verbrechen abgespielt zu haben, da eine junge Frau mit einem Messer im Kopf bewegungslos auf dem Boden liegt. Wenige Sekunden später sind Pat, seine Bandmates sowie die ihnen unbekannte Amber (Imogen Poots) in dem Raum eingeschlossen und werden unter Androhung von Gewalt „gebeten“, vor Ort zu bleiben. Derweil wird dem Club-Inhaber und Ober-Nazi Darcy (Stewart) klar, dass er die Bande lebend nicht gehen lassen kann.
Was zunächst als Psycho-Spielchen hinter verschlossenen Türen beginnt, entwickelt sich für die festgesetzten Punks schon bald zu einem blutigen Überlebenskampf, bei der beißwütige Köter, Schusswaffen und diverse Stichwerkzeuge mehr oder minder ihrer Bestimmung zugeführt werden. Großes Highlight dabei ist zweifellos Glatzkopf Stewart, dessen Figur Darcy lediglich mit Stimme und Präsenz die größte Bedrohung entfaltet. Selten hat man den inzwischen 76-jährigen Schauspieler derart angsteinflößend vor der Kamera gesehen.
Regisseur und Autor Saulnier gelingt es, die Spannung konstant am oberen Anschlag zu halten. Zudem hat er einige ziemlich perfide Arten des Ablebens entworfen, die er hier in all ihrer blutigen Brutalität präsentiert. Der beschränkte Handlungsort sowie das generell farbarme Setting schaffen darüber hinaus eine Atmosphäre, die beängstigend und düster zugleich erscheint. Nein, dies ist kein Ort, an den man sich freiwillig begeben will.
Nun will ich gar nicht erst versuchen, diesem strikt ‚geradeaus‘ erzählten, beklemmenden Thriller eine zweite, tiefere Ebene anzudichten. Aber angesichts der derzeit auch in Deutschland immer häufiger erlebbaren Gewalt von Rechts könnte „Green Room“ ebenso als eine sehr deutlich formulierte Warnung verstanden werden. Denn dort, wo dumpfe Parolen immer aggressiver werden, sind Taten nicht mehr weit.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche Untertitel sind optional zuschaltbar. Als Extras gibt es diverse kurze, werbelastige Featurettes sowie Trailer. „Green Room“ erscheint bei Universum Film und ist seit 7. Oktober 2016 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © Universum)
Heimkino-Tipp: „Ein Gespenst auf Freiersfüßen“ (1947)
Das Meer in ihr
Bernhard Herrmann (1911-1975), der vor allem wegen seiner einprägsamen Kompositionen zu Alfred Hitchcock-Filmen in Erinnerung bleiben wird, bezeichnete „Ein Gespenst auf Freiersfüßen“ einst als seine beste Arbeit. Eine wahrlich erstaunliche Aussage von einem Mann, der u.a. für „Psycho“ und „Taxi Driver“ zwei der bedeutendsten Scores der Geschichte geschaffen hat.
„The Ghost and Mrs. Muir“, so der Originaltitel, ist eine jener cineastischen Hollywood-Perlen der 1940er-Jahre, die heute ein wenig in Vergessenheit geraten sind. Kaum verwunderlich, entstanden in diesem Jahrzehnt doch Klassiker wie „Citizen Kane“ (1941) und „Casablanca“ (1942), deren filmhistorische Bedeutung zu Recht größer ist. Nichtsdestotrotz beeindruckt dieses Liebesdrama mit einer ungewöhnlichen Handlung und jeder Menge – zumindest in Cineastenkreisen – bekannter Namen: Neben der bereits erwähnten Hermann’schen Filmmusik zum Beispiel der des männlichen Hauptdarstellers Rex Harrison, der einige Jahre später noch einmal mit Regisseur Joseph L. Mankiewicz bei „Cleopatra“ (1963) zusammenarbeiten sollte. Die Kamera führte Oscar-Preisträger Charles Lang, der es in seinem Berufsleben auf beeindruckende 18(!) Nominierungen für den Goldjungen brachte. Zudem ist eine junge Natalie Wood („… denn sie wissen nicht, was sie tun“, 1955) in einer Nebenrolle zu sehen.
Der Film erzählt die Geschichte der jungen Witwe Lucy Muir (Gene Tierney), die im England der Jahrhundertwende zusammen mit ihrer Tochter in ein abgelegenes Haus an die Küste zieht. Dort sind sie nicht allein: Der Geist des Vormieters, Schiffskapitän Daniel Gregg (Harrison), ist überhaupt nicht erfreut, seinen Besitz teilen zu müssen und legt sich fortan mächtig ins Zeug, um die neuen „Mitbewohner“ zu erschrecken und zum Auszug zu bewegen. Allerdings hat er sich mit Lucy eine eigenwillige und willensstarke Gegnerin ausgesucht, die dem rumpolternden Gregg ordentlich Paroli bietet – und sich in ihn verliebt. Schließlich arrangieren sich die beiden und Lucy erklärt sich sogar bereit, Greggs Memoiren zu tippen, die er ihr diktiert. Als sie diese zu einem Verleger bringt, lernt sie den charmanten Miles (Georges Sanders) kennen. Ihrem Hausgeist passt das gar nicht.
Aus heutiger Sicht fällt inhaltlich vor allem eines auf: die beinahe schon devote Hingabe der Dame zum selbstsicher, anfangs überheblich und launisch auftretenden Mann. 1947 bzw. um 1900 (die Zeitebene des Films) war Lucys Entscheidung, allein in einem großen Haus zu wohnen und einem Kerl wie Gregg zu Beginn zu widersprechen, zwar ein Ausdruck von Emanzipation. Allerdings nur in beschränktem Maße, wie sich im Verlaufe der Handlung immer wieder zeigt: So gelingt beispielsweise Lucy das Vorsprechen beim Verleger nur dank Miles’ Hilfe, während an anderer Stelle eine betrogene Ehefrau wie selbstverständlich die Affären ihres Gatten weglächelt. Warum Lucy zudem relativ schnell tiefe Gefühle für Gregg entwickelt, bleibt unklar. Akzeptiert frau diese Prämissen jedoch, ist der Weg frei für große Gefühle.
Vieles spielt sich dabei in Innenräumen ab, während im Hintergrund beständig das Meer zu sehen ist und selten mehr als drei Personen eine Unterhaltung führen. Und doch gelingt es Regisseur Mankiewicz, eine angenehme und gleichsam gruselig-wohlige Atmosphäre aufzubauen. Die Kameraarbeit von Lang (der auch hierfür eine Oscar-Nominierung erhielt) ist außergewöhnlich und präsentiert sehr stimmungsvolle schwarz-weiß Bildkompositionen. Bei aller Romantik überrascht „Ein Gespenst auf Freiersfüßen“ mit einem melancholischen Schluss, der sicherlich dem Film Noir-Genre geschuldet ist, das Mitte der 1940er-Jahre zumindest in Hollywood auf seinen Höhepunkt zusteuerte.
Ergo: Ein interessantes, optisch wunderschönes Werk, das inhaltlich viel über seine Entstehungszeit verrät und etliche Stars vor und hinter der Kamera vereint, deren ganz große Zeit noch kommen sollte.
Die DVD bietet den s/w-Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche und englische Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es den Original-Trailer und eine Bildergalerie, die auch Fotos von den Dreharbeiten präsentiert. „Ein Gespenst auf Freiersfüßen“ erscheint bei Winkler Film im Vertrieb von AL!VE und ist seit 9. September 2016 erhältlich. (Packshot + stills: © Winkler Film GmbH)
Bernhard Herrmann (1911-1975), der vor allem wegen seiner einprägsamen Kompositionen zu Alfred Hitchcock-Filmen in Erinnerung bleiben wird, bezeichnete „Ein Gespenst auf Freiersfüßen“ einst als seine beste Arbeit. Eine wahrlich erstaunliche Aussage von einem Mann, der u.a. für „Psycho“ und „Taxi Driver“ zwei der bedeutendsten Scores der Geschichte geschaffen hat.
„The Ghost and Mrs. Muir“, so der Originaltitel, ist eine jener cineastischen Hollywood-Perlen der 1940er-Jahre, die heute ein wenig in Vergessenheit geraten sind. Kaum verwunderlich, entstanden in diesem Jahrzehnt doch Klassiker wie „Citizen Kane“ (1941) und „Casablanca“ (1942), deren filmhistorische Bedeutung zu Recht größer ist. Nichtsdestotrotz beeindruckt dieses Liebesdrama mit einer ungewöhnlichen Handlung und jeder Menge – zumindest in Cineastenkreisen – bekannter Namen: Neben der bereits erwähnten Hermann’schen Filmmusik zum Beispiel der des männlichen Hauptdarstellers Rex Harrison, der einige Jahre später noch einmal mit Regisseur Joseph L. Mankiewicz bei „Cleopatra“ (1963) zusammenarbeiten sollte. Die Kamera führte Oscar-Preisträger Charles Lang, der es in seinem Berufsleben auf beeindruckende 18(!) Nominierungen für den Goldjungen brachte. Zudem ist eine junge Natalie Wood („… denn sie wissen nicht, was sie tun“, 1955) in einer Nebenrolle zu sehen.
Der Film erzählt die Geschichte der jungen Witwe Lucy Muir (Gene Tierney), die im England der Jahrhundertwende zusammen mit ihrer Tochter in ein abgelegenes Haus an die Küste zieht. Dort sind sie nicht allein: Der Geist des Vormieters, Schiffskapitän Daniel Gregg (Harrison), ist überhaupt nicht erfreut, seinen Besitz teilen zu müssen und legt sich fortan mächtig ins Zeug, um die neuen „Mitbewohner“ zu erschrecken und zum Auszug zu bewegen. Allerdings hat er sich mit Lucy eine eigenwillige und willensstarke Gegnerin ausgesucht, die dem rumpolternden Gregg ordentlich Paroli bietet – und sich in ihn verliebt. Schließlich arrangieren sich die beiden und Lucy erklärt sich sogar bereit, Greggs Memoiren zu tippen, die er ihr diktiert. Als sie diese zu einem Verleger bringt, lernt sie den charmanten Miles (Georges Sanders) kennen. Ihrem Hausgeist passt das gar nicht.
Aus heutiger Sicht fällt inhaltlich vor allem eines auf: die beinahe schon devote Hingabe der Dame zum selbstsicher, anfangs überheblich und launisch auftretenden Mann. 1947 bzw. um 1900 (die Zeitebene des Films) war Lucys Entscheidung, allein in einem großen Haus zu wohnen und einem Kerl wie Gregg zu Beginn zu widersprechen, zwar ein Ausdruck von Emanzipation. Allerdings nur in beschränktem Maße, wie sich im Verlaufe der Handlung immer wieder zeigt: So gelingt beispielsweise Lucy das Vorsprechen beim Verleger nur dank Miles’ Hilfe, während an anderer Stelle eine betrogene Ehefrau wie selbstverständlich die Affären ihres Gatten weglächelt. Warum Lucy zudem relativ schnell tiefe Gefühle für Gregg entwickelt, bleibt unklar. Akzeptiert frau diese Prämissen jedoch, ist der Weg frei für große Gefühle.
Vieles spielt sich dabei in Innenräumen ab, während im Hintergrund beständig das Meer zu sehen ist und selten mehr als drei Personen eine Unterhaltung führen. Und doch gelingt es Regisseur Mankiewicz, eine angenehme und gleichsam gruselig-wohlige Atmosphäre aufzubauen. Die Kameraarbeit von Lang (der auch hierfür eine Oscar-Nominierung erhielt) ist außergewöhnlich und präsentiert sehr stimmungsvolle schwarz-weiß Bildkompositionen. Bei aller Romantik überrascht „Ein Gespenst auf Freiersfüßen“ mit einem melancholischen Schluss, der sicherlich dem Film Noir-Genre geschuldet ist, das Mitte der 1940er-Jahre zumindest in Hollywood auf seinen Höhepunkt zusteuerte.
Ergo: Ein interessantes, optisch wunderschönes Werk, das inhaltlich viel über seine Entstehungszeit verrät und etliche Stars vor und hinter der Kamera vereint, deren ganz große Zeit noch kommen sollte.
Die DVD bietet den s/w-Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche und englische Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es den Original-Trailer und eine Bildergalerie, die auch Fotos von den Dreharbeiten präsentiert. „Ein Gespenst auf Freiersfüßen“ erscheint bei Winkler Film im Vertrieb von AL!VE und ist seit 9. September 2016 erhältlich. (Packshot + stills: © Winkler Film GmbH)
Heimkino-Tipp: „Eye in the Sky“ (2015)
War of the Words
Imitiert das Leben die Kunst? Oder ist es vielmehr umgekehrt? Im Falle des Films „Eye in the Sky“ trifft zweifellos Ersteres zu. Denn Drehbuchautor Guy Hibbert („Five Minutes of Heaven“, 2009) verfasste die Vorlage zu Gavin Hoods Thriller bereits vor etlichen Jahren – lange, bevor die darin gezeigten Diskussionen, Entscheidungen und technischen Mittel in der sogenannten westlichen Welt zum Standard wurden. Gleichzeitig ist der von Colin Firth co-produzierte Streifen auch in cineastischer Hinsicht etwas Besonderes: Der im Januar 2016 leider viel zu früh verstorbene Alan Rickman hat hier seinen letzten Auftritt, als General Frank Benson.
Der sitzt zusammen mit einigen hochrangigen Vertretern der britischen Regierung vor einem Bildschirm, der heimliche Drohnen-Aufnahmen aus einem Haus in Nairobi zeigt. Dort sind vermeintliche Terroristen gerade dabei, mehrere Selbstmordattentäter mit ihren todbringenden Waffen auszustatten. Bensons Kollegin, Colonel Katherine Powell (Helen Mirren), die den Einsatz leitet und den Regierungsmitgliedern via Telefon zugeschaltet ist, möchte das Gebäude am liebsten sofort mit einem Drohnenangriff in Schutt und Asche legen und akzeptiert dafür bereitwillig Kollateralschäden. Als deutlich wird, dass dies auch den Tod eines kleinen Mädchens beinhalten würde, zögert der Drohnenpilot Steve Watts (Aaron Paul) – und zwingt so alle Beteiligten zum Überdenken ihrer Äußerungen.
Ähnlich wie bereits Andrew Niccol in seinem großartigen „Good Kill“ (2014, Rezension HIER), seziert „Eye in the Sky“ diese neue Art der Kriegsführung auf äußerst bedrückende und ungeschönte Art und Weise. Stand bei Niccol jedoch noch der Drohnenpilot im Mittelpunkt, so konzentriert sich Regisseur Hood gleich auf mehrere Handlungsorte: die Regierenden, die Ausführenden und die direkt vor Ort Involvierten. Jedem Schauplatz gönnt der Film packende Szenen, die das ganze Dilemma eines solchen Einsatzes verdeutlichen. Während der Pilot den tödlichen Schuss abfeuern und mit seinem Gewissen vereinbaren muss, fürchten die Politiker im tausende Kilometer entfernten London vornehmlich um ihren Ruf in der Öffentlichkeit, sollte die bewusste Tötung eines Kindes publik werden. Um nicht persönlich die Verantwortung übernehmen zu müssen, hangeln sie sich von einem Parlamentarier zum nächsten und zögern eine Entscheidung heraus, was die Militärs Benson und Powell sukzessive zur Weißglut treibt. Kein Wunder, gerät doch ihr Agent (Barkhad Abdi) in Nairobi aufgrund der Verzögerung zunehmend in Bedrängnis und versucht schließlich unter Einsatz seines eigenen Lebens, das Mädchen aus der Schusslinie zu bekommen.
„Eye in the Sky“ verweigert sich einer einfachen „das-ist-richtig-und-das-ist-falsch-Lösung“ und zwingt sein Publikum stattdessen mit immer neuen Blickwinkeln und Argumenten, die Situation zu bewerten. Es ist nicht leicht, aus solch einer Fülle von Schauplätzen und Figuren einen packenden, anspruchsvollen und quasi in Echtzeit ablaufenden Film zu kreieren. Oscar-Preisträger Gavin Hood (für „Tsotsi“, 2005) ist dies aber mit Bravour – und herausragenden Darstellern – gelungen.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche und englische Untertitel für Hörgeschädigte sind vorhanden. Als Extras gibt es zwei sehr sehr kurze Making of-Clips, unkommentierte Szenen vom Dreh, Interviews und diverse Trailer. „Eye in the Sky“ erscheint bei Universum Film und ist seit 16. September 2016 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © eOne/Universum)
Imitiert das Leben die Kunst? Oder ist es vielmehr umgekehrt? Im Falle des Films „Eye in the Sky“ trifft zweifellos Ersteres zu. Denn Drehbuchautor Guy Hibbert („Five Minutes of Heaven“, 2009) verfasste die Vorlage zu Gavin Hoods Thriller bereits vor etlichen Jahren – lange, bevor die darin gezeigten Diskussionen, Entscheidungen und technischen Mittel in der sogenannten westlichen Welt zum Standard wurden. Gleichzeitig ist der von Colin Firth co-produzierte Streifen auch in cineastischer Hinsicht etwas Besonderes: Der im Januar 2016 leider viel zu früh verstorbene Alan Rickman hat hier seinen letzten Auftritt, als General Frank Benson.
Der sitzt zusammen mit einigen hochrangigen Vertretern der britischen Regierung vor einem Bildschirm, der heimliche Drohnen-Aufnahmen aus einem Haus in Nairobi zeigt. Dort sind vermeintliche Terroristen gerade dabei, mehrere Selbstmordattentäter mit ihren todbringenden Waffen auszustatten. Bensons Kollegin, Colonel Katherine Powell (Helen Mirren), die den Einsatz leitet und den Regierungsmitgliedern via Telefon zugeschaltet ist, möchte das Gebäude am liebsten sofort mit einem Drohnenangriff in Schutt und Asche legen und akzeptiert dafür bereitwillig Kollateralschäden. Als deutlich wird, dass dies auch den Tod eines kleinen Mädchens beinhalten würde, zögert der Drohnenpilot Steve Watts (Aaron Paul) – und zwingt so alle Beteiligten zum Überdenken ihrer Äußerungen.
Ähnlich wie bereits Andrew Niccol in seinem großartigen „Good Kill“ (2014, Rezension HIER), seziert „Eye in the Sky“ diese neue Art der Kriegsführung auf äußerst bedrückende und ungeschönte Art und Weise. Stand bei Niccol jedoch noch der Drohnenpilot im Mittelpunkt, so konzentriert sich Regisseur Hood gleich auf mehrere Handlungsorte: die Regierenden, die Ausführenden und die direkt vor Ort Involvierten. Jedem Schauplatz gönnt der Film packende Szenen, die das ganze Dilemma eines solchen Einsatzes verdeutlichen. Während der Pilot den tödlichen Schuss abfeuern und mit seinem Gewissen vereinbaren muss, fürchten die Politiker im tausende Kilometer entfernten London vornehmlich um ihren Ruf in der Öffentlichkeit, sollte die bewusste Tötung eines Kindes publik werden. Um nicht persönlich die Verantwortung übernehmen zu müssen, hangeln sie sich von einem Parlamentarier zum nächsten und zögern eine Entscheidung heraus, was die Militärs Benson und Powell sukzessive zur Weißglut treibt. Kein Wunder, gerät doch ihr Agent (Barkhad Abdi) in Nairobi aufgrund der Verzögerung zunehmend in Bedrängnis und versucht schließlich unter Einsatz seines eigenen Lebens, das Mädchen aus der Schusslinie zu bekommen.
„Eye in the Sky“ verweigert sich einer einfachen „das-ist-richtig-und-das-ist-falsch-Lösung“ und zwingt sein Publikum stattdessen mit immer neuen Blickwinkeln und Argumenten, die Situation zu bewerten. Es ist nicht leicht, aus solch einer Fülle von Schauplätzen und Figuren einen packenden, anspruchsvollen und quasi in Echtzeit ablaufenden Film zu kreieren. Oscar-Preisträger Gavin Hood (für „Tsotsi“, 2005) ist dies aber mit Bravour – und herausragenden Darstellern – gelungen.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung. Deutsche und englische Untertitel für Hörgeschädigte sind vorhanden. Als Extras gibt es zwei sehr sehr kurze Making of-Clips, unkommentierte Szenen vom Dreh, Interviews und diverse Trailer. „Eye in the Sky“ erscheint bei Universum Film und ist seit 16. September 2016 erhältlich. (Packshot + Filmstills: © eOne/Universum)
... im Nachgang: „Jason Bourne“ (Kinostart: 11. August 2016)
Matt Damon kehrt als vergesslicher Ex-Agent auf die Leinwand zurück. Was ich davon halt, lest ihr HIER. Von mir stammt der Contra-Teil des Textes.
(Plakat: © 2016 Universal Pictures International Germany GmbH)
(Plakat: © 2016 Universal Pictures International Germany GmbH)
... im Nachgang: „Toni Erdmann“ (Kinostart: 14. Juli 2016)
Ein paar Worte zum derzeit meist gelobten Film aus deutschen Landen, der auch beim diesjährigen Cannes-Filmfestival begeistert aufgenommen wurde. Von mir stammt der Contra-Teil des Textes. Und ja, mein Pro-Kollege was not amused. Nachzulesen HIER!
(Plakat: © 2016 NFP marketing & distribution/Komplizen Film)
(Plakat: © 2016 NFP marketing & distribution/Komplizen Film)
Heimkino-Tipp: „Der Senkrechtstarter“ (1984)
Apocalypse Now!
Er hat es versucht. Ohne Hemmungen, mit voller Hingabe und im Bewusstsein, dass seine Fans ihn dafür hassen könnten: Als Sylvester Stallone 1984 den Boxring gegen eine Gesangsbühne tauscht, um zusammen mit Country-Superstar Dolly Parton eine Musical-Komödie zu drehen, hätte das der nächste erfolgreiche Schritt in seiner Karriere werden können. Fernab vom Actionkino à la „Rocky“ und „Rambo“ wollte er Humor, Selbstironie und Stimmgewalt beweisen. Das Ergebnis: K.O. in der ersten Runde. Es sollte sieben Jahre dauern, bevor er sich noch einmal als Spaßmacher versuchte. Allerdings nahm von „Oscar – Vom Regen in die Traufe“ (1991) keiner Notiz, während „Stop! Oder meine Mami schießt“ (1992) die Katastrophe schon im Titel trug.
Schade ist dies schon ein wenig, denn Stallone ist als (verbal) schlagkräftiger Typ bekannt und wäre so vielleicht seinem Image als Action-Überheld entkommen. Vier „Rambo“-, sieben „Rocky“- sowie drei „Expendables“-Filme später ist dieser Zug definitiv abgefahren. Da verwundert es kaum, dass „Der Senkrechtstarter“ im deutschsprachigen Raum erst jetzt erstmalig auf DVD und Blu-ray veröffentlicht wird. Ein Filmabend der ganz besonderen Art nimmt seinen Lauf …
Die beliebte und stimmgewaltige Jake (Parton) tritt regelmäßig im New Yorker Country-Club „Rhinestone“ auf. Dort muss sie sich tagein tagaus ihrem schmierigen Manager Freddie (Ron Leibman) erwehren, der sie ständig anbaggert und statt ihrer stimmlichen lieber ihre körperlichen Reize feiert. Genervt und von dem Wunsch beseelt, Freddies Knebelvertrag endlich zu entkommen, macht Jake ihm ein verlockendes Angebot: Wenn es ihr gelingt, den nächstbesten Kerl in zwei Wochen in einen veritablen Country-Sänger zu verwandeln, wird der Kontrakt aufgelöst. Andernfalls verpflichtet sie sich für fünf weitere Jahre, exklusiv für ihn zu arbeiten. Auftritt Nick Martinelli (Stallone): Der chaotische Taxifahrer braucht dringend eine Autoreparatur, um seinen Job nicht zu verlieren und lässt sich auf den Deal ein. In Jakes ländlicher Heimat beginnt daraufhin seine „Ausbildung“ – romantische Verwicklungen selbstverständlich inklusive.
Basierend auf dem von Glen Campbell 1975 veröffentlichten Song (!) „Rhinestone Cowboy“, verfilmte Komödien-Spezialist Bob Clark („Porky’s“) ein Drehbuch von Phil Alden Robinson – oder zumindest, was davon übrig blieb, nachdem Stallone selbst Hand anlegte. Der war zu jener Zeit leider derart von sich selbst überzeugt, dass nachträgliche Skript-Reparaturen seinerseits keine Seltenheit waren. Herausgekommen ist ein Film, der sich nicht so recht entscheiden mag, ob er eine Satire oder doch eher ein Loblied auf das Country-Music-Business präsentieren möchte: Das Publikum vor der Bühne pöbelt und trinkt ohne Unterlass, die Cowboys auf dem Land geben sich einfältig und hinterwäldlerisch und die Outfits sind allesamt gruselig. Musikalisch zumindest von Partons Seite noch akzeptabel, schreit sich Stallone absichtlich zunächst durch ein paar Standards, bevor er „seine Stimme“ entdeckt. Blöderweise klingt die auch nicht viel besser, sein zusätzliches Rumgehampel sorgt für weiteres Fremdschämen. Ja, es ist anfangs ironisch gemeint, Stallone gelingt es bisweilen sogar vorzüglich, das Unwohlsein seiner Figur darzustellen. Warum er mit zunehmender Laufzeit jedoch diese Musik, diese Klamotten und dieses Publikum zu lieben beginnt, bleibt ebenso ein Rätsel wie das Ziel des Films: Soll der Zuschauer nun über die oder mit den Charakteren lachen?
Apropos: Dolly Parton scheint von einigen Gags selbst überrascht worden zu sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie immer wieder inmitten einer Szene kichern muss, wenn ihr Schauspielpartner sich zum Affen macht oder eine halbgare Punchline abfeuert. Diese sind teilweise erschreckend sexistisch und stets auf das Äußere der Parton abzielend. Auch wenn es eine andere Zeit war, ein wenig mehr verbalen Gegenwind hätte ich von einer bekannten und respektierten Sängerin ihres Kalibers schon erwartet. So lässt sich Parton alias Jake immer wieder auf ihr Aussehen reduzieren, erträgt billige Anmachsprüche und bietet kaum charakterliche Tiefe. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang: Die deutsche Synchro unterscheidet sich teilweise massiv vom ebenso amüsanten Originaldialog, dem hier eine Übersetzung in bester Rainer Brandt-Manier spendiert wurde.
Fazit: „Der Senkrechtstarter“ ist ein harmloses Filmchen, das aufgrund seiner Unentschlossenheit viel Potenzial verschenkt und trotz eines qualitativ hochwertigen Soundtracks (Parton bezeichnete ihn später als einen Karrierehöhepunkt und durfte sich zudem über zwei erfolgreiche Singles freuen) vor allem aber wegen Stallones Mitwirkung erinnerungswürdig bleibt. Ich empfehle ein Double-Feature mit „Stop! Oder meine Mami schießt“.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es lediglich den Original-Trailer. „Der Senkrechtstarter“ erscheint bei Winkler Film im Vertrieb von AL!VE und ist ab 23. September 2016 erhältlich. (Packshot + stills: © Winkler Film)
Er hat es versucht. Ohne Hemmungen, mit voller Hingabe und im Bewusstsein, dass seine Fans ihn dafür hassen könnten: Als Sylvester Stallone 1984 den Boxring gegen eine Gesangsbühne tauscht, um zusammen mit Country-Superstar Dolly Parton eine Musical-Komödie zu drehen, hätte das der nächste erfolgreiche Schritt in seiner Karriere werden können. Fernab vom Actionkino à la „Rocky“ und „Rambo“ wollte er Humor, Selbstironie und Stimmgewalt beweisen. Das Ergebnis: K.O. in der ersten Runde. Es sollte sieben Jahre dauern, bevor er sich noch einmal als Spaßmacher versuchte. Allerdings nahm von „Oscar – Vom Regen in die Traufe“ (1991) keiner Notiz, während „Stop! Oder meine Mami schießt“ (1992) die Katastrophe schon im Titel trug.
Schade ist dies schon ein wenig, denn Stallone ist als (verbal) schlagkräftiger Typ bekannt und wäre so vielleicht seinem Image als Action-Überheld entkommen. Vier „Rambo“-, sieben „Rocky“- sowie drei „Expendables“-Filme später ist dieser Zug definitiv abgefahren. Da verwundert es kaum, dass „Der Senkrechtstarter“ im deutschsprachigen Raum erst jetzt erstmalig auf DVD und Blu-ray veröffentlicht wird. Ein Filmabend der ganz besonderen Art nimmt seinen Lauf …
Die beliebte und stimmgewaltige Jake (Parton) tritt regelmäßig im New Yorker Country-Club „Rhinestone“ auf. Dort muss sie sich tagein tagaus ihrem schmierigen Manager Freddie (Ron Leibman) erwehren, der sie ständig anbaggert und statt ihrer stimmlichen lieber ihre körperlichen Reize feiert. Genervt und von dem Wunsch beseelt, Freddies Knebelvertrag endlich zu entkommen, macht Jake ihm ein verlockendes Angebot: Wenn es ihr gelingt, den nächstbesten Kerl in zwei Wochen in einen veritablen Country-Sänger zu verwandeln, wird der Kontrakt aufgelöst. Andernfalls verpflichtet sie sich für fünf weitere Jahre, exklusiv für ihn zu arbeiten. Auftritt Nick Martinelli (Stallone): Der chaotische Taxifahrer braucht dringend eine Autoreparatur, um seinen Job nicht zu verlieren und lässt sich auf den Deal ein. In Jakes ländlicher Heimat beginnt daraufhin seine „Ausbildung“ – romantische Verwicklungen selbstverständlich inklusive.
Basierend auf dem von Glen Campbell 1975 veröffentlichten Song (!) „Rhinestone Cowboy“, verfilmte Komödien-Spezialist Bob Clark („Porky’s“) ein Drehbuch von Phil Alden Robinson – oder zumindest, was davon übrig blieb, nachdem Stallone selbst Hand anlegte. Der war zu jener Zeit leider derart von sich selbst überzeugt, dass nachträgliche Skript-Reparaturen seinerseits keine Seltenheit waren. Herausgekommen ist ein Film, der sich nicht so recht entscheiden mag, ob er eine Satire oder doch eher ein Loblied auf das Country-Music-Business präsentieren möchte: Das Publikum vor der Bühne pöbelt und trinkt ohne Unterlass, die Cowboys auf dem Land geben sich einfältig und hinterwäldlerisch und die Outfits sind allesamt gruselig. Musikalisch zumindest von Partons Seite noch akzeptabel, schreit sich Stallone absichtlich zunächst durch ein paar Standards, bevor er „seine Stimme“ entdeckt. Blöderweise klingt die auch nicht viel besser, sein zusätzliches Rumgehampel sorgt für weiteres Fremdschämen. Ja, es ist anfangs ironisch gemeint, Stallone gelingt es bisweilen sogar vorzüglich, das Unwohlsein seiner Figur darzustellen. Warum er mit zunehmender Laufzeit jedoch diese Musik, diese Klamotten und dieses Publikum zu lieben beginnt, bleibt ebenso ein Rätsel wie das Ziel des Films: Soll der Zuschauer nun über die oder mit den Charakteren lachen?
Apropos: Dolly Parton scheint von einigen Gags selbst überrascht worden zu sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie immer wieder inmitten einer Szene kichern muss, wenn ihr Schauspielpartner sich zum Affen macht oder eine halbgare Punchline abfeuert. Diese sind teilweise erschreckend sexistisch und stets auf das Äußere der Parton abzielend. Auch wenn es eine andere Zeit war, ein wenig mehr verbalen Gegenwind hätte ich von einer bekannten und respektierten Sängerin ihres Kalibers schon erwartet. So lässt sich Parton alias Jake immer wieder auf ihr Aussehen reduzieren, erträgt billige Anmachsprüche und bietet kaum charakterliche Tiefe. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang: Die deutsche Synchro unterscheidet sich teilweise massiv vom ebenso amüsanten Originaldialog, dem hier eine Übersetzung in bester Rainer Brandt-Manier spendiert wurde.
Fazit: „Der Senkrechtstarter“ ist ein harmloses Filmchen, das aufgrund seiner Unentschlossenheit viel Potenzial verschenkt und trotz eines qualitativ hochwertigen Soundtracks (Parton bezeichnete ihn später als einen Karrierehöhepunkt und durfte sich zudem über zwei erfolgreiche Singles freuen) vor allem aber wegen Stallones Mitwirkung erinnerungswürdig bleibt. Ich empfehle ein Double-Feature mit „Stop! Oder meine Mami schießt“.
Die DVD/Blu-ray bietet den Film in deutsch synchronisierter und englischer Originalsprachfassung sowie deutsche Untertitel. Als Bonusmaterial gibt es lediglich den Original-Trailer. „Der Senkrechtstarter“ erscheint bei Winkler Film im Vertrieb von AL!VE und ist ab 23. September 2016 erhältlich. (Packshot + stills: © Winkler Film)
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